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Der Schwarze Tod im Mittelalter und seine Folgen für Europa

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt:

I Einleitung

II Der Schwarze Tod in Europa
2.1 Das klinische Bild der Pest
2.2 Die Ausbreitung der grohe Seuche
2.3 Pesttheorien im Mittelalter und in der Gegenwart
2.4 Die Bekampfung der Pest

III Die Folgen der Pest fur Europa
3.1 Malthusianische und Marxistische Theorie
3.2 Soziale Folgen der Pest
3.3 Geihler und Judenverfolgung

IV Streitfragen der Wissenschaft

V Literaturverzeichnis

I Einleitung

„Es gibt, so scheint es, keine Hoffnung auf die ersehnte Rettung. Unzahlige Leichenzuge seh’ ich nur, wohin ich meine Augen wende, und sie verwirren meinen Blick. Die Kirchen hallen von Klagen wider und sind mit Totenbahren gefullt. Ohne Rucksicht auf ihren Stand liegen die Vornehmen tot neben dem gemeinen Volk. Die Seele denkt an ihre letzte Stunde, und auch ich muB mit meinem Ende rechnen. [...] Schon wird die Erde knapp fur die Graber...“[1]

Dieser Auszug einer zeitgenossischen Darstellung beschreibt die Hoffnungslosigkeit der Menschen die mit der groBen Seuche von 1347 bis 1352 konfrontiert waren.

In der heutigen Zeit geht man im allgemeinen davon aus, dass es sich bei dieser Seuche, dem sogenannten Schwarzen Tod, um die Pest gehandelt hat. Die Forschungslage ist jedoch keinesfalls eindeutig, auch unter den Wissenschaftlern besteht Uneinigkeit daruber, ob wirklich die Pest allein fur den Bevolkerungskollaps im 14. Jahrhundert verantwortlich ist.[2]

In dieser Arbeit wird zunachst auf das klinische Bild und auf die verschiedenen Erscheinungsformen der Pest eingegangen. AnschlieBend wird beschrieben, wo die Krankheit ihren Ursprung hatte, und wie sie sich uber Europa ausbreiten konnte. Danach mochte ich auf zwei verschiedene Theorien der Ansteckung mit der Seuche eingehen und schlieBlich die Folgen fur das mittelalterliche Europa beschreiben, zu denen auch die charakteristischen Begleiterscheinung der GeiBlerbewegung und der Judenverfolgung gehorten. AbschlieBend mochte ich auf offene Fragen, nicht geklarte Probleme und Streitfragen der Wissenschaft eingehen.

II Der Schwarze Tod in Europa 2.1 Das klinische Bild der Pest

In der heutigen Zeit werden drei Arten der Pest unterschieden: die Beulen- oder Bubonenpest, die Lungenpest und die Pestsepsis. Bei der Beulenpest gelangt das Bakterium durch den Biss eines infizierten Menschen- oder Rattenflohs in den Korper.

