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Friedrich de la Motte Fouqués »Undine« - Inhalt und Interpretationsansätze

Seminararbeit 2000 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1. Die Handlung

2. Die Figuren der Erzählung

3. Die Undine-Figur

4. Fazit: Einige Interpretationsansätze

5. Anhang
5.1 Kurze Zusammenfassung „Liber de Nymphis“ (Paracelsus)
5.2 Die Undina
5.3 Bibliographie

0. Vorwort

Beim Verfassen dieses Aufsatzes stütze ich mich als Textgrundlage auf die aktuelle Reclam-Ausgabe »Undine« von Friedrich de la Motte Fouqué.

Als Sekundärliteratur dienen mir im Wesentlichen die Artikel von Gerlinde Roth, Anna Maria Stuby und Volker Klotz. (Eine vollständige Liste der verwendeten Literatur finden Sie im Anhang.)

Zur allgemeinen Orientierung möchte ich im ersten Kapitel einen Überblick über die Handlung geben. Dabei sollen bereits punktuell einige Figuren eine Bewertung erfahren, damit das Beziehungsgeflecht zwischen ihnen im Ansatz etwas transparenter wird.

Damit ist die Basis für das zweite Kapitel geschaffen, in dem ich mich in erster Linie auf das Kapitel »Figurenanalyse« von Jost Schneider beziehen werde. Hier gehe ich auf Schneiders zentrale Begriffe rund um die literarische Figur ein und werde versuchen, mindestens jeweils ein exemplarisches Beispiel in Fouqués »Undine« zu belegen. Dabei möchte ich möglichst das gesamte Figurenensemble berücksichtigen.

Im dritten Kapitel folgt eine Analyse der Undine-Figur. Dabei werde ich mich vor allem auf den Text von Anna Maria Stuby beziehen.

Zum Schluß möchte ich im vierten Kapitel einige Interpretationsansätze anbieten, wobei ich am Rande zum besseren Verständnis Hintergrundinformationen zur Person Fouqué geben werde.

1. Die Handlung

Die Märchennovelle »Undine« von Friedrich de la Motte Fouqué (1777-1843) handelt von der erst glücklichen, später traurigen Liebe zwischen dem Ritter Huldbrand von Ringstetten und dem Elementargeist[1] Undine, Tochter eines mächtigen Wasserfürsten. Sie strebt danach, durch eine Heirat mit einem Menschen und der damit verbundenen sexuellen Vereinigung eine unsterbliche Seele zu erlangen, so wie es die Stofftradition rund um die sogenannte Mahrtenehe vorgibt. Undine wird vor allem durch ihren »Oheim« und gleichzeitigen Beschützer Kühleborn, ebenfalls ein Wassergeist, unterstützt.

Ein Fischerehepaar lebt zusammen mit seiner Ziehtochter Undine friedlich und abgeschieden an einem See. Die leibliche Tochter verschwand im frühen Kindesalter aus – für die Eltern – ungeklärter Ursache. Sie glaubten, die Tochter sei im See ertrunken, doch wurde diese in Wahrheit durch die Mächte Undines Vaters entführt. Seitdem lebt sie unter dem Namen Bertalda bei adligen Pflegeeltern in der Reichsstadt. Dort hat sich Huldbrand in Bertalda verliebt, und ist nun unterwegs, um – im Minnedienst stehend – gefährliche Abenteuer zu bestreiten.­­­­­­­ Dabei verschlägt es ihn in einen Wald, in dem viele phantastische Wesen leben, ganz nach dem Vorbild der Zauberwälder in der mittelalterlichen Artusepik, in denen die Gesetze der realen Welt außer Kraft treten.

