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Terrorismus und Medien - Wir alle spielen Theater?

Terroristen und Medien aus der Sicht Goffmans Werk "Wir alle spielen Theater"

Hausarbeit 2007 30 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Terrorismus, sein Wandel und die Rolle der Medien
1.1 Terrorismus
1.2 Entstehung und Wandel des Terrorismus
1.3 Terrorismus ein Definitionsversuch
1.4 Terrorismus und Medien

2 Goffman: „Wir alle spielen Theater“
2.1 Das dramaturgische Modell
2.1.1 Rolle
2.1.2 Fassade
2.1.3 Idealisierung
2.1.4 Ausdruckskontrolle
2.2 Das Ensemble
2.3 Ort und ortsbestimmtes Verhalten
2.4 Fazit zu Goffman

3 Spielen auch Terroristen Theater?

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das ganze Leben ist ein Theater, diese Ansicht vertritt auch Erving Goffman in seinem Werk „Wir alle spielen Theater“. In dem er mithilfe dramaturgischer Metaphern aus der Theater- bzw. Bühnenwelt ausführlich veranschaulicht, wie sich diese auf das alltägliche, soziale Leben übertragen lassen. Die Grundthese Goffmans ist, dass jeder innerhalb einer Interaktion versucht seinem Gegenüber ein ganz bestimmtes Bild von sich zu vermitteln, der Darsteller inszeniert sich selbst, weil er genau weiß, dass er beobachtet wird. Wir alle inszenieren uns also ständig selbst um einen gewünschten, ganz bestimmten Eindruck realistisch zu vermitteln.

Goffman ist der Ansicht, dass sich sein Modell auf nahezu jede gesellschaftliche Einrichtung und jede soziale Interaktion übertragen lässt.[1] Dies wurde bereits in vielen Arbeiten zu den unterschiedlichsten Themen bestätigt.

In dieser Arbeit soll es nun um die Frage gehen, ob sich Goffmans Modell auch auf das Phänomen des Terrorismus übertragen lässt. Aber nicht allein der Terrorismus soll dabei im Vordergrund stehen, sondern auch die Bedeutung, die die Medien für den heutigen Terrorismus haben. Dabei werden drei Fragen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Inszeniert sich der Terrorist im Alltag selbst? Ist Terrorismus Theater? Und welche Rolle spielen die Medien für eine Selbstinszenierung des Terrorismus?

Im ersten Kapitel soll zunächst das Phänomen Terrorismus näher beleuchtet werden. Zum einen wird ein Überblick über den Wandel des Begriffs Terrorismus im Laufe der Zeit gegeben. Und des Weiteren wird der Zusammenhang von Terrorismus und den modernen Massenmedien dargestellt.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit Goffmans Werk „Wir alle spielen Theater“. Und stellt die wichtigsten Thesen und Erkenntnisse Goffmans zusammen.

Im letzten Kapitel sollen der Terrorismus und Goffmans Erkenntnisse zusammengeführt werden, um die oben gestellten Fragen beantworten zu können.

1 Terrorismus, sein Wandel und die Rolle der Medien

1.1 Terrorismus

Es gibt nur wenige Wörter in unsere Sprache, die eine genaue Definition so schwierig machen, wie der Begriff Terrorismus. Fragt man Menschen auf der Straße, so werden nur sehr wenige in der Lage sein, eine auch nur annähernd umfassende Beschreibung von Terrorismus zu liefern. Dass die meisten Menschen nur einen vagen Begriff davon haben, was Terrorismus ist, hängt nach Hoffman (2002) unter anderem mit den Medien zusammen.

„Ihre Bemühungen, oftmals komplexe und verwickelte Nachrichten unter geringstmöglichem Aufwand an Sendeminuten oder Spaltenlänge zu übermitteln, haben zu der unterschiedslosen Etikettierung einer ganzen Skala von Gewaltakten als `Terrorismus´ geführt.“[2]

Laqueur (1977) geht sogar noch weiter und meint, dass es eine umfassende Definition des Terrorismus nicht gibt und auch in Zukunft nie geben wird.[3] „Eine Beschreibung des Terrorismus kann unmöglich alle seine Spielarten, die im Laufe der Geschichte vorgekommen sind, umfassen […].“[4] Dies ist insbesondere durch den ständigen Wandel der Bedeutung bedingt, die den Begriff Terrorismus im Laufe der Zeit immer schwerer erfassbar machte.[5]

Trotz alledem soll hier ein erster Definitionsversuch unternommen werden. Dazu sollen zunächst einige Eigenschaften terroristischer Akte gesammelt werden. Nach Hoffman (2002) ist Terrorismus seiner Natur nach eine politische Angelegenheit, bei der es unvermeidlich um Macht geht. „Um das Streben, den Erwerb und den Gebrauch von Macht zur Durchsetzung eines politischen Wandels.“[6] Des Weiteren ist Hoffman der Auffassung, dass Terroristen immer geplant, berechnend und systematisch vorgehen und ihr Tun auf das Erzeugen von Angst gerichtet ist.[7]

