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„Eine Frage der Ehre!“ - Die Bedeutung der Ehre bei Migranten in Deutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 27 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Der Ehrbegriff (türkische Begriffe – Übersetzungen)
1. Die Ehrbegriffe „namus“ und „şeref“
2. „onur“ – „Würde“

II. Ehre in der Türkei, auf Sardinien und in Deutschland
1. Die Ehre in der Türkei
2. Die Ehre auf Sardinien
3. Der Ehrbegriff in Deutschland

III. Ehrbegriff bei jugendlichen Migranten in Deutschland – Ursache für Konflikte?

IV. Ehrenmorde

V. Fazit

VI. Quellenverzeichnis

Vorwort

Zahide A. war 21 Jahre alt, als Berner Polizeibeamte sie fanden. Sie lag tot auf einem Teppich in der Küche ihrer Wohnung, mit Stichverletzungen am ganzen Körper: an der Brust, an den Händen, an den Ellenbogen, an den Lenden und an den Unterschenkeln. Ihre Kehle war durchschnitten worden. Wenige Meter von ihr entfernt, in der Badewanne, lag Süleyman K., 25 Jahre alt, der Freund der jungen Frau. Brust, Beine und Arme waren durchstochen, der Schädelknochen und die Lungenoberlappen verletzt. Süleyman K. war verblutet. Auch seine Kehle war durchschnitten worden. (Windlin, Sabine 2004)

Dieser grausame Doppelmord fand nicht etwa in einem fernen Land in Süd-Ost-Asien in einem unbekanntem Dorf statt. Es ereignete sich mitten in Europa im schweizerischen Bern. Als Motiv nannte der Täter das „Fehlverhalten“ seiner Schwester, sie hätte die Ehre der Familie beschmutzt. Und um die Ehre der Familie wiederherzustellen musste ein männliches Mitglied der Familie sie umbringen.

In dieser Hausarbeit werde ich mich mit dem „Ehrbegriff“ und der Bedeutung der Ehre für Migranten in Deutschland beschäftigen. Ich werde speziell auf die Migrantengruppe türkischer Herkunft eingehen, weil Migranten türkischer Herkunft 1. die größte nicht-deutsche Bevölkerungsgruppe in Deutschland bilden. Und 2. weil viele der Jugendlichen bzw. auch Erwachsenen mit türkischem Migrationshintergrund sich bei der Begründung einer Tat auf ihre Ehre beziehen. „Sie müssen ihre Ehre verteidigen“ ist eine häufige Aussage dieser männlichen Bevölkerungsgruppe.

Mit dieser Arbeit möchte ich ebenfalls herausarbeiten, welche Bedeutung die Ehre vor allem für jugendliche Migranten hier in Deutschland hat. Zunächst ist es daher wichtig, auf einige Begrifflichkeiten des Ehrbegriffes einzugehen. Im zweiten Punkt werde ich mich darauf beziehen, welche Bedeutung die Ehre in den Ländern Türkei und Deutschland spielt. Und um einen Vergleich zu einem anderen christlich geprägten Land zu haben, werde ich die Bedeutung der Ehre auf Sardinien darstellen. Schließlich möchte ich noch auf das Phänomen des Ehrenmordes zu sprechen kommen, um dann anschließend mit einem Fazit die Arbeit zu beenden.

I. Der Ehrbegriff (türkische Begriffe – Übersetzungen)

Bevor ich dazu komme welche Relevanz der Begriff der Ehre in den oben erwähnten Ländern hat, möchte ich vorerst zu einigen Übersetzungen türkischer Begriffe kommen, die ins Deutsche mit Ehre übersetzt werden können.

1. Die Ehrbegriffe „namus“ und „şeref“

Wörtlich übersetzt heißt namus „Ehrbarkeit“. Wird aber im weitesten Sinn mit Ehre übersetzt. Im Türkischen finden sich Sätze wie: „ Namus insanın kanı pahasıdır“ („Besser ehrlich gestorben, als schändlich verdorben“ oder „des Menschen Ehre ist so wertvoll wie sein Blut“(wörtl.)) oder „ namus uğruna cinayet işlemek“ („aufgrund der Ehre einen Mord begehen“).

