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Sozialarbeit mit Migranten/innen

Hausarbeit 2007 36 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Migration und Integration
2.1 Typen von Integration und Assimilation
2.2 Ethnische Schichtung
2.3 Multikulturelle Gesellschaft
2.4 Gegenpositionen und Alternativen zur multikulturellen Gesellschaft

3 Konzepte der Migrationssozialarbeit
3.1 Zentrale Merkmale der Ausländerpädagogik und interkultureller
Pädagogik
3.2 Zentrale Kritikpunkte interkultureller Konzepte
3.3 Reflexive Interkulturalität
3.4 Strategietypen kommunaler Integrationspolitik
3.5 Persönliche Meinung
3.6 Zentrale Merkmale und Begründungen Interkultureller Öffnung
sozialer Dienste

4 Ehre und Schande
4.1 Mein Verständnis zum Konzept „Ehre und Schande“
4.2 Die Bedeutung für jugendliche MigrantInnen

5 Migrantenjugendliche
5.1 Die Situation junger MigrantInnen in der Berufsausbildung
5.2 Ursachen der Benachteiligung und Maßnahmen
5.3 Umgang des MaDonna-Mädchentreffs mit dem Fundamentalismus
5.4 Persönliche Einschätzung

6 Parallelgesellschaft und Leitkultur
6.1 Leitkultur
6.2 Parallelgesellschaft

7 Ausländerrecht
7.1 Rechtsanspruch auf Ehegattennachzug
7.2 Tatbestandsvoraussetzungen zur Erteilung einer Niederlassungs-
erlaubnis für nachgezogene Ehegatten
7.3 Eigenständiges Aufenthaltsrecht von nachgezogenen Ehegatten
7.4 Persönliche Beurteilung
7.5 Was bedeutet „nachrangiger Arbeitsmarktzugang“?

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die folgende Arbeit setzt sich mit den Seminarinhalten Migration und Integration, Konzepte der Migrationssozialarbeit, Ehre und Schande, Migrantenjugendliche, Parallelgesellschaft und Leitkultur sowie Ausländerrecht unter dem Thema „Migrationssozialarbeit“ auseinander. Die zu bearbeitenden Fragen, aus denen letztlich der Inhalt dieser Hausarbeit resultiert, wurden den oben genannten Teilthemen zugeordnet, so dass dem Aufbau der Arbeit eine gewisse Strukturierung gewährleistet werden kann.

2 Migration und Integration

Im ersten Teil der Arbeit sollen die Fragen bearbeitet werden, welche Typen von Integration und Assimilation Hartmut Esser unterscheidet und was er unter ethnischer Schichtung versteht. Zudem soll geklärt werden, was Wolfgang Nieke unter einer multikulturellen Gesellschaft versteht, welche Gegenpositionen und Alternativen er dazu nennt.

2.1 Typen von Integration und Assimilation

„Das Wort Integration (fem., von lat. integer bzw. griech. entagros = unberührt, unversehrt, ganz), zu deutsch Herstellung eines Ganzen“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Integration 2007: 1) bezeichnet in der Soziologie den Zusammenhalt von Teilen in einem systemisch Ganzen und somit auch die dadurch erzeugte Abgrenzung von einer unstrukturierten Umgebung. So ist die Integration eines Systems durch die wechselseitigen Abhängigkeiten, die zwischen den Einheiten und der Abgrenzung zur entsprechenden Umwelt existieren, definiert und lassen eben jene auch entstehen (vgl. Esser 2001: 65).

Nach Hartmut Esser, der sich wiederum auf Lockwood bezieht, lassen sich zwei Typen des Begriffes der Integration unterscheiden. Die Unterscheidung erfolgt in Systemintegration und Sozialintegration. Während beim Problem der sozialen Integration die geordneten oder konfliktgeladenen Beziehungen der Handelnden eines sozialen Systems im Vordergrund und damit zur Debatte stehen, dreht es sich beim Problem der Systemintegration um die geordneten oder konfliktgeladenen Beziehungen zwischen den Teilen des Systems (vgl. Lockwood 1970: 125). Das meint also, dass der Bezug der Systemintegration auf der Integration einer „Gesellschaft als Ganzheit“ (Esser 2001: 66) besteht und sie sich somit ungebunden an den Handelnden ausrichtet. Hingegen erfolgt die Bezugnahme bei der Sozialintegration dahingehend, dass sie sich auf die Integration der Handelnden in das Gesamtsystem hinein beschränkt und sich somit eben nicht mehr ungebunden an sie richtet, sondern sich mit ihnen als Individuen beschäftigt (vgl. Esser 2001: 66). Die Sozialintegration wird weiter definiert in Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation, auf der Tatsache beruhend, dass eben jene Form der Integration im Allgemeinen im Zusammenhang mit der Integration von Migranten gemeint ist (vgl. Esser 2001: 67).

