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Georg Simmel - Über Emotionen in Liebesbeziehungen: Darstellung und Kritik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 23 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Emotionen
2.1 Soziale Wirkung von Emotionen
2.1.1 Form der Weltaneignung
2.1.2 Bindemittel der Gesellschaft
2.2 Soziale Ursachen von Emotionen

3. Die Rolle der Zweizahl

4. Emotionen in Liebesbeziehungen
4.1 Die Liebe
4.2 Die Treue
4.3 Das Taktgefühl
4.4 Die Eifersucht

5. Kritik

6. Bibliographie

1. Einleitung

Die mit der Geldwirtschaft einhergehende Betonung des Intellekts und die damit verbundene Versachlichung zwischenmenschlicher Beziehungen, führt laut Simmel zu einer „eigentümlichen Abflachung des Gefühlslebens“ (2001: 484), als ein typisches Zeichen der Moderne. Geld als universales Mittel ermöglicht die Kommunikation über alle zeitlichen und räumlichen Grenzen hinweg, wodurch dem Individuum völlig neue, zugleich aber auch viel komplexere Handlungsmöglichkeiten erwachsen. Dieser verlangen nach einem sorgfältigen und planerischen Umgang mit den vorhandenen Mitteln, erlauben zugleich aber auch die Verfolgung weit in der Zukunft liegender Zwecke. Man spart, kalkuliert und investiert, um zu einem späteren Zeitpunkt den Gewinn davon zu tragen. Vor der Ausbildung der Geldwirtschaft war der „Genuss von Endzwecken“ deshalb viel häufiger als in der Moderne, wo „der Zweck der Stunde so viel häufiger über die Stunde hinaus, ja über den Gesichtskreis des Individuums hinausliegt“ (Simmel 2001: 482). Gefühlswerte, so Simmel weiter, knüpfen sich aber immer „an die Zwecke, an die Haltepunkte des Handelns, deren Erreichtheit nicht mehr in die Aktivität, sondern nur in die Rezeptivität unserer Seele ausstrahlt. Je mehr solche Endstationen unser praktisches Leben enthält, desto stärker wird sich also die Gefühlsfunktion gegenüber der Intellektfunktion betätigen.“ (2001: 481).

Trotz der ähnlich lautenden Diagnose einer „Entzauberung der Welt“ von Max Weber und der sich durchsetzenden Handlungsorientierung an zweckrationalen Gesichtspunkten, verschwinden Emotionen aber dennoch nicht aus der Gesellschaft. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Mit Beginn der Postmoderne vollzieht sich eine zunehmende Lockerung der Affektkontrolle, emotionale Prozesse werden versprachlicht und informalisiert. Emotionale Befindlichkeiten erweisen sich als diskursfähig, dürfen und müssen ausgelebt und dargestellt werden (Gerhards 1988: 235). Auch das kulturelle Ideal der romantischen Liebe bleibt gewissen Wortmeldungen zufolge in modernen westlichen Gesellschaft nicht bloss erhalten, es gewinnt vielmehr an Bedeutung, dergestalt, dass Liebe gleichsam als neuer Ort der Sinnstiftung, als „irdische Religion“ (Beck 1990 231 zit. nach Lenz 2003: 278) erfahren wird. Damit ist auf einen sozialen Raum hingewiesen, wo sich intime Gefühle kultivieren können und wo ihnen nach wie vor eine fundamentale Rolle zukommt: in den persönlichen Beziehungen. Mit Blick auf Georg Simmel vermutet deshalb Birgitta Nedelmann, „…dass emotionales Handeln mit zunehmender Modernisierung nicht insgesamt abnimmt, sondern bereichsspezifisch differenziert wird“ (1983: 178).

