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Nahrungstabus in der modernen Gesellschaft

Eine strukturale Analyse unserer Ernährungskategorien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 26 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Grundlagen und Begrifflichkeit
I.1 Tabu als Begriff
I.1.1 Ursprung
I.1.2 Der Begriff Heute
I.2 Begründung der Theoriewahl
I.3 Strukturalismus
I.3.1 Der Begriff
I.3.2 Ursprung und Hintergrund der Theorie
I.3.2.1 Gründervater Levi-Strauss
I.3.2.2 Über Klassifikation und Wahrnehmung
I.3.3 Die strukturale Analyse

II Die Anwendung der Theorie
II.1 Nahrungstabus unter dem Gesichtspunkt der strukturalen Analyse
II.2 Strikte Tabus auf bestimmte Tierarten
II.3 Beschaffung, Zubereitung und Kombination von Lebensmitteln
II.3.1 Problemstellung
II.3.2 Von Obst, Gemüse und uneindeutigen Früchten
II.3.2.1 Unsere Kategorisierung von pflanzlich organischen Lebensmitteln
II.3.2.2 Die Fremde Frucht
II.3.2.2 Beschränkte Kombinationsmöglichkeiten
II.3.2.3 Ausnahmen bestätigen die Regel
II.3.3 Über Unreinheit und Moral
II.3.3.1 Körperausscheidungen im Essen
II.3.3.2 Die „unreine“ Weiswurst
II.4 Die moralische Bedeutung von Esstabus

III Schluss
III.1 Zusammenfassung
III.2 Diskussion
III.2.1 Sozialer Wandel und Struktur
III.2.2 Kritik und Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Es gibt wohl kaum eine Kultur, die alle in ihrer unmittelbaren Umwelt vorzufindenden Arten von Tieren und Pflanzen als Nahrung nutzt. Die Regel ist vielmehr, dass jede Kultur nur einen Bruchteil dieser organischen Substanzen als genießbar einstuft und den Rest ignoriert, bewusst meidet, mit Verboten belegt oder ihm sogar mit Ekel begegnet. Hinter derartigen Meidungen stehen kulturelle Konventionen, die von Ethnologen und Soziologen mit dem Begriff Nahrungstabu umschrieben werden. Wenn die Ethnologen auch den aus dem austronesischen stammenden Begriff Tabu nicht einheitlich verwenden, so stimmen sie doch zumindest darin überein, dass unter "Tabu" die „bewusste Nichtausführung einer bestimmten Handlung bzw. die formalisierte Meidung von spezifischen Dingen oder Personen in unserem Fall von ausgewählter Nahrung zu verstehen ist. Dabei soll Nahrung die verfügbaren Spezies von Tieren und Pflanzen einschließen, die für den Menschen prinzipiell genießbar sind“ (Hirschberg 1999, S. 367). Denn nicht alles, was unter ernährungspsychologischen Gesichtspunkten gegessen werden kann, wird als Nahrung betrachtet, genauso wie umgekehrt nicht alles, was wir als „Lebensmittel“ deklarieren, notwendigerweise eine gute Wahl ist (vgl. Setzwein 1997, S. 89). Von der „heiligen Kuh“ in Indien, über das koschere Essen im Judentum, bis hin zum „Schlangenverzehr“ bei den Chinesen lassen sich hierfür viele Beispiele finden. Die daraus resultierende Vermutung, Nahrungstabus seien nur in fremden Kulturen verortet, ist allerdings falsch. Auch in modernen Industriegesellschaften, wie der unseren, zählen sie zu einem wichtigen Bestandteil des Alltags. Ohne dass es uns in unserer täglichen Nahrungsversorgung bewusst ist, lehnen wir bestimmte Dinge als potentielle Nahrungsquelle ab: Das Fleisch unserer Mitmenschen, Schoßtieren, Zootieren, einheimische Raubtieren, Insekten, Schlangen wie auch Nagetieren verabscheuen wir ohne darüber nachzudenken. Dinge, die allgemein als essbar gelten, können bei uns Widerwillen erregen wenn ihre „Sauberkeit“ in Mitleidenschaft gezogen wird. Ebenso gibt es klare Vorstellungen darüber, in welcher Kombination Nahrungsmittel genießbar sind. Ein Schweinebraten mit Himbeersauce würde in unseren Ernährungskategorien als ungenießbar oder zumindest als befremdlich wahrgenommen werden. Dass auch die Präsentation des Essens eine große Rolle spielt, merken wir spätestens dann, wenn wir einen aufgebarten Tierkopf auf einem Silbertablett vor uns haben. Folglich haben wir es mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Nahrungsablehnungen zu tun, deren Erklärung eigentlich eine Strukturierung des weiten Feldes herausfordern müsste. Da ich davon ausgehe, dass Nahrungstabus ganzheitlich und als integrierter Bestandteil einer spezifischen Kultur betrachtet werden können, sehe ich den Strukturalismus als geeignete Theorie um die oben genannten Phänomene zu analysieren.

