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Zur Problematik des Krafttrainings im Radsport. Die Wirkung von Krafttraining auf die Ausdauerleistung

Eine Literaturanalyse

Examensarbeit 2006 109 Seiten

Sport - Bewegungs- und Trainingslehre

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Problemstellung, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

2. Die konditionelle Grundeigenschaft Kraft
2.1. Physikalische und biologische Definition
2.2. Physiologische Grundlagen: Bau und Funktionsweise des Skelettmuskels
2.2.1. Der Bau des Skelettmuskels
2.2.2. Der Ablauf einer Muskelkontraktion
2.2.2.1. Elektromechanische Kopplung und Gleitfilamenttheorie
2.2.2.2. Arbeitsweisen und Kontraktionsformen der Muskulatur
2.3. Die Strukturierung der konditionellen Grundeigenschaft Kraft
2.3.1. Strukturierungsansätze
2.3.2. Strukturierung und Definition der Kraftfähigkeiten
2.3.2.1. Die besondere Bedeutung der Maximalkraft
2.3.2.2. Maximalkraft
2.3.2.3. Schnellkraft
2.3.2.4. Reaktivkraft
2.3.2.5. Kraftausdauer
2.4. Die Einflussfaktoren der Kraftfähigkeiten
2.4.1. Übersicht: Die Kraftfähigkeiten und ihre Einflussfaktoren
2.4.2. Morphologische Faktoren
2.4.2.1. Muskelquantität
2.4.2.2. Muskelqualität
2.4.3. Nervale Faktoren
2.4.3.1. Neuronale Aktivierung
2.4.3.2. Rekrutierung
2.4.3.3. Frequenzierung
2.4.3.4. Synchronisierung
2.4.4. Energetische Faktoren
2.5. Krafttrainingsmethoden und ihre Anpassungserscheinungen

3. Die konditionelle Grundeigenschaft Ausdauer
3.1. Definition und Strukturierung
3.2. Physiologische Grundlagen: die Stoffwechselsysteme
3.2.1. Der Muskelstoffwechsel
3.2.2. Der Phosphatstoffwechsel
3.2.3. Energienachlieferung durch biologische Oxidation der Nährstoffe
3.2.3.1. Die anaerobe Oxidation von Glykogen unter Laktatanfall / die Glykolyse
3.2.3.2. Der aerobe Oxidation von Glykogen
3.2.3.3. Die aerobe Oxidation von Fetten
3.2.4. Die Stoffwechselsysteme im Vergleich
3.3. Weitere Einflussgrößen der Ausdauerleistungsfähigkeit
3.3.1. Die Bedeutung der Muskelfasertypen
3.3.2. Respiratorische Einflussgrößen: die maximale Sauerstoffaufnahme
3.3.3. Die Laktatschwelle
3.4. Die Anpassungserscheinungen des Maximalkrafttrainings und des Ausdauertrainings in der Gegenüberstellung

4. Die konditionellen Einflussgrößen im Radsport

5. Zur Problematik des Krafttrainings im Radsport: eine Literaturanalyse
5.1. Kategorisierung und Gegenüberstellung von Studien und deren Ergebnisse zur Problematik "Einfluss von Krafttraining auf die Ausdauerleistung"
5.1.1. Studien, die einen positiven Einfluss auf die Ausdauerleistung zeigen
5.1.2. Studien, die keinen Einfluss auf die Ausdauerleistung zeigen
5.1.3. Studien, die einen negativen Einfluss auf die Ausdauerleistung zeigen
5.1.4. Zusammenfassung der Ergebnisse
5.1.4.1. Vorbemerkungen und Übersicht
5.1.4.2. Überprüfung der Hypothesen und Kommentar zur Auswahl der Messgrößen und Messmethoden zur Beurteilung der Ausdauerleistungsfähigkeit
5.2. Diskussion
5.2.1. Die Wirkung von Krafttraining auf die Einflussfaktoren der Ausdauerleistung
5.2.1.1. Der Einfluss von Krafttraining auf die maximale Sauerstoffaufnahme
5.2.1.2. Der Einfluss von Krafttraining auf die Laktatanhäufung
5.2.2. Weitere Erklärungen für die positive Wirkung von Krafttraining auf die Ausdauerleistung
5.2.3. Die Problematik der unterschiedlichen Anpassungserscheinungen
5.2.3.1. Zur Reduktion der Mitochondrienanzahl durch Maximalkrafttraining
5.2.3.2. Zu den unterschiedlichen Muskelfaseranpassungen
5.2.3.3. Zur Vergrößerung des Muskelquerschnitts durch Maximalkrafttraining
5.2.4. Weitere Problemfelder und Trainingsvariablen
5.2.4.1. Die Bedeutung des Trainingsstatus der Probanden
5.2.4.2. Zur Koordinierung von Krafttraining und Ausdauertraining
5.2.4.3. Trainingsmethoden, Übungsauswahl und –durchführung
5.2.4.4. Die Bedeutung des Geschlechts für die Wirksamkeit des Krafttrainings
5.2.4.5. Zur Bedeutung des "Störeffekts" des Ausdauertrainings auf die Entwicklung der Kraftfähigkeiten für den Radsport
5.3. Zukünftige Forschungen

6. Trainingspraktische Konsequenzen
6.1. Vorbemerkungen
6.2. Krafttraining für Radsportler- Vorschläge zur Trainingsgestaltung
6.2.1. Zur Übungsauswahl, Übungsdurchführung und Trainingskoordinierung
6.2.2. Zum Einbau des Krafttrainings in den Jahrestrainingsplan

7. Zusammenfassung, Fazit und Ausblick
7.1. Zusammenfassung
7.2. Fazit und Ausblick

8. Literaturangaben

1. Einleitung

1.1. Problemstellung, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Der jährliche Trainingsumfang in der "typischen" Ausdauerdisziplin Profiradsport beträgt mittlerweile zwischen 27000 und 39000km (JEUKENDRUP et al. 2001). Es ist nicht verwunderlich, dass bei solch großen Umfängen die Trainingsplanung an zeitliche Grenzen stößt und dass bei Athleten und Trainern das Interesse an neuen Trainingsinhalten und –formen zur weiteren Steigerung der Leistung im Wettkampf steigt. Eine mögliche Option ist die Aufnahme eines separaten, mit Geräten durchgeführten Krafttrainings in den Trainingsplan, während gleichzeitig das Ausdauertraining unverändert oder leicht reduziert fortgeführt wird. Dabei ist es in der Forschung jedoch umstritten, ob sich ein solches Krafttraining überhaupt positiv auf die Ausdauerleistung auswirken kann, u.a. deshalb, weil Krafttraining und Ausdauertraining zum Teil unterschiedliche und sich möglicherweise gegenseitig ausschließende physiologische Anpassungserscheinungen hervorrufen, insbesondere auf einem hohen Leistungsniveau (GROSSER et al. 2001, 128), oder ob es im Gegenteil nicht sogar zu einer Beeinträchtigung der Leistungsentwicklung der Ausdauerfähigkeiten kommt.

