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"Gott ist die Liebe - oder nicht?" - Die Theodizeefrage in Heinrich von Kleists "Das Erdbeben in Chili"

Essay 2007 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Vorwort

Gott ist die Liebe – oder nicht?

„Gott ist die Liebe“ ist ein feststehender Ausdruck in der christlichen Kirche, genauso wie „Gott ist ein Gott der Liebe und nicht der Rache“. Das ist natürlich alles gut und schön, aber trotz des liebenvollen Gottes gibt es Übel und Leid in der Welt. Für das Übel kann leicht der Teufel verantwortlich gemacht werden, aber das würde entweder heißen, dass der Teufel stärker wäre als Gott, oder dass Gott gar nicht vorhätte, uns vor dem Bösen zu schützen, wie uns gelehrt wird.

Wie anhand des Vorhergehenden schon klar geworden ist, liegt hier eine sehr schwierige Frage vor. Tatsächlich haben zahlreiche Menschen während der vergangenen Jahrtausende versucht, diese Frage zu beantworten. Menschen wie Leibniz, Pope oder Rousseau.

Als am 1. November 1755 Lissabon, die schönste und reichste Stadt Europas, durch ein großes Erdbeben zerstört wurde, wurde das Drängen nach der Beantwortung der Theodizeefrage größer. Die Menschen waren bestürzt und wollten wissen, warum Gott gerade diese schöne und kulturelle Stadt zerstört hatte. War das Erdbeben eine Mahnung Gottes? War das Jüngste Gericht eingeleitet? Viele diskutierten diese Frage.

In diesem Rahmen verfasste Heinrich von Kleist seine Erzählung „Das Erdbeben in Chili“, die – anders, als der Titel vermuten lässt – auf das Lissabonner Beben und die damit zusammenhängende Theodizeefrage verweist.

In dieser Erzählung lassen sich verschiedene Theodizeetheorien erkennen, die alle an der beschränkten Erkennungsfähigkeit des Menschen fehlzuschlagen scheinen. Die Frage, warum der liebende Gott St. Jago bzw. Lissabon zerstört hat, kann und will Heinrich von Kleist nicht beantworten, weil auch er und der Erzähler der Geschichte der Beschränktheit des menschlichen Daseins unterliegen.

Obwohl die Menschheit die Neigung, vielleicht schon den Bedarf hat, alles zu verstehen und alle Fragen des Lebens und des Daseins beantwortet zu bekommen, ist die beste Antwort der Theodizeefrage, dass es keine Antwort geben kann.

Die Antwort des Buches Hiob, die keine Antwort zu sein scheint, ist vielleicht doch die beste Lösung: Die menschliche Seele ist zu beschränkt, um die Lenkung der Welt zu verstehen, und deswegen ist jede mögliche Interpretation immer die Falsche, wie Kleist in seiner Erzählung gezeigt hat.

Die Theodizeefrage in Heinrich von Kleists „Das Erdbeben in Chili“

Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz verfasste 1710 sein „Essais de théodizée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal“.

In diesem Essay versucht er, den Glauben mit der Vernunft in Übereinstimmung zu bringen. Er versucht, die Frage nach der Rechtfertigung Gottes zu beantworten.[1]

Die Frage, warum der Gerechte leiden muss, ist aber ein viel älteres Problem. Schon die Bibel versucht die Frage anhand des Buches Hiob zu beantworten. Auch Epikur, Kant, Leibniz und Pope beschäftigen sich später mit diesem Problem und stellen verschiedene Theorien auf.

In der vorliegenden Arbeit werden diesen verschiedenen Theorien vorgestellt und in Verbindung gebracht mit der Erzählung Kleists.

Kleist entscheidet sich in seiner Erzählung nicht endgültig für eine bestimmte Theorie, aber er zeigt den Lesern die Vielseitigkeit der Theodizeeproblematik und bietet, weil er nicht an die Möglichkeit, die Theodizeefrage beantworten zu können, glaubt, in keiner Weise einen Lösungsvorschlag an.

