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Jugend und Gewalt - Theoretische Darstellung der Hintergründe zum abweichenden Verhalten

Sind jugendliche Täter Opfer der heutigen Gesellschaft?

Diplomarbeit 2004 116 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Jugend im Kontext der heutigen Gesellschaft
2.1 Jugendalter und Jugendphase
2.2 Pubertät und Adoleszenz
2.3 Entwicklungsaufgaben
2.4 Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung
2.5 Jugendkulturen und Subkulturen
2.6 peer groups

3. Aggression und Gewalt als Formen abweichenden Verhaltens
3.1 Zur Diskussion der Begriffe: abweichendes Verhalten, Aggression und Gewalt
3.1.1 Abweichendes Verhalten
3.1.2 Aggression
3.1.3 Gewalt
3.2 Formen der Gewalt
3.2.1 Strukturelle Gewalt
3.2.2 Personale Gewalt
3.2.2.1 Psychische Gewalt
3.2.2.2 Physische Gewalt
3.3 Zu Statistiken der Jugendkriminalität und Reaktionen der Gesellschaft
3.3.1 Statistiken zur Jugendkriminalität
3.3.2 Exkurs zur Strafmündigkeit in Deutschland
3.3.3 Kritik am Prinzip der Strafe

4. Jugendliche Gewalt als Folge der Sozialisationsinstanzen
4.1 Bedeutung und Einfluß der Sozialisationsinstanzen
4.1.1 Familie
4.1.2 Schule
4.1.3 peer groups
4.1.4 Medien
4.1.5 Gesellschaft
4.2 Theorien abweichenden Verhaltens
4.2.1 Anomietheorie
4.2.2 Subkulturtheorie
4.2.3 Theorien differentiellen Lernens
4.2.4. Labeling Approach
4.3 Kreislauf der Gewalt

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

7. Internetquellen

8. Anhang

1. Einleitung

Das Thema dieser Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen Auseinandersetzung von abweichendem Verhalten mit der Fragestellung: Sind jugendliche Täter die Opfer ihrer Sozialisation, indem sie abweichendes Verhalten lernen und insbesondere durch die Gesellschaft, Familie, Schule, Gleichaltrigengruppe und Medien geprägt werden? Befinden sich die Täter in einem Kreislauf der Gewalt? Welche Prozesse laufen ab, bevor sie zu Tätern werden? Die Beantwortung dieser Fragen sollen den Schwerpunkt der Arbeit bilden. Dazu wird Literatur zu Jugend und Gewalt aufgearbeitet und kritisch betrachtet.

Doch zuvor soll an dieser Stelle kurz erläutert werden, warum sich die Pädagogik als Wissenschaft mit dem Phänomen der Gewalt bei Jugendlichen beschäftigt bzw. beschäftigen muß. Als (Sozial-)Pädagoge wird man in vielen Arbeitsbereichen immer wieder mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, die aufgrund ihrer Entwicklung oder ihres sozialen Umfeldes und den damit einhergehenden Schwierigkeiten (z.B. schulischer Leistungsdruck, Partnerprobleme der Eltern, usw.) mehr oder weniger schwerwiegende Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Abweichendes oder auch gewalttätiges Verhalten begleitet somit die Pädagogik auf ihrem Weg. Gewalt stört die Interaktion der Menschen. Die Herausforderung an die Pädagogik besteht demzufolge u.a. darin, den Menschen zum sozialen Verhalten zu erziehen und ihn zu befähigen, Auseinandersetzungen gewaltfrei zu lösen. Das Problem der Gewalt tritt prozentual gesehen bei den Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren am häufigsten auf. Unter ihnen sind die meisten Gewalttäter, aber auch die meisten Opfer zu finden. Daraus erschließt sich eine weitere Aufgabe der Pädagogik als Wissenschaft, deren Ziel es ist, Ursachen der Gewalt zu erforschen, um für Personen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, Konzepte und Ansatzpunkte für Präventionen und Interventionen zu entwickeln. Des weiteren muß hinterfragt werden, in welchen Zusammenhang das Auftreten von Gewalt in Verbindung mit Jugendgruppen steht.

Welche Rolle übernehmen Familien, Medien, Gesellschaft und Schule? Wird hier evtl. das abweichende Verhalten vorgeführt und nachgeahmt? Sind Gewalttaten als ein Protest der Jugend an die Gesellschaft zu verstehen, in denen Jugendliche ihren Ausdruck der Orientierungslosigkeit, der Enttäuschung über die soziale Ungerechtigkeit, ihrer empfundenen Ausweglosigkeit etc. finden? Wird ihnen eine soziale Integration in den gesellschaftlichen, familiären und politischen Bereich erschwert oder sogar verwehrt? Inwieweit ist die biographische Entwicklung der Jugendlichen gefährdet? Ist die Jugendphase generell gefährdet?

Im zweiten Kapitel dieser Arbeit steht die Entwicklungsphase Jugend und ihre Entwicklungsaufgaben im Mittelpunkt. Hierbei ist eine Definition der Begriffe Jugend, Jugendphase, Jugendkultur und Gleichaltrigengruppe unerläßlich. In der modernen Industriegesellschaft scheint der Übergang vom Kind zum Erwachsenen schwieriger, insofern man diese Entwicklung unter den Bedingungen der Individualisierung und Pluralisierung aufgrund des sozialen Wandels betrachtet. Die Aufgabe der Jugendphase lautet demzufolge, neue Verhaltensweisen unter veränderten sozialstrukturierten Bedingungen zu suchen. Durch Individualisierung und Pluralisierung der Lebensphase Jugend ergeben sich zunehmende Schwierigkeiten bei der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben. Diese Aufgaben, z.B. Aufbau einer stabilen Identität, Erwerb von Handlungskompetenzen, werden zu unterschiedlichen Zeiten und Bedingungen gestellt und lassen sich individuell unterschiedlich bewältigen. Doch inwieweit hängt die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben mit der Entstehung gewaltbereiten Verhaltens zusammen?

Bevor jedoch die Zusammenhänge zwischen individueller Entwicklung und dem Einfluß der Sozistationsinstanzen im Bezug auf Gewalt dargelegt werden, muß geklärt werden, was unter den Begriffen Aggression und Gewalt zu verstehen ist. Dies erfolgt im dritten Kapitel. Dabei werden Aggression und Gewalt als Formen des abweichenden Verhaltens definiert. Des weiteren wird sich dieses Kapitel mit den Formen der Gewalt und den polizeilichen Kriminalstatistiken beschäftigen. Anhand der Statistiken soll überprüft werden, inwieweit man von einem Anstieg der Gewalt in den letzten Jahren sprechen kann. Aus historischer und aktueller Sicht gesehen zeigt sich, daß vor allem männliche Jugendliche gewaltförmiges Verhalten aufweisen und sich auch häufiger unter den Opfern befinden, was durch die Statistiken zu belegen ist. Lassen sich daraus Schlußfolgerungen für die Grundthese dieser Arbeit ziehen?

Bei dieser Betrachtung darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, daß eine Sensibilisierung der Bürger durch massive oder zu realitätsfremde Darstellung in den Medien evtl. ein höheres Anzeigeverhalten mit sich zieht, welches wiederum eine steigende Kriminalitätsrate zur Folge hat. Des weiteren ist zu vermuten, daß eine höhere Polizeipräsenz zu höheren Aufdeckungsquoten führen könnte und somit die Kriminalstatistik selbst ansteigen läßt. Daraus schlußfolgernd soll die Frage beantwortet werden, inwieweit den Statistiken Glauben geschenkt werden darf?

