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Durchführung einer Unterrichtseinheit zum Thema Turnen unter besonderer Berücksichtigung der Gleichgewichtsfähigkeit in einer 5. Realschulklasse

Examensarbeit 2007 61 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Zielsetzung
1.2 Themeneingrenzung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Turnen im Schulsport
2.2 Begriffsbestimmung Turnen
2.3 Begriffsbestimmung Koordinative Fähigkeiten
2.4 Begriffsbestimmung Gleichgewichtsfähigkeit
2.5 Methoden zur Bestimmung der Gleichgewichtsfähigkeit
2.6 Trainierbarkeit der Gleichgewichtsfähigkeit
2.7 Förderung der Gleichgewichtsfähigkeit durch Turnen

3 Planung der Unterrichtseinheit
3.1 Allgemeine Lernvoraussetzungen und Rahmenbedingungen
3.2 Didaktische Vorüberlegungen
3.3 Methodische Vorüberlegungen

4 Aufbau der Unterrichtseinheit mit Darstellung zweier ausgewählter Unterrichtsstunden
4.1 Erster ausführlicher Unterrichtsentwurf
4.1.1 Aufgabenspezifische Lernausgangslage
4.1.2 Didaktischer Begründungszusammenhang
4.1.3 Sach- und Aufgabenanalyse
4.1.4 Methodischer Begründungszusammenhang
4.1.5 Verlaufsübersicht
4.1.6 Reflexion der Stunde
4.2 Zweiter ausführlicher Stundenentwurf
4.2.1 Aufgabenspezifische Lernausgangslage
4.2.2 Didaktischer Begründungszusammenhang
4.2.3 Sach- und Aufgabenanalyse
4.2.4 Methodischer Begründungszusammenhang
4.2.5 Verlaufsübersicht
4.2.6 Reflexion der Stunde

5 Gesamtreflexion der Unterrichtseinheit und Auswertung der Unterrichtsergebnisse
5.1 Bemerkungen zum Verlauf der Unterrichtseinheit
5.2 Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeit
5.2.1 Beobachtungen
5.2.2 Sportmotorischer Ausgangstest
5.3 Steigerung des Selbstbewusstseins
5.4 Didaktisch-methodische Erkenntnisse und Konsequenzen

6 Literatur

7 Anhang

1 Einleitung

Immer wieder ist in der Fachliteratur zu lesen, dass es Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft zunehmend an Bewegungsfertigkeiten mangelt. In einer Schulsportuntersuchung des Deutschen Sportbundes heißt es, dass „seit 1995 die körperliche Leistungsfähigkeit bei Zehn- bis Vierzehnjährigen um mehr als zwanzig Prozent zurückgegangen ist“[1]. Vor allem bei den koordinativen Fähigkeiten sei ein deutlicher Rückgang erkennbar.

Zu Beginn meines Referendariates bin ich davon ausgegangen, dass von diesem Rückgang überwiegend Kinder betroffen sind, die in städtischer Umgebung aufwachsen. Zu meiner Überraschung konnte ich die beschriebenen Defizite auch während meines Sportunterrichtes in einer 5. Realschulklasse in der kleinen Gemeinde XXX beobachten. Trotz der vielfältigeren Bewegungsmöglichkeiten auf dem Lande ist ein Großteil der Schülerinnen und Schüler[2] der fünften Jahrgangsstufe beispielsweise nicht in der Lage, eine Vorwärtsrolle durchzuführen.

Die Erfahrung, diese elementaren Defizite nicht als mediale Übertreibungen sondern im eigenen Unterricht ganz real beobachten zu können, hat mich zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem Thema „Koordinative Fähigkeiten“ und seiner Stellung im Schulsport motiviert.

Mir ist bewusst, dass die genannten Defizite nicht allein durch den Schulsport behoben werden können. Meiner Meinung nach kann der Schulsport aber mit einem vielfältigen Angebot das Interesse der Schüler an Sport und Bewegung wecken und so als Auslöser wirken.

Das Lernfeld Turnen erscheint mir aufgrund seiner Vielfalt in diesem Kontext besonders geeignet, da jeder Schüler individuell angesprochen werden kann. Die koordinative Fähigkeit Gleichgewicht erfährt im Turnen besondere Aufmerksamkeit. Noch dazu kann sie in der Altersstufe von zehn bis zwölf Jahren, in der sich die Schüler der genannten R5 befinden, besonders wirksam geschult werden.

