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Leistungsmessung und -bewertung in der Schule

von Carola Gerdes (Autor) Vera Stevens (Autor)

Referat (Ausarbeitung) 2007 28 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Definitionen

2. Noten als Instrument zur Leistungsbewertung
2.1 Funktionen von Noten
2.2 Bezugsnormen von Noten
2.3 Gütekriterien der Notengebung
2.4 Schwachstellen der Notengebung
2.5 Die Klassenarbeit als ein Beispiel für schriftliche Noten

3. Neue Methoden der Leistungsbewertung
3.1 Das Portfoliokonzept
3.1.1 Begriffsbestimmung
3.1.2 Die Bedeutung der Portfolios für die Leistungsbewertung
3.2 Lernkontrakte
3.2.1 Begriffsbestimmung
3.2.2 Die Bedeutung von Lernkontrakten für die Leistungsbewertung
3.3 Beobachtungen im Prozess
3.3.1 Begriffsbestimmung
3.3.2 Mögliche Bedeutungen der Beobachtung im Prozess für die Leistungsbewertung
3.4 Lerntagebücher
3.4.1 Begriffsbestimmung
3.4.2 Die Bedeutung des Lerntagebuchs für die Leistungsbewertung
3.5 Leistungspräsentation
3.5.1 Begriffsbestimmung
3.5.2 Die Bedeutung der Präsentation für die Leistungsbewertung
3.6 Rückmeldebögen
3.6.1 Begriffsbestimmung
3.6.2 Mögliche Bedeutungen der Rückmeldebögen für die Leistungsbewertung
3.7 Zertifikate
3.7.1 Begriffsbestimmung
3.7.2 Mögliche Bedeutung der Arbeit mit Zertifikaten für die Leistungsbewertung

Literaturverzeichnis

Internetseiten:

1. Definitionen

Die individuelle Leistung spielt in der modernen demokratischen Gesellschaft eine wichtige Rolle für die Stellung des Einzelnen. Wir leben also in einer Leistungsge­sellschaft, die von der Schule erwartet, die Leistung eines jeden Schülers zu bewerten.

Damit ist der Begriff Leistung aber noch nicht inhaltlich gefüllt. Was ist Leistung überhaupt?

Nach dem gängigen Verständnis enthält Schulleistung drei Komponenten, die sich im Folgenden als Gleichung präsentieren:

Leistung = Kenntnisse + Fähigkeit + Anstrengung[1]

Diese Formel greift zu kurz, weil sie sich überwiegend auf den kognitiven Bereich verengt und Leistung zu sehr personalisiert. Dabei gibt es viele Faktoren, wie zum Beispiel das soziale Umfeld des Schülers, die Tagesform, Antipathie oder Sympathie des bewertenden Lehrers, die großen Einfluss auf die Leistung (beziehungsweise die Bewertung der Leistung) haben.

Die Begriffe Leistungsmessung und Leistungsbewertung werden oft zusammen genannt, wobei auf eine klare begriffliche Trennung verzichtet wird. Dabei besteht eine klare Unterscheidung.

Bei der Zensierung von Schülerleistungen gehen die Tätigkeiten Messen und Bewerten oft nahtlos ineinander über, ohne dass sich Lehrer dessen wirklich bewusst sind.

Aber wo liegt der Unterschied zwischen Leistungsmessung und Leistungsbewertung? Die Antwort lautet: die Bezugssysteme sind verschieden.

Wenn die Lehrkraft in einem Diktat Fehler anstreicht und auszählt, dann ist dies ein Akt der Leistungsmessung, für den ein relativ eindeutiger Maßstab (die Konventionen der deutschen Rechtschreibung) vorliegt.

Die Leistungsmessung muss dagegen auf andere Bezugssysteme zurückgreifen. In die Bewertung können Faktoren einfließen, die vom Ergebnis der Messung unabhängig sind. Solche Faktoren können sein:

- die Klassenzusammensetzung
- das soziale Umfeld
- Aspekte wie Sympathie und Antipathie[2]

Häufiges Problem: Im Unterricht werden Leistungen mit Wertungen verknüpft, ohne dass eine Leistungsmessung im engeren Sinne stattgefunden hat, z.B. dann, wenn ein Schüler ein Gedicht aufsagt etc. Oft muss unmittelbar bewertet werden. Dann nehmen Lehrkräfte auf eine nicht näher definierte und nicht weiter überprüfbare Annäherung an das erwartete Ergebnis Bezug. Erwartungen spielen also eine große Rolle.

