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Die Auseinandersetzungen zwischen Heinrich IV. und den Sachsen: Widerstand gegen Fremdherrschaft?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Salier – landfremd in Sachsen?
1.1 Das salisch-sächsische Verhältnis vor Heinrich IV
1.2 Der Vorwurf der Fremdheit in der prosächsischen Historiografie

2. Sächsische Rechtstradition und sächsisches Freiheitsbewusstsein
2.1 Die Kontinuität sächsischen Rechtsdenkens
2.2 Sächsisches Erbrecht und sächsische Königsideologie
2.3 Wie „sächsisch“ ist die Argumentation der Königsgegner?
2.4. Sächsische Große und sächsische Freiheiten

Schluss

Quellen

Literatur

Einleitung

„Wehe den Völkern, denen keine Hoffnung verbleibt auf die Nachfolge eines Sprosses ihrer Herren in der Herrschaft… Fremdherrschaft ist das größte Elend, Unterdrückung und große Gefahr für die Freiheit bringt sie mit sich“ (Thietmar von Merseburg)[1]

In den Quellen zum Aufstand der Sachsen unter Heinrich IV. erscheinen „väterliche Rechte“ (leges patriae) und „Freiheiten“ (libertas) immer wieder als prominente Motive der Aufständischen.[2] Auf den ersten Blick ist es also nicht verwunderlich, dass sich „die Forschung in jüngster Zeit auf die Position zurück[zieht], der grundsätzliche Gegensatz zwischen den Sachsen und den von ihnen als landfremd empfundenen König“ sei der entscheidende Faktor des Konfliktes gewesen.[3]

Eine nähere Betrachtung lässt jedoch Zweifel daran aufkommen, ob es sich tatsächlich „um einen ethnisch motivierten Konflikt gehandelt“[4] hat und der Aufstand der Sachsen mithin sinnvoll als Widerstand gegen Fremdherrschaft zu interpretieren ist.

Ein Blick auf das salisch-sächsischen Verhältnis bis zu Beginn der selbständigen Regierung Heinrichs IV. (Teil 1.1) sowie eine Analyse des Stellenwerts des Fremdheitsvorwurfs in der prosächsischen Historiografie (Teil 1.2) lassen es zunächst fraglich erscheinen, ob die Salier zur Zeit Heinrichs IV. in Sachsen tatsächlich als Fremde empfunden wurden.

Auch kann nicht ausgemacht werden, dass der sächsischen Rechtstradition eine besondere Relevanz in den Auseinandersetzungen zugekommen ist. Weder Überlegungen zur Kontinuität sächsischen Rechtsdenkens seit dem 9. Jahrhundert weisen in diese Richtung (Teil 2.1), noch lassen sich sächsische Erbrechtsvorstellungen und sächsische Königsideologie als maßgebliche Faktoren des Konfliktes ausmachen (Teil 2.2). Auch werden die Vorwürfe der Gegner Heinrichs keineswegs nur vor dem Hintergrund eines spezifisch sächsischen Rechtsdenkens verständlich (Teil 2.3). Und zuletzt deutet eine Analyse des Verhaltens der Großen darauf hin, dass Vorstellungen von Ethnizität in den Auseinandersetzungen tatsächlich einen eher geringeren Stellenwert eingenommen haben (Teil 2.4).

1. Die Salier – landfremd in Sachsen?

1.1 Das salisch-sächsische Verhältnis vor Heinrich IV.

Es ist vielfach die These vertreten worden, ein Faktor, der zu den Auseinandersetzungen Heinrichs mit den Sachsen geführt habe, sei eine grundsätzliche Fremdheit der Salier in Sachsen gewesen.[5] Nach Schubert, der diese Position sicherlich am nachdrücklichsten verfochten hat, hätten die Salier zur Zeit Heinrichs IV. „in Sachsen immer noch als landfremde Dynastie“ gegolten, deren andauernde Präsenz im Lande als unrechtmäßig empfunden worden sei.[6] Indem Schubert die von den Sachsen immer wieder eingeforderten iura patriae mit der „Regelung der eigenen Angelegenheiten ohne einen dauernd im Lande gegenwärtigen und herrschenden König“ identifiziert, sieht er in dem Vorwurf der Landfremdheit gar die Hauptursache des Sachsenaufstandes.[7]

Aber können die eingangs angeführten Worte Thietmars tatsächlich „beinah als Prophezeiung der Krise gelten, die die salische Fremdherrschaft […] heraufbeschwor?“[8] Wurden also die Salier in Sachsen wirklich als fremd wahrgenommen, und wurde ihre Fremdheit auch von der zeitgenössischen Historiografie als Grund für die Auseinandersetzungen gesehen?

