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Sozialmanagement im Spannungsfeld zwischen Ethik der Sozialen Arbeit und wirtschaftlichem Handeln

Masterarbeit 2007 159 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Acknowledgements

Management Summary

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Themenauswahl und thematische Eingrenzung
1.2 Zielsetzung und Relevanz der Hauptfrage für das Sozialmanagement
1.3 Forschungsfragestellung
1.4 Die Hypothesen
1.5 Methodisches Vorgehen

2 Definition und Zusammenhänge von Ethik und Sozialmanagement
2.1 Die Unterschiede zwischen Ethik, Ethos und der Sozialethik bzw. dem Sozialethos
2.2 Utilitarismus, ein umstrittenes Ethikmodel für das Management
2.3 Die Gerechtigkeitskonzepte als wichtiger Bestandteil der Arbeit des Sozialmanagements
2.4 Wirtschaftliches Handeln des Sozialmanagements aufgrund der Managementrolle, Wirtschaftsethik und -systeme
2.5 Konklusion

3 Von der Berufsmoral der Sozialen Arbeit zum Sozialmanagement
3.1 Berufsethik der Sozialen Arbeit
3.2 Ethik und Hilfeverständnis als Tradition der Sozialen Arbeit
3.3 Von der Sozialen Arbeit zum Sozialmanagement – ein Paradigmenwechsel?
3.4 Konklusion

4 Sozialmanagement in der Sozialwirtschaft
4.1 Was ist Management und welche Zwecke erfüllt es?
4.2 Das Sozialmanagement; wissenschaftliche Zuordnung
4.3 Die Sozialwirtschaft und ihre Wurzeln
4.4 Wirtschaftliches Handeln im Sozialunternehmen – ein Widerspruch?
4.5 Konklusion

5 Sozialmanagement und die Globalisierung
5.1 Globalisierung, was ist sie wirklich?
5.2 Die Globalisierung als Motor der Entstehung des Sozialmanagements
5.3 Problemfelder des Sozialmanagements - das Geld als modernes Problem und die Finanzierenden als neue Klientel
5.4 Konklusion

6 Sozialmanagement in “Welfare to Workfare-Eras“ – im Dienste eines aktivierenden Staates
6.1 Die Rolle des Sozialmanagements im aktivierenden Staat – Effizienz und Innovation!
6.2 Welfare oder Wohlfahrt – Ein Ablaufmodell
6.3 Der Workfare-Beginn – ein farewell des Welfare
6.4 Der Paradigmenwechsel – von Welfare zu Workfare
6.5 Auf der Suche nach einer effektiven Identität für das Sozialmanagement in einer Workfare-Epoche – eine neue Herausforderung für die Soziale Arbeit
6.6 Konklusion

7 Sozialmanagement im Spannungsfeld zwischen Ethik Sozialer Arbeit und wirtschaftlichem Handeln – die relevanten Einflussfaktoren
7.1 Einflüsse des New Public Managements (NPM) und des Neoliberalismus
7.2 Einflüsse der Globalisierung
7.3 Einflüsse der eigenen Profession
7.4 Paradigma des Sozialmanagements; das Management der Gerechtigkeit
7.5 Der Umgang des Sozialmanagements mit den unterschiedlichen Erwartungen – das Dilemma des „Was“ und „Wie“ enträtselt durch eine integrative Wirtschaftsethik
7.6 Konklusion

8 Reale Perspektive für Sozialmanagement und Konklusion
8.1 Metaanalyse zum Handeln des Sozialmanagements
8.2 Metaanalyse der Hypothesen – zu den Thesen
8.3 Reale Perspektiven für Sozialmanagement
8.4 Gesamtkonklusion

Epilog

Bibliography:

Index

Acknowledgements

I have benefited greatly from conversation with colleagues and Friends; I would like to thank all of them. My Thanks are also to referees for their comments, observation and critique.

Finally, my Family and friends have been brilliant and patient in the extreme.

Thanks my dears Salome, Moira and Eno, I can play now.

Management Summary

Sozialmanagement entspringt einer Epoche, in welcher die Werte der Sozialen Arbeit mit herrschenden wirtschaftlichen Werten wie Nutzenmaximierung, Effizienz und Effektivität mannigfach gebraucht und ausgetauscht werden. Deshalb besteht zwischen wirtschaftlichem Handeln und sozialarbeiterischer Ethik eine Ambivalenz, in der Sozialmanagement sich spektakulär bewegt. Die Werte des Managements, historisch betrachtet, entstanden aus utilitaristischen Grundsätzen und diejenigen der Sozialen Arbeit; sie verfolgen die Gedanken des individuellen Wohls und des Gemeinwohls sowie die sozialethischen Grundsätze. Diese unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Professionen und Disziplinen sind eine Erklärung für diesen Spagat.

Die neue Aufgabe, die dem Sozialmanagement in die Wiege gelegt wurde, ist das Management von Gerechtigkeit. Es vollzieht sich ein Paradigmenwechsel. Die Aufgabe des Gerechtigkeitsmanagements, einst Aufgabe der Kirche und theologischer Kreise, wird kontinuierlich und gedeihlich diejenige des Sozialmanagements. Angesichts dessen muss einen Mittelweg gefunden werden, um beiden Anforderungen gerecht werden zu können, die der Wirtschaft und der Sozialethik. Um diese neuen gesellschaftlichen Herausforderungen managen zu können, sollten die Entstehungshintergründe des Sozialmanagements und die Geburtsstunde sowie deren Philosophie erklärt und verstanden werden.

Einen wichtigen Beitrag zu dieser Veränderung und zum Wertewandel leistete die Globalisierung, die nur mit marktwirtschaftlichem und utilitaristischem Interesse als “Vernichter“ der Welfare-Werte und als Stifter des Workfare zu erwähnen ist. Die neoliberalistischen Interessen und ihre Wirkung auf Sozialwirtschaft und Sozialunternehmen haben dazu geführt, dass sich die Soziale Arbeit und deren Institutionen wie NPO und NGOs bestimmte Kompetenzen aneignen müssen. Diese Kompetenzen können u.a. in die Aufgaben planning, organization, directing and leading, coordination, controlling, reporting and managing“ subsumiert und abgekürzt werden.

Es bleibt kein anderer Ausweg, als die ökonomische Sachlogik mit Aspekten der Gerechtigkeit zu ergänzen sowie die sozialökonomische Rationalität zwischen verschiedenen Subjekten vernünftig mit Knappheitsbewältigung (Effizienzaspekte) und Legitimations-Aspekten (Konfliktbewältigung) zu bewirtschaften. Diese mehrdimensionalen Gedanken unterstützen die Frage danach, wer überhaupt verantwortlich ist für das Gerechtigkeitsmanagement. Eine mögliche Antwort geben auf diese Frage können die integrative Wirtschaftsethik von Peter Ulrich oder das Konzept der Wiederherstellung der „ethischen Dimension“ von Amartya Sen. Beide Modelle kombiniert, können die Verwirklichungs- und Teilhabechance in der Gesellschaft als menschliche und gesellschaftliche Entwicklung unterstützen. Deren Management wird u. a. die Aufgabe des Sozialmanagements sein.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ideen und die Entstehung des Sozialmanagements

Abbildung 2: Handlungsrahmen der Sozialwirtschaft

Abbildung 3: Gegensätzliche Sichtweisen zur Staatstätigkeiten nach Strahm

Abbildung 4: Vier Typen des Wohlfahrtsregimes nach Esping-Andersen und Kohl

Abbildung 5: Workfare begründende Unterstellungen und daraus abgeleitete Workfare-Maßnahmen nach Kurt Wyss

Abbildung 6: Sphäre der Erwerbsarbeit ("Work") nach Kurt Wyss 2006

Abbildung 7: Wandel der Werte von "Welfare to Workfare" nach Wyss

Abbildung 8: Entwicklung der Sozialen Arbeit zum Sozialmanagement

Abbildung 9: Die Zweidimensionalität sozialökonomischer Rationalität (Ulrich 1997, S. 122)

Abbildung 10: Grundtypen rationalen Handelns

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Die Heirat von Gewinn und Ethik entspricht

der nachhaltigen Entwicklung.“

(Gerster 2005)

1.1 Themenauswahl und thematische Eingrenzung

Es gibt unterschiedliche Motive, die mich dazu bewegt haben, die Hintergründe des rapiden Wertewandels in der Sozialen Arbeit differenzierter zu hinterleuchten. Dazu gehören nicht nur die Zunahme der Komplexität von sozialen Problemen, die permanent negativ ausgelegt und in den Medien einseitig thematisiert werden, sondern auch die politische Entwicklung und die moderne Wortwahl in der Sozialen Arbeit. Darüber hinaus stelle ich als seit 15 Jahren in der Schweiz lebender Migrant fest, dass die Rationalisierungen in der Invalidenversicherung (IV), die Verschärfung des Gesetzes zur Arbeitslosenversicherung (ALV), die Kürzungen bei der Alters- und Hinterlassenen­versicherung (AHV), die Einwanderung von reichen Steuerflüchtlingen in die Schweiz sowie die restriktive Migrationspolitik viel Bewegung bringen und heftige Debatten auslösen. Seit Anfang der 90er-Jahre wurde die Invalidenversicherung IV mindestens fünfmal revidiert und das Migrationsgesetz dreimal verschärft. Die Probleme, die auch zuvor durchaus vorhanden waren, werden heute politisiert und bei den Abstimmungen als politische Instrumente missbraucht.

