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Zur Propaganda des Augustus

Planung, Durchführung und Evaluation einer Unterrichtseinheit in der Gymnasialen Oberstufe

Unterrichtsentwurf 1995 105 Seiten

Didaktik- Klassische Philologie - Latinistik

Leseprobe

Inhalt

Begründung der Themenwahl

I. Planung
A. Pädagogische Intentionen
1) Die Modellhaftigkeit augusteischer Propaganda
2) Augustus und seine Epoche in der Schule
B. Themenanalyse
1) Das historische Umfeld in der neueren Forschung
2) Didaktische Reduktion
3) Kriterien für die Materialauswahl
4) Analyse der ausgewählten Texte und Materialien
a) Das Monumentum Ancyranum
1) Auszüge aus den Kapiteln 1-6
2) Das Kapitel 34
b) Münzlegenden und Münzbilder
c) Die Inschrift vom Ehrenbogen für Augustus auf dem Forum Romanum in Rom
e) Tacitus, Annalen I 2
C. Lerngruppe und Lehrer
D. Methoden und Medien
1) Allgemeine methodische Überlegungen
2) Textpräsentation und Materialauswahl
3) Texterschließung
4) Interpretation
E. Globale Lernziele
1) Kognitive Lernziele
2) Affektive Lernziele
3) Instrumentale Lernziele
F. Geplanter Verlauf der Unterrichtseinheit
1) Grobplanung der Einheit
2) Verlaufspläne der Einzelstunden mit Feinlernzielen

II. Dokumentation der Durchführung
A. Überblick über den Gesamtverlauf
B. Der Verlauf einzelner Stunden
1) Die erste Stunde
2) Die erste Doppelstunde
3) Die zweite Doppelstunde
4) Die vierte Doppelstunde

III. Auswertung und kritische Reflexion
A. Kritische Reflexion einzelner Stunden
1) Die erste Stunde
2) Die erste Doppelstunde
3) Die zweite Doppelstunde
4) Die dritte Doppelstunde
5) Die vierte Doppelstunde
B. Eignung der ausgewählten Texte und Materialien
C. Methoden- und Medienreflexion
1) Textaufbereitung und Hilfen
2) Texterschließungs- und Übersetzungsmethoden
3) Interpretation
4) Medieneinsatz und Arbeitsformen
D. Auswertung der Lernzielkontrolle
E. Der Unterrichtsversuch im Urteil der Schülerinnen

IV. Rückblick und Ausblick: Eine Schlußbetrachtung
Literaturverzeichnis
a) Wissenschaftliche Editionen und Kommentare
b) Hilfsmittel
c) Rahmenrichtlinien
d) Sekundärliteratur

Sitzplan

Anhang 1: Textblätter (T)

Anhang 2: Tafelbilder (Ta)

Anhang 3: Entwurf zu einer Lehrprobe

Begründung der Themenwahl

Propaganda - ein ungewöhnliches Thema im Lateinunterricht! Propaganda ist jedoch in der Hauptsache ein sprachliches Phänomen, weil ihr Urheber in erster Linie die Sprache und ihre Wirkungsmöglichkeiten nutzt, um möglichst viele Menschen in seinem Sinne für geistig-kul­turelle, wirtschaftliche oder politisch-ideologische Ziele zu beeinflussen.[1]

In der Sachanalyse[2] wird kurz skizziert, daß der Begriff in seiner heutigen Bedeutung jung ist - im Gegensatz zur Sache an sich. Um so reizvoller erscheint mir dieser Versuch, Schü­ler im Rahmen einer lateinischen Unterrichtsreihe Propagandamethoden am Beispiel der augu­steischen Öffentlichkeitsarbeit erarbeiten zu lassen. Denn sie können dabei unter ande­rem die wichtige Einsicht gewinnen, daß dieses Phänomen kein Spezifi­kum der Ge­genwart darstellt, sondern der Sache nach zu den kommunikativen Grundbe­dingungen des Menschen und der Intention von Sprache immanent ist. In diesem Sinne ermöglicht der Un­terrichtsversuch einen existentiellen Transfer im Lateinunterricht, weil Schüler hier an einem Modell aus der antiken Vergangenheit isomorphe, also epo­chenunabhängige anthropologische oder genauer sprach- und kommunikationsimmanente Phänomene erarbeiten können.[3]

Eine wichtige Intention meiner Unterrichtsreihe besteht darin zu versuchen, das Potential des Lateinunter­richts auszuschöpfen: Die Schüler sollen im Verlaufe des Unterrichtsver­suches pro­blemorientiert mit Gegenständen aus wichtigen al­tertumswissenschatlichen Be­zugsdisziplinen des Lateinunterrichts in Berührung kommen, um mit ihnen umgehen und sie aufeinander beziehen zu lernen, so daß sie aus einer komplementär-kontrastiven Betrach­tung Interpretationsgesichts­punkte gewinnen. Zu diesem Zwecke werden die Schüler mit Erkenntnisobjekten aus der la­teinische Philologie, der Ar­chäologie, der Epigraphik und der Numismatik konfrontiert, deren Interpretation auch Einblicke in die Alte Ge­schichte erfordern. In diesem Sinne soll diese Sequenz auch wissen­schaftspropädeutisch wirken, da die moderne lateinische Philologie ebenso wie andere auf das Altertum gerich­tete Fächer selbstverständlich Erkenntnisse aus ihren Nachbardisziplinen in ihren Interpre­tationsvorgang einbeziehen.

Dieser Fächerübergriff entspricht einem altertums­wissenschaftlichen Ansatz, wie der Un­terrich­tende das Vorhaben nennen möchte.[4] Der wissenschaftsgeschichtliche Begriff "Altertumswissenschaft" stammt aus einer Zeit, als die Be­schäfti­gung mit der Antike noch nicht in Teildiszipli­nen aufgelöst war, sondern man sich um eine ganzheitliche Be­trachtung be­mühte. Denn erst im Verlauf des späten 19. und frühen 20. Jahr­hunderts spal­te­ten sich von der Klassi­schen Philologie die Alte Geschichte, die Paläogra­phie, die In­schriftenkunde, die Numisma­tik, die Kunstgeschichte und andere Spezialgebiete ab. Der heutige Lateinunterricht kann den Ver­such unterneh­men, in der Schule in didaktisch fruchtbarer Weise diese Trennung aufzu­heben. Dies kann und soll nicht die ein­zige Form lateinischen Unterrichtes in der Oberstufe sein, aber es ist eine denkbare Möglichkeit, de­ren Realisierungschancen in diesem Unterrichtsversuch erprobt werden sollen.

I. Planung

Der Unterrichtsversuch ist als thematische Sequenz angelegt, in der die vorherbestimmte Ab­folge der Materialien das Problem approximativ einkreist. Als thematische Sequenz will die geplante Unterrichtsreihe exemplarisch bzw. modellhaft sein, um den angesprochenen exi­stentiellen Transfer zu ermöglichen.[5] Vor der inhaltlichen und methodischen Planung muß erörtert werden, welche pädagogischen Intentionen diese Unterrichtsreihe verfolgt, um anschließend die Lernziele, die es zu erreichen gilt, zu definieren.

A. Pädagogische Intentionen

Lateinunterricht in der Oberstufe soll Zugang zu Grundlagen unserer Sprache und Kultur ermöglichen. Er verfolgt das Ziel, über die Basis der Sprach- und Textreflexion hinaus zu einer Interpretation von Texten vorzustoßen, die das Verständnis der Gegenwart fördert und die Bewältigung ihrer Probleme unterstützt. Die Auseinandersetzung mit antiken Tex­ten soll es möglich machen, im Besonderen das Allgemeine zu erkennen und die Urteils­fähig­keit über verwandte Probleme in der Gegenwart und Zukunft der Schüler zu schärfen.[6]

Im Rahmen dieser Unterrichtsreihe verfolge ich das Ziel, die Schüler für sprachliche und nichtsprachliche Formen und Methoden zielgruppenorien­tierter Meinungsbeeinflussung an ausgewählten Beispielen aus der augusteischen Epoche zu sensibilisieren. Die Einbeziehung von Realien als Erkenntnisobjekte und Interpretationsgegenstände ist durch die Rahmenrichtlinien ausdrücklich befürwortet.[7]

Heutige Schüler werden den größten Teil ihres Lebens im 21. Jahrhundert verbringen. Be­reits ihre Gegenwart ist und ihre Zukunft wird geprägt sein von einer zunehmenden Infor­mationsflut im multimedialen Zeitalter. Medien sind Bestandteile unserer Kultur. Aus un­terschiedlichen Gründen und mit verschiedenen Absichten nutzen bereits heute Interes­sengruppen, Unternehmen und Regierungen alle Medien, um durch die Verbreitung be­stimmter Informationen ihre Ziele zu verfolgen.