Laqueur (1977) und Hoffman (2002) sind sich einig, dass selbst Krieg gewissen Regeln folgt und daher auch in gewissem Maße vorhersehbar ist. Außerdem ist hier die Identität des Gegners bekannt.[8] Terrorismus dagegen ist unvorhersehbar, schrecklich und gewalttätig. Des Weiteren ist gerade die Anonymität eine „charakteristische Eigenschaft des Terrorismus […]."[9]

1.2 Entstehung und Wandel des Terrorismus

Wie bereits erwähnt, hat sich die Bedeutung des Wortes Terrorismus im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass sich auch der Charakter des Terrorismus im Hinblick auf die Methode und die Ziele des Kampfes im Verlauf des letzten Jahrhunderts enorm gewandelt hat.[10]

Der Begriff Terrorismus stammt aus der Zeit der Französischen Revolution. Allerdings hatte der Begriff damals, im Gegensatz zu heute, eine ausgesprochen positive Bedeutung.

Er leitete sich vom régime de la terreur ab, welches in den Jahren 1793/94 anlässlich von Unruhen und Aufständen zur Durchsetzung der Ordnung errichtet wurde. Es war eine Art Instrument der Herrschaft, dass dazu dienen sollte, den eben erst gegründeten Staat zu stabilisieren. Terrorismus wurde damals also nicht, als eine revolutionäre, das heißt, gegen den Staat gerichtete Gewalt angesehen, sondern als eine Gewalt, die notwendigerweise vom Staat selbst ausging um das System zu schützen. Terrorismus wurde im damaligen Sinn als sehr eng verbunden mit Tugend und Demokratie gesehen, die er heute bekämpft.[11]

Trotz all dieser Unterschiede gegenüber der heutigen Bedeutung dieses Wortes hat der Terrorismus der Französischen Revolution doch zwei grundlegende Gemeinsamkeiten mit dem heutigen Terrorismus:

- Das régime de la terreur ging genauso organisiert, berechnend und systematisch vor, um seine Ziele zu erreichen wie heutige terroristische Organisationen.
- Während der Französischen Revolution, wie heute, ging es den Terroristen um die Schaffung einer neuen, besseren Gesellschaft.[12]

Die älteste und am weitesten verbreitete Methode des Terrorismus war, nach der Französischen Revolution, seit je her die Ermordung führender Repräsentanten des Systems.

Der erhebliche Unterschied des damaligen Terrorismus zum Heutigen besteht darin, dass damals ein wesentliches Merkmal der kollektiven Überzeugung dieser Organisationen darin bestand, keine unbeteiligten Zivilisten zu gefährden.[13] Laqueur (2002) ist der Ansicht, dass es erst mit der Erfindung des Sprengstoffs und der Entstehung der modernen Massenmedien, hier vor allem dem Fernsehen, zum ungezielten, willkürlichen Terrorismus von heute kam.[14]

„Der Zweck ungezielten Mordens ist natürlich wohlbekannt: er dramatisiert die Forderungen der Terroristen, verbreitet eine Atmosphäre der Angst und diskreditiert die Regierung, die nicht in der Lage ist, so etwas zu verhindern. Häufige Wiederholung führt zu Unterbrechung der normalen Funktionen einer Gesellschaft. Gleichzeitig ist diese Methode vom Standpunkt der Terroristen aus sehr viel weniger riskant als Anschläge auf führende Personen, die gut bewacht werden.“[15]

In den 30er Jahren unterlag der Begriff Terrorismus einem erneuten Wandel, der ihn wieder näher zu seinen Wurzeln führte. Er wurde nun benutzt, um die Massenunterdrückung diktatorischer Führer zu beschreiben. Er bezeichnete nun also wieder den Missbrauch von Macht durch autoritäre Regime, wie das faschistische Italien, das nationalsozialistische Deutschland und das stalinistische Russland.[16]

Heute unterscheidet die Literatur zwischen Terror, als Herrschaft, die auf Gewalt und Einschüchterung der Bürger gegründet ist, und Terrorismus, worunter Gewalt vonseiten nicht-staatlicher Organisationen verstanden wird.

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gelangte der Begriff Terrorismus zu seiner heutigen Bedeutung, mit meist revolutionären Anklängen.[17] Die Bedeutung des Begriffs ist heute durchweg negativ behaftet. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb Terroristen sich selbst nicht in der gleichen Weise sehen, wie andere Menschen dies tun.[18] Sie sind der festen Überzeugung, dass nicht sie, sondern die Gesellschaft, ihre Regierung oder das sozioökonomische System die Terroristen seien. Sie selbst sehen sich als eine unterdrückte Minderheit, die keine andere Wahl als den Terrorismus hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, um so Publizität für sich und ihr Anliegen zu erreichen.[19]

Viele bevorzugen die Bezeichnung Freiheitskämpfer oder Revolutionär für sich und ihre Taten. „Diese Position wurde wohl in hervorstechender Weise durch den Präsidenten der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Yassir Arafat, dargelegt[…].“[20] So plädierte er 1974 auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen für die Unterscheidung zwischen Revolutionären und Terroristen.