Die sich aus dieser Ausgangssituation für diese Examensarbeit ergebenden Fragen werden in den folgenden Abschnitten beschrieben.

1.1 Fragestellung und Zielsetzung

Ziel dieser Arbeit soll es sein, herauszufinden, ob die Gleichgewichtsfähigkeit innerhalb einer Unterrichtseinheit Turnen verbessert werden kann und damit die Bewegungssicherheit sowie das Vertrauen der Schüler in die eigenen Fähigkeiten nachhaltig beeinflusst werden kann.

Zu Beginn der Einheit wird zu diesem Zweck ein Test zur Bestimmung der individuellen Gleichgewichtsfähigkeit der Schüler der R5a durchgeführt[3]. Innerhalb der darauf folgenden acht Sportstunden werde ich die Gleichgewichtsfähigkeit durch gezielt ausgewählte Übungen aus dem Lernfeld Turnen fördern. Zur Ergebnisüberprüfung wird der Test am Ende der Einheit wiederholt. Danach werden die Eingangswerte mit den Ausgangswerten verglichen, um eventuelle Verbesserungen der Gleichgewichtsfähigkeit nachweisen zu können.

Zur Stärkung des Selbstbewusstseins sollen die Schüler lernen, ihre motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten einzusetzen, indem sie mit Grenzsituationen konfrontiert werden. Sie sollen lernen, ihrem Körper zu vertrauen sowie Ängste und Risikoverhalten besser einschätzen zu können.

1.2 Themeneingrenzung

Das Thema Turnen ist vielfältig, es beinhaltet „Bewegungsformen des Springens und Schwingens, des Balancierens auf festem Grund und beweglichem Gerät, Bewegungen des Drehens, des Kopf-über-Seins, des kunstvollen und riskanten Stützens des Körpers mit Armen und Händen“[4]. Weitere Bewegungsformen lassen sich durch die Kombination mit den Grundtätigkeiten Rollen, Drehen, Stützen, Hängen, Schaukeln, Stemmen und Klettern entwickeln[5].

Innerhalb der vorliegenden Einheit geht es im Kern um die Balance des eigenen Körpers und die Interaktion mit Partnern im freien Turnen. Die Schüler sollen lernen den Handstand zu gestalten. Sie erleben die Bewegungen des Kopf-über-Seins, das Gleichgewichtsgefühl und das sich damit entwickelnde Könnensbewusstsein[6]. Bei der Partner- und Gruppenakrobatik lernen sie sich gegenseitig zu Vertrauen und Vertrauen nicht zu enttäuschen.

Die Gleichgewichtsfähigkeit soll hier als „koordinative Fähigkeit“ betrachtet, da diese das Halten bzw. Wiederherstellen des Körpergleichgewichts als generalisierte Leistungsvoraussetzung definiert[7]. Die Schüler bekommen so die Möglichkeit geübte Prozesse auf andere Gleichgewichtshandlungen zu übertragen.

Die Gleichgewichtsfähigkeit wird in die Bereiche „statisch“, „dynamisch“ und „objektorientiert“ unterteilt. Letztere kann aus zeitlichen Gründen in dieser Einheit nur eingeschränkt berücksichtigt[8] werden.

In der durchzuführenden Unterrichtseinheit steht nicht das Perfektionieren einzelner Fertigkeiten im Vordergrund. Vielmehr sehe ich das Turnen als eine ideale Möglichkeit, gezielt die Gleichgewichtsfähigkeit zu schulen.

1.3 Aufbau der Arbeit

Diese Arbeit ist in drei Hauptteile gegliedert. Der erste Teil widmet sich der Theorie und bildet den Hintergrund für die im zweiten Teil dargestellten Überlegungen zur Durchführung der Unterrichtsstunden. Der dritte Teil stellt die Planung und Ausführung der Unterrichtseinheit dar. Die Arbeit schließt mit einer Gesamtre-flexion.

Die theoretische Betrachtung umfasst Grundlagen sowie Begriffsbestimmungen und stellt den Zusammenhang zwischen dem Turnen und der Förderung der Gleichgewichtsfähigkeit her.

Im zweiten Teil werden konkrete didaktische und methodische Überlegungen zum den Themen „Turnen“ und „Gleichgewicht“ vorgestellt.

