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Auswahlkriterien von Nachrichten bei öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern in Deutschland: Ein Vergleich

Bachelorarbeit 2006 44 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Geschichte und Entwicklung von Nachrichtenfaktoren und Nachrichtenwert
2.1 Die Gatekeeper-Forschung
2.2 Die News Bias-Forschung
2.3 Die Nachrichtenwerttheorie
2.3.1 Walter Lippmann
2.3.2 Einar Östgaard
2.3.4 Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge
2.3.5 Weiterentwicklung und Kritik
2.3.5.1 Karl Eric Rosengreen
2.3.5.2 Winfried Schulz
2.3.5.3 Joachim Friedrich Staab
2.3.5.4 Christiane Eilders

3. Nachrichtenanalyse
3.1 Methodisches Vorgehen
3.2 Übersicht: Anteil von Nachrichten am Gesamtprogramm
3.3 Aufbau der analysierten Nachrichtensendungen
3.3.1 ARD – Tagesschau
3.3.2 ZDF – heute
3.3.3 RTL aktuell
3.3.4 SAT.1 News
3.4 Themen der untersuchten Woche
3.5 Analyse der Themenstruktur
3.6 Klassische Nachrichtenfaktoren
3.6.1 Analyse der Nachrichtenfaktoren in der Tagesschau
3.6.2 Analyse der Nachrichtenfaktoren in heute
3.6.3 Analyse der Nachrichtenfaktoren in RTL aktuell
3.6.4 Analyse der Nachrichtenfaktoren in den SAT.1 News
3.7 Vergleich der Anwendung von Nachrichtenfaktoren bei öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern

4. Ein neuer Nachrichtenfaktor: Service

5. Fazit

6. Literaturliste

7. Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Am 20.Dezember 1952 gab es mit der Tagesschau zum ersten Mal Nachrichten im deutschen Fernsehen. Seitdem hat sich das Informationsangebot stetig weiterentwickelt. Auch die privaten Fernsehsender, die, im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Medien, nicht zu einer Grundversorgung verpflichtet sind, bieten ihrem Publikum größtenteils Nachrichtensendungen an. Doch wie kommt es zu diesen Nachrichten? Wer sagt, welches Ereignis es in die Nachrichtensendung am Abend schafft und welches draußen bleibt und damit von den Rezipienten nicht wahrgenommen werden kann, so als hätte dieses Ereignis gar nicht stattgefunden? Welche Faktoren entscheiden, welche Ereignisse zu Nachrichten werden und welche im Papierkorb landen? Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Um die Selektionspraxis in heutigen Nachrichtenredaktionen besser zu verstehen, ist ein Blick zu den Anfängen der Nachrichtenselektionsforschung nötig. Aus diesem Grund erläutere ich zunächst die drei grundlegenden Theorien, die das Fundament für diese Forschungsrichtung gelegt haben. Die Nachrichtenwerttheorie, eines dieser drei Fundamente, wird ausführlich in ihrer Entstehung und Weiterentwicklung beschrieben. Im praktischen Teil wird dann eine Nachrichtenanalyse durchgeführt. Anhand der Hauptnachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und SAT.1 soll nachgewiesen werden, welche Nachrichtenfaktoren heute eine wichtige Rolle spielen. In diesem Zusammenhang versuche ich dann die Einführung eines neuen Nachrichtenfaktors: dem Service. Ich werde untersuchen, ob Service als ein Kriterium in der heutigen Nachrichtenselektion angewendet wird und welche Unterschiede es darin bei öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern gibt. Abschließend werde ich dann meine Ergebnisse zusammenfassen und einen kurzen Ausblick geben.

