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Physiologische Reaktionen von Sozialphobikern und Kontrollpersonen ohne psychische Störung auf affektives Bildmaterial

Diplomarbeit 2005 186 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Theoretischer Hintergrund
1.1 Die Soziale Phobie
1.1.1 Erscheinungsbild
1.1.2 Definition
1.1.3 Epidemiologie
1.1.4 Störungsbeginn
1.1.5 Verlauf und Folgen
1.1.6 Komorbidität und differentialdiagnostische Abgrenzung
1.1.7 Zusammenfassung
1.2 Modelle zur Ätiologie der Sozialen Phobie
1.2.1 Entwicklungspsychologische Theorien
1.2.1.1 Biologische Dispositionen
1.2.1.2 Verhaltenshemmung und Schüchternheit
1.2.1.3 Einflüsse durch Sozialisation
1.2.2 Lerntheoretische Erklärungen
1.2.2.1 Klassische Konditionierung
1.2.2.2 Modelllernen
1.2.2.3 Preparedness
1.2.3 Ein Informationsverarbeitungsmodell der sozialen Angst von Öhman
1.2.4 Das neuropsychologische Modell der Angst von Gray
1.2.5 Kognitive Modelle der Sozialen Phobie
1.2.5.1 Das Modell der kognitiven Vulnerabilität von Beck und Emery
1.2.5.2 Das Selbstdarstellungsmodell von Schlenker und Leary
1.2.5.3 Ein integriertes kognitiv-behaviorales Modell von Heimberg
1.2.5.4 Das kognitive Modell der Sozialen Phobie von Clark und Wells
1.2.6 Abschließende Bemerkungen zu den Modellen der sozialen Angst
1.3 Psychophysiologische Aktivierung und subjektiv empfundene Angst bei der Sozialen Phobie
1.3.1 Der Begriff der Emotion
1.3.2 Forschungsbefunde zu Herzraten, Hautleitwerten und subjektiven Empfindungen bei sozialer Angst
1.3.2.1 Untersuchungen an sozialphobischen Stichproben
1.3.2.2 Untersuchungen an sozial ängstlichen Stichproben
1.3.2.3 Zusammenfassung und Bedeutung für die vorliegende Arbeit
1.3.3 Kovariationsproblem der emotionalen Ebenen
1.3.3.1 Ursachen des Kovariationsproblems

2 Fragestellung und Hypothesen
2.1 Ableitung der Fragestellung

3 Methoden
3.1 Versuchsplan
3.2 Probanden
3.2.1 Rekrutierung der Stichproben
3.2.2 Beschreibung und Vergleich der Stichproben hinsichtlich soziodemographischer Daten
3.3 Messinstrumente
3.3.1 Strukturiertes klinisches Interview für DSM-IV
3.3.2 Social Phobia Inventory
3.3.3 Liebowitz Social Anxiety Scale
3.3.4 Beck-Depressions-Inventar
3.3.5 Beschreibung und Vergleich beider Stichprobengruppen hinsichtlich der Fragebogendaten
3.4 Stimulusmaterial
3.4.1 Überlegungen zur Auswahl des Stimulusmaterials
3.4.2 Verwendetes Stimulusmaterial
3.4.3 Quellen des verwendeten Stimulusmaterials
3.4.3.1 Das International Affective Picture System
3.4.3.2 Die Bildsammlung von Mazurski und Bond
3.4.3.3 Bilder aus anderen Quellen
3.5 Abhängige Variablen
3.5.1 Psychophysiologische Variablen
3.5.1.1 Messung der Herzfrequenz
3.5.1.1.1 Das EKG
3.5.1.2 Messung der Hautleitfähigkeit
3.5.1.2.1 Messmethode
3.5.1.3 Mini-Vitaport-System
3.5.1.3.1 Ableitung der Herzfrequenz
3.5.1.3.2 Ableitung der Hautleitfähigkeit
3.5.1.3.3 Aufbereitung der psychophysiologischen Daten
3.5.2 Erfassung der subjektiven Angst
3.5.2.1 Dimensionen der Einschätzung von Emotionen
3.5.2.2 Das Self-Assessment-Manikin in dieser Untersuchung
3.6 Versuchsdurchführung
3.7 Statistische Hypothesen
3.8 Statistische Auswertung

4 Ergebnisse
4.1 Vergleich der physiologischen Reaktionen zwischen Sozialphobikern und Kontrollpersonen hinsichtlich der Bildkategorien
4.1.1 Herzfrequenz
4.1.2 Hautleitfähigkeit
4.2 Differentielle Wirkung verschiedener Bildinhalte bei Sozialphobikern
4.2.1 Herzfrequenz
4.2.2 Hautleitfähigkeit
4.3 Weitere, nicht hypothesengeleitete Analysen
4.3.1 Differentielle Wirkung verschiedener Bildinhalte bei Kontrollpersonen
4.3.1.1 Herzfrequenz
4.3.1.2 Hautleitfähigkeit
4.3.2 Linearer Zusammenhang zwischen Angstratings und physiologischen Maßen
4.3.2.1 Ergebnisse der Analyse des subjektiven Angsterlebens
4.3.2.2 Zusammenhang zwischen Angstratings und physiologischen Maßen
sozialer Angst bei Sozialphobikern
4.3.2.3 Zusammenhang zwischen Angstratings und physiologischen Maßen
sozialer Angst bei Kontrollpersonen
4.3.3 Linearer Zusammenhang zwischen den beiden physiologischen Parametern
4.3.4 Geschlechtsunterschiede in der Reaktion auf die Bildreize
4.3.4.1 Herzfrequenz
4.3.4.2 Hautleitfähigkeit
4.3.5 Einfluss des Geschlechts der abgebildeten Personen
4.3.5.1 Herzfrequenz
4.3.5.2 Hautleitfähigkeit
4.3.5.3 Vergleiche zwischen den Probandengruppen
4.3.6 Einfluss des Blickkontaktes der abgebildeten Personen auf Sozialphobiker
4.3.6.1 Redebilder
4.3.6.2 Interaktionsbilder

5 Diskussion
5.1 Interpretation der zentralen Befunde
5.2 Alternativerklärungen zu den zentralen Befunden
5.3 Differentielle Wirkung verschiedener Bildinhalte
5.4 Linearer Zusammenhang zwischen Angstratings und physiologischen Maßen
5.5 Geschlechtseinflüsse
5.6 Blickkontakt
5.7 Begrenzungen dieser Untersuchung
5.8 Zusammenfassung und Ausblick

Literatur

Anhang
Anhang A: Maßnahmen zur Gruppenrekrutierung
Anhang B: Soziodemographische Merkmale der untersuchten Probanden
Anhang C: Fragebögen zur Unterscheidung und Abgrenzung der Gruppen
Anhang D: Fragebogenergebnisse
Anhang E: Verwendetes Bildmaterial
Anhang F: Verwendete Messinstrumente
Anhang G: Verwendete Papier-und-Bleistift-Version des Self Assessment Manikin
Anhang H: Einverständniserklärung der Probanden
Anhang I: Instruktionen
Anhang J: Evaluationsbogen
Anhang K: Tests auf Normalverteilung der erhobenen physiologischen Messwerte
Anhang L: Parameterfreie Tests
Anhang M: Zusammenhang subjektiv – objektiv Kontrollpersonen
Anhang N: Zusammenhang subjektiv – objektiv Sozialphobiker
Anhang O: Zusammenhang subjektiv – objektiv Gesamtstichprobe

Zusammenfassung

Die vorliegende Studie entstand vor dem Hintergrund einer heterogenen Befundlage zum Angstausdruck von Sozialphobikern auf unterschiedlichen emotionalen Ebenen. Die Mehrzahl bisheriger Untersuchungen konnte Unterschiede im subjektiven Angsterleben zwischen Sozialphobikern und Personen ohne psychische Störung relativ leicht und einheitlich nachweisen; für physiologische Reaktionen, als objektive Angstindikatoren, gelang dies jedoch selten. In dieser Untersuchung sollte durch das Betrachten von Bildern, welche typische von Sozialphobikern gefürchtete Inhalte (ärgerliche Gesichter, Rede- und Interaktionssituationen) abbilden, soziale Angst bei diesen Personen induziert werden. Ziel der Untersuchung ist zu bestimmen, ob soziale Angst bei Sozialphobikern mittels Vorlage von sozial bedrohlichem Bildmaterial induziert werden kann und von welchen Veränderungen sie im Vergleich zu Kontrollpersonen begleitet ist. Der Effekt dieses furchtinduzierenden Stimulusmaterials wird durch einen Vergleich mit neutralen Bildreizen (neutrale Gesichtsausdrücke, neutrale Abbildungen) untersucht. Dazu wurden an 23 Sozialphobikern und 23 Personen ohne psychische Störung als physiologische Variabeln die Herzrate und das Hautleitfähigkeitsniveau erhoben sowie die subjektive Erlebniskomponente der Angst, operationalisiert mittels ikonographischer Ratingskalen mit den Dimensionen „Erregung“, „Valenz“ und „Dominanz“. Es konnten keine physiologischen Reagibilitätsunterschiede zwischen beiden Probandengruppen für alle dargebotenen Bilder hinsichtlich beider physiologischer Variablen beobachtet werden. Jedoch erlebten Sozialpho­biker mehr Angst und Erregung als gesunde Kontrollpersonen bei der Betrachtung von Bildern, die Rede- und Interaktionssituationen abbilden. Deskriptivstatistisch betrachtet zeigte sich hinsichtlich physiologischer Messungen ein Trend, dass die Sozialphobiker generell ein höheres Aktivierungsniveau aufweisen als die Kontrollpersonen. Die Ergebnisse werden dahingehend interpretiert, dass physiologische Prozesse für die Auslösung sozialphobischer Furcht eine untergeordnete Rolle spielen. Anhand der Ergebnisse ist zu vermuten, dass Sozialphobiker ihre physiologischen Reaktionen stärker wahrnehmen bzw. in einer anderen Weise bewerten als Personen ohne soziale Angst. Im Sinne kognitiver Modelle ist annehmen, dass die Problematik körperlicher Symptome im Rahmen der Sozialen Phobie nicht notwendigerweise im Ausmaß der physiologischen Aktivierung liegt, sondern die Wahrnehmung und Interpreta­tion der Symptome das Problem ausmachen und weniger die Reaktionen selbst. Da bei sozialer Angst Verhaltenshemmung in sozialen Kontexten im Vordergrund steht, wird aus einer evolutionstheoretischen Perspektive heraus eine starke parasympathische Aktivierung neben der sympathischen Aktivität diskutiert. Weiterhin wird die erhöhte physiologische Aktivation von sowohl Sozialphobikern als auch Personen ohne psychische Störung bei ärgerlichen Gesichtsausdrücken im Rahmen der Preparednesstheorie interpretiert, welche eine allgemeine Prädisposition auf bedrohliche soziale Reize annimmt. Weitere post-hoc durchgeführte korrelative Analysen ergaben keine Kovariation der untersuchten emotionalen Ebenen. Aufgrund dieser Diskordanz der abhängigen Variablen wird die Bedeutung der simultanen Messung unterschiedlicher Indikatoren auf allen emotionalen Reaktionsebenen unterstrichen.

1 Theoretischer Hintergrund

1.1 Die Soziale Phobie

1.1.1 Erscheinungsbild

Obwohl das Erleben eines gewissen Grades von Angst in sozialen Situationen weder atypisch noch pathologisch ist, unterscheidet sich die Soziale Phobie davon in ihrer Intensität des Angsterlebens und dem begleitenden Unbehagen bzw. ihrer Beeinträchtigung gewisser Funktionen. In den letzten Jahren hat die Erforschung der sozialen Angst beachtliche Erkenntnisfortschritte erzielt, so dass inzwischen weitgehend gesicherte Befunde über das Erscheinungsbild der sozialen Angst bzw. über deren klinisch relevante Ausprägung – die Soziale Phobie – vorliegen, die im folgenden Abschnitt beschrieben werden soll.

Das zentrale Symptom der Sozialen Phobie besteht in einer Erwartung von negativer Bewertung des eigenen Verhaltens durch eine oder mehrere andere Personen (Stangier & Fydrich, 2002). Der Betroffene selbst findet seine Angst übertrieben, kann sie aber nicht beseitigen. Daraus entsteht ein Vermeidungsverhalten, dass häufig eine eingeschränkte Lebensweise zur Folge hat. Der Sozialphobiker ist überzeugt, sozial unbeholfen, unattraktiv und minderwertig im Vergleich zu anderen zu sein. In sozialen Situationen befürchtet er, von anderen als schwach, ängstlich, dumm oder verrückt beurteilt zu werden. Besonders kritisch sind daher Situationen, in denen die Betroffenen das Gefühl haben, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und in denen eine Handlung der möglichen Bewertung durch andere ausgesetzt ist.

Soziale Ängste manifestieren sich auf unterschiedlichen emotionalen Erfahrungsebenen: (1) der subjektiven, (2) der psychophysiologischen, (3) der Verhaltens- und (4) der kognitiven Ebene.

An subjektiven Gefühlserlebnissen berichten sozial ängstliche Personen von erhöhter Angst und Unbehagen, sowohl in nicht-sozialen als auch in sozialen Interaktionen (z.B. Hofmann, Newman, Becker & Taylor, 1995c; Levin, Saoud, Strauman, Gorman, Fyer, Craword & Liebowitz, 1993).

Die psychophysiologische Reaktion bei sozialer Angst kann im Wesentlichen mit der erhöhten Aktivierung des Autonomen Nervensystems, genauer des Sympathikus, erklärt werden. Die sympathische Reaktion führt zum Anstieg der Herzrate und des Blutdrucks, zu einer erhöhten Atemfrequenz, einer erhöhten Hautleitfähigkeit und zu einem Temperaturab­fall in den Händen (Leary & Kowalski, 1995). Dieses Aktivationsmuster wird auch als „fight or flight“ Reaktion bezeichnet, durch die sich der Organismus bereit macht, der Bedrohung zu begegnen oder davor zu flüchten.

Auf der Verhaltensebene zeigt sich die Angst oft in Gestik, Mimik oder im Verhalten. Es findet sehr häufig Vermeidungsverhalten statt, d.h. eine Abneigung gegen persönliche Kontakte oder berufliche Aktivitäten, die zwischenmenschliche Kontakte voraussetzen, aus Furcht vor Kritik, Missbilligung oder Ablehnung. Häufig hat das eine eingeschränkte Lebensweise zur Folge. Nach Turner und Mitarbeitern (Turner, Beidel, Dancu & Keys, 1986) ist bei 85% der Personen mit Sozialer Phobie eine solche Vermeidungstendenz vorhanden. Aufgrund dieses Verhaltens ist es der betroffenen Person nicht möglich auch positive Erfahrungen in gefürchteten Situationen zu sammeln. Dadurch können soziale Verhaltensdefizite zunehmen, die sozial inadäquates Verhalten begünstigen.