Die Planung und Darstellung der durchgeführten Unterrichtseinheit „Turnen unter besonderer Berücksichtigung der Gleichgewichtsfähigkeit in einer 5. Realschulklasse“ bildet den dritten Teil der Arbeit.

In einer kritischen Gesamtreflexion wird geprüft, ob die geplanten Zielsetzungen erreicht werden konnten und welche Konsequenzen sich aus meiner Sicht für die Zukunft ergeben.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Turnen im Schulsport

In Niedersachsen zählt Turnen zu dem Erfahrungs- und Lernfeld „Turnen und Bewegungskünste“. Zu den Kernthemen des Turnens wird hier das Rollen, Schwingen, Springen und Balancieren gezählt. Die Schüler sollen die Kompetenz erlangen, diese Kernthemen an Geräten oder am Boden ausführen zu können. Sie sollen helfen und sichern können sowie Bewegungskunststücke mit und ohne Geräte realisieren können[9].

Laut Trebels[10] fristet das Turnen im Schulsport eine Randexistenz. Schüler wie Lehrer zeigen an diesem Thema seiner Meinung nach so wenig Interesse, weil Lernerfolge in dieser Sportart aufgrund von Zeitmangel nur schwer im Schulalltag zu erzielen seien. Die Schüler besäßen zudem nicht die erforderlichen konditionellen und motorischen Fähigkeiten.

Um ihnen dennoch turnerische Bewegungserfahrungen zu ermöglichen, sollte das Turnen im Schulsport jedem Schüler seinen Voraussetzungen entsprechende Situationen bieten. Der Schulsport soll ein Verständnis für das Turnen vermitteln, das Niveau des Kunstturnens in Sportvereinen sollte er nicht anstreben.

2.2 Begriffsbestimmung Turnen

Das Turnen wird als Grundform des Sports angesehen. Es schult die koordinativen Fähigkeiten, verbessert die Fitness und dient vielfach als Grundlage moderner Trainingslehre. Zu den klassischen Disziplinen zählen: Geräteturnen, Trampolinturnen, Gymnastik, Rhythmische Sportgymnastik, Akrobatik, Seilspringen, Aerobic, Gesundheitssport, Voltigieren und andere Turnspiele. Diese Arbeit versteht Turnen frei nach Gerling[11] als „spielerisches Erproben und Erfinden, Variieren und Gestalten, Optimieren und Anwenden von vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten des Körpers, ausgelöst durch den Anreiz der unterschiedlichen Turngeräte und deren Kombination“.

2.3 Begriffsbestimmung Koordinative Fähigkeiten

„Koordinative Fähigkeiten sind eine Klasse motorischer Fähigkeiten, die vorrangig durch die Prozesse der Steuerung und Regelung der Bewegungstätigkeit bedingt ist. Sie stellen weitestgehend verfestigte und generalisierte Verlaufsqualitäten dieser Prozesse dar und sind Leistungsvorrausetzung zur Bewältigung dominant koordinativer Anforderungen.“[12]

Koordinative Fähigkeiten erlauben dem Sportler das Erlernen und Vervollkommnen von Fertigkeiten. Sie sind nicht angeboren, sondern entwickeln sich im Lernprozess. Die koordinativen Fähigkeiten stehen immer in Wechselbeziehung zu den konditionellen Fähigkeiten.

In der Literatur werden die koordinativen Fähigkeiten von Hirtz[13] in fünf verschiedene Teilfähigkeiten gegliedert (Reaktionsfähigkeit, Rhythmusfähigkeit, Gleichgewichtsfähigkeit, Räumliche Orientierung, Kinästhetische Differenzierungsfähigkeit). In der Struktur von Meinel und Schnabel[14] werden diese fünf Fähigkeiten zusätzlich die Kopplungsfähigkeit und die Umstellungsfähigkeit genannt. Beide Modelle zählen die Gleichgewichtsfähigkeit jedoch als „unwidersprochen“ dazu[15].

2.4 Begriffsbestimmung Gleichgewichtsfähigkeit

Die Gleichgewichtsfähigkeit beschreibt die Fähigkeit den Körper im Gleichgewicht zu halten (statisch) oder ihn nach einer Bewegungshandlung wieder in den Gleichgewichtszustand zu bringen (dynamisch)[16].

