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Architektur als 'Staatskunst'?

Rationalistische Architektur und Faschismus am Beispiel der "Casa del Fascio" in Como von Giuseppe Terragni

Hausarbeit 2007 30 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung – Die Anfänge der modernen Architektur in Italien

II. Was ist rationalistische Architektur?
2.1 Definition des Begriffs „Rationalismus“
2.2 Das Aufkommen der rationalistischen Architektur in Italien

III. Die Rationalisten und die Architektengruppe „Gruppo 7“

IV. Die Casa del Fascio in Como (heute: Casa del Popolo)

V. Faschistische Kunstideologie
5.1 Darlegung anhand öffentlicher Architektur
5.2 Der Einfluss und die Kontrolle des Staates
5.2.1 Über die Syndikate
5.2.2 Über die journalistischen Einschränkungen

VI. Architektur als propagandistisches Mittel

VII. Schlusswort

Literaturliste

Abbildungen

I. Einleitung – Die Anfänge der modernen Architektur in Italien

Das Aufkommen einer modernen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts trat in Italien im Vergleich zu anderen europäischen Ländern erheblich später ein. Während der Nachkriegszeit war Europa geprägt durch einen „Aufruf zur Ordnung“, der den Wunsch nach Sicherheit und Stabilität hervorbrachte.[1] Nach dem Ersten Weltkrieg war für Italien eine Rückbesinnung auf alte Werte auffallend. Man hatte noch eine idealistische Auffassung von Kunst, sodass eine starke Anlehnung an den Klassizismus zu beobachten war. Dekorative Stilelemente schmückten die noch weitestgehend konservative Architekturlandschaft Italiens, was am Hauptbahnhof in Mailand – von Ulisse Stecchini 1912 entworfen und erst 1925 bis 1936 ausgeführt – gut zu erkennen ist.[2]

Um seinem ideologischen Anspruch, als Initiator einer neuen Epoche gerecht zu werden, reichte es Mussolini und seinem Regime jedoch nicht aus, auf bestehende antike Vorbilder zurückzugreifen und im historisch-imperial anmutenden Stil zu bauen. Demzufolge veranlasste Mussolini im Jahre 1926 zwei nationale Wettbewerbe, um die Kreation eines neuen, nationalen Stils zu fördern, der die Ideologie des Regimes bestmöglich veranschaulichen sollte.[3] Einerseits forderte der Faschismus die Rückbesinnung auf die traditionell-klassische Kunst, andererseits rief er zur Modernität auf. Diese ambivalente Forderung verdeutlicht auch im Bereich der Kunst das Janusgesicht des faschistischen Regimes.

Im Folgenden wird auf das Bestreben des faschistischen Regimes im Bezug auf die architektonische Visualisierung ihrer Macht, sowie auf die widersprüchlichen Forderungen nach Tradition und Moderne, Ordnung und Revolution, nach Einfachheit und Individualität eingegangen, welche sich die Hauptvertreter des Rationalismo, die sich in der Gruppo 7 zusammengeschlossen und zum Ziel gesetzt hatten.[4]

Giuseppe Terragni, der als „Vater des italienischen Rationalismus[5] gilt, spielte eine maßgebliche Rolle für die italienische Architektur der Zwischenkriegszeit. Er war zwar den alten Werten nicht abgeneigt, hatte jedoch die Intension, die Architektur durch neue Elemente voranzubringen. Sein Ziel war es eine neue Definition und Entwicklung der Architektur zu finden. Dennoch lag ihm nichts daran die Architektur lediglich weiterzuentwickeln, sondern er wollte ihr Elemente einverleiben, die den neuen Zeitgeist widerspiegelten und Ausdruck einer neuen, sich entwickelnden politischen Gesinnung waren.[6] Seine Architektur sollte eine eigene Version des Rationalismus aufweisen und den nationalen Geist durch ihre Ausgestaltung sichtbar machen.[7]

Nach einer kurzen Begriffsklärung des Terminus „Rationalismus“ im Zusammenhang mit Architektur, soll die Casa del Fascio in Como als herausragendes Beispiel für rationalistische Architektur exemplarisch herausgegriffen und in den ideologischen Zusammenhang des faschistischen Regimes gestellt werden. Es wird untersucht werden, inwieweit sich das Regime die Kunst und im Besonderen die Architektur zu Nutzen machte und in welchem Umfang das, was an Architektonischem realisiert wurde gesetzlichen Bestimmungen unterlag. Daran anschließend soll eine Antwort auf die bereits im Übertitel aufgeworfene Frage, ob Architektur eine Art ‚Staatskunst’ darstellt gefunden werden und ob ferner von ‚faschistischer’ Architektur die Rede sein kann. Abschließend wird ein Blick auf die propagandistische Wirksamkeit von Architektur geworfen.