Die Lymphknoten schwellen durch die einsetzende Abwehrreaktion des Korpers stark an und konnen sowohl nach auBen, als auch nach innen aufplatzen. Die Krankheit macht sich zunachst in Form von Kopf- und Gliederschmerzen, Ubelkeit, Durchfall und Erbrechen bemerkbar.[3] Wenig spater kommen hohes Fieber und Schuttelfrost hinzu, trotz schnellem Puls wirkt der Erkrankte erschopft und teilnahmslos. Verlauft die Krankheit nicht todlich, was meist dann der Fall ist, wenn die Beulen nach auBen aufplatzen oder aufgeschnitten werden, gehen die Symptome nach ca. einer Woche zuruck und nach einer weiteren Woche ist der Normalzustand wieder hergestellt. Ansonsten tritt nach ungefahr vier Tagen der Tod durch Kreislaufversagen ein. Die Inkubationszeit betragt zwei bis zehn Tage. Brechen die Beulen nach innen auf, so kann das Lungengewebe infiziert werden. Die somit sekundar entstandene Lungenpest verlauft in 95% der Falle todlich[4]. Im Gegensatz zur Beulenpest kann sie durch Tropfcheninfektion von Mensch zu Mensch ubertragen werden. Erstes Anzeichen einer Lungenpest ist schleimiger Auswurf, welcher spater mit Blut versetzt ist. Der Tod tritt durch Nervenlahmung und Ersticken schon ein bis zwei Tage nach Ausbruch der Krankheit ein. Die Inkubationszeit betragt ebenfalls nur ein bis zwei Tage. Die dritte Form der Pest ist die Pestsepsis, welche auch sekundar aus der Beulenpest entstehen kann. Bei dieser Form der Krankheit gerat der Erreger in die Blutbahn des Menschen, zum Beispiel durch Aufplatzen der Beulen nach innen, aber auch durch Kontakt mit verseuchten Lebensmitteln oder offenen Wunden anderer Erkrankter. Der Tod tritt schon am selben oder einen Tag nach der Infektion durch Kreislaufversagen ein, die Letalitat betragt nahezu 100 Prozent.

Heute sind viele Autoren der Ansicht, dass bei der groBen Seuche im Mittelalter die Beulenpest eine uberwiegende Rolle gespielt hat. Andere Wissenschaftler vertreten die Meinung, dass die Pest lediglich einen Anteil von zehn Prozent an der Mortalitat der Seuche hatte, den Rest machten andere Infektionskrankheiten wie Fleckenfieber, Tuberkulose oder Milzbrand aus.[5]

2.2 Die Ausbreitung der groBen Seuche

Der Ursprung der Seuche liegt wahrscheinlich in Asien. Inschriften von Grabsteinen aus dem Jahr 1338/39 unweit des Balchasch-Sees beschreiben die Symptome der Pest, ab 1340 hat sie sich entlang der SeidenstraBe nach Westen ausgebreitet.[6] Einige Autoren behaupten, dass es die Pest schon seit 3000 Jahren gibt, sogar im alten Testament soll sie erwahnt sein.[7] Diese Behauptung konnte allerdings wissenschaftlich widerlegt werden. Im letzten Jahr fanden Wissenschaftler der Universitat Cambridge durch Genanalysen heraus, dass das Bakterium Yersinia Pestis erst vor rund 1500 Jahren aus einem Grippevirus entstanden ist.

Die Krankheit ist angeblich durch folgende Begebenheit in Europa eingeschleppt worden[8]: Tatarische Reiterhorden belagerten 1347 das genuesische Handelszentrum Kaffa am Schwarzen Meer. Die Bewohner der Stadt konnten sich erfolgreich verteidigen, und nachdem unter den Soldaten die Pest ausgebrochen war, mussten sie die Belagerung aufgeben. Bevor sie jedoch abzogen, schleuderten sie die Pestleichen mit Katapulten uber die Stadtmauern[9]. Die Einwohner konnten nicht verhindern, dass sich die Seuche ausbreitete. Als schlieBlich der Handel wieder aufgenommen wurde, gelangte die Pest uber den Seeweg nach Zentraleuropa. 1347 erreichte sie Konstantinopel, Dubrovnik und Sizilien. Im darauffolgenden Jahr breitete sich die Krankheit uber die gesamte Mittelmeerkuste aus und drang bis England vor. 1349 dehnte sie sich auf den Ostseeraum aus und erreichte Moskau uber den Landweg im Jahre 1352. So war der todliche Ring um Europa geschlossen.