Hinsichtlich der kognitiven Reaktion entwickeln sozial ängstliche Personen mehr negative Gedanken über soziale Ereignisse (Heimberg, Hope, Dodge & Becker, 1990), überschätzen die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von negativen sozialen Interaktionen (Lucock & Salkovskis, 1988) und die negativen Folgen dieser sozialen Interaktionen (Röder & Margraf, 1999). Sie haben wenig oder kein Vertrauen in ihre kommunikativen Fähigkeiten (Levin et al., 1993) und unterschätzen ihre Kompetenz mit sozialen Situationen umzugehen (Lucock & Salkovskis, 1988). In der sozialen Interaktion berichten sie von mehr negativen und weniger positiven Kognitionen als nicht ängstliche Personen (Beidel, Turner & Dancu, 1985). Oft kreisen die Gedanken um selbstbezogene Themen (z.B. "Werde ich gerade rot?“, "Sicher nimmt der andere meine Unsicherheit wahr!"), die sie davon abhalten können, sich auf ein Gespräch zu konzentrieren (z.B. Clark & Wells, 1995; Hope, Heimberg & Klein, 1990).

Der Sozialphobiker hat Angst, dass man ihm die Nervosität ansieht, auch vor den Konsequen­zen, die bedeuten könnten, allein zu sein, nicht gemocht zu werden; sie antizipieren Status- und Wertverlust, sowie Zurückweisung der eigenen Person durch andere (Clark & Wells, 1995; Turner, Beidel & Townsley, 1992). Die körperlichen Symptome stellen für die meisten Sozialphobiker deshalb das eigentliche Problem dar. Diese werden als Grund für weitere Ableh­nungen oder negative Bewertungen empfunden. Die häufigsten unter ihnen sind das Erröten, Sprechhemmungen wie zitternde Stimme, Stottern und Versprechen, schweißnasse Hände, eine verkrampfte Körperhaltung, Flecken an Gesicht und Hals sowie Zittern (Fahlén, 1996/1997).

Tatsächlich sind diese Symptome nur wenig ausgeprägt, wie beispielsweise ein Zittern, das von anderen Personen bemerkt wird. Clark und Wells (1995; vgl. Abschnitt 1.2.5.4) betonen, dass die Wahrnehmung dieser körperlichen Symptome auf vielfache Weise das Verhalten und Empfinden von Sozialphobikern beeinflussen kann. Gleichzeitig kann die Wahrnehmung physiologischer Prozesse wiederum zu einer verstärkten Selbstwahrnehmung oder aber eine intensive Selbstwahrnehmung zu einer Verstärkung von körperlichen Symptomen und Angst führen.

Die Annahme, von anderen Menschen negativ bewertet zu werden, hat einen direkten Einfluss auf das eigene Status- und Selbstwertempfinden (vgl. Beck, Emery & Greenberg, 1985b; Clark & Wells, 1995; Stopa & Clark, 1993). Sozialphobiker haben Angst davor, sich in sozialen Situationen in einer inakzeptablen, peinlichen Art und Weise zu verhalten. Sie zweifeln an ihren sozialen Kompetenzen und befürchten daher Fehler zu machen und vor den Augen anderer Personen zu versagen. Weitere das Selbstwertgefühl betreffende Beschrei­bungsmerkmale der Sozialen Phobie sind Überempfindlichkeit gegenüber Kritik, negativer Bewertung oder Ablehnung, Schwierigkeiten sich selbst zu behaupten und geringes Selbstbewusstsein oder Minderwertigkeitsgefühle (DSM-IV; APA, 1994).

Die Konfrontation mit angstbesetzten Situationen ruft nahezu immer eine unmittelbare Angstreaktion hervor, die sich bis zu einer Panikattacke steigern kann. Personen mit Sozialer Phobie vermeiden angstauslösende Situationen oder stehen sie mit starker Angst durch.

Sozialphobische Ängste können auf einzelne, spezifische Situationen bezogen sein oder in einer generalisierten Art bei vielen Gelegenheiten auftreten. Am häufigsten ist die Angst vor dem öffentlichen Sprechen, gefolgt von informelleren Situationen, wie dem Essen oder Schreiben vor anderen Personen oder Treffen mit dem anderen Geschlecht (Holt, Heimberg, Hope & Liebowitz, 1992b; Müller, Beloch & Wittchen, 1998). Allerdings sind solche Ereignisse nicht nur in der Realität problematisch, schon die Aussicht darauf kann ebenso soziale Ängste provozieren und körperliche Beschwerden zu Tage treten lassen (Angst vor der Angst).

In ihrem Versuch alle relevanten Situationen zu klassifizieren, die soziale Ängste bei Erwachsenen hervorrufen, konnten Holt, Heimberg, Hope und Liebowitz (1992b) vier Situationskategorien identifizieren:

1. öffentliches Sprechen zu mehreren Personen und offizielle Kontakte pflegen: z.B. Rede halten, Theater spielen, vor einer Gruppe etwas sagen, mündliche Prüfung absolvieren
2. Sprechen mit einzelnen Personen, Sprechen in der Freizeit : z.B. auf Partys gehen, fremde Personen ansprechen, telefonieren
3. sich durchsetzen: z.B. mit Autoritätspersonen sprechen, Kritik äußern
4. beobachtet werden : beim Schreiben, Essen oder Trinken.

Fydrich (1997) unterscheidet zwei Arten von Situationen, in denen soziale Ängste typischerweise auftreten: Ängste beim Essen, Sprechen oder Schreiben in der Öffentlichkeit werden als Ängste vom „Leistungs- oder Darstellungstyp“ bezeichnet. Bei Sozialen Phobien des „Interaktionstyps“ handelt es sich um Ängste im Kontakt mit anderen Personen, wie beispielsweise dem Zusammentreffen mit nicht oder wenig bekannten Personen des anderen Geschlechts oder die Begegnung mit Autoritätspersonen.

Die Schüchternheit, die für diese Personen charakteristisch ist, hemmt viele Patienten bei der Suche nach Hilfe. Außerdem haben viele Betroffene, die sich ihr Leben um das Vermeiden gefürchteter Situationen aufgebaut haben, Schwierigkeiten Funktionsbereiche, in denen sie beeinträchtigt sind zu erkennen und zu berichten. Dabei sehen viele Patienten ihre funktiona­len Beeinträchtigungen als „just the way I am“. Aus diesem Grund ist es wichtig systematisch und umfassend bei der Bewertung sozialphobischer Symptome vorzugehen und das Ausmaß der in Beziehung stehenden Beeinträchtigungen zu bestimmen. Oft bieten Folgeprobleme, wie Alkoholismus oder Depressionen, den Anlass professionelle Hilfe aufzusuchen.

1.1.2 Definition

Soziale Ängste sind ganz allgemein gekennzeichnet durch ein Gefühl der Unsicherheit oder ängstlichen Unruhe in Gegenwart anderer Menschen oder in der negativen Erwartung bezüglich des Zusammenseins mit ihnen.

Eine gute Charakterisierung der Emotion „soziale Angst“ gibt folgende Beschreibung:

"...[social anxiety] is characterised by heightened physiological arousal when in so­cial situations, a fear of negative evaluation by others, a high likelihood of negative expectations regarding the ability to interact with others and, in some cases deliberate avoidance of the threatening situations" (Beidel, Turner & Dancu, 1985, S. 109).

Die Grenze ist fließend, jedoch gibt es einen klar zu definierenden Punkt, ab dem von einer Sozialen Phobie die Rede ist: Bei der Abgrenzung subklinischer sozialer Angst und der Sozialen Phobie sehen Stangier und Heidenreich (1997) im Schweregrad der Störung sowie im Ausmaß der Beeinträchtigung der Lebensführung die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale. Eine Unterscheidung sozialer Angst und Sozialer Phobie scheint daher eher eine Definitionsfrage zu sein bzw. eine Frage, bei welchem Schweregrad das Unterscheidungskriterium festgelegt wird.

Erst 1980 wurde die Diagnose der Sozialen Phobie in das international verbreitete Diagnose­system der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung übernommen (DSM-III; APA, 1980). Hier umschloss die Diagnose Situationen, in denen die betreffende Person etwas ausführen muss, während sie sich der Beobachtung durch andere bewusst ist. Damit wurden ausschließlich Leistungssituationen (so genannte performance-Situationen) als angstauslösend definiert.

In der revidierten Form des Diagnosesystems, dem DSM-III-R (APA, 1987), wurde zusätzlich zum Aspekt der Leistungsangst die Angst in Interaktionssituationen in die diagnostische Kategorie mit aufgenommen. Zudem wurde ein generalisierter Subtyp definiert, der die Angst in einer Vielzahl sozialer Situationen bezeichnete und der dem spezifischen Subtyp mit umschriebenen Ängsten vor einer oder sehr wenigen ähnlichen Situationen gegenübergestellt wurde. Die Vermeidend-Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung galt hier nicht mehr als Ausschlusskriterium, da sich eine starke Überschneidung dieses Konstrukts zum generalisierten Subtypus der Sozialen Phobie abzeichnete.

Auch in der vierten Überarbeitung des Diagnoseschlüssels der APA (DSM-IV; APA, 1994) und im Diagnosesystem der Weltgesundheitsorganisation (International Classification of Diseases and Causes of Death, ICD-10; World Health Organisation [WHO], 1992) wird die Soziale Phobie für Erwachsene und Kinder definiert. In Tabelle 1 sind zur Übersicht die diagnostischen Kriterien für eine Soziale Phobie nach DSM-IV und ICD-10 gegenüberge­stellt.

Tabelle 1: Diagnostische Kriterien der Sozialen Phobie nach DSM-IV (APA, 1994) und ICD-10 (Weltgesundheitsorganisation, 1991).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie aus Tabelle 1 hervorgeht, besteht bezüglich der Kriterien für die Soziale Phobie ein hohes Ausmaß an Kompatibilität zwischen beiden nosologischen Systemen. In der ICD-10 wird jedoch das Vermeiden sozialer Situationen als wichtiges diagnostisches Kriterium hervorgehoben; während im DSM-IV Vermeidungsverhalten als häufiges Symptom anerkannt wird, gefürchtete Situationen jedoch unter großem Unbehagen durchgestanden werden können.

Auch durch die Einführung der neuen Version des DSM wird das grundlegende Problem solcher Kategoriensysteme nicht gelöst. Nosologische Klassifikationen psychischer Störungen beruhen nämlich auf so genannten „prototypischen klinischen Beschreibungen“ (Wittchen & Unland, 1991), d.h. die Kategorisierungen dieser Störungen basieren hauptsächlich auf den Mitteilungen der Patienten über subjektiv erlebte Beschwerden sowie Beobachtungen ihrer pathologischen Verhaltensauffälligkeiten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die gefürchteten Situationen und die berichteten Panik- und Furchtsymptome nach wie vor das Hauptkriterium der nosologischen Klassifikation von Angststörungen darstellen. Dies reicht aber nicht aus, da einerseits Furchtreaktionen und Vermeidungsverhalten sehr stark dissoziiert sein können, andererseits die subjektiven Erlebnisberichte und Symptombeschreibungen nicht immer zuverlässig sind. Eine Reihe von Befunden zeigt, dass die Erinnerung emotionaler Erlebnisse durch eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren verzerrt werden kann (Bower, 1981).

Im DSM-IV (APA, 1994) kann ein Subtyp „generalisierte Sozialphobie“ kodiert werden, wenn die Angst in den meisten sozialen Situationen auftritt. In Abgrenzung zu einem komplementären nicht-generalisierten Subtyp, der in der Literatur auch als „spezifische“ oder „diskrete“ Soziale Phobie bezeichnet wird, wird der generalisierte Subtyp gewöhnlich mit mindestens drei angstbesetzten Situationen operationalisiert (Stangier & Heidenreich, 1997). Kessler, McGonagle, Zhao, Nelson, Hughes, Eshleman, Wittchen und Kendler (1994) konnten in ihrer National Comorbidity Survey-Studie (NCS-Studie) in 75% der Fälle einen generalisierten Subtyp feststellen. Obwohl es keine definitive Beziehung zwischen der Anzahl gefürchteter Situationen und dem Subtypus gibt, tendiert die nicht-generalisierte Soziale Phobie dazu mit begrenzteren Ängsten, geringerer allgemeiner Beeinträchtigung und Unbehagen, geringeren Defiziten in sozialen Fertigkeiten und geringeren Komorbiditätsraten im Vergleich zur generalisierten Sozialen Phobie assoziiert zu sein (Bruch & Heimberg, 1994; Herbert, Hope & Bellack, 1992; Turner et al., 1992). Die spezifische Soziale Phobie ist gewöhnlich auf die Furcht vor einer oder wenigen performance-Situationen beschränkt, von denen die häufigste das Sprechen vor einem Publikum ist (Schneier, Johnson, Hornig, Liebowitz & Weissman, 1992; Stein, Walker & Forde, 1996). Die generalisierte Soziale Phobie beinhaltet demgegenüber einen großen Bereich sozialer Situationen, und umfasst typischerweise sowohl soziale Interaktions­situationen (z.B. mit Gleichaltrigen sprechen, zu Partys gehen, einen Lehrer um Hilfe bitten) als auch öffentliche Leistungssituationen (z.B. in der Öffentlichkeit sprechen, etwas vor einem Publikum vortragen).

Generell ist die Kategorisierung sozialer Ängste in den gängigen Diagnosesystemen (DSM-IV; APA, 1994; ICD-10; WHO, 1992) noch nicht zufrieden stellend geklärt und wurde vor allem in Bezug darauf diskutiert, ob es sich bei den beiden Formen sozialer Angst um rein quantitativ oder qualitativ unterscheidbare Konstrukte handelt. Heute geht man jedoch eher davon aus, dass die Soziale Phobie auf einem Kontinuum sozialer Angst angesiedelt werden kann (Herbert, Hope & Bellack, 1992; Holt, Heimberg & Hope, 1992a). Rapee (1995, S. 45) bemerkt: „… trying to distinguish subtypes may simply reflect arbitrary cutoffs along a continuum“. Den Anfangspunkt dieses Kontinuums bilden leichtere subklinische Formen der Schüchternheit, die sich mit zunehmender Schwere zu Sozialen Phobien ausbilden können. Am Endpunkt des Kontinuums sind schwere Symptomatiken im Sinne der Vermeidend-Selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung oder der generalisierten Form Sozialer Phobien angesiedelt (Rapee, Sanderson & Barlow, 1988; Stangier & Heidenreich, 1999). Entlang dieses Kontinuums steigt der Schweregrad der Störung und es finden sich mehr psycho­pathologische Symptome und eine größere Beeinträchtigung im Lebensalltag der Patienten. Laut dem aktuellen DSM-Manual (APA, 1994) kann die Soziale Phobie mit und ohne Zusatzdiagnose der Vermeidend-Selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung vergeben werden.

Da Belege für die These, dass spezifische Sozialphobiker physiologisch besonders reagibel sind, „keineswegs überzeugend sind“ (Gerlach, 2002, S. 104) und die Reliabilität der Zuordnung zu den Subgruppen (Stabilität über die Zeit; Jerremalm, Jannson & Öst, 1986; Mersch, Emmelkamp, Bögels & van der Sleen, 1989; Öst, Jerremalm & Johannson, 1980) problematisch ist, soll in dieser Untersuchung auf die Subtypenbestimmung der Sozialphobi­ker verzichtet werden.

