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Weihnachten - Ein kommerzielles Familienfest

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 23 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Zum Begriff des Festes
2.1 Merkmale des Festlichen
2.2 Funktionen von Festen

3 Die Entwicklung des modernen Weihnachtsfestes
3.1 Die Familialisierung und Privatisierung von Weihnachten
3.2 Die Pädagogisierung von Weihnachten
3.3 Die Kommerzialisierung von Weihnachten

4 Weihnachten heute
4.1 Die religiöse Bedeutung von Weihnachten
4.2 Weihnachten als Familienfest
4.3 Weihnachten als Wirtschaftsfaktor
4.4 Konsumwahn und Geschenkezwang an Weihnachten

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis
6.1 Literatur
6.2 Internetquellen

7 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

„Während also noch offen ist, ob es nicht am Heiligabend mancherorts anstelle der erhofften Geschenke Kindertränen unterm Tannenbaum geben wird (gestern meldete der Berliner „Tagesspiegel“, sogar bei Lego und Playmobil drohten Lieferengpässe), können Erwachsene den Feiertagen voller Zuversicht entgegenblicken. Der derzeitige Renner für Leute, die schon alles haben, sind Espresso-Maschinen - je teurer, desto lieber. Und die sind wirklich noch überall zu bekommen.“

FAZ, 17. Dezember 2006: Weihnachtseinkäufe - Der Handel im Glück.

Von Manfred Köhler

Der kleine Zeitungsausschnit aus der Frankfurter Allgemeinen Tageszeitung vom Dezember des Vorjahres exemplifiziert die These des Titels dieser Arbeit, nämlich, dass Weihnachten heute ein kommerzielles Familienfest ist. Der Fokus liegt dabei auf den Weihnachtsgeschenken, die in der Zwischenzeit obligatorisch geworden sind und mit dem Geben aus Nächstenliebe nur noch bedingt etwas zu tun haben. Das Fest der Familie gestaltet sich heute zunehmend durch den Konsum. Dies ist aber nicht immer so gewesen. Die Bedeutung von Weihnachten hat sich sich erst durch verschiedene Prozesse gewandelt. Das moderne Weihnachtsfest wie es heute gefeiert wird und die Entwicklungen, die zur Entstehung dieser Form des Festes geführt haben, sind Gegenstand dieser Arbeit.

Zu Beginn wird der Begriff „Fest“ näher erläutert und die Merkmale des Festlichen beschrieben. Dabei wird auch auf die Funktionen von Festen eingegangen. Im Weiteren werden die wichtigen gesellschaftlichen Entwicklungen skizziert, die zu der modernen Form des Weihnachtsfestes geführt haben: Die Familialisierung und Privatisierung des Weihnachtsfestes, die Pädagogisierung und die Kommerzia­lisierung. Anschließend wird untersucht, inwiefern Weihnachten zu einem kommerziellen Fest geworden ist, welches seine religiöse Bedeutung weitgehend verloren hat. Außerdem wird aufgezeigt, wieso Weihnachten heute als ein Familienfest gelten kann und wie sehr dieses Familienfest vom Konsum durchzogen ist. Dazu wird auf die Bedeutung von Weihnachten als einem wichtigen Wirtschaftsfaktor eingegangen. Hierbei wird das Schenken als das wichtigste weihnachtliche Ritual verstanden und dargelegt, wie es von der Wirtschaft als Mittel zum Zweck der Konsumsteigerung verwendet wird. Anhand Marcel Mauss’ These vom Gabentausch wird versucht, den Geschenkewahn an Weihnachten zumindest teilweise zu erklären. Abschließend wird auf Gegenbewegungen zur Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes hingewiesen.