Die Seuche breitete sich mit der Reisegeschwindigkeit der Menschen aus, auf dem Seeweg etwas schneller als auf dem Lande.[10]

2.3 Pesttheorien im Mittelalter und in der Gegenwart

Bis in das 18. Jahrhundert war die Herkunft und die Wirkungsweise der Pest sowohl bei Arzten als auch beim gemeinen Volk absolut unbekannt. Viele Menschen glaubten, dass Gott die Seuche als Strafe fur ein lasterhaftes Leben uber die Menschheit brachte. Der Kenntnisstand der Arzte beschrankte sich im wesentlichen auf den der Antike. Nach der humoralpathologischen Krankheitslehre bedeutete der eigentliche Pestvorgang eine Faulnis der inneren Organe.[11] Man nahm an, dass diese Faulnis durch verpestete Luft in den Korper gelangte. Woher diese Luft kam, war nicht bekannt und daher umstritten.

Eine Theorie besagte, dass diese schlechte Luft uber stehenden Gewassern und Tumpeln entstehen kann, eine andere, dass sie durch feuchtwarmes Klima mit dem Sudwind ubertragen wird.[12] Man erkannte richtigerweise, dass faulige Speisen und der Atem von Erkrankten ansteckend sein konnen, ohne sich freilich uber den genauen Grund im klaren zu sein. Des weiteren war die Astrologie fur die mittelalterlich Medizin von groBer Bedeutung. Das Pesthauchmodell des umbrischen Arztes Gentile da Foligno zum Beispiel besagt, dass eine ungunstige Konstellation von Mars, Jupiter und Saturn fur die Seuche verantwortlich ist[13]. Durch diese sollen krankmachende Ausdunstungen von Meer und Land in die Luft gesogen und als „verdorbene Winde“ wieder auf die Erde zuruckgeschleudert worden sein.

Erst im 18. Jahrhundert setzten sich die Vorstellungen von der Verbreitung der Seuche durch zwischenmenschlichen Kontakt durch. Heute weiB man, dass verschiedene Nagetiere den Pesterreger in sich tragen. Der Rattenfloh infiziert als Vektor durch seinen Biss den Menschen mit dem Bakterium. Durch den Kot der infizierten Tiere kann der Erreger auch in Lebensmitteln und Kleidern wochenlang uberleben und so die Menschen infizieren. Ubertragen wird die Krankheit dann durch Tropfcheninfektion oder durch Kontakt der Rachenschleimhaut oder offener Wunden mit dem Erreger.

2.4 Die Bekampfung der Pest

Trotzdem die Ursache und der Verbreitungsmechanismus unbekannt waren, gab es verschiedene MaBnahmen zur Eindammung und Bekampfung der Seuche. Die infizierte Besatzung von Schiffen wurde 40 Tage lang im Hafen isoliert.[14] In den Stadten wurden innerhalb kurzester Zeit Massenbestattungen durchgefuhrt. Behordliche MaBnahmen ordneten die Beseitigung von Mull und Tierkadavern an, auBerdem wurde eine Meldepflicht fur Erkrankungen eingefuhrt.[15] Die Art und Weise der Pestbekampfung und -pravention spiegelt aber auch den medizinischen Kenntnisstand der Zeit wieder. So sollten zum Beispiel die Fenster der Hauser nur nach Norden geoffnet werden, da man den krankmachenden Sudwind furchtete. Schlechte Luft wurde vor allem mit Raucherungen bekampft. Einer zeitgenossischen Beschreibung nach sollen sogar im Krankenzimmer hohe Flammen entfacht werden. Die Arzte behandelten die Patienten eingehullt in dicke Gewander und mit Schnabelmaske, in der wohlriechende Essenzen die Ansteckung mit der Seuche verhindern sollten. Auch die Priester achteten darauf, den Sterbenden nicht zu nahe zu kommen. Die Beichte wurde aus sicherer Entfernung abgenommen, die Angehorigen mussten das Zimmer verlassen, damit der Sterbende laut sprechen konnte. Eine beliebte Therapie der damaligen Zeit war der Aderlass, was jedoch selten zum Erfolg, eher zum schnelleren Tod des Erkrankten fuhrte.

Eine der wenigen wirksamen MaBnahmen war die Isolation der Kranken, welche zwar die Verbreitung der Krankheit einschranken, nicht aber verhindern konnte.