Im Anschluß an die Statistiken wird ein Exkurs zur Strafmündigkeit in Deutschland folgen. Junge Straftäter werden erst ab dem 15. Lebensjahr nach dem Jugendgerichtsgesetz verurteilt. Da jedoch die Altersgrenze der gewalttätigen Kinder immer mehr nach unten sinkt, ist zu erörtern, ob eine Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters auf 12 Jahre zu befürworten ist. Ist es möglich, daß die Kinder durch die Pluralisierung sowie die Individualisierung der Lebensläufe und durch die Entstrukturierung der Jugendphase, sprich Verfrühung der Adoleszenz, mehr Aufgaben und Anforderungen zu bewältigen haben, als die früheren Generationen? Können sie deshalb schon Verantwortung für ihr Handeln übernehmen? Ist das Jugendgerichtsgesetz im Bereich der Strafmündigkeit veraltet und muß hinsichtlich des gesellschaftlichen Wandel überdacht werden? Weiterhin wird diskutiert, ob eine Eindämmung der Kinder- und Jugendgewalt durch härtere Strafen zu erreichen ist. Aus diesem Grund wird im Anschluß an den Exkurs eine kritische Betrachtung dieser Diskussion erfolgen.

Das vierte Kapitel wird den Kern meiner Diplomarbeit darstellen. Hierzu werden die Sozialisationsinstanzen und Theorien zum abweichenden Verhalten analysiert, um u.a. die Ursachen für abweichendes Verhalten zu finden. Dabei wird im ersten Teil auf die Sozialisation sowie ihre Instanzen eingegangen, um deren Einfluß und Bedeutung für die Entwicklung des Jugendlichen in Verbindung mit der Entstehung von Gewalt darzustellen. Im Sozialisationsprozeß eignet sich das Individuum das Norm- und Wertesystem und die Verhaltensweisen der jeweilig zugehörenden Gesellschaft bzw. Gruppe an. Es lernt, andere zu akzeptieren, mit anderen Ansichten umzugehen, seine Rolle in der Gesellschaft zu definieren und sein Verhalten zu reflektieren. So ist jedes Individuum entsprechend seinem Milieu sozialisiert, d.h. seine soziale Umwelt hat einen großen Anteil daran, wie diese Person aufwächst, erzogen wird und welche Verhaltensweisen sie erlernt.

Zu den wichtigen Instanzen der Sozialisation gehören Familie, Schule, Peer Groups und Medien sowie die Gesellschaft. Welche Rollen übernehmen diese Instanzen in der Entwicklung zu einer selbständigen Persönlichkeit? Können sie einzeln betrachtet werden oder bilden sie ein Ganzes, indem einer die Schwächen des anderen ausgleichen muß?

Gewaltbereite Jugendliche empfinden ihr Verhalten als normal. Diese Normalität der Gewalt ist oft darauf zurückzuführen, daß sie bereits selbst Gewalterfahrungen erlebt haben. Kann man aus diesem Grund von einer fließenden Grenze zwischen Tätern und Opfern sprechen? In den Familien werden nicht selten die gesellschaftlichen Konflikte ausgetragen und lasten auf ihren schwächsten Familienmitgliedern. Die Gesellschaft verlangt fortwährende Mobilität und Flexibilität ihrer Mitglieder durch den Modernisierungsprozeß. Die Jugendlichen müssen sich ständig behaupten und verinnerlichen das gesellschaftliche Postulat: Der Stärkere setzt sich durch. Die Anforderungen an den Jugendlichen durch seine Gesellschaft wird von jedem individuell unterschiedlich und subjektiv verarbeitet.

Im Theoriebereich wird vertiefend auf die Theorien zum abweichenden Verhaltens eingegangen. Im Mittelpunkt stehen die Anomie- und Subkulturtheorie, die Theorien differentiellen Lernens sowie der Labeling Approach. Hierbei soll deutlich werden, daß die Perspektive und die Schichtzugehörigkeit des Beobachters von Bedeutung sind, ob angebliche Sozialisationsdefizite entdeckt werden oder nicht. Beobachten sich Personen der gleichen Schicht bzw. des gleichen Milieus, so werden wohl kaum Defizite aufgedeckt werden bzw. empfinden sie ihr Verhalten als normal. Der dominante Teil der Gesellschaft legt demzufolge fest, welche Werte und Normen vertretbar und zu verfolgen sind. Was diesen entgegen läuft und widersprüchlich ist, wird als normabweichend angesehen. Inwieweit bestimmt das Norm- und Wertesystem der Gesellschaft Einfluß auf die Entstehung abweichenden Verhaltens?

Zusammenfassend sollen im dritten Teil diese beiden Abschnitte einerseits Aufschluß darüber geben, welche Prozesse ablaufen, bevor abweichendes Verhalten entsteht, andererseits die Schwierigkeiten und Probleme aufzeigen, die während der Sozialisationsprozesse auftreten können. In der Wissenschaft wird abweichendes oder aggressives Verhalten auf unterschiedliche Weise erklärt. Gibt es eine Erklärung bzw. Theorie oder muß man eine Vielzahl von Theorien bzw. Erklärungsansätzen miteinander kombinieren, um die Entstehung abweichenden Verhaltens erklären zu können? Wie entsteht abweichendes Verhalten? Wodurch läßt sich abweichendes und auffälliges Verhalten erklären? Hängt abweichendes Verhalten, z.B. mit der Schichtzugehörigkeit oder Schulbildung zusammen?

Ferner werden Schußfolgerungen für die Bedeutung der Sozialisationsinstanzen anhand der Theorien gezogen und folgende Fragen aufgegriffen. Worüber geben die Theorien tatsächlich Aufschluß? Was eröffnen die Theorein über den Einfluß der Sozialisationsinstanzen? Worin sehen sie die Ursachen für Gewalt? Welche Sichtweisen werden miteinbezogen bzw. finden keine Berücksichtigung? Welche Verbindung besteht nun zwischen der Entstehung abweichenden Verhaltens und den einzelnen Sozialisationsinstanzen?

Jugendliche erfahren oftmals Gewalt durch Familie, Gleichaltrigengruppe, Schule, Medien und Gesellschaft, die den von mir zu analysierenden Bereich der Sozialisationsinstanzen ausmachen. Aber warum werden einige Jugendliche gewalttätig und andere wiederum nicht, obwohl sie unter den selben Bedingungen leben und sich den selben Anforderungen stellen müssen? Ist eine Beantwortung dieser Frage anhand der Theorien möglich?

Im letzten Kapitel soll eine Reflexion dieser Arbeit erfolgen und Rückschlüsse auf die hier gestellten Fragen gezogen werden.

Die Betrachtung des Phänomens Jugendgewalt wird sich vorwiegend auf die männliche Gewalt beziehen, da sich im Laufe dieser Arbeit herausstellen wird, daß vor allem die physische Gewalt, die in der Gesellschaft am bedrohlichsten empfunden wird, von männlichen Jugendlichen ausgeht. Wenn in dieser Arbeit von der heutigen Gesellschaft gesprochen wird, sind damit die modernen, westlichen Industrieländer, speziell Deutschland, gemeint sowie deren Entwicklung in den letzten 20 / 30 Jahren.