II. Was ist rationalistische Architektur?

2.1 Definition des Begriffs „Rationalismus“

Der Begriff „Rationalismus“ bezieht sich auf die Architektur des 20. Jahrhunderts und entstand als Reaktion auf den Eklektizismus des 19. Jahrhunderts. Neben seiner sonst sehr allgemeinen architektonischen Bedeutung, hat sich der Begriff besonders im Bezug auf die italienische Moderne der 1920er und 1930er Jahre herausgebildet (Rationalismo).

Giulio Carlo Argan beschäftigt sich in seinem Aufsatz über Frank Lloyd Wright (1869-1959) ebenfalls mit der Definition des Begriffs „Rationalismus“ und dessen prägnanten Ausdrucksformen: „Zweifellos trägt auch der architektonische Rationalismus eine strikt augenfällige, antitraditionalistische Haltung zur Schau: Das heißt übertragen, dass er in der geometrischen Form einen absoluten Wert jenseits aller historischen Bedeutungen sucht. Wir können den so genannten architektonischen ‚Rationalismus’ als folgerichtige Analyse oder Kritik der Tradition betrachten, die auf das Entdecken der authentischsten und originellsten Grundsätze, auf die Wiederherstellung der wesentlichen Werte gerichtet ist: Deswegen wird sie, sei es auch gegen den akademischen Klassizismus und gegen einen Gewohnheitsnaturalismus zu den Grundlagen der Idee der Natur zurückführen.[8]

Rationalismus wird oftmals auch mit Funktionalismus gleichgesetzt, da nicht mehr das Ästhetische, sondern eine dahinter stehende Geisteshaltung, eine Ideologie im Vordergrund steht. Es ist eine Strömung, die wie das Wort sagt, vom ‚ ratio ’ (Verstand, Vernunft) geprägt ist und durch die politisch-ideologische Fundierung den Herausforderungen der Realität optimistisch entgegen tritt.[9] Nicht das künstlerisch-schöpferische des Entwurfes ist dabei maßgeblich, sondern das Bewusstsein einer ethischen Verpflichtung für eine bessere Gesellschaft.[10] Anders formuliert kann die Umsetzung funktionaler und konstruktiver Anforderungen in eine architektonische Form als Rationalität angesehen werden.[11]

Stilistische Charakteristika des Rationalismus sind klare geschlossene Flächen, geometrische Formen, großzügige Verglasungen, rechte Winkel, die Horizontale als gliederndes Stilelement und der Verzicht auf Verzierungen. Inwieweit tatsächlich auf das Ästhetische zugunsten einer tieferen Aussage verzichtet wurde, wird sich im Folgenden zeigen.

Zu den prominentesten Beispielen im Stil des Rationalismus zählen: Der von Terragni 1926/ 27 konstruierte Wohnblock Novocomum, der als erstes wichtiges Bauwerk des Rationalismus gilt und durch seine neuartige und gewagte Ecklösung mit einer Überlagerung runder und rechtwinkliger Formen großes Aufsehen erregte; das 1932-36 ebenfalls von Terragni erbaute Casa del Fascio in Como, ein Verwaltungsbau, der um einen glasüberdachten Innenhof gebaut wurde; sowie der von Michelucci entworfene und 1933-36 erbaute Hauptbahnhof Santa Maria Novella in Florenz, der durch seine flache, orthogonal gegliederte Bauweise mit weit ausladenden Vordächern und der asymmetrischen Glaskaskade besticht. [12]

2.2 Das Aufkommen der rationalistischen Architektur in Italien

Innerhalb dieser neuen Architekturströmung kam es seit 1926 zur Vereinigung junger Architekten in verschiedenen Bewegungen, wie beispielsweise der „Gruppo 7“ (1926/27) oder der MIAR (Movimento Italiano per l’Architettura Razionale) (1930). Sie hatten die Intension, die italienische Architektur der internationalen Avantgarde anzuschließen und die rationalistische Architektur zur maßgeblichen Italiens zu machen.[13] Auf der einen Seite wollten sie etwas völlig Modernes schaffen, auf der anderen Seite sollten die Wurzeln der italienischen und insbesondere der römischen Geschichte, ein wesentliches Element sein.[14] Dies ging sogar soweit, dass Ojetti 1933 das Weglassen von typisch römischen Elementen, wie Säulen und Bögen, als Gefahr sah, dadurch weder als römisch, noch als italienisch betrachtet werden zu können.[15]