Generell müssen die beiden beschriebenen Formen deshalb voneinander abgegrenzt werden, da zwischen ihnen eine gewisse Unabhängigkeit besteht (vgl. Esser 2001: 66 f.).

Als Assimilation wird in der Soziologie die „Anpassung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen aneinander“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Assimi-lation_%28Soziologie%29 2007: 1) bezeichnet. Der Begriff an sich ist weder mit politischen Konzepten noch mit kulturellen oder ethnischen Homogenisierungen in Verbindung zu bringen. Da sich eine Gesellschaft nie als homogen bezeichnen kann, ist auch bei der hier gemeinten Anpassung oder auch Angleichung eine solche zu verstehen, die in gewissen Verteilungen der verschiedenen Gruppen erfolgt, die aber nicht als unbedingt einseitig zu verstehen sein muss (vgl. Esser 2001: 70 ff.).

Die Typisierung von Assimilation erfolgt dementsprechend:

-auf kultureller Ebene: Angleichung im Wissen und in Fertigkeiten wie in der
Übernahme von Sprache, Bräuchen, Sitten
-auf struktureller Ebene:Angleichung in der Besetzung von Positionen bezüglich
der Bildungssysteme wie die Platzierung auf dem Arbeitsmarkt, im Schulsystem
-auf sozialer Ebene: Angleichung in der sozialen Akzeptanz und Beziehungsmustern wie der Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen
-auf emotionaler Ebene: Angleichung in der gefühlsmäßigen Identifikation mit anderen Gruppen wie der Aufnahmegesellschaft (vgl. Esser 2001: 71)

2.2 Ethnische Schichtung

Bei Hartmut Esser ist dann von ethnischer Schichtung die Rede, wenn systematisch vertikale soziale Ungleichheit, womit die Veränderung des Ranges der sozialen Position gemeint sein soll, zwischen unterschiedlich ethnischen Gruppen gegenüber deren Gleichheit in sozialstruktureller Hinsicht vorliegt. Diese Ungleichheiten spiegeln sich hier in sozialstruktureller Hinsicht beispielsweise in Einkommen, Bildung, berufliches Ansehen etc. wieder. Eine ethnische Schichtung liegt eben dann vor, wenn sich Handelnde mit bestimmten ethnischen oder auch kulturellen Eigenschaften in den veränderbaren Größen, die die vertikale soziale Ungleichheit meinen, systematisch unterscheiden (vgl. Esser 2001: 77). Ethnische Schichtungen resultieren also aus ethnischer Differenzierung und vertikaler sozialer Ungleichheit und sind somit gesellschaftliche Systeme, die eine systematische Über- und Unterordnung ethnischer Gruppen innerhalb einer ethnisch differenzierten Gesellschaft kennzeichnen. Nun soll noch zwischen verschiedenen Formen der ethnischen Schichtung unterschieden werden, wobei diese als milde und scharfe Form bezeichnet werden. Die milde Form liegt dann vor, wenn sich die Ordnung nur auf ein explizites Merkmal der Personen richtet, wobei sich die schärfere Form auf mehrere Merkmale der Personen und im Extremfall eben auf alle bezieht (vgl. Esser 2001: 79).

Damit ethnische Schichtung ausgeschlossen werden kann, muss die oben angesprochene strukturelle Assimilation nach Hartmut Esser funktionieren. Diese stellt nämlich jene Bedingung der sozialen Integration der Migranten und Minderheiten in die Aufnahmegesellschaft und einer Systemintegration dar, die auf mehr beruhen soll als auf der Hinnahme des Schicksals dieser Unterschichtung (vgl Esser 2001: 89 f.).

