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Elternschaft heute - Elternschaft und Familie in der heutigen Gesellschaft

Themen: Verhältnis des Staates zur Familie, Verhältnis der Wirtschaft zur Familie und Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Referat (Ausarbeitung) 2006 17 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Elternschaft und Familie in der heutigen Gesellschaft
1.1) Definitionen von Elternschaft und Familie
1.2) Die gesellschaftliche Bedeutung der Familie: welche Leistungen werden für die Gesellschaft erbracht?
1.3) Gegenwärtige Situationen von Eltern und Familien

2.) Verhältnis des Staates zur Familie – Politik für Familien(?)
2.1) Die Erwartungen des Staats an die Familien
2.2) „Status quo“ – Familienpolitik zu ihrem jetzigen Stand und zukünftige Entwicklungen

3.) Verhältnis der Wirtschaft zur Familie – Vereinbarkeit von Beruf und Familie
3.1) Die Erwartungen der Wirtschaft an die Familien
3.2) „Status quo“ – die gegenwärtigen Beschäftigungssituationen für Frauen und Männer in der Wirtschaft und zukünftige Entwicklungen

4.) Schlussfazit

5.) Verwendete Literatur

1.) Elternschaft und Familie in der heutigen Gesellschaft

1.1) Definition von Elternschaft und Familie

- Definition der Elternschaft (nach Norbert F. Schneider):

„Elternschaft bezeichnet einen sozial definierten Status und ein gesellschaftlich überformtes, lebenslanges Beziehungsverhältnis (zwischen Eltern und ihren Kindern).“

In der folgenden Ausarbeitung soll die Position der Eltern bzw. der Familie in der Gesellschaft näher erläutert werden, daher möchte ich mich auf Norbert F. Schneiders Definition nach dem sozial definierten Status beschränken.

Aus diesem besonderen Status ergeben sich besondere Merkmale, Eltern werden als „spezielle Bevölkerungsgruppe mit besonderen Leistungen für und Ansprüchen an die Gesellschaft“ gesehen. Laut Norbert F. Schneider geht es also um „die Aufgaben von Eltern, aber auch ihre Ansprüche an und ihr Stellenwert in Staat und Gesellschaft“.

Zum Erreichen dieses besonderen Stellenwertes sind heute mehr denn je besondere Elternrechte und Elternpflichten gefragt, bei denen „die bestmögliche Gewährleistung des Kindeswohls“ im Zentrum stehen sollte.

- Definition der Familie:

Das Wort Familie, so wir es heute kennen, ist abgeleitet von dem lateinischen Begriff „familia“. Bei diesem Begriff ging es ursprünglich nicht um eine Beschreibung des Ehepaares und dessen Kindern, sondern um die Gesamtheit der zum Hausstand gehörenden Familienangehörigen, Freigelassenen, Dienstboten, Sklaven usw.

Das Wort Familie umfasste also mehr den gesamten Hausstand als die Familie, wie sie im heutigen Sinne gesehen wird.

Doch obwohl das Wort „Familie“ bereits Ende des 17. Jahrhunderts/Anfang des 18. Jahrhunderts in die deutsche Sprache aufgenommen wurde, existiert in der Alltagssprache und in der Gesellschaft keine einheitliche Auffassung darüber, was denn nun unter dem Begriff der Familie zu verstehen ist. (vgl. Nave-Herz, 2004)

Und laut Rosemarie Nave-Herz fehlt es selbst der Wissenschaftssprache „an einer allgemein anerkannten Definition von Familie“.

Diese fehlende allgemein anerkannte Definition ist dadurch begründet, dass es schlicht zu viele unterschiedliche wissenschaftstheoretische Ansätze gibt, welche zumeist ihre jeweils völlig eigenen Definitionen der Familie hervorbringen.

Trotzdem lässt sich ein wesentlicher Unterschied in den noch so unterschiedlichen Definitionen ausmachen: die gewählte Perspektive.

Nach Rosemarie Nave-Herz betonen Autoren der unterschiedlichsten Definitionen entweder die Mikroperspektive oder die Makroperspektive.

Die Mikroperspektive geht dabei von einer Familie als „ein gesellschaftliches Teilsystem oder Gruppe besonderer Art“ aus. (vgl. Nave-Herz, 2004) Diese ist im Wesentlichen gekennzeichnet durch eine festgelegte Rollenstruktur der Mitglieder sowie deren spezifische Interaktionsbeziehungen unter- bzw. zueinander.