III Die Folgen der Pest fur Europa

3.1 Malthusianische- und Marxistische Theorie

Es ist umstritten, wie es zu einer so hohen Mortalitat kommen konnte. Der englische Geistliche Thomas Malthus geht davon aus, dass die menschliche Population stetig bis an ihre Grenzen expandiert. Wird diese Grenze uberschritten, so muss es zu einer gewaltsamen Reduzierung kommen, so dass die Ressourcen wieder fur den Unterhalt des Gemeinwesens ausreichen. Die Folge sind Hungersnote, Kriege und Epidemien und die daraus resultierende hohe Mortalitat. Die malthusianische Theorie kann aber widerlegt werden, denn die Bevolkerung Europas war schon jahrzehnte vor dem Ausbruch der Pest auf ihrem Hohepunkt.[16] Jahre vor der groBen Seuche kam es immer wieder zu Hungersnoten, was aber keine erkennbare Veranderung der Bevolkerungszahl zur Folge hatte.

Die marxistische Theorie besagt, dass nicht Uberbevolkerung, sondern Ausbeutung fur die hohe Mortalitat verantwortlich war. Die Bauern mussten trotz gleichbleibender Ertrage immer hohere Pachtzahlungen leisten, wozu sie aber nicht in der Lage waren. Die Geldnot der Feudalherren fuhrte zu Plunderungen und Raubzugen.[17] Sie drangten ihre Herrscher dazu Krieg zu fuhren, und um diesen zu finanzieren wurden Steuern erhoben. Plunderungen und standig hohere Abgaben fuhrten so zur Verelendung der Bauern und schlieBlich im Zusammenspiel mit Epidemien zum Bevolkerungskollaps. Aber auch die marxistische Theorie kann widerlegt werden. In der Toskana kam es kaum zu Kriegen und Plunderungen, Florenz zum Beispiel lebte von internationalem

[...]


[1] Bergdolt, Klaus: Der Schwarze Tod in Europa. Die GroBe Pest und das Ende des Mittelalters. Munchen 1994, S. 101

[2] so stellt David Herlihy zum Beispiel fest, dass uberlieferte Beschreibungen der Pest eher zu Krankheiten wie Fleckenfieber oder Tuberkulose passen (in: Herlihy, David: Der Schwarze Tod und die Verwandlung Europas. Berlin 1998, S. 18-28)

[3] Schimitschek, Erwin: Malaria, Fleckenfieber, Pest: Auswirkungen auf Kultur und Geschichte - Medizinische Fortschritte. Stuttgart 1985, S. 160

[4] Schimitschek, Erwin: S.161

[5] Herlihy, David: S.27

[6] Herlihy, David: S. 15

[7] Schimitschek, Erwin: S.111

[8] z.B. in Herlihy, David: S. 16

[9] Keil, Gundolf: Seuchenzuge des Mittelalters. In: Herrmann, Bernd (Hrsg.): Mensch und Umwelt im Mittelalter. Stuttgart 1986, S. 112

[10] nach Vasolt ca. 3-8 km auf dem Landweg taglich (in: Vasolt, Manfred: Pest, Not und schwere Plagen. Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute. Munchen 1991, S. 93)

[11] Bergdolt, Klaus: S. 21

[12] Bergdolt, Klaus: S. 21

[13] Keil, Gundolf: S. 116

[14] diese Isolation kann als Erfindung der Quarantane bezeichnet werden. (in: Vasolt, Manfred: S. 98)

[15] Defoe, Daniel: Die Pest zu London. Aus d. Engl. (Originalausgabe 1722). Berlin 1996, S. 54-64

[16] welchen Herlihy auf 1300 datiert (in: Herlihy, David: S. 29)

[17] Guy Bois nennt dies die „Krise des Feudalismus“ (in: Herlihy, David: S. 34)

Details

Seiten
11
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638154277
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8461
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Pest frühe Neuzeit Schwarzer Tod Europa Mittelalter

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