2. Zur Jugend im Kontext der heutigen Gesellschaft

Jugendliche werden in der Öffentlichkeit gern als die Gruppe gesehen, die Probleme bereiten, vor allem im Zusammenhang mit Gewalt. Doch sind es wirklich die Jugendlichen, aus denen die Probleme hervorgehen? Entstehen nicht ihre Probleme und Sorgen aus den enormen Anforderungen der Gesellschaft? Kann das Bild des gewaltbereiten Jugendlichen auf die gesamte Jugend projiziert werden oder wird hier nicht von einer Minderheit auf die Allgemeinheit geschlossen wird?

Vorraussetzung für eine Auseinandersetzung mit den gestellten Fragen und dem Phänomen Jugendgewalt ist die Beschäftigung mit der Lebenswelt der Jugendlichen, den Reifeprozessen, dem Jugendalter, den Entwicklungsaufgaben und der Bedeutung der Jugendkulturen sowie Gleichaltrigengruppen.

Mit der Industrialisierung und dem damit verbundenen rasanten Wandel in vielen Lebensbereichen der Gesellschaft seit Mitte des 20sten Jahrhunderts hat sich auch die Jugend verändert (vgl. Baacke / Sander / Vollbrecht 1994, S. 7). Sie ist geprägt durch Orientierungslosigkeit, der Suche nach dem Sinn des Lebens und durch Probleme der Identitätsfindung. Die Ursache dafür liegt in der Individualisierung und Pluralisierung der Lebenswelten. Die Veränderungen der Jugendphase sind in Verbindung mit dem Individualisierungsprozeß zu betrachten. Sich im komplexen gesellschaftlichen System zu verorten und deren Rollenansprüche mit dem eigenen Interessen in Einklang zu bringen, stellt sich als schwierige Aufgabe heraus. Die Jugendlichen ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Lebensfeldern in private kleinere Lebenswelten zurück, was einen Individualisierungsprozeß zur Folge hat. Dieser Prozeß steht im engen Zusammenhang mit der Pluralisierung, sie sich in der unüberschaubaren Vielzahl an Lebenswelten sowie Lebensstilen und speziell in den Jugendkulturen wiederspiegelt. Aus diesem Grund sprechen Friesl und Zulehner (1991, S. 2f.) von einer Auflösung des Jugendbegriffs, da von Jugend als eine überschaubare Bevölkerungs- und Altersgruppe längst nicht mehr gesprochen werden kann.

„Es gibt nicht mehr allgemeinverbindliche Riten oder von den Eltern festgesetzte Lebensregeln, die eine bestimmte Art und Weise der Bewältigung des Übergangs von der Kindheit ins Erwachsenalter erzwingen. Und der Einfluß gilt auch umgekehrt: das jahrzehntelange Suchen von jugendlichen Gruppierungen nach neuen und eigenen Wegen der Lebensgestaltung, die Kritik an den althergebrachten Werten und Normen und das Experimentieren mit neuen Lebensformen haben wesentlich dazu beigetragen, daß sich eine Pluralisierung der Lebensweisen durchgesetzt hat.“ (Schröder 1998, S. 17)

Durch den Pluralismus entstehen neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung, die sich u.a. darin äußern, daß Jugendliche und junge Erwachsene heute vermutlich einer enormen Vielfalt von Aktivitätsmöglichkeiten, Wert- und Sinnorientierungen und Lebensformen bei zunehmend verfügbarer Zeit gegenüberstehen. Positiv sind die Möglichkeiten, vielfältige Informationsgrundlagen, größerer Welterfahrung sowie differenziertes Denken und Handeln kennenzulernen. (vgl. Walkenhorst 1991, S. 9) Die Erschwerung der Wahlmöglichkeiten, die zunehmenden Anforderungen an Orientierungs- und Handlungskompetenz der Betroffenen sind hingegen negative Begleiterscheinungen. Die Lebenssicherheit geht verloren und stabile Traditionen sowie Milieus lösen sich auf (vgl. Baacke / Sander / Vollbrecht 1994, S. 7) Die Jugendlichen sind dadurch mehr auf sich selbst gestellt. (vgl. Walkenhorst 1991, S. 9)

Jugendliche, die nicht in der Lage sind, einen eigenen Lebensentwurf zu entwickeln und Lebensperspektiven für sich zu finden, neigen nicht selten zu großer Gewaltbereitschaft, Fremdenhaß, Experimenten mit Drogen etc. (vgl. Zenz 1994, S. 6)

2.1 Jugendalter und Jugendphase

Jugend ist gekennzeichnet durch die Übergänge zwischen Kindheit und Erwachsensein. Sie wird als eine bestimmte Altersspanne mit fließenden Grenzen definiert. Von fließenden Grenzen wird gesprochen, da keine genaue Zeitspanne gegeben werden kann. Trotz der Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Kontext sammeln Jugendliche ihre eigenen biographischen Erfahrungen. Aus diesem Grund wird Jugend als ein eigenständiger gesellschaftlicher Status betrachtet. (vgl. Deller 1995, S. 31, 247f.)

Durch die Verlängerung der Lebensdauer entstehen neue Lebensphasen und –abschnitte. Zu Beginn der 90er Jahre ist eine zeitliche Ausweitung der Jugendphase im Vergleich zu den 50er Jahren zu verzeichnen. Die Zeitspanne betrug damals ca. 4 bis 5 Jahre aufgrund des frühen Austrittes aus dem Bildungssystem in den Beruf. Heute geht man von ca. 10 Jahren aus. (vgl. Hurrelmann 1997, S. 22ff.)

Baacke (2000, S. 42) u.a. spricht nicht nur von einer Verfrühung der Jugendphase (Akzeleration) durch das frühere Einsetzen der biologischen Reifung, sondern auch von einer Verlängerung der Jugendphase nach hinten, sprich bis in das zwanzigste Lebensalter hinein. Ursachen hierfür sind der verspätete Eintritt in die Berufs- und Erwachsenwelt sowie die Verlängerung der Bildungszeit bedingt durch die Vielzahl an Bildungswegen und -chancen. Immer mehr Jugendliche verbringen einen Großteil ihrer Zeit in Schule und Ausbildungsstätten.

Betrachtet man Jugend als Reifezeit, so fallen Adoleszenz und Entwicklungsaufgaben aufgrund einer Entstrukturierung nicht mehr zusammen, d.h. es ist nicht genau zu definieren, wann die Jugendphase anfängt und wann sie endet. Dennoch wird der Versuch einer Einteilung der Jugendphase unternommen. Diese kann sich nach biologischen und entwicklungspsychologischen Bedingungen wie folgt gestalten: die pubertäre Phase umfaßt die 13-18 Jährigen, somit die Jugendlichen im engeren Sinne; bei der nachpubertären Phase spricht man von den Heranwachsenden im Alter von 18-21 Jahren. Einbezogen in die Jugendphase werden auch junge Erwachsene im Alter von 21-25 Jahren, die ihrem sozialen Status und Verhalten nach noch als Jugendliche anzusehen sind. Die letzten beiden erwähnten Etappen werden in der Literatur auch unter dem Begriff Post-Adoleszenz zusammenzugefaßt. (vgl. Schäfers 2001, S. 19) Dies ist jedoch nur eine Richtlinie, wie die Entwicklung im Durchschnitt verlaufen kann.