Der Begriff "Information" suggeriert Objektivität und verspricht ein "Aufgeklärtsein" nach ihrem Konsum. Informationen, die in verschiedenen Medien auftauchen, können - auch wenn sie falsch sind - als Wahrheiten erscheinen. Je omnipräsenter eine Information ist, desto einfacher kann sie der Adressat als objektive Wahrheit mißverstehen.

Hier steckt ein zen­trales Problem der Gegenwart und Zukunft. Daß die Schüler sich dieses Problems bewußt werden, daß sie sprachliche und materielle Formen und Methoden der Meinungsbeeinflussung kennenlernen, daß sie Informationen, egal woher und von wem sie stammen, kritisch aufnehmen, dazu will unser Unterrichtsver­such am Beispiel der Informa­tionspolitik in augusteischer Zeit einen Beitrag leisten. Hierin liegt ein wesentlicher Teil des existentiellen Transfers, den diese Sequenz ermöglichen möchte.[8]

1) Die Modellhaftigkeit augusteischer Propaganda

Augustus betrieb nicht als erster Propaganda für sich und seine Sache, aber er ist die erste hi­storische Persönlichkeit, die in umfassender Weise über viele Jahrzehnte hindurch alle da­mals verfügbaren öffentlichkeitswirksamen Medien meinungsbildend zur Stabilisierung und Perpe­tuierung seiner Herrschaft ein­setzte. Zudem ist er der erste, dessen umfassende Mittel zur Meinungsbeein­flussung durch die Überlieferung nachweisbar und erhalten sind. Die Wir­kungs­geschichte der in der augusteischen Zeit praktizierten Methoden öffentlich­keitswirk­sa­mer Selbstdarstellung und Selbststilisierung zeugt von ihrer zeitlosen Ein­setz­barkeit: Spätere Herrscher und Politiker in der Antike, der mittelalterlichen Welt und in der Moderne verwand­ten Formen und Methoden der augusteischen Propaganda für ihre Zwecke. Immer wieder diente eine politische Autobiographie als Rechtferti­gung des eige­nen Tuns. Münzpropaganda, die politische Leistungen, den Herr­scher oder seine Familie verherrlichte, ist bis auf den heuti­gen Tag verbreitet. Bauprogramme, die die Haupt­stadt eines Reiches zum Repräsentations­platz der herrschenden Dy­nastie oder Ideologie umge­stalteten, lassen sich in der Geschichte und der Gegen­wart immer wieder feststellen. Auch die künstlerische und dichte­rische Ver­herrlichung gehört in diesen Zusammenhang.[9]

Gerade auch aus der Wirkungsgeschichte der augusteischen Propagandamethoden ergibt sich eine wichtige Legitimation für die Einbringung dieses Themas in den Lateinunterricht, weil hier an einem überschaubarem Modell durch problemorientierte Lektüre und Interpre­tation von Tex­ten[10] und Realien Grundstrukturen verbaler und nonverbaler Kommunikationsintentio­nen in pädagogisch fruchtbarer Weise erarbeitet werden können.

2) Augustus und seine Epoche in der Schule

In der Schule kommen die Lernenden in zwei Fächern mit Augustus in Berüh­rung, nämlich in Latein und in Geschichte. Deswegen erscheint ein kurzer, ana­lysierender Blick über den Zaun, in das historische Fach, ebenso notwendig wie eine knappe Erörterung des Augustus-Bildes in dem Lehrwerk, das an der Schule, an dem dieser Unterrichtsversuch stattfindet, für Latein I und Latein II eingeführt ist.

Alle Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums begegnen im Rahmen des Ge­schichtsun­ter­richtes beim genetisch-chrono­logischen Durch­gang durch die Antike der Per­son und der Leistung des Augustus. Die Vorschriften für das Fach Geschichte in der Unterstufe sehen als Zeitrichtwert etwa zwei Stunden für die au­gusteische Epoche vor und formulieren als Lernziel die Erkenntnis, "auf welche Weise Augustus den römischen Staat neu gestaltete".[11]

Als verbindliches Datum, das die Schüler lernen sollen, schreiben die Rahmen­richtlinien vor: "31 v. Chr. bis 14 n. Chr.: Augustus herrscht als erster Kaiser in Rom" und als fakul­tatives Datum: "9 n. Chr.: Varus Schlacht im Teuteburger Wald".[12] Diese Lernziele sind aus fachwis­senschaftlicher Sicht in Frage zu stellen, da Octavian erst 27 v. Chr. den Titel "Augustus" ver­liehen bekam und seine Herrschaftsform sicher kein Kaisertum im späteren Sinne darstellte (vgl. Kap. Das historische Umfeld). Zudem gewinnt die Varus-Schlacht ange­sichts weit bedeu­tenderer Ereignisse aus der Zeit einen unangemes­senen Stellenwert.

Das Schulbuch, das auf dem Max-Planck-Gymnasium für den Ge­schichtsunter­richt eingeführt ist, vermittelt ins­gesamt ein zu positives Bild von Augustus, das der kriti­schen Beurteilung durch die heutige Fachwissenschaft nicht entspricht.[13] In der Sekun­darstufe II kann eine Analyse der augusteischen Epoche auf der Basis der geltenden Rahmen­richtlinien für das Fach Geschichte in der Oberstufe kaum noch erfolgen, da römische Ge­schichte oder spe­zieller Ge­schichte der späten Republik und des frühen Principats ausführ­lich nicht mehr vor­gesehen zu sein scheint.[14]

Auch viele eingeführte Lateinlehrbücher, zumal die Ianua Nova Neubearbei­tung als regulä­res Lehrbuch für Latein I und II, sehen in Augustus nach dem Jahre 27 v. Chr. einen Frie­dens­herrscher, der die mores maiorum restaurieren wollte und Rom aus einer Ziegelstadt in eine Marmorstadt verwandelt habe. "Auch die Dich­tung entfaltete sich zu hoher Blüte: Vergil, Horaz, Ovid und andere Dichter schu­fen Meisterwerke der römischen Literatur. Das bekann­teste Ereignis seiner Re­gierungszeit ist die Geburt Jesu Christi." Insgesamt vermittelt dieser Lehrbuchtext einen positi­ven Eindruck von Augustus.[15] Die ideale Sicht der augu­steischen Zeit scheint in starkem Maße auf die Nachwirkung von Autoren und Kunstwerken zurückzu­gehen.

Unter den Autoren, die im Lateinunterricht in der Oberstufe[16] gele­sen werden können, be­fin­den sich viele augusteische Schriftstel­ler, die zumeist indirekt den augusteischen Princi­pat befürworten (Vergil, Horaz, Livius u.a.). Wenn ihre sprachlich und litera­risch zweifel­los höchst bedeutsamen Werke jedoch tat­sächlich di­rekt oder indirekt von Augustus be­einflußt sind, bedeutet ihre Lektüre auch eine Beschäftigung mit - in vielfacher Hinsicht hoch­wertigen - Bestandtei­len der augusteischen Meinungsbeeinflussung[17], ohne daß es an der konkreten Stelle im Unterricht bewußt sein muß. Es scheint, daß die Propaganda des Au­gustus bis in heutige Schulbücher hinein erfolgreich ist.

B. Themenanalyse

Der Begriff "Propaganda" geht auf das lateinische Verbum propagare zurück, ursprünglich ein biologischer Terminus ("fortpflanzen, ausdehnen, pfropfen"), der im übertragenen Sinne in der klassischen und nachklassischen Latinität "dem Raume nach weiter ausbrei­ten, ausdeh­nen, erweitern" bedeutet. An den heutigen Sinn des Wortes Propaganda erin­nert die cicero­nianische Wendung laudem alicuius ad sempiternam gloriam propagare.[18]

Das deutsche Substantiv Propaganda, ursprünglich ein lateinisches Gerundivum, ist al­lerdings erst in der frühen Neuzeit gebildet worden, um sämtliche Maßnahmen zu charak­terisieren, die der Aus­breitung des christlichen Glaubens dienten. Besonderer Ausdruck dieser missionarischen Ambitionen war die 1622 von Papst Gregor VI. gegründete, ein­flußreiche Propaganda-Kon­gregation (congregatio de propaganda fide). Dieser positiv be­setzte Begriff erhielt erst durch die Kritik der Aufklärung am päpstlichen Missionsdrang eine negative Konnotation. Im Zeital­ter der Französischen Revolution drang er in die poli­tische Auseinandersetzung ein und wurde nach der deutschen Revolution von 1848 zum Schlagwort gegen den literarischen Anarchis­mus. Seitdem ist der Begriff Propaganda deutlich negativ besetzt.[19]

Propaganda findet als Unterrichtsgegenstand in der Schule oft nur dann Berücksichtigung, wenn im Geschichtsunterricht Ursachen für die Erfolge des Nationalsozialismus analysiert werden. So kann leicht der unzutreffende Eindruck entstehen, der deutsche Propaganda­mini­ster habe die Sache erfunden.