1.1.3 Epidemiologie

Aufgrund der zunehmend stringenteren und detaillierteren diagnostischen Kriterien der Sozialen Phobie über die letzten zwei Dekaden, variieren die epidemiologischen Befunde über verschiedene Studien.

Die Lebenszeitprävalenzraten früher Studien unter Anwendung der DSM-III-Kriterien (APA, 1980) liegen zwischen 2% und 4% (Davidson, Hughes, George & Blazer, 1993; Schneier et al., 1992). Die Furcht vor dem öffentlichen Sprechen gehörte nach dem DSM-III noch zur Diagnose der Einfachen Phobie und nicht zur Sozialen Phobie. Nachfolgende Studien, die auf DSM-III-R-Kriterien basieren, gehen von Lebenszeitprävalenzraten für die Soziale Phobie zwischen 4,1% und 16% (Kessler et al., 1994 [NCS-Studie]; Lépine & Lellouch, 1995; Wacker, Mullejans, Klein & Battegay, 1992) aus. Damit wurden jetzt auch die Vermeidend-Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung und die Angst in Interaktionssituationen neben der Angst in Leistungssituationen im Rahmen der Symptomatik kodiert. Entsprechend höher fallen die Prävalenzraten für die Soziale Phobie in diesen Studien aus.

Die erste Bevölkerungsstudie, die DSM-IV-Kriterien (APA, 1994) zur Prävalenzraten­bestimmung nutze, war die Early Developmental Stages of Psychopathology (EDSP) Studie (Wittchen, Nelson & Lachner, 1998; Wittchen, Stein & Kessler, 1999). Diese längsschnitt­liche Untersuchung von 3021 Personen im Alter von 14 bis 24 Jahren fand eine Lebens­zeitprävalenzrate der Sozialen Angststörung von 3,5%; wurden subklinische soziale Ängste[1] hinzu gezählt, nahm die Lebenszeitprävalenzrate auf 7,3% zu. Die Einjahresprävalenzraten betrugen 2,6% und bei Hinzunahme subklinischer sozialer Ängste 5,2%. Sehr ähnliche Lebenszeitprävalenzraten für die Soziale Angststörung nach DSM-IV wurden in vier großen Bevölkerungsstudien gefunden, die in Deutschland (7,3%; Wittchen et al., 1999), Frankreich (7,3%; Pélissolo, André, Moutard-Martin, Wittchen & Lépine, 2000), Italien (6,6%; Faravelli, Zucchi, Viviani, Salmoria, Perone, Paionni, Scarpato, Vigliaturo, Rosi, D´adamo, Bartolozzi, Cecchi & Abrardi, 2000) und in den USA (7,2%; Stein, Torgrud & Walker, 2000) durchge­führt wurden. Die Daten aus den USA sprechen zudem für eine zunehmende Prävalenz der Sozialen Phobie, besonders in ihrer generalisierten Form und bei weißen, gebildeten und verheirateten Menschen (Heimberg, Stein, Hiripiri & Kessler, 2000).

Epidemiologische Studien weisen außerdem darauf hin, dass Sozialphobiker etwas häufiger Frauen sind (sex ratio 1,5:1; Lépine & Lellouch, 1995; Schneier et al., 1992). Laut DSM-IV ist jedoch die Geschlechterverteilung in den meisten klinischen Stichproben entweder gleich oder die Männer überwiegen.

1.1.4 Störungsbeginn

Als Störungsbeginn der Sozialen Phobie wird in der Regel das frühe bis mittlere Jugendalter angegeben (Liebowitz, Gorman, Fyer & Klein, 1985) – kurz nach der Pubertät, wobei die Streubreite sehr groß ist (Strauss & Last, 1993; Vasey, 1995; Wittchen, Stein & Kessler, 1999). Last und Mitarbeiter (Last, Perrin, Hersen & Kazdin, 1992) ermittelten einen durchschnittlichen Beginn von 12,2 Jahren, Strauss und Last (1993) von 11,3 Jahren und Schneier et al. (1992) von 15,2 Jahren. Folgt man der Unterscheidung der Sozialen Phobie in zwei Subgruppen (vgl. Abschnitt 1.2 in diesem Kapitel) so gelten diese Zahlen für den generalisierten Subtypus. Der spezifische Typ scheint während der Adoleszenz mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr zu entstehen (Öst, 1987; Turner & Beidel, 1989). Erstmanifestationen nach dem 30. Lebensjahr sind sehr selten, obwohl mit dem Alter die Angst vor sozialer Bewertung zunimmt (Reinecker, 1998).

Dieser frühe Beginn bedarf der genauen Diagnose und Behandlung der Störung, da in dieser Zeit das Bedürfnis zur Entwicklung sozialer Fertigkeiten am größten ist, welche sonst zu sozialer Dysfunktion führen können (Beidel, 1998).

1.1.5 Verlauf und Folgen

Die Störung verläuft nach Ansicht vieler Autoren unbehandelt meist chronisch (z.B. Campbell & Rapee, 1994; Juster & Heimberg, 1995; Kessler et al., 1994). Die Daten aus den Bevölkerungsstudien verweisen allerdings darauf, dass die Ein- und Sechs-Monats-Prävalenzraten weit unter der Lebenszeitprävalenz liegen. Verschiedene Studien verweisen auf Sechs-Monats-Prävalenzraten von 1,2% bis 2,2% (Dilling & Weyerer, 1984; Myers, Weisman & Tischler, 1984; Schepank, 1989; Wittchen et al., 1998). Viele Patienten scheinen die Diagnose einer Sozialen Phobie also nicht dauerhaft zu erfüllen (Magee, Eaton, Wittchen, McGonagle & Kessler, 1996). Katsching, Demal und Windhaber (1998) verweisen in diesem Zusammenhang auf klinische Beobachtungen, nach denen der typische Verlauf der Erkrankung oft von Remissionsphasen durchbrochen ist. Dennoch berichten zwei Studien (Solyom, Ledwidge & Solyom, 1986; Caspi, Elder & Bem, 1988) Ergebnisse, die auf einen chronischen Verlauf schließen lassen.

Sozialphobische Personen sind meist massiv in ihrem Privat- und/ oder Berufsleben beeinträchtigt. Dementsprechend berichteten über 90% einer Gruppe von sozialphobischen Personen eine signifikante Störung ihres beruflichen Fortkommens durch die Angst, 69% fühlten sich in sozialen Beziehungen in der Freizeit stark behindert (Turner, Beidel, Dancu & Keys, 1986). Sozialphobische Personen scheinen zudem häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen (Liebowitz et al., 1985; Magee et al., 1996; Müller, Beloch & Wittchen, 1998) und haben einen durchschnittlich geringeren sozioökonomischen Status (Schneier et al., 1992). Im Vergleich zur Normalbevölkerung und anderen Angstpatienten sind sozialphobische Personen zudem seltener verheiratet und weisen eine höhere Scheidungsrate auf (Borden, 1993; Müller et al., 1998). In einer britischen Stichprobe lebten 95% allein, 60% hatten keinerlei sexuelle Erfahrungen und die meisten der verbleibenden 40% hatten deutliche sexuelle Probleme (Stravynski, Marks & Yule, 1982).

Aufgrund des sehr häufigen Auftretens der Sozialen Phobie während der Adoleszenz sind diese Befunde wenig erstaunlich, da die Soziale Phobie das berufliche Fortkommen und den Aufbau sozialer Beziehungen stark beeinträchtigen kann.

1.1.6 Komorbidität und differentialdiagnostische Abgrenzung

Obwohl die Soziale Phobie selbst mit signifikanten Beeinträchtigungen assoziiert ist und einen sehr langwierigen unremittierten Verlauf nehmen kann, wirkt sich die Erkrankung auf das öffentliche Gesundheitswesen vor allem durch die Komorbidität mit anderen psychiatri­schen Störungen aus, was von vielen Autoren hervorgehoben wird (Liebowitz et al., 1985).

In 81% der Fälle besteht bei einer Sozialen Phobie eine weitere komorbide Störung (vgl. Wittchen, 1996). Besonders häufig werden hier andere Angststörungen, affektive Störungen sowie Substanzabhängigkeiten genannt (Lépine & Pélissolo, 1996).

Auf der Basis retrospektiver Erhebungen konnte ermittelt werden, dass die Soziale Phobie in den meisten Fällen der komorbiden Störung zeitlich vorausging, z.B. in 77% der Fälle bei Schneier et al. (1992), in 34% der Fälle im Rahmen der NCS-Studie (Kessler, McGonagle, Swartz, Blazer & Nelson, 1993). Die zusätzlichen Diagnosen sind also als Folgesymptomati­ken einzustufen. Aufgrund dieses Verteilungsmusters und des frühen Beginns unterstreichen Stangier und Heidenreich (1997) die Bedeutsamkeit sozialer Ängste als Risikofaktor für die Entwicklung anderer psychischer Probleme.

Schwierigkeiten der differentialdiagnostischen Abgrenzung ergeben sich vor allem bei depressiven Störungen und anderen Angststörungen. So lässt sich eine Vermeidung sozialer Kontakte auch bei Vorhandensein einer depressiven Symptomatik beobachten. Hier dürfte diese aber eher auf die durch Interessenverlust und Energielosigkeit gekennzeichnete Symptomatik und weniger auf Bewertungsangst zurückzuführen sein. Die Beziehung zwischen Sozialer Angststörung und Alkoholismus ist sehr komplex (Lépine & Pélissolo, 1998). Während einige Sozialphobiker zum Alkohol greifen, um Angstsymptome in sozialen Situationen im Sinne einer Selbstmedikation zu bewältigen (Smail, Stockwell, Canter & Hodgson, 1984), dürfte exzessiver Alkoholkonsum selbst auch Angstsymptome hervorrufen (Schuckit & Hesselbrock, 1994), so dass ein Teufelskreis von sozialer Angst und Alkoholis­mus entstehen kann. Weiterhin können soziale Ängste häufig den Charakter und das Symptombild von Panikattacken annehmen. Van Ameringen, Mancini, Styan und Donison (1991) berichten das Vorhandensein von Panikattacken bei ca. 50% der Personen mit Sozialer Phobie. Zur diagnostischen Unterscheidung ist es daher wichtig, die Auslösebedingungen klar zu differenzieren. Zudem ist die Panikstörung durch unerwartete situationsgebundene Panikattacken gekennzeichnet, die nicht ausschließlich auf soziale Situationen beschränkt sind.

1.1.7 Zusammenfassung

Die Soziale Phobie ist die klinisch relevante Form der sozialen Angst. Die Diagnose einer Sozialen Phobie schließt eine starke Beeinträchtigung verschiedener Lebensbereiche der Person ein. Subklinische soziale Ängstlichkeit kommt häufig im Rahmen anderer Diagnosen vor. Der von Marks und Gelder (1966) geprägte Begriff der „Sozialen Phobie“ beinhaltet die Furcht vor prüfender Beobachtung durch andere Menschen in verhältnismäßig kleinen Gruppen (nicht dagegen in Menschenmengen) und führt schließlich dazu, dass soziale Situationen mit großem Unbehagen durchgestanden oder gemieden werden, was im Extremfall zu vollständiger sozialer Isolierung führen kann. Die Soziale Phobie ist nach der Major Depression und der Alkoholabhängigkeit die dritthäufigste der psychischen Störungen und somit die am häufigsten auftretende Angststörung (Kessler, McGonagle, Zhao, Nelson, Hughes, Eshleman, Wittchen & Kendler, 1994; Wittchen, 1996). Soziale Phobien gehen zudem mit anderen psychischen Störungen wie Depression, anderen Angststörungen oder Abhängigkeitserkrankungen einher.

Es wurde deutlich, wie unterschiedlich sich die soziale Angst äußern und welche persön­lichen Einschränkungen sie je nach Ausmaß mit sich bringen kann. In vielen Fällen bringen soziale Ängste große Beeinträchtigungen in Schule, Beruf, Familie und Peerbeziehungen mit sich, deren Auswirkungen oft bis ins Erwachsenenalter spürbar sind. Unbehandelt führt diese Erkrankung zu beträchtlicher langfristiger Morbidität mit einer geringen Wahrscheinlichkeit von Spontanremissionen (Davidson et al., 1993; Weiller, Bisserbe, Boyer, Lépine & Lecrubier, 1996).

1.2 Modelle zur Ätiologie der Sozialen Phobie

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Modelle entwickelt, die die Entstehung und Aufrechterhaltung der Sozialen Phobie erklären. Im Folgenden sollen wichtige verhaltens- und kognitionsorientierte Ansätze und Vulnerabilitätsfaktoren der Sozialen Phobie beschrieben werden, aus denen sich Hypothesen hinsichtlich der sozialen Angst bzw. Sozialen Phobie für die vorliegende Studie ableiten lassen.

1.2.1 Entwicklungspsychologische Theorien

1.2.1.1 Biologische Dispositionen

Es scheint gesichert, dass verschiedene Elemente sozialen Verhaltens einen genetischen Ursprung haben (Kagan, 1989; Kagan, Reznick & Snidman, 1988). Kendler und Mitarbeiter (Kendler, Neale, Kessler, Heath & Eaves, 1992) schätzten aufgrund einer Zwillingsstudie den genetischen Anteil zur Entstehung einer Sozialen Phobie nach DSM-III (APA, 1980) bei Frauen auf 30%. Familienstudien (Fyer, Mannuzza, Chapman, Liebowitz & Klein, 1993; Mannuzza, Fyer, Endicott, Gallops, Martin, Reich & Klein, 1992; Reich & Yates, 1988) berichten Werte zwischen 20% und 50%. Allerdings wurden nur innerhalb einer Studie die Angehörigen direkt interviewt (Fyer et al., 1993). In den anderen Studien wurden die sozialphobischen Probanden und die Kontrollpersonen um Auskunft über ihre Angehörigen ersten Grades gebeten.

1.2.1.2 Verhaltenshemmung und Schüchternheit

Im Zusammenhang mit einer subklinischen Form sozialer Angst, der Schüchternheit, fanden sich Hinweise auf ein stark genetisch determiniertes Konstrukt, der behavioralen Inhibition, das auch für Soziale Phobien relevant zu sein scheint (Kagan, 1989). Dem Konstrukt der behavioralen Inhibition liegt die Idee eines Systems zugrunde, dass das Verhalten in Reaktion auf neue Reize und auf Signale der Bestrafung und Frustration hemmen soll (Gray, 1982). Verhaltenshemmung ist eine bereits im Kleinkindalter feststellbare Verhaltensdisposition, die z.B. durch Weinen oder eingeschränktes Explorationsverhalten in ungewohnten Situationen gekennzeichnet ist. Bei Kindern, die dieses Verhalten stabil über Jahre zeigten, wurde überzufällig häufig eine Angststörung und besonders häufig eine Soziale Phobie diagnosti­ziert (Kagan, 1989). Verhaltensgehemmtheit geht mit einer erhöhten Aktivität des sympa­thischen Nervensystems und demzufolge mit starken somatischen Reaktionen in angstauslö­senden Situationen einher.

