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Die gesellschaftliche Rolle der Künste

Hausarbeit 2007 24 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Über die künstlerische Grundfähigkeit
2.1 Kreativität als urmenschlicher Instinkt
2.2 Ideen, die von Kopf zu Kopf springen

3 Die Rolle der Künste
3.1 Künste als Erwerbsquelle
3.2 Kunst - Therapie
3.3 Künste als Orientierungspunkt
3.3.1 Identitätsstiftung im globalen „Einheitsbrei“
3.3.2 „Die Kunst wird zur Religion und der Künstler ihr Prophet.“ - Künste als Religionsersatz

4 Erziehung zum Kunst-Verständnis, aber wie?

5 Schlussbetrachtung

6 Abstract

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit der Antike wurde Kunst als Handwerk begriffen, das eines konkreten Auftrages bedurfte. Besonders die Kirchen sahen die Kunst als geeignetes Mittel, um ihre Lehre ihren Mitgliedern, die meist Analphabeten waren, durch Bilder zu veranschaulichen und begreifbar zu machen, gleichzeitig aber auch ihre Macht zu demonstrieren. Zudem begab sich der Mensch durch den Glauben in eine (für ihn unbewusste) Unmündigkeit, die keine Hinterfragung erlaubte.

Seit dem 15./16. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein befreite bzw. emanzipierte sich die Kunst davon, im Dienste anderer Mächte zu stehen. Der Mensch begann, Kritik an der bestehenden Ordnung der Kirchen zu üben und sich selbst und sein Handeln zunehmend in den Mittelpunkt zu stellen. Die Kunst ließ so ihre dekorierenden, pädagogischen, missionarischen und propagandistischen Funktionen hinter sich.

Aber was ist (die) Kunst? Was sind die Künste? Über diese Frage haben sich bereits unzählige „schlaue Köpfe“ ihre selbigen zerbrochen. Die Diskussion in ihrer Gesamtheit darzustellen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb wird im Folgenden nun erläutert, welche Bereiche die Verfasserin als Grundlage dieser Arbeit zur Definition einbezieht. Darunter versteht die Autorin zunächst einmal die Bildende Kunst mit ihren Untergruppen Malerei, Bildhauerei, Architektur, Fotografie und Medienkunst. Des weiteren wird hierzu die Darstellende Kunst bzw. Theater und Tanz gezählt. Fraglich und umstritten ist, ob die Bereiche Hörfunk, Fernsehen, und das Internet mit einbezogen werden sollten. Musik, sowohl vokale als auch instrumentale sind ebenfalls ein Teil der Künste. Zu guter letzt sind Dichtung bzw. Literatur mit ihrer Unterteilung in Epik, Drama und Lyrik ebenfalls mit einzubeziehen.

Die gesellschaftliche Rolle versteht die Verfasserin als Funktion, die im sozialwissenschaftlichen Kontext als Beitrag definiert wird, den die Institution der Künste/Kunst für das soziale System als Ganzes leistet.[1]

In der vorliegenden Arbeit sollen Antworten auf die folgenden Fragen gegeben werden: Welche Argumente lassen sich dafür finden, die Kunst weiterhin in großem Stil zu unterstützen, auch wenn sich rechnerisch dieser Aufwand wenig lohnt? Was haben die Künste für eine Bedeutung und Aufgabe für die Gesellschaft, also für die(Um-)Welt, in der wir leben? Und was ist der Nutzen für den Menschen, der sich mit Kunst bzw. den Künsten auseinandersetzen (möchte)? Welche Bedürfnisse des Menschen befriedigt die Kunst?

Dass die Künste oder der Besuch eines Kulturbetriebes längst in Konkurrenz zu anderen Freizeitaktivitäten stehen, ist unlängst bekannt. Deshalb soll die Antwort „Künste als (Frei-)Zeitvertreib“ auf die bereits gestellten Fragen in dieser Arbeit ausgeklammert werden. Der Vollständigkeit halber soll dies hiermit jedoch zur Sprache gebracht worden sein. Stattdessen sollen Funktionen und Aufgaben der Künste gefunden werden, die jenseits der „Spaß- bzw. Erlebnisgesellschaft“ anzusiedeln sind.