Die von Armut Betroffenen, die ihre Arbeit verlieren, werden nicht mehr als erwerbslose Menschen, sondern als unwillig, faul und parasitär stigmatisiert. Eine Folge davon ist, dass die Dauer des Sozialunterstützungsbezugs immer kürzer und knapper wird. Politisch betrachtet ist die Schweiz mit dieser Regelung nicht mehr sehr weit entfernt von den USA. Die Gesetzgebung in den USA geht so weit, dass Menschen nach fünf Jahren der staatliche Hilfebezug verweigert wird und sie auf sich selbst gestellt sind – vielleicht nahm deshalb die Kriminalität in den letzten 20 Jahren so stark zu. Die Entwicklung in den Nachbarländern der Schweiz, beispielsweise in Deutschland mit HARTZ IV, zeugt ebenfalls von diesen Veränderungen sowie von der neoliberalistischen Politik in Europa. Wie nun die Menschen, die von solchen Maßnahmen wie Hartz IV oder Rentenrevisionen betroffen sind, sich ernähren oder welche gesellschaftlichen Konsequenzen sie tragen müssen, gefährdet oft die Soziale Lebensform und das Zusammenleben, und diese Entwicklung wird immer mehr ignoriert. Es sieht so aus, als verliere der Sozialstaat fortlaufend an Bedeutung, und wenn er weiterhin den verlängerten Arm der Wirtschaft spielt, auch an Glaubwürdigkeit.

Die heute herrschenden Werte wie Effizienz und Effektivität, Geschenke des Neoliberalismus, werden immer mehr Maßstab, in der sich rasant weiterentwickelnden Arbeitswelt. Um dem entgegenzuwirken, sind nicht nur Innehalten und Reflexion gefordert, sondern neue Modelle und innovatives Sozialmanagement.

Die Durchsetzung der Kürzungen (Workfare-Werte), wie oben erwähnt, wird heute vom Sozialmanagement mit einer gewissen Selbstverständlichkeit verlangt. Die gestrigen Klient(inn)en der Sozialen Arbeit sind heute Zwangsklientel, die vermehrt als Gefangene oder Verbrecher stigmatisiert werden, oder bleiben Kund(inn)en. Die Arbeit ersetzt die Hilfe und die Gerechtigkeit, wie sie nach dem Sozialethos vorgesehen waren. Die Arbeitsethik verliert an Bedeutung. Viele Menschen werden immer öfter aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit ausgeschlossen von den gesellschaftlichen Ressourcen sowie vom soziokulturellen Leben.

Wertewandel der gesellschaftlichen Arbeitsethik hat auch mit weiteren Aspekten und Dimensionen wie der Globalisierung zu tun. Die Globalisierung produziert und forciert nebst dem ethischen Wandel einen Arbeitsmarktwandel, durch den Werte definiert werden. In dieser neuen Arbeitswelt nehmen intelligente, junge und kräftige Menschen den Platz ein von erfahrenen älteren Menschen oder denjenigen, deren Leistungen den Erwartungen der Arbeitgebenden weniger entsprechen. Psychische Krankheiten bedingt durch Belastung und Stress, die Überforderungen der Menschen in der Arbeitswelt sowie die vielen Überstunden der Manager(inn)en sind mögliche Folgeerscheinungen von Globalisierung und Workfare. Diese Entwicklung verursacht einen großen Arbeitsplatzmangel für Nichterwerbstätige, die kaum einen Platz in der Gesellschaft finden. Weder der Markt noch der Staat haben ein Interesse daran, aus dem Arbeitsnetz herausgefallene Menschen längerfristig zu reintegrieren. Viele ehemals staatliche Institutionen, wie beispielsweise die Telekommunikation und die Post, wurden halb oder ganz privatisiert. Nun müssen die auftretenden Probleme, welche die wirtschaftlichen Instanzen und Kräfte nicht mehr auffangen können, vom Sozialmanagement angegangen und die daraus entstehenden Aufgaben koordiniert, gemanagt und ausgeführt werden.

Ändert sich das System weiterhin in diesem Tempo, besteht eine große Gefahr, dass die Orientierung an gesellschaftlichen Normen und Werten sowie das Vertrauen der Menschen in den staatlichen Apparat verloren gehen. Wir befinden uns bereits in einer Epoche mit wenig Klarheit und Strukturen. Dabei sind viele Menschen auf sich selbst gestellt, weil die Gelder zur Betreuung der Benachteiligten weiter gekürzt werden.

Weshalb kam es überhaupt zu einem Welfare-System und danach zu einem Paradigmenwechsel? Was ist geschehen? Nach der Entstehung des Kommunismus, aber vor allem nach dem 2. Weltkrieg waren die westeuropäischen sowie die angloamerikanischen Länder aufgrund ihrer herrschenden politischen Systeme unsicher und beunruhigt. Sie mussten ein System konstruieren, das Widerstand leisten konnte gegen die Verbreitung des Kommunismus. So entstand das Welfare-System, respektive ein neues Wertesystem, in dem die Menschen und ihre Bedürfnisse im Vordergrund stehen und nicht nur alles durch Geld und Arbeit definiert ist. Im Welfare-System werden der Bevölkerung intellektuelle Erweiterungschancen angeboten, wie sie im kommunistischen System weniger vorhanden sind. Nach dem Zerfall des Kommunismus und der Berliner Mauer in den 80er-Jahren hat das System Welfare - welches ein Gegengewicht zum Kommunismus herstellen wollte - langsam an Bedeutung verloren. Diese Entwicklung wurde vor allem von den Christdemokraten, Sozialdemokraten und New Labour (in den Vereinigten Staaten von Bill Clinton, in England von Tony Blair, in Deutschland von Helmut Kohl und später von Gerhard Schröder sowie in Frankreich von François Mitterrand) mit Unterstützung der EU vorangetrieben. Das System Welfare wurde durch die neuen Werte der Workfare flächendeckend ersetzt. Das Wohlbefinden der Bevölkerung war plötzlich wenig bis kein Thema mehr und stand somit weniger im Vordergrund. „Work“, also Arbeit und Leistung sowie Gegenleistung, waren jetzt wichtig. Der Gewinn, die Effizienz und die Effektivität, das New Public Management und die Sozialdisziplinierung gewannen rasch an Bedeutung. Es gab plötzlich keine Armen mehr und vieles wurde verleugnet und als Statistikverfälschung betrachtet.

All diese Umdefinierungen und Veränderungen führten zu gesellschaftlicher Unzufriedenheit und Unruhe. Oft werden die Sozialwirtschaft und der Dritte Sektor[1] für die Konsequenzen der gesellschaftlichen Missstände verantwortlich gemacht. Wie bereits erwähnt, wird mit dem Wandel der gesellschaftlichen Werte und mit dem Rückgang des Engagements der Zivilgesellschaft (in der Schweiz und in Deutschland) auch dem dritten Sektor ein starker Zuwachs an Beratungs- und Betreuungskosten zufallen. Diese Veränderungen, ganz abgesehen vom Werteverschleudern seitens der Neoliberalisten, zwingen das Sozialmanagement, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Die innere Krise der Geldknappheit und die Entlassungen von Mitarbeitenden rufen in den sozialen Institutionen neue öffentliche Vorurteile hervor. Mit diesen und vielen ähnlichen Situationen hat die Soziale Arbeit und das Sozialmanagement zu kämpfen, sich auseinanderzusetzen; sie muss sich für das Beheben von Fehlern engagieren, die oft Folgen der wirtschaftlichen Veränderungen und der Globalisierung sind.

Wie soll es nun weitergehen? Das Sozialmanagement, das einem permanenten Veränderungsprozess ausgesetzt ist, sollte sich der Auswirkung solcher Begriffe, die neoliberalistische Wurzeln haben, in der täglichen Arbeit bewusster annähern. Begriffe wie „Effizienz“ oder „Effektivität“ und viele weitere Definitionen sind aus der Welt der Ökonomie in die Sozialwirtschaft transferiert worden, oft aus Zeitmangel und ohne Reflexion ihrer Inhalte und Werte. Solche Werte schaffen eine Reihe neuer Aufgaben und ethischer (Un-)Verantwortungen, die schwer rückgängig zu machen sind. Die neoliberalistische Marktdominanz, welche den finanziellen Rahmen der Sozialausgaben beherrscht und ihn laufend enger definiert, fächert immer breiter die gesellschaftliche Verantwortung für die sozialen Probleme und damit für das Sozialmanagement. Die Bedeutung der Sozialwirtschaft und das „soziale Wirtschaften“ werden nicht angemessen estimiert und deren tatsächliche Rolle innerhalb des BIP (Bruttoinlandsprodukts) nicht explizit in den Medien kommuniziert.

Je länger dies der Fall ist, desto mehr wird der Öffentlichkeit die soziale „Wahrheit“ vorenthalten – durch die neuen Wertschöpfungen der Marktherrschenden. Zum Beispiel wird von Kosten der Arbeitslosigkeit gesprochen und nicht von deren Ursachen. Politische Flüchtlinge sind öffentliche Diskussionspunkte, aber das Phänomen der Wirtschaftsflüchtlinge, die wegen Steuerersparnissen ihr gesamtes Vermögen und den Firmensitz ins Ausland transferieren, nur um mehr Gewinn zu erzielen, was wiederum die Arbeitslosigkeit im eigenen Land erhöht, wird nicht explizit als Folge der Globalisierung gesehen und entsprechend hinterfragt. All diesen Veränderungen kann sich das Sozialmanagement nicht entziehen. Es muss einen Weg finden, welches dieses System nicht unterstützt. Ansonsten ist es schwer, in einem System mitzuhalten, in dem die neoliberalistischen Werte vermehrt an Bedeutung gewinnen– sogar im sozialen Bereich. Der Gedanke erscheint daher legitim, genau hinzuschauen, wohin die Kutsche fährt.

