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Schweitzers Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ - Darstellung einer mystischen Ethik

Hausarbeit 2007 23 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Hinführung

2. Schweitzers Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“

3. Einordnung der Ethik Schweitzers

4. Fokussierung auf wesentliche Aspekte
4.1. Der Wille zum Leben
4.2 Das mystische Erlebnis
4.3 Göttlichkeit?
4.4. Heiligkeit und Schuld

5. Folgerungen aus der ‚Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben’
5.1 Moralische Schuld bei Entscheidungszwang
5.2 Ein höherer Wert menschlichen Lebens?
5.3. Sind Tiere moralisch?
5.4 Eine Pflicht des Beachtens?
5.5 Verantwortungsvolles Handeln

6. Fazit

7. Literatur

1. Hinführung :

Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben hat herausragende Bedeutung für heutige Tier- und Naturschutzorganisationen. Das intuitive Gefühl, das die den Menschen umgebende Natur eines Schutzes bedarf, findet in Albert Schweitzers ‚Ethik der Ehrfurcht’ vor dem Leben eine Grundlegung. Inwiefern sich diese Grundlegung in markanten Punkten von herkömmlichen ethischen Modellen unterscheidet, soll unter anderem in dieser Arbeit dargestellt und diskutiert werden.

Zunächst wird seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“ zusammengefasst dargestellt und daraufhin in den Kontext ethischer Perspektiven eingeordnet.

Daran knüpft die gesonderte Darstellung einzelner Aspekte des Konzepts Schweitzers an: Zunächst die Grundidee Schweitzers, der Wille zum Leben, daraufhin das mystische Ereignis, durch welchen ein Lebenswille erst vollkommen offenbar wird, sowie Schweitzers Verständnis von Göttlichkeit und seine Idee der Heiligkeit, welche das Moment der Unheiligkeit, d.h. Schuld umfasst.

Daran schließt sich der letzte Abschnitt an, in welchem die Folgerungen, d.h. Konsequenzen, Fragen, Probleme aber auch Chancen, die aus Schweitzers Ethik erwachsen, dargestellt werden. Hier wird zunächst das Problem der moralischen Schuld bei Entscheidungszwang dargestellt und die aus Schweitzers Weltanschauung ableitbare Konsequenz des Stellen wertes des Menschen. Mit diesem Gedanken eng verknüpft ist die Frage Patzigs, ob Tiere so etwas wie eine Fähigkeit der Moralität besitzen.

Den Abschluss bilden die Herleitung, ob Menschen eine Pflicht zur Hilfe und Beachtung tierischer Belange in ihrer Umwelt haben sowie die Darstellung des Essentiellen in Schweitzers Ethik, sein Plädoyer für die erhöhte Verantwortung des Menschen.

2. Schweitzers Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“

Schweitzer geht von einer Auffassung des menschlichen Denkens aus, welches er als Auseinandersetzung zwischen menschlichem Wollen und Erkennen charakterisiert. Nur solches Denken ist als das Wahrhafte zu bezeichnen, in welchem der Wille die wahre Erkenntnis des Menschen zulässt.[1] Dieses wahre Erkennen nun, die Erkenntnis der Wahrheit, ist nach Schweitzers Auffassung die wesentliche Aufgabe jedes Menschen und besteht darin, das Geheimnis des Willens zum Leben[2] zu entdecken.

Dieser Wille zum Leben wird dem Menschen nur durch ein mystisches Erlebnis erfahrbar. Um ein solches, d.h. eine Versenkung in sich selbst erleben zu können, bedarf es jedoch seiner grundsätzlichen Lebensbejahung. Da der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich in anderes Leben hinein versetzen und mit ihm empfinden zu können, folgt aus dem Erkennen des eigenen Willens zum Leben die Einsicht, dass sich dieser in aller belebten Materie auf Erden befindet.[3] Dieser Prozess wird auch als „Einswerdung mit dem Sein“ beschrieben und aus ihr resultiert die Erkenntnis, welche Schweitzer für die „umfassendste Tatsache wahrer Philosophie“ hält: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“[4]

Aus dem eigenen Willen zum Leben und der Sehnsucht nach dem Weiterleben, aber zugleich der Angst vor Vernichtung[5] folgt die Ethik Schweitzers: Es besteht die Notwendigkeit, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht entgegenzubringen wie dem Eigenen. Gut ist danach, Leben zu fördern und zu erhalten, böse dagegen ist es, Leben zu vernichten und zu hemmen.[6]

Der Mensch handelt diesen ethischen Grundprinzipien im Verlaufe seines Lebens permanent zuwider, da er allein um seiner eigenen Existenz Willen das Leben in seiner Umwelt töten und schädigen muss.