2. Noten als Instrument zur Leistungsbewertung

Das gesetzliche Bezugssystem für die Bewertung und Beurteilung von Schülerleistung ist zunächst einmal die „Allgemeine Schulordnung (ASchO)“[3]. Hier werden die Grundsätze sowie ein Noten- und Punktesystem für die Leistungsbewertung und Zeugniserteilung festlegt.

Als Lehrer haben wir tagtäglich mit der Beurteilung von Schülerarbeiten zu tun und vergeben dafür Noten. Worauf aber basieren unsere Entscheidungen dem einen Schüler eine 2, dem anderen eine 4 in seinem Aufsatz zu geben. Auf der einen Seite haben wir bestimmte Maßstäbe, an die wir uns bewusst halten, aber wir werden auch durch viele Faktoren beeinflusst die uns nicht bewusst sind.

Als Lehrer ist es wichtig sich der Einflussfaktoren, denen man ausgesetzt ist, bewusst zu sein, um alle Schüler so gerecht wie möglich zu benoten. Im Folgenden werden deshalb wichtige Faktoren der Notengebung angesprochen.

2.1 Funktionen von Noten

Grundsätzlich kann man die Funktionen von Noten in fünf Bereiche einteilen, die im Folgenden genannt und kurz beschrieben werden.[4]

Berechtigungs-, Zuteilungs- und Selektionsfunktion

Die individuelle Leistung eines jeden Schülers wird, wie bereits erwähnt, auf die sechsstufige Notenskala abgebildet. Diese Einstufung ermöglicht verschiedene Leistungen sowohl intra-, als auch interindividuell vergleichen zu können. Ein Schüler kann z.B. anhand seiner schriftlichen oder mündlichen Noten in einem Fach vergleichen, ob er besser oder schlechter geworden ist (intraindividuell), aber auch innerhalb der Klasse kann er sich durch die eigene Note einstufen und mit anderen vergleichen (interindividuell).

Jahres- und Abschlusszeugnisse sind außerdem maßgeblich für die Versetzung in die nächsthöhere Klasse, für die Entscheidung welche Schulform besucht wird, für den Hochschulzugang und natürlich auch für den Eintritt in eine qualifizierte Berufsausbildung. Im Wettbewerb um einen Arbeitsplatz entscheiden Arbeitgeber oft aufgrund der Noten, welchen der Bewerber sie einstellen.

Die Berechtigungs-, Zuteilungs- und Selektionsfunktion war im Übrigen auch Ausgangspunkt unseres heutigen Notenwesens. Noten wurden also ursprünglich nicht aus rein pädagogischen Gründen eingeführt.

Sozialisierungsfunktion

Mit dem Schuleintritt lernen die Kinder neue Leistungsnormen kennen, die sich von denen der Familie, der Spielgruppe oder des Kindergartens deutlich unterscheiden. Nicht die gute Absicht, das Bravsein oder Sympathie bestimmen die Noten, sondern allein die Handlungsresultate. Allmählich entsteht die Einsicht, dass Leistungen selbst verursacht sind, und dass es z.B. als gerecht gilt, wenn verschiedene Leistungserge­bnisse auch verschieden bewertet werden. (Noch in den Anfangsklassen der Sekundarstufe I sind für manche Schüler gute Noten ein Zeichen für die Zuneigung eines Lehrers, schlechte Noten werden auch als „Liebesentzug“ gesehen.)

Leistungsbewertung durch Noten trägt also zur Sozialisierung insofern bei, als die Schüler in das wettbewerbs- und konkurrenzorientierte Arbeits- und Leistungsverhalten unserer Gesellschaft eingeübt werden.

Neben den eben genannten Bereichen werden Schulnoten aber auch sogenannte pädagogische Funktionen zugeschrieben. Zu diesen gehören die Rückmeldefunktion, die Berichtsfunktion und die Anreiz- und Disziplinierungsfunktion.

Rückmeldefunktion

Diese Funktion hat besondere Bedeutung für den Schüler und den Lehrer gleichermaßen. Der Schüler bekommt durch die Noten Auskunft über den derzeitigen Stand seiner Lernbemühungen und indirekt bekommt der Lehrer Informationen über die Qualität und den Erfolg seines Unterrichts.

