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Der eschatologische Aspekt in der Bedeutung des Sukkot-Festes

Pessach, Shavuot, Sukkot - die drei Wallfahrtsfeste in ihrer Entstehung, Entwicklung und Bedeutung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 27 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inahlt

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Methodischer Zugang

2 Hauptteil
2.1 Begriffsdefinition jüdische Eschatologie
2.2 Das Sukkot-Fest
2.3 Der eschatologische Aspekt in der Bedeutung des Sukkot-Festes

3 Schluss

4 Literaturliste

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

„Ein Fest der Hütten sollst du für dich sieben Tage lang machen, wenn du erntest von deiner Tenne und von deiner Kelter. Und du sollst dich an deinem Feste freuen: du und dein Sohn und deine Tochter.Sieben Tage sollst du für den Ewigen, deinen Gott, feiern, an dem Ort, den der Ewige sich erwählen wird. Denn es hat dich der Ewige, dein Gott, in all deinen Erträgen und in all dem Werk deiner Hand gesegnet – nun kannst du auch fröhlich sein.“ [ Dtn 16, 13-15 ]

Dieser Passus beschreibt zum einen den Erntedank-Aspekt des Sukkot-Festes[1] und zum anderen wird deutlich, dass das Herbstfest ein Fest der Freude sein soll.

Die Bezeichnung Sukkot-Fest leitet sich von sukkot ab und ist der hebräische Ausdruck für Hütten.[2] Das Herbstfest wird auch chag ha-assif, Fest des Einsammelns genannt [ Ex 23,16; 34,22 ]. Man dankt Gott[3] für das Einbringen der Ernte, v.a. der Obst- und Weinernte. Auch das Bitten um reichlich Regen gehört zum Zeremoniell der Feier und bezeichnet somit auch einen Fruchtbarkeitsaspekt. Denn die bei den Festumzügen mitgeführten Zweige von Bachweiden lassen an ein Fruchtbarkeits- und Regenritus denken und außerdem weist das Datum des Festes ( 15. Tischri ) auf den Beginn der feuchten Jahreszeit hin.[4]

Zum anderen ist es aber auch ein Fest der Freude, denn in Dtn 16,24 heißt es:

„Du sollst dich freuen vor dem Herrn.“ Das Fest bringt Freude und Vergnügen zum Ausdruck, und ist verbunden mit der Verehrung Gottes. Die religiösen Pflichten werden folglich mit Frohsinn und Freude begangen und drücken somit auch die Liebe zu Gott aus.

Der herausragendste Aspekt dieses Festes aber basiert auf dem Gebot: „Sieben Tage lang sollt ihr in Laubhütten wohnen.“ [ Lev 23,42 ] Die Juden ziehen entsprechend für sieben Tage in eine vorübergehend errichtete Hütte ein. Die Hütte muss so beschaffen sein, dass sie kein festes Dach besitzt. Dabei müssen bestimmte Bauvorschriften beachtet werden. Das soll an die notdürftig erbauten Unterkünfte, in denen die Israeliten während ihrer Wanderung durch die Wüste vierzig Jahre lang lebten, erinnern, nachdem Gott sie aus Ägypten herausgeführt hatte.[5] Durch das Errichten der Sukka und deren Behausung wird somit Zuversicht und Vertrauen in Gott erklärt und der Glauben an Gott demonstriert.

Es gibt aber verschiedene Meinungen, die sich mit der Bedeutung der Sukkot auseinandergesetzt haben. Die Rabbinen des Talmuds bspw. sehen es als zweifelhaft an, ob die Sukkot, die in der Bibel erwähnt werden, wirklich solche Hütten waren, denn für sie symbolisiert sie die göttliche Gegenwart, welche die Israeliten in der Wüste beschützte und leitete.[6] Die Sukkot galten für sie folglich vielmehr sinnbildlich für den göttlichen Schutz überhaupt, auf den die Menschen angewiesen waren. Auch in ihrer Interpretation des Festes gibt es den Aspekt der Freude, denn eben dieser göttliche Schutz lässt keine Furcht aufkommen, sondern Freude.