2 Zum Begriff des Festes

Das Kalenderjahr ist mit vielen Festen durchzogen und wird durch die großen Feste, die oftmals mit gesetzlichen Feiertagen einhergehen, strukturiert. Der Alltag wird auf diese Weise unterbrochen. Ein Leben ohne die regelmäßige Wiederkehr bestimmter Feste wie Ostern, Weihnachten, Silvester etc. erscheint folglich kaum vorstellbar. Feste sind fester Bestandteil des Lebens und nehmen gar einen großen Teil der Freizeit ein. Dabei hat sich die Erscheinungsform vieler Feste gewandelt. Neben den religiösen Festen, wie dem Weihnachtsfest, die sich im Laufe der Zeit verändert haben, gibt es heute massenhaft Parties und Happenings, bei denen die Menschen sich selbst feiern (vgl. Deile, 2004, S. 3).

Sehr unterschiedliche Ereignisse werden also als Fest bezeichnet. Was sind jedoch die Gemeinsamkeiten, wodurch all diese Ereignisse zu Festen werden? Genauer gesagt, was sind die Merkmale des Festlichen und worin bestehen die Funktionen von Festen?

2.1 Merkmale des Festlichen

Feste sind „universelle Erscheinungen menschlichen Handelns“ (Gebhardt, 1987, S. 11). Dies besagt, dass Feste etwas ausschließlich und gleichzeitig typisch menschliches darstellen. Nur Menschen feiern Feste und diese „Feste und Feiern, gleich in welcher konkreten Form, sind zu allen Zeiten und an allen Orten von Menschen begangen worden“ (ebd. S. 36). Das Feiern von Festen hat demnach schon von jeher zum Leben der Menschen dazugehört. Zum Feiern gibt es unzählige Anlässe. Während dies bei religiösen Festen, geschichtlichen Feiertagen und Geburtstagen meist das Gedenken an ein wichtiges Ereignis darstellt (vgl. Daxelmüller, 1992, S. 13), kann es bei Parties und Festivals der Faktor Spaß und damit die Bestätigung des Hier und Jetzt sein, die den Anlass zu Feiern gibt. Feste sind daher lebensbejahend und zeichnen sich normalerweise durch eine Zustimmung zur Welt aus. Es geht um Lebensfreude und darum diese mit anderen zu teilen (vgl. Gebhardt, 1987, S. 40f.; Deile, 2004, S. 8).

Einer der wichtigsten Aspekte des Festlichen ist jedoch seine Unterscheidung vom Alltag. Das Fest steht im Gegensatz zum Alltag (vgl. Deile, 2004, S.4). Genauer gesagt unterbricht es ihn für die

Dauer der Vorbereitungen und die Zeit des Feierns. Die Regeln des Alltäglichen werden für den Zeitraum des Festes modifiziert oder gar aufgehoben. Verhaltensweisen die im täglichen Leben als Regelübertretungen gewertet werden würden, sind beim Feiern von Festen erlaubt und meist sogar erwünscht (vgl. Gebhardt, 1987, S. 56). Während etwa im täglichen Leben eher eine gewisse Distanz zu bestimmten Mitmenschen gewahrt wird, kann diese Distanz im Fest weitgehend aufgehoben und in Nähe umgewandelt werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Silvesterfest, wo sich am Jahreswechsel teils wildfremde Menschen um den Hals fallen und sich ein „Frohes Neues Jahr“ wünschen. Was im Alltag als Normüberschreitung gilt, kann im Fest auf Akzeptanz oder Wohlwollen stoßen.

Weitere Merkmale des Festlichen sind Essen, Trinken, Kleidung und Musik. Zu vielen Festtagen, wie an Weihnachten, gehört ein Festmahl. Es gibt besonders ausgewählte und zubereitete Speisen in großer Fülle zu denen zudem Alkohol in größeren Mengen gereicht werden kann (vgl. ebd., S. 55). Auch die Kleidung unterscheidet sich von der alltäglichen, was besonders beim Karneval eine Rolle spielt. Es muss aber nicht gleich die totale Veränderung bis hin zur Unkenntlichkeit sein. Bei vielen Anlässen ist die Kleidung eher schicker als sonst, womit der festliche Charakter unterstrichen werden soll. Ebenso ist Musik bestens dazu geeignet den Charakter eines Festes zu bestimmen. Sie kann zum ausgelassenen Tanz auffordern oder als Begleit- oder Hintergrundmusik ein festliches Ambiente schaffen. Essen, Trinken, Kleidung und Musik tragen somit dazu bei, dem Festtag eine besondere äußere Form (vgl. Deile, 2004, S. 9) zu geben, die ihn vom Alltag abhebt. Das Fest ist eine Überhöhung des Alltags, eine Zeit in der all die Bedeutungsgehalte vergegenwärtigt werden, die in den Routinen des Alltags keinen Platz haben.