Das statische Gleichgewicht wird auch als „Lageempfinden“ bezeichnet. Das dynamische Gleichgewicht beruht auf dem Beschleunigungsempfinden.

Besitzt ein Sportler ein gutes Gleichgewicht, so kann er beispielsweise trotz einer raschen Bewegung sein Gleichgewicht beibehalten oder schnell zurückerlangen. Sehr deutlich wird dies im Turnen mit seinen häufigen und schnellen Lageveränderungen z.B. bei Sprüngen und Überschlägen.

„Als Maß für die Gleichgewichtsfähigkeit sind die Dauer der Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes bzw. das Tempo und die Qualität der Wiederherstellung des Gleichgewichtes anzugeben“[17].

2.5 Methoden zur Bestimmung der Gleichgewichtsfähigkeit

Es gibt drei verschiedene Methoden, das Maß der Gleichgewichtsfähigkeit zu bestimmen. Sortiert nach zunehmender Genauigkeit sind dies:

- Bewegungsbeobachtung
- Sportmotorischer Test
- Biomechanische Messung

Die biomechanischen Verfahren sind überwiegend an spezielle Testgeräte und Laborbedingungen gebunden und kommen für den Einsatz im Schulsport in der Regel nicht in Frage.

Die Bewegungsbeobachtung ist eine subjektive Methode. Aufgrund ihrer Abhängigkeit vom Beobachter und des komplexen Themas „Gleichgewicht“, können mit ihr nur einfache Aussagen darüber getroffen werden, ob eine gestellte Anforderung bewältigt wurde oder nicht.

Zur Durchführung des sportmotorischen Tests wird eine Testaufgabe als motorische Handlung gegeben. Der Proband soll diese Aufgabenstellung mit dem bestmöglichen Ergebnis erfüllen, wodurch anschließend auf die Qualität der Fähigkeit geschlossen wird. Die Aufgaben werden so entworfen, dass außer der zu testenden Fähigkeit konditionelle Fähigkeiten nur einen geringen Einfluss auf das Testergebnis haben. Das heißt je geringer die Anforderung an die Testaufgabe ist, desto besser kann das Leistungsniveau der Fähigkeit bestimmt werden[18]. Auf diese Weise versucht der sportmotorische Test eine möglichst hohe Objektivität und Zuverlässigkeit herzustellen[19]. Diese Methode ist in der Schule durch den relativ geringen Aufwand an Geräten und Instrumenten anwendbar.

2.6 Trainierbarkeit der Gleichgewichtsfähigkeit

Koordinative Fähigkeiten treten nie in Reinform auf, sie überlagern sich beim Sporttreiben mit anderen Fähigkeiten. Für das Training einer bestimmten Fähigkeit kann allenfalls ein Schwerpunkt gelegt werden, andere Fähigkeiten werden automatisch mittrainiert[20].

Um das Training effektiv zu gestalten, sollten bei den Übungen zur Gleichgewichtsfähigkeit folgende Elemente berücksichtigt werden:

- Umwelt und Alter
- zweckmäßiges Trainieren
- systematisches und zielgerichtetes Trainieren
- das neuromuskuläre System

Die koordinativen Fähigkeiten hängen ganz wesentlich von Umwelt und Alter ab. Sie entwickeln sich von Geburt an. Neueste Erkenntnisse belegen, dass sie bis ins hohe Alter trainiert werden können. Die so genannten „sensiblen Phasen“[21] sollten allerdings intensiv zur Entwicklung genutzt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Effektivität des Trainings[22]

Die „intensiven Phasen“ sind die Phasen in denen der Lernprozess aufgrund des Alters besonders begünstigt ist. Die Lerngruppe (Klasse R5a) befindet sich in einer solchen sensiblen Phase. Diese Schüler können die Gleichgewichtsfähigkeit, wie in der Tabelle 1 abgelesen werden kann, zurzeit besonders wirksam trainieren.

Zum zweckmäßigen Trainieren sollten die Übungen zur Gleichgewichtsschulung z.B. nicht im erschöpften Zustand durchgeführt werden. Es ist sinnvoll die Aufgaben nach einer kurzen Aufwärmphase durchzuführen, solange die Energiespeicher noch voll sind.

