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Zur Semantik in der Sprache der Politik

Seminararbeit 2007 9 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Wortschatz in der Politik
2.1 Die Vokabularien
2.2 Sprechmechanismen

3. Der Kampf um das Wort
3.1 Das Schlagwort
3.2 Bedeutungskonkurrenz am Beispiellexem Solidarität

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um die gesellschaftliche Bedeutung der politischen Sprache hervorzuheben, möchte ich kurz auf ihren schon mehrere Jahrtausende dauernden Bestand eingehen. Als eine der drei Redegattungen in der „Rhetorik“ des Aristoteles, hat die politische Rede bereits in vorchristlicher Zeit großen Einfluss auf das öffentliche Leben. Sie ist aber auch heute noch das Bindemittel, mit dem „sich die situationsinteressierten Parteien an den Situationsmächtigen wenden, um ihn durch Überredung zur Beibehaltung der Situation oder zu ihrer Änderung in dem der jeweiligen Partei günstigen Sinne zu bewegen“[1]. Der Appellcharakter einer politischen Aussage kann demnach nur schwer geleugnet werden.

Die ausgewiesene Streitbarkeit politischer Ansichten ergibt sich schon aus deren Inhalt. So geht es in der politischen Rede immer um etwas in der Zukunft liegendes und zugleich um Sachverhalte, „die sich [eben, P.H.] auch anders verhalten können“[2]. Diese Parameter zwingen die Politiker, also die aktiven Teilnehmer des Kommunikationssystem Politik, Lexeme aus einem bestimmten Wortschatz zu verwenden, um die Überredungskunst, die in der Politik von großer Bedeutung ist, erfolgreich anzuwenden.

2. Der Wortschatz in der Politik

2.1 Die Vokabularien

Um den politischen Wortschatz näher zu beschreiben, bediene ich mich bei der Einteilung von Josef Klein[3], der vier Kategorien anbietet. Das mit „fachsprachlichen Zügen“ ausgestattete „Institutionsvokabular“ bezeichnet die Bestandteile des jeweiligen Regierungssystems. Dies setzt sich immer aus Organisationen (z.B. Bundesregierung) zusammen, in denen bestimmte Verantwortungsträger (z.B. Bundeskanzlerin) agieren, um eine gesetzmäßige Übereinkunft (z.B. Grundgesetz) zu treffen, die sich aus den zuvor entstandenen Prozessen bzw. Handlungen (z.B. Plenardebatten, Fraktionssitzung) ergeben.

Die Politik, mit ihrer in alle Gesellschaftszweige hineinreichenden Entscheidungskraft, fordert zur kompetenten Umsetzung ihrer Aufgaben, den kompetenten Umgang mit den jeweiligen Fachsprachen. Hieraus ergibt sich die zweite Kategorie, das „Ressortvokabular“. So muss beispielsweise die Bundesgesundheitsministerin, den in ihrem Wirkungskreis erforderlichen, fachsprachlichen Wortschatz beherrschen, um mit den am politischen Entscheidungsprozess beteiligten Gruppen (hier: Krankenkassen, Pharmaindustrie und Ärzteverbände), auf effektivem Wege zu kommunizieren. Interessant wird dieser Bereich durch die „Verständlichkeitsproblematik“[4], die den Politiker zwingt, den Sprachstil der „internen politischen Kommunikation“[5], in einen für die Wähler verständlicheren, zu transformieren. Man könnte diesen Prozess bildlich mit Schlagwortschmiede umschreiben.

Zum „Allgemeinen Interaktionsvokabular“ zählt Klein die „Bezeichnung politischer Handlungen und Handlungsaspekte“ (z.B. Mobilisierung, Konfliktpotential) an, sowie die „Bezeichnung sprachlicher Handlungen“ (z.B. appellieren) und die „Bezeichnung sprachlicher Interaktionen“ (z.B. debattieren).[6] Am oftmals vorhandenen lateinischen bzw. griechischen Bezug der Lexeme, kann man das über Jahrtausende fast unverändert gebliebene Tätigkeitsfeld eines Politikers sehr gut erkennen.