Dort trifft er das erste Mal auf den angsteinflößenden Kühleborn, einem „phallisch[2] -daherschäumenden“ Wesen, auf dessen »höchst riesenmäßigen Körper« das »weiße, sprudelnde Antlitz«[3] sitzt. Kühleborn, »die überragende Naturgewalt des Märchens«[4] treibt Huldbrand schließlich aus dem Wald und damit direkt zu der Hütte Undines Pflegeeltern. Hier wird Huldbrand Quartier für die Nacht geboten; er stößt auf Undine, verliebt sich in sie und vergißt Bertalda. Kühleborn legt sich in Gestalt eines reißenden Stroms zwischen die Landzunge, auf der sich die Hütte befindet, und den Wald, so daß Huldbrand für einige Zeit dort verbleiben muß. Damit hat Kühleborn dafür gesorgt, daß sich die beiden Liebenden sowohl in geistiger als auch in physischer Hinsicht immer näher kommen können, bis Huldbrand schließlich seinen Heiratsentschluß bekundet. Prompt gelangt Priester Heilmann – ebenfalls mit Kühleborns Hilfe – auf die Landzunge und traut die beiden.

Undine erhält in der Hochzeitsnacht eine Seele, und aus der eben noch trotzig-frechen, dekadenten und vor allem wilden Undine wird eine ausgeglichene, gottesfürchtige junge Ehefrau »mit hausfraulichen Tugenden«.[5] Huldbrand, in der Hochzeitsnacht von Alpträumen heimgesucht, die Unheilvolles ankündigen und Andeutungen auf Undines nichtmenschliche Herkunft geben, läßt sich am folgenden Tag von Undine über ihr Herkommen aus dem Geschlecht der Nymphen aufklären, ist aber vorerst so verliebt, daß er die Vorhersagen in seinen Träumen nicht ernst nimmt.

Der reißende Strom versiegt und Huldbrand führt Undine mit sich in die Stadt. Hier lernt sie Bertalda kennen und bringt dieser auch Sympathie entgegen. Bertalda baut zu Undine ein vermeintlich freundschaftliches Vertrauensverhältnis auf, um sich weiterhin in Huldbrands näherem Umfeld bewegen zu können; dennoch kann auch sie nicht bestreiten, »daß sie einen Zug der Vertraulichkeit und Liebe« aufgrund einer »wundersame[n] Beziehung […] zu Undinen empfinde«.[6] Von Kühleborn, der sich in der Reichsstadt als Brunnenmeister ausgibt, erfährt Undine die wahre Herkunft Bertaldas und eröffnet dieser an deren Namensfeier auf naiv-fröhliche Weise, daß sie die leibliche Tochter der Fischersleute sei. Bertalda reagiert aufgrund dieser Standesreduzierung zornig, beschimpft Undine als Hexe, bringt sich dadurch sowohl vor der anwesenden Gesellschaft als auch vor ihren Pflegeeltern und dem Fischerehepaar in Mißachtung und wird verstoßen.

Huldbrand und Undine haben Mitleid mit Betalda und nehmen sie mit auf ihre Burg Ringstetten. Dort beginnt sich die Katastrophe anzubahnen: Zum einen versucht Undine sich zunehmend dem Schutz Kühleborns zu entziehen, da er mehr und mehr zur Bedrohung für Huldbrand und Bertalda wird; zum anderen wendet sich Huldbrand immer mehr von seiner vermenschlichten Undina ab, hin zu der »gesellschaftlich geschliffenen«[7] Bertalda. Diese vereitelt – teils aus Unwissenheit, teils aus Boshaftigkeit – Undines Maßnahmen gegen Kühleborn und versucht Huldbrand an sich zu binden. Als die Spannungen auf Ringstetten unerträglich zu werden scheinen, und sich die Kritik Huldbrands kurzfristig gegen Bertalda richtet, macht sich diese aus lauter Verzweiflung doch noch zu den leiblichen Eltern auf, wo sie auf Vergebung hoffen darf, wenn sie den Weg durch den heidnischen Zauberwald unbeschadet besteht. Huldbrand reitet ihr nach, um sie vor den Gefahren zu bewahren und zurückzuholen. Daß Bertalda und Huldbrand überleben, haben sie wieder nur Undine zu verdanken, die die beiden in erster Linie vor Kühleborn rettet. Seitdem zeigt sich Bertalda gegenüber Undine dankbar und demütig. Erst auf der darauffolgenden Schiffsreise nach Wien kommt es zur Eskalation: Während dieser Donaufahrt kann sich Undine nicht mehr dem Einfluß ihrer Verwandten entziehen und trotz vorangegangener Warnung, beschimpft Huldbrand seine Undine in einem – für ihn typischen – cholerischen Wutausbruch »auf einem Wasser«.[8] Undine, nun von ihm verstoßen, begibt sich zur Treue mahnend hinab in die Fluten, zurück in ihr Element.

