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Prospect Theory und präventive Kriegsführung

Einsichten in die Entscheidungsfindung Israels während der Sinai-Suez Krise 1956

Seminararbeit 2007 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Problemdarstellung
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Hauptteil
2.1 Einführung in die Prospect Theory
2.1.1 Empirische Ergebnisse der Laborstudien
2.1.2 Die Implementierung der Ergebnisse in einen theoretischen Rahmen - Die prospect theory
2.1.2.1 Die Wertfunktion (value function)
2.1.2.2 Die Gewichtungsfunktion (weighting function)
2.2 Die prospect theory und die Internationalen Beziehungen
2.2.1 Annahmen für die Internationalen Beziehungen
2.2.1.1 Gebrauch von militärischer Macht
2.2.1.2 Präventive und präemptive Kriegsführung
2.3 Die Sinai-Suez Krise von 1956 aus Sicht der Prospect Theory
2.3.1 Ein kurzer Überblick über den Verlauf der Sinai-Suez Krise
2.3.2 Entscheidungsfindung in Israel

3. Fazit / Schlussbetrachtungen

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Problemdarstellung

Das der 11. September 2001 „alles verändert“ hat, ist ein viel benutztes Klischee um die Auswirkungen der Terroranschläge von New York und Washington auf die Internationalen Beziehungen zu beschreiben. Ohne Frage ist eine Auswirkung der Terroranschläge die veränderte amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik. Die im September 2002 veröffentliche National Security Strategy (NSS) macht deutlich, das die USA einen Wechsel in ihrer auf Abschreckungslogik hin definierten Außen- und Sicherheitspolitik hin zu einer Doktrin vollzogen hat, die präventive und präemptive Kriegsführung als Möglichkeit sieht, auf die veränderte strategische Lage Amerikas zu reagieren.

Damit erhält die Debatte über die Praxis und Problematik präventiver Kriegsführung neue Brisanz und es stellt sich dabei die Frage unter welchen Bedingungen Staaten sich für präventive oder präemptive Kriegsführung entscheiden und welche Faktoren die Entscheidungsträger hinreichend beeinflussen können. Versucht man Antworten auf diese Frage in der Forschung der Internationalen Beziehungen zu finden, kommt man zu folgenden Schlüssen: Randall L. Schweller geht in seinem Artikel „Domestic Structure and Preventive War: Are Democracies more pacific?“ davon aus, dass Demokratien (fast) keine präventiven Kriege, also Kriege die einen relativen Abfall der Machtverhältnisse gegenüber eines aufsteigenden Gegenübers zu verhindern versuchen, führen.[1] Und sollten sie doch präventive Kriege führen, so führen sie sie nur wenn keine hohen Kosten damit verbunden sind und der Gegenüber militärisch deutlich schwächer einzuschätzen ist.[2] Obwohl diese Annahmen eine große empirische Plausibilität besitzen, können sie zum Beispiel die Entscheidung Israels, Ägypten während der Sinai-Suez-Krise von 1956 anzugreifen, nicht erklären.[3]

Auch wenn diese einzelnen empirischen Anomalien die theoretische Erklärungskraft dieser Ansätze nicht grundsätzlich in Frage stellen kann, ist es doch interessant, ob sie durch andere theoretische Konstrukte erklärt werden können. Einen Versuch, den Ausbruch des Suez-Sinai Krieges von 1956 in einem theoretischen Rahmen zu erklären, unternahmen Jack S. Levy und Joseph R. Gochal.[4] Ihr Anspruch ist es, zu erklären warum und unter welchen Umständen demokratische Staaten Präventivkriege führen. In ihrem Artikel kommen Levy und Gochal zu dem Schluss, das Präventivkriege eine strategische Möglichkeit für Demokratien sind, solange die erwarten Kosten niedrig sind, der Staat Verbündete hat, die diese Kosten durch diplomatische und militärische Unterstützung verringern und falls der Staat keine ernsthaften Alternativen hat, dem relativen Machtverfall gegenzusteuern.

Obwohl Levy und Gochal damit eine mögliche Erklärung für den Ausbruch des Krieges liefern, so sind die Kriterien doch recht weit davon entfernt allgemeine Gültigkeit zu besitzen und abweichend vom Spezialfall Sinai-Suez Krise die Möglichkeit präventiver Kriegsführung von Demokratien zu erklären. In dieser Arbeit soll nun ein alternativer Erklärungsansatz aufgezeigt werden, der sich mit der Entscheidungsfindung in Risikosituationen, der prospect theory, beschäftigt.