Den Schülern sollte systematisch und zielgerichtet erklärt werden, was in der jeweiligen Einheit erlernt werden soll[23]. Diese Information kann sich positiv auf die Leistungsbereitschaft auswirken. Eine effektive Verbesserung wird dann erreicht, wenn an die Kenntnisse der Schüler angeknüpft und in kleinen Schritten darauf aufgebaut wird[24]. Erst wenn eine Bewegungshandlung ausreichend beherrscht wird, sollte das Niveau erhöht werden.

Das neuromuskuläre System ist von dem Lehrenden nicht beeinflussbar. Um angemessen auf jeden Schüler eingehen zu können, sollte er jedoch wissen, dass ein gut funktionierendes neuromuskuläres System die Basis für das erreichen sportlicher Fertigkeiten ist[25]. Körperliche Einschränkungen einzelner Schüler müssen erkannt und besonders berücksichtigt werden.

2.7 Förderung der Gleichgewichtsfähigkeit durch Turnen

Turnen kann Kindern eine Fülle an Bewegungserfahrungen bieten, z.B. Überschläge auf dem Boden, balancieren auf dem Schwebebalken oder Ausführungen von Kunststücken in der Akrobatik. Es ist deshalb hervorragend dazu geeignet, das Gleichgewicht unter zunehmender Körperkontrolle zu fördern.

Das Turnen bietet nicht austauschbare Möglichkeiten für den einzelnen Schüler, sich mit seinen individuellen körperlichen Fähigkeiten auseinanderzusetzen.

Medler und Räupke schreiben, dass es neben dem Turnen kaum eine andere Sportart gäbe, die besser geeignet wäre, so „vielfältige motorische Entwicklungsreize und Bewegungserfahrungen möglich zu machen“[26].

3 Planung der Unterrichtseinheit

3.1 Allgemeine Lernvoraussetzungen und Rahmenbedingungen

Seit dem 06. September letzten Jahres erteile ich in der Klasse R 5A im Fach Sport eine Doppelstunde pro Woche eigenverantwortlichen Unterricht. Die Lerngruppe setzt sich aus 13 Mädchen und 11 Jungen zusammen.

In der Klasse herrscht ein angenehmes Sozialklima, das sich durch einen freundlichen und kooperativen Umgang der Schüler miteinander auszeichnet. Die Schüler zeigen eine große Bewegungsfreude, 6 Jungen und 6 Mädchen betreiben aktiv Sport im Verein.

Alle Schüler sind für die Inhalte des Sportunterrichts zu begeistern und offen für meine Anregungen. Es ist immer möglich, eine gute Lernatmosphäre zu schaffen. Im Sitzkreis können sich die Schüler auf das, was gesprochen wird, konzentrieren. Es gibt Gesprächsregeln, wie zum Beispiel „sich melden“ oder „das Blitzlicht“ und das Ritual, den Sitzkreis erst nach einem vereinbarten Signal zu verlassen.

3.2 Didaktische Vorüberlegungen

Die Schüler erfahren in ihrer Lebenswelt einen fortschreitenden Mangel an Bewegung. Dies liegt unter anderem daran, dass das Spielen in der Freizeit immer weniger von Bewegungen, vielmehr vom Sitzen vor dem Computer oder Fernseher gekennzeichnet ist. Eines der Hauptanliegen des Schulsports ist es, dieser Entwicklung entgegen zu wirken. Er soll dafür sorgen, dass Schüler sich gerne bewegen und Freude am gemeinschaftlichen Sporttreiben entdecken. Der Schulsport soll „die Einsicht vermitteln, dass sich kontinuierliches Sporttreiben, verbunden mit einer gesunden Lebensführung, positiv auf ihre körperliche, soziale, emotionale und geistige Entwicklung auswirkt“[27]. Außerdem soll der Schulsport die individuelle Bewegungsfähigkeit erweitern, Handlungsfähigkeiten ausbilden sowie körperbezogene und bewegungsbezogene Kenntnisse und Einsichten vermitteln.

In der nachfolgenden Turneinheit sollen diese Forderungen dadurch erfüllt werden, dass den Schülern die Möglichkeit geboten wird, sich frei am Boden, an Großgeräten und an Gerätekombinationen zu bewegen. Dies fördert die Selbstkompetenz, die Kreativität, die Selbstständigkeit und die Gesundheit durch den Kraftaufbau und führt zu neuen Fertigkeiten. Die Persönlichkeitsentwicklung kann auf diese Weise auch durch Bewegung stimuliert werden.