Die Post- Adoleszenten im Alter von 18-25 Jahren sind kulturell, politisch und in der Gestaltung ihrer Lebensstile völlig selbständig. Anderseits sind sie oftmals finanziell abhängig und noch nicht beruflich und vollständig im Gesellschaftssystem verankert (vgl. Baacke 2000, S. 43). Aus diesem Grund sind sie in die Jugendphase einzubeziehen, da sie derzeit nicht alle Entwicklungsaufgaben erfüllt haben. Auf die Entwicklungsaufgaben wird im Gliederungspunkt 2.3 noch näher eingegangen.

Die Jugendphase ist gekennzeichnet durch eine schrittweise Integration der Jugendlichen in die Erwachsenengesellschaft und der Übernahme von komplexen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die Jugendlichen pendeln zwischen Unselbständigkeit und Selbständigkeit, da sie nun mit ähnlichen Anforderungen wie Erwachsene konfrontiert werden. Sie besitzen jedoch noch nicht alle Kompetenzen, die benötigt werden, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. (vgl. Krebs 1997, S. 127)

Die Jugendphase ist nach Schröder (1998, S.24) die Zeit der Grenzerfahrungen und –überschreitungen. „Jugendliche versuchen die alten Grenzen zu überschreiten, sie geraten nach außen hin in Konflikt mit dem Gesetz und der Moral oder Erproben innere Bewußtseinserweiterungen mit Drogen und anderen Hilfsmitteln“ (ebd).

2.2 Pubertät und Adoleszenz

Obwohl die Entwicklungen der Jugendphase individuell zu betrachten sind, können Gemeinsamkeiten festgestellt werden. Alle Kinder durchleben die Pubertät und müssen die Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz bewältigen.

„DiePubertätist die Phase, in der der Heranwachsende besonders entscheidende physiologisch-biologische Veränderungen durchmacht (er wird geschlechtsreif) und im Zusammenhang dieser Erfahrungen die allmähliche Ablösung vom Elternhaus intensiviert. Es handelt sich dabei um eine längere und differenzierte Phase mit zeitlich offenen Grenzen. Das heißt, daß weder die physiologischen Entwicklungsschübe noch die mit ihnen korrelierenden psychischen und sozialen Entwicklungen punktuell angebbar beginnen oder abschließen.“ (Baacke 2000, S. 36)

Die Pubertät beginnt durchschnittlich im Alter von 13 Jahren, wobei Mädchen meist schon vor dem 13. Lebensjahr geschlechtsreif sind. Daher spricht man auch von einer Vorverlagerung der Pubertät. Mit ca. 15 Jahren erhält diese Entwicklung ihren Höhepunkt und endet spätestens im Alter von 17 / 18 Jahren. Während die Pubertät, also die physiologische Entwicklung, sich schon vollzogen hat, sind die emotionalen und sozialen Entwicklungen noch nicht ganz ausgeschöpft. (vgl. Baacke 2000, S. 36f.) Die soziale Tragweite der Pubertät registrieren die Kinder und Jugendlichen dadurch, wie andere sie wahrnehmen und wiederspiegeln (vgl. Böhnisch 1997, S. 182).

Die in der Pubertät ablaufenden biologischen, psychischen und kognitiven Prozesse führen zu Irritation in den Beziehungen zu sich selbst und der Umgebung. Die bisher von den Eltern übernommenen und ungeprüften Normen werden nun infrage gestellt. Dem Jugendlichen wird bewußt, daß sich sein Wahrnehmen und Denken von dem der Eltern unterscheidet. Das löst bei den Jugendlichen Verunsicherungen aus, die von Mädchen und Jungen unterschiedlich bewältigt werden. (vgl. Streeck-Fischer 1997, S. 52) In Bezug auf die Jugendgewalt äußert sich dies darin, daß Mädchen eher Aggressionen gegen sich selbst anwenden, Jungen dagegen diese nach außen ausleben bzw. ausdrücken.

Die Bewältigung der pubertären Situationen ist abhängig von gesellschaftlich vorgegebenen oder verfügbaren Lösungsmustern. Der Begriff Adoleszenz bezieht im Gegensatz zur Pubertät die kulturellen Angebote einer Gesellschaft mit ein.

„Als Adoleszenz bezeichnet man die Zeit die junge Menschen brauchen, um sich mit der neuen durch den pubertären Umbruch ausgelösten Situation psychisch zu arrangieren und sich einen neuen Platz in der Gesellschaft zu suchen. In dieser Zeit müssen einige Grundaufgaben bewältigt werden. Die Adoleszenz betont im Unterschied zur Pubertät den kulturellen Einfluß, denn in den unterschiedlichen Gesellschaften hat die Adoleszenz ganz verschiedene Erscheinungsformen.“ (Schröder 1998, S. 30)

In der Pädagogik gibt es verschiedene Ansichten zur Adoleszenz. Um nur einen kurzen Einblick zu geben, werden im folgenden die soziologische und die psychoanalytische Perspektive beschrieben. Die soziologische Perspektive sieht schwierige Adoleszenzverläufe als Folge von Benachteiligungen und allen äußeren gesellschaftlichen Einwirkungen aufgrund des gesellschaftlichen Wandels. Die psychoanalytische Perspektive betrachtet Adoleszenz als Entwicklungsaufgabe. Sie reflektiert adoleszente Selbstentwürfe unter historisch-sozialen und psychodynamischen Gesichtspunkten, d.h. wie wirkt sich der gesellschaftliche Wandel auf das Subjekt aus. Müller (1997, S. 17f.) schlägt eine Verknüpfung dieser beiden Perspektiven vor und definiert somit die Lebensphase Jugend als eine Doppelaufgabe von Identitätsbildung und gesellschaftlicher Integration.

Der Verlauf der Adoleszenz kann sich ‚normal’ oder auch ‚krisenhaft’ entwickeln. Der ‚krisenhafte’ Verlauf spiegelt sich im auffälligen Verhalten der Jugendlichen wieder. Schulverweigerung sowie der Verlust an Interessen für schulische oder außerschulische Aktivitäten, Drogen, Gewalt bis hin zum Suizidgedanken können Merkmale einer solchen Entwicklung sein. Im ‚normalen’ Verlauf versucht der Jugendliche seine Individualität zu finden und provoziert allenfalls die Eltern durch überzogenes Verhalten. Hier besteht nur eine geringfügige Fluktuation der Interessen. In diesem Verlauf wird zwar auch mit Drogen und Alkohol experimentiert, aber nicht zum alltäglichen Gebrauch, um, wie bei der ‚krisenhaften’ Entwicklung, eine Steigerung des Wohlbefindens und der Selbstachtung zu bewirken. (vgl. Streek-Fischer 1997, S. 60)

Die Adoleszenz kann als eine Zeit des Umbruchs und der Suche beschrieben werden, in der verschiedene Aufgaben bewältigt werden müssen. Dazu zählt z.B. die Identitätsfindung, die Erikson bereits in den 50er Jahren als ein Ziel der Adoleszenz festgelegt hat. (vgl. Hagemann-White 1997, S. 68) Wie die Aufgaben definiert werden und was diese beinhalten, wird im weiteren Verlauf erläutert.