2. Geschichte und Entwicklung von Nachrichtenfaktoren und Nachrichtenwert

Wie entstehen Nachrichten? Nach welchen Kriterien suchen Nachrichtenredakteure ihre Meldungen aus? Und wer entscheidet, welche Nachrichten wichtig sind und welche unwichtig? Das sind die Kernfragen, mit denen sich seit den 1950er Jahren die Nachrichtenselektionsforschung beschäftigt. Die Forschungsrichtung geht dabei der Frage nach, „nach welchen Kriterien Journalisten Nachrichten auswählen und aufbereiten“ (Bartel 1997, S.13). Zunächst allerdings muss der Nachrichtenbegriff definiert und erklärt werden. Nach Miriam Mackel und Klaus Kamps ist eine Nachricht „ein Ereignis, das aus einer Gesamtheit an Geschehnissen zur Berichterstattung ausgewählt wurde, also das Ergebnis eines Selektionsprozesses durch Journalisten“ (Meckel/Kamps 1998, S.17). Die Nachricht wird dann im nächsten Schritt zur Informationen, „wenn der Rezipient sie durch Rekonstruktion, kognitive Verknpüfung, Zuweisung von Sinn und Umwandlung in Wissen zu einer Information macht“ (ebd. S.22f).

„Prinzipiell gilt für Nachrichten, dass sie

- Neuigkeiten sind. Das heißt, sie befassen sich mit aktuellen Tatsachen oder Ereignissen.
- interessant, vielleicht sogar relevant sind. Das heißt, sie betreffen eine größere Zahl von Menschen.
- meist regelwidrige bzw. außergewöhnliche Tatsachen oder Ereignisse zum Inhalt haben.
- einen bestimmten formalen Aufbau besitzen.“ (Pürer 1991, S.46)

Es gibt mehrere Forschungsansätze in der Nachrichtenselektionsforschung, aber drei Konzepte gelten in dieser Frage bereits als „Forschungstraditionen“ (Meinke 2002, S.23): Die Gatekeeper-Forschung, die News Bias-Forschung und die Nachrichtenwerttheorie. Im folgenden Abschnitt werden die drei Theorien erläutert. Besondere Erwähnung erlangt hier die Nachrichtenwerttheorie, da es sich hierbei um die am ausführlichsten untersuchte Theorie handelt und weil sich die Untersuchungen im zweiten Teil dieser Arbeit auf deren Ergebnisse beziehen.

