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Märchenhaftes Erzählschema und ideales Frauenbild in Cervantes’ Novellen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 17 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Die Erzählschemata
1.1 Das Märchenschema
1.2 Das Erzählschema in La Gitanilla
1.3 Das Erzählschema in La Fuerza de la Sangre

2. Die weiblichen Hauptfiguren in den beiden Novellen
2.1 Preciosa
2.2 Leocadia

3. Resümee

4. Bibliographie

0. Einleitung

Das Thema dieser Arbeit ist die von Cervantes verwendete Erzählstruktur in den Novellen La Gitanilla und La Fuerza de la Sangre sowie das von ihm dargestellte Frauenbild an den Beispielen von Preciosa und Leocadia.

Im ersten Teil der Arbeit sollen zunächst die Merkmale des Märchenschemas herausgearbeitet und anschließend untersucht werden, inwiefern die beiden Novellen diese aufweisen.

Im zweiten Teil werden die weiblichen Hauptfiguren in La Gitanilla und La Fuerza de la Sangre vorgestellt. Anhand ihrer äußeren sowie inneren Eigenschaften soll das vorbildhafte Frauenbild, das Cervantes kreiert, dargestellt werden.

Das Resümee fasst die Ergebnisse der untersuchten Gegenstände zusammen.

1. Die Erzählschemata

1.1 Das Märchenschema

In Cervantes Sammlung „Novelas ejemplares“ weisen viele Erzählungen märchenhaften Charakter auf. Dem typischen Aufbau eines Märchens folgend, gehen sie von einer initialen Schädigung aus, die am Ende der Geschichte kompensiert wird. Dabei werden die übernatürlichen Elemente des Zaubermärchens eliminiert.

Modernen Märchendefinitionen nach, bilden die Zeitlosigkeit und das Märchenwunder auch nicht mehr die Hauptmerkmale der Gattung. Vielmehr stehen die in ihnen dargestellten Figurenkonstellationen und typischen Handlungsverläufe im Vordergrund. Die Struktur des Märchens beschreibend definiert V. Propp das Märchen folgendermaßen:

Morphologisch gesehen kann als Zaubermärchen jede Erzählung bezeichnet werden, die sich aus einer Schädigung über entsprechende Zwischenfunktionen zur Hochzeit oder anderen konfliktlösenden Funktionen entwickelt. Den Abschluss bilden manchmal auch Funktionen wie: Belohnung, Erbeutung des gesuchten Objekts oder Liquidierung des Unglücks allgemein usw.[1]

Alle Märchen weisen nach Propp eine einheitliche Struktur und eine ständige Wiederkehr bestimmter Elemente auf. Es sind zum einen die „Funktionen“ der handelnden Personen, die in ihrer Anzahl begrenzt sind, und zum anderen die Reihenfolge der Ereignisse. Die Funktionen der handelnden Personen, werden nach bestimmten Aktivitäten der Figuren bestimmt. Ein Märchen kann aus maximal 31 Funktionen bestehen. Propp fasst die folgenden Funktionen zusammen, die auf der Analyse eines Corpus von 100 Märchen basieren:

1) Entfernung (Held verlässt das Elternhaus), 2) Verbot (dem Helden wird ein Verbot/ Befehl erteilt), 3) Verletzung des Verbots, 4) Erkundigung (Gegenspieler versucht Auskünfte über sein Opfer einzuziehen), 5) Verrat (Gegenspieler erhält Informationen über sein Opfer), 6) Betrugsmanöver (Gegenspieler versucht Opfer zu überlisten, um sich seines Besitzes zu bemächtigen), 7) Beihilfe (Opfer fällt auf den Betrug herein und hilft dem Gegenspieler damit unfreiwillig), 8) Schädigung/ Mangel (der böse Gegenspieler fügt einem Familienmitglied einen Schaden oder Verlust zu/ einem Familienmitglied fehlt irgendetwas, es möchte irgendetwas haben),

