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Die Bedeutung des Kiddusch ha-Schem im jüdischen Selbstverständnis

Jüdische Geschichtsdeutung der Khmelnytsky-Verfolgung 1648/49

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 12 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Methodischer Zugang

2 Hauptteil
2.1 Begriffsdefinition und die Grundzüge des Konzeptes von Kiddusch ha-Schem im Wandel seiner historischen Entwicklung

3 Schluss

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Durch den Bund am Sinai werden Gott und sein heiliges Volk Israel Bundespartner. Die theologische Konzeptionen von Erwählung und Bund bilden die Grundlagen der „Heiligung des göttlichen Namens“. Erwählungsverpflichtung und Bundesschluss fordern die Nachfolge Israels auf Gottes Wegen. Die Erwählung zeichnet sich durch die Gabe und Aufgabe der Tora aus. Diese wird zum modus vivendi, der die Erfüllung des Gotteswillen, nämlich das Halten der Gebote, verlangt.[1]

Der Begriff Kiddusch ha-Schem, Heiligung des göttlichen Namens, gehört somit zum Zentrum des jüdischen Selbstverständnisses, denn Israel soll als das Volk der Erwählung Gottes durch seine Existenz den Namen Gottes heiligen. Somit liegt in seiner Bedeutung auch ein identitätsstiftender Aspekt.

Im Laufe der Entwicklung wurde dieser Begriff mehr und mehr eingeschränkt im Sinne des Martyriums zur Weihe oder Heiligung des göttlichen Namens. Des Weiteren stellt das Martyrium Kiddusch ha-Schem die höchste Stufe der Zeugenschaft Israels für den Einen und Ewigen Gott dar.

Meistens wird unter Kiddusch ha-schem ein Martyrium verstanden, welches den Tod zwingend impliziert. Die Heiligung Gottes hat aber eine umfassendere Bedeutung. Jeder Jude, der täglich das Schma Jisrael spricht, muss innerlich die Bereitschaft zur Selbsthingabe besitzen. Schon der Vortrag des Schma wird grundsätzlich als Kiddusch ha-Schem gewertet. Das Kiddusch ha-Schem ist also wesentlich mehr als nur ein förmliches Bekenntnis. Es ist vielmehr ein besonderes Bewusstsein der Juden, mit der ständigen Präsenz Gottes zu leben. Als auserwähltes Volk ist man davon überzeugt, dass ein in der Geschichte handelnder Gott immer mit seinem Volk ist. So wurde das Schma Jisrael zum traditionellen Märtyrerbekenntnis des Judentums. Im Augenblick des Todes hat man sich zur Einheit und Einzigartigkeit des göttlichen Namens bekannt. Das Kiddusch ha-Schem, die Heiligung Gottes, schließt aber nicht notwendigerweise den Tod ein, sondern hat das Leben als Inhalt, das Halten der Gesetze, welche nur im Leben vollzogen werden können. Diese Auffassung wurde v. a. vorwiegend in der rabbinischen Tradition vertreten.

Interessant ist, dass das Konzept des Kiddush ha-Schem sich beständig und doch wandlungsfähig in der Geschichte des Judentums gezeigt hat. Weil das Kiddusch ha-Schem ein identitätsstiftendes Element im Judentum ist, lässt dies vielleicht auf einen Grund für seine Beständigkeit schließen und soll im Folgenden erschlossen werden. Auf der anderen Seite ist zu erforschen, ob und wann es einen Bedeutungswandel des Begriffes gegebenen hat und letztlich auch warum sich sein Verständnis geändert hat.

Insgesamt ist das Thema brisant und aktuell, denn es streift die Disziplinen Ethik, Religion, Theologie und Geschichte und beschäftigt sich mit allen existenziellen Fragen, dem Sinn des Lebens.

Schließlich ist somit eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Märtyrertodes zu suchen: Lässt sich eine Theodizee-Relevanz im Kiddusch ha-Schem erkennen und impliziert es somit sowohl eine eschatologische als auch eine soteriologische Dimension ?