1) Das historische Umfeld in der neueren Forschung

Nach Caesars Ermordung entbrannte ein jahrelanger Kampf um die Macht im Römischen Imperium, den schließlich Caius Octavius, ein Ritterssohn aus der ländlichen Gemeinde Nola am Golf von Neapel, für sich entscheiden konnte. Der junge Octavius erfuhr im il­lyrischen Apollonia von der Ermordung seines Großonkels Caesar und auf dem Weg nach Rom im süditalischen Brundisium davon, daß der ermordete Diktator ihn testamentarisch adoptiert hatte. Octavius, damals 19 Jahre alt, ohne besondere Leistungen oder Qualifika­tionen, hatte noch nie ein Staatsamt bekleidet - ein politischer Nobody!

Die Zukunft schien den führenden Caesarianern M. Antonius oder Lepidus zu gehören - vielleicht sogar den Republikanern. Niemand rech­nete mit Octavius. Doch er verstand die Adoption nicht nur privatrechtlich, sondern vor allem auch poli­tisch, so daß dieser Akt es ihm ermöglichte, im Kampf um die Macht gegen die alten Caesari­aner anzutreten. Die Macht des Wortes und der Bilder zur Beeinflussung breiter Gesell­schaftskreise und der Soldaten nutzte er seitdem meisterhaft, wie die jüngere wissen­schaftliche Forschung durch Neuinterpretation sprachlicher und archäologischer Quellen herausgearbeitet hat.[20]

Ein paar Beispiele sollen dies verdeutlichen: Nach der Adoption nennt er sich C. Julius Caesar und läßt das übliche cognomen Octavianus weg, weil es an seine Herkunft aus der ple­bejischen gens Octa­via erinnert. Als nunmehr gleichnamiger Sohn des Diktators Caesar ver­kündet er, aus pietas erga parentem Rache für seinen Vater nehmen zu müssen - eine dem römischen Zeitgenossen einleuchtende, den römischen Wertbegriffen entsprechende Parole. Er wirbt mit der Kriegs­kasse seines Adoptivvaters Veteranen an, mit denen er nach Rom mar­schiert und vor dem Se­nat das Konsulat für sich erzwingt. Münzen, auf denen er namentlich und bildlich mit Trauer­bart als Sohn Caesars erscheint, tragen seine Botschaft in die Welt hinaus. In Rom läßt er ludi victoriae Caesaris abhalten, bei denen das sidus Iu­lium, ein großer Komet, am Himmel zu beobachten war, der den staunenden Massen die Vergöttlichung des ermordeten Diktators zu beweisen schien. Selbstverständlich wurde dieses Zeichen auch auf Münzen verbreitet, auf de­nen er nach der consecratio Caesars sich als divi filius, eines Gottes Sohn, darstellen läßt, um seinen Herrschaftsanspruch auch sakral zu legitimieren.

Die folgenden Jahre bis zur Schlacht von Actium sind durch eine Reihe militärischer Aus­ein­andersetzungen gekennzeichnet, in denen die führenden Caesarianer M. Antonius, Lepi­dus und Octavianus in wechselnden Koalitionen teils miteinander gegen die republikani­schen Caesarmörder kämpfen, teils gegeneinander operieren. Nach dem Sieg der Caesaria­ner über die Republikaner bei Philippi (42) wurde in Brundisium eine Aufteilung der Ein­flußsphären vorgenommen: Antonius, der Sieger von Philippi, sicherte sich die östliche Reichshälfte, Octavian erhielt den Westen und Lepidus die afrikanischen Provinzen. Im hellenistischen Ostteil des Römischen Reiches ließ sich Antonius als "Neuer Dionysos" feiern.

Diese Identifi­kation des Antonius mit dem orgiastischen Gott des Ostens, der dem römischen Wesen im Grunde fremd blieb, bot Octavian willkommenen Anlaß zu einer groß angelegten Kampagne gegen Antonius. Seine Propaganda desavouierte Antonius als Antirömer, der in diony­sischem Taumel seine Macht genieße, während Octavian seine Romverbundenheit für alle sichtbar betonte, indem er sich ein Mausoleum in altitalischem Stil in Rom errichten ließ und sich in die Nähe des Gottes der Ordnung und der Rache, in die Nähe Apollos, rückte. Deshalb konnte dem römischen Volk plausibel gemacht werden, daß aus der Auseinandersetzung zwi­schen Octavian und Antonius ein Kampf des tugend­samen Westens gegen den dekadenten Osten, ein Krieg zwischen dem dionysischem und dem apollinischen Prinzip, bevorstehe.

Tat­sächlich siegte in Actium nicht Augustus, son­dern M. Vipsanius Agrippa, einer seiner wichtigsten Helfer und Vertrauten. Nach der Ein­nahme Alexandrias gliederte Octavian das Ptolemäerreich dem Römischen Imperium an, zog in dreifachem Triumph in Rom ein, entfernte aus dem Senat ihm feindlich gesinnte Per­sönlichkeiten der noch immer vorhandenen senatorischen Opposition und begann mit der Restaurierung oder dem Neubau von über 80 Tempeln und öffentlichen Gebäuden im Stadt­gebiet von Rom.

Am Anfang des Jahres 27 v. Chr. legte Octavian seine Verfügungsgewalt über alle Heere und Provinzen nieder, der "gesäuberte" Senat stattete ihn aber sofort wieder aus mit einem imperium proconsu­lare für 10 Jahre über die Provinzen, in denen die meisten Truppen standen (Syria, Gallia, Hi­spania und Aegyptus). Angeblich aus Dank für die Rettung des Staates verlieh der Senat dem Octavian in feierlicher Sitzung den religiösen Ehrennamen "Augustus", einen goldenen Ehrenschild, der epigraphisch seine virtus, clementia, iustitia und pietas rühmte. Kopien dieses clupeus wurden in bedeutenderen Städten des Reiches aufgestellt. Diese später kanonisch gewordenen Herrschertugenden ließ Augustus ebenfalls durch Münzpropaganda zur Stilisierung seiner Persönlichkeit reichsweit verbreiten, wie die corona civica ob cives servatos und die Lorbeerbäumchen, die er vor sei­nem Hause aufstel­len durfte. Sie rückten ihn in die Nähe des Gottes Apollo und legitimierten sein Handeln sakral. Zusammengenommen begründen diese Leistungen, Eigenschaften und Auszeich­nungen die auctoritas des Augustus, die ihn zum princeps aller Senatoren machte.

In den folgenden Jahren leitete er zunächst als Consul (27-23 v. Chr.), danach als pri­vatus eine innere Konsolidierung und restaurative Transformation in allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen ein. Als Privatmann verfügte er jedoch über die tribunicia potestas. Dieser Advokatentrick, das jedes Jahr neu zu besetzende Amt von der perpetuellen Amts­ge­walt zu trennen und letztere dem Privatmann Augustus zu verleihen, sicherte ihm weit­reichende Kompetenzen: Mit dem ius intercessionis, dem ius auxilii, dem ius cum po­puli agendi, dem ius senatus habendi und dem ius relationis (et in absentia) konnte er die gesamte Politik im römischen Reich steuern.

Weitere Aufgaben kamen dazu: die cura an­nonae (22 v. Chr.) sicherte die Gefolg­schaft des Volkes, das imperium consulare (19 v. Chr.) den militäri­schen Oberbefehl innerhalb Roms, das Amt des ponifex maximus ermöglichte die Kon­trolle der Religion und der Zeichendeuter. Schließlich nannten Senat und Volk den Au­gustus einen pater patriae - zum 25. "Regierungsjubiläum"anno 2 v. Chr. Alle Titel und Ämter wurden mit den zeitge­nössischen Medien öffentlichkeitswirksam zur Überhöhung des Augustus der Bevölkerung vor Augen geführt.

