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Rezeptionsgeschichte Machiavelli: Hans Joachim Morgenthau

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Kernannahmen des Politischen Realismus

3. Machiavelli
a. Historischer Hintergrund
b. Methode
c. Menschenbild
d. Kernthesen und –aussagen
i. necessità und occasione
ii. fortuna und virtù
iii. Machtbalance / Allianzen
iv. Trennung von Politik und Moral
v. Analyse der Gründe der Krise Italiens und Lösungsvorschlag
vi. Zwischenfazit

4. Morgenthau
a. Historischer Hintergrund
b. Methode
c. Menschenbild
d. Kernthesen und –aussagen
i. Macht, Interesse und Friede
ii. Die 6 Gesetze des politischen Realismus
iii. Machtbalance / Allianzen

5. Einfluss Machiavellis auf Morgenthau
a. Staatsräson / Raison d’état
b. Die Rolle von Moral und Ethik

6. Schluss

7. Appendix
a. Biographische Angaben Niccolò Machiavelli
b. Biographische Angaben Hans Morgenthau

Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Hans Joachim Morgenthau (1904-1980, ausführlichere[1] Biographie im Appendix) war der Begründer und Vordenker des klassischen Politischen Realismus des 20. Jahrhunderts in den Internationalen Beziehungen, einer, wenn nicht der, dominierenden Theorieschulen der Internationalen Beziehungen.

Der Einfluß Machiavellis auf die Theorie des politischen Realismus der internationalen Beziehungen von Hans Morgenthau läßt sich zwar anhand einiger Textstellen in den hauptsächlich untersuchten Werken Il Principe und Discorsi (Machiavelli) und Politics among Nations (Morgenthau) nachweisen, doch bleibt zu hinterfragen, ob die Parallelen unvermittelt entstanden sind oder ob nicht doch andere Denker als Mittler wirkten. In der einschlägigen Literatur zur politischen Ideengeschichte werden hier meist Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau, und für die jüngere Geschichte Nietzsche und Hegel und ganz sicher auch Max Weber genannt.

Machiavelli ist für den erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg als solchen definierten klassischen Politischen Realismus derart wegweisend[2], dass es schon fast zulässig sein könnte, im Umkehrschluss zu fragen, wo sich grundlegende Unterschiede im Denken finden lassen. Augrund des vorgegebenen Umfangs wird die mittelbare, indirekte Beeinflussung über andere Autoren ausgeblendet. So müsste man untersuchen, wieviel Machiavelli sich etwa bei Hobbes wiederfindet und inwiefern dieser wiederum direkt oder über andere Denker den Florentiner Gelehrten beeinflusst hat.

Ausgehend von einer Klärung des gemeinsamen theoretischen Gerüsts der Spielarten des Politischen Realismus, ohne dabei die verschiedenen Spielarten ausführlich berücksichtigen zu können, sollen knapp der jeweilige historische Hintergrund, das zugrundeliegende Menschenbild, die Methode, sowie ausführlicher die Kernthesen und die Argumentation der Autoren untersucht werden, bevor als Synthese die theoretische Beeinflussung unterstrichen wird.

Die vorgelegte Hausarbeit entstand zum Großteil -auf der Basis eines während des Seminars in Köln gehaltenen Referats- während eines Forschungsaufenthaltes an der Universidad Católica Argentina in Buenos Aires, der der Erstellung der Diplomarbeit dient. Ein guter Teil der bearbeiteten Literatur, vor allem Politics Among Nations, war nur auf Spanisch als Política entre las Naciones verfügbar, was den Verfasser vor die Herausforderung stellte, verständlich zu zitieren. Es wird daher aus Morgenthaus Oeuvre nicht selten in indirekter Rede zitiert werden (Das Kapitel über Balance of Power ist online auf Englisch zugänglich und kann korrekt zitiert werden). Sofern wiedergegebenes Wissen nicht gesondert gekennzeichnet ist, handelt es sich zum großen Teil um Inhalte aus Vorlesungen und Seminaren v.a. bei Prof. Dr. Jäger.