Emotionen haben in der Soziologie lange ein Schattendasein gefristet und wurden erst Mitte der 1970er Jahre einer systematischen Forschung zugeführt (Flam 2002: 117). Zeitlich etwas verzögert hat in den 1980er Jahren eine eigentliche Simmel-Renaissance begonnen, wodurch dieser Pionier der Soziologie gleichermassen als ein Klassiker der Emotionssoziologie wiederentdeckt worden ist. Emotionen sind gemäss Simmel soziologisch insofern interessant, als sie „zu jenen gleichsam mikroskopischen, aber unendlich zähen Fäden [gehören], die ein Element der Gesellschaft an das andere und dadurch schliesslich alle zu einem formfesten Gesamtleben aneinanderhalten“ (1992: 670). Indem sich Emotionen für den Soziologen

immer erst im sozialen Raum realisieren und dieser zugleich auf sie zurückwirkt, d.h. einerseits zur Strukturierung der Wirklichkeit beitragen und durch diese selbst strukturiert werden, grenzt Simmel sich in der Behandlung von Emotionen von der Psychologie und dem oft erhobenen Vorwurf des psychologischen Reduktionismus ab und beweist, dass die „wissenschaftliche Behandlung seelischer Tatsachen noch keineswegs Psychologie zu sein braucht“ (Simmel 1992: 36). Simmel behandelt aber nicht nur als einer der ersten Soziologen überhaupt die Wichtigkeit von Gefühlen im Prozess der Vergesellschaftung, sondern richtet sein Augenmerk ebenso auf die „mikroskopisch-molekularen Vorgänge“ (ebd.), welche sich schon nur zwischen zwei Menschen abspielen. Für lange Zeit haben die grossen sozialen Gebilde das Interesse der Soziologie für sich beansprucht, obwohl es „…die, nur der psychologischen Mikroskopie zu gängigen Wechselwirkungen zwischen den Atomen der Gesellschaft [sind], die die ganze Zähigkeit und Elastizität, die ganze Buntheit und Einheitlichkeit dieses so deutlichen und so rätselhaften Lebens der Gesellschaft tragen“ (ebd.: 33). Anhand Simmels sensibler und differenzierter Wahrnehmung erklärt es sich, dass er den soziologischen Prozessen, welche nur zwischen zwei oder drei Menschen sich vollziehen, eine besondere Aufmerksamkeit zufallen lässt bzw. Gegenstand und Problem der Soziologie an dyadischen und triadischen Interaktionen überhaupt erst entwickelt. So gab er auch wichtige Anstösse bei der Entwicklung der Mikrosoziologie (Dahme 1981: 106, 110).

Damit wurden verschiedene Aspekte der vorliegenden Arbeit angesprochen. Im ersten Kapitel geht die Arbeit einerseits auf Emotionen als ein Konstruktionsmodus sozialer Wirklichkeit ein, andererseits fragt sie nach den sozialen Entstehungsbedingungen von bestimmten Emotionen. Für den ersten Fall wird gezeigt, wie Emotionen den Akteuren als Mittel zur Komplexitätsreduktion dienen und so eine Funktion wahrnehmen, die kognitive Prozesse nicht ausfüllen könnten. Im zweiten Fall sollen die sozialen Entstehungsbedingungen am Beispiel einer konkreten Emotion, der Dankbarkeit, skizziert werden. Gemäss Gerhards

impliziert die Simmelsche Analyse, dass der den sekundären Emotionen zugrunde liegenden Wechselwirkungsprozess à la Theodor Kemper nach den Dimensionen Macht und Status aufgeschlüsselt werden kann. Gemäss Simmel können Emotionen zwischenmenschliche Beziehungen sowohl stabilisieren, wie auch zerstören, sind als „unentbehrlicher Kitt jeder Gruppe“ (1921: 31 zit. nach Nedelmann 1983: 177) aber notwendig für die Integration der Gesellschaft. Kapitel vier handelt deshalb von den verschiedenen Merkmalen, Funktionen und Wirkungsweisen primärer und sekundärer Emotionen am Beispiel der Liebesbeziehung. Bei letzteren handelt es sich um einen besonderen Strukturtypus persönlicher Beziehungen, für welche das kulturelle Muster „romantischer Liebe“ konstitutiv ist. Nebst dieser Emotion sollen drei weitere behandelt werden: Treue, Takt und Eifersucht. Im täglichen Umgang miteinander spielt das Taktgefühl eine wichtige Rolle. Da in modernen Gesellschaften „schwierige