Diese Ursachenzuschreibungen sind allerdings nicht immer automatisch der Fall, denn sie müssen von den jeweiligen Personen auch so interpretiert werden. So kann ein älterer Schüler im Allgemeinen sagen, worauf seine Note zurückzuführen ist: ob auf die eigene Anstrengung und das Können, auf Schwierigkeiten im Unterricht bzw. der Aufgabenstellung, auf Bevorzugung oder Benachteiligung durch den Lehrer oder auch durch das Benutzen nicht erlaubter Hilfsmittel. Ebenso kann ein Lehrer die Ergebnisse auf die Qualität seines Unterrichts zurückführen oder es auf die Schüler schieben.

Berichtsfunktion

Für die Eltern haben Noten die Funktion, dass sie so Mitteilungen über den momentanen Leistungsstand ihrer Kinder bekommen. In gewisser Weise sind diese auch Ausblicke auf die zu erwartenden Jahres- oder Abschlusszeugnisse.

Die Zensuren der Kinder sind auch mit der häufigste Grund, das Gespräch mit dem Lehrer zu suchen, um, wenn nötig, gemeinsame Maßnahmen abzusprechen.

Anreiz- und Disziplinierungsfunktion

Durch die Aussicht auf Belohnung durch gute Noten bzw. durch die Furcht vor Bestrafung durch schlechte Noten, sollen die Schüler dazu gebracht werden, sich mit dem Lernstoff auseinander zu setzen.

2.2 Bezugsnormen von Noten

Wenn wir etwas als „gut“, „mittelmäßig“ oder „schlecht“ einstufen, dann beziehen wir unser Urteil z.B. auf Erfahrungen, Erwartungen oder Kriterien, d.h. wir beziehen uns auf bewusste oder unbewusste Normvorstellungen. Wir greifen zurück auf bestimmte Bezugssysteme, wie das soziale Bezugssystem (Sozialnorm), das kriteriumsorientierte Bezugssystem (Sachnorm) und das individuelle Bezugssystem (Individualnorm)[5]. Als Lehrer sollte man sich bewusst sein, welche Systeme es gibt und auf welches System man sich stützt.

Sozialnorm

Die Orientierung an der Sozialnorm ist in Schulen stark verbreitet. Sie zeigt sich in der Regel in einer Bezugnahme auf die Leistung der Klasse. Aus diesem Grund wird dieses Bezugssystem auch als „klasseninternes Bezugssystem“ bezeichnet.

Dieses System kann unter drei Gesichtspunkten kritisiert werden:

1. die Abhängigkeit von der (zufälligen) Klassenzusammensetzung
2. mangelnde Vergleichbarkeit
3. Ausrichtung an der Normalverteilungskurve

Bei der Bezugnahme auf die Klasse als „soziales System“ wird die Leistung des Schülers mit der Leistung der anderen Schüler in der Klasse verglichen und vor diesem Hintergrund bewertet. Wie die Beurteilung ausfällt, hängt also nicht nur von der eigenen Leistung ab, sondern auch vom Abschneiden der jeweiligen Bezugsgruppe.

Zensuren werden also nur anhand der Informationen über den Leistungsstand der eigenen Klasse vergeben. Der Vergleich zu anderen Klassen in der gleichen Klassenstufe bleibt völlig außen vor. Dies kann dazu führen, dass die nach objektiven Vergleichstests gleiche Leistung in der einen Klasse mit der Note 1 und in der anderen Klasse mit der Note 6 bewertet werden kann. Demnach hängt das „Schulschicksal“ eines Schülers sehr stark von der Situation seiner Klasse ab, in die der er mehr oder weniger zufällig hineingekommen ist. Außerdem werden so die Noten für überregionale Vergleiche absolut untauglich. Zum dritten Kritikpunkt kann man sagen, dass durch diese Normalverteilungsannahme schlechte Schüler produziert werden. Auf jeden Fall wird von vornherein mit dem Auftreten von Noten im unteren Bereich gerechnet. Am oberen Ende hingegen entsteht ein Konkurrenzdruck, denn nach diesem Modell können nur wenige Schüler gute oder sehr gute Bewertungen erhalten. (Sonst wäre die Arbeit ja zu leicht!)

[...]


[1] Kiper/ Meyer/ Topsch 2002, S. 134.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. Nöthen 2005, S.80.

[4] Vgl. Bovet/ Huwendiek 2000, S. 241-243.

[5] Vgl. Kiper/ Meyer/ Topsch 2002, S. 140-143.

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (Buch)
9783656830474
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84994
Schlagworte
Leistungsmessung Schule Seminar Pädagogik

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