Eine weitere Erklärung für die Sukka ist das Symbol der Armut. Da dieser Festtag die letzte Ernte in einer Jahreszeit des Überflusses feiert, soll die Sukka den Menschen an die Armut inmitten allen Wohlstandes und an diejenigen erinnern, die kaum das Notwendigste zum Leben haben, während andere sich ihres Erfolges und Reichtums erfreuen können.[7] Wohlstand und Reichtum werden als von Gott gegeben betrachtet und Reichtum wird weder als das Wichtigste noch als Sicherheit angesehen, denn es ist Gottes Wille, dass es geschehe und ebenso kann er es auch wieder nehmen.[8]

Es wird schon jetzt erkennbar, dass das Sukkot-Fest mehrere Bedeutungen und Interpretationen erfahren hat. Man kann sagen, das ursprünglich agrarische Fest wurde historisch-theologisch umgedeutet. Nun stellt sich die Frage: Hat das ursprüngliche Erntedankfest tatsächlich einen eschatologischen Charakter und wenn ja, ab wann hat es diese Bedeutung erhalten und vor allem warum? Und wieso kann eine eschatologische Relevanz im Sukkot-Fest für die Juden so wichtig sein?

Bekannt ist nämlich, dass sich das Judentum als eine identitätsstiftende Religion begreift, die sich durch das Erinnern der biblischen Ereignisse und im Besonderen durch die theologischen Geschichtsdeutung immer wieder ihrer Existenz vergewissert.[9] Es ist also ein Prozess existenzieller Erinnerung, die zum integralen Bestandteil der eigenen Existenz wird. Jüdische Geschichte fordert dazu auf, die biblische Vergangenheit in einem existenziellen-ganzheitlichen Sinne wieder zu vergegenwärtigen, zu repräsentieren. Als ein Teil der Gegenwart erinnert man sich aber nicht an die Vergangenheit, um an ihr Teil zu haben, sondern als Teil der Gegenwart wird man kraft der Erinnerung unmittelbarer Teil der Vergangenheit.[10] Wiedervergegenwärtigung der eigenen Vergangenheit ist demzufolge Erinnerung an die eigene Gegenwart. Vergangene Erfahrungen und Ereignisse werden erinnert, wobei dies nicht historiographisch geschieht, sondern v. a. in der Liturgie und im Ritual wird die vergangene Geschichte präsent gemacht und aktuell neu miterlebt.[11] Entsprechend wird auch Gott als ein geschichtsimmanent-handelnder Gott betrachtet, der sein Volk alle Zeit begleitet und letztlich zur Erlösung führen wird. In der Geschichte wird das Offenbarwerden des Willen Gottes deutlich. Die Geschichte wird nämlich als Theophanie gedacht und letztlich ist die Deutung der Geschichte im Glauben zu suchen.[12]

Berücksicht man dieses identitätsstiftende Moment in der von Erinnerung und Geschichte durchdrungenen jüdischen Religion als grundlegend, dann wird erkennbar, wie wichtig und notwendig eine eschatologische Relevanz in der Bedeutung des Sukkot-Festes wäre. Sicherlich ist eine eschatologische Hoffnung für eine Religion generell grundlegend und elementar, aber je mehr Aspekte der Eschatologie sich in einer Religion finden lassen, um so mehr garantiert diese Tatsache zum einen den weiteren Bestand einer Religion und zum anderen lässt sich das diesseitige Leben für den Gläubigen besser bewältigen. Denn letztlich impliziert eine eschatologische Immanenz auch immer einen soteriologischen Charakter, weil sie die Erlösung zum Ziel hat. Folglich würde eine begründete Eschatologie im Sukkot-Fest auch eine Hoffnungstheologie darstellen, welche die Existenzfrage der Juden stärken könnte. Auch die damit verbundene Theodizee-Problematik ließe sich unter dem Aspekt der Eschatologie besser verstehen. Auf Grund dessen kann der Sinn des Leides, sofern es diesen gibt, und der Sinn der Geschichte kritisch hinterfragt werden.

Sollte es also eine eschatologische Relevanz in der Bedeutung des Sukkkot-Festes geben, dann folgt daraus, dass die Soteriologie und die Theodizee-Frage nicht ausgeschlossen werden können. In der vorliegenden Arbeit soll erläutert und diskutiert werden, inwiefern sich ein eschatologischer Aspekt finden lässt und außerdem wird zu zeigen sein, dass eine positive Antwort darauf für die Juden notwendig und von großer Bedeutung ist, weil damit letztlich eine große Hoffnung auf das Heil für die Juden verbunden ist und schließlich auch eine Existenz- bzw. Identitätsfrage ist.

1.2 Methodischer Zugang

Im Hauptteil werde ich damit beginnen, eine Begriffsdefinition von Eschatologie zu geben. Dies ist unabdingbar, denn dieser Begriff ist eigentlich eine ursprünglich christliche Definition und außerdem hat er nicht nur eine mannigfaltige Bedeutung, sondern auch eine umfassende Entstehungsgeschichte, so dass es sich lohnt, auf die semantische Entwicklung des Begriffs Eschatologie einzugehen. Letztlich wird natürlich v. a. auf die jüdische Eschatologie eingegangen, um diesen dann definierten Begriff in den Kontext des Sukkot-Festes stellen zu können.