Im ersten Teil der Arbeit werde ich Begrifflichkeiten erklären, meine Theoriewahl begründen und die Grundlagen des Strukturalismus erläutern. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Anwendung der Theorie. Mit Hilfe der strukturalen Analyse werde ich versuchen die tabuisierten Lebensmittel und Gerichte aus der Ordnung heraus zu erklären, der sie unterstellt sind. Neben der Analyse von tabuisierten Tierarten geht es mir in der Arbeit hauptsächlich um weitaus subtilere und verstecktere Meidungsarten in unserer Alltagswelt, die nur selten unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten analysiert werden. Diese Beispiele sollen ganz gezielt dazu beitragen, das breite Anwendungsspektrum des Strukturalismus zu verdeutlichen. Darüber hinaus komme ich über das letzte Beispiel auf den moralischen Hintergrund von Nahrungstabus zu sprechen und zeige damit die unterschiedliche Bedeutung unserer Meidungsarten auf. Der dritte Teil soll, im Hinblick auf unsere globalisierende Esskultur, nach der Wandelbarkeit von Strukturen fragen, Kritikpunkte aufgreifen und mit einem Fazit die Arbeit abschließen.

I Grundlagen und Begriffserklärung

1.1 Tabu als Begriff

Als Einstieg in das Thema halte ich es für sinnvoll, den Ursprung und die Herkunft des Wortes Tabu genauer zu betrachten und gleichzeitig zu klären, was ich unter dem Begriff verstehe und welche Bedeutung ihm in der modernen Gesellschaft zugeschrieben werden kann

1.1.1 Ursprung

Das Wort 'Tabu' - ursprünglich 'tapu' - stammt aus dem Tonga Polynesiens und gehört zu den seltenen Wörtern, die aus Sprachen der 'Naturvölker' in Sprachen westlicher Zivilisationen Eingang gefunden haben und aus dem heutigen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken sind. James Cook brachte dieses Wort im Jahre 1777 von seiner Südseereise nach England mit, von wo aus es sich schnell in andere Sprachen verbreitete und Eingang in die Bildungssprache fand. In seinem ursprünglichen Kontext beschrieb das Wort die Bindung an eine göttliche Kraft, die von gewöhnlichen Menschen die strikte Meidung einer sogenannten Sache verlangte (vgl. Hirschberg 1999, S.367). Ein Grund für die rasche Verbreitung des Wortes war nach Betz neben dem exotischen Klang das "fördernde Vakuum einer wirklichen Wortschatzlücke" in den Sprachen der westlichen Zivilisationen (Betz 1978, S.141). Darüber hinaus bot sich dieses neue Wort - so Kuhn - "geradezu an, das Fremde, Irrationale und nicht Verstehbare des seltsamen Südseetreibens in einem Ausdruck kompakt zu bezeichnen. 'Tabu' steht sozusagen exemplarisch für das Andere und Fremde der archaischen Welt. [...] 'Tabu' war also ein zentraler Ausdruck der reisenden Aufklärer, um zu erklären, was nicht innerhalb ihres Konzeptes der Vernunft zu erklären war" (Kuhn 1987, S.20f.). Zwar kommt dieses Konzept des Wortes schon sehr nah an die strukturalistische Erklärung heran, im heutigen Sprachgebrauch unterscheidet der Duden aber zwischen folgenden Grundbedeutungen:

1. (Völkerk.): Verbot, bestimmte Handlungen auszuführen, insbes. geheiligte Personen od. Gegenstände zu berühren, anzublicken, zu nennen, bestimmte Speisen zu genießen; [...] 2. (bildungsspr.): ungeschriebenes Gesetz, das auf Grund bestimmter Anschauungen innerhalb einer Gesellschaft verbietet, über bestimmte Dinge zu sprechen, bestimmte Dinge zu tun [...] (Drosdowski 1999, S. 25555).

Die Grundbedeutungen von 'Tabu'/'tabu' im heutigen Sprachgebrauch haben nur noch wenig mit dem ursprünglichen Konzept im Tonga zu tun. Im öffentlichen Sprachgebrauch dominiert die pejorative Verwendung.