Für das Wort „şeref“ gibt es mehrere Übersetzungen. Als da wären, das Ansehen, die Würde, der Ruhm und die Ehre. Begrifflichkeiten wie „şeref kurallari“ (der Ehrenkodex) oder „şeref sözünü bozma“ (Die Ehrverletzung) spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

Für den deutschen Begriff der Ehre gibt es im Türkischen mehrere Übersetzungen. Unter anderem, „haysiyet“, „onur“, „ırz“, „iffet“, „izzetinefis“, „özsaygı“. Allerdings werden die drei Begriffe „namus“, „şeref“ und „onur“ am häufigsten verwendet, wobei der Begriff „onur“ der modernen türkischen Sprache zusagt wird. Ein weiterer wichtiger Begriff ist die „Achtung“ („saygi“). Wenn eine Person als ehrvoll gilt, muss dieser Person Achtung erwiesen werden.

Die Ehrbegriffe sind immer in Zusammenhang mit der Gesellschaft zu bringen. Innerhalb der Kernfamilie spielen diese Werte und Normen zwar eine Rolle, doch richten die Familienmitglieder nicht ihr Verhalten danach aus. Außerhalb der Familie spürt man allerdings den enormen Einfluss, den diese Werte haben können. Im weiteren Verwandtschaftskreis, unter Nachbarn, im Dorf, in der Kleinstadt oder unter Angehörigen einer ethnischen Gemeinschaft spürt man die sanktionierende Wirkung (Yalçin-Heckmann, Lâle. 2000 S.144). Die Familienmitglieder haben Angst von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, wenn sie nichts unternehmen um diese Werte zu wahren. Die „öffentliche Meinung“ zählt sehr viel in diesem Zusammenhang. Zur sozialen Kontrolle dienen u. a. Medien, wie die Promenade in Südspanien, das Kaffeehaus in Griechenland oder das öffentliche Bad im islamischen Raum (Kürşat, Elçin. 2002 S. 8). In Deutschland sind es dann meist die einzelnen Cafés, in welchen sich die Mitglieder der jeweiligen Herkunft zusammenfinden. Allerdings spielt der Ehrbegriff nicht nur in gesellschaftlichen Kontexten eine Rolle, sondern auch zwischen zwei Privatpersonen. Wenn eine Person die Geschlechtsidentität des anderen beleidigt, gegebenenfalls sogar in Frage stellt oder nahestehende Personen beleidigt, kann dies als eine Ehrverletzung gelten. Und mit entsprechenden Maßnahmen geregelt werden. Es besteht eine gewisse Grenze zwischen Personen, wenn eine der Personen diese Grenze als überschritten empfindet, wird es in den meisten Fällen als Ehrverletzung ausgelegt.

Der Begriff „namus“ ist somit in Zusammenhang mit der Geschlechtsidentität zu bringen. Es ist ein allgemeines Gesetz, dass „namus“ vom männlichen Geschlecht gewahrt werden muss. Frauen können ihre Ehre nicht selbst bewahren, da sie in einer patriarchalischen Gesellschaft leben. Männer sind den Frauen überlegen und da davon ausgegangen wird, dass der Angriff auf die Ehre von Männern vollzogen wird, können nur andere Männer die Ehre wiederherstellen.

Die Ehre (namus) ist ausschlaggebend für die Stellung in einer Männergesellschaft, sie bestimmt über Kontrollverhältnisse und über Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz innerhalb dieser Gesellschaft (Yalçin-Heckmann, Lâle. 2000 S.147).

Im Gegensatz zum Begriff des Ehrgefühls („namus“) kann Wertschätzung, Anerkennung („şeref“) gewonnen bzw. verloren werden. Weitaus schlimmer allerdings als keine Wertschätzung zu genießen, ist als ehrlos zu gelten. Eine Person die ehrlos betitelt wird, kann auch kein „şeref“ haben. Einer Person der keine Anerkennung zukommt, kann aber durchaus als ehrvoll gelten. Daher kann man sagen, dass der Begriff namus einen weitaus absoluteren Charakter besitzt (Yalçin-Heckmann, Lâle. 2000 S.147). Wenn eine Person von der Gesellschaft Anerkennung genießt, hat diese eine gewisse Stellung oder genießt ein gewisses Prestige innerhalb der Gesellschaft.