Im zweiten Teil des Hauptteils wird eine allgemeine Beschreibung des Sukkot-Festes und seiner Eigenarten gegeben, um deutlich zu machen, was das Fest an sich beinhaltet. Daraufhin kann die Entstehungsgeschichte des Sukkot-Festes skizziert werden, wobei deutlich werden wird, dass es verschiedene Auffassungen vom Sukkot-Fest in unterschiedlichen Epochen gibt und verschiedene Quellen über differente Bedeutungen des Festes berichten. Der Fokus wird insbesondere auf die Entstehungsgeschichte und die Bedeutung des Festes gelegt; es wird dabei nur bedingt auf den Ritus und die Liturgie eingegangen, denn sofern sich ein eschatologischer Charakter feststellen lässt, wird dies im darauffolgenden Teil zum tragen kommen. Die Skizzierung der Entstehungsgeschichte ist deshalb notwendig, weil nicht grundsätzlich der Konsens herrscht, dass das Sukkot-Fest eine eschatologische Bedeutung impliziert und zum anderen ist es auch wichtig zu zeigen, dass das Sukkot-Fest nicht selbstverständlich so zu bezeichnen ist, denn es hatte auch andere Benennungen. Allerdings können auch hier nicht alle Quellen, die über das Sukkot-Fest berichten berücksichtigt werden.

Im letzten Teil wird dann die Begriffsdefinition von jüdischer Eschatologie in die Bedeutung des Sukkot-Fest transkribiert. Anhand der vorausgegangen Begriffsanalysen kann nun eine eschatologische Bedeutung des Sukkot-Festes überprüft werden. Dabei kann aber auch hier nur auf eine Auswahl von pro- bzw. contra-eschatologischen Argumentationen eingegangen werden, denn zu umfassend und zu vielfältig sind die verschiedenen Ansichtsweisen.

Im Schlussteil werde ich dann mein Ergebnis darstellen, ob sich eine eschatologische Relevanz im Sukkot-Fest finden lässt.

2 Hauptteil

2.1 Begriffsdefinition jüdische Eschatologie

Der Begriff Eschatologie kommt aus dem Griechischen und bedeutet: Das Letzte, Ewige.[13]

Unter Eschatologie werden in der Theologie alle diejenigen Anschauungen und Glaubensvorstellungen zusammengefasst, welche die „letzten Dinge“ (ta eschata) zum Gegenstand haben.[14] Diese sogenannte Lehre von den letzten Dingen[15], behandelt darin Fragen nach der Endlichkeit und Ewigkeit. Ebenso wird der konkrete Tod betrachtet und diskutiert. Allerdings beschäftigt man sich nicht nur mit dem Ende, also dem Tod an sich, sondern auch damit, wie vor dem Tod gelebt wird und gelebt werden soll. Anzumerken sei, dass die Eschatologie ein vom Christentum geprägter Begriff ist, der die spezifisch christliche Lehre von der Zukunft und der Vollendung bezeichnet.[16] Zunächst ist die Eschatologie also erst einmal keine typisch jüdische Begrifflichkeit.

Nach religionsgeschichtlicher Betrachtungsweise versteht man unter Eschatologie religiöse Vorstellungen, die sich sowohl auf das schicksalhafte Ende des einzelnen Menschen beziehen als auch auf den Abschluss des Weltgeschehens.[17] Indem man nun über das Kommende, Neue und Endgültige nachdenkt, wird versucht, Sinnhaftes in die Gegenwart hinein zu interpretieren und gegenwärtiges Handeln darauf hin abzustimmen.

Eschatologie und explizit die jüdische Eschatologie hat auch v. a. eine ethische Dimension, denn der Gläubige lebt jetzt in einer Situation existentiellen Unbehagens, die durch die Befreiung von Schuld und Sünde[18] aufgehoben werden soll. Und eben diese Befreiung von Sünde und Schuld, ist die Aufgabe des kommenden Messias. Allerdings ist die Wiederherstellung Israels „nur“ der Beginn der Erlösung, denn ihr folgt eine allgemeine Erlösung der Menschen am Ende der diesseitigen Welt, welche in der Umkehr der Völker zum Gott Israels ihre Erfüllung erfährt.[19] Dabei wird die Aufgabe des Erlöser Israels, also des Messias, die Rolle des Exodusgeschehens gleichgesetzt.[20]