Dem theoretischen Hintergrund über das Turnen und die Gleichgewichtsfähigkeit kann man entnehmen, dass gerade zehn- bis zwölfjährige Kinder, zu denen die Schüler der R5a zählen, nachhaltig vom Training der Gleichgewichtsfähigkeit profitieren können. Wie die Tabelle 1 zeigt, ist das Trainieren der Gleichgewichtsfähigkeit in diesem Alter besonders wirksam. Bereits kurze Zeit später, im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren, sinkt die Effektivität des Trainings von 100% auf 40% ab. Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, die Unterrichtseinheit „Turnen unter besonderer Berücksichtigung der Gleichgewichtsfähigkeit“ noch in diesem Schuljahr durchzuführen und so die guten Rahmenbedingungen für die Schüler zu nutzen.

Die Gleichgewichtsförderung besonders zu berücksichtigen, ist auch für den aufbauenden Sportunterricht der R5a wichtig. Ihre Qualität beeinflusst die sportlichen Leistungen, zum Beispiel in den großen Spielen oder in der Lerneinheit „Auf Rädern und Rollen“.

Eine gut ausgeprägte Gleichgewichtsfähigkeit bietet Bewegungssicherheit. Unfällen und Verletzungen wird auf diese Weise vorgebeugt[28].

Durch das Niedersächsische Kerncurriculum wird eine Aufschlüsselung der Lernbereiche in kognitive, affektive und soziale Aspekte gefordert[29]. Innerhalb der Einheit „Turnen unter Berücksichtigung der Gleichgewichtsförderung“ wird dies, wie im Folgenden beschrieben, berücksichtigt.[30]

Kognitiver Bereich:

- das Erlernen sportmotorischer Fertigkeiten erfordert immer auch eine gedankliche Beschäftigung mit den neuen Bewegungsprozessen
- die Bewältigung von Situationen im sozialen Bereich bedarf der kognitiven Komponente
- Schüler müssen unterrichtsorganisatorische Aufgaben übernehmen
- Schüler müssen erkennen wann sie eine Hilfestellung annehmen oder auch geben müssen

Affektiver Bereich:

- bei turnerischen Bewegungsabläufen mit und ohne Partner durchläuft der Schüler emotionale Prozesse
- „Sportunterricht als vorbereitende Zukunft“[31]: ob dem Schüler eine Sportart gefällt, kann auch von den Erlebnissen im Schulsport abhängen
- „Positive Erfahrungen führen zu affektiven Veränderungen in Richtung positiver Einstellungen, negative dagegen zu ablehnendem Verhalten“[32]
- Steigerung des Selbstwertgefühls entsteht, sofern die Erfolgserlebnisse den Misserfolgen überlegen sind

Sozialer Bereich:

- beim Lernen, Üben und Trainieren von Turnelementen kommt dem sozialen Bereich eine besondere Bedeutung zu: durch die körperliche Nähe beim Helfen wird eine Vertrauensbasis geschaffen
- kooperatives Verhalten ist beim Helfen und Sichern immer wieder notwendig
- Kunststücke die erarbeitet werden, vermitteln ein Zusammengehörigkeitsgefühl
- die Kommunikation wird gefördert, indem sich die Schüler gegenseitig Tipps zum Gelingen der geforderten Übungen geben

3.3 Methodische Vorüberlegungen

Die didaktischen Überlegungen führen zu der Einsicht, dass im Unterricht ein hoher Bewegungsanteil realisiert werden sollte. Auf- und Abbauten sollten nicht zuviel Zeit in Anspruch nehmen, eventuell kann eine Absprache mit anderen Kollegen erfolgen, sodass eine Klasse auf- und eine andere Klasse abbaut. Zu jeder Stunde der Unterrichtseinheit werden in der Aufwärmphase und zum Ausklang Spiel- und Erfahrungsphasen eingeplant. Innerhalb der Einheit wird das Turnen den schulischen Bedingungen angepasst, es steht also nicht das Perfektionieren der Bewegungen im Vordergrund, vielmehr bekommen die Schüler die Möglichkeit, sich spontan, kreativ und erlebnisorientiert mit den Turngeräten und Aufgaben im freien Turnen auseinander zu setzen.