2.1 Die Gatekeeper-Forschung

Die Nachrichtenforschung hat sich zunächst nur auf die Person des einzelnen Redakteurs konzentriert. Mitte der 1950er Jahre hat David Manning White die Gatekeeper-Forschung entwickelt, die auf dem theoretischen Konzept des Psychologen Kurt Lewin beruht. Der Begriff „Gatekeeper“ wurde verwendet, weil es laut White im Nachrichtenfluß „bestimmte Pforten, Schleusen oder Schaltstellen gibt, an denen einzelne Nachrichtenredakteure darüber entscheiden, welche Informationen weitergegeben werden und welche nicht“ (Wilke/Rosenberger 1991, S.25). Zur Entwicklung seiner Theorie hat White eine Woche lang einen Nachrichtenredakteur einer kleinen Tageszeitung im mittleren Westen der USA beobachtet. Der Nachrichtenredakteur, den White „Mr.Gates“ nannte, sollte auf alle Meldungen, die er im Laufe seines Arbeitstages ablehnte, seine Begründung für die Ablehnung notieren. Ein Ergebnis war, dass der Redakteur tendenziell eher Meldungen verwendet hat, die seinen persönlichen Interessen entsprochen haben. So konnte White mit Hilfe einer Input-Output-Analyse beweisen, dass Mr. Gates politische Themen bevorzugt und „Human-Interest“–Themen vernachlässigt hat. Dieses Interessensspektrum hat sich auch in der Zeitschrift widergespiegelt. White hat daraus geschlossen, dass die Selektionskriterien eines Nachrichtenredakteurs „eine Folge dessen persönlicher Vorlieben bzw. Abneigungen und Einstellungen sind“ (Bartel 1997, S.14). Walter Gieber setzte diesen Ansatz fort und hat dabei das Untersuchungsfeld auf insgesamt 16 Nachrichtenredakteure verschiedener Zeitungen in den USA erweitert. Er kam zu den gleichen Schlussfolgerungen und konnte das Konzept noch erweitern. So haben seine Forschungen ferner gezeigt, dass die Selektion „durch die organisatorischen und technischen Zwänge von Redaktion und Verlag“ (Schulz 1990, S.11) bestimmt wird, also z.B. vom Zeitdruck oder vom verfügbaren Raum in der Zeitung. Giebers Theorie zeigt auch, dass sich die Nachrichtenredakteure bei der Auswahl der Meldungen nicht am Publikum orientieren, sondern vielmehr an ihren Kollegen und Vorgesetzten (vgl. Gieber 1964). Hierbei spielt die „redaktionelle Linie“ eine wichtige Rolle, die entweder von der Redaktion oder formell vom Verleger festgelegt ist (ebd.). Und auch andere Medien, die eine Meinungsführerrolle übernehmen, haben Einfluss auf den Selektionsprozess (vgl. Bartel 1997, S.15). Eine erneute Überprüfung von Giebers Thesen durch Christian Kristen (1972) hatte aber auch zum Ergebnis, dass die Nachrichtenredakteure sich in der Regel nur passiv verhalten. Die eigentlichen „Nachrichtenmacher“ sind die Agenturen, die die Redaktionen mit Pressemitteilungen und Informationen versorgen. „Mr. Gates“ und die Nachrichtenredakteure geben diese größtenteils nur wieder. Laut Joachim Friedrich Staab ist die Tätigkeit des Redakteurs nur noch Routine, die sich „im wesentlichen auf das Kürzen des Agenturangebotes beschränke, während die eigentliche Gatekeeper-Funktion den Nachrichtenagenturen selbst zukomme“ (Staab 1990, S.17). Diese Erkenntnis zeigt, dass die Gatekeeper-Forschung nicht vollständig sein kann. Denn „die Beobachtung einer einzigen Station in dem oft langen Nachrichtenfluss vom Ereignis zum Medium liefert […] nur einen unvollkommenen und mitunter sogar unbedeutenden Ausschnitt aus dem Gesamtbild der Nachrichtenselektion“ (Schulz 1990, S.12).

2.2 Die News Bias-Forschung

Bei der News Bias-Forschung sollen „Zusammenhänge zwischen den politischen Einstellungen und den Auswahlentscheidungen von Nachrichtenjournalisten ermittelt werden“ (Meinke 2002, S. 23). Es wird also untersucht, ob Nachrichtenredakteure sich von ihrer politischen Einstellung oder auch von der redaktionellen Linie, die der Verleger ihnen vorgibt, beeinflussen lassen. Die ersten Studien dazu kamen von Malcolm Klein und Nathan Maccoby. Sie haben die Berichterstattung im US-Präsidentenwahlkampf 1952 untersucht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der redaktionellen Linie einzelner Zeitungen und der Berichterstattung über die Präsidentschaftskandidaten gab. Demokratische Blätter haben mehr über den demokratischen Kandidaten Stevenson berichtet, während pro-republikanische Zeitungen mehr Artikel über Eisenhower publiziert haben. Dabei gab es unter anderem Unterschiede in der Aufmachung, der Größe von Überschriften und der Platzierung von Artikeln. Die News Bias-Forschung konnte somit nachweisen, dass es schwer, wenn nicht gar unmöglich, ist, eine journalistische Objektivität zu erreichen.

2.3 Die Nachrichtenwerttheorie

Die Nachrichtenwerttheorie ist das umfassendste Feld der Nachrichtenselektionsforschung. Die Grundsteine dazu wurden in den USA von Walter Lippmann gelegt, bevor die europäische Forschung das Konzept vor allem durch Einar Östgaard weiter ausgeführt hat. Dessen Theorien wurden von Johan Galtung und Mari Halboe Ruge weiter ausdifferenziert und ergänzt. Noch heute setzt man sich in der Nachrichtenforschung mit der Nachrichtenwerttheorie auseinander. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels werde ich deswegen kurz auf aktuelle Diskussionen und Kritik eingehen.