Zunächst erscheint es zweifelhaft, dass die salischen Könige in Sachsen als fremd empfunden wurden. Zwar waren die Salier „dem Recht nach Franken“[9]. Ob jedoch der „Wechsel der Königsherrschaft von einem sächsischen zu einem nichtsächsischen Geschlecht“[10] per se – wie Leyser argumentiert – zu einer geringeren Akzeptanz der königlichen Politik geführt hat, ist durchaus fraglich.[11] Denn zunächst taten die „Salier im Prinzip nichts anderes […] als sich in die Nachfolge der Ottonen zu stellen und Ostsachsen-Nordthüringen im Sinne ihrer königlichen Zentrallandschaftsfunktion in Dienst zu nehmen.“[12] Und dies scheint in Sachsen auch auf allgemeine Akzeptanz gestoßen zu sein. So spricht Fenske davon, dass „die Herrschaftsführung der beiden ersten Salier […] von größeren Konflikten mit dem Stammesadel in Sachsen unberührt“ geblieben sei.[13] Giese kennzeichnet die Beziehungen zwischen Sachsen und Saliern in diesem Zeitraum mit den Begriffen der „Gleichgültigkeit“ bzw. „Indifferenz“.[14] Und auch für die Zeit der Regentschaft als „einer Schwächeperiode der Zentralgewalt“[15] lässt sich eine allgemeine Akzeptanz der Salier in Sachsen konstatieren. So kann zum Beispiel die Tradition der ausgedehnten Sachsenaufenthalte beibehalten werden[16] und auch die königliche Güterpolitik in Sachsen wird nicht hinterfragt.[17] Gegen die Annahme, ein nichtsächsischer König sei in Sachsen auf tendenziell geringere Akzeptanz als ein sächsischer gestoßen, spricht ebenfalls die Tatsache, dass „bezeichnenderweise […] die Sachsen bei der Wahl des Jahres 1077 auch nicht auf einem sächsischen Kandidaten beharren“[18] sollten.

1.2 Der Vorwurf der Fremdheit in der prosächsischen Historiografie

Dass die Vermutung nicht haltbar ist, eine wie auch immer geartete Fremdheit der Salier in Sachsen sei die Hauptursache des Sachsenaufstandes gewesen, zeigt sich auch in der zeitgenössischen prosächsischen Historiographie. So fehlt etwa in der von Bruno wiedergegebenen Rede Ottos von Northeim vor der Versammlung von Hötensleben[19] der ausdrückliche Hinweis auf die Fremdheit des Königs, und auch die „Zeit größter sächsischer Freiheiten unter den Ottonen spielt […] überhaupt keine Rolle.“[20] Zu hinterfragen scheint auch der in der Forschung zuweilen betonte Stellenwert der bei Lampert mehrfach geschilderten Forderungen, der König „solle Sachsen […] zeitweise verlassen und auch einmal andere Teile seines Reiches aufsuchen.“[21] Zum einen gehört diese Forderung, wie bereits Meyer von Knonau feststellte, zu der „Reihe von Nachrichten […] welche von anderer Seite, besonders von Bruno, nirgends unterstützt werden.“[22] Zum anderen erwähnt Lampert selbst zahlreiche Aufenthalte des Königs außerhalb Sachsens und auch das Itinerar Heinrichs belegt, dass dieser „in angemessener Form in den traditionellen Zentral- oder Kernlandschaften des Reiches präsent“[23] war.

Zugleich ist es keineswegs ausgemacht, dass sich hinter Lamperts Rede von Freiheit und Sitte der Vorfahren eine spezifisch sächsische Argumentation verbirgt. Becher hat darauf hingewiesen, dass Lampert „von den Gesetzen – nicht etwa dem sächsischen Recht -, die vor dem König geschützt werden müssten“ spricht, wenn er die Motive der sächsischen Verschwörer im Sommer 1073 beschreibt.[24] Auch sei die von Lampert überlieferte Forderung der Sachsen, der König solle „nach der Sitte der Vorfahren“[25] regieren, „wohl [auf] die Vorfahren des Königs und nicht die der Sachsen“[26] bezogen.

[...]


[1] Zitiert nach: Leyser, Karl: Von sächsischen Freiheiten zur Freiheit Sachsens. Die Krise des 11. Jahrhunderts. In: Fried, Johannes (Hg.): Die abendländische Freiheit vom 10. zum 14. Jahrhundert. Der Wirkungszusammenhang von Idee und Wirklichkeit im europäischen Vergleich, Sigmaringen 1991, S. 67-83. Im Folgenden zitiert als: Leyser. Hier S. 73.