Sowohl Verhaltenshemmung als auch Schüchternheit können jedoch nicht als ursächliche Faktoren verstanden werden, sondern müssen als Vulnerabilitätsfaktoren betrachtet werden, die eine generelle Bereitschaft zu sozialen Ängsten beschreiben.

1.2.1.3 Einflüsse durch Sozialisation

Neben der genetischen Komponente scheinen Sensibilisierungen durch Umwelteinflüsse die Entwicklung einer Sozialen Phobie zu beeinflussen. Eine Rolle spielt möglicherweise das elterliche Erziehungsverhalten, indem Eltern als Modelle sozial ängstlichen Verhaltens fungieren oder Kinder von sozialen Kontakten zu isolieren suchen und der Meinung anderer einen besonderen Stellenwert in der Erziehung einräumen (Bruch, Heimberg, Berger & Collins, 1989b). Retrospektiv beschreiben sozialphobische Patienten im Vergleich zu Kontrollpersonen und agoraphobischen Patienten ihre Eltern als eher überbehütend, die Mütter eher sozial ängstlich, die Väter eher zurückweisender (Arrindell, Emmelkamp, Monsma & Brilman, 1983; Bruch et al., 1989b; Parker, 1979). Scham wurde zudem häufiger als Erziehungsmittel eingesetzt (Bruch & Heimberg, 1994). Einen ähnlichen Einfluss können später negative Erlebnisse mit der Bezugsgruppe gleichen Alters oder einem gegenge­schlechtlichen Partner haben. Werden solche realen Erfahrungen auf dem Boden eines geringen Selbstwertgefühls und einer hohen Ausprägung öffentlicher Selbstaufmerksamkeit erlebt, können soziale Ängste entstehen. Allerdings sind zur Prüfung dieser Zusammenhänge weitere Untersuchungen, insbesondere Langzeitstudien, erforderlich.

Die nachfolgend beschriebenen Lerntheoretischen Modelle greifen diese ungünstigen Umweltbedingungen in ihrer Vorstellung zur Entstehung von Ängsten auf.

1.2.2 Lerntheoretische Erklärungen

1.2.2.1 Klassische Konditionierung

Es ist heute gut belegt, dass die Paarung eines unkonditionierten Stimulus mit einem aversiven Reiz die Ausbildung konditionierter Angstreaktionen zur Folge hat. Frühe Konditionierungstheorien zur Entstehung von sozialen Ängsten gingen demnach davon aus, dass die Paarung eines sozialen Stimulus, wie das Angeschaut werden durch andere, mit einem aversiven Reiz, wie beispielsweise wiederholte Kritik oder Abwertung durch andere, im Sinne einer klassischen Konditionierung zur Ausbildung einer phobischen Reaktion führen kann. Auch Bestrafungsprozeduren im Sinne operanten Konditionierens wurden diskutiert. Eine solche Angst kann später auf ähnliche Situationen generalisieren. Empirische Belege für diese Annahmen sind jedoch nicht eindeutig.

Untersuchungen (Öst & Hugdahl, 1981; Hofmann, Ehlers & Roth, 1995b; Townsley, 1992) zeigen einerseits, dass häufig vor dem Beginn einer Sozialen Phobie traumatische Ereignisse auftreten. Andererseits fällt auf, dass Kontrollpersonen ebenfalls von solchen Erlebnissen berichteten, jedoch keine Soziale Phobie entwickelten. Es entwickeln also nicht alle Personen nach einem aversiven Ereignis soziale Ängste. Die Daten geben möglicherweise nur schlüssige individuelle Krankheitsmodelle der Individuen wieder und könnten Verzerrungen unterliegen. Es scheint zudem unplausibel anzunehmen, eine einzige Konditionierungserfahrung reiche aus, die Entstehung der Störung zu fördern. Die Schlussfolgerung liegt somit nahe, dass noch weitere Faktoren an der Entstehung einer Sozialen Phobie beteiligt sein müssen.

1.2.2.2 Modelllernen

Neben den Modellen, die sich in ihren Erklärungsversuchen vorwiegend auf die Phylogenese stützen, konzentrieren sich soziale Lernmodelle auf Einflüsse aus der ontogenetischen Entwicklung, die soziale Ängste verursachen oder verstärken können. Im Vordergrund steht hier die Annahme, dass Individuen am Modell und durch Beobachtung lernen (Bandura, 1979) und in diesem Zusammenhang auch Angstreaktionen lernbar sind. Insbesondere Arbeiten aus dem Bereich der Tierforschung geben Hinweise darauf, dass dieser Lernprozess auch beim Rhesusaffen stattfinden kann. Vergleichbare Ergebnisse in der Humanforschung sind rar. Kendler und Mitarbeiter (Kendler et al., 1992) betonen in ihrer Arbeit zur Sozialen Phobie bei Frauen, dass Umwelterfahrungen zusätzlich zur genetischen Prädisposition innerhalb der Ätiologie der Sozialen Phobie notwendig sind, um zu einem Ausbruch der Angst zu führen. Allerdings waren die Hinweise auf spezifisches Beobachtungslernen bei der Entstehung einer Sozialen Phobie gering, und auch familiäre Transmission konnte nur schwerlich nachgewiesen werden. Verschiedene Faktoren können hier die Entwicklung der Ängste fördern, wie es auch für Soziale Phobien plausibel scheint: Kinder können am ängstlichen Modellverhalten ihrer Eltern lernen, Eltern können dem Kind wenig Information über die phobische Situation vermitteln und es wenig zur aktiven Bewältigung der Situation ermutigen und instruieren. Möglicherweise verstärken diese Eltern das Aufsuchen phobischer Situationen und ein erfolgreiches Bewältigen durch die Kinder nicht.

Modelllernen scheint in seiner ätiologischen Funktion bezüglich der Sozialen Phobie Einfluss zu haben, ist aber noch nicht gut empirisch belegt.

1.2.2.3 Preparedness

Die Grundüberlegung der Preparednesstheorie von Seligman (1971) ist, dass Menschen schon bei ihrer Geburt eine Prädisposition dafür besitzen, Ängste vor Objekten oder Situationen zu erwerben, die für sie selbst gefährlich sein könnten. Phobien sind danach Fälle biologisch vorbereiteten Lernens. Grundmerkmale dieser Lerneffekte sind, dass das Lernen in der Regel sehr schnell geschieht und, dass sich das Erlernte als äußerst löschungsresistent darstellt.

Im Rahmen der Anwendung der Preparednesstheorie auf die Soziale Phobie wurde in mehreren Studien die Hypothese überprüft, dass Menschen eine Prädisposition dafür besitzen ärgerliche, kritische oder ablehnende Gesichter als Reize schneller zu erlernen, da ihnen dies erlaubt, in einer Gruppe eine gewisse Stellung innerhalb der vorhandenen Hierarchie einzunehmen (Öhman, 1986; Öhman, Dimberg & Öst, 1985). Die Ergebnisse zeigten zwar eine schnelle Konditionierbarkeit auf ärgerliche Gesichter, größter Kritikpunkt an allen Studien ist jedoch die Tatsache, dass alle Probanden in der Regel schon über eine mehr oder weniger lange Lebenserfahrung verfügen und somit nicht zu klären ist, ob die erhöhte Konditionierbarkeit ontogenetischen oder phylogenetischen Ursprungs war.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchungen erschwert die Anwendbarkeit dieser Theorie auf die Soziale Phobie. So stellten Dimberg, Fredrikson und Lundquist (1986) fest, dass man Probanden auf ein spezifisches ärgerliches Gesicht konditionieren konnte, es jedoch keinen Transfereffekt auf andere ärgerliche Gesichter gab. Dies ist jedoch bei der Sozialen Phobie der Fall, da Sozialphobiker in der Regel nicht Angst vor der Ablehnung durch eine spezifische Person haben, sondern die ablehnende Reaktion (z.B. erkenntlich an einem ärgerlichen Gesicht) einer Vielzahl von Personen, mit denen sie in Kontakt treten, fürchten.

Abschließend bleibt zu bemerken, dass die Preparednesstheorie zwar auf die Soziale Phobie angewendet werden kann, die Zusammenhänge jedoch noch nicht hinreichend belegt sind.

1.2.3 Ein Informationsverarbeitungsmodell der sozialen Angst von Öhman

Aufgrund der kritischen Überlegungen zu älteren Konditionierungsmodellen erweiterten Öhman und Dimberg (Öhman, 1993; Öhman & Dimberg, 1978) die Preparednesstheorie Seligmans (1971) auf den Bereich sozialer Ängste. Öhman (1986) postulierte, dass soziale Ängste sich als Beiprodukt von Dominanzhierarchien entwickeln. Ein soziales Dominanz-/Unterordnungssystem dient der Herstellung und Aufrechterhaltung des sozialen Gefüges in der Gruppe. Dominanz und Unterordnung stellen hierbei zwei gegensätzliche Pole dar, zwischen denen sich Individuen je nach ihrer Rangordnung wieder finden. Unterordnung geht mit dem Gefühl von (sozialer) Angst einher. Die Funktion submissiven Verhaltens besteht in der Abwendung von aggressiven Auseinandersetzungen sowie von dominanteren Individuen ausgehender potentieller Gefahr mithilfe submissiver Gesten. Sozialphobien sollen eher Submission und nicht Flucht als Reaktionskomponenten enthalten (Dimberg, Fredrikson & Lundquist, 1986). Flucht wäre keine dem Individuum förderliche Reaktion, denn soziales Leben bringt größeren Gewinn im Hinblick auf Grundbedürfnisse, wie Lebenserhaltung, Partnerschaft und Sicherheit, als ein isoliertes Leben. Bei Produktion eines submissiven Verhaltensmodus können vermeintlich bedrohliche und dominante Partner beschwichtigt werden, ohne dass das Individuum die Gruppe verlassen muss. Dem Gesichtsausdruck und dem Blickverhalten des Interaktionspartners sollen besondere Bedeutung zukommen. Ein kontinuierliches Anstarren kann Unterwerfung beim Interaktionspartner fördern und eine Komponente submissiven Verhaltens ist das Vermeiden von Blickkontakt.

Das Konzept der sozialen Unterordnung hat Ähnlichkeiten mit dem Konstrukt der beha­vioralen Inhibition bzw. Verhaltenshemmung von Gray (1985; siehe Abschnitte 1.2.1.2 und 1.2.4); ersteres ist empirisch auf eine breite Basis gestützt.

Öhman versuchte, unterschiedliche, teilweise empirisch gut fundierte Modelle und Perspektiven in seinem Ansatz zu integrieren. Kognitionen spielen in diesem eher biologisch und lerntheoretisch ausgerichteten Modell eine untergeordnete und vermittelnde Rolle.

1.2.4 Das neuropsychologische Modell der Angst von Gray

Gray (1982, 1988, 1995) beschreibt in seinem neuropsychologischen Modell der Angst drei voneinander abgrenzbare Verhaltens- bzw. Emotionssysteme; für die Beschreibung des Phänomens „soziale Angst“ eignet sich das Verhaltensinhibitions-System (behavioral inhibition system).

Das Verhaltensinhibitions-System wird aktiviert, wenn Signale für Strafreize, Signale für frustrierende Nichtbelohnung oder unbekannte Reize auf eine Person treffen (siehe Abbildung 1). Dabei setzt die Angstreaktion erst nach dem Vergleich und der Enkodierung der Reize mit dem Gedächtnis ein. Das bedeutet, dass dem Verhaltensinhibitions-System neben der Aufgabe neue Information aus der Umgebung aufzunehmen und mit Mustern aus dem Gedächtnis zu vergleichen, auch die Funktion der Enkodierung und des Screenings Angst auslösender Reize zukommt. Nach Aktivierung des Systems durch ein oder mehrere gleichzeitig auftretende Reize kommt es zu einer Reaktion, die bezüglich der gezeigten Intensität interindividuell unterschiedlich sein kann, sich aber in immer gleicher Weise auf das Erleben und Verhalten auswirkt. Die Reaktion ist gekennzeichnet durch gehemmtes Verhalten, erlebte Angst, einer erhöhten Erregung, einer erhöhten Aufmerksamkeit auf die inhibitionsauslösenden Reize und der Enkodierungserleichterung dieser Reize (vgl. Abbildung 1).

Gray (1982, 1995) lokalisiert das Verhaltensinhibitions-System im limbischen System des Gehirns, das die Hippocampus-Formation und das Septum umfasst. Er beschreibt damit ein separates Subsystem im Gehirn, welches Angst mediiert.

Die empirische Überprüfung des Modells nahm Gray (1982, 1995) mit einer Vielzahl von Tierexperimenten nach dem behavioristischen Paradigma, durch psychopharmakolo­gische Studien und Verhaltensstudien vor. Der Geltungsbereich des Modells beruht somit darauf, inwieweit Ergebnisse aus Tierexperimenten auf den Menschen übertragen werden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Inhibitions-Modell von Gray (1982)

1.2.5 Kognitive Modelle der Sozialen Phobie

Kognitive Theorien haben in der klinisch-psychologischen Forschung immer mehr an Einfluss gewonnen. Sie erwiesen sich für die Theoriebildung als äußerst gewinnbringend und sind dementsprechend auch am besten empirisch gestützt. Auch im Falle sozialer Ängste betonen kognitive Modelle die Relevanz kognitiver Faktoren, wobei die aufrechterhaltenden Bedingungen der Angst im Vordergrund der Konzeptionen stehen. Im Folgenden sollen die theoretischen Annahmen wichtiger kognitiver Modelle zur sozialen Angst kurz dargestellt werden. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem kognitiven Modell von Clark und Wells (1995), das Annahmen älterer Modelle integriert.

1.2.5.1 Das Modell der kognitiven Vulnerabilität von Beck und Emery

Eine der einflussreichsten kognitiven Theorien der Angst stammt von Beck und Mitarbeitern (Beck & Emery, 1985a). Die Autoren formulierten auch differenziertere Aussagen für den Bereich der sozialen Ängste und der Sozialen Phobie.

Als Merkmal von Angststörungen wird ein Vulnerabilitätsmodus als ein kognitiver Verarbeitungsstil beschrieben, der die Wahrnehmung und Verarbeitung von Stimuli, die mit Bedrohung assoziiert sind, erleichtert. Die Autoren definieren Vulnerabilität im Sinne der Selbstwahrnehmung einer Person als Gegenstand interner und externer Gefahren, die nicht oder nicht ausreichend kontrollierbar erscheinen. Grundlage dieses Vulnerabilitätsmodus sind so genannte Gefahrenschemata, die latent aktiviert sind. Schemata werden bei Beck und Clark (1988, S. 24) beschrieben als „functional structures of relatively enduring representations of prior knowledge and experience“ (S. 24). Schemata steuern, wenn sie aktiviert sind, Wahrnehmung, Interpretation, Assoziation und Abruf aus dem Gedächtnis.