Zu Beginn der Einheit wird ein sportmotorischer Test durchgeführt, der Aussagen über die aktuelle Gleichgewichtsfähigkeit eines jeden Schülers erfasst. Durch die Testaufgaben kann diese besser beurteilt und Trainingsmaßnahmen angepasst werden. In den ersten beiden Stunden wird die Balance trainiert. In der darauf folgenden Doppelstunde kommt es beim Handstand darauf an, das Körpergleichgewicht auch über Kopf ausbalancieren zu können. Anschließend kann diese Fertigkeit in akrobatische Figuren eingebaut werden. Zum Abschluss der Einheit soll noch einmal ein Geräteparcours aufgebaut werden, um die erlernten Fähigkeiten und Fertigkeiten zu festigen. Danach wird der sportmotorische Test wiederholt, um Aussagen über Veränderungen der Gleichgewichtsfähigkeit der Schüler treffen zu können.

Die Überlegung den Handstand nach den Akrobatikstunden erlernen zu lassen, habe ich verworfen, um die Kombinationsmöglichkeiten mit den Figuren nutzen zu können. Ein weiterer Grund für diese Reihenfolge ist die langsame Gewöhnung der Schüler an gegenseitige Körperberührungen untereinander. Beim Handstand kommt es zu relativ wenigen Berührungen und diese sind fast nur auf die Beine beschränkt. Die akrobatischen Figuren zeichnen sich durch vermehrte und länger andauernde Berührungen aus.

Der Aufbau ist so gewählt, dass an den jeweiligen Leistungsstand des einzelnen Schülers angeknüpft wird und die Übungen fortschreitend schwieriger werden. Die Steigerungen im Schwierigkeitsgrad und das behutsame Vorgehen bei den taktilen Bewegungsformen soll die Motivation der Schüler steigern. Sie sollen sich sicher und wohl fühlen, um angstfrei neue Dinge ausprobieren zu können. Die Schüler sollen möglichst rasch Erfolgserlebnisse erzielen, um Interesse am Turnen zu entwickeln.

Sobald ein Erfolg zustande gekommen ist, kann das Angebot der Turnelemente erweitert und auch verknüpft werden. Ein Arbeiten in Gruppen anhand der Stationsmethode bietet sich dafür an. Die Schüler können Übungen verändern oder miteinander kombinieren. Eine Differenzierung kommt dadurch zustande, dass die Schüler innerhalb ihrer Gruppe den Schwierigkeitsgrad nochmals erhöhen oder gegebenenfalls auch zurücksetzen können. Ein zusätzlich positiver Aspekt bei dieser Methode ist die Förderung zur Selbstständigkeit, Handlungsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft der Schüler[33]. Während eine Gruppe selbstständig arbeitet, habe ich als Lehrerin die Möglichkeit eine andere Gruppe schwerpunktmäßig zu unterstützen.

Die Stationen werden so angelegt, dass sie zur aktiven Pause genutzt werden können. Neben der Hauptaufgabe können bereits erlernte Bewegungsfertigkeiten spielerisch geübt und vertieft werden. Für eine ausreichend hohe Anzahl an Stationen wird Sorge getragen, so dass alle Schüler zeitgleich aktiv sein können. „Stau“ und Unruhe wird so vorgebeugt. Freiräume zwischen den Stationen, können in einigen Stunden durch Zusatzmaterial, die das Thema betreffen, genutzt werden.

Um für das Erklären der Stationen und der Gruppenarbeit nicht zuviel Zeit aufzuwenden, gibt es in jeder Unterrichtsstunde Karten mit Erläuterungen zur jeweiligen Station bzw. Gruppenarbeit. Sie enthalten eine Liste der Materialien, eine Abbildung zum Aufbau sowie Handlungsanweisungen in wenigen leichtverständlichen Sätzen.

Die Einteilung in Gruppen kann entweder nach Größe der Schüler, nach Könnensstand oder frei gewählt werden. Letzteres bietet den Schülern die Möglichkeit, nach Sympathie wählen zu können, was gerade in den ersten Stunden von Vorteil ist. In dieser Phase können sich die Schüler langsam an das gegenseitige Anfassen gewöhnen.

Alle Unterrichtsstunden der Einheit sind ähnlich aufgebaut. Sie haben einen offenen Einstieg, um unterschiedliche Umkleidezeiten aufzufangen. Für ein zusätzliches Aufwärmen sorgt ein Bewegungsspiel, das jeweils auf den Inhalt des Hauptteils abgestimmt ist. Am Ende der Hauptphase steht entweder ein Spiel, eine Entspannungsübung oder ein Üben und Verbessern des Gelernten aus vorangegangenen Stunden. Alle Sportstunden finden einen ruhigen Ausklang und enden mit einer Verabschiedung und einem Abschiedsritual, um die Schüler entspannt in den weiteren Unterricht zu entlassen.