1.2 Zielsetzung und Relevanz der Hauptfrage für das Sozialmanagement

In dieser Arbeit verfolge ich verschiedene Erklärungsziele auf unterschiedlichen Ebenen. Zuerst wird der Zusammenhang zwischen weltpolitischen Entscheidungen wie New Labour, Neoliberalismus und Globalisierung sowie deren Auswirkungen auf das Sozialmanagement aufgezeigt, auch auf lokaler Ebene. Globalisierung führt zwingend zu einem Ethik-Wandel. Danach wird der schleichende Wertewandel von „Welfare to Workfare“ im Kontext der Sozialen Arbeit dargestellt. Hier zeige ich anhand einer Reihe von Argumentationen auf, dass das Sozialmanagement das hinterlassene Waisenkind der Sozialen Arbeit und der markt- und profitorientierten Wirtschaft ist. Ohne sich grundsätzliche Gedanken zum rasanten Kurswechsel der Werte gemacht zu haben, versuchte die Soziale Arbeit, sich den modernen Werten anzunähern sowie sie zu reflektieren. Aus karitativen Gründen hat die Soziale Arbeit das Kind Sozialmanagement ad(o)aptiert. Den Erwartungen an dieses Kind mit immer knapper werdenden Mitteln gerecht zu werden und die zunehmenden sozialen Probleme zu managen, ist eine große Herausforderung. Das Sozialmanagement kann und darf nicht mehr der ethisch von der Globalisierung produzierten Armut und deren Folgen in einer “Zero-tolerance“-Epoche[2] ausweichen.

Dennoch ist in diesem Zusammenhang die Relevanz der Fragestellung für das Sozialmanagement ersichtlich. Die Beziehung wird hergestellt zwischen dem Workfare-System mit Schlagwörtern wie Effizienz und Effektivität und der Idee der letzten sozialen Werte der Welfare-Epoche. Damit wird die Gefahr einer Zerschlagung der traditionellen Ethik der Sozialen Arbeit durch Workfare frühzeitig erkannt. Das Sozialmanagement bleibt in einem solchen System Diener zweier Herren!

Um welche Frage(n) geht es bei diesem Thema? Untersucht werden soll, ob das Sozialmanagement dem enormen Wirtschaftsdruck und dem Wandel der Werte standhalten kann. Befindet es sich überhaupt in einem Spannungsfeld zwischen Ethik und wirtschaftlichem Handeln? Woran ist das erkennbar? Im Weiteren möchte ich der Frage nachgehen, ob die Workfare-Werte die letzten sozialen Werte und die Ethik der Sozialen Arbeit vernichten werden. Meine Annahme und mein Verdacht sind, dass das Sozialmanagement zwischen wirtschaftlichem Handeln, Sozialethos und eigener Profession hin- und hergerissen ist und aufgrund seiner Position Schwierigkeiten hat zu intervenieren.

Wofür braucht es überhaupt ein Sozialmanagement? Welche Werte vertritt es? Ist Sozialmanagement nur der verlängerte Arm der Wirtschaft, oder verfolgt es seine eigenen Interessen? Wenn ja, an wessen Ethik orientiert es sich?

1.3 Forschungsfragestellung

Sozialmanagement ist eine neue Wissenschaft, und aus diesem Grund wurde bisher relativ wenig darüber publiziert. Es wurde bereits einiges über die Methoden des Sozialmanagements geschrieben, die für die Führung und das Management von Bedeutung sind, aber das Thema der ethischen Grundhaltung des Sozialmanagements ist noch wenig erforscht. Aus diesem Grund werde ich in meiner Forschung die ethischen Punkte kritisch unter die Lupe nehmen und mich mit folgenden Fragen auseinandersetzen.

- Kann sich Sozialmanagement von wirtschaftlichem Handeln bzw. Denken unabhängig bewegen? Oder ist es nur im Cockpit der Wirtschaft existenzfähig?
- Ist Sozialmanagement eine neue wissenschaftliche Disziplin oder nur ein modernes Phänomen, um die sozialen Kosten zu reduzieren (New Labour Idee)?
- Kann Sozialmanagement noch zur sozialen Gerechtigkeit beitragen? Oder steht diese mit ökonomischem Denken in Konflikt?
- Ist Sozialmanagement der Brückenbauer zwischen Sozialethos und Wirtschaft? Oder ist es nur eine Selbstverherrlichung?
- Ist Sozialmanagement ein Gleichgewichtshersteller für die immer weiterwachsenden Probleme und knapper werdenden Gelder?

1.4 Die Hypothesen

Nebst diesen Fragen beschäftigen mich folgende Gedanken bzw. Thesen. Am Schluss meiner Arbeit nehme ich eine Reflexion dazu vor:

Hypothese 1)

Die Ethik der Sozialen Arbeit hat aufgrund ihrer Entwicklung in Anbetracht der gesellschaftlichen sozialen Themen eigene Gesetzmäßigkeiten, die sich nicht eins zu eins mit marktwirtschaftlicher Rationalität vereinbaren lassen.

Hypothese 2)

Würde das Sozialmanagement die Rolle des Kontrolleurs für den Staat und die Marktwirtschaft in Zeiten des „Workfare“ übernehmen, bestünde die Gefahr der Verheerung der Sozialen Arbeit in ihrem herkömmlichen Sinn.

Hypothese 3)

Sozialmanagement wird, als ein neues Instrument missbraucht, um die sozialen Probleme nach Workfare-Ideologie zu beseitigen oder um die Werte der wirtschaftlichen Herrschaften zu legitimieren.

Hypothese 4)

Das Sozialmanagement wurde im Interesse des New Public Management als Zwangsinnovation in die Sozialen Arbeit integriert, ohne Bewusstsein darüber, welche Folgen dies für die Benachteiligten hat.

1.5 Methodisches Vorgehen

Bei der Literaturforschung und in meinen Recherchen werde ich meine Fragestellungen mit explanativen Aussagen bekräftigen. Es geht mir darum aufzuzeigen, weshalb Sozialmanagement entstanden ist und wovon es abhängig ist. Um dies zu veranschaulichen, werde ich Themen wie Welfare und Workfare aus sozialethischer Sicht sowie aus wirtschaftlicher und utilitaristischer Sicht erklären. Außerdem werde ich die Frage nach der Grundhaltung der Sozialen Arbeit und der Gerechtigkeit, beides Aufgaben des Sozialmanagements, untersuchen. In diesem Zusammenhang wird der Einfluss der Globalisierung und deren Folgen auf die Soziale Arbeit bzw. das Sozialmanagement recherchiert und erörtert. Gleichzeitig werden der Neoliberalismus und die Infiltration diktatorischer Werte von oben (Zwangsdurchsetzung) in die Gesellschaft dargestellt.

Der schleichende Wertewandel in der Sozialen Arbeit und demzufolge im Sozialmanagement sowie dessen Auswirkungen auf sozialpolitische sowie ethische Diskussionen und Grundhaltungen werden anhand des aktuellen gesellschaftlichen Geschehens und von Dokumentationen dargestellt. Ich versuche, die ökonomischen sowie die politischen und sozialen Bewegungen und deren Folgen in einem größeren Zusammenhang, d. h. mit Blick auf Individuen und Gesellschaft, zu betrachten. Somit wird klar, dass die Auswirkungen der angloamerikanischen Entwicklung wie Neoliberalismus, New Labour oder Utilitarismus auf diesen Paradigmenwechsel nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

2 Definition und Zusammenhänge von Ethik und Sozialmanagement

„Justice is the first virtue of Social Institutions,

as truth is of system of thought.“

(Rawls 1999)

Im Folgenden werden einige Definitionen, die für das Verständnis der Arbeit von Bedeutung sind, ausgeführt und diskutiert. Damit sollen die Komplexität der ethischen und wirtschaftlichen Handlungen und die Vielfalt der ethischen Modelle aufgezeigt werden.

2.1 Die Unterschiede zwischen Ethik, Ethos und der Sozialethik bzw. dem Sozialethos

Das Wort Ethik ist griechischer Herkunft; es ist von dem Begriff „Ethos“ zu unterscheiden. Ethos beschreibt die Gewöhnung, aber auch die Gewohnheiten, den Charakter. „Beim Ethos geht es daher um die Einübung der für das Zusammenleben in der Polis wichtigen Grundhaltungen der Tugenden.“(Honecker 2001, S. 404). Mit Ethik wird hingegen die Reflexion auf das richtige Handeln bezeichnet. Sie ist nicht Handeln und Tun, sondern kritische Prüfung des Handelns. Bei den Griechen Platon und Aristoteles wurde Ethik in engem Zusammenhang mit der Politik und der Ökonomie betrachtet. Die Aufgaben und Themen der Ethik sind das kritische Bedenken von Lebensweisen und Handlungen des Menschen. „Man kann demnach ein System zur Regelung der moralischen Grundlagen menschlichen Zusammenlebens – Ethik – und ein System zur Reflexion und Begründung dieser Grundlagen – Metaethik – unterscheiden.“ (Kutscher 2003, S. 31). Dux (1987) schreibt, dass gemäß Parsons und Weber die Werte letzte Bezugspunkte und irreduzible Leitlinien des Handelns sind. Max Weber sieht „Werte als einen Teil kulturellen Selbstverständnisses und als historisch gebunden“. Er unterscheidet zwischen „Werte[n] als individuelle Werte und Kulturwerte[n] als soziale Werte einer Gemeinschaft“ (ebd.).

Aus der theologischen Sicht von Arthur Rich kann Sozialethik Folgendes bedeuten: „Sozialethik beruht auf der im Christusgeschehen sich zeigenden eschatologischen Existenz des Menschen. Die Seinsmerkmale dieser Existenz sind Hoffnung, Glaube und Liebe. In diesen Begriffen spiegelt sich das wahrhaft menschliche, spiegelt sich echte Humanität.“ (Karg 1980 in: Strohm, S. 492). Im Prolog wurde die Belebung der Sozialethik und ihrer Werte für das Stattfinden einer notwendigen gesellschaftlichen Veränderung ebenfalls erwähnt.

Aus philosophischer Sicht werden Sozialethik und Sozialethos von Ethik bzw. Ethos abgeleitet. Sie beschäftigen sich mit der Individual- und Personalethik, die sich mit einzelnen Individuen und deren Verantwortung in zwischenindividuellen Handlungen befasst, d. h. mit der Verfassung und Ordnung der Strukturen menschlichen Zusammenlebens. Sie thematisieren sowohl die Frage der Verantwortung in Strukturen als auch die Verantwortung für Strukturen und die Gestaltung der institutionellen Ordnung (vgl. Honecker 2001, S. 402f).