Den letzten Bestandteil des Wortschatzes in der Politik bildet das „Ideologievokabular“. Aus diesem bedienen sich die Parteien respektive Politiker immer dann, wenn es Ihnen um Selbstdefinition geht. Diese Selbstdefinition ist gleichzeitig ihr „Bewerbungsprofil“ beim „Personalchef“ Wähler und ist allein aus diesem Grund von existenzieller Bedeutung. Dabei ist es nur verständlich, dass sich daraus ein Wettstreit zwischen den konkurrierenden Parteien ergibt, in dem es u.a. um die Besetzung und Definition moralisch wertvoller Wörter wie z.B. Freiheit geht. Auf diesen Wortkampf werde ich im dritten Kapitel noch näher eingehen.

2.2 Sprechmechanismen

Durch den medialen Einzug der Politik in „unsere Wohnzimmer“ [die Anzahl und Einschaltquoten der vorhandenen „Polit-Talkshows“ bei den Fernsehsendern seien hier Beleg genug, P.H.], sind die Politiker gezwungen, zumindest oberflächlich, Rechenschaft abzulegen. Diese öffentlichen Redeauftritte geben ihnen die Möglichkeit, sich und ihre Partei in einem möglichst guten Licht darzustellen, um die unentschlossenen Wähler in die jeweils günstige Richtung zu ziehen.

Da politische Verantwortungsträger immer auch unpopuläre, ggf. negative Entscheidungen treffen müssen, wenden Politiker verschiedene Mechanismen des Sprechens an, um den negativen Charakter eines Redebeitrags abzudämpfen. Den Wortinhalt möglichst unbestimmt zu lassen[7], ist hier eine vielfach erfolgreich angewandte Methode, die noch durch eine Umkehrung des „negativen Begleitgefühls“[8] in ein positives, perfektioniert werden kann.

Als Beispiel möchte ich ein vom Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder häufig benutztes Lexem anführen. Auf Fragen, die als Antwort eine genaue Terminangabe zur Lösung eines wichtigen Sachverhaltes forderten, entgegnete der damalige Bundeskanzler häufig mit dem Lexem zeitnah (Bsp. „Wir werden zeitnah zu einer Übereinkunft kommen“[9] ). Zunächst kann S. keinen genauen Termin nennen, denn sonst würde er es tun. Er möchte seine Unwissenheit nicht offen legen und münzt dieses Manko um, indem er das Kompositionselement ‚ nah’ einbringt, dessen Inhalt die „deskriptive Bedeutungskomponente“[10] ‚in geringer Entfernung’ enthält, was beim Empfänger eine baldige Lösung des Problems impliziert und dadurch mit einer positiven „’ deontischen Bedeutung ’“[11] besetzt ist. Der Gebrauch von rhetorischen und semantischen Manipulationsmechanismen, wie z.B. auch die „Sprache der Überredung“[12], hat im politischen Alltagsgeschäft eine herausragende Bedeutung und bestimmt oft über Erfolg und Misserfolg einer politischen Persönlichkeit.

[...]


[1] Dieckmann, Walther (1975): Sprache in der Politik: Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache. 2. Auflage. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag, S. 97.

[2] Ueding, Gert (Hrsg.) (2005): Rhetorik: Begriff – Geschichte – Internationalität. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, S. 41.

[3]Klein, Josef, in: Klein, Josef (Hrsg.) (1989): Politische Semantik: bedeutungsanalytische und sprachkritische Beiträge zur politischen Sprachverwendung. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 4.

[4] Ders., ebd., S. 6.

[5] Dieckmann, 1975, S. 86 – 101.

[6] Klein, 1989, S. 7.

[7] Dieckmann, 1975, S. 61 – 70.

[8] Ders., ebd., S. 101.

[9] aus: ARD – Tagesschau vom 22. 03.2005.

[10] Klein, 1989, S. 13.

[11] Ders., ebd., S. 13.

[12] Dieckmann, 1975, S. 97 – 101.

Details

Seiten
9
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638893398
ISBN (Buch)
9783638893442
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82389
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Semantik Sprache Politik Wortschatz

Autor

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Titel: Zur Semantik in der Sprache der Politik