2. „onur“ – „Würde“

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – „İnsan onuruna dokunulamaz“.

Das Wort „onur“ wird meist als das neutürkische Synonym für den Ehrbegriff der alten Ordnung „şeref“ gewählt. Onur hat etwa den gleichen Gehalt wie das deutsche Wort „Würde“. Im Gegensatz zum Ehrbegriff „şeref“, zu dem man sich nicht selber bekennen kann, ist das bei dem Begriff onur möglich. Es beschreibt die inneren Werte und den inneren Respekt, auf welche sich eine Person beziehen kann um sich eventuell gegen eine Verurteilung der Gesellschaft oder des Staates zur Wehr zu setzen.

Immer wieder ist in Debatten um den EU-Beitritt der Türkei von den Menschrechtsverletzungen bzw. den Menschenrechten im Allgemeinen die Rede. Die Menschenwürde (onur) sei nicht in jedem Fall gewahrt. Dem Begriff „onur“ kommt eine immer größere Bedeutung zu und seine Wirkung hat sich im Zuge der Menschenrechtsdebatten entfaltet (Yalçin-Heckmann, Lâle. 2000 S.150).

II. Ehre in der Türkei, auf Sardinien und in Deutschland

Im Folgenden möchte ich auf die Ehre in der Türkei, auf Sardinien und in Deutschland eingehen. Auf Sardinien werde ich eingehen um einen Vergleich zu einem anderen christlich geprägten Land zu haben.

1. Die Ehre in der Türkei

Im Jahre 1923 wurde in der Türkei die Republik ausgerufen. Es folgte eine Reihe von Reformen um die Türkei zu einem modernen, an Europa orientierten Staat zu machen. Zurück lagen hunderte von Jahren des Osmanischen Reiches mit seinem Werte –und Normsystem, dass in vielen Köpfen der Menschen fest verankert war. Trotz aller Bemühungen gelang es bis heute noch nicht das ganze Land zu einen und das Patriarchat völlig abzuschaffen. In ländlichen Gegenden der Türkei, also in vielen Dörfern, spielen die Familien als ausführende Gewalt noch eine zu große Rolle. Das Leben im Dorf ist bestimmt durch die Beziehungen zu anderen Familien. Es ist fast unmöglich unabhängig von anderen Familien zu leben. Es gibt ungeschriebene Gesetze, die von jedem einzuhalten sind. Als Beispiel, dass Frauen in der Öffentlichkeit mit niemandem fremden reden dürfen.

Werte, wie die der Ehre, der Solidarität, der Anerkennung und der Achtung werden innerhalb dieser Gesellschaft sehr groß geschrieben.

Der Wert der Ehre beinhaltet die Vorstellung einer klaren Grenze. Das „Innen“, die Familie und ihre Angelegenheiten, ist vom „Außen“, der Öffentlichkeit des Dorfes, stark abgegrenzt. Sobald diese Grenzen Gefahr gehen überschritten zu werden, kann dies als Ehrverletzung gewertet werden und verlangt dann somit das entsprechende Verhalten. In solchen Fällen wird nicht danach geschaut aus welchen Gründen die Grenze überschritten worden ist, sondern es zählt nur die Tatsache, dass sie überschritten wurde. Als ehrlos gelten die Männer, die nicht entschieden genug ihre Angehörigen verteidigen. Es ist somit eine bedingungslose Solidarität und Verteidigung gefordert. Das Wohl der eigenen Gruppe ist oberste Priorität beim Handeln. Somit besteht ein gewisser Widerspruch in der Sache. Einerseits gibt es bestimmte Werte und Normen, die es gilt einzuhalten. Doch andererseits bestimmt bedingungslose Solidarität das Handeln, wenn Familienmitglieder diese Werte und Normen verletzt haben. Wenn es dazu kommen sollte, dass Familienmitglieder diese Werte und Normen verletzt haben, dann bestimmt die streng gegliederte Hierarchie die Vorgehensweise. Der Vater ist die einzige Strafinstanz, nach ihm die älteren Söhne, usw. Diese Hierarchie schafft es eine gewisse Balance herzustellen.

