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Die Ideologie der Roten Armee Fraktion - Theoriedefizit oder Primat der Praxis

Hausarbeit 2002 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Definition des Begriffs ,Terrorismus’

2 Bedeutung und Funktion von Ideologie im Terrorismus
2.1 Gesellschaftskritik
2.2 Legitimation von Gewalt

3 Die Ideologie der Roten Armee Fraktion (RAF)
3.1 Suche nach dem revolutionaren Subjekt
3.2 Der Imperialismusvorwurf
3.3 Der Faschismusvorwurf
3.4 Primat der Praxis

4 Resumee

5 Literaturverzeichnis

Einleitiing

„Die Vorstellung der RAF, die die bewaffnete Aktion zum Mittelpunkt des Kampfes bestimmte, unterbewertete die politischen und gegenkulturellen Pro- zesse auBerhalb des politisch-militarischen Kampfes‘[1].

Diese selbstkritische Einschatzung ist der Auflosungserklarung der Roten Armee Fraktion (RAF) vom 20. April 1998 entnommen. In dieser Erklarung wird das Scheitern der Vorhaben der RAF unter anderem auf das Fehlen politisch-sozialer Organisierung und die Konzentra- tion auf bewaffnete Aktionen bei gleichzeitiger Vernachlassigung von politisch-inhaltlichen Prozessen zuruckgefuhrt. In der Terrorismusforschung wird der RAF oftmals das Fehlen eines ideologischen Gerusts vorgeworfen. Einige der Autoren unterstellen, die Ideen der RAF hat- ten eine rein legitimatorische Funktion gehabt. Ernst Topitsch halt ihre ideologischen Ansatze fur ein „pseudo-ethisches Alibi fur die Lust an Zerstorung und Gewalt“[2]. In der ersten RAF- Schrift „Rote Armee Fraktion: Das Konzept Stadtguerilla“begrundet Ulrike Meinhof die Be- schrankung der Gruppe auf Taten mit dem Begriff des Primats der Praxis. „Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hangt davon ab, ob es moglich ist; ob es moglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln.“[3], stellt Meinhof fest. Das heiBt, wenn der Wille zur Revolution in der Bevolkerung nicht vorhanden ist, muss erprobt werden, ob er durch erfolgreiche „Aktionen“ geweckt werden kann.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob die Ideologie der Baader-Meinhof-Gruppe nur benutzt wurde, um das eigene Handeln zu legitimieren und um Mitstreiter zu rekrutieren oder ob die politischen Inhalte, zu denen sich die Mitglieder bekannten und die sich oftmals auf Klassiker wie Marx, Lenin oder Mao beriefen, ein ideologisches Fundament darstellen, das in ahnlicher Form auch in der gemaBigten Linken, wenn auch ohne den Einsatz von Gewalt, wiedergefunden werden kann und abgesehen von dieser Gewaltanwendung im Grunde eine eigenstandige, politische Ideologie darstellt.

Da der Begriff Terrorismus in der Arbeit eine zentrale Rolle einnimmt, erscheint es sinnvoll, diesen zunachst im politikwissenschaftlichen Kontext zu definieren. Dieser Definitionsver- such soll im ersten Teil unternommen werden.

Im zweiten Teil werden Bedeutung und Funktion von Ideologie in terroristischen Gruppen untersucht. Hierbei soll herausgestellt werden, welche Funktionen eine Ideologie hat bzw. welche Wirkung sie auf einzelne Mitglieder einer terroristischen Gruppe haben kann. An- schlieBend soll die Gesellschaftskritik, die von der RAF oder anderen Gruppen formuliert wird und die Art, in der Gewaltanwendung von ihnen legitimiert wird, in diesem Kontext dis- kutiert werden.

Im dritten Teil, der sich speziell mit der Ideologie der RAF beschaftigt, soll auf die eingangs gestellte Frage hingearbeitet werden, indem zentrale Diskussionspunkte herausgegriffen wer- den, die die RAF intern, aber auch in ihrer Auseinandersetzung mit der Offentlichkeit be- schaftigt haben, um einen differenzierten Eindruck von den politischen Vorstellungen und Theorien dieser Gruppe zu gewinnen. Hierbei soll der Begriff des revolutionaren Subjekts mit in die Untersuchung einbezogen werden und anschlieBend der Vorwurf der Gruppe, die Bun- desrepublik sei ein imperialistischer und faschistischer Staat auf seine Funktion gepruft wer­den. AbschlieBend soll das von der RAF als Primat der Praxis bezeichnete Konstrukt unter­sucht werden und durch die Frage, ob es nur eine Rechtfertigung fur ihr Theoriedefizit dar- stellt, auf das Resumee der Arbeit hingearbeitet werden.