Nach Schweitzers Auffassung besteht die Konsequenz für die Lebenszerstörung durch den Menschen in seiner moralischen Schuld. Der Mensch muss sich dieser Schuld gewiss werden, fortwährend Leben zu zerstören und zu schädigen, sei es im Tier-, Pflanzenreich oder bei anderen Menschen. Aus der Einsicht in seine Schuld resultiert die „Fähigkeit zu grenzenlosem Verzeihen“[7] des Menschen gegen seine Umwelt.[8] Durch „Nötigung zur Wahrhaftigkeit gegen sich selbst“[9] bildet der Mensch eine Ehrfurcht vor dem Leben aus, die in einer Sehnsucht nach Lebenserhaltung und -förderung[10] erkennbar wird.

Die Wahrhaftigkeit gegen uns selbst, gleichsam der Kampf gegen das Böse in uns selbst, ist der entscheidende Schritt dazu, aus dem Menschen einen besseren Menschen zu machen. Schweitzer selbst sagt hierzu: „Wahre Ethik fängt da an, wo der Gebrauch der Worte aufhört.“[11]

Um eine solche Ethik ohne Worte, ein besseres Handeln aus dem Inneren des Menschen heraus zu erreichen, bedarf es vor allem der Vermeidung der Gedankenlosigkeit, Schweitzer spricht davon, dass die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben das „Beobachten, Überlegen und Entschließen des Menschen stetig und nach allen Seiten hin durchdringt,“[12] der Mensch also seine Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber seiner Umwelt schärft. Zum anderen bedarf es eines Kampfes des Menschen gegen seine egoistischen Bestrebungen, die auch als „Selbstentzweiung des Willens zum Leben“[13] beschrieben werden. Schweitzer proklamiert ein Handeln im Sinne der Allgemeinheit, welche nicht nur seine Mitmenschen, sondern auch Mitgeschöpfe umfassen.

Schweitzers Ethik appelliert an das ständige Abwägen des Menschen zwischen seinen egoistischen Bestrebungen der von ihm permanent verursachten Tötung und Schädigung des Lebens in seiner Umwelt. Falls keine absolute Notwendigkeit des Tötens von Leben besteht, so ist der Handelnde ethisch dazu verpflichtet, das Leben auch zu schützen und zu retten.[14]

3. Einordnung der Ethik Schweitzers

Die von Schweitzer vertretene ‚Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben’ gilt gemeinhin als eine bedeutende und sehr weit greifende biozentrische Position. Alles Lebende wird zu einem direkten Objekt ethischer Stellungnahme. Damit wird die Sphäre der ethisch-behandelten Objekte viel weiter gefasst, als dies die Praxis in den beiden anderen zentralen Richtungen, dem Pathozentrismus und dem Anthropozentrismus ist.

Die anthropozentristische Sichtweise fasst allein den Menschen als das Objekt ethischer Urteile und Überlegungen auf. Die gängigste Argumentationslinie beruft sich dabei auf die Vernunftfähigkeit des Menschen und rekurriert damit auf die Ethik Kants.[15]

Im Pathozentrismus liegt die zentrale Voraussetzung für moralische Rücksichtnahme im Begriff des „Pathos“ begründet. Damit wird das Vermögen bezeichnet, körperlichen Schmerz oder körperliches Wohlbefinden zu erleben. Der Mensch wird gemeinsam mit allen anderen Wesen, die über ein Wohl- und Schlechtergehen verfügen, als moralisches Objekt verstanden.[16]

Während Anthropozentrismus aber auch Pathozentrismus relativ oft vertretene ethische Positionen sind, wird die biozentrische Position in selteneren Fällen herangezogen.

4. Fokussierung auf wesentliche Aspekte

Im Folgenden soll auf die wesentlichen Bestandteile des ethischen Modells Albert Schweitzers näher eingegangen werden. Darunter fallen der Wille zum Leben, die Grundlage des intrinsischen Wertes des Lebens, die Voraussetzung zur Erkenntnis dieses intrinsischen Wertes durch das mystische Erlebnis, weiterhin die den intrinischen Wert des Lebens begründenden Begriffe Heiligkeit (und deren Gegensatz Unheiligkeit, bzw. Schuld) sowie die Göttlichkeit.

4.1. Der Wille zum Leben

Schweitzer entwickelt mit dem „Willen zum Leben“ die Gemeinsamkeit alles belebten Seins auf der Erde. Er spricht, und das ist das Bemerkenswerte an seiner Ethik, allem Leben einen gleichbedeutenden (d.h. gleichwertigen) Willen zum Leben zu.[17]

Betrachtet man die Unterschiede zwischen einem Menschen, einer Pflanze und einem Bakterium, so fällt es nicht nur intuitiv schwer, von einem gleichen Willen zum Leben zu sprechen. Wie kann einer Pflanze oder einem Insekt der gleiche Wille zum Leben wie einem Menschen zugestanden werden?