Die Innenpolitik des Augustus ist durch eine politische Schwächung aller Gesellschafts­grup­pen bei gleichzeitig stärkerer Integration in den Staat und seine Verwaltung gekenn­zeichnet. Die alten politischen Ämter degenerierten durch die Sondervollmachten des Au­gustus zu einer inanis umbra. Andererseits erfuhr die dignitas des ordo senatorius eine kräftige Aufwertung durch die konservativen Ehegesetze des Augustus, deren Ziel die Be­seitigung der Ehe- und Kinder­losigkeit gerade in dieser Gesellschaftsschicht war (lex Iulia sumptuaria, lex Iulia de adulte­riis coercendis, lex Iulia de maritandis ordinibus, lex Papia Poppea nuptialis). Auch die le­ges de ambitu sollten das Ansehen des Senatorenstandes he­ben. Die Senatoren erhielten grö­ßere jurisdiktive Kompetenzen und übernahmen verstärkt Priesterämter als Ausgleich für verlorene politische Einflußmöglichkeiten.

Die equites - frei von politischen Traditionen - band Augustus in die Verwaltung des Staates ein . Unter Nutzung ihrer wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Kenntnisse schuf er eine effiziente städtische Verwaltung, die die Beschaffung, Lagerung und Verteilung von Getreide ebenso umfaßte wie die Betreuung der Tempel und öffentli­chen Gebäude, die Wasserversorgung, die Tiber-Überwachung zur Überschwemmungs­prophylaxe, die Schaffung von Feuerwehren, den Fernstraßenbau, die Nachrichtenübermitt­lung und schließlich den Auf­bau einer funktionierenden Steuerverwaltung. Dies ging ein­her mit einer grundlegenden Heeresreform und einer Neugestaltung der Provinzialverwal­tung. Ritter erhielten zudem neue ju­dikative Aufgaben, waren nun auch in den Destinationskollegien vertreten und bildeten als Verwaltungs­fachleute einen Beamtenapparat, der von Augustus besoldet wurde. In diesem konnten ehr­geizige Ritter über den Dienst der tres militiae die Aufgaben eines praefectus übernehmen (classis, castrorum, equitum, vigilum, annonae).

Auch in der Provinzialverwaltung konnten sie nun leitende und hoheitliche Aufgaben übernehmen als praefecti Aegypti oder als procuratores in kleineren Territorialeinheiten. Schließlich eröffnete Augustus ihnen sogar den Aufstieg in den Senatorenstand. Durch ihre gesellschaftliche Aufwertung integrierte Augustus den Ritterstand in seinen Staatsneubau und gewann sie für seine Staatsidee.

Die plebs machte sich Augustus durch einen grundsätzlichen Schuldenerlaß in Verbindung mit Geldgeschenken, umfangreichen Frumentationen und pompösen Unterhaltungen geneigt. Sein Baupro­gramm, das die Restauration, Verbesserung oder Neuerrichtung zahlloser öffentlicher und kultischer Bauwerke erfaßte, wirkte als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ebenso wie als Prestigeobjekt des neuen Regimes. Die mit der tribunicia potestas verbundene sacrosancti­tas des Prinzeps war ebenso populär wie der Ehrentitel pater patriae. Durch die Umgestal­tung des Kompital­kultes wurde sogar ein kultisches Loyalitätsverhältnis der plebs zu Au­gustus begründet, weil nun in den 14 Stadtbezirken 265 vicomagistri mit einer Vielzahl von Beteiligten im Kult der lares Compitales auch den genius Augusti verehrten.[21]

Die Reorganisation alter römischer Werte bei gleichzeitiger Umorganisation von Politik und Gesellschaft wurde von vielen Intellektuellen, zumal von denen aus dem Ritterstand (Vergil, Horaz, Tibull, Gallus, Velleius Paterculus, Livius) unterstützt.[22] Augustus sorgte dafür, daß ihre Werke der römischen Öffentlichkeit bei Dichterlesungen in Theatern und privaten Kreisen bekannt wurden. Vergils Aeneis ist eine "Augusteis" genannt worden, weil sie gerade in ihren ideologischen Zentralstellen (I 257ff., Jupiter-Rede; VI 756ff, Hel­denschau; VIII 618ff, Schildbeschreibung) den Prinzipat des Augustus als Ziel der römi­schen Geschichte darstellt. Horaz wandelte sich vom entschiedenen Republikaner zum glühenden Augusteer (z. B.: carm. I 2. 12. 37. III 3. IV 5. 15; epod. 7. 9. 16) und pries an­läßlich der Jubiläumsfeierlichkeiten der Gründung Roms mit seinem carmen saeculare die politische Leistung und das Wollen und Wirken des Augustus, in dem sich der Beginn ei­nes neuen Zeitalters manifestiere. Wie Romulus die Stadt gegründet, so habe Augustus sie wiedergegründet.

Livius stellte in seiner Universalgeschichte die altrömischen Tugenden und Werte concordia, auctoritas und die mores maiorum als nachahmenswerte Exempla dar. Auch er sieht in Augustus den Reorganisator richtigen Römertums. Velleius Patercu­lus übernahm die offizielle Sprachregelung in seine historia Romana (Kernstelle: II 89) und macht sich so zum Hofhistoriker der domus Caesaris. In dieser panegy­rischen Darstellung erscheint Augustus als vindex libertatis und restitutor rei publicae und der Autor rühmt die pax Augusta, die später Tacitus als cruenta pax bezeichnet.

Wie die Literatur, so verkünden auch Bildende Kunst und Architektur die Ideologie des Prinzipats. Die "frohe Botschaft" des Augustus von der Rettung des Staates und seiner Bürger und der Rückbesinnung auf das wahre Römertum wurde mit künstlerischen Mitteln fester Bestand­teil der artifiziellen Formensprache.[23] An dem dreigliedrigen Ensemble aus dem Ho­rologium solarium Augusti, der ara pacis und dem Mausoleum Augusti sei eine zentrale Aussage der Bildenden Kunst in der augusteischen Epoche aufgezeigt, ohne auf künstlerische Einzelheiten einzugehen: Die Anlage mit der ara pacis wurde bedeutungs­reich auf dem campus Martius installiert Als Gnomon (Schatten­werfer) der vermutlich größten Sonnenuhr der Welt diente ein 30 Meter hoher Obelisk aus Ägypten, mit dessen Unterwerfung (Schlacht von Actium) der Bürgerkrieg geendet hatte. Der Sockel trug eine Inschrift, die zwanzig Jahre danach an diesen Sieg erinnert. Am Geburtstag des Au­gustus wanderte der Schatten des Obelisken vom Mausoleum zur Mitte der ara pacis. Dem zeit­genössischen Römer war die Symbolhaftigkeit wohl deutlich: In der Konstellation der Gestirne zur Geburtsstunde des Augustus war seine Friedensherrschaft festgelegt - Au­gustus natus ad pacem.[24] Wie die beauftragten Künstler diesen Frieden darstellten, zeigt idealtypisch das Bildprogramm der ara pacis, auf das hier aber nicht weiter eingegangen wer­den soll.

Den Prinzipat des Augustus staatsrechtlich zu beschreiben hat die Forschung immer wieder versucht. Mommsen sah in ihm eine Dyarchie zwischen Prinzeps und Senat, andere beto­nen seinen monarchischen Charakter (Kornemann, Premerstein, Bleicken). Castritius be­trachtet ihn als faktische Wiederherstellung der Republik, während Bengtson, Christ, Ka­ser, Kunkel und Wickert dazu neigen, im Prinzipat eine Staatsform sui ge­neris zu erken­nen, die aus monarchischen und republikanischen Elementen geschaffen wurde, die be­schreibbar sei, aber in keine staatsrechtliche Schublade passe.[25]

2) Didaktische Reduktion

Aus den pädagogischen Intentionen, aus der Themenanalyse und der für diesen Unter­richtsversuch zur Verfügung stehenden Stunden ergeben sich folgende Kriterien und in­haltlichen Ansatzpunkte zur didaktischen Reduktion[26]:

Die Ereignis- oder Entwicklungsgeschichte der augusteischen Epoche muß - so schmerz­lich dies für einen Latein- und Geschichtslehrer auch ist - auf ein Minimum reduziert wer­den. Historisches Hintergrundwissen soll nur soweit eine Relevanz haben, wie es für das Textverständnis erforderlich ist. Deswegen muß auch die Einbettung des Octa­vian/Augustus in die Problematik der römischen Revolution bzw. in den Untergang der Republik weitgehend unterbleiben. Auch die Frage, welche Helfer und Ratgeber der junge Octavian (Babius, Agrippa, Maecenas, Rolle der Livia) gehabt hat und wie groß ihr Anteil an der politischen Leistung des späteren Princeps ist, kann nicht vertieft nachgegangen werden, obwohl sich gerade diese Frage bei Text 1 annos undeviginti natus ... anbietet.