2.3 Multikulturelle Gesellschaft

Eine multikulturelle Gesellschaft kann als ein „politisches und publizistisches Schlagwort, mit dem eine Gesellschaft bezeichnet wird, in der Menschen unterschiedlicher Kultur, Herkunft, Nationalität, Sprache, Religion und Ethnie zusammenleben“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Multikulturelle_Gesellschaft 2007: 1) beschrieben werden. Nieke umschreibt den Begriff insofern, als dass er diesen zunächst nicht direkt definiert, sondern ihn anhand der vier wesentlichen Einwanderungsströme der Bundesrepublik Deutschlands ausmacht. Nach 1945, der ersten Einwanderung, wurden die Zuwanderer, die aus den Ostgebieten des Reiches wie der Sowjetzone stammten, als Gleichgesinnte akzeptiert, so dass einschlägige Diskriminierung noch ausblieb. Nach 1955 kam es zu einer Anwerbung von Arbeitskräften rund um das Mittelmeer, die nach dem „Rotationsprinzip“ (Nieke 2006: 41) ohne ihre Familien einreisen und nach fünf Jahren im Austausch zu neuen Arbeitsmigranten wieder ausreisen sollten. Dieser Rotationsprozess wurde aber bald aufgrund verschiedener ökonomischer Interessen durchbrochen, so dass es zum Familiennachzug kam. Da diesen Familienagehörigen aber jegliche Assimilation verwehrt wurde, setzte Deutschland den ersten Grundstein zum Beginn der multikulturellen Gesellschaft. Auch vermehrte Diskriminierung der Zuwanderer machte sich bemerkt. Über die dritte Einwanderungswelle in den Achtzigern, in denen vor allem Flüchtlinge nach Deutschland kamen, die nach vorerst uneingeschränktem Asyl suchten und die aufgrund öffentlicher Meinungen bald Ablehnung erfahren sollten, lässt sich die letzte Einwanderungswelle, in der überwiegend deutschstämmige Aussiedler in die BRD einwanderten, verzeichnen. Bei der letzten Welle von Einwanderung erfolgte zunächst eine Assimilation der Zuwanderer, die seit circa 1990 so nicht mehr funktionierte, was auf eine Ablehnung durch die Einheimischen ihnen gegenüber, zurückzuführen ist (vgl. Nieke 2006: 42 f.).

Die Multikulturelle Gesellschaft ist demnach eine von Deutschland selbst hervorgerufene Gesellschaft. Eine Gesellschaft des Landes, dass eben kein Einwanderungsland sein wollte, in dem Migration einzig aus ökonomischem Interesse verfolgt wurde, in dem den Gastarbeitern und Flüchtlinge deswegen jegliche Assimilation verweigert wurde (vgl. Nieke 2006: 47). Umschrieben werden also Migrationsprozesse, durch die ein sozialer und kultureller Wandel geschehen ist und die zu jener Gesellschaft beigetragen haben, in der einheimische Mehrheit und zugewanderte Minderheit, die sich in kultureller Differenz definieren, zusammenleben (vgl. Nieke 2006: 44).

2.4 Gegenpositionen und Alternativen zur multikulturellen Gesellschaft

Zunächst zu den Positionen, die eine multikulturelle Gesellschaft ablehnen.

Zum Einen spricht Nieke jene an, die ideologiekritisch begründet ist und sich dadurch ausmacht, dass ihre Verteter aufgrund neu entstehender pädagogischer Aufgaben in der Gestaltung des Zusammenlebens zwischen Gruppierungen, die als kulturell verschieden definiert werden, die Sorge und den Verdacht äußern, dass durch eine Konzeptualisierung (dem Versuch, ein Phänomen der realen Welt auf eine abstrakte Art und Weise darzustellen), welche mit dem Begriff von Kultur und der damit gesetzten Differenzierung von Gruppen arbeite, bestimmte Machtinteressen verschleiert werden könnte. Da ein Prozess der Unterscheidung dann den Machtinteressen dient, die von der Mehrheit der Einheimischen vertreten wird, die den Zugewanderten Gleichheitsrechte nicht zusprechen wollen, was sich weiter gedacht als „Kulturrassismus“ (Nieke 2006: 43) denken ließe, stößt die multikulturelle Gesellschaft auf Ablehnung (vgl. Nieke 2006: 43).

Zum Anderen besteht die Ablehnung, die hier identitätspolitisch gekennzeichnet ist, in der Sorge darum, durch die Zuwanderung verschiedener Gruppen mit ihrer Kultur, die eigene kulturelle Identität in Gefahr zu sehen. So werden unter anderem Forderungen gegenüber bestimmten Kulturkreisen laut, sich auf ein Bekenntnis zu den Grundlagen der einheimischen Kultur, als „Leitkultur“ (Nieke 2006: 43), einzulassen.