Aus einer reichhaltigen Auswahl an unterschiedlichen Definitionen habe ich mich schließlich für die folgende entschieden, die – meiner Ansicht nach – die Mikroperspektive (wie sie von Kristin Richter ausführlich vorgetragen wurde) besonders deutlich zu Grunde liegen hat:

„Die Familie ist als soziales Konzept zu begreifen, das sich über intra- oder

interpersonelle Beziehungen, durch Fürsorge und die Bereitschaft, Verantwortung für

den anderen zu übernehmen, definiert.“ (James Holstein & Jaber Gubrium, 1990)

Neben der mikroperspektivischen Definitionsweise existiert natürlich auch eine Makroperspektive – und diese Perspektive spielt in meinem Teil eine große Rolle.

Aus dieser gesamtgesellschaftlichen Sicht wird die Familie als eine Art von sozialer Institution definiert, die bestimmte gesellschaftliche Leistungen erbringt oder zu erbringen hat, z.B. die Erziehung von Kindern (vgl. Nave-Herz, 2004).

Wird die Familie aus der makroperspektivischen Sichtweise definiert, so wird ihr zumeist eine grundlegende Bedeutung für das menschliche Zusammenleben zugeschrieben.

Auf diese besondere oder sogar grundlegende Bedeutung der Familie für die Gesellschaft möchte ich im folgenden Unterpunkt (1.2) eingehen.

1.2) Die gesellschaftliche Bedeutung der Familie: welche Leistungen werden für die Gesellschaft erbracht?

Einleitende Betrachtung

In meiner einleitenden Betrachtung möchte ich auf Ulrich Lakemann mit „Familien- und Lebensformen im Wandel“ (Lambertus, 1999) zurückgreifen, da ich finde, dass er eine gut verständliche Definition der Motivationen innerhalb einer Familie gegeben hat.

So sagt er, dass Familien von ihrer Motivation her in erster Linie keine gesellschaftsrelevanten, sondern rein persönliche, individuelle Leistungen erbringen. Diese persönlichen Interessen seien „auf das Wohlergehen einzelner Familienmitglieder ausgerichtet und verfolgen keine gesamtgesellschaftlichen Ziele“, denn: „niemand würde auf die Idee kommen, Kinder in die Welt zu setzen, um die Rente der nachfolgenden Generation zu sichern, auch wenn man selbst dieser Generation angehört.“ Wäre dem so, so müssten heute die Geburtenzahlen rasant ansteigen, aber bekanntlich verharrt diese Quote auf einem niedrigen Level.

Auch weitere Leistungen der Familie, von denen die Gesellschaft indirekt profitiert (z.B. einer Steigerung der Funktionsfähigkeit des Erwerbssystems), werden zuerst im Rahmen von familiärer Solidarität oder emotionaler Zuneigung ausgeführt.

Franz-Xaver Kaufmann bringt dies auf den Punkt: „Niemand liebt für den Staat oder bekommt Kinder der Rente wegen.“

Jedoch leistet die Familie, trotz der in erster Linie „individuenzentrierten Motivation“ (vgl. Lakemann, 1999), immens wichtige Leistungen für die Gesellschaft, welche ich im Folgenden beschreiben möchte.

1. Die Reproduktionsfunktion

Die Reproduktionsfunktion der Familie umfasst die biologische und soziale Reproduktion. (vgl. Nave-Herz, 2004) Ulrich Lakemann, auf welchen ich mich schon in der einleitenden Betrachtung bezogen habe, fasst diese Funktionen auch unter den Begriffen der Nachwuchssicherung und des Humanvermögens zusammen.

Allgemein ist unter der biologischen Reproduktion tatsächlich eine Sicherung des Nachwuchses, d.h. die Geburt von Kindern, zu verstehen, auch wenn dieser Begriff bis in die 1970er/80er Jahre eng an die Ehe gebunden war bzw. so in der Öffentlichkeit vertreten wurde – was sich teilweise auch in öffentlicher Diskriminierung von z.B. ledigen Müttern ausdrückte.

Die Tatsache, dass die Bindung der Reproduktionsfunktion an die Ehe abnahm – in Folge von stärkerer Akzeptanz der unterschiedlichsten Familienformen in der Bevölkerung, einer so genannten „Entdiskriminierung“ – führte dennoch nicht zu einem Abbau der Erwartungshaltung, „dass man beim Kinderwunsch heiraten sollte“. (vgl. Nave-Herz, 2004) So ist es heute noch immer die „weit überwiegende Mehrheit der Kinder“, welche ehelich geboren wird oder in nachträglich geschlossenen Ehen aufwächst.

