Lade Inhalt...

Gemeinsam ist schöner: Herding - Erklärungsansätze und Empirie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

BWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1 Einleitung

2 Herdenverhalten - Grundlagen und Begriffsabgrenzung

3 Theoretische Erklärungsansätze rationalen Herdenverhaltens institutioneller Investoren
3.1 Informationsbasiertes Herdenverhalten
3.1.1 Asymmetrische Informationsverteilung als Grundlage
3.1.2 Das Informationskaskadenmodell
3.2 Principal-Agent-Beziehungen mit relativer Leistungsbewertung
3.2.1 Gehaltsherding bei direkter Leistungsbewertung
3.2.2 Reputationsherding bei indirekter Leistungsbewertung

4 Empirische Befunde
4.1 Direkte Messung von Herdenverhalten durch Befragung institutioneller Investoren
4.2 Indirekte Messung von Herding durch statistische Maße
4.3 Konsequenzen der Befunde aus gesamtwirtschaftlicher und individueller Sicht

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die klassische Wirtschaftstheorie geht davon aus, dass Investmententscheidungen auf der effizienten Nutzung von Informationen beruhen und vollkommen rational gebildete Erwartungen reflektieren.[1] Rendite und Risiko werden als alleinige Triebfedern des Investors betrachtet.[2] Weiterhin geht man vereinfachend von einem vollkommenen und effizienten Markt aus, in dem die Preise stets die verfügbaren Informationen korrekt widerspiegeln.[3] Die Effizienzhypothese gilt heute jedoch als umstritten, Preise bewegen sich häufig von ihren Fundamentaldaten weg[4] und Anleger weichen von typisierten Verhaltensmustern ab[5]. Offensichtlich befinden sich die klassischen Modelle in einem Erklärungsnotstand, der es unabdingbar macht, alternative Ansätze zu entwickeln. Solche Ansätze liefert die Behavioral- Finance- Theorie, die mithilfe von Erkenntnissen aus Psychologie und Soziologie sowie aus Anthropologie und Politik versucht, anormale Beobachtungen verhaltenstheoretisch zu ergründen.[6]

Einer der Ansätze ist das Herdenverhalten.[7] Vor allem nach Finanzkrisen kommt dieses Phänomen oft ins Gespräch.[8] Dann wird Investoren und Fondsmanagern unterstellt, ohne Rücksicht auf fundamentale Informationen einer Herde zu folgen und riskante Investitionen zu tätigen.[9] Dieses gleichgerichtete Massenverhalten bewirkt enorme Kapitalbewegungen in eine Richtung, was durch den geringen Informationsgehalt die Preisvolatilität erhöhen und den Markt destabilisieren kann.[10] Um diesen Behauptungen nachzugehen, werden in der Theorie sowie in zahlreichen Studien die Existenz und die Konsequenzen von Herdenverhalten untersucht. Die Gruppe der institutionellen Investoren, wie Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften, die in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat[11], spielt dabei eine zentrale Rolle. Um einen spürbaren Einfluss auf Preise und Volatilität zu haben, bedarf es großer Handelsvolumina, welche bei institutionellen Investoren zu finden sind, außerdem dient ihr Verhalten als Vorbild für kleine Privatinvestoren, was die Aktienpreise auch indirekt beeinflussen kann.[12]

Aufgrund dessen ist es Ziel dieser Arbeit, mögliche Beweggründe für Herdenverhalten institutioneller Investoren theoretisch darzulegen und empirisch dessen Existenz sowie den tatsächlichen Einfluss auf Preise und Volatilität, aber auch andere Folgen für die Beteiligten zu untersuchen. Dabei konzentriert sich die Arbeit auf zwei wesentliche Ansätze, das informations- und das reputationsbasierte Herding, da diese rationalen Verhaltensweisen bei institutionellen Investoren von größter Relevanz sind.[13]

2 Herdenverhalten - Grundlagen und Begriffsabgrenzung

Für Herdenverhalten auf Finanzmärkten gibt es zahlreiche theoretische Erklärungsansätze, die folgendermaßen zusammengefasst werden können:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung, in Anlehnung an Bikhchandani/Sharma (2001), S. 281f., ergänzt durch Netzwerkeffekte.