Mehrere Untersuchungen haben sich mit der Problematik befasst und Studien mit verschiedenen Arten von Krafttraining durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studien scheinen sich dabei jedoch zu widersprechen: HICKSON et al. (1988) und BASTIAANS et al. (2001) beispielsweise, konnten von einer signifikanten Verbesserung der Ausdauerleistung durch ein zusätzliches Krafttraining berichten. DUDLEY/DJAMIL (1985) und BISHOP et al. (1999) hingegen konnten keine Verbesserung der Ausdauerleistung beobachten. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich die Studien oft hinsichtlich zahlreicher Variablen wie Trainingsalter der Probandengruppe, Art und Durchführung des Krafttrainings (Maximalkrafttraining, Explosivkrafttraining, langsame vs. schnelle Bewegungsausführung, geringe und hohe Wiederholungszahlen etc.) sowie Trainingsdauer und Trainingshäufigkeit unterscheiden. Die Studien miteinander zu vergleichen wird dadurch deutlich erschwert.

Inhalt und Zielsetzung dieser Arbeit ist es nun, anhand der vorhandenen Literatur und Studien die Forschungsergebnisse über die Wirkung von Krafttraining auf die Ausdauerleistung vorzustellen, zentrale Problemfelder der Thematik aufzuzeigen und zu diskutieren, um schließlich zu möglichst klaren und differenzierten Aussagen über die Sinnhaftigkeit eines Krafttrainings für den Radsport zu gelangen.

Vorbereitend wird in Abschnitt 2 zunächst auf die konditionelle Grundeigenschaft Kraft eingegangen. Dabei werden zuerst die wichtigsten physiologischen Grundlagen dargestellt, die das Zustandekommen einer sportlichen Leistung durch Kraft ermöglichen. Auch sollen in diesem Abschnitt Konzepte vorgestellt werden, anhand derer der allgemeine Begriff Kraft in Maximalkraft, Schnellkraft, Reaktivkraft und Kraftausdauer strukturiert und definiert wird. Danach erfolgt die Behandlung der Faktoren, welche die Kraftfähigkeiten beeinflussen und eine Übersicht über die für diese Arbeit relevanten Krafttrainingsmethoden und ihre Auswirkungen. Nach weitgehend demselben Schema wie in Abschnitt 2 wird in Abschnitt 3 die konditionelle Grundeigenschaft Ausdauer behandelt. Abschnitt 4 soll schließlich als Überleitung zum zweiten Teil dieser Arbeit dienen, indem hier der generellen Frage nachgegangen werden soll, welches überhaupt die leistungsbestimmenden konditionellen Einflussgrößen im Radsport sind und welche Bedeutung ein Krafttraining für die vermeintliche Ausdauerdisziplin Radsport haben kann. Dabei werden zwei Hypothesen zur Wirkung von Krafttraining auf die kurzzeitige, vorwiegend anaerobe und die langzeitige, vorwiegend aerobe Ausdauer aufgestellt, die im folgenden Literaturteil überprüft werden sollen. Nach der Präsentation und Diskussion der Forschungsergebnisse sowie der Behandlung der Problemfelder, die sich im Laufe der Präsentation der Studien ergeben haben, soll in Abschnitt 6 schließlich versucht werden, die gewonnenen Erkenntnisse in praktische Anweisungen zur Gestaltung eines radsportspezifischen Krafttrainings umzusetzen.

2. Die konditionelle Grundeigenschaft Kraft

2.1. Physikalische und biologische Definition

Jede sportliche Leistung erfordert motorische Kraft. Als Grundlage aller Kraftbetrachtungen gilt die physikalische Gesetzmäßigkeit F = m x a. Kraft (F) ist das Produkt aus Masse (m) und Beschleunigung (a). Eine allgemeine Definition der konditionellen Grundeigenschaft Kraft biologischer Art findet sich bei GROSSER et al. (2001):

Kraft im Sport ist die Fähigkeit des Nerv-Muskelsystems, durch Innervations- und Stoffwechselprozesse mit Muskelkontraktionen Widerstände zu überwinden (konzentrische Arbeit), ihnen entgegenzuwirken (exzentrische Arbeit) bzw. sie zu halten (statische Arbeit).

Eine weitere Strukturierung und Definition von Kraft nach Maximalkraft, Schnellkraft, Reaktivkraft und Kraftausdauer kann erst nach der Darstellung der physiologischen Grundlagen in den folgenden Abschnitten erfolgen.

2.2. Physiologische Grundlagen: Bau und Funktionsweise des Skelettmuskels

2.2.1. Der Bau des Skelettmuskels

Bei den für die Haltungs- und Bewegungsarbeit zuständigen und somit für diese Arbeit relevanten Skelettmuskeln wird generell zwischen zwei Arten von Muskeln unterschieden: zwischen gefiederten und ungefiederten, bzw. parallelfaserigen Muskeln. Sie unterscheiden sich darin, dass bei ungefiederten Muskeln die Faserbündel in einer Linie von Muskelansatz bis –ursprung verlaufen. Die gefiederten Muskeln hingegen zeichnen sich durch einen in Bezug auf Muskelansatz und –ursprung schrägen Verlauf der Faserbündel aus. Durch die unterschiedliche geometrische Anordnung ihrer Muskelfasern haben gefiederte und ungefiederte Muskeln unterschiedliche funktionelle Eigenschaften. Ungefiederte Muskeln (auch Verkürzungsmuskeln genannt) können relativ schnell eine vorgegebene Verkürzungsstrecke zurücklegen. Diese große Hubhöhe geht allerdings mit einer geringen Kraftentfaltung einher. Der gefiederte Muskel hingegen kann sich weniger verkürzen, dafür aber eine höhere Kraftentfaltung realisieren. Er ist der "Kraftmuskel". Sein funktioneller bzw. physiologischer Querschnitt ist größer als der des ungefiederten Muskels. Dies ist von Bedeutung, da ein direkter Zusammenhang zwischen physiologischem Querschnitt und maximaler Kraft besteht (siehe Abschnitt 2.2.2.1.) Abb.1 verdeutlicht den unterschiedlichen Bau dieser zwei Muskeltypen sowie die Unterscheidung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Bau und Querschnitt eines unge- Abb.2: Morphologische Struktur eines

fiederten (A) und eines gefiederten Skelettmuskels. Modif. aus KOMI 2003, 50.

Muskels (B). Modif. aus GROSSER

et al. 2001, 49.