Bei sozial ängstlichen Personen wird der Vulnerabilitätsmodus in sozialen Situationen aktiv. Das betreffende Schema definiert eine Person als ungenügend bezüglich ihrer Möglichkeiten, mit sozialen Anforderungen umzugehen. Soziale Situationen werden als Zustand konstruiert, in dem die Gefahr besteht, Anzeichen von Verletzbarkeit oder Schwäche zu zeigen. Dem „Attentional binding“ entsprechend lenken sozial ängstliche Personen ihre Aufmerksamkeit und ihr Denken bevorzugt auf mögliche soziale Versagenssituationen. Weiterhin haben sie Selbst-Schemata, die zu einer Überschätzung der eigenen Verletzbarkeit führen. Dies geht auch mit der Erwartung einer negativen Bewertung durch andere einher („Catastrophising“). Soziale Informationen werden entsprechend schemakonform wahrge­nommen und interpretiert (z.B. durch Minimieren der eigenen Stärken).

Die Theorie von Beck und Mitarbeitern beruhte zunächst auf rein klinischen Beo­bach­t­un­gen. Die Kernannahme bezüglich des Vorhandenseins latenter Schemata, die durch Belastungen aktiviert werden und dann zu Angststörungen führen, ist noch nicht belegt. Eine häufige Kritik besteht in der Ungenauigkeit und mangelnden Greifbarkeit des Schema-Begriffs. Becks Theorie stellt den ersten systematischen Ansatz für eine kognitive Theorie der Angststörungen dar, der eine Reihe von Weiterentwicklungen erfahren hat.

1.2.5.2 Das Selbstdarstellungsmodell von Schlenker und Leary

Nach dem Selbstdarstellungsmodell von Schlenker und Leary (1982) entsteht soziale Angst durch das Erleben oder die Antizipation von sozialer Bewertung in realen oder imaginierten sozialen Situationen. Dabei muss die Person eine starke Motivation besitzen, einen bestimmten Eindruck auf andere Personen zu machen, bei gleichzeitigem Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, diesen Eindruck auch zu vermitteln. Soziale Angst wird in diesem Modell somit als Funktion von Selbstrepräsentationsproblemen gesehen. Wenn eine dieser Bedingungen in der Situation nicht zutrifft, sollte auch keine soziale Angst in der Situation erlebt werden. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn der Person der eigene Eindruck egal ist oder die Person sehr sicher ist, dass sie den von ihr gewünschten Eindruck hinterlassen wird. Soziale Angst hat in diesem Fall die Funktion, drohenden sozialen Ausschluss anzukündigen, der als evolutionär begründet bedrohlich gilt: Das isolierte Überleben einer Person gestaltet sich weit weniger komfortabel als das Überleben im sozialen Kontext (Leary & Kowalski, 1995). Soziale Angst ist nach diesem Modell multifaktoriell bedingt, und die Entstehungsbe­dingungen stellen sich für jedes Individuum unterschiedlich dar.

Das Selbstdarstellungsmodell vereint sowohl kognitive Aspekte (Wunsch nach Anerken­nung, negative Sicht der eigenen Person), wie sie das Forscherteam um Beck (Beck, Emery & Greenberg, 1985b; siehe Abschnitt 1.2.5.1) formulieren, als auch verhaltenstheoretische Faktoren (konditionierte emotionale Reaktionen, Mangel an sozialen Fertigkeiten) miteinander. Eine Schwäche des Modells besteht jedoch darin, dass es nicht im Detail das Zusammenspiel dieser Einflussfaktoren erklärt. Dieses Zusammenwirken wird auf der Grundlage des Selbstdarstellungsmodells durch das Kognitive Modell der Sozialen Phobie von Clark und Wells (1995) beschrieben (siehe Abschnitt 1.2.5.4).

1.2.5.3 Ein integriertes kognitiv-behaviorales Modell von Heimberg

Heimberg und Kollegen (Heimberg, Juster, Hope & Mattia, 1995; Juster, Brown & Heimberg, 1999) fassen nahezu alle oben genannten Modelle (Beck & Emery, 1985a; Buss, 1986; Leary & Atherton, 1986; Stopa & Clark, 1993) sowie Forschungsbefunde in einem integrativen Ansatz zusammen. Komponenten des Modells sind dementsprechend genetische und Umgebungsfaktoren, Überzeugungen und Vorhersagen bezüglich sozialer Situationen, Angstsymptome und Konsequenzen der Angst.

Als Grundlage dient das Diathese-Stress-Modell, das die Entstehung einer Sozialen Phobie bei entsprechender genetischer Prädisposition und dem Vorliegen bestimmter Umweltereig­nisse vorhersagt. Diese Umweltereignisse wie z.B. die modellhafte Ängstlichkeit der Eltern oder die negativen Erfahrungen mit Gleichaltrigen führen zu negativen Überzeugungen bezüglich sozialer Situationen. Subjektive Überzeugungen und Vorhersagen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sich Personen sozialen Situationen nur besorgt nähern und sie, wenn möglich, vermeiden. Sozialphobische Personen vertreten die Auffassung, dass unangenehme Erlebnisse im Zusammensein mit Anderen nur dann vermieden werden können, wenn sie sich in der sozialen Situation perfekt verhalten. Negative Vorerfahrungen und der hohe Anspruch an die eigene Kompetenz führen zu einer Sensibilisierung gegenüber denen als gefährlich empfundenen Reize. Ihre erhöhte physiologische Erregung während sozialer Interaktionen dient als weiterer Beleg der Gefahr und ihrer Schwierigkeiten, sie zu bewältigen. Somit führen eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit, selektive Informationsverarbeitungsprozesse und befürchtete oder tatsächliche Konsequenzen der Angst zur Aufrechterhaltung der Störung. Jeder dieser Prozesse kann die anderen verstärken, so dass es zu einer schnellen Eskalation der Angst und zu einem wirklich unangemessenen Verhalten kommen kann.

Für Teilaspekte des kognitiv-behavioralen Modells der Sozialphobie liegen unterstüt­zende empirische Befunde vor, wobei das Modell als Ganzes bisher noch nicht adäquat überprüft worden ist. Viele dieser Annahmen finden sich auch im kognitiven Modell nach Clark und Wells (1995), das nachfolgend dargestellt werden soll.

1.2.5.4 Das kognitive Modell der Sozialen Phobie von Clark und Wells

Aufbauend auf der Theorie von Beck und Emery (1985a) entwickelten Clark und Wells (1995) ein kognitives Modell der sozialen Angst, das eine sehr genaue Beschreibung kognitiver Prozesse beinhaltet, die soziale Ängste und speziell Soziale Phobien bedingen und charakterisieren sollen. Als Hauptproblem der sozialen Angst, ebenso wie im Selbstdar­stellungsmodell von Schlenker und Leary (1982; siehe Abschnitt 1.2.5.2) sehen sie den starken Wunsch der Betroffenen, nach außen hin einen guten Eindruck zu machen und gleichzeitige Zweifel, dazu auch in der Lage zu sein. Zentrales Merkmal dieser Theorie ist daher nicht die Annahme einer gesteigerten Aufmerksamkeit gegenüber möglicher äußerer Bedrohung, sondern die einer verstärkten Beschäftigung mit der eigenen Person vor dem Hintergrund dysfunktionaler Annahmen bezüglich äußerer Normen und eigener Fähigkeiten.

Abbildung 2 stellt das kognitive Modell der Sozialen Phobie von Clark und Wells (1995) dar und zeigt die Prozesse und Wechselwirkungen, die bei der Konfrontation mit gefürchteten sozialen Situationen in Gang gesetzt werden. In seiner Darstellung kann es durchaus als Teufelskreis bezeichnet werden, da sich die einzelnen Faktoren gegenseitig stark beeinflussen und somit zur Entstehung und zur Aufrechterhaltung der Problematik beitragen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das kognitive Modell der Sozialen Phobie von Clark und Wells (1995)

Clark und Wells (1995) gehen davon aus, dass das Aufsuchen, aber auch die Antizipation oder Erinnerung einer gefürchteten sozialen Situation ein so genanntes „Angstprogramm“ automatisch in Gang setzt, in dem eine Reihe von kognitiven, affektiven, somatischen und behavioralen Reaktionen aktiviert werden, die stark miteinander interagieren. Dieses Programm ist nur bedingt durch den Sozialphobiker steuerbar, da es, wie vermutet, evolutionären Ursprungs ist und somit den Organismus vor Gefahr schützen soll. Wenn die reale Gefahr höher eingeschätzt wird, als sie tatsächlich ist, wird dieses Angstprogramm dysfunktional. Es entstehen mehrere Teufelskreise, die soziale Angst aufrechterhalten und verstärken, da sie den Betroffenen davon abhalten, korrigierende Erfahrungen zu machen, die eine rationalere Beurteilung der Umwelt ermöglichen würden. Als Konsequenz dieser abgebildeten Abläufe fühlt sich die Person aufgrund bevorstehender oder bereits ablaufender Situationen sehr stark in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Sie nimmt sich selbst in hohem und vor allem aversiven Maß als „soziales Objekt“ wahr. Neben einer starken körperlichen Erregung kommt es zur Angst, dass diese Symptome von anderen beobachtet werden könnten (z.B. Schwitzen, Erröten).

Aufgrund der Tiefe und des Detailreichtums stellt das Modell von Clark und Wells (1995) die bisher umfassendste Konzeption der Sozialen Phobie auf kognitiver Grundlage dar (Stangier, Heidenreich & Peitz, 2003). Kognitive Prozesse werden detailliert in verschiedenen zeitlichen Abschnitten vor, in und nach einer sozialen Situation beschrieben. Durch die Beschreibung von Rückkoppelungsprozessen ergibt sich auch eine praktische Relevanz für die Psychotherapie sozialer Ängste.

1.2.6 Abschließende Bemerkungen zu den Modellen der sozialen Angst

Empirische Befunde sprechen gegen die alleinige Gültigkeit einer Theorie. Vielmehr geht man davon aus, dass für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Sozialen Phobie ein Zusammenwirken dieser verschiedenen betrachteten Faktoren verantwortlich ist, welche in unterschiedlichem Maße Einfluss ausüben. Die Auseinandersetzung mit den Ursachen der Sozialen Phobie sollte deshalb aus einer multifaktoriellen Perspektive erfolgen (Stangier & Fydrich, 2002).

In den meisten der vorgestellten Modelle (Clark & Wells, 1995; Leary & Kowalski, 1995; Rapee & Heimberg, 1997) spielt das Erleben und die Wahrnehmung der eigenen Angst durchweg eine wichtige oder sogar zentrale Rolle. Dabei kann angenommen werden, dass die Wahrnehmung internaler Information zumindest zum Teil Interozeption physiologischer Veränderungen einschließt (Gerlach, 2002). Allerdings ist davon auszugehen, dass die Beeinflussung der subjektiv empfundenen Angst durch physiologische Veränderungen zu einem großen Teil kognitiv vermittelt ist. Untersuchungen mit Patienten, die aufgrund einer Verletzung der Wirbelsäule über keine Rückmeldung der peripheren physiologischen Aktivitäten verfügen, zeigten uneingeschränkte bzw. sogar verstärkte subjektiv-emotionale Erlebensfähigkeit (Bermond, Nieuwnhuyse, Fasotti & Schuerman, 1991). Zudem führte in Studien mit einer falschen Rückmeldung über einen Herzratenanstieg in einer Redesituation tatsächlich zu einem erhöhten Bericht von erlebter Angst bei ängstlichen Probanden (z.B. Borkovec, Wall & Stone, 1974; Shahidi & Baluch, 1991; Valins, 1966). Dies unterstreicht die Bedeutung körperlicher Symptome bei Sozialphobikern; die Möglichkeit der Wahrnehmung dieser Symptome (z.B. Schwitzen oder Zittern) durch Andere stellt für Betroffene eine zusätzliche Bedrohung dar. Sozialphobiker haben Angst, dass man ihnen dadurch ihre Nervosität ansieht. Somit spielen physiologische Prozesse eine wichtige Rolle in der Entwicklung und Aufrechterhaltung der Sozialen Phobie.

1.3 Psychophysiologische Aktivierung und subjektiv empfundene Angst bei der Sozialen Phobie

1.3.1 Der Begriff der Emotion

Das Angsterleben wird zu den Emotionen gezählt. Deshalb soll an dieser Stelle auf die Emotionen näher eingegangen werden.

Über hundert Jahre nachdem James (1884) die Frage stellte „What is an emotion?“ gibt es nach wie vor keinen Konsens über die Antwort. Allein Kleinginna und Kleinginna (1981) haben insgesamt 92 Definitionen zusammengetragen und versuchten diese zu ordnen. Dies spiegelt ein steigendes Interesse an dem Thema „Emotion“ wider, ohne dass eine Konvergenz der Konzepte erreicht werden konnte. So fasst LeDoux (1995, S. 1059) zusammen:

„Emotion has proven to be a slippery concept for both psychologists and neuroscien­tists. After much research and debate, there is still no consensus as to exactly what emotion is.“

Das Wort „Emotion“ (Synonym: Gefühl, Affekt = starkes Gefühl) leitet sich vom lateinischen Begriff emovere ab und bedeutet „herausbewegt“ oder „erschüttert“ (Dorsch, 1994). Eine in der psychologischen Forschung zumindest weit verbreitete Definition von Emotionen (Hamm & Vaitl, 1993) ist, dass diese Reaktionsmuster auf körperinterne und/ oder externe Reize sind. Emotionen können dabei durch ein Ereignis, eine Situation oder durch den Gedanken an ein Ereignis bzw. an eine Situation ausgelöst werden.

Einigkeit besteht zudem darüber, dass sich Emotionen wenigstens in drei Komponenten oder Indikatorbereichen manifestieren (Meyer, Schützwohl & Reisenzein, 1993; vgl. auch Abschnitt 1.1.1)[2]:

a) der subjektiven Erlebnisebene aufgrund verbaler Äußerungen
b) dem vom Autonomen Nervensystem gesteuerten physiologischen Veränderungen (periphere, zentralnervöse, humorale, immunologische Veränderungen usw.) und
c) dem beobachtbaren motorisch-expressiven Verhalten (Mimik, Gestik, Vokalisa­tion), „besonders das“ Ausdrucksgebaren „im Gesicht“ (Izard, 1990, S. 20).

Von großem Interesse in der Emotionsforschung ist die Bedeutung der vom Autonomen Nervensystem gesteuerten physiologischen Veränderungen für das emotionale Geschehen. Bis heute ist die Frage, ob jede Emotion spezifische autonome Reaktionsmuster besitzt oder ob alle Emotionen lediglich von einem eher unspezifischen, vorwiegend vom Sympathikus dominierten Erregungsniveau (im Sinne einer Mobilisierung energetischer Ressourcen) begleitet sind, noch nicht vollständig geklärt. Somit gibt es verschiedene Theorien, die nebeneinander in Konkurrenz stehen (Fahrenberg, 1982; eine detaillierte Übersicht geben Schandry, 1988).