2. Kernannahmen des Politischen Realismus

a) Die zentralen Akteure der internationalen Beziehungen sind die Staaten bzw. deren Regierungen, die als gatekeeper fungieren (Zwei-Ebenen-Ansatz). Es wird strikt zwischen innerer und internationaler Politik unterschieden.[3]

b) Staaten streben innerhalb eines feindlichen, anarchischen, internationalen

Systems, als Verbund interagierender Einheiten[4] verstanden, nach Macht als

Selbstzweck oder als Mittel zu anderen Zielen, v.a. dem der Selbsterhaltung. Anarchie bedeutet hierbei das Fehlen einer übergeordneten Sanktionsinstanz, die deviantes Verhalten bestrafen könnte. Es wird zwischen hard power (ökonomische und militärische Aspekte) und soft power (nichtmilitärische, z.B. kulturelle, Einflussmöglichkeiten auf andere Staaten) unterschieden.

Der Machtgewinn eines Staates A impliziert stets einen Machtverlust eines anderen Staates B (Nullsummenspiel). Die Anwendung militärischer Gewalt ist legitimer Bestandteil der Politik.[5]

c) Staaten handeln relativ rational. Ihr Verhalten kann in Kategorien von Vernunft quasi in vitro betrachtet werden.

d) Interessant ist die Betrachtung des Realismus aus institutionalistischer Sicht[6]:

Im Rahmen von zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen dominiert organisierte Gewalt, welche anwendbar und effizient ist. High Politics (Sicherheitsfragen) dominieren Low Politics (Inneres und Wirtschaft).

e) Der Hauptunterschied zwischen den grossen Varianten des klassischen

(Morgenthau) und des strukturellen (Waltz) (Neo-)Realismus besteht in einer unterschiedlichen Wahrnehmung des zentralen Erklärungsansatzes: im klassischen Realismus steht die menschliche Natur im Vordergrund und im Neo- oder strukturellen Realismus eher systemische Faktoren.

3 a Historischer Hintergrund von Machiavellis Werk

Die Discorsi sopra la prima deca ti Tito Livio (Erörterungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius) wurden zwischen 1513 und 1519, während Machiavellis erzwungener politischer Inaktivität, geschrieben, und nach seinem Tod 1531 gedruckt. Der Principe entstand 1513 während einer Unterbrechung der Arbeit an den Discorsi[7] sozusagen als spin-off.

Machiavelli entwickelt eine Krisenwissenschaft, wie auch Arisoteles und Platon auf der Folie der Krise Athens dachten: das Italien des Machiavelli war eine Bühne für andauernde Konflikte und Florenz, die „Stadt, die seit Generationen die offenste, lebendigste und intelligenteste in dem an sich schon bevorzugten Italien war“, „wurde zum nie dagewesenen Experimentierfeld der Politik im Wechsel der verschiedensten Verfassungen“[8]. Italien war den mit hoher Frequenz einfallenden ausländischen Mächten militärisch nicht gewachsen, die sich, wie Frankreich und Spanien, als Nationalstaaten zu formieren begannen.[9] Machiavelli selbst bringt es auf den Punkt: „Italien [wurde] von Karl durchquert, von Ludwig geplündert, von Ferdinand überwältigt und von den Schweizern entehrt“[10]. Es war eine hochdynamische Zeit, die Renaissance dauerte in Italien bereits seit dem 13. Jahrhundert an.

Über die Entdeckung Amerikas bzw. der als solcher angenommenen Westroute nach Indien verliert Machiavelli bemerkenswerterweise selbst im Zusammenhang mit der Charakterisierung Ferdinands von Aragon kein Wort[11], was die Frage aufwirft, ob die Bedeutung der neuen Entdeckungen damals überhaupt in das Denken vorgedrungen war.