9) vermittelndes Moment (Unglück oder Wunsch, etwas zu besitzen, werden verkündet; dem Helden wird eine Bitte bzw. ein Befehl übermittelt und man schickt ihn aus oder lässt ihn gehen), 10) einsetzende Gegenhandlung (Held entschließt sich zur Gegenhandlung), 11) Abreise (Held verlässt das Haus), 12) erste Funktion des Schenkers (Held wird auf die Probe gestellt, wodurch der Erwerb des Zaubermittels oder des übernatürlichen Helfers eingeleitet wird), 13) Reaktion des Helden (Reaktion auf die zukünftigen Handlungen des Schenkers), 14) Empfang des Zaubermittels (Held gelangt in den Besitz des Zaubermittels), 15) Reise (Held wird zum Aufenthaltsort des gesuchten Gegenstandes gebracht), 16) Kampf (Held und sein Gegner treten in einen direkten Zweikampf), 17) Markierung (Held wird gekennzeichnet), 18) Sieg (Gegenspieler wird besiegt), 19) Liquidierung, des Schadens oder Mangels, 20) Rückkehr, 21) Verfolgung (Held wird verfolgt),

22) Rettung, 23) unerkannte Ankunft (Der Held gelangt unerkannt nach Hause zurück), 24) unrechtmäßige Ansprüche (jemand anderes gibt sich als Held aus obwohl er es ist nicht), 25) Prüfung/ schwere Aufgabe (beliebtestes Element im Märchen bei dem sich der Held beweisen muss), 26) Lösung der schweren Aufgabe,

27) Wiedererkennung (Erkennung des Helden an einem bestimmten Merkmal: Wunde, Ringlein, etc), 28) Überführung (Gegenspieler/ Schadensstifter wird entlarvt),

29) Transfiguration (der Held erhält ein anderes Aussehen: Kleidung, Stand, etc.),

30) Bestrafung (Bestrafung des Schädlings), 31) Hochzeit und Thronbesteigung (Entschädigung des Helden durch: Hochzeit, Aufstieg in einen besseren Stand, oder Geld) .[2]

Da das Märchen eine reine Aktionserzählung, deren erzählerische Ausweitung minimal ist, genügt eine derartige Zerlegung, um den gattungsspezifischen Handlungsverlauf herauszuarbeiten. Die hier aufgeführten Funktionen müssen nicht unmittelbar aufeinander folgen. Die meisten Märchen haben weniger als 31 Funktionen, sodass das Fehlen einzelner Funktionen üblich ist und auch die Reihenfolge variieren kann. Die Minimalform des Märchens besteht aus mindestens vier Funktionen. Davon ist eine immer eine Schädigung oder ein Mangelzustand zu dem mindestens zwei Zwischenfunktionen und mindestens eine Schlussfunktion wie z.B. Hochzeit, Liquidierung des Unrechts, Rückkehr oder Bestrafung hinzukommen. Die Zwischenfunktionen bezeichnen dabei meistens die Überwindung eines Hindernisses, das der Wiedergutmachung einer Schädigung entgegensteht. In der Regel geschieht das in Form einer Bewährungsprobe des Helden.

Das Märchenmodell von Propp soll im Weiteren helfen, die Erzählstruktur in La Gitanilla und La fuerza de la Sangre zu analysieren.

1.2 Das Erzählschema in La Gitanilla

Der Erzählung La Gitanilla liegt sehr deutlich das Märchenschema zugrunde. Durch den Kindesraub wird Preciosa ein massiver Schaden zugefügt: das Kind muss ohne ihren leiblichen Eltern und ihrem Stande nicht gemäß, in einem kriminellen Milieu aufwachsen. Diese Schädigung wird am Ende der Geschichte durch die Wiedervereinigung der Familie und die Hochzeit mit dem reichen Ehrenmann, Don Juan de Cárcamo, überkompensiert.

Der Ausgangspunkt der Erzählung ist die ungleiche Liebe: Preciosa, das vermeintliche Zigeunermädchen, möchte Don Juan de Cárcamo, den jungen Edelmann, heiraten. Erst über eine Vielzahl von Intrigen stellt sich heraus, dass es sich um keine ungleiche Liebe handelt. Der Konflikt der ungleichen Liebe ist in der Geschichte notwendig, da es ohne diesem nicht zu der Aufdeckung Preciosas wahrer Identität und der Kompensation des Schadens käme.

[...]


[1] Propp. 1972: S.91 (Anmerkung: die von Propp verwendeten Symbole für die einzelnen Funktionen wurden im Zitat weggelassen.)

[2] Propp, 1972: S.31-64

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638016391
ISBN (Buch)
9783638920421
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86164
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
Märchenhaftes Erzählschema Frauenbild Cervantes’ Novellen Hauptseminar Cervantes Novelas

Autor

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Titel: Märchenhaftes Erzählschema und ideales Frauenbild in Cervantes’ Novellen