1.3.2 Forschungsbefunde zu Herzraten, Hautleitwerten und subjektiven Empfindungen bei sozialer Angst

Im Rahmen dieser Arbeit werden sowohl die Herzrate und die Hautleitfähigkeit als auch die subjektiv empfundene Angst als abhängige Variablen zur Beobachtung des Angstausdrucks von Sozialphobikern herangezogen. Diese Variablen wurden bereits in zahlreichen Arbeiten zum Thema „Soziale Phobie“ untersucht. Ziel war hier in der Regel, physiologische Parameter zu finden, die es erlauben, zwischen Subgruppen von Sozialphobikern (z.B. generalisierte vs. spezifische Sozialphobiker, siehe Abschnitt 1.1.2) zu unterscheiden (z.B. Heimberg, Hope, Dodge & Becker, 1990; Hofmann, Ehlers, Newman & Roth, 1995a; Levin, Saoud, Strauman, Gorman, Fyer, Craword & Liebowitz, 1993). Da diese Unterschiede nur in geringem Maße innerhalb dieser Arbeit interessieren, wird der Schwerpunkt dieses Abschnitts auf der Darstellung der physiolo­gischen Aktivierung – insbesondere Herzrate und Hautleitfähigkeit – und des subjektiven Angsterlebens von Sozialphobikern unabhängig von der Zuordnung zu einer Subgruppe liegen. Die folgenden Studien gliedern sich dabei in jene, die an Sozialphobikern mit der Diagnose nach DSM durchgeführt wurden sowie in Analogstudien, welche hauptsächlich Studenten untersuchten, die aufgrund von Fragebögen als sozial ängstlich eingestuft wurden. Bei der Auswahl der Studien wurde jenen mit Bezug der gewonnenen Ergebnisse an sozialphobischen bzw. sozial ängstlichen Personen zu einer gesunden Kontrollgruppe den Vorzug gegeben. In einem anschließenden Überblick sollen die Befunde zusammengefasst und Schlussfolgerungen für diese Studie gezogen werden.

1.3.2.1 Untersuchungen an sozialphobischen Stichproben

Unterschiedliche physiologische Aktivierung von Sozialphobikern und Kontrollpersonen

Davidson, Marshall, Tomarken und Henriques (2000) verfolgten bei ihrer Untersuchung von 18 Sozialphobikern und 10 Kontrollpersonen während der Antizipation einer Rede einen mehrdimensionalen Ansatz. Sie erhoben neben der elektrischen Gehirnaktivität (Elektroenze­phalogramm [EEG]), die autonome Aktivität (Herzrate, Blutdruck) sowie Selbsteinschätzun­gen der Angst und des Affekts ihrer Probanden mittels der Positive and Negative Affect Schedule (PANAS; Watson, Clark & Tellegen, 1988) und des State-Trait Anxiety Inventory (STAI; Spielberger, Gorsuch, Lushene, Vagg & Jacobs, 1983). Die Diagnose einer Sozialen Phobie erfolgte anhand der DSM-IV-Kriterien (APA, 1994). Zudem musste diese Probanden­gruppe eine spezifische Furcht vor Redesituationen vor einem kleinen Publikum aufweisen. Bei der Kontrollgruppe durfte keine psychische Störung vorliegen. Der Ablauf erlaubte die Erhebung der abhängigen Variablen während unterschiedlicher Versuchsbedingungen: Baseline, Antizipation der Rede (Die Probanden wurden informiert eine fünf- bis zehnminü­tige Rede vor einem 24-köpfigen Publikum bestehend aus Studenten und Wissenschaftlern zu halten, welche den Vortrag einschätzen würden.), Vorbereiten der Rede (Das Thema der Rede wurde mitgeteilt.) und Ruhebedingung nach dem Vortrag. Während der Antizipations- und Vorbereitungsphase wurde den Probanden zusätzlich die verbleibende Zeit über Kopfhörer mitgeteilt.

Die Sozialphobiker berichteten unter allen Bedingungen mehr Angst als die Gruppe der Kontrollpersonen. Zudem ergab sich ein signifikanter Haupteffekt für den Faktor Bedingung, der von den Phobikern getragen wurde. Diese zeigten eine starke Zunahme ihrer selbstbe­richteten Angst von Baseline zur Antizipations-Bedingung (PANAS: Zunahme im negativen Affekt von 67%), während Kontrollpersonen keine Variation über alle drei Messzeitpunkte (PANAS: Zunahme im negativen Affekt von weniger als 10%) aufwiesen.

Die Herzraten der Sozialphobiker waren während aller Bedingungen – mit Ausnahme der Vorbereitungsphase – signifikant höher als die der Kontrollgruppe. Dabei zeigten jedoch auch die Kontrollpersonen eine starke Zunahme der Herzrate in der Antizipations- und Vorberei­tungsphase, die parallel zur Gruppe der Sozialphobiker verlief.

Ähnliche physiologische Aktivationsunterschiede zwischen Sozialphobikern und Normalper­sonen konnte Gerlach (1998) auch in einer anderen sozialen Belastungssituation finden. In dieser Untersuchung durchliefen 30 Sozialphobiker und 14 Kontrollpersonen drei in der Reihenfolge randomisierte soziale Verhaltenstests, nachdem die Diagnosen mit einem standardisierten Interview für DSM-IV vergeben wurden. Die Versuchspersonen mussten mit einer unbekannten, fremdgeschlechtlichen Person eine Unterhaltung führen, eine Rede halten und wurden zudem gebeten zusammen mit Zuschauern ein Video anzusehen, auf dem sie sich selbst singen sehen konnten.

Sozialphobiker berichteten signifikant mehr Angst – gemessen mittels einer zehnfach gestuften Likertskala – während der Baseline-, der Antizipations- und den performance-Phasen aller Aufgaben als Kontrollpersonen. Weiterhin zeigte sich für die selbstberichtete Angst ein Effekt wiederholter Messungen für den Faktor Aufgabe, der mehr Angst für die Gruppe der Sozialphobiker während der Redesituation gegenüber beiden anderen Tests anzeigt.

Die Herzraten waren, unabhängig von der jeweiligen Gruppe, während der Redesituation am höchsten. Eine Analyse der Herzrate hinsichtlich des Versuchsgruppenvergleichs ergab signifikant höhere Messungen während der Videovorführung und der Rede für Sozialphobiker gegenüber den nicht ängstlichen Kontrollpersonen. Während des Gesprächs mit der fremden Person konnten keine Herzratenunterschiede zwischen den Probandengruppen festgestellt werden.

Hinsichtlich der Hautleitfähigkeit resultierte ebenfalls kein signifikanter Unterschied zwischen Sozialphobikern und Kontrollpersonen. Die Autoren schließen in Anlehnung an Puigcerver, Martinez-Selva, Garcia-Sanchez und Gomez-Amor (1989), dass der Hauptunter­schied zwischen Sozialphobikern und Kontrollpersonen in der internalen Bewertung physiologischer Reaktionen als in den Reaktionen selbst liege.

Da emotionales Erröten und Schwitzen zwei somatische Symptome sind, die Sozialphobiker am häufigsten berichten, bestimmten Gerlach, Wilhelm, Gruber und Roth (2001) das Ausmaß von Errötungsbeschwerden bei der oben beschriebenen sozialphobischen Stichprobe und teilten diese in entsprechende Gruppen. Die Messungen an den 15 Sozialphobikern mit, 15 ohne Errötungsbeschwerden sowie den 14 Kontrollpersonen wurden analysiert, um den Zusammenhang zwischen physiologischen und psychologischen Aspekten des Errötens zu klären.

Die Annahme einer verstärkten Zuwendung der Sozialphobiker zu physiologischen Reaktionen konnte für die Befunde des Errötens bestätigt werden. Interessanterweise erröteten Sozialphobiker nur während der Videovorführung mehr als die Kontrollpersonen, berichteten jedoch von stärkerem Erröten während aller drei Tests. Auch die Gruppe der Kontrollperso­nen wies diese Diskordanz auf, jedoch in entgegengesetzter Richtung. Die Autoren vermuten, dass diese Diskrepanz mit nach innen gerichteter Aufmerksamkeit der Sozialphobiker zu erklären ist. Da sie ihre Aufmerksamkeit im Gegensatz zu Kontrollpersonen verstärkt auf innere Sensationen lenken, bemerken sie geringe Veränderungen möglicherweise leichter.

In einem weiteren Analyseschritt prüften Gerlach, Wilhelm und Roth (2003) an derselben Stichprobe den jeweiligen Einfluss parasympathischer und sympathischer Aktivität auf die Soziale Phobie, insbesondere beim Schamempfinden. Ziel war es zu bestimmen, ob parasympathische Aktivation zwischen Sozialphobikern und gesunden Kontrollpersonen differenziert. Dazu wurde ausschließlich die Gesangssituation analysiert, die bekanntermaßen in beiden Probandengruppen Schamerleben hervorruft.

Die Befunde weisen für Sozialphobiker und Kontrollpersonen auf eine Zunahme der Aktivität des sympathischen Nervensystems hin, wie die Zunahme der Herzrate, des Hautleitfähigkeitsniveaus und der Zahl der Hautleitfähigkeitsschwankungen belegen, sowohl während der Antizipation als auch während der Testsituation. Die parasympathische Aktivität – angezeigt beispielsweise durch eine Herzratendezeleration – war während des Scham­erlebens nicht erhöht im Vergleich zur Baselinephase oder nicht peinlichen Bedingung. Zudem konnte in keiner Versuchsgruppe ein Aktivitätswechsel zwischen dem sympathischen und parasympathischen Teil des Autonomen Nervensystems festgestellt werden. Der einzige Unterschied zwischen beiden Probandengruppen bestand in höheren Herzraten der Sozialphobiker, ein Zeichen sympathischer Aktivation.

Ähnliche physiologische Aktivierung von Sozialphobikern und Kontrollpersonen

Auch Edelmann und Baker (2002) verglichen physiologische Reaktionen und selbstberichtete Körpersensationen von Sozialphobikern, klinisch Ängstlichen und nicht ängstlichen Kontrollpersonen. Die Gruppe der Sozialphobiker bestand aus 18 Personen (16 Frauen und 2 Männer) mit der Hauptdiagnose einer generalisierten Sozialen Phobie; die beiden anderen Versuchsgruppen setzten sich ebenfalls aus jeweils 18 Personen zusammen. Die Diagnosen wurden auf der Basis von klinischen Interviews für das DSM-III-R gestellt. Für die Teilnehmer der gesunden Kontrollgruppe wurden jegliche psychiatrische Erkrankungen ausgeschlossen. Die Aufgabe der Teilnehmer bestand in der Vorstellung und Visualisierung einer persönlich relevanten angstauslösenden Szene sowie einer neunminütigen sozialen Konversation mit einer Frau, bei der die Versuchspersonen die Unterhaltung initiieren sollten.

Die Probandengruppen unterschieden sich nicht in den physiologischen Messungen von Herzrate, Hautleitfähigkeit, Gesichts- und Nackentemperatur während der Baseline- sowie der Testphasen. Allerdings schätzten beide klinische Gruppen ihr Herzrasen und Händeschwitzen bezüglich beider Aufgaben höher im Vergleich zu Kontrollpersonen ein. Im Hinblick auf die soziale Interaktion erreichten die höheren Einschätzungen des empfundenen Herzrasens der Sozialphobiker gegenüber beiden anderen Probandengruppen Signifikanz. Die Autoren schließen aufgrund dieser Befunde, dass Sozialphobiker kein spezielles physiologisches Reaktionsmuster bei sozialer Bedrohung erleben, jedoch eine erhöhte physiologische Erregung gegenüber nicht ängstlichen Personen wahrnehmen, was mit den heutigen Modellvorstellungen der Sozialen Phobie im Einklang stehe. Zu bemerken wäre an dieser Studie jedoch, dass der größte Teil der Probanden Frauen waren.

Turner, Beidel und Larkin (1986) gingen der Annahme nach, dass die Reaktionsmuster der sozialen Angst abhängig von der untersuchten sozialen Situation sind (vgl. Gramer & Huber, 1994). Die Autoren beobachteten 17 Probanden mit der Diagnose einer Sozialen Phobie nach DSM-III (1980), 26 Probanden mit sozialer Angst (ermittelt durch erhöhte Werte in Fragebögen zur sozialen Angst) und 26 Probanden ohne soziale Angst (ermittelt über unauffällige Werte in Fragebögen zur sozialen Angst) in drei unterschiedlichen sozialen Belastungstests. In dem ersten Test sollten die Probanden in einem Rollenspiel mit einer Person ihres Geschlechts ein dreiminütiges Kennenlerngespräch führen. Im Zweiten führten die Probanden ein Rollenspiel mit einem Partner des anderen Geschlechts durch; die Probanden sollten drei Minuten lang ein Gespräch im Rahmen eines ersten Rendezvous in einem Restaurant nachspielen. Der dritte Belastungstest bestand aus einer fünfminütigen Rede.

Die Ergebnisse dokumentieren, dass in Abhängigkeit von der jeweiligen sozialen Situa-tion, die begleitenden Angst bezogenen Kognitionen und die physiologischen Reaktionen unterschiedlich ausfallen. So konnten keine Herzratenunterschiede zwischen den Versuchs­gruppen festgestellt werden, jedoch Herzratenunterschiede zwischen den einzelnen Untersuchungssituationen für die Gruppe der Sozialphobiker und sozial ängstlichen Personen, in dem Sinne, dass die Herzraten der Probanden während des Rollenspiels mit dem gleichgeschlechtlichen Partner signifikant niedriger ausfielen als während der Redesituation.

Auch die Analyse positiver Kognitionen ergab einen Haupteffekt für den Faktor Aufgabe; alle Probanden schilderten mehr positive Gedanken während der gleichgeschlechtlichen im Vergleich zur gegengeschlechtlichen Interaktion. Während der Redebedingung wurden die wenigsten positiven Kognitionen berichtet. Ein weiterer Haupteffekt zeigte sich für den Faktor Gruppe; die nicht ängstliche Kontrollgruppe berichtete signifikant mehr positive Gedanken während aller Aufgaben im Vergleich zu sozial ängstlichen und sozialphobischen Personen, die sich nicht signifikant voneinander unterschieden.

Aufgrund der teilweise situationsspezifisch beeinflussten kognitiven Reaktionsmuster kann man nach Ansicht der Autoren zwar nicht von einem invarianten kognitiven Stil für die gesamte Bandbreite interpersonaler Situationen ausgehen. Turner und Mitarbeiter (1986) betonen jedoch die Bedeutung der Untersuchung verschiedener interpersonaler Situationen.