Bevor auf diese Frage näher eingegangen wird, soll zunächst der Begriff des ‚Willens’ näher betrachtet werden. Ein Wille kann sich schon intuitiv nur solchen Lebewesen zuordnen lassen, die über ein Bewusstsein und kognitive Fähigkeiten verfügen, um durch die Verwendung dieser zu einem Abwägen von Möglichkeiten und schließlich dem Fällen von Entscheidungen fähig zu sein. Als Wille gilt grundsätzlich die

„menschliche Fähigkeit, sich auf Grund von Motiven und in bewusster Stellungnahme zu ihnen für Handlungen zu entscheiden[…], im Unterschied zu Trieb, Instinkt und Begehren. “ Ein vollständiger Willensvorgang umfasst ein Motiv, einen Entschluss und eine Willenshandlung.[18]

Eng mit dem Begriff des ‚Willens’ ist die Vorstellung des freien Willens[19] verbunden, welcher jedoch in diesem Zusammenhang nicht weiter thematisiert werden soll. Entscheidend ist hier, dass ein Wille gemeinhin als menschliche Eigenschaft bzw. Qualität gilt, weswegen das Faktum interessant ist, dass Schweitzer allem Lebendigen einen Willen (zum Leben) zuspricht.

Es muss also davon ausgegangen werden, dass sich ein Wille zum Leben von dem menschlichen Willen an sich unterscheidet.

[...]


[1] Vgl.: A. Schweitzer: Kultur und Ethik. Kulturphilosophie. Zweiter Teil, München 1923. S. 237.

[2] Vgl.: Ebd., S. 237.

[3] Albert Schweitzer schreibt hierzu auch: „Ethik entsteht dadurch, dass der Mensch die Weltbejahung, die mit der in ihm veranlagten Lebensbejahung gegeben ist, konsequent zu Ende denkt und zu verwirklichen versucht.“ (Ebd., S.237.)

[4] Ebd., S. 239.

[5] Vgl.: Ebd., S. 239.

[6] Vgl.: Ebd., S. 239.

[7] Ebd., S.245f.

[8] Vgl.: Ebd., S.245. Schweitzer spricht in diesem Sinne nicht nur vom Töten von Leben, sondern von den vielfältigen Formen der Lebensschädigung des Menschen in seiner Umwelt, insbesondere gegenüber anderen Menschen: „Weil mein Leben so vielfach mit Lüge befleckt ist, muss ich Lüge, die gegen mich begangen wird, verzeihen; weil ich selber so vielfach lieblos, gehässig, verleumderisch, hinterlistig, hoffärtig bin, muss ich alle gegen mich gerichtete Lieblosigkeit, Gehässigkeit, Verleumdung, Hinterlist und Hoffart verzeihen.“ (Ebd., S. 245f.)

[9] Ebd., S.246.

[10] Vgl.: Ebd., S.248f.

[11] Ebd., S.246.

[12] Vgl.: Ebd., S.247.

[13] Vgl.: Ebd., S.248.

[14] Schweitzer verdeutlicht dies an einem Beispiel: „Der Landmann, der auf seiner Wiese tausend Blumen zur Nahrung für seine Kühe hingemäht hat, soll sich hüten, auf dem Heimweg in geistlosem Zeitvertreib eine Blume am Rande der Landstraße zu köpfen, denn damit vergeht er sich an Leben, ohne unter der Gewalt der Notwendigkeit zu stehen.“ (Ebd., S. 249)

[15] Vgl.: Helena Röcklingsberg: Das seufzende Schwein. Zur Theorie und Praxis in deutschen Modellen zur Tierethik, Erlangen 2001, S.85.

[16] Vgl.: Ebd., S. 123.

[17] Schweitzer: Kultur und Ethik, S.247f.

[18] Vgl.: A. Pfänder, et. al.: Wille. In: Johannes Hoffmeister (Hg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Hamburg 1955, S.670.

[19] Nur am Rande sei diesbezüglich erwähnt: Der freie Wille oder die Willensfreiheit besteht aus der Wahl zwischen zwei oder mehr Möglichkeiten, von denen grundsätzlich jede gewollt werden kann. Willensfreiheit besteht aus dem unmittelbaren Erleben, eine aktive Wahl treffen zu können auf Grund von Motivfreiheit oder Unentscheidbarkeit zwischen verschiedenen Zielen und Wegen.

(Vgl.: Pfänder, et. al.: Willensfreiheit. In: Ebd., S.670f.)

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638891974
ISBN (Buch)
9783638892049
DOI
10.3239/9783638891974
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Philosophisches Seminar
Erscheinungsdatum
2008 (Januar)
Note
1,7
Schlagworte
Schweitzers Ethik Leben“ Darstellung Ethik Rändern Lebens

Autor

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Titel: Schweitzers Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ - Darstellung einer mystischen Ethik