Abbildung 2 zeigt die morphologische Struktur eines Skelettmuskels von dem gesamten Faserbündel, über einzelne Fasern, Myofibrillen und schließlich zu den durch Z-Scheiben voneinander abgetrennten Sarkomeren. Die Sarkomere stellen die grundlegende Funktionseinheit des Muskels dar und beinhalten die für die Muskelkontraktion bedeutsamen, aus Eiweiß bestehenden, Aktin- und Myosinfilamente.

Abb.3 stellt schematisch den Aufbau eines solchen Sarkomers dar. Das Sarkomer ist an den Seiten begrenzt durch querverlaufende Trennwände, den Z-Scheiben. Innerhalb eines solchen Sarkomers greifen in regelmäßiger Anordnung Eiweißfäden, die Myofilamente ineinander; dünne Aktin- und dicke Myosinfilamente. Die Aktinfilamente sind an den Z-Scheiben des Sarkomers verankert, während die Myosinfilamente in der Mitte des Sarkomers an beiden Seiten in die Aktinflamente eingelagert sind. Das Myosinfilament (Bild c in Abb.3) besteht aus Myosinschwänzen (auch LMM, "leichte" Meromyosin-Ketten genannt) und aus an den Schwänzen ansetzenden Myosinköpfchen (auch als "schweres" Meromyosin bekannt). Die Myosinköpfchen stehen in Richtung Aktinfilamente ab und können mit diesen eine aktive Verbindung (einen Aktomyosinkomplex) eingehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Schematischer Aufbau eines Sarkomers. Aus FALLER 1999, 91.

Das Aktinfilament ist aufgebaut aus zwei ineinander geschlungenen Aktinmonomeren und den Steuerungsproteinen Troponin und Tropomyosin (Abb.4). Während einer Muskelkontraktion binden sich die oben beschriebenen Myosinköpfchen nach einer elektromechanischen Kopplung an diese Aktinfilamente, kippen ab und lösen sich wieder. Die sog. "Gleitfilamenttheorie" (erstmals beschrieben von HUXLEY/HANSEN 1954) erklärt diese strukturellen Abläufe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4: Schematischer Aufbau eines Aktinfilaments. Modif. aus BECK 2005.

2.2.2. Der Ablauf einer Muskelkontraktion

2.2.2.1. Elektromechanische Kopplung und Gleitfilamenttheorie

Eingeleitet wird die muskuläre Kontraktion von einem über die motorische Nervenbahnen an die neuromuskuläre Endplatte eingehenden Aktionspotential, das wiederum an die Muskulatur weitergegeben wird. Durch Reizweiterleitung werden an der muskulären Membran über das Tubulussystem Calciumionen aus dem sarkoplasmatischen Retikulum ins Innere des kontraktilen Apparats, d.h. des Sarkomers, ausgeschüttet. Wird ein kritischer Konzentrationswert an Calcium im Sarkoplasma überschritten, werden Calciumionen an das Troponin der Aktinfilamente gebunden und die Konfiguration an den Tropomyosinfäden wird geändert. Dadurch werden die Andockstellen auf den Aktinfilamenten für die Myosinköpfchen freigegeben und die Bildungen von Querbrücken ermöglicht. Der bis hier beschriebene Prozess wird als elektromechanische Kopplung bezeichnet. Die Myosinköpfchen binden sich nun unter Aufspaltung von ATP (Adenosintriphosphat, der alleinigen Energiequelle der Muskelkontraktion. Zur Energiebereitstellung siehe 3.2.) in ADP + P an das Aktin, wodurch Energie frei wird (vgl. GOLLHOFER et al. 2003, 61f). Die Myosinköpfchen kippen in Richtung Sarkomermitte ab, sodass Aktin- und Myosinfilamente ineinandergleiten -daher die Bezeichnug "Gleitfilamenttheorie". Diese Bindung wird unter erneutem ATP-Verbrauch wieder gelöst und die Myosinköpfchen gehen zum nächsten Greif- bzw. Gleitzyklus über, das Sarkomer verkürzt sich weiter, Kraft wird realisiert[1].

Abbildung 5 stellt diesen Ablauf vereinfacht dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5: Vereinfachte Darstellung des Greif- / Gleitzyklus. Modif. aus FALLER 2001, 93.

Erst wenn mehrere solcher Greifzyklen erfolgen, kommt es zu einer zu einer sichtbaren Verkürzung des Muskels (siehe Abb.6). Je stärker die neuronale Aktivierung, desto größer die Zahl der bestehenden Querbrücken, desto größer ist die Gesamtkraft eines Sarkomers. Je mehr Sarkomere mit Querbrücken vorhanden sind, bzw. je größer der physiologische Muskelquerschnitt ist, desto größer ist die resultierende Gesamtkraft.[2] Die Muskelmasse stellt somit den quantitativen Aspekt der Voraussetzungen der Maximalkraft dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.6: Durch den Greif- / Gleitmechanismus verkürzt

sich das Sarkomer.

Modif. aus KOMI 2003, 51.

2.2.2.2. Arbeitsweisen und Kontraktionsformen der Muskulatur

In der eingangs gegebenen, biologischen Definition von Kraft als konditioneller Grundeigenschaft wurden bereits verschiedene Arbeitsweisen und Kontraktionsformen des Nerv-Muskelsystems angesprochen. Es wird hierbei genauer zwischen dynamischen und statischen muskulären Arbeitsweisen, sowie zwischen konzentrischen, exzentrischen und isometrischen Kontraktionsformen der Muskulatur unterschieden. Der Begriff Arbeitsweisen bezieht sich dabei auf Bewegungen, die zwischen Ansatz und Ursprung der Muskulatur stattfinden. Bei der dynamischen Arbeitsweise ändert sich der Abstand zwischen Muskelansatz und -ursprung, bei der statischen Arbeitsweise bleibt dieser Abstand konstant, obwohl der Muskel kontrahiert wird. Der Begriff Kontraktionsformen kennzeichnet Spannungs- und Längenänderungen des Muskels. Bei konzentrischen und exzentrischen Kontraktionsformen kommt es sowohl zu einer Spannungs- als auch zu einer Längenänderung des Muskels: bei einer konzentrischen Kontraktion verkürzt sich der Muskel, bei einer exzentrischen verlängert er sich (man spricht auch von einer "erzwungenen Dehnung"). Bei einer isometrischen Kontraktion hingegen wird eine Spannung erzeugt, allerdings kommt es zu keiner Längenänderung.[3] Somit liegt der statischen Arbeitsweise eine isometrische (haltende) Kontraktion zugrunde, bei der dynamischen ist es eine konzentrische (überwindende) oder exzentrische (nachgebende) Kontraktion[4] (vgl. STAPELFELDT/ BERGMANN 2003, 88f). Abbildung 7 bietet eine Übersicht dieser Einteilung.