Es wird dabei die These aufgestellt, dass die Annahmen, die sich bei der Übertragung der prospect theory auf die Internationalen Beziehungen ergeben, einen plausiblen Erklärungsrahmen für den präemptiven Angriff Israels auf Ägyptens liefern können. Besonderes Augenmerk soll dabei auf das framing der Entscheidungssituation gelegt werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

Dazu wird zuerst eine kurze Einführung in die Grundlagen und die Entstehung der prospect theory gegeben. Anhand dieser Grundlagen werden die Annahmen erläutert, die bei der Übertragung der prospect theory auf die Internationalen Beziehungen, mit besonderem Augenmerk auf die Möglichkeit präventiver Kriegsführung, beobachtet werden können. Diese Annahmen werden dann anschließend auf die Entscheidungsfindung, das framing der Entscheidungssituation in Israels angewandt und die sich daraus ergebenden Konsequenzen auf ihre empirische Erklärungskraft in der Entscheidungssituation Israels während der Sinai-Suez-Krise hin beleuchtet.

2. Hauptteil

2.1 Einführung in die Prospect Theory

Kahnemann und Tversky haben sich mit ihrer prospect theory das Ziel gesetzt, das menschliche Verhalten in Risikosituationen besser erklären zu können als es die expected utility Theorie bis zu diesem Zeitpunkt zu leisten im Stande war. Die entscheidende Idee hierbei war, Wahrscheinlichkeiten nicht mehr als linear empfunden anzunehmen, sondern transformiert in die Bewertung einer Lotterie einzubinden.

Nach der expected utility Theorie versuchen die Akteure ihren erwarteten Nutzen zu maximieren, indem sie den Nutzen jedes möglichen Ausgangs mit der Wahrscheinlichkeit des Eintreffens dieses Ausgangs abwiegen und schließlich jene Strategie verfolgen die ihnen den größten zu erwartenden Nutzen garantiert.

In einer Risikosituation allerdings zeigen empirische Beobachtungen, das die Annahmen der expected utility Theorie nicht zutreffen und grundlegend verletzt werden. Im Gegensatz zur expected utility Theorie, die auf normativen Grundlagen basiert, ist die prospect theory aus deskriptiven Elementen, die sich aus den Ergebnissen der empirischen Laborstudien ergaben, entstanden. Aus den Ergebnissen der Laborstudien von Kahnemann und Tversky können folgende deskriptive Elemente abgeleitet werden:[5]

2.1.1 Empirische Ergebnisse der Laborstudien

(1) Referenzpunktabhängigkeit von Entscheidungen:

Individuen schätzen den Wert von Erwartungen von einem Referenzpunkt aus und nicht von ihrem Bestandspunkt aus ab. Der Referenzpunkt muss dabei nicht zwingend dem Status-Quo entsprechen. Er dient zur Auswertung der Erwartungen, die entweder als Gewinne oder Verluste gekennzeichnet werden. Ob es sich um Gewinne oder Verluste handelt hängt vom gewünschten Zielpunkt (aspiration level) und dem Referenzpunkt ab. Gleichzeitig kann beobachtet werden, das bei steigenden Gewinnen und Verlusten der subjektiv empfundene Wert zunehmend abnimmt.

(2) Loss aversion:

Mit loss aversion bezeichnet man das Phänomen, das Verluste einen größeren subjektiven Schmerz herbeiführen, als Gewinne Freude verursachen. Oder wie es Jimmy Conors ausdrückte: „I hate to lose more than I like to win“.[6]

Die Akteure bewerten Güter, die sie besitzen, viel höher als vergleichbare Güter die sie nicht besitzen. Es kommt dabei zu einer Überbewertung der aktuellen Besitztümer. Man spricht hier vom sogenannten endownment effect. Die Akteure besitzen also die Neigung ihren Status Quo zu erhalten (Status-Quo bias).