Nicht thematisiert werden kann die philosophische Begründung der Prinzipatsidee durch Cicero in den Büchern V und VI von de re publica oder in der späten Rede pro Marcello aus dem Jahre 46 v. Chr, einem Schlüsseljahr auf dem Weg zum Prinzipat, weil dies einen anderen Themenkreis berührt. Auch die augusteische Restauration römischer Kulte oder der Kult um Augustus sollen nicht berührt werden.[27]

Nicht alle literarischen Gattungen und historisch-archäologischen Quellengruppen, die für das Thema relevant sind, können berücksichtigt werden. Vollständigkeit kann und soll nicht an­gestrebt werden - weder bei den Medien, die der Propaganda dienten, noch in den ausgewähl­ten Mediengruppen. Das pars-pro-toto- Prinzip muß also vorherrschend sein.

So wird die herrschaftsstabilisierende Wirkung des vergilianischen Epos und die horazi­sche Lyrik ebenso ausgeklammert bleiben wie die augusteische Historiographie des Livius oder Velleius Paterculus - zugunsten einer Einbeziehung nichtliterarischer Sprachdenkmä­ler des Lateinischen. In diesem Zusammenhang konnte der Bitte der Fachlehrerin, be­stimmte Kern­stellen der Aeneis (I 257ff., Jupiter-Rede; VI 756ff, Heldenschau; VIII 618ff, Schildbeschrei­bung) mit Rücksicht auf die Progression des Leistungskurses im Unter­richtsversuch nicht zu berücksichtigen, leicht entsprochen werden.

Die inschriftlich erhaltene Autobiographie des Augustus, seine Münz- und Baupropaganda dienten als meinungsbildende Medien, die eine breitere Wirkung entfalteten als die Bildende Kunst der Epoche, so daß diese Medien herausgegriffen wurden.

Auch innerhalb der ausgewählten Mediengattungen mußte erneut reduziert werden, weil im Unterricht nicht das gesamte Monumentum Ancyranum übersetzt, nicht jeder augusteische Münztyp beschrieben, nicht jede Inschrift dechiffriert werden kann. So muß sich die Be­schäftigung mit der Autobiographie des Augustus auf wesentliche Aussagen über seine politische Selbstdarstellung konzentrieren. Die in enger Beziehung zum Monumentum An­cyranum stehenden Münzen sollen nur im Hinblick auf die Intentionalität des Bild- und Sprachprogrammes analysiert werden, wobei wirtschaftliche oder numismatisch relevante Gesichtspunkte (Datierungsprobleme, Reichs- und Provinzialprägung, Ost-West-Problem) nicht in den Unterricht einbezogen werden sollen. Nur eine von vielen möglichen Inschrif­ten soll übersetzt und interpretiert werden, weil an ihr wesentliche sprachliche und typo­logische Merkmale der Gattung auch unter Berücksichtigung des Adressatenbezuges erar­beitet werden können.

Auf den Textblättern 1 und 2 habe ich ein Bildnis des Augustus plaziert. Es han­delt sich um die Büste der Statue von Primaporta. Sie soll an dieser Stelle den Text illustrieren und gleich­sam als Sprecher dienen, denn es han­delt sich ja um einen autobiographischen Text, der in der Ich-Form geschrieben ist. Auf eine Interpretation der Statue habe ich bewußt verzichtet: Zwar könnte die Statue hinsicht­lich ihres propagandistischen Bildprogrammes auf dem Brustpanzer interpretiert werden (allegorische Darstellung der Bedeutung des an­geblichen Sieges des Au­gustus über die Parther). Auch die Funktion der Darstellung des 43jährigen Augustus in alters­loser Jugendlichkeit oder die Einbettung dieser Statue in die Typologie der Augustus-Darstel­lungen sind denkbare Interpretationsansätze. Aber sie set­zen genaue Kenntnisse des römisch-parthischen Verhält­nisses und der römischen Mytho­logie voraus und erfordern Einblicke in die Kunst­geschichte.

Da ich in meinem Unter­richtsversuch bereits mehrere außersprach­liche Schwerpunkte habe, habe ich mich dagegen entschieden, auch noch die Bildende Kunst mit­einzubeziehen. Lediglich für die Eventual­phase in der ersten Stunde kann das vermutliche Al­ter des Augustus von Primaporta mit dem faktischen Alter des Princeps zum Zeitpunkt der Entstehung des Kunstwerkes vergli­chen werden, um am Ende dieser Problemfindungsstunde die Diskrepanz zwischen Aus­sage und Realität im nonverbalen Bereich zu verdeutlichen.

3) Kriterien für die Materialauswahl

Bei der Materialauswahl habe ich mich von folgenden Kriterien lei­ten lassen: Die auszuwählenden Unterrichtsmaterialen müssen von den Schülern zu be­wältigen sein, weil eine Überforderung glei­cherma­ßen demotivierend wirken kann wie eine Unterforderung. Daher muß die Material­auswahl so getroffen werden, daß die Schüler an den einzelnen Materialien zentrale Ge­sichtspunkte des Themas erarbeiten können, damit sie im Verlauf der Unterrichtseinheit ei­nen Gesamteindruck von den Metho­den der augusteischen Meinungsbeeinflussung entwickeln und die gewonnenen Einsichten von ihrer historischen Verankerung abstrahieren können. Weil im La­teinunter­richt der Oberstufe das Ver­ständnis und die Interpreta­tion von Texten im Mittelpunkt ste­hen, kann der angesprochene Gesamteindruck dennoch umfassender werden, wenn Rea­lien unter­schiedlicher Provenienz in einer sachgerechten Erar­beitung und funktionalen In­terpretation den Texten an die Seite treten. Auf diese Weise kann das Textverständnis der Schüler ver­tieft und erweitert werden.

Die Sachgegenstände müssen für das Thema typisch, repräsentativ, aus­sagekräftig und über­schaubar sein, weil die kurze Zeit der Unter­richtsreihe und die 45 Minuten dauernde Schulstunde ein Verweilen an Nebenschauplätzen - so reizvoll dies im Einzelfall sein kann - sich unter dem Gesichtspunkt der von den Schülern zu erbringenden motivationalen Lei­stung verbietet.

Die Texte müssen nach sprachlicher Schwierigkeit und Umfang dem Leistungsstand der Lerngruppe und nach ihrem Inhalt der entwicklungspsychologischen Situation der Schüler an­gemessen sein. Da die Lerngruppe sich zum Schuljahresbeginn neu zusammenfinden wird und die Schü­lerinnen und Schüler mir aus eigener unterrichtlicher Tätigkeit in dieser Gruppe noch nicht bekannt sind, muß ich damit rechnen, daß ein Gefälle im Kenntnisstand wegen unter­schiedlicher "Lateinvergangenheiten" vorhanden sein kann. Aus diesen Über­legungen heraus habe ich mich dazu entschlossen, anfangs Texte ohne größere sprach­liche Schwierigkeiten zu verwenden, dafür aber den Textumfang zu erhö­hen, um zum Auftakt dieses Latein-Lei­stungskurses die Schülerinnen und Schüler insgesamt dadurch zu motivieren, daß sie sich bewußt werden, längere lateinische Texte in vergleichsweise kur­zer Zeit bewältigen zu kön­nen.

Aus dem oben angesprochenen Grunde kann ich die Vokabelkenntnisse der mir noch unbe­kannten Schülerinnen und Schüler nicht einschätzen, so daß ich mich entschlossen habe, Vo­kabeln, die in der Ianua Nova nicht oder nur selten vorkommen, auf den Textblättern anzuge­ben.

Außerdem müssen die Texte für die Schüler einen deutlich erkennbaren inne­ren themati­schen Zusammenhang aufweisen, und sie müssen sie auf­einander beziehen können, weil dann suk­zessive der schon angespro­chene Gesamteindruck entsteht.

Die oben dargelegten Kriterien erfüllt das Monumentum Ancyranum an vielen Stellen, so daß als Einstiegstext eine Kompilation wichti­ger politischer Aussagen aus den ersten sechs Kapi­teln dieser In­schrift geeignet erscheint. Daß es sich bei dem den Schülern vor­zule­genden Text (T 1) um eine von mir vorgenommene Zusammenstel­lung von Einzelsätzen handelt, ist für die Schüler und für das Erreichen der angestrebten Ziele zwar ohne Belang, doch erscheint es mir nicht kontraproduktiv, den Schülern dies mitzuteilen und auf dem Arbeitsblatt durch folgendes Auslassungszeichen (...) deutlich zu machen.

Der zweite Text (T 2) bietet das Kapitel 34 des Monumentum Ancyra­num ohne Kürzung dar. Diesem resümierenden Schlußkapitel kommt eine Schlüsselfunktion für das Selbst­verständnis und die Legitimation des augusteischen Principats zu. Deshalb und weil es viele der oben ge­nannten Krite­rien erfüllt, insbesondere weil dieses Kapitel typisch, reprä­sen­tativ, überschaubar und aussagekräftig ist, darf es in dieser Unterrichts­reihe keinesfalls fehlen, vielmehr hat es eine zentrale Funktion, wie weiter unten[28] deutlich wird.