Bedingungen“ (Flam 2002: 41) für dieses Gefühl bestehen, scheint es interessant darauf näher einzugehen. Da eine Liebesbeziehung lediglich eine besondere Form einer Beziehung zwischen zwei Menschen darstellt, sollen die wichtigsten Bemerkungen Simmels zu Dyaden als drittes Kapitel dem Vierten vorangestellt werden. Simmels These lautet, dass die Anzahl der an einer sozialen Beziehung beteiligten Akteure allein schon gewisse Gefühlsinhalte zu erklären vermag. Das fünfte und letzte Kapitel der Arbeit schliesst mit einer Kritik der vorgestellten Inhalte.

2. Emotionen

In der Alltagswelt werden Emotionen als subjektiver und intimer Sachverhalt gedeutet, der unmittelbar an das Individuum bzw. dessen Psyche und Leiblichkeit gebunden ist und zu

dessen Erklärung und Bedeutung deswegen psychologische Kategorien am meisten angebracht scheinen. Emotionen gelten immer auch als unerklärliche und unbeständige Phänomene, welche sich dem Einfluss des Subjekts grundsätzlich entziehen. Sie führen ein biologisch bestimmtes, aber dennoch „eigenständiges“ Leben, das immer schon vor und deshalb auch fern von verstandesmässigem Denken und Handeln existiert. Es wird weiter angenommen, dass Emotionen von allen Menschen gleich erlebt werden, also keinen zeitlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen sind. Da auf sie keine rationalen Kategorien anwendbar scheinen, wurden sie ebenso von der Wissenschaft lange Zeit ignoriert bzw. zum Gegenstandsbereich der Psychologie erklärt – auch dort waren sie mehr oder weniger zu einer Randexistenz verurteilt (Gerhards 2003: 250-253). Erst seit Mitte der 1970er Jahre

zeigten sich in der Soziologie Bemühungen, die Bedeutung des Sozialen im Zusammenhang mit Emotionen zu thematisieren. Fussend auf klassischen Arbeiten von Max Weber, Emile Durkheim und Georg Simmel, teilt sich die Emotionssoziologie von Anbeginn in zwei grosse Lager. Auf der einen Seite werden Emotionen als „unabhängige Variablen“ thematisiert,

welche – ähnlich wie kognitive Leistungen - die soziale Wirklichkeit auf eine spezifische Weise strukturieren, vereinfachen und so Handlungsorientierung bieten. In den Beiträgen von Theodor Kemper und anderen Wissenschaftlern kommen Emotionen als „abhängige Variablen“ in Betracht, d.h. es geht um die Frage, wie Emotionen überhaupt entstehen. Gemäss

Theodor Kempers Ansatz können diese aus den soziostrukturellen Bedingungen abgeleitet werden, d.h. Emotionen sind vereinfacht gesagt spezifische Reaktionen auf unterschiedliche Macht- und Statuskonfigurationen, welche in der Interaktion zwischen Alter und Ego offenbar werden (Gerhards 1988: 123-136). Vertreter des Symbolischen Interaktionismus fügen dem kritisch hinzu, dass bei der Genese von Emotionen zusätzliches Gewicht auf die individuelle Deutungsleistungen und kulturellen Kodierungen gelegt werden muss. Aus der Interaktion mit der Umwelt werden im Organismus diffuse physiologische Erregungen ausgelöst, welche von den Akteuren überhaupt erst als bestimmte Emotionen interpretiert werden müssen. Darüber hinaus existieren kulturelle Deutungsmuster, die in Form von Gefühlsregeln das Individuum anleiten, welche Emotionen sie in einer konkreten Situation möglichst fühlen und ausdrücken sollen. Mittels sog. „Ausdrucksarbeit“ und „Emotionsarbeit“ versucht das Individuum diesen Orientierungen nachzukommen, d.h. den korrekten Emotionsausdruck bzw. die Emotion selbst herzustellen (Lenz 2003: 254). Da beide Theorierichtungen in den Simmelschen Beiträgen über Emotionen implizit angelegt sind, sollen sie in den folgenden Abschnitten näher behandelt werden. Im Unterkapitel 2.1 geht darum, wie Emotionen die soziale Wirklichkeit auf spezifische Weise strukturieren, umgekehrt soll im Unterkapitel 2.2 dargestellt werden, wie Emotionen selbst in einem sozialen Kontext verankert sind und von diesem mitbestimmt werden.