III. Die Rationalisten und die Architektengruppe „Gruppo 7“

Giuseppe Terragni war Mitglied und Mitbegründer der 1926/ 27 gegründeten „Gruppo 7“, der auch Luigi Figini, Guido Frette, Sebastiano Larco, Adalberto Libera, Gino Pollini und Carlo Enrico Rava angehörten.[16] Sie waren zum größten Teil Studenten des Mailänder Politecnico, die an der Akademie eine Ausbildung im Sinne des Klassizismus erhalten hatten.[17] Zugleich waren sie ambitionierte Nationalisten, die die junge, rationalistische Bewegung in Italien vorantreiben wollten und veröffentlichten während der Jahre 1926 und 1927 ihre Ansichten in einer Reihe von Artikeln in der „La Rassegna Italiana“.[18] Darin betonten sie: „Wir empfinden für die uns unmittelbar vorangegangene Architektengeneration (Muzio und die Architekten des „Novecento“[19] ) aufrichtige Bewunderung und bewahren ihnen unsere Dankbarkeit dafür, dass sie die ersten waren, die mit einer schon zu lange herrschenden Tradition von Leichtfertigkeit und schlechtem Geschmack gebrochen haben.[20] Ferner proklamierten sie: „Nicht wir wollen mit der Tradition brechen, es ist die Tradition, die sich wandelt und neue Aspekte annimmt, unter denen sie nur wenige wieder erkennen. (…) Die neue Generation verkündet eine architektonische Revolution, aber eine Revolution, die ‚organisieren’ und ‚konstruieren’ will. Ein Wunsch nach Aufrichtigkeit, nach Ordnung, nach Logik, vor allem aber nach deutlicher Klarheit, dies sind die wirklichen Kennzeichen der neuen Geisteshaltung.[21] Sie hatten jedoch nicht den Anspruch einen neuen Stil zu schöpfen, sondern forderten vielmehr von den jungen Architekten Mut zu zeigen und auf das Individuelle zu Gunsten der Serienproduktion zu verzichten.[22] Aus der daraus resultierenden Einfachheit werde dann ein Höchstmaß an Erlesenheit entstehen.[23]

Um ihre avantgardistischen Ideen ausführen zu können, hatten sie es sich einerseits zur Strategie gemacht, die enge Verbindung von Architektur und politischer Macht als eines der wesentlichsten Elemente ihres künstlerischen Schaffens zu proklamieren. Andererseits haben sie sich von Anfang an explizit von den Futuristen abgegrenzt und ihre Kunst als Synthese zwischen Vergangenheit und Zukunft definiert.[24]

Maßstäbe für die Rationalisten setzten Architekten von europäischem Rang wie Mies van der Rohe, Le Corbusier, Gropius, Mendelsohn und Behrens, die bereits entscheidenden Einfluss auf das Bauwesen ausübten, dem Zeitgeist entsprachen und dessen Forderungen zufolge eine neue Ästhetik hervorbrachten.[25] Durch Eigenstudium dieser Hauptvertreter der europäischen Moderne, war es den jungen Rationalisten gelungen, sich der europäischen Avantgarde anzuschließen und die veralteten Lehren ihrer Professoren hinter sich zu lassen.

Die aufgekommenen Forderungen hinsichtlich einer neuen und „faschistischen“ Architektur waren jedoch zumeist in den eigenen Reihen entstanden und weniger durch den Staat vorgegeben. Diese neue Architektur sollte strikt funktional sein, das Bauwerk rationalisieren und sich der neuen, technisch-materiellen Möglichkeiten bedienen. Ferner sollte auf jegliche Ästhetisierung, jede Dekoration verzichtet werden und stattdessen hatte die Architektur eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen.[26] Sie verachteten die Verwendung von luxuriösem Marmor (hier sei vorab auf die Wandverkleidung der Casa del Fascio verwiesen) und proklamierten hingegen unter Gebrauch neuer Materialien – wie Eisenbeton – individuelle, funktionale Einzelbauten zu Gunsten der Serienarchitektur (wie standardisierte Wohn- und Arbeitsräume) aufzugeben.