Der Sueton-Text (T 5) ist von mir behutsam gekürzt worden[29], um ihn auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ohne topographische Kenntnisse Roms ist er zwar sprachlich dekodier­bar, eine angemessene Interpretation seines In­haltes kann jedoch nur erfolgen, wenn man Kartenmate­rial und Re­konstruktionspläne zur Hilfe nimmt, was an dieser Stelle des Un­ter­richtes auch erfolgen soll.

Der Tacitus-Text (T 6) stellt wegen seiner sprachlichen Gestaltung eine besondere Herausforderung dar. Deswegen habe ich ihn auch als kolometrische Textpräsentation aufbereitet, die bei Bedarf im Unterricht eingesetzt werden kann. Da er deutlich antiaugusteische Züge trägt, soll er am Abschluß der Sequenz den von Augustus beeinflußten Texten gegenübergestellt werden.

Selbstverständlich gelten die oben genannten Kriterien zur Text­auswahl auch für die Aus­wahl der Inschrift (T 3) und der Münzen (T 4). Darüber hinaus soll auf den antiken Zahlungsmitteln die Legende gut entziffer­bar, also nicht abgegriffen sein. Da auf den Münzen oft Namen und Begriffe abge­kürzt sind, gewinnt ihre Dekodierung einen spielerischen Knobelcharakter, der sich po­sitiv auf die Moti­vation der Lernenden auswirken soll. Ein weiteres Auswahlkriterium besteht darin, den Schü­lerin­nen und Schülern Münzbilder vorzulegen, die sie mit Hilfe ihres Vorwissens erkennen und deuten können, sowie in der Möglichkeit, Münzbild und Münz­legende zu den gelesenen Texten in Beziehung set­zen zu können, um dadurch das Text­verständnis zu vertiefen und die Wirkung des im Text enthaltenen Inhaltes auch im außer­sprachlichen Bereich zu verdeutli­chen.

Da mit dem Übergang der libera res publica zum Prinzipat des Augustus auch die Gestal­tung des Massenmediums Münze Veränderungen erfuhr, erscheint es sinnvoll, daß die Schüler vor der Analyse augusteischer Prägungen sich durch Deskription und Interpretation voraugusteischer Denare Einblicke in die republikanische Münztypologie erarbeiten, um durch kontrastiven Vergleich mit Münzen aus der augusteischen Ära interpretatorisch wirksame Erkenntnisgewinne zu erzielen.

Schließlich spielte für die Auswahl augusteischer Münzen eine Rolle, Münzen aus dem ge­samten Saeculum Augustum auszuwählen, weil die Schülerinnen und Schüler hier erarbei­ten können, wie sich die Namensform und die Titulatur des späteren Princeps seit den spä­ten 40er Jahren des 1. Jahrhunderts v. Chr. veränderten und ihren Befund im Hinblick auf öffent­lich­keitswirksame Absichten deuten können.

Inschriften besitzen typologisch eine enge Nachbarschaft zu Münzen, weil auch sie auf en­gem Raume schriftliche Informationen vermitteln wollen. Im Gegensatz zur ubiquitären Münze ist die Inschrift statarisch auf den Ort ihrer Positionierung festgelegt. Deswegen kommt dem Standort eine besondere, zur Programmatik der Inschrift gehörende Bedeutung zu. Die weite Verbreitung lateinischer Inschriften verweist auf den Wert, den die Römer die­sem Mitteilungsmedium beimaßen. Hieraus ergibt sich ein wünschenswertes Lernziel für den Lateinunterricht, nämlich daß Schüler - wenigstens einfache - Inschriften ("Latein aus Stein") übersetzen können. Darüber hinaus erscheint die Einbeziehung einer spätrepu­blikanisch-früh­augusteischen Inschrift auch deswegen geboten, weil sie für ihre Gattung typisch ist und zu­dem die Fiktion der Autonomie des Senats und des römischen Volkes in ihr aufgehoben ist.[30]

Ein historischer Plan von Rom zur frühen Kaiserzeit muß bei der Lektüre von T 5 heran­ge­zogen werden. Denn die augusteische Baupolitik gehörte zu den zentralen Strategien sy­stem­stabilisierender Öffentlichkeitsbeeinflussung. Elemente ihrer Methodik können am besten er­faßt werden, wenn die aus zeitnah-antiker Perspektive drei bedeutendsten Bau­werke (T 5) im Zu­sammenhang von Gründungslegende und topographischer Verortung interpretiert werden. Deswegen ist der Einsatz eines Planes von Rom, eventuell in Verbin­dung mit einer Rekon­struktion der drei bedeutendsten Bauwerke unerläßlich, damit die Schüler aus der Lage der Bauwerke, ihrer Nachbarschaft zu anderen Gebäuden und aus der im Text gelieferten und von Augustus selbst herrührenden Begründung für den Bau ein eigenes, kritisches Urteil gewinnen können.

4) Analyse der ausgewählten Texte und Materialien

Die unterschiedliche Provenienz der ausgewählten Texte und Materialen macht eine ausführlichere Analyse notwendig, als dies bei der Behandlung beispielsweise eines Autors oder einer Materialiengattung erforderlich wäre.

a) Das Monumentum Ancyranum

Am Ende seines Lebens verfaßte Augustus im Zusammenhang mit seinem Testament ei­nen index rerum a se gestarum. Das Urexemplar wurde zunächst im Senat verlesen, darauf auf zwei ehernen Säulen vor seinem Mausoleum in Rom aufgestellt. In allen wichtigen Städten des Imperium Romanum war eine inschriftliche Kopie vorhanden, im Osten des Reiches als griechisch-lateinische Bilingue. Der Text wird auch nach seinem Hauptfundort Monumentum Ancyranum genannt. In Ancyra, der Hauptstadt der Provinz Galatien, war er am Tempel der Roma und des Augustus angebracht. Auch in Antiochia und im pisidischen Apollonia wurden Bruchstücke gefunden.

Der äußeren Form nach steht das Monumentum Ancyranum den orientalischen Königsin­schriften des Dareios und des Xerxes nahe. Obwohl es aber zweifellos autobiographische Züge trägt, ist seine Zuordnung zu einem literarischen Genos schwierig, da es weder Ge­schichtsbuch noch reine Autobiographie ist.[31] Für unsere Unterrichtszwecke lösen wir das Problem der literaturgeschichtlichen Einordnung pragmatisch: Das Monumentum Ancyra­num trägt autobiographische Züge, ist also (auch) Autobiographie.

Augustus zählt im Monumentum Ancyranum vor allem seine Leistungen für die plebs ur­bana auf (Bauten, Spiele, Spenden) und benennt seine außenpolitischen Erfolge. Die Auf­zählung seiner Taten, Leistungen und Erfolge ist eingebettet in Aussagen, mit denen er sich zum restitutor rei publicae und als vindex libertatis stilisiert. Text 1 wurde den ersten sechs Kapiteln entnommen. Kriterium für die Auswahl war, wie erwähnt, den Schülern Kernaussagen über die Stellung des Augustus im Staate vorzulegen. Deswegen war eine Beschränkung auf Stellen notwendig, welche a) die höchsten politische Ämter oder Kompetenzen nennen, die den Schülern vertraut sind bzw. leicht erschlossen werden können, die b) so bedeutend sind, daß ihr Gehalt zum Kern der Prinzipatsideologie gerechnet werden muß, und die c) das Streben des Augustus nach republikanischer Legitimation der gewonnenen Machtstel­lung deutlich zeigen.

Augustus sagt im Monumentum Ancyranum die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. So verschweigt er das imperium proconsulare, das ihm den militärischen Oberbefehl au­ßerhalb Roms als wichtige Stütze seiner Macht sicherte. Seine Widersacher Antonius und Lepidus erwähnt er nicht einmal namentlich. Der Pannonische Aufstand und die Nieder­lage des Varus (redde legiones !) fehlen ebenso wie mehrere Vollmachten, die er seit dem Jahre 27 inne hatte (z. B. die lectio senatus). Die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Die Sprache des Textes ist scheinbar schlicht und usuell. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch eine häufige Verwendung bestimmter Stilmittel: Augustus bevorzugte Allitera­tionen, Homoioteleuta, geräumige Hyperbata und auffallende Parallelismen. Die Funktion dieser Stilmittel an den konkreten Stellen im Text wird suo loco bei der Textinterpretation im Unterricht erarbeitet werden.