2.3 Entwicklungsaufgaben

Entwicklungsaufgaben werden nach dem Pädagogen Robert Havighurst als Aufgaben definiert, die während eines bestimmten Lebensabschnittes gestellt werden und die eine erfolgreiche Bewältigung unter Berücksichtigung der körperlichen Entwicklung, den individuellen Werten und Wünschen sowie den gesellschaftlichen Erwartungen zum Ziel haben. Die Entwicklungsaufgaben vollziehen sich in einem aktiven, bewußten und zielbezogenen Prozeß in Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt. Die erfolgreiche Bewältigung zeigt sich u.a. in der Fähigkeit, Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen oder soziale Kontakte zu gestalten. (vgl. Dreher / Dreher 1985, S. 30f.)

Entwicklungsaufgaben stellen sich zu jedem Zeitpunkt des Lebenslaufes. Aber vor allem während des Übergangs zum Erwachsenseins treten gehäufte Anforderungen und Probleme durch neue Aufgaben und Interaktionsbereiche auf. (ebd., S. 59)

Die Abgrenzung von der Kindheit vollzieht sich durch das Eintreten der Geschlechtsreife und ist geprägt durch tiefgreifende Einschnitte in die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen. Der Übergang zum Erwachsensein gestaltet sich etwas schwieriger, da die Grenzen fließend sind. Nach Hurrelmann (1997 S. 33ff.) gelingt dieser Übergang erfolgreich, wenn die Entwicklungsaufgaben erfüllt sind und das Individuum vorausschauendes und verantwortliches Handeln verinnerlicht. Hurrelmann klassifiziert in Anbindung an Colman (1980) und Oerter (1982) folgende Entwicklungsaufgaben für die Adoleszenzphase:

„1. Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz, um selbstverantwortlich schulischen und anschließend beruflichen Qualifikationen nachzukommen, mit dem Ziel, eine berufliche Erwerbsarbeit aufzunehmen und dadurch die eigene ökonomische und materielle Basis für die selbständige Existenz als Erwachsener zu sichern.
2. Entwicklung der eigenen Geschlechtsrolle und des sozialen Bindungsverhaltens zu Gleichaltrigen des eigenen und des anderen Geschlechts, Aufbau einer heterosexuellen Partnerbeziehung, die langfristig die Basis für eine Familiengründung und die Geburt und Erziehung eigener Kinder bilden kann.
3. Entwicklung eigener Handlungsmuster für die Nutzung des Konsummarktes und des Freizeitmarktes einschließlich der Medien mit dem Ziel, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln und zu einem gesteuerten und bedürfnisorientierten Umgang mit den entsprechenden Angeboten zu kommen.
4. Entwicklung eines Werte- und Normsystems und eines ethnischen und politischen Bewußtseins, das mit dem eigenen Verhalten und Handeln in Übereinstimmung steht, so daß die verantwortliche Übernahme von gesellschaftlichen Partizipationsrollen in kulturellem und politischem Raum möglich wird.“ (ebd. S. 31f.)

Die aktive Auseinandersetzung und Bewältigung einer Entwicklungsaufgabe setzt das Wissen über Bewältigungsstrategien voraus und bedeutet einen Entwicklungsfortschritt, der zur Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten und -kompetenzen führt. Die Entwicklungs-fortschritte können nicht gleichzeitig in allen Bereichen vollzogen werden. Dadurch entstehen Barrieren, die es zu erkennen gilt und Lösungsfindungen bedürfen. Letzteres bestimmt den Lebensplan der Individuen und gewährleistet die Existenz in der Gesellschaft durch Normanpassung. Die Entwicklungsaufgaben werden durch gesellschaftliche Normen definiert und entstehen durch Defizite. Die Bewältigung der Anforderungen wird jedoch durch den gesamten Lebensplan des Individuums beeinflusst, andererseits durch äußere Faktoren mitbestimmt, die nicht durch das eigene Handeln verändert werden können, wie z.B. Arbeitslosigkeit. (vgl. Dreher 1985, S. 32f.) Die unterschiedlichen Reaktionen der Jugendlichen auf solche Situationen zeigen sich u.a. in Resignation, Anpassung, Überforderung oder aber auch in nonkonformem und deviantem Verhalten. Andere wiederum versuchen traditionelle Lebensformen und -ziele zu verinnerlichen. (vgl. Baacke 2000, S. 235f.)

Die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben ist weiterhin unter den veränderten Bedingungen des Aufwachsens und der instabilen Wert- und Normorientierung zu betrachten. Sie sind Folge der Pluralisierung und Individualisierung von Gemeinschaften und Lebensfragen. Die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben erfolgt also in Abhängigkeit der Strukturveränderung der Jugendphase. In diesem Zusammenhang spricht man auch von der oben beschriebenen Entstrukturierung der Jugendphase.

„Ausschlaggebend für die Bewältigung der jugendaltersspezifischen Entwicklungsaufgaben und Handlungsanforderungen sind die personalen und sozialen Ausgangsbedingungen für den Sozialisationsprozeß:

- Diesozialen Bedingungensind maßgeblich durch die sozio- ökonomische Plazierung Herkunftsfamilie beeinflußt, die die Lebenslage bestimmt. Instabile und gestörte Familienbeziehungen sind der wohl größte Risikofaktor in diesem Bereich.
- Diepersonalen Bedingungensind durch Geschlechtszugehörigkeit, psychophysische Konstitution, kognitive und motivationale Disposition und überdauernde soziale Persönlichkeitsmerkmale gekennzeichnet.“ (Hurrelmann 1997, S. 195)

Hier fühlen sich Jugendliche oft überfordert und entwickeln eigene Wege der Problemverarbeitung, die sich z.B. in deviantem und kriminellem Verhalten äußern können. (ebd.)

Gestellte Entwicklungsaufgaben im Jugendalter sind nie isoliert voneinander zu betrachten, sie berühren sich und gehen ineinander über. Das erfolgreiche Bearbeiten einer Entwicklungsaufgabe in einer vorangehenden Lebensphase ermöglicht die Auseinandersetzung mit neuen Aufgaben in einer nachfolgenden Lebensphase, da sich neue Aufgaben fast immer auf die erfolgreiche Bewältigung alter Aufgaben stützen. (vgl. Dreher 1985, S. 32f.)

Jugendliche sehen ihren Weg zum Erwachsensein vorrangig in Verselbständigungen (Ausgehen so lange man will, allein in den Urlaub reisen, aus dem Elternhaus ausziehen etc), dem Einstieg in die Geschlechterrolle (sexuelle Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, zum ersten Mal verliebt sein etc), Wege in die Normalkultur, Einstieg in das Berufsleben, Heirat und Familie, Aufbau des Lebensentwurfes (Zukunftspläne). (vgl. Baacke 2000, S. 54)

Dreher (1985, S. 40) befragte diesbezüglich 14-18jährige Realschüler, wie sie die Bedeutsamkeit von Entwicklungsaufgaben bewerten. Die Mehrzahl schätzt die Entwicklungsaufgaben für sehr wichtig bis wichtig ein.

„Die höchste Bedeutsamkeit wird den Aufgaben >>Beruf<< (an erster Stelle!), >>Selbstkonzept<< und >>Peerbeziehungen<< beigemessen. Im Bedeutsamkeitsrang folgen die Aufgaben >>Wertorientierung<< und >>Zukunftsplanung<<, sowie >>Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung<< und >>Aufnahme intimer Beziehungen>>. Am wenigsten bedeutsam aus der Sicht der untersuchten Jugendlichen sind die Aufgaben >>Ablösung vom Elternhaus<< und >>Vorstellungen über den zukünftigen Partner (die eigene Familie)<<.“ (ebd.)