Dabei formulierten die Mitglieder der „Gruppo 7“ ihre Vorstellungen folgendermaßen: „Die neue Architektur, die wahre Architektur muss einer engen Verwachsung mir der Logik, mit der Rationalität entspringen. Ein rigoroser Konstruktivismus muss die Regeln diktieren. Die moderne Architektur wird ihren ästhetischen Wert ausschließlich aus der Natur der Notwendigkeit beziehen. Erst im Anschluss daran, im Selektionsverfahren, wird der neue Stil geboren werden.[27]

Im Grunde sahen die Rationalisten den Rationalismus als Synthese des Funktionalismus, der eine Reduzierung auf das Wesentliche mit sich bringt und des fortwährenden Wertes der Schlichtheit klassischer Elemente.

Auch wenn die jungen Architekten des italienischen Rationalismus internationale Anerkennung erhielten, übertrug sich diese nicht auf die Gesinnung der italienischen, national orientierten Masse. Das bereits erwähnte, 1928 von G. Terragni erbaute Mehrfamilienhaus „Novocomum“ in Como löste, wegen seiner strengen Funktionalität unter Verzicht auf monumentalisierenden Pathos, große Empörung aus.

[...]


[1] Azzoni, Giorgio Riccardo in: Fonatti, Franco: Giuseppe Terragni. Poet des Rationalismo, Wien, 1987, S. 12

[2] Abbildung 1, S. 21

[3] Estermann-Juchler, Margrit: Faschistische Staatskunst. Zur ideologischen Funktion der öffentlichen Architektur im faschistischen Italien, Köln, 1982, S. 69 (Der Wettbewerb richtete sich einzig auf öffentliche Bauvorhaben.)

[4] Ghirardo, in: Germer u. Preiss (Hrsg.): 1991, S. 46

[5] Azzoni, in: Fonatti, 1987, S. 8

[6] Azzoni, in: Fonatti, 1987, S. 8

[7] Ebd.

[8] G.C. Argan, „Metron“ Nr. 18, 1947, zitiert nach: Fonatti, 1987, S. 23

[9] Lampugnani, Vittorio M.: Architektur und Städtebau des 20. Jahrhunderts, Stuttgart, 1980, S. 90

[10] Ebd., S. 91

[11] Ebd.

[12] Abbildung 2, 3, 4, S. 22, 23, 24

[13] Lampugnani, 1980, S. 114

[14] Ghirardo, Diane Yvonne: Italian Architects and Fascist Politics: An Evaluation of the Rationalist’s Role in Regime Building: in The Journal of the Society of Architectural Historians, 39/ 1980, S. 114

[15] Ebd., S. 115, zitiert nach einem Briefwechsel zwischen Ojetti und Piacentini aus dem Jahre 1933.

[16] Fonatti, 1987, S. 20

[17] Schuhmacher, Thomas: Klassische und Mittelalterliche Typologien in Terragnis Architektur, in: Germer u. Preiss (Hrsg.), München, 1991, S. 108

[18] Fonatti, 1987, S. 20

[19] „Das Novecento stellte keine Bewegung oder Schule im eigentlichen Sinn dar; es deckte ein breites Spektrum stilistischer Ausdrucksmöglichkeiten ab. Übereinstimmung herrschte jedoch in der Abgrenzung gegenüber ausländischen Entwicklungen und der Abkehr vom elektischen Geschmack der Vorkriegszeit. Einig war man sich, dass eine neue nationale Kunst geschaffen werden müsse; sie sollte gleichzeitig revolutionär und traditionell sein, sie sollte die gegenwärtige Epoche gültig interpretieren, aber ebenso auf den „unvergänglichen“ Werten der klassischen Tradition basieren.“ Zitiert nach: Estermann-Juchler, 1982, S. 72

[20] Gruppo 7, in „La Rassegna italiana“, Dezember 1926, Februar/ März 1927 zitiert nach: Azzoni, in: Fonatti, 1987, S. 11

[21] Ebd., S. 11/ 20

[22] Ebd., S. 21

[23] Ebd.

[24] Estermann-Juchler, 1982, S. 94 (aus dem Katalog ihrer Ausstellung in Rom im Jahre 1928 „La I Esposizione d’architettura razionale a Roma. Presentazione“).

[25] Gruppo 7, zitiert nach: Azzoni, in: Fonatti, 1987, S. 13

[26] Estermann-Juchler, 1982, S. 85

[27] Gruppo 7, zitiert nach: Azzoni, in: Fonatti, 1987, S. 13

Details

Seiten
30
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638008846
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84575
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Kunstgeschichte
Note
eins minus
Schlagworte
Architektur Staatskunst Faschismus Moderne

Autor

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