In Bezug auf die Unterscheidung zwischen statischer und dynamischer Arbeitsweisen lässt sich auf Grundlage der im vorherigen Abschnitt gewonnenen Erkenntnisse über die Funktionsweise eines Skelettmuskels bzw. der Sarkomere folgende Beobachtung des dynamischen Kraftverhaltens machen: Muskeln können nur dann maximale Kraft entwickeln, wenn sie sich dabei nicht oder nur wenig verkürzen (isometrische Kontraktion bei statischer Arbeitsweise). Nur dann ist gewährleistet, dass sich ein Großteil der Querbrücken schließt. Bei einer dynamischen Arbeitsweise mit Längenänderung des Muskels hingegen, müssen immer wieder Querbrücken gelöst und durch "nachgreifen" neu gebildet werden, sodass pro Zeiteinheit im Vergleich zur statischen Arbeitsweise weniger kraftrealisierende Querbrücken bestehen. Auf die sportliche Bewegung bezogen bedeutet dies: Je größer der zu überwindende Widerstand, desto langsamer kann die Bewegungsausführung erfolgen. Kontraktionsgeschwindigkeit und Größe der Auflast bzw. Kontraktionskraft stehen somit in einem umgekehrten Verhältnis zueinander. Die sog. Hillsche Kurve in Abb.8 verdeutlicht dieses Phänomen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.8: Schematische Darstellung des Zusammenhangs zwischen Verkürzungsgeschwindigkeit und zu bewältigender Last.

Abb. aus STAPELFELDT/ BERGMANN 2003, 93.

Abb.7: Arbeitsweisen und Kontraktionsformen der Muskulatur. Abb. aus STAPELFELDT/ BERGMANN

2003, 89.

Das bedeutet allerdings nicht, dass (konzentrisch-) dynamische und statische Arbeitsweisen grundsätzlich als zwei unterschiedliche Kraftformen zu behandeln sind. Dynamische und statische Arbeitsweisen unterscheiden sich nur in ihrer Erscheinungsform, jedoch nicht in ihren Voraussetzungen. Die den Messwert bestimmende Einflussgröße ist, wie MÜLLER zeigen konnte, sowohl bei dynamischen als auch bei statischen Kontraktionsformen die Maximalkraft (vgl. MÜLLER 1987). Eine Unterscheidung in eine statische und dynamische Maximalkraft wie bei WEINECK 2002, macht somit keinen Sinn (vergleiche dazu auch GÜLICH/SCHMIDTBLEICHER 1999).

2.3. Die Strukturierung der konditionellen Grundeigenschaft Kraft

2.3.1. Strukturierungsansätze

Konditionelle Fähigkeiten wie Kraft und Ausdauer sind auf verschiedene Weisen strukturiert worden. An dieser Stelle sollen die zwei wichtigsten Ansätze kurz vorgestellt werden: der phänomenologisch-beschreibende Strukturierungsansatz und der dimensionsanalytische Ansatz.

Der phänomenologisch-beschreibende Ansatz beruht vor allem auf theoretischen Überlegungen und sportpraktischen Erfahrungen und ist von dem Gedanken einer engen Anlehnung an den disziplinspezifischen Anforderungscharakter einer Sportart getragen. Neben anatomisch-physiologischen Aspekten spielen didaktische, methodische und physikalische Überlegungen eine Rolle, was diesen Ansätze vor allem für den Praktiker attraktiv macht. Man unterscheidet bei der Strukturierung der Kraft beispielsweise in Wurf-, Sprung- oder Sprintkraft, bzw. in Sprintausdauer oder Sprungkraftausdauer als eigenständige und gesondert zu trainierende Fähigkeiten (LETZELTER 1978). Hier liegt allerdings der Hauptkritikpunkt dieses Ansatzes: Er lässt außer Acht, dass viele physiologische und metabolische Anpassungsvorgänge diesen genannten Fähigkeiten gemeinsam sind und durch spezifische, nicht an Bewegungsklassen gebundene Trainingsmethoden verbessert werden können (vgl. KIBELE 1995, 9f.) Darüber hinaus erschwert dieser Ansatz die Differenzierung zwischen vorrangig konditionellen und koordinativen Einflussfaktoren (vgl. GÜLICH/ SCHMIDTBLEICHER 1999). Der Ansatz gilt als überholt und wurde durch den dimensionsanalytischen Strukturierungsansatz ersetzt.

Der dimensionsanalytische Strukturierungsansatz[5] versucht, ansetzend am sportmotorischen Fähigkeitskonzept, die Fähigkeiten[6] bzw. die Dimensionen sportmotorischen Verhaltens auf möglichst einfache, voneinander unabhängige und hierarchisch angeordnete Faktoren, d.h. biologische Voraussetzungen zurückzuführen und dadurch die sportmotorischen Fähigkeiten aufzudecken und voneinander abzugrenzen. Den einzelnen Fähigkeiten werden dabei jeweils spezifische morphologisch-physiologische Adaptationen zugeordnet (BÜHRLE 1989). Des Weiteren werden Diagnoseverfahren entwickelt, die den Ausprägungsgrad der einzelnen Basalfähigkeiten abschätzen können. Den dritten Schritt stellt die Entwicklung von spezifischen Trainingsmethoden dar, die einen gezielten und effektiven Ausbau der aufgedeckten Fähigkeiten ermöglichen. Die Erstellung eines sportartspezifischen Anforderungsprofils ist schließlich der vierte Schritt (STAPELFELDT 2002, 19). Hier wird der bisher sportartunspezifische Ansatz konkretisiert um entscheiden zu können, auf welche der Fähigkeiten sich die Bemühungen um Leistungsverbesserungen im Training richten müssen. Die Strukturierung der Grundeigenschaften Kraft und Ausdauer wird in dieser Arbeit nach dem dimensionanalytischen Ansatz erfolgen.

2.3.2. Strukturierung und Definition der Kraftfähigkeiten

2.3.2.1. Die besondere Bedeutung der Maximalkraft

Die ursprünglich aus der Trainingspraxis hervorgegangene Unterteilung der konditionellen Grundeigenschaft Kraft in Maximalkraft, Schnellkraft und Kraftausdauer behält ihre Gültigkeit. Allerdings wurde durch die Arbeit der Freiburger Schule gezeigt, dass sich diese drei Subkategorien nicht gleichrangig auf einer Ebene einordnen lassen, sondern dass die Maximalkraft die Basisfähigkeit für Schnellkraft und Kraftausdauer darstellt. Die Strukturierung ist also hierarchisch. Das heißt, dass das jeweilige Ausprägungsniveau der Schnellkraft oder der Kraftausdauer u.a. von dem Ausprägungsniveau der Maximalkraft abhängig ist. Für das Training bedeutet das: Eine Verbesserung der Maximalkraft geht in der Regel mit einer Verbesserung der Schnellkraft- und Kraftausdauerleistungen einher. (vgl. GÜLICH/SCHMIDTBLEICHER 1999). Abb.9 stellt diese Struktur dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.9: Die hierarchische Strukturierung der grundlegenden Kraftfähigkeiten.