Diese Aufgaben werden zu den unterschiedlichsten Zeiten und Bedingungen gestellt und von den Jugendlichen auf verschiedene Art und Weise bewältigt. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, daß die unterschiedliche Intensität der Beschäftigung und Auseinandersetzung eine veränderte Bedeutsamkeit der Entwicklungsaufgaben zur Folge hat. (ebd., S. 44f.) Aus diesem Grund spricht Deller (1995, S. 55) von einer nicht einheitlichen Entwicklung.

Insgesamt kann eruiert werden, daß der überwiegende Teil der Jugendlichen die gestellten Entwicklungsaufgaben erfolgreich bewältigt und nur 20 bis 30% der Jugendlichen diese Anforderungen z.B. aufgrund der Identitätskrise nicht erfüllen. Die Orientierung an einem ‚normalen’ Verlauf der Jugendphase darf dennoch die riskanten und devianten Verlaufsformen nicht ausschließen. (vgl. Deller 1995, S. 50f.)

2.4 Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung

Identität beschreibt die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung, der Selbstbewertung und Selbstreflexion. Identitätsbildung ist ein lebenslanger Prozeß und beginnt schon in der frühesten Kindheit. Sie ist also nicht nur jugendspezifische Anforderung. (vgl. Deller 1995, S. 66) In der Jugendphase wird jedoch erst die persönliche, gesellschaftliche, kulturelle und berufliche Identität herausgebildet, und es eröffnet sich die Möglichkeit, an menschlichen Gemeinschaften selbstbestimmt teilzuhaben (ebd., S. 251).

Die Jugendzeit ist geprägt durch die Phase der Identitätsbildung und des Experimentierens. Wer bin ich, womit kann ich mich identifizieren und was macht mich aus? Das sind Fragen, mit denen sich der Heranwachsende auseinandersetzen muß und welche zu Unsicherheiten, Zweifel und vorschnellen Entscheidungen führen. (vgl. Fend 1991, S. 27) Weiterhin werden vorhandene Sozial- und Wertestrukturen der Gesellschaft bewußt von den Jugendlichen wahrgenommen und gegebenenfalls in Frage gestellt (vgl. Hurrelmann 1997, S. 73).

Durch die Ablösung vom Elternhaus wird die Identitätsbildung auf eine neue Entwicklungsstufe gesetzt. Hier spielt nun die Gruppe der Gleichaltrigen eine bedeutende Rolle. Durch bestimmte Erkennungsmerkmale, wie Kleidung, Frisur etc., finden neue Identifikationen ihren Ausdruck. Der Übergang von der Familienkultur zur Jugendkultur ist als sensible Stelle der Identitätsbildung zu betrachten. Durch die Vielzahl und Verschiedenheit der Jugendgruppen werden viele Möglichkeiten zur Identifikation gegeben. Dabei können Extremformen dieser von starken Gefühlen gegenüber Fremden geprägt sein und sich negativ, aber auch positiv auf die Identitätsbildung auswirken. (vgl. Büttner 1994, S. 91)

Nicht nur sozial benachteiligte Jugendliche haben Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer Identität und bei der Suche nach einer Lebensperspektive, sondern es sind Probleme, die die gesamte nachwachsende Generation betreffen (vgl. Weinberg 1993, S. 90).

Lösel und Bliesener (1995, S. 13) schreiben, daß besonders die Jugendlichen aggressives und delinquentes Verhalten aufzeigen, die sich im Vergleich zu anderen Jugendlichen impulsiver, weniger vorausplanend verhalten und schneller frustriert, unzufriedener, gefühlsmäßig labiler sind. Die Persönlichkeits-unterschiede können jedoch nicht losgelöst von den Sozialisationseinflüssen, z.B. Gesellschaft, Familie und Schule, betrachtet werden, deren Erläuterung im Punkt 4.1 erfolgen wird.

Maurer (1995, S. 91) stellt folgende These auf: „Gewalttätiges Verhalten ist Ausdruck einer Störung der Identitätsentwicklung“, d.h. einer Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentwicklung. Dabei ist die persönliche Identität nicht isoliert von der Gesellschaft zu begreifen, da Jugendgewalt Ausdruck einer Gesellschaftskrise ist. „[Der]Jugendliche ist vor die Aufgabe gestellt, ein klares Bild davon zu entwickeln, wer er ist und was er sein will. Dieses Bild ihrer selbst bleibt für viele Jugendliche diffus (womit das bezeichnet ist, was vielfach als ‚Orientierungslosigkeit’ beklagt wird).“ (ebd.)

Das bedeutet für die Verurteilung junger Straftäter, dass die Persönlichkeitsentwicklung des Jugendlichen im Kontext der gesellschaftlichen Bedingtheit gesehen werden muß. Der Jugendliche nimmt zwar seine Umwelt wahr, kann jedoch diese Wahrnehmungen aufgrund fehlender Fähigkeiten nur schwer moralisch richtig werten, um daraus entsprechende Schlussfolgerungen für sein persönliches Verhalten zu ziehen. (vgl. Hinderer 1967, S. 170ff)

Im Bezug auf Gewalttätigkeit sind neben den äußeren Einflüssen auch die inneren Prozesse von großem Interesse. Dabei handelt es sich unter anderem um Prozesse der Selbstregulation innerer Impulse, die nicht unrelevant für Handlungsplanung, -vorbereitung und –aufrechterhaltung sind. (vgl. Lösel / Bliesener 1995, S. 15) Des weiteren sind psychische Merkmale, wie starke Ausprägungen von Impulsivität, Hyperaktivität. Geringe Toleranz mit frustrierenden Erfahrungen im Vorfeld der Gewalthandlung von Bedeutung (vgl. Noack / Wild 1999, S. 112).

2.5 Jugendkulturen und Subkulturen

Jugendkulturen sind Phänomene des 20sten Jahrhunderts und gewinnen als Sozialisationsinstanz immer mehr an Bedeutung. Durch vielfältige und reichhaltige Angebote vor allem in der Freizeitbeschäftigung kam es in den 80er und 90er Jahren zu einer Pluralisierung der Jugendkulturen. (vgl. Schröder 1998, S. 19) Die Herausbildung der Jugendkulturen und die Pluralisierung der Gesellschaft bedingen einander. Sie sind als Spiegelbild der sozialen und kulturellen Lebensbedingungen einer Gesellschaft zu verstehen und sind Ausdruck der psychischen Verfassung der Individuen. (ebd., S. 33)

Die Jugendkultur ist eine Teilkultur der Gesellschaft. Die Mitglieder dieser teilen eine gemeinsame Weltanschauung, Kleidung, Sprache, Aktivitäten etc., welches sich im Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Kultur und deren Mitglieder äußert. Das bedeutet jedoch nicht, daß sie ortsgebunden sein müssen. (ebd.) Im Gegensatz dazu schreibt Baacke (2000, S. 292): „Die Jugendkulturen entwickeln sich in bestimmten Arealen und räumlichen Zuordnungen, und auch, wenn sie frei flottierend und sehr beweglich erscheinen, sind sie doch auf räumliche Gelegenheiten zum Zusammentreffen, zur Selbstorganisation angewiesen.“ Diese Meinung vertritt auch Schröder (1998, S. 40), indem er davon spricht, daß Jugendkulturen öffentliche Räume benutzen und verändern, um sich einen sozialräumlichen Platz in der Gesellschaft zu erobern. An öffentlichen Plätzen können sich Jugendliche der Kontrolle der Erwachsenen entziehen und treffen hier auf andere Jugendliche. Die öffentlichen Plätze gelten hierbei als Interaktionsplätze, die vor allem Jungen erobern und zur Profilierung und Präsentation nutzen. Dadurch entstehen auch Konflikte, z.B. in der Territorialverteidigung zwischen den jugendlichen Gruppen, aber auch zwischen den Jugendkulturen und der Gesellschaft. (ebd.)