Nieke möchte jene Alternativen ansprechen, die ein vernünftiges Zusammenleben der verschiedenen Kulturen in der multikulturellen Gesellschaft gewährleisten könnten, bzw. deren Ansatz dafür spricht. Zunächst setzt er sich diesbezüglich mit den Diskursen zur multikulturellen Gesellschaft auseinander und geht ein auf die Konzeptualisierung von Interkulturellen Zwischenwelten sowie der Möglichkeit des Rückzugs auf einen von allen akzeptierten Maßstab zurückzugreifen, der sich in den Menschenrechten wiederfindet (vgl. Nieke 2006: 44 ff.). Dabei stellt er heraus, dass eine umsetzbare Alternative darin besteht, den Diskurs über kulturelle Vielzahl auszuweiten und diesen auf jenen zu richten, der sich auf die Anerkennung von Unterscheidung und Vielfältigkeit bezieht, wobei hier auch die Unterschiedlichkeiten der Einheimischen mit umfasst werden (vgl. Nieke 2006: 46). Diese Ausweitung, die von den Weltanschauungen auf die Lebensformen schließt, lässt, durch die kulturelle Differenz der MigrantInnen zu der einheimischen Vielfalt, die nahe Platzierung der kulturellen Differenz als integrationserschwerend in eine andere Beziehung setzen (vgl. Nieke 2006: 47).

3 Konzepte der Migrationssozialarbeit

Folgend werden zentrale Merkmale der Ausländerpädagogik und interkulturellen Pädagogik sowie zentrale Kritikpunkte an interkulturellen Konzepten ausge-arbeitet. Es wird der Begriff „reflexive Interkulturalität“ nach dem Verständnis von Franz Hamburger erläutert und geklärt wie er seine Position begründet. Die unterschiedlichen Strategietypen kommunaler Integrationspolitik nach Dieter Filsinger werden erklärt und eine persönliche Meinung dazu geliefert. Letztlich werden zentrale Merkmale und Begründungen der Interkulturellen Öffnung zentraler Dienste beschrieben.

3.1 Zentrale Merkmale der Ausländerpädagogik und interkultureller Pädagogik

Die Ausländerpädagogik ist zunächst daran auszumachen, dass sie sich aus der in1.3erläuterten zweiten Einwanderungswelle der Bundesrepublik entwickelt hat. Ab 1960 sind Bemühungen um Menschen mit einem Migrationshintergund im schulischen wie außerschulischen Bereich zu erkennen (vgl. Vink 2006: 34). Ausschlaggebend waren aber vor allem die Migrantenkinder, für die in den Schulen muttersprachliche Klassen eingerichtet wurden, wobei sie einerseits rasch an die deutschen Verhältnisse angepasst werden sollten und andererseits eine Erhaltung der Rückkehrfähigkeit angestrebt wurde (vgl. Nieke 2006: 41). Das möglichst schnelle Erlernen der neuen Sprache und das möglichst rasche Vergessen des Hergebrachten waren angesagt, womit dieser assimilatorische Ansatz in der Ausländerpädagogik seinen Anklang fand. Zentrale Merkmale sind demnach, dass davon ausgegangen wurde, dass die Lernenden fremder Herkunft Defizite mitbrächten. So wurde die Möglichkeit zur Erziehung problemorientiert gesehen. Durch sonderpädagogische Maßnahmen sollten möglichst schnell Defizite abgebaut werden, was zu einer äußeren Differenzierung in Form von bestimmten Klassen etc. erfolgte. Die Ausländerpädagogik orientierte sich weiter an der staatlich vorgegebenen Ausländerpolitik, die sich sowohl an Integration, die oft mit Assimilation gleichgesetzt wurde, als auch am Rotationsprinzip, wie schon in1.3beschrieben, orientierte (vgl. Diehm/Radtke in Vink 2006: 49f.). Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Ausländerpädagogik an einem Gesellschaftsmodell ausrichtete, welches „national staatlich, kulturhomogen und monolingual“ (Diehm/Radtke in Vink 2006: 50) orientiert war.