2.3.2.2. Maximalkraft

Die Maximalkraft ist die höchste Kraft, die das neuromuskuläre System bei einer maximalen willkürlichen Kontraktion gegen einen unüberwindlichen Gegenstand (d.h. isometrisch) entfalten kann. Man spricht von dem Messwert der Maximalkraft, dem Kraftmaximum. Dabei wird stets nur ein Teil aller Fasern des jeweiligen Muskels aktiviert (ca. 70% bei Untrainierten bis zu 95% nach gezieltem Training). Wird das ganze im Muskel angelegte Kraftpotential ausgenutzt, d.h. werden alle Fasern aktiviert, dann spricht man von Absolutkraft. Diese ist nur unter Zuhilfenahme besonderer Maßnahmen wie z.B. Elektrostimulation zu realisieren (vgl. GÜLICH/SCHMIDTBLEICHER 1999). Die Differenz zwischen Maximalkraft und Absolutkraft wird als Kraftdefizit bezeichnet. Die Einflussfaktoren der Maximalkraftfähigkeit, bzw. deren Dimensionen sind nach BÜHRLE (1989) die Muskelquantität (bzw. der Muskelquerschnitt, vgl. 2.2.2.1.), die Muskelqualität sowie die Aktivierung (mehr dazu in Abschnitt 2.4.3.). Das sich daraus ergebende dimensionsanalytisches Strukturmodell der Maximalkraftfähigkeit ist in Abb. 10 dargestellt.

2.3.2.3. Schnellkraft

Nach dem dimensionsanalytischen Strukturierungsansatz wird Schnellkraft über den physikalischen Impuls definiert: Schnellkraft ist die Fähigkeit des neuromuskulären Systems, einen möglichst großen Impuls (Kraftstoß) innerhalb einer verfügbaren Zeit zu entfalten (vgl. GÜLICH/SCHMIDTBLEICHER 1999). Die Größe des Impulses ist dabei bestimmt durch die Impulsdauer, die Steilheit des Kraftanstieges und durch die Höhe des realisierten Kraftmaximums. Da in den meisten Sportarten die Impulsdauer (in der Regel der Beschleunigungsweg) begrenzt ist, konzentriert sich die Diskussion der Schnellkraft auf den Kraftanstieg und das Kraftmaximum. Der Kraftanstieg ist definiert als die Kraftzunahme pro Zeiteinheit. Die Fähigkeit, einen möglichst steilen Kraftanstieg zu erzeugen wird als Explosivkraft bezeichnet. Physiologisch handelt es sich um die Fähigkeit zur schnellen Kontraktion, deren Voraussetzung die Synchronisation der motorischen Einheiten ist. Die Explosivkraft ist darüber hinaus abhängig von der Faserstruktur, d.h. der Verteilung von schnell- und langsam zuckenden Fasern im beteiligten Muskel. Die Explosivkraft wird umso wichtiger, je kürzer die Kontraktionszeit ist. GÜLICH/SCHMIDTBLEICHER (1999) geben Kontraktionszeiten von bis zu 200ms als Obergrenze an, unterhalb derer vor allem die Explosivkraft leistungsbestimmend ist. Bei einer Impulsdauer über 200ms ist die Höhe des realisierten Kraftmaximums und damit die Maximalkraft entscheidend. Somit ergibt sich folgendes Strukturmodell der Schnellkraft::

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.10: Strukturmodell der Maximalkraftfähigkeit und der Schnellkraftfähigkeit, nach

BÜHRLE 1989 und BÜHRLE 1992.

2.3.2.4. Reaktivkraft

Wie bereits angesprochen, treten in der Sportpraxis häufiger Kombinationen von Kontraktionsformen als ihre Reinformen auf. Eine sehr häufige Kombination ist die der exzentrisch-konzentrischen (nachgebenden bzw. sich dehnenden und überwindenden) Form, auch als Dehnungs-Verkürzungszyklus (DVZ) bezeichnet. Sämtliche Lauf- und Sprungformen und auch viele Wurf- und Stoßbewegungen arbeiten im DVZ. Reaktivkraftfähigkeit wird nun als die Fähigkeit definiert, in einem schnell ablaufenden Dehnungs-Verkürzungszyklus einen möglichst hohen konzentrischen Kraftstoß realisieren zu können. Die Reaktivkraft gilt als eigenständige Dimension innerhalb der Schnellkraft. Ihre Einflussfaktoren sind neben der Maximalkraft die reaktive Spannungsfähigkeit, d.h. Muskelstiffness, Sehnenelastizität und Vorinnervation.[7]

2.3.2.5. Kraftausdauer

Die Kraftausdauer unterscheidet sich von den bereits behandelten Kraftfähigkeiten bzw. Kraftdimensionen darin, dass sie im Überschneidungsbereich der beiden Basisfähigkeiten Kraft und Ausdauer liegt, d.h., dass ihr sowohl Adaptationsformen der Kraft- als auch der Ausdauerfähigkeiten zugrunde liegen.[8] Die Kraftausdauer ist somit, da sie nicht auf eigenständige Adaptationsformen zurückzuführen ist, strenggenommen keine eigenständige und unabhängige Fähigkeit, bzw. Dimension (vgl. STAPELFELDT 2002, 58). Die Einflussgrößen der Kraftausdauer sind folglich sowohl die Maximalkraft als auch die Energiebereitstellung in der Muskulatur. Dabei hängt der Einfluss der Maximalkraft von der Höhe der zu bewältigenden Last ab: Je größer die zu bewältigende Last ist, desto größer ist auch der Einfluss der Maximalkraft, bzw.: Je geringer die Last, desto größer die Bedeutung der Energiebereitstellung, d.h. der Ausdauer.