Obwohl Kleist also nicht an die Möglichkeit einer endgültigen Lösung der Theodizeefrage glaubt, ist sie in seiner Erzählung prägend und spielt einerseits für die individuellen Protagonisten eine entscheidende Rolle bei ihren Entscheidungen und andererseits für den Handlungsablauf in seinem Ganzen.

Die Frage, inwiefern die Theodizeefrage die Handlungsweise der Figuren bestimmt, wäre demnach entscheidend für das Verständnis der Erzählung im Ganzen.

In den nächsten Kapiteln wird sich mit den verschiedenen Theodizeetheorien ausführlich auseinandergesetzt. Daraufhin wird versucht, die jeweiligen Theorien mit Textstellen der Erzählung zu verbinden, damit gezeigt werden kann, ob und inwiefern die jeweiligen Theodizeetheorien die Handlungsweisen der Protagonisten geprägt haben.

Die Theodizeefrage im Buch Hiob

Hiob wird uns als „untadelig“ und „rechtschaffen“ vorgestellt (Hiob 1,1). Hiob sei aber so, meint Satan, weil Gott seine schützende Hand über ihn halte und sein Tun segne. Gott lässt sich auf eine Probe ein und erlaubt Satan, in das Leben von Hiob einzugreifen. Hiob lobt jedoch, nachdem sein Haus eingestürzt ist, seine Tiere gestohlen und seine Männer erschlagen worden sind, weiterhin dem Namen des Herrn (Hiob 2,4).

Satan ist aber noch nicht von Hiobs Gottesfurcht überzeugt. Er bittet Gott noch einmal, sich in das Leben des Mannes einmischen zu dürfen. Diesmal erkrankt Hiob und erfährt den Schmerz am eigenen Körper. Sein Glaube an Gott erschüttert sich jedoch auch jetzt nicht. Hiob muss aber seine zweifelnde Frau mit den Worten „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann auch nicht das Böse annehmen?“ zurechtweisen (Hiob 2,10). Hiob scheint hier nicht auszuschließen, dass Gott – trotz seiner Allmacht und Güte – im Stande ist, Übel über die Menschheit zu verhängen.

Hiob wird dann von drei Freunden besucht. Der kranke Mann erklärt sich seinem Gott gegenüber als gerecht. Er müsse als Gerechter leiden – die Grundfrage der Theodizeedebatte. Elihu glaubt seinem Freund nicht, wenn er sagt, er sei gerecht. Gott füge den Gerechten kein Leid zu. Für ihn ist es offensichtlich, derjenige erfahre Leid, der die Sünde selbst gesät habe. „Was will ihm [Gott] weisen seinen Weg?“, wirft Elihu Hiob vor und fragt: „Wer kann ihm [Gott] sagen: Du tust Unrecht?“(Hiob 34,11)

Am Ende der Geschichte mischt Gott sich in barschem Ton in dieses Streitgespräch ein. Er listet seine biologischen, physikalischen, kosmologischen und schöpferischen Wunder auf. Gott fragt Hiob streng: „Wo warst du, als ich die Erde gegründet habe? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. [...] Wer setzte ihre Masse?“(Hiob, 38 4-5) Als Zeichen seiner Allmacht erwähnt er zudem die Auslösung eines Erdbebens. Und Hiob erkennt daraufhin, „dass du alles vermagst, kein Vorhaben ist dir verwehrt“(Hiob 42,2).

[...]


[1] Palmer, Donald: Looking at Philosophy: The Unbearable Heaviness of Philosophy Made Lighter. Hsg: Mayfield Publishing Company 1998, s 173.

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638036849
ISBN (Buch)
9783638933520
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84730
Institution / Hochschule
Universiteit van Amsterdam
Note
2
Schlagworte
Gott Liebe Theodizeefrage Heinrich Kleists Erdbeben Chili

Autor

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