Trotzdem Huldbrand weiß, daß er Undine die Treue halten muß, da sie nicht wirklich tot ist, heiratet er mit der Vorahnung seines baldigen Todes wenig später Bertalda. Am Abend nach der Trauung erscheint Undine in Huldbrands Gemach um ihn gemäß der Gesetze ihrer elementaren Herkunft für seinen Treuebruch und der damit einhergehenden Bigamie zu richten. Sie tötet ihn mit einem Kuß. Dabei weint Undine, »als wolle sie ihre Seele fortweinen«; Undines Tränen dringen in die Augen Huldbrands und wogen ihm in liebender Wehmut »durch die Brust«. »„Ich habe ihn totgeweint!“, sagte sie zu einigen Dienern…«.[9]

Die Erzählung endet mit der Beschreibung eines Rinnsals, daß das Grab des Ritters umzieht: »…dies sei die arme, verstoßene Undine, die auf diese Art noch immer mit freundlichen Armen ihren Liebling umfasse.«[10]

2. Die Figuren der Erzählung

Anmerkung: Alle in ‚einfache Anführungszeichen‘ gesetzten Begriffe sind dem Kapitel „Figurenanalyse“ von Jost

Schneider entnommen.

In diesem Kapitel wäre es falsch, zumindest nicht ganz korrekt, Undine als eine Person zu bezeichnen. Der in der Literaturwissenschaft – ohnehin – gängige Terminus „Figur“ trifft eher zu. Nach Jost Schneider ist eine literarische Figur durch Körperlichkeit, Kommunikationsfähigkeit und durch ein Bewußtsein definiert.

So auch bei Undine: Sie ist durchaus körperlich manifest, auch wenn sie als Elementargeist imstande ist, ihre Gestalt zu verändern. Sie befindet sich ständig in der Interaktion mit anderen Figuren der Erzählung, indem sie verbal oder nonverbal ihre Gedanken und Gefühle ausdrückt, entweder in ‚natürlicher Sprache‘ oder in der Sprache der Elementargeister.[11]

Gerade in der ersten Hälfte der Erzählung, in der Undine noch keine Seele besitzt, kann man sicherlich nicht von einem ‚vollgültigen menschlichen Bewußtsein‘, jedoch von einer ‚Bewußtseinsinstanz‘ Undines sprechen: Sie fühlt und denkt, wenn auch auf ihre eigene – elementare – Art und Weise, und besitzt ein Bewußtsein ihrer selbst. Demnach werden die Kriterien, die eine literarische Figur definieren, bei Fouqués Undine erfüllt.

Bis auf Undine (und Kühleborn) sind strenggenommen alle Figuren der Erzählung nicht sehr differenziert, sondern eher klischeehaft dargestellt: der glänzende (manchmal auch unbeherrschte) Ritter, die eitle Nebenbuhlerin, das herzensgute Fischerehepaar, der fromme Priester etc. Diesen Figuren fehlen – mehr oder minder – eine ‚seelische Vielschichtigkeit‘ und damit auch real-psychische Komponenten. Sie tendieren zu sogenannten literarischen ‚Typen‘, die nicht sonderlich vielseitig, sondern eher einfach gestaltet sind. Fouqué neigt in all seinen Werken zu einer poetisch-subjektiven Weltbeschreibung und – man könnte sagen – zu einer Reduktion der Charaktereigenschaften seiner Figuren; nämlich auf die Reduktion einer romantisch-mittelalterlichen Weltfigur.