Das Resumee soll schlieBlich einen Uberblick uber die Erkenntnisse der Arbeit geben und hieraus mogliche Schlussfolgerungen herleiten. Ziel der Arbeit soll es nicht sein, die Ideolo- gie der RAF nach Generationen der Gruppe zu untersuchen und die Ideologien der von ihnen bemuhten sozialistischen Klassiker im einzelnen zu erlautern. Die vorliegende Arbeit ver- sucht, nur die zentralen Thesen der RAF, die sich in allen „Kampfschriften“ bzw. von ihnen veroffentlichten Texten wiederfinden, auf den Vorwurf zu prufen, sie waren ein Zeichen ihres Theoriedefizits.

1 Definition des Begriffs .Terrorismus’

Der Begriff ,Terrorismus’ kann aufgrund des alltaglichen Gebrauchs, wie auch aufgrund zahl- reicher wissenschaftlicher Veroffentlichungen mittlerweile unterschiedlich verstanden werden und wurde von Politikwissenschaftlern und Historikern unterschiedlich definiert. Walter Laqueur ist deswegen der Auffassung, dass der Begriff „Terrorismus“ in so vielen verschie- denen Bedeutungen benutzt wird, dass er fast vollig seinen Sinn verloren hat.[4] Gerade deshalb ist es wichtig, ihn vom Terminus „Terror“ abzugrenzen, um festzulegen, wie er in dieser Ar­beit verstanden werden soll.

Die Begriffe „Terror“ und „Terrorismus“ werden zwar haufig synonym verwendet, es ist je- doch zweckmaBiger, sie differenziert zu definieren.[5] Demnach ist „Terror“ der „vom Staat ausgehenden, willkurlich und systematisch zur Einschuchterung der Burger ausgeubten Ge- walt“[6] vorzubehalten und „Terrorismus“ nur als „Gewaltstrategie [...], die primar durch die Verbreitung von Furcht und Schrecken [...] das bestehende Herrschaftssystem auszuhohlen und eine mehr oder weniger grundlegende politisch-gesellschaftl. [sic] Umwalzung herbeizu- fuhren sucht“[7] zu definieren. In wissenschaftlichen Veroffentlichungen wird der Begriff „Terrorismus“ im Vergleich zu Definitionsversuchen in zahlreichen Worterbuchern und Le- xika noch genauer formuliert und bewertet.

Franz Wordemann definiert „Terrorismus“ als

„die Gewaltanwendung durch die kleine und isolierte Gruppe, die nicht uber die Kraft verfugt, die etablierte Macht des Terrors oder die allgemein akzep- tierte Macht des Rechts und des Gesetzes auf breiterer Front, durch den Auf- stand der Masse oder mit konventionellen Methoden anzugreifen.“[8]

Da diese Definition fur den Spezialfall der Roten Armee Fraktion besonders zutreffend scheint, soll sie erganzend zur oben genannten Definition von Peter Waldmann, die Franz Wordemanns Erklarung nicht ausschlieBt, fur diese Arbeit als verbindlich gelten.

2 Bedeutung und Funktion von Ideologie im Terrorismus

Es gibt in der Terrorismusforschung viele Ansatze, die versuchen, das Handeln terroristischer Gruppen zu erklaren. Gerhard Hertel gibt in seinem Buch „Terrorismus und Politikwissen- schaft in der Bundesrepublik Deutschland“[9] einen Uberblick uber die verschiedenen Metho­den. Zu diesen Methoden zahlen die historisch-vergleichende Methode, alltagstheorethische Erklarungsansatze, psychologische und biologische Ansatze, die biographische Methode und die kulturhistorische Methode der Terrorismusforschung. Die Thematisierung der theoreti- schen Gedankengange bzw. der Ideologien terroristischer Gruppen kann mit Sicherheit keine vollstandige Erklarung zu den Motiven terroristischer Handlungen geben. Dennoch ist ihre Thematisierung wichtig.[10]