Abb. 1: Überblick über das Herdenverhalten auf Finanzmärkten

Unter Herding im weiteren Sinne versteht man, dass eine positive Korrelation des Anlageverhaltens der Marktakteure besteht.[14] Dies kann dadurch begründet sein, dass eine Gruppe von Anlegern auf Basis gleicher Informationen identische Anlageentscheidungen trifft. Bei den Informationen kann es sich um fundamentale Daten[15], aber auch allgemein um private Informationen, Präferenzen und Einschätzungen handeln. Steigen beispielsweise die Zinsen, werden Aktien relativ gesehen weniger attraktiv. Es besteht dann ein Anreiz für die Anleger, ihr Geld eher zu diesem Zins anzulegen, als in Aktien zu investieren. Hier besteht eine positive Korrelation zwischen den Aktionen der Marktteilnehmer, jedoch handelt es sich dabei um scheinbares Herdenverhalten. Auch die Momentum-Strategie, bei der gut performende Aktien gekauft und schlechte verkauft werden, wird aufgrund des korrelierten Verhaltens oft zum echten Herding gezählt.[16] Da es sich aber auch hier um eine Orientierung an Aktienkursen und Aktienperformance handelt, gehört dies nicht zum Herdenverhalten im engeren Sinn, denn dieses wird definiert als die Imitation anderer Akteure unter Nichtberücksichtigung der eigenen Informationen.[17] Dies ruft zwar auch korreliertes Handeln hervor, ein Umkehrschluss ist jedoch nicht möglich.[18] Herdenverhalten i.e.S. kann sowohl aus rationalen als auch aus irrationalen Beweggründen entstehen. Irrational ist es, wenn Investoren blind das Verhalten anderer imitieren, da sie sich aufgrund des Bedürfnisses nach Konformität und Sicherheit eher vom Verhalten anderer als von objektiven Kriterien beeinflussen lassen.[19] In Extremfällen wenden sie sich sogar ganz von den eigenen Ideen ab und folgen bedingungslos der Herde.[20]

Institutionelle Investoren und Finanzanalysten, welche im Mittelpunkt der folgenden Betrachtung stehen, tendieren aber eher nicht zu irrationalem Verhalten.[21] Daher muss deren Herdenverhalten, sofern es denn vorhanden ist, dahingehend rational erklärbar sein, dass es einen zusätzlichen Nutzen stiftet. Ansätze für aus individueller Sicht rationales Herding[22] gibt es nicht nur auf Finanzmärkten, sondern in allen Wirtschaftsbereichen.[23] Man kann dieses auf drei generelle Wirkungszusammenhänge zurückführen, nämlich auf Netzwerkeffekte, Informationsasymmetrien und Anreizsetzung in Principal-Agent-Beziehungen. Die theoretische Forschung, aber auch die Mehrzahl der empirischen Studien, fokussieren sich auf Informationsasymmetrien und Principal-Agent-Beziehungen, da Netzwerkeffekte auf Finanzmärkten lediglich eine untergeordnete Rolle spielen. Daher wird auf diese im Folgenden nicht näher eingegangen.[24]

3 Theoretische Erklärungsansätze rationalen Herdenverhaltens institutioneller Investoren

3.1 Informationsbasiertes Herdenverhalten

3.1.1 Asymmetrische Informationsverteilung als Grundlage

Die klassischen Finanzmodelle gehen von vollkommener Information am Markt aus. Dies ist aber unrealistisch, denn in der Regel sind die Informationen asymmetrisch verteilt und deren Beschaffung ist mit Aufwand verbunden. Aufgrund der schnell wachsenden Anzahl an Anlagealternativen sind außerdem ständig neue Informationen notwendig.[25] Leicht zugängliche Daten, beispielsweise die Preisentwicklung einer Aktie, sind den Marktakteuren zumeist bekannt, darüber hinausgehende Informationen, vor allem über Fundamentaldaten, in der Regel nicht. Die Investoren wissen jedoch, dass es am Markt mehr Informationen gibt, als sie selbst besitzen und dass andere Akteure zum Teil besser und umfangreicher informiert sind. Außerdem besteht Unsicherheit über die Qualität der eigenen Informationen bzw. der privaten Signale. Daraus entsteht der Wunsch, sich zusätzliche Informationen zu beschaffen.[26] Beschafft man diese durch eigene Analysen, ist dies mit Anstrengungen, (Opportunitäts-) Kosten[27] und Zeit verbunden. Daher kann es rational sein, sich Informationen durch die Beobachtung anderer zu verschaffen und die eigenen Investitionsentscheidungen an diesen auszurichten. Vor allem Investoren mit kurzem Zeithorizont suchen nach Informationen anderer Marktteilnehmer und ignorieren die schwer zugänglichen Daten über den fundamentalen Aktienwert.[28] Selbst wenn man von der umstrittenen Hypothese informationseffizienter Märkte ausgeht, können die Entscheidungen der Akteure voneinander abhängen, sodass es zu korrelierten Marktreaktionen kommen kann, die sich im Ergebnis selbst verstärken.[29]