Jugendkulturen suchen neue Lebensformen, die sich dann in Lebensstile wandeln, aber sich von der Norm bzw. vom Durchschnitt abgrenzen müssen. Sie sind Ausdruck von Eigenständigkeit, eigenen Lebensgefühls und eigener Wertehaltung. (vgl. Schäfers 2001, S. 143) Durch die heutige ‚fit-for-fun’-Gesellschaft und deren Orientierung an jugendlichen Lebensstilen und kommerzialisierter Unabhängigkeit kam es zu einer Verjüngung der Gesellschaft. Infolgedessen ist eine genaue Unterscheidung zwischen den Generationen nur schwer zu treffen.

Im Gegensatz zum Begriff ‚Jugendkultur’ wird in der Literatur der Begriff Jugendsubkultur häufig im Zusammenhang mit Gewalt gebraucht, um bestimmte, oder auch besonders auffällige Gruppierungen von der allgemeinen Jugendkultur abzugrenzen. Diese Gruppierungen lehnen gesellschaftliche Werte und Ordnungen prinzipiell ab. Um ihre Abkehr zu demonstrieren, greifen sie mitunter zu radikalen Mitteln. Die Grenzen zwischen den Subkulturen, und damit auch die Stimmungsmomente verschiedener Gruppierungen, sind nicht klar zu definieren. (vgl. Baacke 1999, S. 131) Hier wird wiederum die Pluralisierung der Lebenswelten sichtbar.

In Anlehnung an Baacke (1993), Baacke / Ferchhoff (1995), Vollbrecht (1997) definiert Schröder (1998, S. 17) Jugendsubkulturen wie folgt:

„Der Begriff Jugendsubkulturen betont den Unterschied zwischen der herrschenden Kultur und jenen jugendkulturellen Strömungen, die sich explizit von der Normalität absetzen, abweichendes Verhalten praktizieren und von >>unten<< her Widerstand und Veränderungen in Gang setzen. Da sich widerständige Elemente in den heutigen Jugendkulturen nur noch in Teilen finden lassen und die jeweiligen Stile aus immer wieder anderen Elementen zusammengesetzt werden, verwenden die meisten AutorInnen das >>sub<< nicht mehr.“

Auch Schäfers (2001, S. 144) setzt Jugendkultur und Subkultur gleich. Subkulturen sind wie Jugendkulturen Teilkulturen der Gesellschaft, da sie auf gesellschaftliche Situationen auf bestimmte Art und Weise reagieren. Aus diesem Grund wird im weiteren Verlauf nur von Jugendkulturen gesprochen.

Ausschlaggebend für die Wahl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Jugendkultur sind die durch die Familie vermittelten sozialen Erfahrungen, d.h. inwieweit spielen hier die sozialen und materiellen Verhältnisse eine Rolle und wie wird damit in der Familie umgegangen (ebd., S. 40).

Die Basis für die Herausbildung von Jugendkulturen ist der Zusammenschluß von Gleichgesinnten und -altrigen zu einer Gruppe, der sogenannten Gleichaltrigengruppe oder auch Peer Group. Sie übernehmen sozialisierende Funktionen und bieten individuelle Orientierung (vgl. Baacke 2000, S. 283f.), Freiräume und Experimentierfelder (vgl. Schröder 1998, S. 206). Welche Funktionen und Bedeutungen solche Gruppen für Jugendliche haben, soll im anschließenden Gliederungspunkt deutlich gemacht werden.

2.6 peer groups

Durch die Analyse der Gleichaltrigengruppe ist es möglich, den Zusammenhang von Individuum und Gesellschaft, sowie die Entwicklung zur eigenständigen Individualität und Integration in Gruppen und in die Gesellschaft zu vollziehen.

Unter der Bezeichnung peer group erfaßt man eine Gruppe von Gleichaltrigen jeden Alters. In der Literatur sind auch häufig die Begriffe Gleichaltrigengruppe, Clique oder Szene zu finden. Die Mitglieder der Gleichaltrigengruppe befinden sich in gleicher sozio-ökonomischer und sozio-kultureller Situation (vgl. Machwirth 1999, S. 248ff.). Die peer group ist lokal sowie regional vertreten und steht, im Gegensatz zu der Jugendkultur allgemein, für einen eigenen Lebensstil in einem regional begrenzten Raum (vgl. Schröder, 1998, S. 18). Hier fallen die Verortung der eigenen Person und die kollektive Erfahrungsbildung zusammen.

„Die Cliquen sind schichtspezifisch; es mischen sich also nicht in den Altersgruppen verschiedene soziale Gruppen. Diese bleiben vielmehr streng getrennt. Genau, wie später viele Erwachsene ihre gesellschaftlichen Beziehungen nach ihren beruflichen Kontakten ausrichten, entstehen Cliquen häufig an Schulen oder Betrieben.“ (Baacke 2000, S. 243)

Die Gruppe dient als Instrument für den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. „Sie schafft ein Milieu, in dem über die Inszenierung des Ichs Fragen des Glücksanspruchs, der gegenwärtigen Verfassung, aber auch der zukünftigen Sinnorientierung behandelt werden“ (Baacke 2000, S. 297).

Nach Wurr (1993, S. 80f.) gewinnt die Gruppe ihre prägende Wirkung vor allem durch folgende Faktoren. Zum einen dadurch, daß sie dem Kind und Jugendlichen eine soziale Bestätigung zugesteht, die sie bislang nicht erfahren haben, z.B. durch die Familie oder der Schule. Durch die Befriedigung der Bedürfnisse wächst die Bereitschaft, sich in dem Regelsystem der Gruppe einzufügen, auch wenn sich dies von dem der Gesellschaft unterscheidet. Zum anderen zeigt die Gruppe, daß das Normsystem der gesellschaftlichen Mehrheit auch nur für diese geschaffen wurde und somit die Befriedigung der Bedürfnisse der Minderheit zu hindern scheint. Der Zusammenhalt der Gruppe ist eine wesentliche Voraussetzung für die Identitätsbildung (vgl. Machwirth 1999, S. 254f.).

Die Gruppe „ist der Raum, in dem moralische Fragen, Probleme derSinnorientierung, des Aufbaus von Gemeinsamkeiten und Solidaritäten stattfinden. Damit ist sie im erhöhtem Maße verhaltensprägend, zugleich abgrenzend von einer Umwelt, die mit den Maßstäben des Leistungsdenkens, der Effektivität, der Technologisierung und der bürokratischen Großorganisation sozialen Lebens Regularitäten vertritt, die aus der Sicht der Jugendgruppen (etwa der Hausbesetzerszene) wie der etwas alberne Tanz um eine leere Wertmitte anmuten.“ (Baacke 2000, S. 287)

In Anlehnung an Eisenstadt beschreibt Machwirth (1999, S. 257) die gesellschaftliche Differenzierung aufgrund der Pluralisierung, die Inkonsistenz der Werte sowie die Generationsspannungen als Ursachen für die Herausbildung von Gleichaltrigengruppen.