1.1.2 Der Begriff heute

Um der Fragestellung meiner Arbeit gerecht zu werden soll im Folgenden ein Tabubegriff entwickelt werden, der der zweiten - im Duden genannten - Grundbedeutung folgt und Tabus in modernen Gesellschaften als Teil des sozialen Kodex einer Gemeinschaft versteht, der festschreibt, welche Handlungen und Verhaltensweisen nicht ausgeführt werden sollen. Für die Analyse von Esstabus in modernen Gesellschaften (mit eher profanen als religiös motivierten Tabus) eignet sich in besonderer Weise der Tabubegriff von Reimann, der unter 'Tabu' die "intensive Kennung" von Personen und Gegenständen versteht, "die Macht und Gefährdung signalisiert und ein entsprechend angepasstes (vorsichtiges) Verhalten bei einer Begegnung" erfordert (Reimann 1989, S. 421).

Wichtig scheint mir hier die Unterscheidung zu Verboten. Auch wenn das Tabu als eine spezielle Form des Verbotes betrachtet werden kann und beide Begriffe in der Forschungsliteratur oft synonym verwendet werden, zeigen sich bei genauerem Hinsehen Unterschiede. Verbote können nach einer rationalen Begründung hinterfragt werden, Tabus nicht, da sich die tabuisierte Handlung quasi von selbst verbietet. Bei Nahrungstabus kommt dieses Phänomen zum Vorschein, wenn beispielsweise ein Kleinkind fragt warum wir keine Schlangen essen. Uns bleibt dann oft nichts anderes übrig als mit „das macht man nicht“ zu antworten. Tabus Können durch solche unartikulierten Imperative im Erziehungsprozess so weit internalisiert werden, dass "gesetzliche Regelungen und formelle Sanktionen vielfach überflüssig" sind (Reimann 1989, S.421). Deshalb müssen auch nur Verbote formuliert werden - Tabus hingegen "verlangen, dass jeder weiß, was tabu ist, und insofern gibt es auch keinen Verbotsnormirrtum, d.h. nach Tabuverletzungen existieren keine Verteidigungsstrategien, wie bei manchen Verboten" (Kuhn 1987, S. 26). Tabuverletzungen werden auch nicht durch kodifizierte Strafen geahndet - vielmehr stellen sich Schuldgefühle, Abscheu und Scham von selbst ein (Reimann 1989, S. 421). Ein Nahrungstabu können wir auch als eine Art Selbstverbot betrachten. So sind für Eder Nahrungstabus „tiefsitzende und zugleich emotional hochbesetzte Essverbote“. Ihr Legitimations- und Wirkungsgrad kann allerdings ganz unterschiedlicher Natur sein. Die verschiedenen Ausprägungen, die hier in der Arbeit behandelt werden liegen auf der gesamten Spannbreite zwischen absoluten und relativen Nahrungstabus. Ein absolutes Nahrungstabu löst ein Meidungsverhalten aus, das von allen erwachsenen Mitgliedern der Kultur ohne Rücksicht auf Zeit und Situation gegenüber bestimmten tierischen und pflanzlichen Organismen eingehalten wird. Es ist entweder explizit formuliert oder im vorhandenen Gedankengut implizit vorhanden. Ein relatives Nahrungstabu schließt die auf einen bestimmten Personenkreis bezogene, oder von einer bestimmten Situation oder einem Ereignis abhängige Vorenthaltung einer begrenzten Teilmenge ansonsten kulturell anerkannter Nahrung ein.

1.2 Begründung der Theoriewahl

Die Ethnologie und Soziologie macht sich die Suche nach dem Ursprung, der Diffusion, der Funktion und den Gründen des Entstehens und des fortgesetzten Erhalts solcher Meidungsarten insbesondere bei der Meidung von ernährungsphysiologisch hochwertigen Substanzen zum Thema. Der Komplexität dieses Themas und der großen Anzahl der daran interessierten Ethnologen entsprechend, hat die Suche nach Antworten zu mehreren, nicht immer miteinander zu vereinbarenden, Ansätzen geführt, die sich im wesentlichen auf drei zusammenfassen lassen. Der rationalistische Erklärungsansatz vermutet im wirtschaftlichen Nutzen, den die Speisetabus für die jeweilige Gruppe haben, die tatsächliche Ursache. „Bei Nahrungsmitteln, die man bevorzugt, ist die Bilanz zwischen dem praktischen Nutzen und den Kosten günstiger als bei solchen, um die man einen Bogen macht“ (Harris 1988, S.9). Diese Theorie lässt sich bei Verboten einzelner Tiere anwenden, die ökologisch oder physiologisch einigermaßen bedeutsam sind. Komplizierter und schwierig wird es erst, wenn man mit diesem Ansatz versucht, die Gesamtheit der verbotenen Tiere zu erklären.