3.1.2 Das Informationskaskadenmodell

Um die Ursachen und Wirkungen asymmetrischer Informationsverteilung am Markt modelltheoretisch darzustellen, wurde das so genannte Informationskaskadenmodell[30] entwickelt. Es wird vereinfachend davon ausgegangen, dass Informationen für alle zum selben Preis erhältlich sind[31], jedoch besteht Unsicherheit bezüglich deren Qualität.[32] Die Bewertung dieser unsicheren Informationen ist individuell verschieden. Die Akteure können die Aktionen der anderen beobachten und sich daran orientieren, sie kennen aber deren Informationsstand und somit deren Entscheidungsbasis nicht. Die nachfolgende Abbildung soll verdeutlichen, wie es dadurch zu einer Informationskaskade kommen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Vgl. Scharfstein/Stein (1988), S. 1.

[2] Siehe dazu z.B. Markowitz (1991).

[3] Vgl. Fama (1970), S. 384.

[4] Vgl. Shleifer (2000), S. 2; Vives (1996), S. 590 u.a.

[5] Vgl. Weber (2007), S. 10f.

[6] Vgl. Ittensohn (2001), S. 383.

[7] Sh. zu einer Übersicht über die Behavioral Finance- Ansätze z.B. Behavioral Finance Group (2000).

[8] Vgl. Bikhchandani/Sharma (2001), S. 279.

[9] Vgl. Deutscher Bundestag (2002), S. 75.

[10] Vgl. Lütje/Menkhoff (2003), S. 2.

[11] Vgl. Deutscher Bundestag (2002), S. 66.

[12] Vgl. Lütje (2004), S. 5–8.

[13] Vgl. Oehler (1998), S. 453f.

[14] Vgl. Oehler (1998), S. 453f.

[15] Bei fundamentalen Daten handelt es sich z.B. um Geschäftsberichte, mikro-/ makroökonomische Daten und Bilanzdaten, welche Rückschlüsse auf den wahren Aktienwert zulassen.

[16] Siehe dazu z.B. Wermers (1990), S. 603, 610, 613.

[17] Siehe zu dieser Definition z.B. Anderson/Holt (1997), S. 1 und Scharfstein/Stein (1988), S. 1.

[18] Vgl. Kim/Wei (2002), S. 219.

[19] Vgl. Nöth/Weber (2001), S. 4. Weitere Literatur zu psychologischen Aspekten von (irrationalem) Herding siehe Lux (1995) und Shiller/Pound (1989).

[20] Vgl. Spiwoks/Bizer/Hein (2005), S. 3.

[21] Vgl. Spiwoks/Bizer/Hein (2005), S. 3.

[22] Individuell rationales Herding muss nicht rational für den Markt sein, oft werden Volatilität und schwankende Kurse als Folge unterstellt. Vgl. zu einer theoretischen Fundierung volatiler Preise Avery/Zemsky (1998), S. 737.

[23] Siehe Freiberg (2004), S. 7 zu einer Übersicht über Bereiche, in denen Herding auftritt, mit weiteren Nachweisen.

[24] Siehe Farrell/Saloner (1985) und Katz/Shapiro (1985) zu Netzwerkeffekten.

[25] Vgl. Deutscher Bundestag (2002), S. 75.

[26] Vgl. Bikhchandani/Sharma (2001), S. 280f.

[27] Vgl. Bikhchandani/Hirshleifer/Welch (1992), S. 1016.

[28] Vgl. Oehler (1998), S. 454.

[29] Vgl. Deutscher Bundestag (2002), S. 75.

[30] Die folgende Darstellung lehnt sich an Banerjee (1992), S. 797–817, an. Siehe zum Grundmodell auch Bikhchandani/Hirshleifer/Welch (1992) und Welch (1992).

[31] Die vereinfachte Annahme fixer Preise stimmt auf dem Aktienmarkt nicht, vgl. Bikhchandani/Sharma (2001), S. 290. Wenn nur Unsicherheit über das Underlying Investment besteht, ist der Aktienkurs selbst informationseffizient und es wird kein Herdenverhalten geben. Besteht aber zusätzlich Unsicherheit über die Genauigkeit der Informationen der Akteure, ist der Aktienpreis nicht mehr effizient und Herding kann entstehen.

[32] Beispielsweise plant die Regierung eine für Anleger relevante Neuerung, aber es ist nicht sicher, ob sie diese wirklich umsetzt.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638020398
ISBN (Buch)
9783638923095
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v85720
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,7
Schlagworte
Gemeinsam Herding Erklärungsansätze Empirie

Autor

Zurück

Titel: Gemeinsam ist schöner: Herding - Erklärungsansätze und Empirie