Die Renaissance, als Wiederentdeckung der Antike verstanden und sich auch selbst als eigene Epoche begreifend, findet ihren Ausdruck auch in der Arbeit Galileo Galileis, eines Zeitgenossen Machiavellis, der ausgehend von Archimedes mechanische Gesetze des Laufes der Himmelskörper suchte. Ihm gleich[12] ging es Machiavelli darum, gestützt auf die Analyse antiker Autoren wie des erwähnten Titus Livius, Thukydides und auch Tacitus, Gesetze der Politik zu formulieren[13]. Die Renaissance brachte einschneidende soziale und politische Veränderungen mit sich: die Individualisierung des Menschen, die Transformation der mittelalterlichen Gemeinden in frühneuzeitliche Gesellschaften und die damit verbundene, vernunftgesteuerte, theoretische Neubstimmung des Staates.[14]

Vor jenem Hintergrund eines Italiens in der Opferrolle ging es Machiavelli um eine (erzwungene) Einigung Italiens unter der Führung eines starken Fürsten aus dem Geschlecht der Medici, mit dessen Schicksal der Autor stark verbunden war, der die Invasoren oder „Barbaren“ vertreiben solle[15]. Der Principe läßt sich durchaus als Handlungsanweisung für diesen (bzw. eine Republik) verstehen, an einer Stelle der Discorsi gar zum Masterplan verdichtet[16].

Nah heran an das Idealbild des Fürsten, des uomo virtuoso, gelangt Cesare Borgia, der Valentino, trotz seiner aus heutiger (und damals vielleicht nicht minder) grausam erscheinenden Herrschaft.[17] Der Patriot[18] Machiavelli hatte ihn während seiner diplomatischen Missionen aus der Nähe beobachten können, analysierte seinen Erfolg und beschwor geradezu seine Führerschaft.[19]

3 b) Methode

Der Florentiner argumentiert durchgehend historisch. Kaum eines der weit über hundert Kapitel der Discorsi oder der 26 Kapitel des Fürsten bleibt ohne mehrere historische Belege für die jeweils formulierte konkrete Handlungsempfehlung. Machiavelli selbst erklärt seine Methode im 39. Kapitel des ersten Buches der Discorsi (besser als im ersten): „Bei Betrachtung der gegenwärtigen und alten Begebenheiten erkennt man leicht, dass bei allen Städten und Völkern von jeher die gleichen Wünsche und Stimmungen herrschten. Wer also sorgfältig die Vergangenheit untersucht, kann leicht die zukünftigen Ereignisse in jedem Staat vorhersehen und dieselben Mittel anwenden, die von den Alten angewandt wurden, [...]“.

Das große Vorbild ist Rom.

An dieser Imitation und Anwendung antiken politischen Wissens mangele es den Staatsmännern. Es muss daran erinnert werden, dass der Autor selbst Theorie und Praxis durch sein Leben in einer Weise, wie es später vielleicht vergleichbar Henry Kissinger ähnlich gelingen sollte, miteinander in Verbindung brachte (s. biographische Angaben). Dem Florentiner Diplomaten wird nachgesagt, in 23 Missionen ins Ausland 15.000 km auf dem Pferderücken verbracht zu haben.[20]

Machiavellis Werk ist also teleologisch und daher ist es „angemessener, der Wirklichkeit der Dinge nachzugehen als den blossen Vorstellungen über sie.“[21] Es geht dem Verfasser nicht wie den humanistischen Autoren um Utopien, sondern um „die realhistorischen Möglichkeiten der Rettung Italiens aus Korruption, Zersplitterung und Fremdherrschaft.“[22] Das Kappen der bis dato in der politischen Philosophie herrschenden „metaphysisch verankerten“ Norm der Verbindung zwischen politischem und moralischem Handeln ist ihm bewusst. Die alte Vorstellung ist für ihn angesichts der stattfindenden Ereignisse schlicht nicht länger tragbar.[23]

[...]


[1] Die fürchterlichen persönlichen Erfahrungen des emigrierten deutschen Juden Morgenthau mit dem NS-Regime wirkten unzweifelhaft auf sein Denken und v.a. sein Menschenbild ein und müssen daher gesondert betrachtet werden.

[2] Thukydides (~ 460 bis ~ 396 v. Chr.) als erster realistischer Autor soll mit seiner Darstellung des Pelopponesischen Krieges nicht unerwähnt bleiben, wird aber in dieser Darstellung außen vor gelassen.

[3] Es herrscht keineswegs Einigkeit in der Literatur, was Realismus denn nun ist.