1) Auszüge aus den Kapiteln 1-6

Der Text umfaßt 98 Wörter. Jedoch ist seine sprachliche Gestaltung leicht dekodierbar, so daß der Textumfang in etwa 30 Minuten zu bewältigen ist. Die Hauptschwierigkeit des Textes liegt in der Häufung von Begriffen aus dem politischen Wortschatz der Römer. Be­deutung und Gehalt der wichtigsten Fachausdrücke (res publica, libertas, dictatura, sena­tus, consulatus) dürften den Schülern, die seit acht bzw. sechs Jahren die lateinische Spra­che lernen, mindestens in Umrissen bekannt sein. Sollte das nicht der Fall sein, muß der Unterrichtende sie in einem kurzen Lehrervortrag erklären.

Unbekannt sind den Schülerinnen und Schülern wahrscheinlich die Begriffe tribunicia po­testas, sacro­sanctus und princeps senatus. Die tribunicia potestas können sie selbst er­schließen, weil auf dem Textblatt die Kompetenzen des Volkstribunen erläutert sind. Sacrosanctus habe ich ebenfalls als Vokabelhilfe angegeben, um die staatsrechtlich-kulti­sche Ambiguität dieses Begriffes den Lernenden schriftlich zu verdeutlichen. Der Be­griff princeps senatus kann von ihnen erschlossen werden, wenn Form und Bezug von senatus geklärt worden sind.

Satz 1: Das parallel gebaute Kolon privato consilio et privata impensa verdeutlicht durch Homoioteleuta und Anapher zu Beginn des Textes die eigene Leistung und nimmt seine spätere staatsrechtliche Stellung vorweg: Augustus war staatsrechtlich ein privatus, der über Amtsgewalten verfügte, ohne Amtsinhaber zu sein. Die Verwendung des Hyperbatons rem publicam ... oppressam führt in der Progression des Satzes zur Antithese oppressam in li­ber­tatem, die die persönliche Leistung des Augustus betont.

Satz 2: Die themenangebende Akkusativeröffnung dictaturam wird durch das Wortspiel absens/praesens zusätzlich her­vorgehoben. Die Wirkung des Hyperbatons dictaturam ... delatam wird durch die darin enthaltene Alliteration verstärkt. Auch der folgende Satz beginnt mit einer Akkusativer­öffnung (consulatum), deren Ge­wicht durch die Homoioteleuta und das Hyperbaton dela­tum den Satz hindurch spürbar ist. Am Satzende hebt die Epipher non recepi die Beschei­denheit des Autors hervor.

Satz 3: Auch hier werden die bereits benutzten Stilmittel angewendet, um der Aussage Gewicht zu verleihen: Akkusativeröffnung (nullum magistratum), Homoioteleuton auf - um, das Hyperbaton delatum und die epiphorische Satzklausel (delatum recepi). Die Alli­tera­tion per ... potestatem perfeci unterstreicht die Behauptung, nicht Amtsträger gewesen zu sein, sondern als privatus tribunicia potestate gehandelt zu haben .

Im letzten Satz führt die Abweichung von der usuellen Wortstellung zu einer betonten An­fangsstellung des sacrosanctus. Gleichzeitig erreicht diese Wortfolge einen Chiasmus : Sacrosanctus - in perpetuum - quoad viverem - tribunicia potestas. Beides unterstützt die Gewichtigkeit der Aussage. Diese wahrscheinlich schwierigste Stelle des Textes (Quae tum per me..., ACI im Relativsatz) kann erforderlichenfalls durch Umstellung leichter de­kodierbar gemacht werden.

2) Das Kapitel 34

Dieses Kapitel ist für das Verständnis des öffentlichkeitsbezogenen Selbstverständ­nisses des Augustus im Monumentum Ancyranum von außerordentlicher Bedeu­tung. Im ersten Absatz stellt sich dem Leser das Problem, wo der post­quam -Satz (Z. 2ff.) endet. In den Textausga­ben konkur­rieren zwei Möglichkeiten: potitus (Z. 4) bezieht sich auf exstinxeram (Z. 3) oder auf tran­stuli (Z. 7) (d. h.: po­titus im HS oder im NS ). Beides hat Auswirkungen auf die Interpretation: Bezieht sich der im PPP ausge­drückte Sach­verhalt auf die Situation vor oder nach dem Sieg bei Actium?

Aus grammatischen und aus sachli­chen Gründen habe ich für die Schü­ler das Komma hinter exstinxeram (Z. 3) gesetzt: Denn zum einen wird im Lateinischen eine Vor­zeitigkeit zu einer vorzeitigen Nebensatzprädikation überaus selten durch PPP aus­gedrückt (Gegenargument: lectio difficilior). Außerdem ergibt sich aus sachli­cher Per­spektive beim Komma hinter ex­stinxeram die logische Reihenfolge 1) Beendigung der Bürgerkriege 2) Gewinnung der All­gewalt 3) Übergabe des Staates an Volk und Senat. Im anderen Falle er­gäbe sich die wahr­scheinlich abwegige, aber dennoch nicht auszuschlie­ßende Reihenfolge: 1) Gewinnung der Allgewalt 2) Beendigung der Bürgerkriege 3) Übergabe des Staates an Volk und Senat.

Im zweiten Absatz kann der mit quem (Z. 14) eingeleitete Nebensatz Schwierigkeiten be­rei­ten, weil die Funktion des quem (Objekt im ACI, der seinerseits Subjekt zu te­sta­tum est ist) nicht einfach zu durchschauen ist. Hier kann die Konstruk­ti­onsmethode helfen oder eine Veranschaulichung dieser Satzkonstruktion an einem einfachen Beispiel (Homerus caecus fuisse traditur - Homerum caecum fuisse tra­ditum est; vgl. RHH § 172.3 Anm.).

Im dritten Satz kann das quoque (Z. 23) Probleme bereiten: Ist es der Abl. Sg. m. von quis­que, dann bezieht es sich auf magistratu oder heiß es schlicht "auch" und betont das mihi ? Beides ist inschriftlich überliefert (im Monumentum Ancyranum und im An­tiocheum: das o in quoque einmal mit Apex, einmal ohne). Sollte das Problem von den Schülern erkannt werden, lasse ich beide Möglichkeiten durchspielen, damit sie sich entscheiden können. Wird quoque mit "auch" übersetzt, haben die Schüler die communis opinio getroffen und eine Problematisierung erübrigt sich.

b) Münzlegenden und Münzbilder

Nach hellenistischem Vorbild setzten auch die Römer Motive auf ihre Münzen. Die am häu­figsten aus der republikanischen Zeit überlieferte Münze ist der Denar, der vermutlich im zweiten Punischen Krieg als Hauptsilbermünze Roms mit einem Metallgewicht von ur­sprünglich 4,55 g eingeführt wurde.[32] Stereotyp tragen Denare auf der Vorderseite (Avers) zumeist einen behelmten Kopf, der durch die (gelegentlich fehlende) Legende ROMA als per­sonifizierte Stadtgöttin gedeutet werden kann. Da ein Denar ursprünglich zehn Assen ent­sprach, trägt er gewöhnlich als Wertzeichen ein X, das auch als horizontal durchgestri­chenes Zeichen diesen Wert angibt. Die Rückseite der Denare zeigt zumeist eine vierspän­nige Quadriga nach rechts, doch begegnen bisweilen auch anders gestaltete Reverse. Neben oder unter der Quadriga hat der verantwortliche Münzmeister seinen Namen plaziert. Dies deutet darauf hin, daß die für die Prägung zuständigen tresviri monetales die Münze als erfolgver­sprechendes Medium der öffentlichkeitswirksamen Meinungsbeeinflussung im Ringen um den Aufstieg in der Ämterlaufbahn erkannten und nutzten. Die im Rahmen die­ser Unterrichts­reihe zum Einsatz kommenden originalen Denare aus der republikanischen Epoche, die der hier gegebenen Beschreibung entsprechen, stammen aus eigenem Besitz. Sie sind auf Fotographien im An­hang zu sehen.[33]

[...]


[1] Brockhaus Enzyklopädie, s. v. "Propaganda", Mannheim19 1992, Bd. 17, S. 536.

[2] Vgl. S. 7

[3] Munding, H.: Antike Texte - Aktuelle Probleme. Existentieller Transfer im altsprachlichen Unterricht. Bamberg 1985. (=Auxilia 12). S. 10f. 22ff.

[4] Wülfing, P.: Altertumskunde - Die Welt der Römer im Lateinunterricht. In: Höhn, W./Zink, N. (Hrsg.): Handbuch für den Lateinunterricht. Sekundarstufe 2. Frank­furt/Main 1979. S. 300-333, hier S. 305ff.