In der Literatur wurden in der Vergangenheit mehrere Definitionen der Kraftausdauer diskutiert. Dabei haben sich operationalisierbare Definitionen ergeben, die sich an zwei verschiedenen Kriterien orientieren: der Mindesthöhe der Krafteinsätze sowie der maximalen Dauer der Einzelbelastung (vgl. STAPELFELDT 2002, 60.). Die Definition, die sich an der Mindesthöhe der Krafteinsätze orientiert lautet:

"Mit Kraftausdauer wird die Fähigkeit des neuromuskulären Systems bezeichnet, eine möglichst große Impulssumme in einem definierten Zeitraum (längstens 2 Minuten bei maximaler Auslastung) gegen höhere Lasten (mehr als 30% der Maximalkraft) zu produzieren und dabei die Reduktion der produzierten Impulse im Verlauf der Belastung möglichst gering zu halten." (SCHMIDTBLEICHER 1989).[9],[10]

Zentrales Kriterium in dieser Definition ist die Impulssumme, die es innerhalb des definierten Zeitraums zu maximieren gilt. GÜLICH/SCHMIDTBLEICHER (1999) geben hierbei als relevante Beispiele "typische" Kraftausdauersportarten wie Rudern oder Ringen an. Eine Definition, welche sich auf das Kriterium der maximalen Dauer der Einzelbelastungen konzentriert, gibt LEHNERTZ:

"(Dynamische) Kraftausdauer ist die Fähigkeit, bei einer zeitlich festgelegten Folge von Kraftstößen (mit jeweils maximal möglichem Muskeleinsatz) innerhalb eins definierten Zeitraums die Verringerung der Kraftstoßhöhen möglichst gering zu halten." (LEHNERTZ et al. 1992).

Die Verringerung der Kraftstoßhöhen steht bei dieser Definition für die Beurteilung der Kraftausdauer im Mittelpunkt. Somit wird die Ausdauerkomponente in der Kraftausdauer hervorgehoben.

Das Problem bei der Beurteilung einer Kraftausdauerleistung ist nun, dass, ausgehend von diesen beiden unterschiedlichen Definitionen, ein und dieselbe Leistung unterschiedlich bewertet werden kann. Es stellt sich also die Frage, ob eine Leistung nun nach dem ersten Kriterium, der Größe der Einzelkraftstöße, oder nach dem zweiten Kriterium, der Reduktion der Kraftstöße bewertet werden soll. Des Weiteren sind die angegebenen Richtwerte von 30% der Maximalkraft und 2min Dauer nicht unumstritten. Auch bleibt die Abgrenzung von Kraftausdauer und Ausdauerleistung problematisch, da die Übergänge immer fließend sind. Eine Lösung für das letztgenannte Problem bieten GROSSER et al. (2001, 44) an, indem sie die Kraftausdauer aus trainingsmethodischen Gründen nach den Kriterien Größe des Krafteinsatzes, Arbeitsweise der Muskulatur, sowie (indirekt) nach unterschiedlichen Stoffwechselvorgängen unterteilen. Nach dieser Vorgehensweise kommen sie zu den Kategorien:

- Maximalkraftausdauer (auch: hochintensive Kraftausdauer): der Krafteinsatz liegt bei über 75% der Maximalkraft bei statischer und dynamischer Arbeitsweise
- (Submaximale) Kraftausdauer (auch: mittelintensive Kraftausdauer): 75-50% der Maximalkraft bei dynamischer Arbeitsweise, bzw. 30% bei statischer Arbeitsweise
- (aerobe) Kraftausdauer (auch: Ausdauerkraft): 50-30% der Maximalkraft bei dynamischer Arbeitsweise.

Unklar bleibt bei diesem Versuch allerdings, ob sich für diese Kategorien eigenständige Dispositionen nachweisen lassen, oder ob diese Einteilung nicht eher beliebig geschehen ist. Dennoch schlägt auch STAPELFELDT (2002, 64) vor, das Strukturierungsmodell der Ausdauer für die weitere Einteilung der Kraftausdauer heranzuziehen. Letztlich muss also festgehalten werden, dass der Begriff Kraftausdauer nicht dazu in der Lage ist, anhand von eigenständigen Adaptationsformen, sportliche Leistungen zu erklären. Zu diesem Zweck reichen nach STAPELFELDT (2002, 64) die Konzepte Kraft- und Ausdauerfähigkeiten aus. Der Begriff der Kraftausdauer dient vor allem dazu, sportart- und wettkampfspezifische Belastungsformen zu beschreiben, die phänomenologisch im Übergangsbereich zwischen Kraft- und Ausdauerleistungen liegen.

2.4. Die Einflussfaktoren der Kraftfähigkeiten

2.4.1. Übersicht: Die Kraftfähigkeiten und ihre Einflussfaktoren

Erst durch die genaue Kenntnis der Einflussfaktoren und ihrer Bedeutung für die einzelnen Kraftfähigkeiten und ihrer Komponenten kann man im Training die Einflussfaktoren mit geeigneten Trainingsmitteln und -methoden ansteuern (vgl. GÜLICH/SCHMIDTBLEICHER 1999). Die Kenntnis der Einflussfaktoren gewinnt an zusätzlicher Bedeutung, wenn, wie im Zusammenhang dieser Arbeit, vermutet wird, dass Kraft- und Ausdauerfähigkeiten unterschiedliche und miteinander unvereinbare Faktoren zugrunde liegen. Zu diesem Zweck sollen die Einflussfaktoren der Kraftfähigkeiten, unter Berücksichtigung ihrer Relevanz für das Thema dieser Arbeit und sofern nicht bereits geschehen, in diesem Abschnitt genauer behandelt werden. Dazu wird zunächst anhand von Tabelle 1 eine Übersicht über die Kraftfähigkeiten und ihrer wichtigsten Einflussfaktoren gegeben, bevor diese genauer erläutert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Übersicht über die Kraftfähigkeiten, bzw. –formen und derer Einflussfaktoren,

modif. nach GROSSER et al. 2001, 46.

2.4.2. Morphologische Faktoren

2.4.2.1. Muskelquantität

Die Muskelmasse stellt, wie in Abschnitt 2.2.2.1. dargestellt wurde, den "quantitativen Aspekt der Voraussetzungen der Maximalkraft" dar. Eine große Menge an vorhandener Muskelmasse bedeutet einen großen physiologischen Muskelquerschnitt, eine große Anzahl kraftrealisierender Einheiten (Sarkomeren) und somit letztlich eine hohe realisierbare Maximalkraft. Da die Maximalkraft die Basisfähigkeit der Schnellkraft und Kraftausdauer darstellt, ist die Muskelmasse auch ein leistungsbestimmender Faktor dieser Kraftfähigkeiten, bzw. –arten