2.3.1 Walter Lippmann

Walter Lippmanns Buch „Public Opinion“ (1922) bildet die Grundlage für die spätere Nachrichtenwerttheorie. Eine seiner Grundüberlegungen ist, dass die Wirklichkeit zu komplex ist, um von den Menschen erfasst werden zu können. Deshalb erfolge Realitätsauffassung grundsätzlich über Stereotype (vgl. Lippmann 1922, S. 338-357). Er kommt zu der Folgerung:

„Nachrichten spiegeln nicht die Realität, sondern das Ergebnis von

Selektionsentscheidungen, die nicht auf objektiven Regeln, sondern

Konventionen beruhen, und können daher nur eine Reihe spezifischer

und stereotypisierter Realitätsausschnitte vermitteln“ (Staab 1990, S.41).

Manfred Steffens glaubt ebenfalls, dass in den Nachrichten eine künstliche Realität konstruiert wird:

„Das meiste, das geschieht, erfährt die Presse nicht; von dem, was sie erfährt,

lässt sie das meiste unberücksichtigt; und von dem, was sie berücksichtigt,

wird das meiste nicht gelesen. Dementsprechend sieht dann auch das Bild

aus, das sich die Menschen mit Hilfe der Presse vom Weltgeschehen machen“

(Steffens 1969, S.10).

Nachrichten spiegeln also nicht einfach die Realität wieder, sondern sie sind das Ergebnis von Selektionsentscheidungen, die die entsprechenden Personen treffen müssen. In diesem Zusammenhang diskutiert Lippmann Kriterien, die Ereignisse erfüllen müssen, um zu Nachrichten zu werden. Hierbei fällt zum ersten Mal der Begriff „Nachrichtenwert“ (news value). Darunter versteht Lippmann „die Publikationswürdigkeit von Ereignissen, die aus dem Vorhandensein und der Kombination verschiedener Ereignisaspekte resultiert“ (Staab 1990, S.41). Diese Ereignisaspekte sollen „das Interesse und die Emotionen der Rezipienten wecken“ (ebd.). Sie werden später als „Nachrichtenfaktoren“ bezeichnet. Lippmann nennt mehrere Aspekte, die nach seiner Ansicht den Nachrichtenwert bestimmen: „Ungewöhnlichkeit, Bezug zu bereits eingeführten Themen, zeitliche Begrenzung, Einfachheit, Konsequenzen, Beteiligung einflussreicher oder bekannter Personen und Entfernung des Ereignisortes zum Verbreitungsgebiet des Mediums“ (Maier 2003, S. 29). Je mehr Kriterien auf ein Ereignis zutreffen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Medien darüber berichten und es zur Nachricht machen (vgl. Lippmann 1922, S. 338-357).

In den USA und Europa haben sich daraufhin, unabhängig voneinander, unterschiedliche Richtungen in der Nachrichtenwerttheorie entwickelt. In den USA ist ein relativ stabiler Katalog von sechs Nachrichtenfaktoren entstanden. Nämlich „Unmittelbarkeit, Nähe, Prominenz, Ungewöhnlichkeit, Konflikt und Relevanz“ (Staab 1998, S.50). In Europa sind diese Kataloge deutlich umfangreicher. Auf die Entwicklung der Nachrichtenwerttheorie in Europa wird im folgenden Abschnitt eingegangen.