Die Klarung der Funktionen einer Ideologie im Terrorismus nimmt eine bedeutende Rolle ein, wenn es darum geht zu erkennen, welchen Stellenwert eine solche meist politische Idee in der Gruppe einnimmt. Ideologien konnen Missbehagen in vereinfachender Weise interpretieren und Aggressionsbereitschaft auf bestimmte Ziele lenken.[11] Das heiBt, der Arger uber eigene Probleme kann auf Bezugspersonen oder -gruppen gerichtet werden, ohne umstandlich die eigene Lage als Ursache fur die personliche Unzufriedenheit anzuerkennen. Das Ausleben von Aggressionen benotigt immer eine Rechtfertigung. Diese Funktion erfullen Ideologien, indem sie ihre Gegner zu „bloBen Reprasentanten eines feindlichen Systems“[12] machen und dadurch eventuell bestehende moralische Zweifel auBer Kraft setzen. Auch fur den Zusam- menhalt innerhalb einer terroristischen Gruppe und fur die Beziehungen zu auslandischen Gruppen, wie es auch bei der RAF der Fall war, spielen Ideologien eine wichtige Rolle.[13] Ohne diesen Gruppenzusammenhalt bzw. die ,gemeinsame Sache’ wurde es einer terroristi- schen Vereinigung schwer fallen, die notige Logistik fur ihre Aktionen herzustellen. Zuletzt ware noch die „Werbe- und Rekrutierungswirkung“[14] von Ideologien zu nennen, die es auch der RAF moglich machte, Sympathisanten und Mitglieder fur sich zu gewinnen. Durch den ideologischen Hintergrund, der oftmals gesinnungsethische Aussagen einschlieBt, konnen terroristische Gruppen fur sich werben und auch bisher gemaBigte Sympathisanten als Mit- glieder bzw. Anhanger rekrutieren.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ideologische Bekenntnisse terroristischer Grup- pen verschiedene Funktionen haben, die von der Kanalisierung einer vorhandenen Aggressi- onsbereitschaft auf bestimmte Ziele uber die fur die Logistik des terroristischen Netzwerks wichtige Funktion der Beziehungen zu auslandischen Gruppen und des internen Gruppen- zusammenhaltes bis zur Funktion der Werbung und Rekrutierung neuer Anhanger reichen.

[...]


[1] Rote Armee Fraktion: Auflosungserklarung (20.4.1998), online im Internet <http://www.rafinfo.de/pic/docs/raf-20-4-98.shtml>, [zugegriffen am 9.8.2002].

[2] Topitsch, Ernst: Die Masken des Bosen. Zur Kritik der Ideologie des Terrorismus; in: Heiner GeiBler (Hrsg.): Der Weg in die Gewalt. Geistige und gesellschaftliche Ursachen des Terrorismus und seine Folgen, (Geschichte und Staat Bd.214), Munchen 1978, S.94.

[3] RAF: Rote Armee Fraktion - Das Konzept Stadtguerilla. April 1971; in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S.40 (Im Folgenden zitiert als: RAF: Rote Armee Fraktion - Das Konzept Stadtguerilla).

[4] vgl. Laqueur, Walter:Terrorismus. Die globale Herausforderung, Frankfurt a.M. / Berlin 1987, S.19.

[5] Vgl. Waldmann, Peter: Terrorismus; in: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Kleines Lexikon der Politik, Munchen 2001, S.514 (Im Folgenden zitiert als: Waldmann, Peter: Terrorismus).

[6] ebenda.

[7] Waldmann, Peter: Terrorismus.

[8] Wordemann, Franz: Terrorismus. Motive, Tater, Strategien, Munchen 1977, S.24.

[9] Hertel, Gerhard: Terrorismus und Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland, (tuduv-Reihe Politologie/Soziologie Bd.11), Munchen 1986.

[10] Vgl. Hobe, Konrad: Zur ideologischen Begrundung des Terrorismus. Ein Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Gesellschaftskritik und Revolutionstheorie des Terrorismus, o.O. O.J., S.8-9 (Im Folgenden zitiert als: Hobe, Konrad: Zur ideologischen Begrundung des Terrorismus).

[11] Vgl. Hobe, Konrad: Zur ideologischen Begrundung des Terrorismus, S.9.

[12] ebenda.

[13] ebenda.

[14] ebenda

Details

Seiten
22
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638152662
ISBN (Buch)
9783640521432
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8245
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen
Note
1,3
Schlagworte
Rote Armee Fraktion RAF Ideologie Theoriedefizit Primat der Praxis Terrorismus Terror Faschismusvorwurf Imperialismusvorwurf wehrhafte Demokratie Terroristengesetze APO Baader Meinhof Mahler Studentenbewegung Stadtguerilla Deutscher Herbst Baader-Meinhof-Bande Baader-Meinhof-Gruppe Stammheim

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