Aus dieser Perspektive betrachtet, kann gesagt werden, dass das Sozialmanagement sich konsequent mit institutionellen Ordnungen auseinandersetzt, also auch die Verantwortung für die Strukturen übernehmen sollte, die das Zusammenleben und die Teilhabe an den gesellschaftlichen Gütern ermöglicht. Um das Zusammenleben regeln zu können, braucht es ein gesellschaftliches und ethisches Modell, das die professionellen Handlungen begründet. In einem nächsten Arbeitsschritt wird aufgezeigt, welche Modelle überhaupt in Betracht gezogen werden können, um eine eigene ethische Linie zu entwickeln.

Seit Ethik als Thema und Aufgabe definiert wurde, haben die unterschiedlichen Anschauungen von den Aufgaben der Ethik zu verschiedenen Typen und Modellen ethischer Fragestellungen geführt. Eine der vielen Modelle ist die „spirituell-entfaltungsorientierte Entwicklungslinie“, bei der es um die Verwirklichung vollkommener Gottesliebe und der Nächstenliebe geht (ebd. S. 407). Dieser Gedanke ist der Sozialen Arbeit nicht fremd, vielmehr sind die altruistischen Gedanken der Menschenwürde als ethische Maxime und die Idee der Nächstenliebe Bausteine der Sozialen Arbeit. Die Pioniere der Sozialen Arbeit, Alice Salamon und Jane Addams, verfolgten diese Gedanken. Nicht ohne Grund wurde Addams als „selfless giver of ministrations to the poor“ bezeichnet; sie zeigte Nächstenliebe und eine altruistische Haltung[3].

Ein anderes Modell befasst sich mit „Regeln und Normen für das Handeln und für die Praxis des Lebens; kausuistisch-anwendungsorientierte Entwicklungslinie“ (vgl. Honecker 2001, S. 407). Dieses Modell kennt die Soziale Arbeit ebenfalls seit 1850. Als Beispiel sei hier die Bewegung der Elberfelder[4] Armenordnung „Arbeit statt Almosen“ im Rahmen des Arbeitszwangs als Ziel der Armenpflege erwähnt (vgl. Landwehr 1995, S. 24). Darin ist die Idee der Wiedergutmachung und Leistung ersichtlich, wie sie in dieser Entwicklungslinie ist. Bis heute haben sich solche Gedanken über Rechte und Pflichten von Sozialhilfe-Empfangenden (hartnäckig) gehalten. Als ein weiteres Modell oder eine weitere Linie kann die Tugendlehre oder Vernunftseinsicht genannt werden. Dieses Modell, das seine Wurzeln in der Lehre des Aristoteles (Naturrecht) oder des Thomas von Aquin bzw. Kant hat, wird im 20. Jahrhundert zu einer “Verantwortungsethik“ umdefiniert. Sie „verbindet die Frage nach dem Subjekt, dem Träger von Verantwortung, mit der Wahrnehmung von Aufgaben, Aufträgen von Verantwortung wie Friede oder Beseitigung von Welthunger […]“ (Honecker 2001, S. 407ff). Als Beispiel für eine solche Verantwortung gilt die Friedensbewegung; auch die Beseitigung von Welthunger und Armut, wie von sozialen Institutionen forciert, kann als Konsequenz dieses Modells betrachtet werden.

Nachdem die Modelle und Linien der Sozialen Arbeit als Bausteine des Sozialmanagements untersucht und definiert worden sind, wird im nächsten Abschnitt der Utilitarismus als ein Ethikmodell diskutiert, das die Wurzeln des Managements gießt.

2.2 Utilitarismus, ein umstrittenes Ethikmodel für das Management

Die utilitaristische Ethik wurde Ende des 18. Jahrhunderts in England vom Jeremy Bentham konzipiert und später vom John Stuart Mill wie folgt proklamiert: „Das größtmögl. Glück der größtmögl. Zahl. Der Utilitarismus bewertet die Folgen einer Handlung (Konsequentialismus) u. misst sie am Nutzenprinzip als allgemein verbindl. Moralprinzip.“ (ebd., S. 409f).

Umstritten sind Begründung und Beurteilung von Handlungen. Im Handlungsutilitarismus wird der Nutzen für den Handelnden gemessen, und im Regelutilitarismus wird eine Klasse von Handlungen auf den allgemeinen Nutzen hin untersucht. Umstritten bleiben im Utilitarismus ferner „die Möglichkeit der Ermittlung des Gesamtnutzens und die Notwendigkeit der Ergänzung des Nutzenprinzips durch ein Gerechtigkeitsprinzip“ (ebd., S. 411).

Management hat seine Wurzeln im Militär, im Klerus und in der Leitung von Krankenhäusern. Es orientiert sich an Hierarchien und einem utilitaristischen Wertesystem. In Anbetracht seiner Orientierung und Wertehaltung löst das Management einen ethischen Konflikt aus innerhalb der sozialen Berufe und des Sozialmanagements. Beide Systeme, sowohl das hierarchische als auch das utilitaristische, schränken die Autonomie der Individuen enorm ein, insbesondere dann, wenn die Handlungsanweisungen vom oberen Management kommen und die hierarchisch Untergeordneten für Fehler verantwortlich gemacht werden. So referiert auch Annemarie Pieper (vgl. SozialAktuell 2007, S. 5ff).

Die Autonomie kann infolge der Werteorientierung der Sozialen Arbeit, die in ihrer Grundhaltung an der Sozialethik und an der Ethik der Sozialen Arbeit inhärent festhält, die Wertehaltung und die ethische Orientierung des Utilitarismus als Vorbild des Managements nicht vertreten. Wenn das Management sich grundsätzlich an wirtschaftlicher Moral und Ethik orientieren soll, muss es dennoch auf dessen Nutzen und Vorteil für die Gesellschaft untersucht werden. John von Neumann und Oskar Morgenstern weisen in ihrem Buch Theory of Games and Economic Behavior (1994) auf eine wichtige moralische Überlegung hin in Bezug auf egoistische Präferenzen in der Wirtschaftsethik; die ethischen Ansätze werden danach in den Disziplinen Wirtschaft und Soziales sinnvoll auseinander gehalten. Sie meinen Folgendes: „Innerhalb der Ökonomie wird die Annahme durchgehend selbstinteressierter Präferenzen fast durchweg als Selbstverständlichkeit behandelt.“ (Hegselmann in: Lenk 1998, S. 167). Hegselmann führt weiter aus, dass Rationalität selbstinteressierter Akteure mit ihren egoistischen Präferenzen und ihrem Eigennutz zu einem kollektiven Desaster führen kann. Dieses Argument wird mit dem berühmten Gefangenen-Dilemma (prisoner’s dilemma) erklärt (ebd., S. 168).

Henry Sidgwick als ein Vertreter des Utilitarismus ist der Auffassung, dass die Motive der Nutzenerwartung und des Egoismus nicht zwingend zusammen gehören. Er sieht Moral und Ökonomie nicht in versus, sondern unterscheidet zwischen Egoismus und Utilitarismus, indem er die argumentativen Strukturen von Egoismus, Intuitionismus und Utilitarismus liefert. Die beiden Letzteren hält er für vereinbar. Der philosophische Intuitionismus enthalte die allgemeinen moralischen Regeln und Prinzipien, wie die der Gerechtigkeit und des Wohlwollens, so Sidgwick. Der Utilitarismus verfolge das Ziel vom Glück aller. Sidgwick betrachtet Gerechtigkeit und Wohlwollen als im Widerspruch zu Egoismus, d. h. als unvereinbar. Seine Überzeugung ist, dass die Maximierung des Nutzens kein intrinsisch egoistisches Motiv sei. Der Utilitarist wolle den Nutzen seines Handelns unter den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Wohlwollens maximieren. Er strebe deshalb das Ziel ökonomischer Rationalität unter den Bedingungen moralischer Rationalität an. Auf diese Weise könne der Utilitarist die Probleme zwischen Ökonomie und Moral überwinden. Diese Gedanken aber tragen nicht sehr weit, da zwischen Egoismus und Pflicht ein Rationalitätsproblem auftaucht. Sidgwick definiert den Egoisten nicht als Hedonisten, der sein eigenes Glück auf Kosten anderer maximieren will, sondern als klugen Menschen, der seine Leidenschaft und Motive unter Kontrolle hat (vgl. Vossenkuhl in: Lenk 1998, S. 192f). An dieser Stelle würden eine Reihe von Argumentationen und Definitionen von Egoismus und Dualismus zwischen Selbstinteresse und Pflicht nötig, die den eigentlichen Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Die Folge der bis anhin ausgeführten Argumente wird später in der Diskussion über die Entstehung der sozialen Werte aufgegriffen. Dabei soll gezeigt werden, dass Nutzen und Gewinn nicht als Maßstab dienen können bzw. dürfen, sondern dass das Wohl der Individuen und die gesellschaftlichen und kollektiven Vorteile im Vordergrund stehen müssten. Die Frage stellt sich, wie lange die Denkweise des derzeit herrschenden Neoliberalismus noch Bestand hat. Allein dieses Denken zeigt die Notwendigkeit einer eigenen Ethik und eigener Richtlinien im Sozialmanagement.

2.3 Die Gerechtigkeitskonzepte als wichtiger Bestandteil der Arbeit des Sozialmanagements

Gerechtigkeit scheint eines der Motive in der Ethik und im Ethos sozialen und politischen Handelns zu sein (vgl. Honecker 2001, S. 570). Sowohl in der Sozialen Arbeit als auch im Sozialmanagement zählen, wie oben erwähnt, die Einhaltung der Gerechtigkeit, die faire Verteilung der Güter und die gerechte und menschenwürdige Behandlung der Individuen zu den Hauptmotiven der Handlung. Die eigentliche Aufgabe der Sozialen Arbeit war lange Zeit die persönliche Hilfe und nicht nur die materielle. Die Soziale Arbeit und demzufolge das Sozialmanagement übernehmen heute vermehrt die materielle Verantwortung; dagegen wird die persönliche Hilfe zunehmend Aufgabe der Freiwilligen. Hat diese Entwicklung längerfristig mit Gerechtigkeit in irgendeiner Art und Weise zu tun? Gerecht bedeutet, dass alle Menschen gleich behandelt werden in Bezug auf bestimmte für wichtig erachtete Kriterien.

