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Nationalökonomie bei Schmoller und Menger

Rezension / Literaturbericht 2007 10 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

I. Nau, Heino H. [Hrsg.]: Gustav Schmoller: Historisch-ethische Nationalökonomíe als Kulturwissenschaft. Ausgewählte methodologische Schriften. Marburg, 1998.

Zu Beginn ergeht sich Schmoller in den Mühen, die eine neuerliche Publikation zur Methodik der Nationalökonomie für ihn bedeutete- Schmoller verweist auf eine Weiterentwicklung der klassischen Schule und der Erkenntnistheorie: Die Ausprägungen sozialistischer Art als auch diejenigen der Manchesterschule seien überholt und anachronistisch.

Eingangs widmet sich der Autor einer Definition der Volkswirtschaft und erklärt im Folgenden deren Entwicklungsgeschichte, weg von einer lokal beschränkten Form wirtschaftlichen Zusammenlebens bis hin zur wirtschaftlichen Seite der durch die Gründung der Nationalstaaten eintretenden Vergesellschaftung. Die Betonung des „Volkes“ als Akteur/ Einzelsubjekt der Wirtschaft wird dabei als zwar teilweise irreführend aber als letztlich notwendiger Terminus technicus verteidigt.

Die Volkswirtschaft sieht Schmoller als die „Hauptsache“ einer Nation von wirtschaftlicher Seite, dagegen wird einer nach außen verbindenden Wirtschaft, der Weltwirtschaft, ein geringer Zusammenhalt zugesprochen, jedoch mit der Präambel, dieser Status sein in der Zukunft durchaus entwicklungsfähig- eine vorsichtige Prognose, die unter Berücksichtigung heutiger globalwirtschaftlicher Verhältnisse verifiziert wurde. Volkswirtschaft ist als ein System einzelner, zueinander in Wechselwirkungen stehenden Einzelwirtschaften zu sehen, die sowohl wirtschaftliche Handlungen des Volkes, die staatliche Finanzwirtschaft wie auch unterschiedliche Kooperationswirtschaften umfasst.

Im Bereich der Wissenschaft konstatiert Schmoller ein Defizit in den Wandlungen des Untersuchungsobjektes von der Volkswirtschaft hin zur Sozialwirtschaft oder im anglo-amerikanischen akademischen Gebrauch auf die Economics: Die Beschränkung auf Wertbildung und Güterverteilung wie auch des Ausschlusses einer staatlichen Interventions- und Handlungsfähigkeit unter der Grundannahme rein abstrakter Wirtschaftssysteme greift für ihn zu kurz und schließt- als deduktive Position- die „soziale Seite“ also handelnde Menschen und ihre Gesellschaft fälschlicherweise aus. Dabei sei gerade zu berücksichtigen, wie gesellschaftliche Prozesse und menschliche Handlungen und Bedürfnisse ablaufen: Die Volkswirtschaft sei deshalb nur verständlich durch eine Einbeziehung aller gesellschaftlichen, kulturellen und staatlichen Aspekte. Diese Perspektive sei weiterhin die Ausgangsposition der Gesellschaftswissenschaften.

Diesen Gedanken aufnehmend, etablierte sich die Wissenschaft von der Volkwirtschaftslehre als einzelner akademischer Zweig, der volkswirtschaftliche Erscheinungen und vor allem ihre Dynamik untersucht, also entgegen dem ehedem statischen Modell eine historische Entwicklung bejaht. Diese soll neben der reinen Wissenschaft auch für die Praxis „historisch-sittliche“ Werturteile entwickeln, die für die Formulierung von Idealannahmen dienlich sei. Besonderen Wert legt Schmoller dabei auf die interdisziplinäre Arbeitsweise und Perspektive, der zwar ein volkswirtschaftlicher Kern zugrunde liegt, Peripherien in der Art der Natur- und Geisteswissenschaften jedoch ebenso mit einschließt, um sich sinnig (und erforderlicherweise) gegenseitig zu ergänzen und dem „menschlichen Erkenntnisgewinn“ zu dienen.

Schmoller geht im Folgenden auf einige Ideen zur weiteren Unterscheidung der Volkswirtschaftslehre ein, so kritisiert er Keynes und Menger, der unter Einbeziehung psycholigistischer Ansätze besonderen Wert auf die Grundkonstanten menschlichen Verhaltens, zum Beispiel Egoismus und Bedürfnisse legt. Schmoller hingegen fordert, im Vergleich mit ausländischen Traditionen eine Hervorhebung der geschichtlichen Entwicklungen großer Teilaspekte der Volkswirtschaft.

In der umstrittenen Frage der für die Volkswirtschaft und ihr Nachbardisziplinen erforderlichen Methodik, schildert Schmoller die traditionelle Position einer strikten Trennung der Erkenntnistheorien von Naturwissenschaften und Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, nämlich einerseits die Suche nach allgemeinen Gesetzen und andererseits das Herausgreifen besonderer Ereignisse mit dem Zweck der Anschaulichkeit.

Rickert sieht dabei ursprünglich- er widerspricht sich später selbst- den ewigen Gegensatz in den empirischen Wissenschaften, nämlich, dass sie „nur entweder mit Rücksicht auf das Allgemeine oder mit Rücksicht auf das Besondere die Wirklichkeit betrachten können“[1]. Dilthey hingegen habe schon immer die beidseitige Anwendbarkeit „genereller“ Methoden auf beide Zweige betont.

In einem weiteren Punkt geht der Autor auf die Entwicklungsfähigkeit von Wissenschaften ein, deren Ausbildung: Natürliche Zäsuren, wie die wechselnden Epochen von Empirie und Rationalismus seien so wesentlicher Bestandteil der Wissenschaftsgeschichte- ein Kreislauf, der nur mit einem vollendeten Erkenntnis-/ Wissensstand der Menschheit sein Ende finden würde.

Die Methodik speziell der Volkswirtschaft sieht Schmoller unter dem grundlegenden Vorgehen der Beobachtung und Beschreibung über Definition und Klassifizierung hin zur Einordnung und Sinngebung als Analyse von Motiven „der betreffenden wirtschaftlichen Handlungen und ihre Ergebnisse, deren Verlauf und Wirkung in der Außenwelt“.[2] Bei diesem Streben nach möglichst objektiver Beobachtung bezieht er unter besonderer Erwähnung die Psychologie der menschlichen Wahrnehmung mit ein und gibt so seiner Hoffnung Ausdruck, auf diese Weise objektive Werteurteile ableiten zu können- die Nationalökonomie ist in diesem Sinne als eine ethische Wissenschaft zu sehen. Kritik übt Schmoller demnach auch an Ricardo und Menger, die seiner Ansicht nach psychologische Erklärungsansätze zu isoliert verstehen, neuere Autoren räumen zwar den Einfluss psychischer Ursachen auf beispielsweise den Erwerbstrieb ein, konkretisieren ihn aber nicht.

[...]


[1] Schmoller, S.231.

[2] Schmoller, S.276.

Details

Seiten
10
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638885812
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82696
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Wirtschafts- u. Sozialgeschichte
Note
1,00
Schlagworte
Nationalökonomie Schmoller Menger Wirtschaftsgeschichte Wirtschaftsphilosophie

Autor

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Titel: Nationalökonomie bei Schmoller und Menger