Bezüglich der verwendeten Literatur sind für diese Arbeit folgende Werke von Relevanz: Geoffrey F. Miller („The Mating Mind: How Sexual Choice Shaped the Evolution of Human Nature“) und Susan Blackmore („The Meme Machine”) nähern sich in ihren Publikationen zur Erklärung der Kreativität von der evolutionären Seite. Zur Darstellung der Aufgabe bzw. Funktion der Künste geben Claus Borgeest, Oliver Scheydt, Bernd Wagner und Max Fuchs in ihren Aufsätzen hilfreiche Denkanstöße. Die Veröffentlichungen Max Fuchs über die kulturelle Grundversorgung und die Kulturpolitik in Zeiten von Globalisierung liefern einen zuverlässigen Überblick der kulturellen Bildung.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich wie folgt: Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung und Funktion der kreativen Grundfähigkeit des Menschen. Hierzu sollen zwei unterschiedliche, die Evolution betreffende Ansätze beleuchtet werden. Zuerst wird die Theorie von Geoffrey F. Miller über die sexuelle Selektion behandelt. Danach werden die Ideen von Richard Dawkins bzw. Susan Blackmore über die kreative Nachahmungsfähigkeit des Menschen näher betrachtet. Der zweite Teil dieser Arbeit fragt nach den Aufgaben und Funktionen, die die Kunst für oder in der Gesellschaft hat. Zu Beginn soll die Funktion der Künste als Erwerbsquelle thematisiert werden. Weiterhin wird die therapeutische, heilende, ausgleichend wirkende Wirkung der Künste beleuchtet. Der Schwerpunkt dieses Kapitels liegt jedoch auf der Orientierungsfunktion der Künste. Dazu wird die identitätsstiftende Aufgabe der Künste in Zeiten der Globalisierung und dadurch schwindender Sicherheiten der Menschen eingehend dargestellt. Auch die These von der Kunst als Religionsersatz soll in dieser Arbeit thematisiert werden. Der nachfolgende Abschnitt zeigt mögliche Wege aus der „Krise“ der „Nachwuchsrekrutierung“ des Publikums durch kulturelle Bildung auf. Dazu werden Ideen und Ansätze angeführt werden, wie die Kunst und das Publikum in futura zusammen zu bringen sind. Die gewonnen Erkenntnisse werden im Anschluss zusammengefasst und mit der einleitenden Fragestellung in Zusammenhang gebracht.

2 Über die künstlerische Grundfähigkeit

Kreativität ist die Fähigkeit des Menschen, Ideen zu haben und diese gestalterisch zu verwirklichen. Aber woher kommt diese schöpferische Kraft in den Köpfen der Menschen? Und warum sind wir überhaupt kreativ? Im nun Folgenden werden zwei Ansätze zur Klärung dieser Fragen vorgestellt. Zu Beginn werden wir zu den Ursprüngen der menschlichen sexuellen Evolution geführt. Im Anschluss wird der Bogen ins hier und jetzt gespannt.

2.1 Kreativität als urmenschlicher Instinkt

Geoffrey F. Miller[2] setzt sich mit der Frage auseinander, durch welche Aspekte die Auswahl von Geschlechtspartnern beeinflusst wird. Er orientiert sich dabei an der Theorie von Charles Darwin, der zur Mitte des 19. Jahrhunderts den Ursprung der Arten durch natürliche Auslese erklärte. Der Philosoph Herbert Spencer brachte nahezu zeitgleich die Idee des Überlebens des am best Angepassten („Survival of the Fittest“) an die Öffentlichkeit. Alfred Russel Wallace brachte diese Theorie in den Zusammenhang mit der natürlichen Auslese.