Geschlechtsunterschiede

Der Frage, ob Geschlechterdifferenzen hinsichtlich autonomer und hämodynamischer Reaktionen auf aversive Ereignisse bei Sozialphobikern bestehen, gingen Grossman, Wilhelm, Kawachi und Sparrow (2001) nach. Sie untersuchten ältere Probanden, um die Wirkung eventuell veränderter kardiovaskulärer Funktionen auf konorare Erkrankungen zu untersuchen. Die Teilnehmer ihrer Studie, 21 ältere sozialphobische Männer und 9 Frauen (N=12 mit generalisierter Sozialer Phobie, N=18 mit spezifischer Sozialer Phobie) sowie 30 nicht ängstliche Kontrollpersonen wurden in einer Ruhephase und während der Vorbereitung und des Haltens einer Rede untersucht. Die Diagnose wurde anhand der DSM-III-R-Kriterien (APA, 1987) gestellt. Zunächst fand eine 10-minütige Baselinephase statt, auf die freiwilliges beschleunigtes Atmen (paced breathing) bei 15cpm, die Vorbereitung einer Rede und schließlich die Rede selbst folgten. Als Thema für ihre Rede wurden die Teilnehmer gebeten, sich an eine kurz zurückliegende Situation zu erinnern, die sie ängstlich oder wütend machte. Ihre Rede trugen sie vor einer Kamera und einem Versuchsleiter vor, wobei sie die Auskunft erhielten, dass das Video später hinsichtlich Inhalt und Stil der Rede ausgewertet würde. Physiologische Maße wurden in beiden Testphasen (Vorbereitung und Rede) erhoben. Zudem beantworteten die Teilnehmer nach jedem Abschnitt, von der Vorbereitung abgesehen, einen Selbstevaluierungsbogen.

Die physiologischen Daten zeigen an, dass die Vorbereitung und das Halten der Rede starke kardiovaskuläre Reaktionen über die Gruppen hervorriefen, der Vergleich von selbstberichteten Emotionen und physiologisch gemessener Angst der Sozialphobiker jedoch Inkongruenz aufweist. Obwohl höhere Niveaus und Reaktionen psychosomatischer Selbstbeurteilungen vorlagen, zeigte sich kein entsprechender Anstieg von Blutdruck oder Herzrate. Kongruenz zwischen subjektiven Einschätzungen und physiologischen Parametern lag nur vor, wenn das Geschlecht beachtet wurde: Während der Rede erlebten sozialphobische Frauen einen stärkeren Anstieg der Angst, Feindseligkeit, Verlegenheit, somatischer Beschwerden und kardial-assoziierter Beschwerden gegenüber sozialphobischen Männern und wiesen höhere Herzraten als diese auf. Konsistent mit ihrer offensichtlichen Überreaktivität zeigten sozialphobische Frauen auch die größten physiologischen Reaktionen während der Redebedingung. Zwischen nicht ängstlichen Männern und Frauen bestand kein Herzratenunterschied.

Die Autoren schließen die Möglichkeit, dass sozialphobische Frauen furchtsamer sind als Männer, und dass Differenzen auf unterschiedlichen Angstniveaus beruhen, nicht aus. Sie diskutieren, dass Frauen möglicherweise weniger Rede-Praxis besitzen als Männer und dadurch stärker physiologisch reagieren. Zudem wurden die männlichen Teilnehmer aus Langzeit-Untersuchungen rekrutiert und sind deshalb mehr an Umgebungen gewöhnt, die der Untersuchungssituation ähneln.

1.3.2.2 Untersuchungen an sozial ängstlichen Stichproben

Die Schwierigkeit bei der Darstellung der folgenden Analogstudien besteht aufgrund unterschiedlicher definierender Kriterien der Stichproben und dem unterschiedlichen Ausmaß ihrer Beeinträchtigungen in der fehlenden oder ungenauen Angabe des Ausmaßes der Übereinstimmung zwischen den untersuchten Probanden mit Sozialphobikern und somit in der Übertragbarkeit der Befunde auf klinische Stichproben.

Physiologische Aktivierung beim Betrachten von Bildern

Merckelbach, van Hout, van den Hout und Mersch (1989) versuchten in ihrer Studie zur Reaktion auf unterschiedliche Gesichtsausdrücke herauszufinden, ob sozial ängstliche Menschen reaktiver auf ärgerliche Gesichtsausdrücke sind als normale Kontrollpersonen. Die Autoren gingen damit der Annahme nach, dass Menschen im Sinne der Preparednesstheorie von Seligman (1971; vgl. Abschnitt 1.2.2.3) biologisch besonders sensitiv für faciale Reize (besonders für Augenkontakte) sind und diese Sensitivität bei Sozialphobikern stärker ausgeprägt ist. Dazu wurde die Hautleitfähigkeit und die subjektive Bewertung (auf einer zehnfach gestuften Likertskala von angenehm bis unangenehm) bei der Betrachtung ärgerlicher und glücklicher Gesichter sowie neutraler Abbildungen von 9 sozial ängstlichen (davon 7 Frauen) und 9 nicht ängstlichen Kontrollpersonen bestimmt. Nach einer Ruhephase von vier Minuten wurde jedes Bild für acht Sekunden sechs Mal in randomisierter Reihenfolge dargeboten. Im Anschluss an diese Bilddarbietung wurden die Versuchspersonen unter Vorlage der Stimuli gebeten diese hinsichtlich ihrer Valenz zu bewerten.

Bezüglich der Hautleitfähigkeit zeigten sich in ähnlicher Weise wie bei Grossman et al. (2001) sowie Turner et al. (1986) stimulusspezifische Reaktionen über alle Probanden; ärgerliche Gesichtsausdrücke riefen stärkere Hautleitfähigkeitsreaktionen hervor als glückliche Gesichter oder neutrale Bilder. Das Hautleitfähigkeitsniveau der Gruppe der sozial ängstlichen Personen war für alle Bilddurchläufe gegenüber jenem von normalen Kontrollpersonen leicht erhöht. Es fand sich jedoch kein Haupteffekt für Gruppe oder ein Interaktionseffekt für Gruppe und Reizart. Diese Befunde ließen sich nicht auf unterschiedliche Baselinewerte der Probanden zurückführen.

Die Analyse der subjektiven Bewertungen der Reize resultierte ebenfalls in nicht signifi­kanten Gruppenunterschieden. Auch hier zeigte der Faktor Reizart jedoch einen signifikanten Effekt; ärgerliche Gesichter wurden signifikant negativer bewertet als neutrale Abbildungen, die ebenfalls negativer eingeschätzt wurden als glückliche Gesichter.

Die Autoren konnten somit ihre Annahme Sozialphobiker seien besonders sensitiv für Gesichtsausdrücke im Allgemeinen sowie ärgerliche Gesichter im Besonderen nicht bestätigen. Nach Ansicht der Autoren widersprechen diese Befunde der Behauptung, dass Soziale Phobien das Ergebnis von vorbereiteter Konditionierung auf negative Gesichtsausdrücke sind (vgl. Abschnitt 1.2.3; Öhman, 1986; Öhman & Dimberg, 1984). Der signifikante Effekt von Reizinhalt auf psychophysiologische Reaktionen stimmt jedoch mit der Vorstellung überein, dass ärgerliche faciale Reize hervorstechende Stimuli sind (Marks, 1987), d.h. Reize darstellen, die eine ungelernte intensivierte Orientierungsreaktion hervorrufen.

Im Rahmen einer weiteren Forschungsarbeit wurden ebenfalls physiologische Reaktionen (Hautleitfähigkeit und Herzrate) auf neutrale und angstrelevante Fotos bei Personen mit Redeangst untersucht (Dimberg, Fredrikson & Lundquist, 1986). Dazu wurden 24 Studenten (12 männliche, 12 weibliche) aufgrund ihrer Ergebnisse im Public Report of Confidence as a Speaker (PRCS) Fragebogen (Paul, 1966) in eine Hoch-Redeängstliche bzw. Niedrig-Redeängstliche Gruppe eingeteilt. Beiden Gruppen wurden drei Bilder von neutralen Gesichtern und ein Bild einer Gruppe von acht Personen, die mit neutralem Gesichtsausdruck in Richtung Kamera schauten (soziale Stimuli) sowie vier Bilder von unterschiedlichen Pilzen (neutrale Stimuli) gezeigt. Dabei wurden jeder Versuchsperson ein sozialer Reiz und ein Bild eines Pilzes zwanzig Mal in randomisierter Reihenfolge dargeboten, wobei nicht mehr als zwei Bildpräsentationen derselben Kategorie nacheinander gezeigt wurden. Die Expositions­zeit betrug acht Sekunden; die Intervalle zwischen den Präsentationen 20, 30 oder 40 s.

Die Autoren berichten, dass Hoch-Redeängstliche Probanden signifikant höhere Hautleit­fähigkeitsreaktionen auf die sozialen Reize aufwiesen im Vergleich zu Niedrig-Redeängst­lichen Personen. Die signifikante Gruppe x Stimulus Interaktion macht deutlich, dass nur die Hoch-Redeängstliche Gruppe stärkere Hautleitfähigkeitsreaktionen auf soziale gegenüber neutralen Reizen zeigte; während sich die Hautleitfähigkeitsreaktionen der Niedrig-Redeängstlichen Gruppe bezüglich beider Bildkategorien nicht signifikant unterschieden.

Demgegenüber zeigte sich in Bezug auf die Herzrate eine signifikante Abnahme bei Vorlage sozialer Bilder in beiden Probandengruppen; während sich die Herzrate beim Betrachten neutraler Bilder nicht signifikant in beiden Gruppen veränderte.

Die selbstberichtete Angst, die in dieser Untersuchung mit den Werten im PRCS ope­rationalisiert wurde, korrelierte in der Hoch-Redeängstlichen Gruppe positiv mit der Hautleitfähigkeitsreaktion auf beide soziale Reize (r = .82) und auf neutrale Bilder (r = .80). Bei der Niedrig-Redeängstlichen Gruppe zeigten sich demgegenüber keine Korrelationen zwischen PRCS-Werten und elektrodermaler Aktivität. Die Herzratenreaktionen korrelierten nicht mit der selbstberichteten Angst in beiden Probandengruppen.

Die Autoren interpretieren diese Ergebnisse in einem evolutionstheoretischen Kontext. Demnach existieren unterschiedliche Reaktionsmuster für verschiedene Typen gefürchteter Situationen. Während die Begegnung mit anderen Spezies ein Kampf- oder Fluchtverhalten aktiviere, führe die face-to-face-Begegnung innerhalb einer Spezies zu einer abnehmenden Aktivität, z.B. Unterwerfung.

Hier stellt sich jedoch die Frage, ob die verwendeten Stimuli (neutrale Gesichter) wirklich ausreichend waren, um eine Angstreaktion bei der Gruppe der Redeängstlichen auszulösen, wie es bei Personen mit spezifischen Phobien, wie beispielsweise Schlangen-, Spinnen- oder Blutphobien, die mit einem ähnlichen Design untersucht wurden, der Fall war (siehe z.B. Fredrikson, 1981; Hare & Blevings, 1975).

Unterschiedliche physiologische Aktivierung von sozial ängstlichen und nicht ängstlichen Personen

26 Probanden mit klinisch relevanter sozialer Ängstlichkeit (N=13 Frauen und N=13 Männer) und 26 nicht ängstliche Kontrollpersonen (N=13 Frauen und N=13 Männer) nahmen im Rahmen der Untersuchung von Beidel, Turner und Dancu (1985) an drei verschiedenen sozialen Belastungstests teil. Die Unterscheidung zwischen sozial ängstlichen und nicht ängstlichen Personen wurde mit Hilfe von verschiedenen Fragebögen getroffen (vgl. Tabelle 3). Beim ersten Test sollten die Probanden in einem Rollenspiel mit einer Person ihres Geschlechts ein dreiminütiges Kennenlerngespräch führen. Im zweiten führten die Probanden ein Rollenspiel mit einem Partner des anderen Geschlechts durch. Die Personen sollten drei Minuten lang ein Gespräch im Rahmen eines ersten Rendezvous in einem Restaurant nachspielen. Die dritte Anforderung bestand in einer fünfminütigen Rede. Abhängige Variablen waren unter anderem die Herzraten und die subjektiv empfundene Angst – gemessen durch die Anzahl positiver und negativer Gedanken – während der einzelnen sozialen Belastungstests.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Gruppe der sozial Ängstlichen in allen drei Belastungs­tests ein signifikant höheres Maß an subjektiver Angst erlebte als die angstfreie Kontroll­gruppe. Die Kognitionen der sozial ängstlichen Personen waren durch eher negative Bewertungen charakterisiert und wurden auf mangelnde Fähigkeiten bezogen.

Im Hinblick auf die Herzrate konnte dieser Gruppenunterschied nur für die gegenge­schlechtliche Interaktion herausgestellt werden; die beiden anderen sozialen Anforderungen riefen keine Gruppendifferenzen hervor. Eine Einschränkung erfährt diese Studie jedoch dadurch, dass nur kardiale Erregungsindizes gemessen wurden.

Zusammenfassend zeigt auch diese Arbeit, dass Unterschiede im subjektiven Angst­erleben relativ leicht nachweisbar sind. Bezogen auf die Herzraten zeigt sich jedoch, dass Unterschiede zwischen sozial Ängstlichen und Kontrollpersonen nicht durchgängig festgestellt werden konnten.

Eine weitere Studie (Beatty & Behnke, 1991) untersuchte den Grund für diese widersprüch­lichen Ergebnisse, jedoch ausschließlich bezogen auf Redesituationen. Die Autoren nahmen an, dass die teilweise diskrepanten Befunde auf das unterschiedliche Ausmaß der sozialen Belastung (Größe und Merkmale des Publikums, Bekanntheit mit dem Publikum, Konsequen­zen der Darbietung für den Vortragenden, Vorbereitungszeit) zurückzuführen ist, denen redeängstliche und nicht redeängstliche Probanden in solchen Tests ausgesetzt sind.

Es wurden die Herzraten und die subjektiv empfundene Angst von 30 redeängstlichen und 30 nicht redeängstlichen Studenten in zwei unterschiedlich schweren Vortragssituationen (leicht vs. schwer) untersucht. In der leichten Redesituation mussten die Probanden eine dreiminütige Rede vor einer einzelnen Person halten, die als Kommunikationsprofessor vorgestellt wurde. Ihnen wurde mitgeteilt, dass die Redeleistung keiner anderen Person zugänglich gemacht werden würde. In der schweren Redesituation mussten die Probanden eine dreiminütige Rede vor einem ihrer Dozenten und 15-20 Studenten halten. Außerdem wurde ihnen mitgeteilt, dass die Leistung während der Rede mit dem Dozenten und den Studenten diskutiert und als Vortrags-Note zählen würde. Jeweils die Hälfte beider Probandengruppen wurde beiden Bedingungen ausgesetzt.

Die Ergebnisse zeigen, den Hypothesen entsprechend, dass ein Unterschied in den Herzraten nur unter der leichten Redebedingung aufgezeigt werden konnte. Unter der schweren Redebedingung konnten keine Herzratenunterschiede zwischen den Probanden­gruppen festgestellt werden.

Für die subjektiv empfundene Angst war dies nicht der Fall, da die Redeängstlichen sowohl unter der schweren als auch unter der einfachen Bedingung mehr Angst berichteten als Nicht-Redeängstliche.

Die Autoren schlussfolgern, dass zur Feststellung von Herzratenunterschieden zwischen Personen mit sozialen Ängsten und Kontrollpersonen, leichte bis mittelschwere Unter­suchungssituationen herangezogen werden müssen, da ansonsten die Gefahr bestehe, dass die Kontrollpersonen durch die Schwere der Situation ebenfalls eine starke Aktivierung erleben. Unklar bleibt, welche sozialen Belastungssituationen als leicht, mittelschwer oder schwer einzustufen sind.