[2] Brunos Buch vom Sachsenkrieg. Neu übers. von Franz-Josef Schmale. In: Ders. (Hg.): Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV. (Ausgewählte Quellen zur Geschichte des Mittelalters 12), Darmstadt 1968. S. 191-405. Im Folgenden: Bruno. U. a. S. 224ff.,234, 248, 322ff. Die größeren Jahrbücher von Altaich. Nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae, übers. Von Ludwig Weiland (GDV 46), Leipzig 1893. Im Folgenden: Altaicher Annalen. U. a. S. 104. Lampert von Hersfeld, Annalen. Neu übers. von Adolf Schmidt, erläut. Von Wolfgang Dietrich Fritz (Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters 13), Darmstadt 1962. Im Folgenden: Lampert. U. a. S. 176, 180f, 186, 202, 308, 318, 356, 374. Selbst das prokönigliche Carmen verhehlt nicht, dass die Sachsen „leges“ und „patria iura“ einklagten. Das Lied vom Sachsenkrieg. Neu übers. von Franz-Josef Schmale. In: Ders. (Hg.): Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV. (Ausgewählte Quellen zur Geschichte des Mittelalters 12), Darmstadt 1968. S. 143-189. Im Folgenden: Lied vom Sachsenkrieg. U. a. S. 146, 170.

[3] Becher, der diese Auffassung im Übrigen nicht teilt, verweist auf Leyser, Giese und Schubert. Becher, Matthias: Die Auseinandersetzungen Heinrichs IV. mit den Sachsen. Freiheitskampf oder Adelsrevolte? In: Jarnut, Jörg/Wemhoff, Matthias (Hg.): Vom Umbruch zur Erneuerung? Das 11. und beginnende 12. Jahrhundert - Positionen der Forschung, München 2006, S. 357-378. Im Folgenden zitiert als: Becher. Hier S. 360. Ähnliche Positionen beziehen auch Struve und Weinfurter: Struve, Tilman: Heinrich IV. – Herrscher im Konflikt. In: Jarnut, Jörg/Wemhoff, Matthias (Hg.): Vom Umbruch zur Erneuerung? Das 11. und beginnende 12. Jahrhundert - Positionen der Forschung, München 2006, S. 55-70. Im Folgenden: Struve. Hier S. 59. Weinfurter, Stefan: Das Jahrhundert der Salier (1024-1125), Ostfildern 2004. Im Folgenden: Weinfurter. Hier S. 138f.

[4] Becher, S. 360.

[5] S. o. Anmerkung 3.

[6] Schubert, Ernst: Geschichte Niedersachsens vom 9. bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert (=Geschichte Niedersachsens, begr. von Hans Patze, Band 2, Teil 1, Politik, Verfassung, Wirtschaft vom 9. bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert), Hannover 1997. Im Folgenden: Schubert. Hier S. 263 u. 288.

[7] Schubert, S. 283. Black-Veldtrup macht bereits für die Zeit Heinrichs III. häufige Aufenthalte in Goslar als Ursache für Revolten der Sachsen aus. Black-Veldtrup, Mechthild: Kaiserin Agnes (1043-1077). Quellenkritische Studien, Köln 1995, S. 194.

[8] Leyser, S. 73.

[9] Becher, S. 361.

[10] Giese, Wolfgang: Reichsstrukturprobleme unter den Saliern – der Adel in Ostsachsen. In: Weinfurter, Stefan (Hg.): Die Salier und das Reich, Band 1, Sigmaringen 1991, S. 273-308. Im Folgenden: Giese, Adel. Hier S. 293.

[11] Leyser, Karl: The Crisis of Medieval Germany. In: Proceedings of the British Academy 69 (1983), S. 409-443.

[12] Giese, Adel, S. 293.

[13] Fenske, Lutz: Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen. Entstehung und Wirkung des sächsischen Widerstandes gegen das salische Königtum während des Investiturstreits, Göttingen 1977. Im Folgenden: Fenske. Hier S. 19.

[14] Giese, Wolfgang: Der Stamm der Sachsen und das Reich in ottonischer und salischer Zeit, Wiesbaden 1979. Im Folgenden: Giese, Stamm. Hier S. 149.

[15] Becher, S. 362.

[16] Giese, Adel, S. 285.

[17] Becher, S. 362.

[18] Ebd., S. 362.

[19] Bruno, S. 222ff.

[20] Becher, S. 363.

[21] Lampert, S. 181.

[22] Meyer von Knonau, Gerold: Jahrbücher des deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V. Zweiter Band: 1070-1077, Leipzig 1894. Im Folgenden: Knonau. Hier S. 864.

[23] Becher, S. 359.

[24] Ebd., S. 364.

[25] Lampert, S. 183.

[26] Becher, S. 364.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638014427
ISBN (Buch)
9783638917599
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84907
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Historisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Auseinandersetzungen Heinrich Sachsen Widerstand Fremdherrschaft Hauptseminar

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