Das große Bewegungsrepertoire innerhalb der Einheit sorgt für Motivation bei den Schülern. Ich werde aber auch ihre Wünsche und Interessen in Erfahrung bringen und, sofern sie keine Unfallrisiken in sich bergen, berücksichtigen. Weitere Anreize können durch zusätzliche Materialien und unterschiedliche Sozialformen (Einzelarbeit, Partnerübungen, Gruppenaufgaben) entstehen. Die Sozialform mit zwei bis drei Schülern in einer Gruppe hat den Vorteil, dass ein Helfen und Sichern gewährleistet ist, das Profilieren vor anderen aber in den Hintergrund tritt, da es keine weiteren Zuschauer gibt. Es kann qualitativ, quantitativ und sozial ausgewogen gearbeitet werden.

[...]


[1] Zit. http://www.dosb.de/de/breitensport-sportentwicklung/sportentwicklung/, 23.04.2007

[2] Im Folgenden werde ich aus Gründen der besseren Lesbarkeit nur noch „Schüler“ schreiben. Darin sind aber auch stets die Schülerinnen eingeschlossen.

[3] Vgl. Hirtz, P./Hotz, A./Ludwig, G., 2000, S. 165ff.

[4] Zit. Grundsätze und Bestimmungen Niedersächsisches Kultusministerium, 1998, S. 18

[5] Vgl. Grundsätze und Bestimmungen Niedersächsisches Kultusministerium, 1998, S. 18

[6] Vgl. Grundsätze und Bestimmungen Niedersächsisches Kultusministerium, 1998, S. 19

[7] Vgl. Hirtz, P./Hotz, A./Ludwig, G., 2000, S. 56-59

[8] Vgl. Didaktische Vorüberlegungen, S. 12

[9] Vgl. Kerncurriculum Niedersächsisches Kultusministerium, 2007, S. 19ff.

[10] Vgl. Trebels, A., 1998, S. 1

[11] Vgl. Gerling, I., 2000, S. 23

[12] Vgl. Meinel, K./Schnabel G., 1998, S. 207

[13] http://www.sportunterricht.de/lksport/hirtz.html., 09.05.2007

[14] Vgl. Meinel, K./Schnabel G., 1998, S. 148

[15] Vgl. Hirtz, P./Hotz, A./Ludwig, G., 2000, S. 56

[16] Vgl. Anrich, Chr., 2005, S. 40

[17] Vgl. Meinel, K./Schnabel G., 1998, S. 217

[18] Vgl. Meinel, K./Schnabel G., 1998, S. 223

[19] Vgl. Hirtz, P./Hotz, A./Ludwig, G., 2000, S. 164-165

[20] Vgl. Anrich, Chr., 2005, S. 23

[21] Vgl. Anrich, Chr., 2005, S. 31

[22] Vgl. Anrich, Chr., 2005, S. 41

[23] Vgl. Anrich, Chr., 2005, S. 32

[24] Vgl. Methodische Vorüberlegung, S. 14

[25] Vgl. Anrich, Chr., 2005, S. 31

[26] Vgl. Medler, M./Räupke, R., 2002, S. 13

[27] Zit. Kerncurriculum Niedersächsisches Kultusministerium, 2007, S. 7

[28] Vgl. Hirtz, P./Hotz, A./Ludwig, G., 2000, S. 21

[29] Vgl. Kerncurriculum Niedersächsisches Kultusministerium, 2007, S. 7

[30] Vgl. Medler, M./Räupke, R., 2002, S. 20ff.

[31] Vgl. Medler, M./Räupke, R., 2002, S. 24

[32] Zit. Medler, M./Räupke, R., 2002, S. 25

[33] Vgl. Peterßen, W.P., 2001, S. 270

Details

Seiten
61
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638886826
ISBN (Buch)
9783638888714
DOI
10.3239/9783638886826
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83493
Note
1,5
Schlagworte
Durchführung Unterrichtseinheit Thema Turnen Berücksichtigung Gleichgewichtsfähigkeit Realschulklasse

Autor

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