[5] Munding, H.: Antike Texte - Aktuelle Probleme. S. 10f. 22ff. Nickel, R. : Altsprachlicher Unterricht. Darmstadt 1973. S. 51. Nickel, R.: Der moderne Lateinunterricht. Lernziele und Unterrichts­verfahren in der gymnasialen Oberstufe. Freiburg 1977. S. 30-39. Nickel, R.: Die Alten Spra­chen in der Schule. 2. Aufl. Frankfurt/Main 1978. S. 194-196. Nickel, R.: Das the­matische Prinzip. In: Höhn, W./Zink, N. (Hrsg.): Handbuch für den Lateinunterricht. Se­kun­darstufe 2. Frankfurt/Main 1979. S. 254-265.

[6] Rahmenrichtlinien für das Gymnasium. Latein. Gymnasiale Oberstufe, hrg. vom Nieder­sächsischen Kultus­minister, Hannover 1982, S. 5.

[7] Rahmenrichtlinien Latein Oberstufe. S. 12ff.

[8] Zusätzlich zu den oben in Fußnote 5 zitierten Titeln auch: Maier, F.: Lateinunterricht zwi­schen Tradition und Fortschritt. Bd. 2: Zur Theorie des lateinischen Lektüreunterrichts. Bamberg 2. Aufl. 1987. S. 146.

[9] Maier, F.: Lateinunterricht zwischen Tradition und Fortschritt. Bd. 2. S. 137ff.

[10] Nachfolgend schließt der Begriff "Text" aus pragmatischen Gründen in der Regel literari­sche und außerliterarische Sprachdokumente (Text auf Münze, Inschrift) mit ein.

[11] Rahmenrichtlinien für das Gymnasium. Klassen 7-10. Geschichte. Herausgegeben vom Niedersächsischen Kultusminister. Hannover 1983. S. 18.

[12] Rahmenrichtlinien Geschichte Klassen 7-10. S. 51.

[13] Geschichte und Geschehen 7, Ausgabe N, Gymnasium, bearbeitet von Hans-W. Ballhau­sen, Ludwig Bernlo­cher u.a., neueste Auflage Stuttgart 1992, S. 116ff.

[14] Rahmenrichtlinien für das Gymnasium - Gymnasiale Oberstufe, die Gesamtschule - gym­nasiale Oberstufe, das Fachgymnasium, das Abendgymnasium, das Kol­leg. Geschichte. Heraus­gegeben vom Niedersächsischen Kultusminister. Hannover 1994.

[15] Ianua Nova Neubearbeitung. Lehrgang für Latein als erste oder zweite Fremdsprache. Teil 2, von H. Papen­horst/ H. Göpper. Göttingen Neudruck 1992. Band 2. Lektion 2, Seite 11-12.

[16] Rahmenrichtlinien für das Gymnasium. Latein. Gymnasiale Oberstufe. Herausgegeben vom Niedersächsischen Kultusminister. Hannover 1982. S. 43ff.

[17] Christ, K.: Geschichte der römischen Kaiserzeit. München 1988. S. 134ff.

[18] Georges, K. E.: Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch. Unveränderter Nachdruck der ach­ten verbesserten und vermehrten Auflage von Heinrich Georges, Darm­stadt 1985, s. v. propago.

[19] Schieder, W.; Dipper, Chr: Propaganda, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 5. Stuttgart 1984. S. 69-112.

[20] Binder, G. (Hrg.): Saeculum Augustum. 3 Bde. Darmstadt 1987-1991. Bleicken, J. : Verfas­sungs- und Sozialgeschichte des Römischen Kaiserrei­ches. 2 Bde. 2. Aufl. Pader­born 1981. Bd. 1: S. 20-59. Castritius, H.: Der römische Prinzipat als Republik. Husum 1982 (= Histori­sche Studien 439). Christ, K. : Geschichte der Römischen Kaiserzeit. München 1988. Kaser, M.: Römische Rechtsge­schichte. 2. Auflage 1967. S. 96ff. Kienast, D.: Augustus. Princeps und Monarch. Darmstadt 1982. Stahlmann, I.: Imperator Caesar Augustus. Studien zur Geschichte des Principatsver­ständnis­ses in der deutschen Altertumswissenschaft. Darmstadt 1992. Wickert, L.: s.v. prin­ceps. In: Paulys Realenzyklopädie der klassischen Alter­tums­wissenschaf­ten (= RE). Bd XXII 2 (1954). Spalten 1998-2296. Wickert, L.: Neue Forschungen zum römischen Prinzi­pat. In: Aufstieg und Nieder­gang der Römischen Welt (ANRW). II 1 S. 3-76. Der populärwis­senschaftliche Beitrag von Guggenbühl, U.: Die Maskerade des "ehrenwerten" Augustus. In: Musaion 2000. Heft 4. 1995. S. 7-19, betont zu einseitig die negativen Folgen der augusteischen Herrschaftspraxis.Zur augusteischen Propaganda speziell: Buchner, E.: Die Sonnenuhr des Augustus, Mainz 1982. Carettoni, G.: Das Haus des Augustus auf dem Palatin, Mainz 1983. Simon, E. : Au­gustus. Kunst und Leben in Rom um die Zeitenwende. Mün­chen 1986. Kaiser Augustus und die verlorene Republik. Eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Berlin. 7.6.-14.8.1988. Berlin 1988. Zanker, P. : Au­gustus und die Macht der Bilder. München 1990.

[21] Kolb, F.: Die Stadt im Altertum. München 1987. S. 157ff.

[22] Schetter, W.: Das römische Epos. Wiesbaden 1978, S. 42f. Bieler, L.: Geschichte der römi­schen Literatur. II. Teil. Die Literatur der Kaiserzeit. 4. Aufl. Berlin 1980, S. 4-12. 35f. 47f. Lefevre, E.: Horaz. Dichter im augusteischen Rom. München 1993. S. 150ff. 164ff. 178ff.

[23] Zanker, Macht der Bilder, passim. Simon, Augustus, passim.

[24] Zanker, Macht, S. 148ff. Simon, Augustus, S. 26ff.

[25] Zur bereits zitierten Literatur ferner: Stahlmann, I.: Imperator Caesar Augustus. Studien zur Geschichte des Principatsverständnis­ses in der deutschen Altertumswissenschaft. Darm­stadt 1992, passim.

[26] Friedrich Maier und Peter Petersen veranschlagen mit anderen pädagogisch-didaktischen Schwerpunkten für ihre modellorientierten Interpretationsvorschläge ein ganzes Kurshalb­jahr: Maier, F.: Ovid: Dädalus und Ikarus. Der Prinzipat des Augustus. 2. Aufl. Bamberg 1989. S. 47-138. Petersen, P. : Römischer Prinzipat. Der Tatenbericht des Augustus. Frei­burg 1977 (=Fructus Bd. 4).

[27] Latte, K.: Römische Religionsgeschichte. München 2. Aufl. 1967 (=Handbuch der Alter­tumswissenschaft V 4). S. 294ff. S. 302ff.

[28] Siehe S. 21.

[29] Kürzungen aufgeführt auf S. 30.

[30] Vgl. S. 9f.

[31] Hoffmann, W.: Der Widerstreit von Tradition und Gegenwart im Tatenbericht des Au­gustus, in: Binder, G.: Saeculum Augustum I, Darmstadt 1987, S. 92-110.

[32] Christ, K.: Antike Numismatik. Einführung und Bibliographie. Darmstadt 1972. Hier S. 59ff. Alföldi, M. R.: Antike Numismatik, Mainz 1977, S. 157ff. Grundlegend: Grueber, H. A.: British Museum Cataloque of Republican Coins (BMC). 3 Bde. London 1910. ND. 1970. S. XVff.. Abbil­dungen in: Sutherland, C. H. V.: Coinage in Roman Imperial Policy, 31 B. C. - A. D. 68. London 1951. ND 1971. Sutherland, C. H. V.: The Emporer and the Coinage. London 1976. Gehrke, H.-J.: Münzen im Rahmen kaiserlicher Selbstdarstellung - Die Konstituierung des Prinzipats durch Augustus. In: AU XXII 4 (1979) S. 67-86. Die zur Beleuchtung des Mo­numentum Ancyranum wichtigen Münzen sind zusammengestellt und erläutert in: Ric­cobono, S.: Acta Divi Augusti. Pars Prior. Ed. Regia Academia Italica. Roma 1945

[33] Siehe im Anhang 3.

Details

Seiten
105
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783638027182
ISBN (Buch)
9783638930987
Dateigröße
1017 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86187
Note
1,0
Schlagworte
Propaganda Augustus

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Titel: Zur Propaganda des Augustus