Aufgrund der Kritik an der Ausländerpädagogik, der letztlich vorgeworfen wurde, sie würde zu einem Prozess führen, in dem die Migrantenkinder an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, entstand die interkulturelle Pädagogik, die darauf zielte sowohl MigrantInnen als auch Deutsche anzusprechen und sie möglichst gemeinsam zu erziehen und zu fördern (vgl. Vink 2006: 34). Im Mittelpunkt stand hier nun die Kulturdifferenz, die als Bereicherungsmöglichkeit aller Beteiligten gesehen wird. In der Praxis lässt sich die interkulturelle Pädagogik also nur in Form von Kulturkontakt umsetzen und so werden die einzelnen Kulturen für sich thematisiert und als Lerngegenstand genutzt. Es wird also auf eine Integration, die eine Stärkung und Wertschätzung der von den MigrantInnen mitgebrachten Kulturen einschließt, hingearbeitet. Interkulturelle Pädagogik richtet sich somit an einem Gesellschaftsmodell, welches eine nicht mehr umkehrbare dauerhafte multikulturelle Gesellschaft umschreibt, aus. „Interkulturelle Erziehung wird verstanden als die notwendige Antwort auf die entstandene und dauerhaft bestehend bleibende Gesellschaft mit Zuwanderern aus anderen Kulturen sowie mit daraus entstehenden oder schon vorher existierenden ethnischen Minoritäten, d.h. als Antwort auf eine als dauerhaft zu akzeptierende multiethnische oder multikulturelle Gesellschaft“ (Nieke 1995: 30).

3.2 Zentrale Kritikpunkte interkultureller Konzepte

Die oben genannten zentralen Merkmale ziehen sich durch unterschiedliche Konzepte interkultureller Pädagogik, die sich in wissenschaftlichen Beiträgen, aber auch in praktischen Trainingskonzepten wiederfinden lassen. Konzeptio-neller Schwerpunkt kann interkulturelles Lernen als soziales Lernen, der Umgang mit kulturellen Differenzen, die Fähigkeit zum interkulturellen Dialog, eine multiperspektivische Allgemeinbildung, die Mehrsprachigkeit von Schüler/innen oder die antirassistische Erziehung sein (vgl. Auernheimer 2003: 124). Egal wo der Schwerpunkt gesetzt wird, eine kritische Hinterfragung bleibt nicht aus. So sollten nicht die Unterschiede von Bevölkerungsgruppen im Vordergrund stehen, denn sonst kann zu Recht von einer Kulturalisierungstendenz gesprochen werden, einer der häufigsten Kritikpunkte an der interkulturellen Pädagogik. Mit dem Begriff Kulturalisierung ist eine „Verengung, Vereinseitigung oder Überbetonung der Beschreibung sozialer Wirklichkeit/Probleme mit der Unterscheidung „Kultur“ “ (Diehm/Radtke: 147) gemeint. Auch darf die Bedeutung von Machtdimensionen nicht in den Hintergrund rücken, denn oft bleibt eine Diskussion der ungleichen Machtverhältnisse zwischen Mehrheit und Minderheit der Kulturen aus, wo gerade gerechte Machtverhältnisse Grundvoraussetzung für interkulturelle Kommunikation ist (vgl. Vink 2006: 36). Ausgeblendet werden darf weiter nicht die Stereotypisierungsproblematik, die dadurch entsteht, dass Kulturen als homogene geschlossene Einheiten gesehen werden, die sie aber nicht sind, denn es gibt kulturelle Differenzierungen sowie Subkulturen innerhalb einer Kultur (vgl. Vink 2006: 56). Oft wird Kultur als statisch, durch sozialen und ökonomischen Wandel nicht beeinflussbare Größe dargestellt. Hingegen ist sie, in welcher Form auch immer, dynamisch, nicht abgeschlossen und somit durch innere wie äußere gesellschaftliche Veränderungsprozesse formbar (vgl. Vink 2006: 56). Zudem wird im Sinne des Kulturdeterminismus kritisiert, dass den MigrantInnen, durch ethnisch-nationale Zuschreibungen, die Fähigkeit abgesprochen wird, Kultur kreativ verarbeiten und verändern zu können, was eine „Entsubjektivierung“ (Vink 2006: 56) nach sich zieht. Zuletzt soll die Irrelevanz von Kultur als zentraler Kritikpunkt an interkulturellen Konzepten erwähnt werden. Nach Auffassung einiger Autoren wie Bukow, Llaryora, Radtke sei kulturelle Zuordnung in modernen Gesellschaften zweitrangig, wenn nicht bedeutungslos und kulturelle Vielfalt verschwinde irgendwann vollständig. Allerdings ist gerade Kultur im alltäglichen Leben von hoher Bedeutung, da sie für Selbstdefinition, Prozesse der Identitätsgestaltung etc. eine zentrale Bedeutung spielt (vgl. Vink 2006: 37 ff.).

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Details

Seiten
36
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638001885
ISBN (Buch)
9783638910897
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84027
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Fakultät I: Bereich Soziale Arbeit
Note
1,7
Schlagworte
Sozialarbeit Migranten/innen Handlungsfelder Ausländerrecht
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Titel: Sozialarbeit mit Migranten/innen