Mary Douglas beklagte schon vor Harris Theorie Ende der 7Oger Jahre, dass viele Wissenschaftler aus Mangel anderer Hypothesen noch immer an der Idee festhalten, Nahrungsmittel werden nur aufgrund einer bestimmten Eigenschaft akzeptiert oder abgelehnt.

Der kulturelle Einfluss wird als Störfaktor möglichst ausgeblendet. Dabei. ist doch die kulturelle Regelung der Wahrnehmung genau das, was man erforschen müsste (Douglas 1978, S.59).

Ein Ansatz, der die Motive für ein Essverbot nicht im Bereich der Ernährung , sondern fern von natürlichen Begrenzungen und Beschränkungen sucht, ist der Funktionalismus. Esstabus gelten hier als Kommunikationsmedien für normative Regelungen. Sie haben die Funktion in einer Gesellschaft soziale Integration zu fördern oder die Abgrenzung gegenüber anderen Gesellschaften zum Ausdruck zu bringen. Das Schwein im Judentum ist nach diesem Ansatz deshalb Tabu, weil es „der Außenabgrenzung einer kollektiven Identität dient“ (Eder 1988, S. 133). Es wird nicht gegessen, weil es ihre damaligen Feinde gegessen haben. Aber auch dieser Ansatz zeigt große Schwächen, wenn man mit ihm versucht die in der Einleitung aufgezählten Essvorschriften zu erklären: „Die diesen Funktionen zugrundeliegenden Symbolisierungen, die ihnen vorausgehende Logik der modernen Gesellschaft bleibt unbegriffen“ (Eder 1988, S. 143). Das Bedürfnis nach Außenabgrenzung erklärt auch nicht, weshalb ein Tier mit einem Tabu belegt wird. Schlangenfleisch wird in unserer Kultur nicht als Nahrung zurückgewiesen, weil es der Stabilisierung unserer kollektiven Identität diente, sondern weil mit ihm eine Bedeutung verknüpft ist. Um diese Bedeutung auf die Spur zu kommen, bedarf es einer Sichtweise, die sich auf die Ebene der Gesellschaftsmitglieder begibt und auszuloten versucht, auf welche Weise sie ihre natürliche Umwelt in Essbares und Nicht-Essbares einteilen (vgl. Setzwein 1997, S.97). Und genau das macht der Strukturalismus. Er betrachtet die Kultur als eine logisch geordnete Welt und sucht die Ursache kulturspezifischer Speisetabus in der Gedankenwelt, den kognitiven Strukturen der jeweiligen Kultur. Im Folgenden soll ein Überblick über diese Theorie gegeben werden.

1.3 Strukturalismus

1.3.1 Der Begriff

Der Begriff Strukturalismus bezeichnet allgemein eine universalistische Denkrichtung, die den Anspruch naturwissenschaftlicher Exaktheit in den Humanwissenschaften durchzusetzen versucht. Für den Strukturalismus gilt grundsätzlich, dass alle wissenschaftlichen Vorgehensweisen vorrangig der Erforschung von Strukturen dienen müssen und darin ihr Ziel und ihren Endzweck finden“ (Stenzler 2003, S. 107). Aus diesem Grundsatz erschließt sich aber noch nicht der wesentliche Kern seines Ansatzes. Zu vielseitig wird das Wort Struktur im alltäglichen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch verwendet. Es kann als Synonym für Transformationssystem, Beziehungen, Komplex, Muster, Typ, Netz, interne Kohärenz, logische Konstruktion, Kompositionsgesetz, prekäres Gleichgewicht spezifischer Hierarchien etc...verstanden werden. Folgen wir den Grundannahmen des Strukturalismus, könnte man Struktur als ein Gefüge bezeichnen, das zu einem gegliederten Ganzen gehört, bei dem jeder Teil in einer spezifischen Beziehung zu den anderen Teilen steht, und jeder Teil eine bestimmte, ihm eigene Funktion erfüllt, die aber nur zu verstehen ist, wenn man das Ganze betrachtet.

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Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638009799
ISBN (Buch)
9783656058601
Dateigröße
684 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84700
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,00
Schlagworte
Nahrungstabus Gesellschaft Soziologische Theorien Handlungsfeld Ernährung

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