Danach liegt laut Arafat der Unterschied „in dem Grund, warum er kämpft. Denn wer immer sich für eine gerechte Sache und für die Freiheit und Befreiung seines Landes von Eindringlingen, von Siedlern und Kolonisten einsetzt, kann unmöglich als Terrorist bezeichnet werden.“[21]

Dies zeigt, dass es eine sehr subjektive Angelegenheit ist, jemanden als Terroristen zu bezeichnen und, dass es weitgehend davon abhängt, ob man mit der jeweiligen Gruppe und ihren Zielen sympathisiert oder sie ablehnt.[22]

Eine neue Ära des Terrorismus leitete die neue Methode der Entführung von Verkehrsflugzeugen ein, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs dramatisch zunahm. Ein Musterbeispiel für diese neue Methode Aufmerksamkeit zu erreichen, ist die Entführung der El-Al Maschine im Juli 1968.[23] Die El-Al, als staatliche Luftfahrtlinie Israels und damit als Symbol des israelischen Staates, wurde von der POL eben aus diesem Grund ganz gezielt ausgewählt.

Hoffman (2004) meint, dass dieser Vorfall allen Sympathisanten verdeutlichte, „dass sie durch die Kombination von dramatischer politischer Forderung, symbolischer Zielwahl und die durch die Krise herbeigeführte De-facto-Anerkennung die Macht hatten, bedeutsame Medienereignisse zu produzieren, besonders wenn unschuldige Zivilisten betroffen waren.“[24]

„Diese Aktionen erregten damals ungeheure Aufmerksamkeit, und die Zukunft der zivilen Luftfahrt schien gefährdet. Diese Befürchtungen waren allerdings übertrieben; nach 1972 nahmen die Flugzeugentführungen laufend ab, zum Teil aufgrund wirksamer Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen […]. Auch hatte sich die Sache überlebt, denn es hatte nur wenige greifbare Resultate gegeben, und selbst der Publizitätswert war durch die häufige Wiederholung stark vermindert,“ so Laqueur (1977).[25]

Dass die terroristische Methode der Flugzeugentführung jedoch längst nicht überholt und vergessen ist, zeigten die Anschläge des 11. September in New York. Diese Anschläge brachten jedoch eine weitere dramatische Steigerung, indem nicht nur Verkehrsflugzeuge entführt wurden, sondern diese auch noch gezielt eingesetzt wurden, um tausende Zivilisten zu töten.

Insbesondere die technischen Fortschritte nach dem Zweiten Weltkrieg trugen zu einem völlig neuen Terrorismus bei.[26] Durch die gestiegene Mobilität in Form von Flugzeugen reisen Terroristen heute um die ganze Welt und können ihre Anschläge systematisch auch Vorort planen. Das Internet brachte eine neue Möglichkeit der Kommunikation und Vernetzung von Terroristen weltweit. Aber auch die Geschwindigkeit, mit der die Medien heutzutage Ereignisse weltweit publizieren, kommt den Terroristen zugute.

1.3 Terrorismus ein Definitionsversuch

Aufgrund des subjektiven Charakters, der der Bezeichnung Terrorismus beiwohnt, fordert der Terrorismusforscher Brian Jenkins, den Terrorismus „durch das Wesen der Tat und nicht aufgrund der Identität der Täter oder der Natur ihres Anliegens“ zu definieren.[27]

[...]


[1] Goffman (1969) S.218

[2] Hoffman (2002) S.13

[3] Laqueur (1977) S.5 Fußnote

[4] ebd. S.7

[5] Hoffman (2002) S.34

[6] ebd. S.15

[7] ebd. S.14/15

[8] Laqueur (1977) S.4; Hoffman (2002) S.42

[9] Laqueur (1977) S.4

[10] ebd. S.5

[11] Hoffman (2002) S.16

[12] ebd. S.16/17

[13] ebd. S.20

[14] Laqueur (1977) S.101

[15] ebd. S.102

[16] Hoffman (2002) S.27

[17] ebd. S.30

[18] ebd. S.36

[19] ebd. S.37/42

[20] ebd. S.30

[21] Yassir Arafat zitiert in Hoffman (2002) S.30

[22] Hoffman (2002) S.38

[23] Laqueur (1977) S.104/105

[24] Hoffman (2002) S.86

[25] Laqueur (1977) S.105

[26] Hoffman (2002) S.86

[27] ebd. S.40 Bezug nehmend auf Jenkins „The study of Terrorism“

Details

Seiten
30
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638000468
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83615
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1
Schlagworte
Terrorismus Medien Theater Kultursoziologie

Autor

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