2.2 Einar Östgaard

Einar Östgaard vom Friedensforschungsinstitut Oslo gilt als Begründer der Nachrichtenwerttheorie in Europa. Er hat 1965 den Begriff „Nachrichtenfaktoren“ eingeführt und sie als erster in ein komplexes theoretisches Konzept integriert. Diese „haben die Funktion die Nachrichten beachtenswert, interessant und schmackhaft zu machen. Nachrichtenfaktoren sind also Kriterien der Selektion und Verarbeitung von Nachrichten“ (Schulz 1990, S.13). Laut Wilke und Rosenberger dienen Nachrichtenfaktoren den Journalisten als Entscheidungshilfe, „um zu erkennen was berichtenswert ist und was nicht. Sie erleichtern also die Selektion und Verarbeitung von Nachrichten“ (Wilke/Rosenberger 1991, S. 27). Mit seiner Studie will Östgaard die wichtigsten Faktoren identifizieren, die den freien Nachrichtenfluss beeinträchtigen. Hierzu differenziert er zwischen externen und internen Faktoren. Zu den externen Nachrichtenfaktoren zählt er „direkte oder indirekte Einflussnahme von Regierungen, Nachrichtenagenturen und Eigentümern von Massenmedien aus politischen oder ökonomischen Interessen“ (Staab 1990, S.56). Beispiele hierfür sind z.B. Zensur, politisch motiviertes Nachrichten-Management oder ökonomische Zwänge. Zu den internen Nachrichtenfaktoren zählt er „einzelne Aspekte von Nachrichten, die diese für den Rezipienten interessant und beachtenswert machen“ (ebd.). Sie stellen Kriterien für die Selektion und Rezeption von Nachrichten dar. Östgaard nennt drei Faktorenkomplexe (vgl. Östgaard 1965, S.45ff):

1) Vereinfachung (simplification)

Nachrichtenmedien versuchen Ereignisse möglichst einfach, verständlich und strukturiert anzubieten. Diese Regel kann zum einen dazu führen, dass bei der Selektion einfache Nachrichten komplexeren vorgezogen werden, und zum anderen kann es bedeuten, dass bei der redaktionellen Verarbeitung komplexe Sachverhalte auf eine vereinfachte Struktur reduziert werden.

2) Identifikation (identification)

Dieser Faktor soll vor allem dazu dienen, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Dies gelingt besonders gut mit Berichten über Personen, Dinge oder Geschehnisse, die diesen vertraut sind. „Die Vertrautheit kann dabei durch eine große geographische, kulturelle oder zeitliche Nähe zum Publikum, durch die Involviertheit von Nationen oder Personen mit hohem sozialem Rang sowie durch einen hohen Grad an Personalisierung begründet sein“ (Maier 2003, S.31).

3) Sensationalismus (sensationalism)

Meldungen, die diesem Faktor entsprechen, haben eine große Chance zu Nachrichten zu werden. Die Rezipienten werden durch möglichst dramatische oder emotional erregende Sachverhalte angesprochen. Dies betrifft zum einen die „soft news“, also z.B. Unglücke, Verbrechen, Kuriositäten oder Prominenz, als auch die „hard news“, wie Konflikte und Krisen auf nationaler und internationaler Ebene.

Weiter führt Östgaard aus, dass Ereignisse, die zu Nachrichten werden wollen, eine „Nachrichtenbarriere“ (news barrier) überspringen müssen (vgl. Östgaard 1965, S.51). Ob diese Barriere übersprungen werden kann, hängt von den oben beschriebenen internen Faktorenkomplexen ab.

„Die Chance einer Meldung, von den Massenmedien berichtet zu werden,

sei umso größer, je einfacher die Meldung strukturiert sei, je mehr

Identifikationsmöglichkeiten sie den Rezipienten biete und je

sensationalistischere Momente sie enthalte“ (Staab 1990, S.57).