1.3.2.3 Zusammenfassung und Bedeutung für die vorliegende Arbeit

Tabelle 2 und 3 geben einen Überblick über die oben beschriebenen Untersuchungen, die ermittelten Ergebnisse bezüglich der Herzraten, der Hautleitwerte und der subjektiven Angstwerte der Probanden.

Den Tabellen ist zu entnehmen, dass in allen vorgestellten Untersuchungen die Probanden mit sozialen Ängsten durchgängig – mit Ausnahme der Untersuchung von Merckelbach et al. (1989) – höhere subjektive Angstwerte im Vergleich zu nicht ängstlichen Kontrollpersonen erzielten. Dieses Ergebnis wurde unabhängig vom Verfahren der Emotionsinduktion, der gewählten Situation oder der Schwere der sozialen Angst gewonnen.

Die empirische Befundlage zur physiologischen Aktivierung von Sozialphobikern ist dagegen recht heterogen. So konnte nur in wenigen Studien eine höhere physiologische Erregung von sozialphobischen bzw. sozial ängstlichen Personen gegenüber gesunden Kontrollpersonen in sozialen Situationen beobachtet werden (Beatty & Behnke, 1991; Davidson et al., 2000; Dimberg et al., 1986; Gerlach, 1998). Zudem ergab sich ein differentielles Bild für die beiden betrachteten physiologischen Maße – Herzrate und Hautleitfähigkeit:

Zwei Studien (Davidson et al., 2000; Gerlach, 1998) an klinischen Stichproben konnten Herzraten unterschiede zwischen sozialphobischen und gesunden Probanden in einer peinlichen Situation (Video von sich Lied singend ansehen), während einer Redesituation sowie in Erwartung, eine Rede halten zu müssen, herausstellen, in welchen die Sozial­phobiker signifikant höhere Mittelwerte aufwiesen. Signifikant höhere Herzratenmittelwerte konnten auch in Analogstudien für redeängstliche Studenten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen nachgewiesen werden (Beatty & Behnke, 1991). Der soziale Belastungstest bestand dabei in einer Redesituation mit niedrigem Schwierigkeitsgrad.

Erhöhte Hautleitfähigkeit swerte sozial ängstlicher gegenüber nicht ängstlichen Personen wiesen Merckelbach et al. (1989) für Bilder mit ärgerlichen und neutralen Gesichtsaus­- drü­cken nach, die jedoch nicht signifikant ausfielen, sowie Dimberg et al. (1986) für Abbil­dungen neutraler Gesichter und Menschengruppen. An klinischen Stichproben sozialphobi­scher Menschen konnten bisher keine Unterschiede bezüglich der Hautleitfähigkeit gegenüber gesunden Personen in unterschiedlichen sozialen Belastungstests aufgezeigt werden.

Die zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse zeigt, dass selbst bei der Verwendung von ähnlichen sozialen Belastungstests (fünfminütige Rede halten vor einer 1-3 köpfigen Zuschauermenge) keine einheitlichen Unterschiede in den Herzraten sowie Hautleitwerten festzustellen waren, da einige Forschergruppen Unterschiede feststellen konnten (Gerlach, 1998), andere wiederum nicht (Beidel et al., 1985; Turner et al., 1986). Insgesamt kann die Interpretation von Beatty und Behnke (1991), dass Unterschiede in den Herzraten in Situationen mit sehr schwerer sozialer Belastung nur schwer nachweisbar sind, sicher als treffend bezeichnet werden, da (a) die Kontrollpersonen ebenfalls Angst verspüren können sowie (b) eine starke Aktivierung durch Körpersprache und durch die geforderte Leistung stattfinden kann.

So konnten in zahlreichen Untersuchungen auch bei gesunden Kontrollpersonen starke Herzratenerhöhungen im Rahmen von Redesituationen festgestellt werden (z.B. Al'Absi, Bongard, Buchanan, Licinio & Lovallo, 1997, 15.3 Schläge/Minute; Beidel et al., 1985, 5.3 Schläge/Minute; Levin et al., 1993, 8.0 Schläge/Minute). Somit erscheint die Annahme berechtigt, dass bei Untersuchungen, in denen Redesituationen als sozialer Belastungstest verwendet werden, ein Großteil der ermittelten Varianz nicht auf die Angst auslösenden Aspekte der Situation zurückzuführen ist, sondern auf die durch die Redesituation statt­findende Aktivierung der Probanden. Will man daher Angstunterschiede zwischen einer Gruppe von Sozialphobikern und Kontrollpersonen auch auf physiologischer Ebene nachweisen, so erscheint aufgrund der Forschungsergebnisse die Schlussfolgerung angebracht, dass eine soziale Belastungssituation gewählt werden sollte, die einerseits Angst auslösend für die Gruppe der Sozialphobiker ist, aber nur zu einer geringen Aktivierung bei den Kontrollpersonen führt. Daher sollte die Situation einerseits keinen Leistungscharakter für die Untersuchungsteilnehmer aufweisen, andererseits körperliche Bewegungen möglichst unterbinden.

Im Rahmen dieser Untersuchung soll soziale Angst durch das Betrachten von Bildern mit für Sozialphobiker bedrohlichem Inhalt induziert werden. Dieser soziale Belastungstest hat den Vorteil, dass er keine bestimmte (körperliche und mentale) Leistung von den Probanden erfordert, in ausreichendem Maße Angst auslösend für die Sozialphobiker ist und gleichzeitig nur wenig Angst auslösend und aktivierend für die Kontrollpersonen. Eine Aktivierung der Probanden über Bewegung wird durch dieses Verfahren und entsprechende Intruktionen (Wortlaut siehe Anhang I) ebenso ausgeschlossen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Zusammenfassung der Untersuchungen an sozialphobischen Stichproben bezogen auf Herzraten, Hautleitwerte und subjektive Angst

Anmerkungen: SP = Sozialphobiker, KG = Kontrollgruppe, SÄ = sozial ängstliche Personen, Ä = ängstliche Personen; HR = Herzrate, HLF = Hautleitfähigkeit

Tabelle 3: Zusammenfassung der Untersuchungen an sozial ängstlichen Stichproben bezogen auf Herzraten, Hautleitwerte und subjektive Angst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkungen: KG = Kontrollgruppe, SÄ = sozial ängstliche Personen, RÄ = redeängstliche Personen; HR = Herzrate, HLF = Hautleitfähigkeit

1.3.3 Kovariationsproblem der emotionalen Ebenen

Auch wenn das Studium der Emotionen kontrovers diskutiert wird, stimmen viele Forscher darin überein, dass Emotionen aus einem organisierten Muster erlebter, verhaltensmäßiger und physiologischer Reaktionen bestehen (z.B. Frijda, 1986; vgl. Abschnitte 1.1.1 und 1.3.1). Eine solche Organisation legt ein größeres Ausmaß an Kohärenz zwischen diesen Reaktions­systemen während Emotionen im Vergleich zum Ruhezustand nahe (Levenson, 1994). Von einer evolutionären Sichtweise aus betrachtet, macht diese Perspektive Sinn: Emotionen müssen diese separaten Emotionsebenen vereinen und ihre Aktionen koordinieren, um die Wahrscheinlichkeit erfolgreich gelöster adaptiver Herausforderungen zu optimieren.

Viele Untersuchungen ziehen deshalb zur Beschreibung des emotionalen Geschehens bei Sozialphobikern jeweils mehrere definierte Ebenen heran. Die Forderung möglichst alle der in der Klassifikation aufgeführten Ebenen zu berücksichtigen, wurde zuerst von Lang (1968) in die Diskussion eingebracht. Empirisch konnten jedoch nur schwache Korrelationen zwischen den Reaktionssystemen beobachtet werden. Nach Lang (1985) klärt die Korrelation zwischen dem subjektiven Furchterleben und anderen Variablen nur 10% der gesamten Varianz auf.

Wie die beschriebenen Untersuchungen übereinstimmend zeigen, berichten sozial ängst­liche und sozialphobische Menschen mehr Angst in kritischen Situationen als nicht ängstliche Personen. Auch Studien (Beidel, Turner, Dancu, 1985; Bruch, Gorsky, Collins & Berger, 1989a; Levin et al., 1993; Twentyman & McFall, 1975), die das Verhalten untersuchten, konnten mehr Angstverhalten in diesen Populationen gegenüber nicht ängstliche oder wenig ängstliche Probandengruppen aufzeigen. Messungen physiologischer Parameter weisen im Vergleich dazu jedoch kein konsistentes Reaktionsmuster auf. Alle referierten Studien – mit Ausnahme der Untersuchung von Dimberg et al. (1986) – stellen dabei auch nur Gruppen­mittelwerte dar ohne Korrelationen zwischen den Reaktionssystemen zu berechnen.

Dieses Kovariationsproblem zeigt sich auch beim Vergleich von sozial ängstlichen bzw. sozialphobischen Menschen mit Personen, die unter anderen Angststörungen leiden. Lang und Mitarbeiter (Lang, Levin, Miller & Kozak, 1983) verglichen die psychophysiologischen Reaktionen von sprechängstlichen Personen mit denen von Schlangenphobikern. Dabei wurden beide Gruppen jeweils mit zwei Angst auslösenden Situationen (Rede halten, Schlange berühren) in vivo und in sensu konfrontiert. Wie erwartet zeigten sprechängstliche Personen sowohl während der Imagination als auch während der tatsächlichen Rede einen starken Herzratenanstieg (23 Schläge/Minute). Allerdings wiesen die Personen mit einer Schlangenphobie ein ähnlich hohes Erregungsmuster während der Rede auf. Diese erhöhte Erregung wurde bei beiden Gruppen auf die Mobilisierung des Herzkreislaufsystems in der Situation zurückgeführt. Interessanterweise empfanden die Redeängstlichen eine weit größere subjektive Erregung als die Schlangenphobiker, trotz des identischen physiologischen Erregungsniveaus.

1.3.3.1 Ursachen des Kovariationsproblems

Die Dissoziation zwischen den Ebenen emotionalen Erlebens verleitet einige Theoretiker zu der Aussage, dass die Subsysteme unabhängig voneinander arbeiten und nur wenig oder gar nicht miteinander interagieren. Die gefundene Diskrepanz der Ebenen rechtfertigt jedoch nicht die Annahme der Existenz von völlig autonomen Reaktionssystemen, die unabhängig voneinander emotionale Prozesse regulieren. Wahrscheinlicher sind methodische, konzep­tuelle oder individuelle Faktoren, die für die mangelnde Korrespondenz verantwortlich sind und der Vernetzung zwischen den Systemen nicht widersprechen.

Störende Einflüsse könnten entweder auf Seiten des dargebotenen Reizes oder auf Seiten der Reaktionen liegen. So wäre es möglich, dass in der Untersuchungssituation neben dem emotionsauslösenden Reiz weitere Stimuli wirken, die zusätzliche Emotionen induzieren und das Ergebnis verfälschen. Die Validität des Reizes kann also abhängig von dem Verfahren sein, das zur Emotionsinduktion eingesetzt wird. Hinsichtlich der Reaktion müssen reliable und valide vegetative, motorisch-expressive oder verbale Indikatoren der jeweiligen Reaktionssysteme gefunden und erfasst werden.

Auf die Frage, warum sich diese, als angemessene Indikatoren identifizierten Größen, nicht synchron verändern, geben Cacioppo, Berntson und Klein (1992a) eine Reihe von möglichen Erklärungen. Erstens können die Reaktionssysteme individuelle Intensitätsfunk­tionen haben, d.h. sie verändern sich mit zunehmender Stimulation unterschiedlich. Die Reaktionsstärke kann verschieden stark zunehmen und dabei spezifische Verlaufskurven annehmen (z.B. lineare Funktion oder Exponentialfunktion). Zweitens können sie sich hinsichtlich der Reaktionsschwelle unterscheiden. Es scheint plausibel, dass manche Systeme schon bei niedrigerer Reizintensität, andere erst bei hoher reagieren. Außerdem hat jedes Reaktionssystem eine Obergrenze, nach deren Erreichen die Reaktionsstärke nicht mehr zunimmt. Nach dem Aussetzen der Stimulation kann die Erholung der Systeme unterschied­lich lange andauern und differentielle Verläufe aufweisen. Zuletzt haben Reaktionssysteme verschiedene Stabilitäten, d.h., einige antworten immer in derselben Weise auf einen Reiz, wohingegen andere ihr Reaktionsmuster ändern.

Darüber hinaus gibt es neben den typischen Eigenschaften der jeweiligen Reaktions­systeme, interindividuelle Unterschiede zwischen den Personen, die z.B. auf Temperament oder Lernerfahrung zurückgeführt werden können. Ferner wirken sich bestimmte Umwelt­bedingungen, z.B. die soziale Erwünschtheit, auf den Ausdruck oder subjektive Gefühls­äußerungen aus. Ein Beispiel dafür ist das Verhalten von einigen sozial ängstlichen Erwachsenen, die in der Lage sind, ihre sozialen Ängste vor Anderen zu verbergen und in sozialen Interaktionen trotz empfundener Angst ein hohes Maß an sozialer Kompetenz zeigen können (Turner, Beidel, Dancu & Keys, 1986).

Hamm und Vaitl (1993) beschreiben die geringe oder fehlende Kovariation der emotionalen Reaktionssysteme als ein „Dilemma“ und führen es unter anderem ebenfalls auf ein hohes Maß an spezifischer Variation der Indikatorbereiche zurück. Zur Erhöhung der konvergenten und diskriminanten Validität schlagen die Autoren die experimentelle Kontrolle der abhängigen Variablen (z.B. Selektion reliabler und valider vegetativer, motorisch-expressiver und verbal vermittelter Indikatoren) sowie die genaue Definition und Abstufung der unabhängigen Variablen, also der Verfahren, die zur Provokation von Emotionen eingesetzt werden, vor.

Diese Anregungen sollen in die vorliegende Untersuchung einfließen.

[...]


[1] Obwohl Personen mit subklinischen sozialen Ängsten nicht alle Kriterien der Diagnose einer Sozialen Phobie erfüllten (z.B. das Beeinträchtigungskriterium), gaben sie an, ein übermäßig hohes Niveau sozialer Angstsymptome zu erleben.

[2] Je nach Klassifikation werden drei (Lang, 1968, 1993), fünf (Scherer, 1990) oder sechs (Krause, 1998; Resch, 1999) emotionale Komponenten differenziert. Nach Lang (1968, 1993) manifestiert sich die Emotion in drei Indikatorbereichen, nämlich in der verbal-kognitiven Komponente, der motorisch-expressiven Komponente und der physiologischen Komponente. Scherer (1990) postuliert in seinem Komponentenansatz der Emotion zusätzlich eine motivationale (Handlungsvorbereitung) und eine kognitive Komponente (Reizbewertung bzw. Neubewertung) der Emotion.

Details

Seiten
186
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638891707
ISBN (Buch)
9783638891721
Dateigröße
4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85351
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,5
Schlagworte
Physiologische Reaktionen Sozialphobikern Kontrollpersonen Störung Bildmaterial
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Titel: Physiologische Reaktionen von Sozialphobikern und Kontrollpersonen ohne psychische Störung auf affektives Bildmaterial