Die Erlösung der Menschen am Ende der Zeiten wird von Gott selbst herbeigeführt. Demzufolge erweist sich die Erlösung Israels zugleich als „Selbst-Erlösung“ Gottes, denn: „Wann immer Israel ins Exil ging, die Schekhina ... ging mit ihnen ...; und wenn sie dereinst zurückkehren werden, wird die Schekhina ... mit ihnen zurückkehren.“ [ Mekhj bo`14 Ende ] [21]

Auf Grund der typologischen Zuordnung von Exodus und Erlösung, wird sich auch die zukünftige Erlösung am 14. / 15. Nisan ereignen [ MekhjBo`14 ].[22] Zusätzlich darf man das Ende nicht herbeizwingen [ SchiR II, 18 ], noch berechnen [ bSan 97b]. [23] Zwar ist der Zeitpunkt der Erlösung von Gott bestimmt, aber es gibt dennoch die Möglichkeit, wie gläubige Juden[24] ihn beschleunigen können. So kann durch Umkehr [bSchab 118b; bJoma 86b; bBB10b; bSan 97b ], Studium der Tora und guten Taten [ bSan 99bf ] der Vorgang der Erlösung schneller erlangt werden.[25] Durch das Tun der Sünde hingegen, wird die Erlösung auf sich warten lassen [ bBer 47b ]. [26] Der göttliche Eingriff in die Geschichte ereignet sich folglich in einer Generation „vollkommener Gerechter“ oder aber „vollkommener Sünder“.[27]

[...]


[1] Anm. Das Sukkot-Fest ist in den folgenden Ausführungen synonym mit Laubhüttenfest, Herbstfest, Erntedankfest, Fest der Freude, Fest des Einsammelns, agrarisches Fest zu verstehen. Verschiedene Bezeichnungen für ein und das selbe Fest ( Sukkot-Fest ) begründen sich in den unterschiedlichen Zeitepochen und in den dazu entstandenen verschiedenen Quellen.

[2] Gesenius, Wilhelm, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch, Berlin / Göttingen / Heidelberg 9 1962, S. 543.

[3] Anm. Mit Gott ist in der vorliegenden Arbeit immer der monotheistische biblische jüdische Gott gemeint.

[4] Galley, Susanne, Das jüdische Jahr. Feste, Gedenk- und Feiertage, München 2003, S. 85.

[5] Hannover, Joyce, Gelebter Glaube. Die Feste des jüdischen Jahres, Gütersloh 4 1998, S. 53-54.

[6] Ebd., S. 54.

[7] Kitov, Elijahu, Das jüdische Jahr. Gesetz und Brauch, Bd. 4, Zürich 1990, S. 160-161.

[8] Ebd., S. 160.

[9] Yerushalmi, Yosef H., Zachor: Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis, Berlin 3 1988, S. 17-18.

[10] Ebd., S. 54-55.

[11] Ebd., S. 24.

[12] Ebd., S. 26.

[13] Hauck, Friedrich / Schwinge, Gerhard, Theologisches Fach- und Fremdwörterbuch, Göttingen 9 2002, S. 65.

[14] Wissmann, Hans, Art. Eschatologie I, in: TRE1 10 ( 1982 ), S. 254.

[15] Hauck, Friedrich / Schwinge, Gerhard, Theologisches Fach- und Fremdwörterbuch, Göttingen 9 2002, S. 65.

[16] Vorgrimmler, Herbert, Art. Eschatologie / Gericht, in: NHThG 1, München 1991, erweiterte Neuausgabe, S. 384.

[17] Ebd., S. 384.

[18] Anm. Befreiung von Schuld und Sünde meint hier v. a. die Befreiung von der sogenannte Ursünde, wobei Israel durch die Anbetung des sogenannten „goldenen Kalbes“ einen Bundesbruch mit Gott beging.

[19] Schreiner, Stefan, Art. Erlösung / Soteriologie, in: RGG 4 2 ( 1999 ), Sp. 1457.

[20] Ebd., Sp. 1457

[21] Ebd., Sp. 1457.

[22] Ebd., Sp. 1457.

[23] Ebd., Sp. 1457.

[24] Anm. Zur Vereinfachung wurde in den weiteren Ausführungen die maskuline Form gewählt. Dennoch sind auch immer die Jüdinnen gemeint.

[25] Schreiner, Stefan, Art. Erlösung / Soteriologie, in: RGG 4 2 ( 1999 ), Sp. 1457.

[26] Ebd., Sp. 1457.

[27] Ebd., Sp. 1457.

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638890021
ISBN (Buch)
9783638890120
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82939
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Judaistik
Note
2,7
Schlagworte
Aspekt Bedeutung Sukkot-Festes Hauptseminar Eschatologie Theologie Judaistik

Autor

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