Bei Aristoteles ist Gerechtigkeit ein Maßstab für die Angemessenheit eines Verhaltens. Seine Auslegung der Gerechtigkeit prägt die Philosophie der Neuzeit. In seiner Nikomachischen Ethik unterscheidet er zwischen ausgleichender, d. h. Tausch­gerechtigkeit (kommutative Gerechtigkeit), und austeilender, d. h. Verteilungs-gerechtigkeit (distributive Gerechtigkeit). „Die erste Form ist auf die Verteilung von Gütern im sozialen Kontext bezogen, die zweite auf Handelsbeziehungen, aber u. U. auch auf die Relation von Vergehen und Strafe “ (ebd., S. 571). Platon umschrieb die Gerechtigkeit mit der “Idiopragieformel“; jeder soll so behandelt werden, wie es ihm zusteht. Er sah zum einen die Gerechtigkeit als Tugend an, die die Seele des Menschen ordnet, zum anderen sollte ihre Ordnung der Gerechtigkeit in einer arbeitsteiligen Polis entsprechen (ebd.). Diese Gedanken der Gerechtigkeit werden heute weder in der Politik noch in der Ökonomie praktiziert. Obschon dies ein religiöses, biblisches Gebot ist. Thomas von Aquin beschreibt einen Zustand als gerecht, der einen in Übereinstimmung mit der kosmischen Ordnung leben lässt. Dabei übernimmt er die platonische Auffassung des „suum cuique“ (jedem das Seine), wonach „jedem Menschen innerhalb der göttlichen Ordnung ein Platz zugewiesen worden ist“[5].

Mit dem Gedanken ‚jedem das Seine’ kann wieder eine Haltung interpretiert werden, dass jeder das Recht haben sollte auf Teilhabe und Teilnahme an gesellschaftlichen Gütern und Ressourcen. Diese Haltung kann vom Management aufgrund der utilitaristischen Haltung nicht vertreten werden. Wie die Gerechtigkeit gemäß dem Utilitarismus aussieht, wird nachfolgend diskutiert. Für den Utilitarismus ist all das gerecht, was den Nutzen vermehrt und den Schaden mindert. Bei quantitativen Utilitaristen wie Jeremy Bentham wird der Nutzen mit der Summe von sogenannten Glücksgütern gleichgesetzt. Sie behaupten, dass eine Gesellschaft dann gerecht sei, wenn die Summe dieser Glücksgüter für alle Betroffenen maximiert werde (Summenutilitarismus). Eine subjektive, hedonistische Interpretation von Nutzen liefert John Stuart Mill, der Nutzen damit gleichsetzte, was einem Einzelnen Freude und Lust bereitet. Später korrigierte der Durchschnittsnutzenutilitarismus dieses Konzept, der behauptete, gerecht sei nur mehr das, was den durchschnittlichen Nutzen einer Gesellschaft maximiere. Ein Utilitarist kann grundsätzlich nicht sagen, ob ein bestimmter gesellschaftlicher Zustand gerecht ist oder nicht, sondern nur, ob dieser Zustand es gegenüber einem anderen ist (Vergleichsabhängigkeit). (ebd.)

John Rawls prägte eine sehr moderne und einflussreiche Definition von Gerechtigkeit. Er befasste sich in Abgrenzung zum Utilitarismus mit der Gerechtigkeit politischer Systeme. Obwohl Gerechtigkeit ein variables Konzept darstellt, hat Rawls sein Verständnis von Gerechtigkeit so definiert, dass nur das gerecht sei, was fair ist. Als Fairness definierte er demzufolge Zustände, die unter gleichen Bedingungen geschaffen wurden. In seinem Werk A Theory of Justice stellte Rawls eine Gerechtigkeitskonzeption mit zwei Prinzipien vor:

A) Das Prinzip der Chancengleichheit: Alle Menschen müssen einen gleichen Katalog von Rechten besitzen;
B) Das Differenzprinzip: Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft müssen sich zum Nutzen der am meisten Benachteiligten (der Ärmsten) auswirken.

Die beiden Prinzipien distanzieren sich von dem des Utilitarismus und haben gute Grundsätze für das Sozialmanagement. „Nach seiner ersten Regel soll die Freiheit gleichermaßen gewährt werden; im Grunde müssten dann die Grundgüter des Lebens und die Möglichkeit der Partizipation am Gemeinwesen eingeschlossen sein. Nach der zweiten sollen Unterschiede nur so weit zugelassen werden, als sie zum Besten des am schlechtesten Davongekommenen dienen.“ (Honecker 2001, S. 571ff).

Als Reaktion auf Rawls’ Gerechtigkeitskonzeption wurden in den 80er-Jahren die beiden Gerechtigkeitsmodelle liberalistischer Gerechtigkeit von Nozick und die kommunitaristischen Versionen von Walzer und Sandel konzipiert. Für Erstere ist das gerecht, was zu Recht angeeignet und unter gerechten Bedingungen erworben wurde. So ist jeder Mensch zunächst einmal Eigentümer der Früchte seiner Arbeit. Eine Umverteilung wie Rawls (Differenzprinzip) lehnt er ab. Die kommunitaristischen Versionen gehen von der Einübung der Gerechtigkeit in bestimmten Sphären aus. Diese Theorien lassen nicht zu, dass Gerechtigkeit und Gutes völlig voneinander getrennt werden (ebd.).

„Die (neoliberale) Ökonomie bereitet der Idee der Gerechtigkeit besonders Probleme: Da der Markt für den ökonomischen Liberalismus als spontane Ordnung gilt, die Qualifikation ,gerecht’, aber nur intentional dem menschlichen Verhalten zukommt, kann die Marktwirtschaft nicht unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit betrachtet werden“, sagt von Hayek (ebd., S. 572).

Das Sozialmanagement muss sich ja heute an Modellen orientieren wie New Public Management, aber auch an vielen anderen herrschenden Grundkonzepten der neoliberalen Ökonomie. Allein die Vorstellung, dass sich die gesamten Richtlinien nach einer neoliberalen Ökonomie richten müssen, lässt vermuten, dass der Sozialethos am Aussterben ist – und ein solches Szenarium wiederum weckt Differenzen bezüglich der Gerechtigkeit. Diese zeigen sich vor allem bei Verfahren und Kriterien. Als Verfahrensregel kann hier die folgende verstanden werden: „Gleich behandelt werden soll jeder Mensch im Hinblick auf:

(a) fundamentale Rechte und Mindestteilhabe an gesellschaftlichen Grundgütern und Chancen;
(b) seine anerkannten Grundbedürfnisse;
(c) seine Leistungen in der bzw. für die Gesellschaft (z. B. gleicher Lohn für gleiche Leistung);
(d) seine Verdienste um die Gesellschaft;
(e) seinen Status (umstritten).“ (ebd., S. 574ff)

Diese allgemeinen Regeln setzen Interpretationen, z. B. von Leistungen, voraus und erfordern Basisindikatoren wie:

„(a) das Maß an ‚Welfare’;
(b) die konkrete Gestalt der Partizipation an der Gesellschaft und die begleitende kommunikative Freiheit;
(c) die Fähigkeit zu produktiver und anerkannter Arbeit;
(d) die Freiheit, auch ein kritisches Mitglied der Gesellschaft zu sein, und
(e) die Dialog- und Kooperationsfähigkeit.“ (ebd., S. 575)

Das Fundament dieser Kriterien und ihre Auslegung bilden eine nachhaltige, lebensförderliche und verantwortliche Umwelt und Gesellschaft, was wiederum Arbeitsgebiet und Aufgabe des Sozialmanagements per Definition[6] wäre.

2.4 Wirtschaftliches Handeln des Sozialmanagements aufgrund der Managementrolle, Wirtschaftsethik und -systeme

Das Sozialmanagement muss wirtschaftlich handeln. Diese Handlungen finden zwischen Ressourcenknappheit und sozialethischem Anspruch statt. Die Diskussionen um Rationierung der Sozialhilfe- und Erwerbslosengelder sowie Alten- und Behindertenrenten haben eine politische Dimension erreicht, in der das Sozialmanagement strategisch handeln und dies ethisch plausibel machen muss. Aufgrund unterschiedlicher Klientel und Güter in der Sozialwirtschaft bleibt das wirtschaftliche Handeln immer ein Thema und bildet eine Differenz zur allgemeinen Wirtschaft. Gisa Haas beschreibt diesen Unterschied wie folgt: „Vielfach wird sozialwirtschaftliches Handeln von reinem Erwerbsstreben der Wirtschaft dadurch abgegrenzt, dass dem alleinigen Gewinnmaximierungsstreben der Wirtschaft ein komplexeres Streben in der Sozialwirtschaft entgegengestellt wird. Sozialwirtschaftliches Handeln enthält – im Gegensatz zu wirtschaftlichem Handeln des homo oeconomicus – auch ethischen Implikationen.“ (Haas in: Becker 2002, S. 164).