Miller versucht zu erklären, das nicht nur eine gute körperliche Verfassung nötig ist, um aus der Masse herauszustechen und mögliche Partner für die Fortpflanzung zu finden, sondern auch der Zustand des Verstandes bzw. des Geistes ausschlaggebend ist. Merkmal für geistige Fitness ist für ihn vor allem die kreative Intelligenz. Kreatives Verhalten wirkt auf potentielle Sexualpartner sehr anziehend. Intelligenz ist ein Anhaltspunkt dafür, dass viele gute bzw. gesunde Gene vorhanden sind und diese in stetigen Wechselbeziehungen stehen. Diese Interaktionen der Gene sind wiederum Anzeichen für eine komplexe Entwicklung des Gehirns, ein größeres Gehirnvolumen und lassen wiederum den Rückschluss auf generell vorhandene Leistungsfähigkeit zu.

Die Anwendung der Kreativität kommt nicht nur beim „auf sich aufmerksam machen“ und beim „aus der Masse herausstechen“ durch Hautdekoration (Schminke), Körperverzierung oder Schmuck zum tragen, sondern vor allem bei der Werbung von Sexualpartnern. Kreatives Verhalten kann bei Konversation und „Werbungsgeschenken“ in ihrer einfachsten Form durch (selbst produzierte) Gedichte, Lieder oder Artefakte demonstriert werden. Diese kleinen „Aufmerksamkeiten“ lassen Rückschlüsse auf den sprachlichen Wortschatz des Herstellers, seine handwerkliche Fähigkeiten, den Zugang zu seltenen Ressourcen, auf Pflichtbewusstsein sowie Gewissenhaftigkeit und somit auch wieder auf seine Intelligenz zu. Im besonderen Fall der Konversation werden aber auch Anhaltspunkte auf Fähigkeiten wie Sprechen, Zuhören, Denken, Erinnern, Geschichten erzählen und Humor gegeben. Daneben trägt das Schenken auch Informationen über uneigennütziges und moralisches Verhalten des Schenkers in sich. Schenken steht für teilen mit anderen ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu erwarten. Dabei geht man bei der natürlichen Selektion davon aus, dass nur Individuen, die über die Möglichkeiten verfügen, aufgrund ihrer körperlichen Verfassung mehr zu „erwirtschaften“ als sie selbst zum Überleben benötigen, mit anderen teilen können und somit ebenfalls ihre Fähigkeit demonstrieren, andere mit zu versorgen und Sicherheit zu bieten.

Bei der sexuellen Selektion werden aber vielmehr Partner bevorzugt, die Phantasiefähigkeit und unvorhersehbares romantisches Verhalten unter Beweis stellen. Kreativität wird in diesem Fall genutzt, um Abwechslung durch Neues zu erzeugen und keine Langeweile aufkommen zu lassen, die eher unattraktiv auf potentielle Geschlechtspartner wirkt.[3]

Es lässt sich also sagen, vorausgesetzt man ist bereit, diese „urmenschlichen“ Verhaltensweisen ins jetzt und hier zu importieren, dass Kreativität ein Indikator für Intelligenz bzw. geistige Fitness und somit auch für generelle Leistungsfähigkeit anzusehen ist. Kreative Menschen erhalten also eher den Zugang zur Fortpflanzung und zur Weitertragung ihres genetischen Materials in die nächste Generation. Kreatives Verhalten jeglicher Art sichert demnach das Überleben von Individuen und deren Genen. Kreativität kann in diesem Kontext als Ur-Instinkt des Menschen gesehen werden und sichert das Fortbestehen der Menschheit an sich.