1.2 Methodischer Zugang

Damit die Bedeutung des Kiddusch ha-Schem als auch das damit verbundene jüdische Selbstverständnis evident werden kann, ist es notwendig, im Hauptteil mit einigen Grundzügen des Konzeptes von Kiddusch ha-Schem zu beginnen, um somit eine Definition des Begriffes herauszuarbeiten.

Um das eingangs genannte identitätsstiftende Moment und vor allem die dazu notwendige Relevanz des Kiddusch ha-Schem als auch seine Begriffsentwicklung vollständig darstellen zu können, soll dann der Bedeutungswandel des Kiddusch ha-Schem in seiner historischen Entwicklung in den einzelnen Epochen differenziert dargestellt und gegenübergestellt werden. Wobei ich hier aber nicht im großen Umfang auf die historischen Ereignisse an sich eingehen werde, sondern mich hauptsächlich auf die verschiedenen Bedeutungsformen des Kiddusch ha-Schem im Kontext zur Geschichte beziehen möchte.

Im Schlussteil werde ich einen Antwortversuch auf die eingangs aufgeworfenen Fragen vornehmen, indem ich die Behauptung untermauern werde, dass sich die Bedeutung des Kiddusch ha-Schem definitiv gewandelt hat und eine große Sinnhaftigkeit im Judentum besitzt.

2 Hauptteil

2.1 Begriffsdefinition und die Grundzüge des Konzeptes von Kiddusch ha-Schem im Wandel seiner historischen Entwicklung

Zunächst einmal ist zu erwähnen, dass weder Kiddusch ha-Schem noch Chillul ha-Schem als Verbalsubstantive in der Bibel belegt sind und eher nachbiblisch geprägt worden sind. Zum einen gibt es die These von Kaduschin, dass das Kiddusch ha-Schem auf das dreimalige kadosch in Jes 6 zurückgeht. Und ein anderer Standpunkt von Gruenwald bezieht sich auf Num 20, weil sich dort die drei Aspekte der Heiligung Gottes finden lassen, nämlich erstens die Heiligung Gottes in der Öffentlichkeit, die Demonstration der Macht Gottes und zweitens die Möglichkeit des Menschen Gott zu heiligen, bzw. zu entweihen.[2]

Die jüdischen Martyriumsberichte gehen zurück in die Zeit der Makkabäer. Das um 100 v.d.Z. verfasste 1.Makkabäerbuch berichtet im ersten Kapitel von der Leidenszeit des jüdischen Volkes unter Antiochus IV Epiphanes. Wer sich der Hellenisierungspolitik des Königs widersetzte, sollte sterben. Wer im Besitz der Bundesrolle war oder das Gesetz hielt, wurde zum Tod verurteilt. Schon damals zog das jüdische Volk den Tod vor, als dass es die heiligen Gesetze übertrat. So heißt es im 1 Makk 62 f: „Dennoch blieben viele aus Israel stark und aßen und tranken nichts, was unrein war. Lieber wollten sie sterben, als sich durch Speisen unrein zu machen und den heiligen Bund zu entweihen. So starben sie.“ Allerdings wird hier der Tod der Märtyrer als Sühnetod verstanden. Die Leiden, die durch das Sterben im Namen Gottes erlitten werden, galten nach damaliger Vorstellung als gerechte Strafe Gottes, für die von den Juden begangenen Sünden.[3] Durch die Sühnewirkung des Martyriums lässt sich eindeutig ein soteriologischer Sinn erkennen. Das Volk hofft, dass Gott am Ende der Zeiten sein Volk erlösen wird und Gottes Gerechtigkeit über die Mörder der Juden richten wird.

[...]


[1] Lenzen , Verena, Jüdisches Leben und Sterben im Namen Gottes, München 1995, S. 45.

[2] Reeg, Gottfried, Qiddush ha-Schem – Rabbinische Bezeichnung für das Martyrium?, in: Frankfurter Judaistische Beiträge Heft 30, Frankfurt am Main 2003.

[3] Baumeister , Theofried, Die Anfänge der Theologie des Martyriums, Münster 1980, S. 38-39.

Details

Seiten
12
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638890038
ISBN (Buch)
9783638890137
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82945
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Judaistik
Note
2,3
Schlagworte
Bedeutung Kiddusch Selbstverständnis Hauptseminar Kiddusch ha-schem Judentum

Autor

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