2.2 Funktionen von Festen

Wenn Feste also den Alltag unterbrechen und sich durch besondere Regeln auszeichnen, welche Funktionen haben sie dadurch für den Menschen? Eine davon ist die soziale Funktion der Vergemeinschaftung. Nach Durkheim wird durch ein Fest das „Gemeinsamkeits- und Zusammengehörigkeitsgefühl einer bestimmten Gruppe, oder [...] der Gesellschaft“ (Gebhardt, 1987, S. 38) gestärkt. Für diese Gemeinschaft haben sie eine sinnstiftende und handlungsleitende Funktion. Während Feste einerseits die Gemeinschaft der Feiernden stärken, grenzen sie andererseits gleichzeitig aus (vgl. Deile, 2004, S. 8). Diejenigen die nicht Teil einer bestimmten Festkultur sind oder nicht sein wollen, werden von der feiernden Gruppe indirekt ausgegrenzt. Ein Beispiel hierfür wären die nicht-christlichen Glaubensgemeinschaften an Weihnachten. Dabei bleibt es zwar jedem selbst überlassen, ob er das Weihnachtsfest feiern möchte, einfach ignorieren lässt es sich allerdings nicht. Gerade von Menschen ohne Familie kann das Weihnachtsfest als ausgrenzend empfunden werden und dazu führen, dass sie sich über die Feiertage sehr einsam fühlen.

Eine andere Funktion von Festen ist die der Regeneration. Feste stellen eine Abwechslung zum Alltag dar, eine Zeit in der die Menschen sich vom Alltag erholen können. „Das Fest hilft den Alltag zu bewältigen indem es ihn aufhebt“ (Gebhardt, 1987, S. 53). Es entlastet den Menschen für eine gewissen Zeit von den Zwängen des alltäglichen Lebens und hilft ihm so sich zu regenerieren. Odo Marquart geht in seiner Kleinen Philosophie des Festes sogar soweit Feste als Voraussetzung für den Frieden zu sehen. Demnach versuchen Menschen immer dem Alltag auf irgendeine Weise zu entfliehen und dieser Wunsch ist so stark, dass er sich auch in dem Wunsch nach dem Ausnahmezustand, einem Krieg äußern kann (vgl. Marquard, 1988, S. 415f.). Durch das Fest als eine „Erhöhung des Lebens auf kurze Zeit“ (Schultz, 1988, S. 10) kann sich der Mensch mit seinem Alltag versöhnen und diesem für eine gewisse Zeit entkommen. Dadurch wird der Wunsch nach einem völligen Ausstieg aus dem alltäglichen Leben bis hin zu dem Wunsch nach Krieg abgeschwächt und somit der Frieden stabilisiert. Marquard schließt aus seinen Überlegungen, dass der Mensch das Fest ergänzend zum Alltag benötigt um diesen regelmäßig zu unterbrechen und dadurch sein Funktionieren erst möglich zu machen (vgl. Marquard, 1988, S. 420). Mit anderen Worten wird der Alltag durch Feste nicht etwa in seiner Stellung geschwächt, sondern im Gegenteil sogar bestätigt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Feste für das Wohlbefinden des Individuums, die Gemeinschaft und die Instandhaltung der Gesellschaft von immenser Bedeutung sind und dass durch die regelmäßige Unterbrechung des Alltäglichen mit Festen die Bewältigung des Alltags stattfindet.