Der Anschluß an Gleichaltrigengruppen findet heute, im Gegensatz zu früher, schon im Alter von neun bis zehn Jahren statt und erfolgt nicht zufällig (vgl. Baacke 2000, S. 42), sondern ist auch hier bestimmt durch die biographischen, sozialen und infrastrukturellen Bedingungen (vgl. Schröder 1998, S. 200) .

Wie bereits oben erwähnt, vollzieht sich während der Jugendphase die Ablösung vom Elternhaus. Während des Ablösungsprozesses versuchen die meisten Jugendlichen sich einer Gruppe Gleichaltriger zuzuordnen, der sie sich für einen längeren Zeitraum zugehörig fühlen. (vgl. Schröder 1998, S. 18f., S. 187- 194) Der Anschluß an Gleichaltrigengruppen wird vor allem dann bestärkt, wenn sozialemotionale Bedürfnisse in der Familie fehlen. Dieses Fehlen kommt nicht nur bei sozial benachteiligten Familien, sondern auch bei Familien der Mittelschicht vor. Jugendliche, die nur eine geringe Bindung an ihre Familien haben oder häufig Zurückweisungen durch andere ihres Alters erfahren haben, finden häufiger Anschluß an delinquente Gruppen. (vgl. Lösel / Bliesener 1995, S. 12)

Die Neigung zu bestimmten Gruppen wird durch die soziale Herkunft mitbestimmt. Die Zugehörigkeit gewinnt an zentraler Bedeutung für den Jugendlichen. Das gemeinsame äußere Erscheinungsbild ist bei einigen Gruppen ein Zeichen der Zusammengehörigkeit. Des weiteren helfen Symbole, Rituale und Stile das Wir-Gefühl zu stärken, die Abgrenzung nach außen zu verdeutlichen und dienen, da sie Botschaften über Wertvorstellungen enthalten, als Mittel zur Herstellung von Gemeinsamkeiten. Ein starkes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit kann jedoch auch als ein verunsichertes Ich des Jugendlichen interpretiert werden. (vgl. SChröder 1998, S. 18f., S. 187- 194) Die extrem hierarchische Struktur in geheimen Gruppierungen können dem orientierungslosen und unselbständigen Jugendlichen Halt geben. Die Gruppe kann somit das Leben außerhalb der herrschenden Kultur erträglich machen. (vgl. Büttner 1997, S. 84)

Die Clique kann bei der Lösung der Entwicklungsaufgaben hilfreich sein (vgl. Lösel / Bliesener 1995, S. 12) und muß oft Defiziterfahrungen in der Familie kompensieren (vgl. Baacke 1994, S. 14). So übernimmt zum einen die Gleichaltrigengruppe durch Rückhalt, Verständnis und wechselseitige Ermutigungen eine Schutz- und Ausgleichfunktion und zum anderen eine Sozialisationsfunktion, indem sie als soziales Übungsfeld für den Jugendlichen dient und die Möglichkeit bietet, eigene Verhaltensweisen aufzubauen. Auf diese Weise die Gruppe zur Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung bei. (vgl. Machwirth 1999, S. 257)

Jugendlichen bringen ihre biographischen Erfahrungen mit in die Gleichaltrigengruppe ein. Hier besteht die Möglichkeit der Verarbeitung vergangener konflikthafter familiärer Erfahrungen. So sind nach Schröder (1998, S. 194) auch Gewalthandlungen als eine unbewußte Wiederholung von bisher Erlebtem zu verstehen. Die Gruppe kann sich hier zu einer wichtigen Ich-Stütze im Entwicklungsprozeß des Adoleszenten entwickeln, wenn die Wiederholungen zur Verarbeitung und Bewältigung von biographischen Erfahrungen dienen.

„Es bleibt zunächst offen, inwieweit die Jugendgruppe dazu beitragen kann, durch die Wiederholung früher Lebensmuster diese zu zementieren, oder ob die Gruppe durch ihren erweiterten Kontakt das vertraute Muster zu überwinden hilft und somit ein Fundament dafür bildet, neue Wege beschreiten zu können“ (Schröder 1998, S. 201).

Nach Streeck-Fischer (1997, S. 57ff.) hat die Gleichaltrigengruppe die Funktion einer Brücke, indem sie als Übergangsraum zwischen Familie und Gesellschaft zu verstehen ist. Der Jugendliche orientiert sich zwar durch die Gleichaltrigengruppe an anderen Werten und Normen als der der Eltern, die Verbindung zu ihnen bleibt aber bestehen. Der Jugendliche pendelt so zwischen Eltern und Gleichaltrigengruppe. In der Gesellschaft Gleichgesinnter finden auch ausgegrenzte Jugendliche Halt und Orientierung durch gemeinsame Ideologien.

3. Aggression und Gewalt als Formen abweichenden Verhaltens

Im ersten Part des Kapitels wird versucht, die Begriffe: abweichendes Verhalten, Aggression und Gewalt näher zu definieren. Dabei werden für diese Arbeit relevante Aspekte der Begriffe berücksichtigt und zusammengetragen.

Des weiteren wird in diesem Abschnitt ein Einblick in die Kriminalstatistiken 2002 gegeben. Es ist zu überprüfen, ob und inwieweit von einer Zunahme der Kriminalität und insbesondere der Gewalt gesprochen werden kann. Daran anschließend folgt ein Exkurs zur Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters von 14 auf 12 Jahre. Anschließend werden kritische Anmerkungen zum Prinzip der Bestrafung gegeben.

3.1 Zur Diskussion der Begriffe: abweichendes Verhalten, Aggression und Gewalt

Definitionen und Begriffserklärungen können nie eindeutige, allgemeingültige, Gegebenheiten, Wirklichkeiten wiedergeben. Sie sind nur ein Versuch, Verhaltensweisen in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Normen und Werten in einem bestimmten Kontext näher zu umschreiben.

Aggression und Gewalt stellen Formen des abweichenden Verhaltens dar. Sie werden oft gleichgestellt betrachtet und verwendet. In der Literatur ist eine große Anzahl von Definitionen und Erklärungsversuchen zu finden. Sie sind abhängig von historischen, sozialen sowie kulturellen Bewertungsmaßstäben. Entsprechend vielfältig ist auch die Reaktion der Umgebung und der gesellschaftlichen Institutionen. Bei einer Auseinandersetzung mit diesen Begriffen wird deutlich, daß eine konkrete Definition nur schwer zu fabrizieren ist und sie nicht eindeutig voneinander zu trennen, sondern eher miteinander zu verknüpfen sind. (vgl. Bornewasser 1998, S. 48)

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Details

Seiten
116
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638020213
ISBN (Buch)
9783656342441
Dateigröße
852 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84935
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,1
Schlagworte
Jugend Gewalt Theoretische Darstellung Hintergründe Verhalten

Autor

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Titel: Jugend und Gewalt - Theoretische Darstellung der Hintergründe zum abweichenden Verhalten