2.4.2.2. Muskelqualität

Ein Einfluss auf die Kraftfähigkeiten geht darüber hinaus von der genetisch bedingten und nur begrenzt durch Trainingsmaßnahmen beeinflussbaren Muskelfaserstruktur, d.h. der prozentualen Verteilung von Fast-Twitch- (FT-) und Slow-Twitch (ST-) Muskelfasern im beanspruchten Muskel, aus. Diese schnell- (FT bzw. Typ IIa, IIb) und langsam- (ST, Typ I) zuckenden Fasertypen weisen unterschiedliche physiologische und metabolische Eigenschaften auf, die ein jeweils unterschiedliches Kraft- und Ausdauerverhalten (siehe Abschnitt 3.3.1.) bedingen. Der prozentuale Anteil schnellzuckender Fasern stellt dabei die Einflussgröße der schnellen Kontraktionsfähigkeit dar. Sie ist somit eine Dimension der Schnellkraft. Mehrere Autoren stellen die Muskelfaserstruktur auch als eine Dimension der Maximalkraft dar (GROSSER et al. 2001, 50; GÜLICH/ SCHMIDTBLEICHER 1999) indem sie davon ausgehen, dass FT-Fasern eine höhere Kontraktionskraft bzw. tetanische Kraft als ST-Fasern besitzen. Dem widerspricht allerdings KIBELE (KIBELE 1995, 54 nach SALTIN/GOLLNICK 1983), der von keinen wesentlichen Unterschieden zwischen FT- und ST-Fasern in der tetanischen Kraft berichtet. Dementsprechend ist auch im dimensionanalytischen Ansatz die Muskelfaserstruktur nur eine Dimension der Schnellkraft, nicht jedoch der Maximalkraft (vgl. Abb. 10). Die Filamentdichte als zweiter Aspekt der Muskelqualität hingegen, lässt sich durch Training kaum beeinflussen und spielt somit eine untergeordnete Rolle (vgl. STAPELFELDT 2002, 24).

2.4.3. Nervale Faktoren

2.4.3.1. Neuronale Aktivierung

Mit der Betrachtung der neuronalen Aktivierung wird die Ebene des kontraktilen Apparats verlassen und die gesamte motorische Einheit betrachtet (vgl. Abb.11). Diese besteht aus einem im Rückenmark liegenden α-Motoneuron (einer motorischen Nervenzelle), einem Axon (einer Nervenfaser) und daran einer, über die muskuläre Endplatte angeschlossenen, variierenden Anzahl von Muskelfasern. Jedes alpha-Motoneuron innerviert zwischen 10 und 2000 Muskelfasern, wobei alle Fasern entweder gleichzeitg oder gar nicht kontrahieren ("Alles-oder-Nichts-Gesetz", vgl. GOLLHOFER et al. 2003, 72). Die Anzahl der Fasern und die Größe des Motoneurons bestimmen die Größe der motorischen Einheit. Die Größe der Einheit bestimmt die durch sie erzeugte Kontraktionskraft. Die an den muskulären Endplatten eingehenden Reize (vgl. 2.2.2.1.) haben ihren Ursprung im motorischen Bezirk der Großhirnrinde und werden über die Pyramidenbahnen, die Motoneurone im Rückenmark und über die Axone zu den Muskel weitergeleitet. Das Vermögen, nun gleichzeitg einen möglichst großen Anteil der motorischen Einheiten zu aktivieren (und somit möglichst viele Querbrücken in einem Sarkomer zu schließen), wird willkürliche Aktivierungsfähigkeit genannt. Sie wird bestimmt durch die Regulationsmechanismen Rekrutierung, Frequenzierung und Synchonisierung (vgl. GÜLICH/SCHMIDTBLEICHER 1999 und FALLER 1999, 565f). Die Abstimmung der Aktivierung und Deaktivierung von Muskeln und ihren Gegenspielern geschieht über die intermuskuläre Koordination. Je besser die intermuskuläre Koordi-nation einer sportlichen Bewegung angepasst ist, desto effektiver und ökonomischer kann diese Bewegung ausgeführt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.11. Bau einer

motorischen Einheit.

Modif. nach WEINECK 2002, 91.

2.4.3.2. Rekrutierung

Rekrutierung bezeichnet die fortwährende Aktivierung von bisher inaktiven motorischen Einheiten während des Kontraktionsvorgangs (MÜLLER 1987). Diese Aktivierung folgt stets nach dem Hennemannschen Größenprinzip: Am Beginn einer Kontraktion werden immer die kleinsten und langsamsten Einheiten mit der niedrigsten Reizschwelle (mit Typ I- Fasern) aktiviert, nachfolgend dann immer größere und schnellerere motorischen Einheiten (mit Typ IIa und IIb- Fasern). Die größten motorischen Einheiten werden je nach Muskel nahe der Maximalkraft innerviert (vgl. GOLLHOFER et al. 2003). Ein Kraftanstieg durch Rekrutierung erfolgt allerdings nur bis zu einer Kontraktionskraft, die 80-90% der Maximalkraft entspricht, eine weitere Krafterhöhung erfolgt dann über die Mechanismen der Frequenzierung oder der Synchronisierung. Die Rekrutierung ist eine Dimension der Maximalkraft und der Fähigkeit zur schnellen Kontraktion.

2.4.3.3. Frequenzierung

Eine weitere Erhöhung der Kontraktionskraft kann durch die Steigerung der Aktivierungsfrequenz erreicht werden. Dabei wird die Frequenz erhöht, mit der Aktionspotentiale vom Neuron an den Muskel gelangen und dort Einzelzuckungen auslösen. Es kommt es zu einer zunehmenden Überlagerung der Einzelzuckungen. Bei der Überlagerung beginnt die mechanische Wirkung eines nachfolgenden Aktionspotentials auf einem höheren Kraftniveau. Sie schaltet sich auf die vorherige Zuckung auf und es kommt zu einem höheren Kraftanstieg als bei der isolierten Einzelzuckung. Dieser Vorgang wird auch als Superposition bezeichnet. Eine weitere Erhöhung der Frequenz führt schließlich zu einer Verschmelzung der Einzelzuckungen bis zu einer vollständigen tetanischen Kontraktion. Ist die Verschmelzungsfrequenz erreicht, kann über die Frequenzierung nur noch die Kraftbildungsgeschwindigkeit - abgebildet in der Steilheit der Kraft-Zeit-Kurve - d.h. eine höhere Explosivkraft, gesteigert werden, nicht jedoch die maximale Kontraktionskraft (vgl. GOLLHOFER et al. 2003, 74). Die Frequenzierung ist allein der Maximalkraft untergeordnet. Rekrutierung und Frequenzierung und ihr Zusammenspiel machen zusammen die intramuskuläre Koordination aus.

2.4.3.4. Synchronisierung

Bei der Rekrutierung wurde dargestellt, dass es eine feste Abfolge bei der Rekrutierung der motorischen Einheiten gibt ("von klein zu groß"). Diese Abfolge wird eingehalten, allerdings können die zeitlichen Abstände zwischen der Rekrutierung der einzelnen Einheiten kürzer werden. Dieser Vorgang wird als Synchronisierung bezeichnet. Der Muskel kontrahiert dadurch schneller, der maximale Kraftwert bleibt allerdings unberührt. Die Synchronisierung ist somit eine Dimension der Fähigkeit zur schnellen Kontraktion.