Rathje sieht einen Unterschied auf der Unternehmensebene; er begründet die von anderen zu unterscheidende Handlungsform eines Sozialunternehmens so, „dass bei Sozialunternehmen bei der Leistungsverteilung nicht die Gewinnmaximierung als oberster Leitgedanke das Handeln bestimmt“ (Heister 2004, S. 46). Die grundsätzlichen Bausteine der Handlungen des Managements sind, wie bereits betont, Wirtschaftsethik und Gewinnmaximierung. Einerseits wird vom Sozialmanagement aufgrund seiner sozialarbeiterischen Fähigkeiten erwartet, dass es seine moralischen Kompetenzen bei Entscheidungen einsetzt und erweitert sowie verantwortungsbewusst mit Geldern und anderen Ressourcen umgeht. Andererseits werden die Finanzen immer knapper und der Handlungsspielraum für das Sozialmanagement immer enger. Wirtschaftlich kann nur dann gehandelt werden, wenn bestimmte Ressourcen vorhanden sind und eine Nachhaltigkeit im Sinne des Gerechtigkeitskonzepts (siehe oben) garantiert werden kann. Es bleibt dahingestellt, wie in der jetzigen Situation der Geldpolitik eine adäquate klientel- oder kundenorientierte[7] Handlung weiterhin gewährleistet werden kann. Wirtschaftliches Handeln ist für das Sozialmanagement sehr schwer, weil es nicht mit einer Menge von Produkten zu tun hat, die gelagert oder bei Bedarf wieder verlagert werden können, sondern mit Individuen, die Einzelgeschichten und Eigenschaften besitzen. Sie haben ihre Freiheit und kennen ihre Rechte und Pflichten in der Gesellschaft. Die Klientel des Sozialmanagements sind nicht nur Menschen in Not, sondern auch Auftragsgebende, Politiker(inn)en, die das Feld der Sozialen Arbeit teilweise nicht bzw. pauschalisiert kennen und es nur auf Arbeitslosigkeit, Armut und Migration reduzieren. Dennoch erwarten sie, dass das Sozialmanagement Lösungen für die entstandenen Probleme herbeizaubert.

Ein großer Unterschied zwischen dem Management in der Wirtschaft und dem im sozialen Bereich besteht darin, dass die verhandelbaren Güter, die in der Wirtschaft nur einen materiellen Wert darstellen, nicht frei sind und sich bei Verhandlungen nicht äußern oder mitentscheiden können. Hingegen verfügt im Sozialmanagement die Klientel (als verhandelbare Güter) im Sinne des Rechts auf Selbstbestimmung und Partizipation stets über Urteilskraft[8] und ist in den meisten Fällen verhandlungsfähig. Diese Menschen werden in der Sozialen Arbeit sowie im Sozialmanagement als Personen behandelt, welche Rechte haben auf Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen, auf Selbstbestimmung und auf einen gerechten Zugang zu materiellen Gütern. Dieser Unterschied zwischen Klientel und verhandelbaren Gütern, die nicht entscheiden können, erschwert das wirtschaftliche Handeln für das Sozialmanagement in jeder Hinsicht.

Wenn es um Geld- und Gütertransfer geht, ist das Sozialmanagement zweifellos fähig zu jonglieren wie bisher in der Sozialen Arbeit. Wenn es aber um Menschenrechte und -würde geht, ist nicht immer wirtschaftliches Handeln anwendbar, weil dort die subjektive Nutzenmaximierung und der Gewinn im Vordergrund stehen, das Handeln des Sozialmanagements hingegen teilweise von altruistischen Motiven geleitet wird. Es wäre also eine inadäquate Methode zur Problemlösung und ethisch nicht verantwortbar, wenn sich das Sozialmanagement nur an subjektiver Gewinnmaximierung orientieren würde. Werden die sozialen Berufe weiterhin mit den Werten des Managements ökonomisiert, ohne dass dabei kritische Gedanken über den utilitaristischen Hintergrund und die Maximierung der Gewinne aufkommen, stirbt eine Chance der Resozialisierung des Homo oeconomicus. In diesem Falle wird ein qualitatives Wertebewusstsein nie zurückkehren und Werte wie die Menschenwürde, für welche jahrelang gekämpft wurde, werden ihren Platz an das Nutzenwachstum abgeben müssen (vgl. Pieper 2006, in: „SozialAktuell“ und Vossenkuhl in: Lenk/Mahring 1998).

Es wurde erwähnt, dass das Sozialmanagement sich vermehrt an der Wirtschaftsethik orientiert. Dadurch besteht die Gefahr, dass es seine eigenen Wurzeln in der Sozialen Arbeit vernachlässigt. Dies kann geschehen, weil sich die Soziale Arbeit schon seit längerer Zeit in einem Image- und Legitimationskampf innerhalb der verschiedenen Disziplinen befindet. Die Wirtschaftsethik gilt grundsätzlich als kritische Reflexion. Sie wird auch als „Rekonstruktion ökonomischer Rationalität respektive wirtschaftlichen Handelns“ (Honecker 2001, S. 2733) und von Peter Ulrich verstanden. Unterteilt werden diese, Rekonstruktion und Handeln, in die Makro-, die Meso- und die Mikroebenen. Die Ausführung der einzelnen Ebenen ist für diese Diskussion nicht relevant. Wichtig ist aber die Management-Ethik als ein Teil der Mesoebene. „Hier geht es um Aspekte von rentablen und ethisch umsichtigen Unternehmensentscheidungen im Alltag […].“ (Heun 2006, S. 2733).

Im Gegensatz zu den vorher genannten Ethiken übernimmt der Manager oder die Managerin eine besondere, aber beschränkte Rolle bei der Steuerung des Marktes bzw. von Handlungen. Trotzdem handelt es sich hier nebst ethischen Fragen immer noch um Gewinnmaximierung. Wie kann sich nun das Sozialmanagement gegen eine totale Übernahme der Werte des Wirtschaftsmanagements und der Gewinnmaximierung wehren? Talcott Parsons, ein Vertreter des Strukturfunktionalismus, setzt sich vorrangig mit den klassischen Berufen (Ärzten und Juristen) auseinander und nennt als eines ihrer Kennzeichen die Professionsethik, welche als „ein Gegengewicht zu den ansonsten herrschenden Werten der Wirtschaftsgesellschaft“ sowie zur Dominanz von „ökonomischer und bürokratischer Rationalität“ fungiere (vgl. Merten/Olk 1996, S. 573)[9].

Ein weiterer Aspekt in ethischen Diskussionen beinhaltet die Dispute über Diskursethik. Wenn Sozialmanagement wirtschaftsethisch handeln muss, dann sollte es sich mit dem Ansatz der Diskursethik auseinandersetzen, der seit den 80er-Jahren von Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel entwickelt wurde. Habermas erarbeitete einen optimalen Diskurs mit entsprechenden Voraussetzungen. „Grundlegend sind die Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit der Argumente. Insofern versteht sich jeder Diskurs im Sinne der Vernunft. Zu den Voraussetzungen für einen optimalen Diskurs gehören u. a., dass jedes sprach- und handlungsfähige Subjekt am Diskurs teilnehmen, jeder Teilnehmer jede Behauptung problematisieren oder jede These in den Diskurs eingeführt werden darf.“ (Heun, 2006, S. 2735). In der Systematik der Wirtschaft innerhalb der wirtschaftsethischen Diskussionen existieren fünf systemische Aspekte, die konstitutiv sind:

(a) Begriffliche Betrachtungsweise; entweder die Grundbegriffe „Ethik“ und „Wirtschaft“ sind gleichberechtigt nebeneinander oder eine Disziplin erhebt sich über die andere; beispielweise festgelegte ethische Prinzipien werden auf den Wirtschaftsbereich angewandt (ebd., S. 2736).
(b) Wertfreiheit des wirtschaftlichen Handelns; nach Ulrich „gibt es keine vernünftige Wertfreiheit jenseits ökonomischer Rationalität und keine wohlverstandene ökonomische Rationalität diesseits praktischer (und damit ethischer) Vernunft. Ergebnis dieses integrativen Verständnisses von Wirtschafts- und Unternehmensethik ist die Auffassung der Betriebswirtschaftslehre als praktische Sozialökonomie.“ (ebd.).
(c) Position der Wirtschaft innerhalb der interdisziplinären Diskussion; in den Diskussionen zwischen Ökonomie, Wirtschaft und Ethik existieren drei Modelle, die für das Sozialmanagement von Bedeutung sein könnten: das Dominanzmodell, das Unterwerfungsmodell und das Koexistenzmodell. In diesen Modellen fungiert die Wirtschaft als Vermittlerin zwischen anderen Disziplinen. Aus der theologischen Sicht von Arthur Rich geht es darum, „das Sachgemäße der Wirtschaft mit den Menschenrechten der Ethik so zu vermitteln, dass daraus wirtschaftsethische Handlungsmaximen entwickelt werden“ (ebd., S. 2737). Gemäß Rich „kann nicht wirklich menschengerecht sein, was nicht sachgemäß ist, und nicht wirklich sachgemäß, was dem Menschengerechten entgegensteht“ (ebd.).
(d) Funktionen der Wirtschaft; der Wirtschaft werden unterschiedliche Funktionen wie eine Transparenzfunktion oder kritisch-reflexive Funktion sowie eine normative Funktion zugeschrieben. Jede Funktion antwortet auf eine bestimmte Frage (ebd.).

An dieser Stelle soll die Idee von Arthur Rich aufgegriffen werden, nämlich wirtschaftsethische Handlungsmaximen zu entwickeln und diese auf das Sozialmanagement zu übertragen. Dafür wird eine neue Haushaltswirtschaft notwendig gemeinsam mit einer neuen Wirtschaftspraxis und einem Wirtschaftsethos für Sozialmanagement. Eine solche Neuorientierung müsste freilich an die Wurzeln der derzeitigen Handlungen, Haltungen und des heutigen Denkens gehen. Hierfür kann an den oben unter Punkt (c) aufgeführten Grundsatz angeknüpft werden (Position der Wirtschaft in interdisziplinärer Diskussion und Koexistenzmodell), der besagt, dass die Disziplinen sich in gegenseitiger Abhängigkeit befinden und alleine nicht mehr überlebensfähig sind. Sozialmanagement als eine Disziplin der Sozialwissenschaft kann mit anderen Disziplinen in Koexistenz treten – weil das der Grundsatz der Tätigkeit der Sozialen Arbeit ist. Vielleicht muss es sich besser positionieren und seine eigene Position in den verschiedenen Disziplinen verteidigen. Ich bin der Auffassung, dass das Sozialmanagement über genügend Background und Know-how verfügt, um mitdiskutieren zu können und gesellschaftliche Veränderungen vorzunehmen. Es steht in keinem Gesetzbuch, dass wir die gesellschaftlichen und ökonomischen Systeme nicht ändern dürfen. Sozialmanagement hat seine ethischen Wurzeln in der Sozialen Arbeit und seine Managementhaltung aus Theologie und Ethik der Sozialen Arbeit. Es soll nun in der Lage sein, sich zu positionieren, damit ihm nicht dasselbe passiert wie der Sozialen Arbeit, die heute noch um ihre Anerkennung als Disziplin kämpft und sich beweisen muss.