Zusammenfassend zur biologischen Reproduktionsfunktion ist zu sagen, dass diese in der heutigen Zeit nicht mehr zwingend an die Ehe gebunden ist (auch wenn die Statistik dies noch so ausweist). Der Verweis der Reproduktionsfunktion auf die Familie an sich hat jedoch stark zugenommen, was im Wesentlichen auf das sich stark durchsetzende Prinzip der „verantworteten Elternschaft“ zurückzuführen ist.

Die zuverlässigere Planbarkeit von Kindern, verbunden mit der hohen Norm der verantworteten Elternschaft, bei welcher man nur dann Kinder „in die Welt setzen“ sollte, wenn man bereit ist, für diese ökonomisch und psychologisch selbst zu sorgen, verweist heute stärker als jemals zuvor auf die Familie.

Die Familie hat demnach eine Reproduktionsfunktion – eine Nachwuchssicherungsfunktion – inne, jedoch erfolgt diese wiederum zumeist nur unter der Beachtung von zahlreichen Sicherheiten (ökonomischer und psychischer Natur).

Als Leistung für die Gesellschaft ist hierbei im Wesentlichen die Sicherung von Nachkommen, also der Erhalt einer Gesellschaft, verbunden mit allen weiteren Auswirkungen – zumeist gewünschter Art – (Stichwort: Rentenversorgung) zu nennen. Kinder leisten später nicht nur Beiträge zur Sicherung der Existenz ihrer Eltern, sondern auch zur Sicherung der Existenz derjenigen, die keine Kinder haben.

Die soziale Reproduktionsfunktion umfasst die physische und psychische Regeneration der Familienmitglieder. (vgl. Nave-Herz, 2004)

Rosemarie Nave-Herz nennt hierbei den familiären Haushalt, mit dem Zweck, die hauswirtschaftlichen Arbeiten stärker zu betonen und nicht den Haushalt als einen „Ort“ (Nave-Herz, 2004, S.84) zu sehen, wie es in früheren familiensoziologischen Betrachtungen unter dem Begriff „Haushaltsfunktion“ üblich war. Denn trotz der geringeren Haushaltstätigkeit, zumeist in Folge des technischen Fortschritts, „bleibt die physische und psychische Regenerationsfunktion im Verantwortungsbereich der Familie bzw. Ehe“. (vgl. Nave-Herz, 2004)

Nave-Herz nennt das Beispiel, wohl wegen der sehr starken Funktion für die Familie, der Zubereitung bzw. vielmehr des Einnehmens von gemeinsamen Mahlzeiten, welches nicht nur dazu dienen sollte, den Hunger zu stillen, sondern eine Vielzahl von Handlungen und Aufgaben erfüllt. So ist die Zeit der gemeinsamen Mahlzeiten ein Zeitraum, in welchem Informationen ausgetauscht werden, bestimmte Erziehungsziele durchgesetzt werden (sollen) oder auch bestimmte Familientraditionen bzw. –rituale weitergegeben werden.

Eine gesteigerte Gruppenidentität und die Sicherung der familialen und ehelichen Stabilität sind hierbei die wünschenswertesten Ziele. Unter Schulze wird das gemeinsame Essen als Schlüsselritual mit einer „Schnittstelle der Gesprächskultur, der Esskultur, der normativen des Familienlebens, der Präferenz und des Selbstbezugs der Familie“ gesehen. (vgl. Schulze, 1987; Nave-Herz, 2004)

Unter diesen Voraussetzungen (z.B. einer hohen Stabilität in der Kernfamilie) ist auch das Entstehen einer psychischen Regenerationsfunktion gegeben, die nicht nur auf die Kernfamilie, sondern auch auf die Mehrgenerationenfamilie übertragen werden kann.

Die so entstehende gesteigerte Solidarität und Fürsorge im Familienverband ist als eine Leistung der Familie für die Gesellschaft zu sehen, da neben der Pflege im hohem Alter oder bei Krankheit, hierdurch auch verhindert wird, dass es zu einer Isolierung/Vereinsamung im Alter kommt. Die materielle Versorgung der Familienmitglieder ist somit eine Hauptaufgabe der Familie, so fallen der Öffentlichkeit verminderte oder sogar gar keine Kosten zur Last.