Werner Schiffhauer ein Soziologe, der in den 70er Jahren in der Türkei verschiedene Feldstudien durchgeführt hat wurde zum Experten in Sachen Türkei. Er hatte 1977 folgende Episode im Dorf Çavuş miterlebt, die die Anwendung des Ehrbegriffs im Alltag verdeutlicht.

Der Konflikt, der sich zwischen zwei Jungen und zwei älteren Bauern zutrug, handelte von der unerlaubten Benutzung einer Viehweide. Im Dorf war abgesprochen worden, dass die Viehweide bis zu einem gewissen Zeitpunkt nicht abgegrast werden soll. Die beiden Jungen haben allerdings die Herden ihrer Familie früher auf diese Weide geführt. Das haben zwei ältere Bauern gesehen und sind eingeschritten. Sie haben sie angeschrien und wollten sie vertreiben. Die beiden Jungen haben sich gewehrt, indem sie mit Steinen geworfen haben. Als der ältere Bruder dazukam hat er bedingungslos Partei für seine Brüder ergriffen, obwohl einer der Bauern ein ehemaliger Dorvorsteher war. Der Streit eskalierte und konnte erst von eingreifenden anderen Bauern gestoppt werden. Somit bestätigen sich die weiter oben angeführten Punkte der bedingungslosen Solidarität und der des Wohles der eigenen Gruppe. Im Prinzip hätten sich die Bauern an den Vater der beiden Jungen wenden müssen, er wäre dann verpflichtet gewesen seine beiden Jungen zu strafen (Schiffauer, Werner. 1983 S. 65-66).

Der Vater ist nicht nur die einzige Strafinstanz sondern auch das unbestreitbare Oberhaupt der Familie. Ihm muss somit Anerkennung (şeref) in Form von Achtung (saygı) zukommen. Durch die strenge Hierarchie ist festgelegt, wer wem Achtung schuldet. Der Sohn schuldet dem Vater, die Frau dem Mann, der jüngere Bruder dem älteren Bruder Achtung (Schiffauer, Werner. 1983 S. 67).

Bestimmte Verhaltensregeln bestimmen den Umgang mit Personen, welchen Achtung zukommt. Der Höherstehende darf nicht mit dem Vornamen angesprochen werden. Der ältere Bruder wird immer mit „abi“ angesprochen und die ältere Schwester mit „abla“. Andere ältere Personen werden mit dem Vornamen und dann mit der jeweiligen Bezeichnung angesprochen. Zum Beispiel, „Ali abi“ oder „Kemal amca“ (Onkel). Außerdem sind bestimmte Handlungen in Gegenwart der achtungswürdigen Personen nicht erlaubt. Als Beispiel wäre das Rauchen oder das Alkoholtrinken zu erwähnen. Ebenfalls im Dorf Çavuş hatte sich eine bemerkenswerte Szene abgespielt, die Schiffhauer im Haus des Dorfvorstehers beobachten konnte.

Nach dem Abendessen verließ der Hausherr das Zimmer, sodass die beiden Söhne eine Zigarette rauchen können. In seiner Gegenwart wäre das nicht möglich, wegen der geforderten Achtung. Allerdings hatte ein Sohn seine Zigarette noch nicht zu Ende geraucht als der Vater wieder das Zimmer betrat. Der Sohn verbarg die Zigarette und verließ seinerseits nun das Zimmer. Obwohl der Vater weiß, dass der Sohn raucht, musste dieser trotzdem das Zimmer verlassen und die Zigarette verstecken. Es wäre von beiden Seiten als Respektlosigkeit aufgefasst worden, wenn der Sohn ruhig sitzen geblieben wäre (Schiffauer, Werner. 1983 S. 67).

[...]

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638008723
ISBN (Buch)
9783638914420
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84530
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,0
Schlagworte
Frage Ehre Bedeutung Migranten Deutschland Kultur Konflikt

Autor

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