Wirtschaftliches Handeln und Denken gehören zum Sozialmanagement, und es kann nicht oder nicht mehr behauptet werden, dass die Wirtschaft die Soziale Arbeit oder das Sozialmanagement nichts angeht. Als Arthur Rich 1957 sein Buch Christliche Existenz in der industriellen Welt veröffentlichte, vertraten einige der Theologen und sozial Tätigen die Meinung, Wirtschaftsfragen gehörten nur an den äußersten Rand der christlichen Ethik (vgl. Weber 1980 in: Strohm, S. 145). Dieser Paradigmenwechsel hat aber längst stattgefunden.

2.5 Konklusion

Das Sozialmanagement kann dann wirtschaftlich handeln, wenn es die herrschenden Werte der subjektiven Nutzenmaximierung oder der Effizienz und Effektivität erkannt und begriffen hat. Es wird sich immer zwischen verschiedenen Wertesystemen bewegen und entscheiden müssen, wenn es keine eigene Ethik entwickelt. Wie Arthur Rich vorschlägt, ist eine neue Ethik notwendig für die Sozialwirtschaft, das Wirtschaftsethos und den Wirtschaftshaushalt, um eine „wirtschaftliche Handlungsmaxime“ zu entwickeln. Die Frage bleibt offen, wer mit dieser Reform beginnen muss. Kann das so interpretiert werden, dass sich die Reform des Sozialmanagements in der Rolle eines Gerechtigkeitsmanagements vollzieht?

Zuallererst sollte geklärt werden, was mit Reform in diesem Zusammenhang gemeint ist. In der englischsprachigen Literatur wird Sozialmanagement oft für „social reform“ verantwortlich gemacht. Sind Gerechtigkeitsmanagement und „social reform“ tatsächlich die neuen Aufgaben des Sozialmanagements, braucht es einen eigenständigen Kodex für sein Handeln. „Social reform” wird in der Literatur definiert als „activity designed to rearrange social institutions or the way they are managed to achieve greater social justice or other desired change. The term is most often applied to efforts to eliminate corruption in government or structural inequities such as institutional racism.“ (Barker 1999, S. 452).

Dies kann so interpretiert werden, dass das Sozialmanagement diejenige Profession ist, die eigentlich die Verantwortung für ihre Handlungen tragen sollte. Es ist zu erwähnen, dass das Sozialmanagement kein großes Repertoire an Gerechtigkeitsmodellen hat, an denen es sich bedienen könnte und mit denen es darüber hinaus gegen verschiedene korrupte Systeme und Organisationen ankämpfen könnte. Das Modell von John Rawls ist eines von wenigen Modellen, das erstens die utilitaristischen Modelle begründet, entgegentritt und zweitens eine Chancengleichheit für alle gesellschaftlich Beteiligten vorsieht.

Diese Vorstellungen müssen nun mit den Ideen der Auftraggebenden unter einen Hut gebracht werden. Die Auftrag- bzw. Geldgebenden haben oft klare Vorstellungen von Ethik und ethischem Handeln und ein eigenes Verständnis dafür. In ihrer Funktion als Leistungsauftragspartner bleibt der Handlungsspielraum für das Sozialmanagement sehr klein. Trotzdem müssen auch hier die Rahmenbedingungen genutzt werden, um die Handlungen verantwortungsvoll zu gestalten.

In der Realität ist es die Aufgabe des Managements, einerseits das Überleben der sozialen Institutionen und Arbeitsplätze zu sichern und andererseits sozialwirtschaftlich zu handeln. Genau an diesem Punkt fängt die Schere des Gerechtigkeitsverständnisses an auseinanderzuklaffen, und die Auseinandersetzung und Schwierigkeit des Gerechtigkeits­managements als Aufgabe der Managerin und des Managers mit Mitarbeitenden, aber auch mit sich selbst und mit der eigenen Ethik beginnt.

Im nächsten Kapitel werde ich aufzeigen, wie es überhaupt möglich ist, mit Berufsmoral und Hilfeverständnis eines Sozialarbeiters oder einer Sozialarbeiterin als Manager bzw. Managerin wirtschaftlich zu handeln. Hat Soziale Arbeit überhaupt etwas mit Sozial­management zu tun? Was verbindet die beiden Aufgabenbereiche?

3 Von der Berufsmoral der Sozialen Arbeit zum Sozialmanagement

„Ob die Welt gerecht sei, könne er nicht sagen,
aber es mache die Würde des Menschen
aus, sich dafür einzusetzen, dass
seine Verhältnisse gerecht
würden“ (A. Camus)

In diesem Kapitel soll die Verbindung zwischen Sozialer Arbeit als Disziplin und dem Sozialmanagement aufgezeigt und zur Diskussion gestellt werden. Außer Acht gelassen werden die Entstehung der Sozialen Arbeit und ihre Ziele während des letzten Jahrhunderts. Aus historischer Perspektive betrachtet, wurde immer unterschieden zwischen Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Dies, weil sich die Wurzeln der Sozialarbeit in der Herausbildung der Sozialhilfe und der klassischen Wohlfahrtspflege befinden. Sozialpädagogik hingegen steht für Jugendhilfe und Jugendpflege (vgl. Thole 2002, S. 14). Dieser Unterschied zwischen Sozialarbeit und Pädagogik macht die Managementarbeit nicht einfacher; Sozialmanagement versteht sich als Überbegriff für diese und weitere Tätigkeiten in der Sozialen Arbeit.

3.1 Berufsethik der Sozialen Arbeit

Nach den generellen Begriffserklärungen von Moral und Ethik sowie Ethos im Kapitel 2 wird nun untersucht, wodurch sich berufliche Moral prinzipiell auszeichnet. Danach soll die Debatte in der Sozialen Arbeit angeschaut werden.

Zunächst werfen wir einen Blick auf die jüngste Definition von Sozialer Arbeit des International Federation of Social Workers (IFSW) in Montreal im Jahr 2000: „Soziale Arbeit ist eine Profession, die sozialen Wandel, Problemlösungen in menschlichen Beziehungen sowie Ermächtigung und Befreiung von Menschen fördert, um ihr Wohlbefinden zu verbessern. Indem sie sich auf Theorien menschlichen Verhaltens sowie sozialer Systeme als Erklärungsbasis stützt, interveniert Soziale Arbeit im Schnittpunkt zwischen Individuum und Umwelt/Gesellschaft. Dabei sind die Prinzipien der Menschen­rechte und sozialer Gerechtigkeit für die Soziale Arbeit von fundamentaler Bedeutung.“ (Staub-Bernasconi in: Thole 2002, S. 256).

Die Profession der Sozialen Arbeit habe das gesellschaftliche Mandat zur Verrichtung besonderer Leistungen der Problembewältigung und „zur Verwaltung ihr übertragener besonderer gesellschaftlicher Werte“ (Schütze in: Kutscher 2003, S. 32).

Die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse verursachen einen Funktionsverlust von Moral und eine Änderung in Ethik der Sozialen Arbeit und deren Berufe. Das Sozialmanagement kann als Folge dieser Modernisierung erklärt werden und seine Handlungen, wie beispielsweise Kundenzufriedenheit, müssen gestaltet werden aufgrund der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit. Nicht ohne Grund versucht die Soziale Arbeit ihre Tätigkeiten zu professionalisieren und für ihre Disziplin einen eigenen Berufskodex zu entwickeln. Die Professionalisierungsgeschichte der Sozialen Arbeit vollzog sich aufgrund der Expansion der Aufgaben im Sozialen. Soziale Arbeit als Profession hat eine Berufsmoral, welche ihre Handlungen leitet. Die Entwicklung der Sozialen Arbeit von der Intervention zur Prävention gab der Profession eine große Bedeutung in der Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit und Berufsmoral (vgl. Thole 2002, S. 17). In der Schweiz gibt es einen Berufskodex der Sozialen Arbeit. Darunter werden die Handlungen der Sozialarbeit, Pädagogik und soziokulturelle Animation thematisiert und leitfadenartig begründet. Da Soziale Arbeit einen Anspruch auf Profession hat, muss per Definition eine Ethik spezifiziert auf Soziale Arbeit innerhalb der Profession entwickelt werden. Profession wird im „Social work Dictionary“ definiert wie folgt: „a group of people who use in common a system of values, skills, techniques, knowledge, and beliefs to meet a specific social need. The public comes to identify this group as being suited to fulfil the specific need and often gives it formal and legal recognition through licensing or other sanctions as the legitimate source for providing the relevant service. The group enhances its public credibility by expanding its skills and values, ensuring that its members comply with its established standards, and making public the actions it takes to reach these goals.“ (Barker 1999, S. 379).

Susanne Manning schreibt in ihrem Buch „The Social Worker as Moral Citizen“ (vgl. Barker 1999, S. 378), dass in der Sozialen Arbeit versucht wird, eine Klientel in einem Wertesystem, das der sozialarbeiterischen Moral näher ist, zu adaptieren. „A social worker assumes this responsibility when he or she helps client system change the structures of oppression to structures more congruent with social work values. The worker regards self-determination and informs consent as paramount obligations to the client.”

Das Verständnis der Sozialen Arbeit von der Berufsmoral basiert auf dem Grundsatz der Vereinten Nationen von 1994, der den Berufskodex der Sozialen Arbeit wie folgt beschreibt: „[...] der Dienst gegenüber den Menschen [steht] höher als die Loyalität zur Organisation (United Nation 1994).“ (Staub-Bernasconi in: Thole 2003, S. 253).