3 Die Entwicklung des modernen Weihnachtsfestes

Obwohl das Weihnachtsfest einem über 2000 Jahre zurückliegenden Ereignis gedenkt, nämlich der Geburt Jesus von Nazareth und damit der Menschwerdung Gottes, zeigt sich bei der Betrachtung der Geschichte von Weihnachten, dass sich das moderne Weihnachtsfest, in der Form wie es heute gefeiert wird, erst im 19. Jahrhundert herausbildete. Was führte zu der Entstehung des moderen Weihnachtens und welches waren die entscheidenden gesellschaftlichen Entwicklungen, die Weihnachten zu einem kommerziellen Familienfest werden ließen?

3.1 Die Familialisierung und Privatisierung von Weihnachten

Große gesellschaftliche Veränderungen während des 19. Jahrhunderts führten zur Herausbildung der heutigen Form des Weihnachtsfestes als Familienfest. Durch die Entstehung der Industriegesellschaft und den Strukturwandel der Familie hin zur privaten, bürgerlichen Kleinfamilie (vgl. Geißler, 2002, S. 42ff.) veränderte sich auch die Ausrichtung des Weihnachtsfestes:

„Das Bürgertum mit dem Genuß behaglicher Häuslichkeit und intimen Familiensinnes hat die Formen unseres heutigen Weihnachtsfestes lebendig gestaltet. Es war dieses Bürgertum als führende Sozialschicht des beginnenden industriellen 19. Jahrhunderts, in dessen Schoß das Familienweihnachten aufblühte, sich prägte in bürgerlichem Gefühl, bürgerlichem Anstand, bürgerlicher Sitte und bürgerlichen Etiketten, in dem sich weltweit die heute bekannten Weihnachtsfestmotive ausgefomt haben.“

(Weber-Kellermann, 1978, S.45)

Mit der Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte trat an die Stelle der „wirtschaftenden Familie“ (Geißler, 2002, S. 44), die eine Produktionsgemeinschaft war, die bürgerliche Familie, die fortan „eine Gemeinschaft für Erziehung, Konsum, Freizeit und Entspannung“ (ebd. S. 45) darstellte. Auf diese Weise entstand das Privatleben. Von nun an spielte sich das Familienleben weitgehend im privaten Bereich ab und damit einhergehend erhielt auch das Weihnachtsfest seinen Platz im Mittelpunkt der Familie. Der Besuch des Gottesdienstes wurde gemeinsam unternommen und der Weihnachtsabend im Kreise der Familie verbracht (vgl. Brückner, 2006, S. 39). Festmahl, Weihnachtslieder und vor allem die Bescherung für Kinder gewannen an Bedeutung. In diese Zeit fällt der Entwurf der Kindheit als einer Lebensphase mit besonderen Merkmalen, wie der Schutzbedürftigkeit und der affektiven Bindung an die Eltern (vgl. Weber-Kellermann, 1978, S. 95). Generell rückten Kinder in den Mittelpunkt des Weihnachtsfestes und viele der sich entwickelnden bürgerlich-familiären Weihnachtsbräuche waren auf Kinder ausgerichtet. Hierzu gehört beispielsweise das Abschließen des Wohnzimmers bis zum Weihnachtsabend, in das die Kinder erst zur Bescherung wieder eintreten dürfen, um durch Geheimnis und Überraschung die Spannung zu steigern (vgl. Brückner, 2006, S. 39f.). Diese Art des Weihnachtsfestes beschränkte sich jedoch zunächst auf die wohlhabenderen Familien. Für ärmere soziale Schichten war an ein geschenkereiches Familienfest unter dem Tannenbaum noch nicht zu denken (vgl. ebd., S. 35). Im Zuge der sich wandelnden Gesellschaft entwickelte sich dann nach und nach auch schichtübergreifend das zuvor öffentliche Weihnachtsfest, welches vorwiegend außerhalb des Hauses gefeiert wurde, zu einem privaten Bescherfest für Kinder.

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Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638038386
Dateigröße
989 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85278
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
Weihnachten Familienfest Ritual Alltag Formen Theorien Festes

Autor

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