(3) Unterschiedliche Bewertung von Gewinnen und Verlusten:

Akteure verhalten sich unterschiedlich, wenn es um Gewinne und Verluste geht. Sie neigen dazu bei Gewinnen risikoavers und bei Verlusten risikogeneigt zu agieren. Wurden die Testpersonen in Kahnemann und Tversky’s Laborstudien zum Beispiel vor die Wahl gestellt, sich entweder für 4000 mit Wahrscheinlichkeit 80%, oder 3000 sicher zu entscheiden, so wählte die Mehrheit die sichere Option. Sie verhielten sich also im Bereich der Gewinne risikoscheu. Bei der gleichen Entscheidung mit negativen Vorzeichen, also -4000 mit Wahrscheinlichkeit 80%, oder -3000 sicher, entschied sich die große Mehrheit für die erste Option. Die Personen handelten also risikofreudig im Bereich der Verluste.[7]

Bei marginalen Wahrscheinlichkeiten, zeigte sich allerdings das sich die Individuen gegensätzlich zu den Beobachtungen verhielten. Bei einer Wahl zwischen 5000 mit 0,1% Wahrscheinlichkeit oder 5 sicher, entschied sich die Mehrzahl für die marginale Gewinnchance, sie agierten also im Bereich geringer Wahrscheinlichkeiten risikofreudig. Bei einer Wahl zwischen -5000 mit Wahrscheinlichkeiten 0,1% und -5 sicher, entschied sich die Mehrzahl für den sicheren Verlust von 5, sie agierten also im Bereich marginaler Verlustchance risikoscheu.[8]

(4) Framing / Bestimmung des Referenzpunktes:

Da die möglichen Ausgänge abhängig von einem Referenzpunkt und den unterschiedlichen Verhaltensweisen bezüglich Gewinnen und Verlusten kodiert werden, wird die Bestimmung des Referenzpunktes, bzw. das framing der Entscheidungssituation elementar. Deutlich wird dies an folgendem Beispiel:[9]

Stellen sie sich vor, dass sich die USA auf den Ausbruch einer ungewöhnlichen asiatischen Krankheit vorbereiten, von der erwartet wird, dass 600 Personen daran sterben werden. Es wurden zwei verschiedene Pläne vorgeschlagen, die Krankheit zu bekämpfen. Nehmen sie an, dass die Folgen der beiden Pläne genau bekannt sind:

Strategie 1:

[...]


[1] Vgl. Hierzu: Schweller, Randall, 1992: Domestic structure and preventive war. Are democracies more pacific?, in: World Politics, Vol. 44, S.235-269 ; vgl. Lake, David, 1992: Powerful pacifists: Democratic states and war, in: American Political Science Review, Vol.86:1, S.24-37

[2] vgl. Schweller, 1992, Domestic structure and preventive war, S.248

[3] Schweller geht zwar in seinem Text davon aus, dass die Sinai-Suez-Krise und der Angriff Israels auf Ägypten kein präventiver Krieg war, sondern eine Vergeltungsaktion aufgrund der Fedajinangriffe und der Blockade des Suez-Kanals und des Golf von Aqaba, jedoch scheint diese Auffassung aufgrund der Verschiebung der relativen Machtverhältnisse durch den Tschechischen Waffenhandel und die dadurch entstehende Bedrohungslage kaum plausibel. Vergleiche hierzu auch Abschnitt 2.3.1

[4] Levy, Jack; Gochal, Joseph 2001: Democracy and preventive war: Israel and the 1956 Sinai Campaign, in: Security Studies, Vol.11:2,S.1-49

[5] vgl.: Levy, Jack, 1992: An introduction to prospect theory, in: Political Psychology, Vol.13:2, S.174 - 179

[6] zit. nach: Levy, 1992, An introduction to prospect theory

[7] vgl. Kahnemann, Daniel; Tversky, Amos, 1979: Prospect Theory: An analysis of decision under risk, in: Econometrica, Vol.47,No:2, S.266,268,269

[8] vgl. Kahnemann, Tversky, 1979, Prospect Theory, S.281

[9] vgl. Levy, Jack, 1996: Loss Aversion, Framing, and Bargaining: The Implications of Prospect Theory for International Conflict, in: International Political Science Review, Vol.17:2, S.183

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638898515
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82875
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister Scholl Institut
Note
1,3
Schlagworte
Prospect Theory Kriegsführung Problematik Praxis

Autor

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Titel: Prospect Theory und präventive Kriegsführung