Weiterhin erbringen die physischen und psychischen Regenerationsfunktionen der Familie eine hohe Leistung für die Gesellschaft, wenn es um die Arbeitsfähigkeit bzw. –leistung geht. So „hängen, z.B. der Gesundheitszustand und die aktuelle Leistungsfähigkeit bzw. das Ausmaß von krankheitsbedingten Fehlzeiten in erheblichem Maße von den familialen Verhältnissen ab.“ (vgl. Nave-Herz, 2004)

2. Die Sozialisationsfunktion

Die Sozialisation bezeichnet „den Prozess eines Menschen zum Mitglied-Werden in einer Gesellschaft.“ (vgl. Nave-Herz, 2004) Dieser ist beschrieben als ein „aktiver und lebenslanger Auseinandersetzungsprozess“ des Menschen mit seiner „personellen, materiellen und immateriellen Umwelt“. (vgl. Nave-Herz, 2004)

Dieser Auseinandersetzungsprozess bewirkt letztlich, dass aus einem instinktreduzierten „biologischen Lebewesen eine bewusste soziale Persönlichkeit“ entsteht. (vgl. Hill/Kopp 2002; Nave-Herz, 2004) Erst durch diesen Prozess, der auch als Vergesellschaftung betitelt wird, wird der Mensch zum Menschen.

Dabei wird dieser Prozess in der frühen Kindheit wesentlich von der Familie (d.h. zumeist den Eltern) übernommen und geprägt. Dies allein ist schon als eine Leistung für die Gesellschaft zu sehen, da die Eltern bis zum dritten Lebensjahr des Kindes fast ausschließlich die Erziehungsfunktion inne haben. Auch nach dem vierten oder fünften Lebensjahr, einer Zeit, in der die Kinder einen Teil ihrer Zeit zunehmend in Betreuungsinstitutionen (wie z.B. Kindergarten, Vorschule, später: Schule) verbringen, bleibt die Familie bzw. die Eltern noch ein immens wichtiger Bezugspunkt.

Denn auch wenn sich ab dem 6., spätestens dem 7. Lebensjahr die Sozialisation der Kinder zunehmend in den Bereich der Schule verlagert, so unterscheiden sich Schulbildung und so genannte Familienbildung qualitativ. Denn „während die Schulbildung vor allem spezifisches Wissen und bestimmte Fähigkeiten vermittelt, die im späteren Berufsleben benötigt werden, hängt von der Familie die moralische und emotionale Orientierung sowie die Lern- und Leistungsbereitschaft ab.“ (vgl. Nave-Herz, 2004)

„Die familiale Sozialisation prägt die Arbeitsmotivation, Vertrauensbereitschaft, Fleiß, Neugier und Experimentierfreude, Ausdauer, Sprachkompetenz u.a.m.; zusammenfassend formuliert: die extra-funktionalen Fähigkeiten.“ (vgl. Fünfter Familienbericht, 1994; Wiss. Beirat für Familienfragen, 2002; Nave-Herz, 2004)

Diese extra-funktionalen Fähigkeiten, welche im Familienleben erlernt werden, sind erst die Befähigung zum Bewältigen von Alltagssituationen bis hin zu spezifischen Berufsanforderungen.

Betrachtet man nun die Situation der Familien aus der Makroperspektive, so erfuhr der Erwerbs- vom Familienbereich eine immer striktere Trennung, was bekanntlich zu einer finanziellen Abhängigkeit der Familie vom Arbeitsbereich führte.

Weniger wurde bisher die Abhängigkeit in umgekehrter Richtung gesehen, doch ist diese Sichtweise nicht unwesentlicher. „Die Produktivität einer Volkswirtschaft wird durch die Qualität des Arbeitsvermögens der Produzierenden mitbestimmt.“ (vgl. Nave-Herz, 2004) „Erst auf dieser Basis kann sich im gesellschaftlichen Raum Arbeit entfalten.“ (Krüsselberg, 1997; Nave-Herz, 2004)

„Die Leistungen, die im Familienbereich erbracht werden, sind deshalb nicht nur für den Arbeitsbereich“, sondern damit verbunden auch „für alle übrigen Gesellschaftsbereiche“ unverzichtbar. Was eigentlich „als Privatsache erscheint, ist also von höchstem gesellschaftspolitischen und volkswirtschaftlichem Interesse.“ (vgl. Nave-Herz, 2004)

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Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638906555
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82790
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Schlagworte
Elternschaft Familie Gesellschaft Mutterschaft Vaterschaft Konstrukte Soziologie Anerkennung Lage Probleme Bedürfnisse Anforderungen Familien

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