2.2 Ideen, die von Kopf zu Kopf springen

Susan Blackmore[4] findet einen gänzlich anderen Ansatz zur Erklärung der menschlichen Kreativität, indem sie zur Untersuchung der Evolution auf kultureller Ebene Richard Dawkins Theorie der egoistischen Gene aufgreift. Dieser ging bereits 1976 davon aus, dass Gene nur für sich selbst handeln und ihr einziges Anliegen in ihrer eigenen Nachbildung, also in der Weitertragung von der einen in die andere Generation besteht. Dawkins Theorie über den universellen Darwinismus besagt: Alles Leben überall im Universum entwickelt sich durch unterschiedliches Überleben von sich replizierenden eigenständigen Gebilden. Diese Theorie erweitert er auch auf kulturelle Übertragungen von Melodien, Ideen, Slogans, modische Stile, die Herstellung von Gebrauchsgegenständen wie Töpfen und Bechern oder den Schiffsbau. Diese Informationen, die von Kopf zu Kopf springen, sind in Gehirnen der Menschen, sowie in Büchern oder Erfindungen gespeichert und werden durch Imitation weitergegeben. Er vergleicht diese Informationen mit Parasiten, die ihre Wirte infizieren. Als Beispiel führt er religiöse Gruppen an, die mit ihren „Lehren“ ganze Gesellschaften „befallen“.

Diesen Imitationsgedanken greift Susan Blackmore auf und fasst dieses Weitergeben von Ideen, Anordnungen, Befehlen, Informationen unter dem Oberbegriff „Meme“ zusammen. Der Ursprung dieser (Wort-)Neuschöpfung liegt im griechischen Wort „mimema“, der künstlerischen Nachahmung der Wirklichkeit. Etwas zu „mimen“ bedeutet, jemanden nachzuahmen bzw. schauspielerisch darzustellen. Ein/e Mime ist ein Schauspieler. Sie geht also davon aus, dass diese Fähigkeit zu imitieren den Menschen einzigartig macht und ihn von den Tieren unterscheidet. Ideen, Geschichten, Melodien, Angewohnheiten, Fertigkeiten oder Theorien können so von einer zur anderen Person weitergegeben werden. Dabei geht es bei diesem Lernprozess nicht um eine exakte Nachahmung, sondern im Kern darum, dass etwas (eine Information), von einem in ein anderes Gehirn kopiert wird. Unsere verhältnismäßig großen Gehirne, unsere Sprache, unsere Kreativität sowie die Fähigkeit, künftige Entwicklungen und Erfordernisse zu erkennen und richtig einzuschätzen, sind allesamt auf Nachahmung bzw. Imitation zurückzuführen. Blackmore bringt diese Ansätze in Zusammenhang mit Dawkins Theorie der egoistischen Gene. Sie geht dabei davon aus, dass die „Memes“ keineswegs von Menschen kreiert werden, sondern ebenso egoistisch sind wie Gene und es ihnen lediglich darum geht, kopiert und von Gehirn zu Gehirn weitergegeben zu werden. Die Menschen sind aufgrund ihrer Fähigkeit zu imitieren nur die Wirte bzw. Medien, die die „Memes“ benötigen, um durch das Eindringen und Festsetzen in unseren Gehirnen in die nächste Generation weitergetragen zu werden.[5]

[...]


[1] Vgl.: Joas, Hans (Hg): Lehrbuch der Soziologie, Frankfurt/Main 2003: 21.

[2] Geoffrey F. Miller ist Professor für Psychologie an der University of New Mexico in Albuquerque.

[3] Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit den Ideen Geoffrey F. Millers und seinem Buch „The Mating Mind: How Sexual Choice Shaped the Evolution of Human Nature“ auf: http://psycprints.ecs.soton.ac.uk/archive/00000137/ am 17.11.2006.

[4] Susan Blackmore studierte Psychologie und Physiologie und hat einen Lehrauftrag an der University of Bristol. Ihr Spezialgebiet sind die Parapsychologie und „out of body“ Erfahrungen. Kritiker beschreiben sie als „Paradiesvogel“.

[5] Diese Passage enthält Informationen aus Blackmores „Die Macht der Meme. Oder die Evolution von Kultur und Geist“ (2005) auf: http://www.susanblackmore.co.uk/Books/Meme%20Machine/mmsynop.html,

http://www.susanblackmore.co.uk/Books/Meme%20Machine/MM.htm sowie http://www.susanblackmore.co.uk/Books/Meme%20Machine/Chapter%201.htm am 17.11.2006

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638001229
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83845
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Juniorprofessur für Kulturmanagement
Note
1,3
Schlagworte
Rolle Künste Theorie Bezugsrahmen Kulturmanagements

Autor

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