2.4.4. Energetische Faktoren

Wie in Abschnitt 2.2.2.1. bereits erwähnt, ist die alleinige Energiequelle einer Muskelkontraktion das Adenosintriphosphat, kurz ATP. Dabei bestehen bei Maximalkraft-, Schnellkraft-, und Reaktivkrafteinsätzen im Vergleich zu Kraftausdauereinsätzen (und schließlich Ausdauereinsätzen) Unterschiede in Bezug auf die Quellen bzw. Neubildung (Resynthese) dieser Energie. Maximalkraft-, Schnellkraft-, und Reaktivkrafteinsätze basieren vorwiegend auf dem anaerob-alaktaziden Stoffwechsel mit dem höchsten Energiefluss pro Zeiteinheit. Diese Einsätze sind limitiert durch die Größe der in der Muskelzelle vorhandenen ATP- und Kreatinphosphatspeicher. Sie begrenzen die Dauer maximaler Kontraktionsintensitäten auf ca. 6-8 Sekunden. Durch entsprechende Trainingsmaßnahmen können diese Speicher allerdings vergrößert werden (ATP ca. +40-50%; Kreatinphosphat bis +70%), sodass der hohe Energiefluss maximale Kontraktionsintensitäten von bis zu 20s ermöglicht (vgl. GROSSER et al. 2001, 59). Kraftausdauer-Einsätzen submaximaler Intensität erfordern einen Energiefluss / Zeit, der nur aus der anaeroben Glykolyse unterhalten werden kann. Damit ist eine hohe Glykolyserate (d.h. Laktatbildungsfähigkeit), aber auch ein großer Phosphatspeicher leistungsbestimmend. Ausdauerkraft schließlich wird aus einer gemischten anaerob-glykolytischen und aerob-glykolytischen Energieproduktion unterhalten. So lange die Belastungsintensität im Bereich des maximalen Laktat-steady-states bleibt, ist die limitierende Größe der schwindende Glykogenspeicher (max. Dauer ca.10-35min) (vgl. GROSSER et al. 2001, 60)[11].

2.5. Krafttrainingsmethoden und ihre Anpassungserscheinungen

Tabelle 2 gibt eine kurze Zusammenfassung über die für den Literaturteil dieser Arbeit vornehmlich relevanten Krafttrainingsmethoden und die durch sie hervorgerufenen Trainingsanpassungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Die Krafttrainingsmethoden und ihre Anpassungen modif. nach GROSSER et

al. 2001.

[...]


[1] Dabei gilt es zu beachten, dass ein Zusammenhang zwischen Ausgangslänge des Sarkomers bzw. des Überlappungsgrades der Aktin-und Myosinfilamente und der realisierbaren Kontraktionskraft besteht ("Kraft-Längen-Relation"). So können bei einer großen Vordehnung des Sarkomers keine Querbrücken aufgebaut werden, weil es zu keiner Überlappung der Myosinfilamente kommt. Folglich kann auch keine Kraft produziert werden. Für eine eingehendere Behandlung dieser Thematik verweise ich auf GOLLHOFER et a.l 2003, 64ff.

[2] Einen bedeutenden Einfluss auf die vom Muskel erzeugbare Kraft hat außerdem der Dehnungs- widerstand, der vom Bindegewebe entgegengebracht wird (vertiefend dazu: GOLLHOFER et al.2003, 65).

[3] Voraussetzung dafür ist die Dehnung parallel elastischer Elemente (z.B. Sarkolemm, Endomysium etc.) und seriell elastischer Elemente (Sehnen, Aponeurosen etc.) (siehe GOLLHOFER 2003, 65).

[4] Es gilt zu beachten, dass sportliche Bewegungen selten aus Reinformen der beschriebenen Arbeits- und Kontraktionsformen bestehen. Vielmehr kommen bei den meisten sportlichen Bewegungen Mischformen oder Kombinationen zum Einsatz.

[5] Die Dimensionsanalyse ist ein aus der Faktorenanalyse der Statistik stammender methodisch-gedanklicher Ansatz zur Aufdeckung und Abgrenzung einzelner Fähigkeiten. Er ist in Form der Dimensionsanalyse der Konditionskomponenten maßgeblich von der Freiburger Schule zur Strukturierung der konditionellen Fähig,keiten weiterentwickelt worden.

[6] Beim Fähigkeitskonzept gelten (Kraft- oder Ausdauer-) Fähigkeiten als gedankliche Modelle, die nicht wirklich existieren, sondern als Hilfskonstuktionen für die Beschreibung nicht faktisch sichtbarer Erscheinungen dienen. Über die Beobachtung des motorischen Verhaltens einer Person und die Interpretation von Test-Daten wird auf den Ausprägungsgrad bestimmter Fähigkeiten geschlossen (KIBELE 1995, 15).

[7] Da die Reaktivkraft für den Radsport, der durch eine konzentrisch-dynamische Funktions- bzw. Arbeitsweise charakterisiert ist, vermutlich keine Rolle spielt, wird hier auf eine tiefergehende Darstellung verzichtet und auf KIBELE 1995, 63ff verwiesen.

[8] Daran wird erneut deutlich, dass Kraftausdauer, wie die bisher behandelten Maximal- und Schnellkraft auch, eigentlich nur ein Konstukt des Beobachters ist.

[9] Schmidtblecher orientiert sich bei der Dauer von an der Energiebereitstellung, deren Übergang von anaerob zu aerob bei maximalen Belastungen nach zwei Minuten angenommen. Bei der Lastangabe stützt er sich auf Untersuchungen von ZACJORSKJ et al. (1970), die zeigten, dass bei Lasten unter 30% des Kraftmaximums kein Zusammenhang zwischen Maximalkraft und Kraftausdauer nachweisen ließ. Alternativ werden allerdings auch 50% des Kmax angegeben (GÜLICH/SCHMIDTBLEICHER 1999).

[10] KIBELE (1995, 69) kritisiert an dieser Definition, dass die zeitliche Begrenzung auf 2min manche Disziplinen, wie z.B. 4000m- Bahnradfahren die traditionell der Kraftausdauer zugeordnet wurden, ausgeschlossen werden, da deren Belastungsdauer 2 min überschreitet.

[11] Die energetischen Aspekte der Krafterzeugung werden hier kurz zusammengefasst. Eine aus-führlichere Behandlung der Themen Energiebereitstellung, Stoffwechselsysteme, Phosphatspeicher etc. erfolgt in Abschnitt 3, Die konditionelle Grundeigenschaft Ausdauer.

Details

Seiten
109
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638897020
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85133
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Sport und Sportwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Problematik Krafttrainings Radsport Wirkung Krafttraining Ausdauerleistung

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Titel: Zur Problematik des Krafttrainings im Radsport. Die Wirkung von Krafttraining auf die Ausdauerleistung