Zwar ist die Undine-Figur charakterlich wesentlich komplexer angelegt, man kann in ihrem Falle von einem ‚Individuum‘ (J. Schneider) sprechen, doch unterliegt diese Figur auch der literarischen Komprimierung: Viele innere und äußere Charaktermerkmale werden ausgespart, es wird durch Zeitsprünge gerafft und ihre Biographie bleibt lückenhaft; außer daß Undine dem väterlichen Unterwasserpalast im »mittelländischen Meer« entstammt, etwa 18 jährig, blauäugig, blond und schön ist, erfährt der Leser nicht viel. Nur die – im wahrsten Sinne des Wortes – seelische Entwicklung Undines wird eingehend beschrieben, wie ich später noch ausführlicher analysieren werde.

In der Literatur muß zwar generell die ‚Vita‘ der Figuren komprimiert werden, doch geschieht dies bei Fouqué auf fast drastische Weise. So wie die Erzählung schon in Struktur und Sprache an die mittelalterliche Literatur erinnert, so ähnelt sie ihr auch in der eher oberflächlichen, schwarz-weiß-malerischen Gestaltung der ‚Mitfiguren‘.

Die soziale Stellung jeder Figur und damit ihr jeweiliger Rang im ‚Beziehungsgeflecht‘ zwischen ihnen ist folgendermaßen dargestellt: Während der gesamten Erzählung steht der Ritter Huldbrand hierarchisch an der Spitze. Undine, anfangs als Fischertochter noch ganz unten stehend, rutscht in der gesellschaftlichen Ordnung nach ihrer Hochzeit „neben“ Huldbrand, doch ist sie als Frau nicht gleichberechtigt, sondern ihrem Ehemann hörig. Eine Emanzipation strebt sie zu keinem Zeitpunkt der Erzählung an. Im Gegenteil: Nun eine Seele besitzend und die Menschen verstehend, sieht sie die Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit, sich dem Mann nicht nur anzupassen, sondern auch unterzuordnen. Durch ihren Ausspruch »niemanden habe sie … Rechenschaft abzulegen als ihrem Ehegemahl und Herrn«[12] wird ihre Position deutlich: Die adlige Undine, nun über den einfachen Leuten stehend, gehorcht nur noch ihrem Mann.

Es ist aber anzumerken, daß sich Undine zwar – von außen betrachtet – vor ihrer Ehe auf einer gesellschaftlich niedrigen Ebene befunden hat, doch war sie strenggenommen bis dahin überhaupt nicht Bestandteil des gesellschaftlich-sozialen Beziehungsgeflechtes. Sie trat mit ihrer Hochzeit bzw. mit ihrer Ankunft in der Stadt erst in dieses ein. Vorher hatte sie nur Kontakt zu ihren Pflegeeltern, war gesellschaftlich isoliert und hatte auch gar nicht das Bedürfnis und vor allem nicht das Verständnis in irgend einer Weise menschlichen Konventionen zu entsprechen; bis zum Auftreten ihres künftigen Ehemannes, der ihr eine Seele verleihen soll, besteht dazu auch gar keine Notwendigkeit. So legt sie vor allem am Anfang der Novelle ein autonomes Verhalten an den Tag, daß ihre fehlende gesellschaftliche Integration sehr deutlich macht.

[...]


[1] Begriff nach Paracelsus

[2] Stuby, Anna Maria S.91

[3] Textgrundlage Fouqué S.26

[4] Klotz, Volker S.170

[5] Roth, Gerlinde S.97

[6] Textgrundlage Fouqué S.51/52

[7] Klotz, Volker S.168

[8] Textgrundlage Fouqué S.68

[9] Textgrundlage Fouqué S.92

[10] Textgrundlage Fouqué S.94

[11] Textgrundlage S.53: […] und beide [Undine und Kühleborn] begannen miteinander zu flüstern, es schien in einer fremden Sprache.«

[12] Textgrundlage Fouqué S.65

Details

Seiten
27
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638009850
ISBN (Buch)
9783638915472
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84720
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Friedrich Motte Fouqués Inhalt Interpretationsansätze

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Titel: Friedrich de la Motte Fouqués »Undine« - Inhalt und Interpretationsansätze