2.1 Soziale Wirkung von Emotionen

2.1.1 Form der Weltaneignung

Der Mensch ist nach Gehlen ein „instinktreduziertes“ Wesen, dessen genetischer Code sein Verhältnis zur Welt nicht hinreichend zu bestimmen vermag. Im Vergleich zum Tier verfügt der Mensch aber in hohem Masse über kognitive Fähigkeiten, welche ihn zu der Welt in Bezug setzen und zu deren Strukturierung beitragen – für sich genommen aber noch keine spezifische Handlungsanleitung bieten. Vielmehr entsteht durch einen kognitiv vermittelten

Zugang zur Welt eine Vielzahl von potentiellen Handlungsmöglichkeiten, so dass eine Reizüberflutung entsteht. In seiner „Philosophie des Geldes“ nennt Simmel den Intellekt, als

Synonym zur Kognition interpretiert, auch den „indifferente[n] Spiegel der Wirklichkeit, in der alle Elemente gleichberechtigt sind…“. Geld, nebst dem Intellekt ein weiter Modus der Wirklichkeitskonstruktion, sieht auf ähnliche Weise „alle Personen [als] gleichwertig, nicht, weil jede, sondern weil keine etwas wert ist, sondern nur das Geld“ (2001: 483). Emotionen, als „basale Form der Weltaneignung“ (Gerhards 1988: 47) kommt die Funktion zu, die intellektuell oder geldmässig definierten Strukturen einer gewissen Wertigkeit entsprechend zu ordnen und den Raum potentieller Möglichkeiten mittels derer selektiver affektiver Besetzung einzugrenzen. Dies leisten Emotionen, „indem sie die Welt in Wichtiges und Unwichtiges, in nah und fern, in Dazugehöriges und Nichtdazugehöriges, in Solidargemeinschaft und Fremdes“ teilen und so eine „Differenzbildung“ als konstitutives Element eines jeden „sozialen Sinnzusammenhangs“ (Gerhards 1988: 46) ermöglichen bzw. den emotional besetzten Objekten eine herausragende Identität verleihen. Im Unterschied zu Intellekt und Geld, dienen Emotionen gewissermassen als Richtlinien des Handelns, welche das „Übermass struktureller Möglichkeiten“ (Terpe 1999: 31) reduzieren und so dem Sozialen eine Gestalt geben – diese basale Konstruktionsleistung kommt allen Emotionen zu, gleichviel ob es sich um Liebe, Dankbarkeit und Treue, oder Hass, Neid und Eifersucht handelt. Durch Gefühle der Sympathie für eine bestimmte Gruppe wird diese gegenüber der emotional nicht integrierten Aussenwelt abgegrenzt und gleichzeitig gegen Innen stabilisiert (Gerhards 1988: 46). Ist mit der Gruppenmitgliedschaft ein Hass auf andere Gruppen verbunden, verstärkt sich die Differenz zwischen Eigenem und Fremden, die Integrationskraft der Gruppe steigert sich. Diese Integrationsfunktion von Emotionen soll nun angesprochen werden.

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Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638898836
ISBN (Buch)
9783638905060
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83165
Institution / Hochschule
Universität Bern – Institut für Soziologie
Note
1
Schlagworte
Georg Simmel Emotionen Liebesbeziehungen Darstellung Kritik

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Titel: Georg Simmel - Über Emotionen in Liebesbeziehungen: Darstellung und Kritik