Wenn ein Ereignis diese Kriterien erfüllt, dann kommen noch zwei weitere Faktoren hinzu, die ebenfalls eine Beeinträchtigung des Nachrichtenflusses bedeuten. So geht Östgaard davon aus, dass die Massenmedien, aufgrund ihrer Erscheinungsweise, oft nur über das Tagesgeschehen oder über Ereignisse des Vortages berichten. Dies führt dazu, dass nur Teilereignisse aufgegriffen werden können. Aus diesem Grund haben Ereignisse, die sich innerhalb eines kurzen Zeitabschnitts entwickeln und vollenden, einen hohen Nachrichtenwert (Diskontinuitätsthese). Auf der anderen Seite haben langfristige Ereignisse, die bereits die Nachrichtenbarriere übersprungen haben, bessere Chancen erneut als Nachricht gemeldet zu werden (Kontinuitätsthese). Diese Themen entwickeln ein Eigengewicht und Kontinuität. „Ereignisse, die einmal die Nachrichtenbarriere passierten, haben eine gute Chance, auch weiterhin von den Medien beachtet zu werden“ (Schulz 1990, S.14).

Die Kombination dieser Faktoren hat nun für das Weltbild, wie wir es aus den Nachrichtenmedien erfahren, folgende Konsequenzen:

„1. Der Status Quo der Weltordnung wird bestärkt, und den individuellen Handlungen von Führungen internationaler Großmächte wird eine übertriebene Bedeutung zugewiesen.
2. Die Medien stellen die Welt konfliktreicher dar, als sie sich tatsächlich in der sozialen Wirklichkeit darstellt. Sie betonen bei Konflikten eher den Einsatz von Gewalt als friedliche Lösungsversuche.
3. Die Medien betonen und verstärken die Teilung der Welt in Nationen mit hohem und in Staaten mit niedrigem Status“ (Maier 2003, S.31).

2.3.3 Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge

Der Publizistikwissenschaftler Joachim Friedrich Staab hält die von Östgaard erarbeiteten Faktoren, die den Nachrichtenfluss beeinflussen sollen, für unbefriedigend. „Zum einen bleibt das Verhältnis zwischen externen und internen Nachrichtenfaktoren ungeklärt, zum anderen gehen in die Explikation und Differenzierung der internen Nachrichtenfaktoren logisch verschiedene Dimensionen ein, die nicht voneinander abgegrenzt werden“ (Staab 1990, S.58). Einen erheblichen Schritt weiter in der Systematisierung gehen Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge, die, wie Einar Östgaard, ebenfalls am Institut für Friedensforschung in Oslo arbeiten. Sie sehen die Nachrichtenfaktoren nicht nur als journalistische Kriterien für die Nachrichtenauswahl, sondern „generell als kognitionspsychologisch erklärbare, allgemein-menschliche Selektionskriterien“ (Maier 2003, S.31f). Diese würde sowohl bei der journalistischen Auswahl von Nachrichtenereignissen, als auch im Rezeptionsprozess wirksam werden. Die Nachrichtenfaktoren bestimmen also zum einen die Medienberichterstattung, als auch die Vorstellungen des Publikums von der Wirklichkeit. Ähnlich wie Lippmann gehen Galtung und Ruge davon aus, dass es nicht möglich ist, die gesamte Wirklichkeit in ihrer Komplexität zu erfassen: „Since we cannot register everything, we have to select, and the question is what will strike our attention“ (Galtung/Ruge 1970, S.261). Die Grundannahme ihrer Wahrnehmungstheorie ist, „dass Informationsaufnahme und –verarbeitung durch das gesellschaftliche Nachrichtensystem im Prinzip ähnlichen Gesetzen unterliegen wie sie die individuelle menschliche Wahrnehmung bestimmen“ (Schulz 1990, S.15). Aus diesem Grund erarbeiten auch sie Auswahlkriterien für Ereignisse. Sie unterscheiden insgesamt 12 Nachrichtenfaktoren, zum Teil mit Untergliederungen, von denen die ersten acht kulturunabhängig betrachtet werden und die letzten vier als charakteristisch für die Nachrichtenselektion in westlichen Industrienationen angesehen werden (vgl. Galtung/Ruge 1970, S.261-265).

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Details

Seiten
44
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638880121
ISBN (Buch)
9783638880176
DOI
10.3239/9783638880121
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Erscheinungsdatum
2007 (Dezember)
Note
1,3
Schlagworte
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