[4] WALTZ, Kenneth N.: Teoría de la Política Internacional, im Original: Theory of international Politics, 1979, argentinische Ausgabe: Grupo Editor Latinoamericano S.R.L., Buenos Aires, 1988, S. 63

[5] DUNNE, Tim & SCHMIDT, Brian C.: Realism, in: John Baylis and Steve Smith (Hrsg.)., The Globalization of World Politics, 2. Auflage, Oxford University Press, 2001., S. 162

[6] KEOHANE, Robert O. & NYE, Joseph S.: Poder e Interdependencia - La Política mundial en transición, im Original: Power and Interdependence – World Politics in Transition, 1977, argentinische Ausgabe: Grupo Editor Latinoamericano S.R.L., Buenos Aires, 1986, S. 39 f

[7] MACHIAVELLI, Niccolò: Discorsi, hrsg. von Horst Günther, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2000, S. 445 (Kommentar)

[8] Ibid., S. 470 (Nachwort)

[9] Italien sollte erst 1861, nachdem es im 13. Jahrhundert mit dem Rückzug der Staufer von der Halbinsel in viele Kleinstaaten zergliedert geworden war, mit der Proklamation Viktor Emmanuel II. im Rahmen des sich im übrigen auf Machiavelli berufenden Risorgimento zur nationalen Einheit gelangen.

[10] MACHIAVELLI, Niccolò: Il Principe – Der Fürst, Reclam, Stuttgart, 1986, S. 103

[11] Ibid., S. 175

[12] Discorsi, S. 431 (Kommentar)

[13] Vgl. Discorsi, S. 475f (Nachwort) et passim.

[14] Vgl. MÜNKLER, Herfried: Machiavelli- Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2004, S. 36 f

[15] Vgl. Il Principe, Kap. XXVI.

[16] Discorsi, S. 239: „Sie würden einsehen, dass der rechte Weg, eine Republik zu einem grossen Reich zu erheben, darin besteht, die Einwohnerzahl der Hauptstadt zu vermehren, sich Bundesgenossen, nicht Untertanen zu schaffen, zum Schutz der eroberten Länder Kolonien auszusenden, aus der Beute einen Schatz anzulegen, den Feind durch Streifzüge und Schlachten, nicht durch Belagerungen zu bezwingen, den Staat reich, den einzelnen arm zu erhalten und mit grösster Sorgfalt auf Kriegsübungen zu achten.“ Auf S. 297 findet sich im übrigen ein ebenfalls hochinteressanter Masterplan fuer Usurpatoren.

[17] Vgl. Il Principe, Kap. VII.

[18] PAULSEN, Thomas: Machiavelli und die Idee der Staatsräson, in: IfS-Nachrichten: Diskussions-Papiere des Instituts für Staatswissenschaften, Universität der Bundeswehr, München, 1996, S. 13

[19] Il Principe, S. 63: “Wer es also für notwendig erachtet, in seinem neuen Fürstentum sich gegen Feinde zu sichern, Freunde zu gewinnen, mit Gewalt oder mit List siegreich zu bleiben, sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen und doch gefürchtet zu sein, sich unter den Soldaten Gehorsam und Achtung zu verschaffen, diejenigen zu vernichten, die einem schaden könnten oder die dazu genötigt wären, ferner die alten Einrichtungen durch neue zu ersetzen, zugleich streng und freundlich, edelmütig und freigebig zu sein, ein untreues Söldnerheer abzuschaffen und ein neues aufzustellen, sich die Freundschaft von Königen und Fürsten zu erhalten, so dass sie einem gern Wohltaten erweisen oder sich doch hüten, einem zu schaden: der kann keine aktuelleren Beispiele finden als die Taten dieses Mannes.“

[20] Ibid. S. 234 (Nachwort)

[21] Ibid.,S. 119

[22] Ibid. S. 238 (Nachwort)

[23] Ibid, S. 238

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638906593
ISBN (Buch)
9783638932806
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83440
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Forschungsinstitut für für Politische Wissenschaft und Europäische Fragen
Note
1,0
Schlagworte
Rezeptionsgeschichte Machiavelli Hans Joachim Morgenthau Hauptseminar Internationale Politik Politische Philosophie

Autor

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