3.2 Ethik und Hilfeverständnis als Tradition der Sozialen Arbeit

Die Ethik der Sozialen Arbeit hat unterschiedliche Wurzeln. Eine dieser Wurzeln wurde bestimmt von der abendländischen Grundhaltung und geprägt durch zwei große Denkfundamente, namentlich die Gleichheit und die Rationalität. Die soziale Hilfe war auch in der hebräischen Bibel geregelt: „Das Volk wird dazu angehalten, dass es angesichts des Elends die ’Hand nicht verschließt’ und das ’Herz nicht verhärtet’.“ (5. Mose 15:7–11 in: Mührel 2003, S. 16). Damit wurden im antiken israelischen Gemeinwesen konkrete soziale Maßnahmen für Witwen, Waisen, Untergebene, Unterprivilegierte, aber auch für Sklaven und für die nichtjüdische Bevölkerung umgesetzt.

Diese Grundgedanken und ethischen Haltungen prägten die Grundsätze der Sozialen Arbeit. Ein Beispiel für die Veränderungen in der Lehre der Sozialen Arbeit (ca. 1893) und deren Grundhaltung nannte Jeanette Schwerin, Berufsgründerin für die professionelle Soziale Arbeit in Deutschland. Sie betonte, dass sich die früheren Aufgaben verschoben hätten, von der Barmherzigkeit zur Gerechtigkeit, von der Armenpflege zur sozialen Hilfe. Schwerin führte weiter aus: „Die Not unserer Zeit ist weniger eine Not des Einzelnen als eine Not ganzer Klassen.“ (Mührel 2003, S. 22).

Alice Salomon hat vor mehr als 100 Jahren gesagt, „dass unser Wirtschaftsleben nicht auf dem Gefühle der Nächstenliebe aufbaut, sondern […] den Schwachen zu Tode hetzt. Vielleicht wird dann in ihnen das Gefühl […] der Hilfsbereitschaft lebendiger werden, als wenn man ihnen ausschließlich ’Werke der Nächstenliebe’ zeigt und an ihre Barmherzigkeit appelliert, wo sie Bürgerpflichten zu erfüllen haben.“ (ebd.). Diese Feststellung könnte von heute sein. Daran merkt man, dass die rasanten Veränderungen viele neue Nachteile mit sich gebracht haben. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich einer der wichtigsten biblischen Schwerpunkte, die Selbstachtung und Würde von Hilfssuchenden, als oberstes ethisches Prinzip empfiehlt. Die Grundsätze abendländischer Denkepochen, d. h. der biblischen wie griechischen Ethik, haben einen großen Einfluss ausgeübt auf den „Code of Ethics“ der Berufsordnung der Sozialen Arbeit (ebd., S. 25).

In der Ethik der Sozialen Arbeit, wie sie Staub-Bernasconi beschreibt, werden Hilfe und Macht als zwei höchst unterschiedliche, aber auch widersprüchliche bis unvereinbare Sachverhalte gedeutet. Die Ethik gilt es, gemäß dem Professionsverständnis der Sozialen Arbeit zunächst „im Rahmen einer professionellen, demokratischen Arbeitsbeziehung offen zu thematisieren, wenn nötig zu problematisieren und oft zu kombinieren. Darüber hinaus kann sie Hilfe und allerdings auch individuelle und kollektive Ermächtigung (Empowerment) im gekonnten Umgang mit Machtstrukturen bedeuten. Macht ist nur dann hilfreich, wenn sie die Bedürfnisbefriedigung und Wunscherfüllung von Individuen nicht behindert, sondern unterstützt und zugleich fair begrenzt.“ (Thole 2003, S. 254).

Die Ethik der Sozialen Arbeit nach Thomas Olk ist geprägt von einem doppelten bzw. dreifachen Mandat, wie Staub-Bernasconi bemerkt: „Das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle ist durch den gesellschaftlichen Auftrag Sozialer Arbeit bedingt, der einerseits die Befriedigung gesellschaftlicher Interessen und andererseits die Beantwortung individueller Bedürfnisse verlangt. Konkret bedeutet dies, dass die Kontrollfunktion Sozialer Arbeit das Verhindern bzw. die Sanktionierung sozialdevianten[10] Verhaltens enthält mit dem Ziel, gesellschaftliche Koexistenz zu ermöglichen. Die Hilfefunktion hingegen bedeutet die Unterstützung des Individuums in seinen Bemühungen, die Autonomie seiner Lebenspraxis wiederzuerlangen.“ (Kutscher 2003, S. 39). Dass die beiden Situationen sich oft konträr gegenüberstehen, ist ein Teil der Profession der Sozialen Arbeit, welcher als drittes Mandat (Trippelmandat) definiert wird. Als solches spricht Staub-Bernasconi von der Profession der Sozialen Arbeit und ihrer Ethik, die sie verpflichtet, professionell zu handeln, und die durch die beiden Mandate hervorgerufene widersprüchliche Situation gesellschaftlich, aber auch für die Klientel zu managen.

In der Frage nach der Funktion der Hilfe in Sozialer Arbeit bekräftigt Hillebrandt, „dass das gesellschaftliche Bezugsproblem, also die Funktion sozialer Hilfe, eng mit dem typischen modernen Verhältnis von Menschen und Gesellschaft zusammenhängt, was im Vergleich zur vormodernen Gesellschaft kompliziert und vielschichtig geworden ist“. (Hillebrandt in: Thole 2003, S. 220). Hier wird einmal mehr deutlich, dass der Wertewandel nicht nur auf die Arbeit einen Einfluss ausübt, sondern auch die verschiedenen Bedeutungen und Definitionen der einzelnen Bereiche der Professionen, also der sozialen Hilfe, semantisch ändern kann. Im nächsten Abschnitt wird der Zusammenhang untersucht zwischen den beiden selbstständigen Berufen Soziale Arbeit und Sozialmanagement. Untersucht werden soll, ob sich ein Paradigmenwechsel vollzogen hat, und wenn ja, ob dieser abgeschlossen ist.

3.3 Von der Sozialen Arbeit zum Sozialmanagement – ein Paradigmenwechsel?

Das Berufsfeld der Sozialen Arbeit sowie des Sozialmanagements ist breit gefächert. Möglich ist die Leitung in einer sozialen Institution oder in einer Abteilung eines Industrieunternehmens. Soziale Arbeit hat im Laufe der letzten hundert Jahre, d. h. mit der gesellschaftlichen Entwicklung, kontinuierlich neue Aufgaben erhalten, und diese wachsen mit beinahe jeder Veränderung, sei es im Bereich Behinderung, Jugend, Alter oder Migration. Schon seit der Industrialisierung bekämpft die Soziale Arbeit Erwerbslosigkeit, Armut, Binnenmigration sowie den Wertewandel von Arbeit und Wohlfahrt. Sie hat nicht nur neue Aufgaben erhalten, sondern sich auch mit den Folgen der gesellschaftlichen Phänomene beschäftigt. Dies nicht, weil es wenig zu tun gäbe, sondern weil für sie das Wohl der Gemeinschaft im Vordergrund steht. Der Zuwachs dieser Aufgaben und die damit verbundene Komplexität aufgrund der permanenten Erweiterung der Gesetzesgrundlagen erfordern neue Koordinationen, Finanzierungskompetenzen und Steuerungswissen der Institutionen, welche die Soziale Arbeit mit ihrer Grundausbildung nicht oder sehr schwer zu managen weiß.

Deshalb und aus vielen weiteren Gründen hat die Soziale Arbeit im engeren Sinn etwas mit Sozialmanagement zu tun. Es übernimmt die Führung, Leitung und Steuerung der sozialen Institutionen. Diese spezialisieren sich permanent auf ihre Interventionen und Arbeitsfelder in den Bereichen Kinder- und Jugendhilfe, soziale Hilfe, Altenhilfe, Gesundheitshilfe, usw. (vgl. Thole 2003, S. 20). Mührel bestätigt die oben genannten Aussagen, indem er feststellt, „um effektive Hilfe leisten zu können, braucht es u. a. fundierte Kenntnisse in Ökonomie und Jurisprudenz [...]“ (Mührel 203, S. 22). Diese ökonomischen Kompetenzen haben Fachpersonen wie Sozialmanager, die sowohl mit der Thematik und Problematik der Sozialen Arbeit vertraut sind als auch fundierte Kenntnisse in Betriebswirtschaft haben und die gesellschaftlichen Entwicklungen und Zusammenhänge kennen. Heydorn nennt diesen Schritt „Revolution des Bewusstseins“ (vgl. Thole, 2003, S. 235).

Aus dieser Perspektive betrachtet, können die Veränderungen einen Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit darstellen. Bis vor kurzem musste sich die Soziale Arbeit anderen Disziplinen und Wissenschaften wie der Psychologie, der Soziologie und der Philosophie unterordnen. Nun kann sie sich als Profession und Wissenschaft etablieren und sich im Sinne der neuen Disziplin „Sozialmanagement“ innovative Wissens- und Argumentationsstrukturen aneignen. Der erwähnte Paradigmenwechsel besteht meines Erachtens im Gerechtigkeitsmanagement, das als neue Aufgabe des Sozialmanagements definiert wird. Die knappen Gelder zu verteilen und gesellschaftliche Lösungen für soziale Notlagen und Probleme mit Leistungsaufträgen zu vereinbaren, bleibt eine Kunst, und zwar die Kunst des Jonglierens mit Staat, Wirtschaft, Betriebswirtschaft (BWL), Management und Ethik.

Zu Beginn wurde die Frage aufgeworfen, ob der Schritt von Sozialer Arbeit zum Sozialmanagement einen Paradigmenwechsel darstellt. Es ist nicht das erste Mal, dass Soziale Arbeit einen Paradigmenwechsel erlebt. Schon nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg musste sie sich mit neuen Herausforderungen und einer entsprechenden Ethik auseinandersetzen und aufgrund neuer Probleme Lösungswege finden und managen. Nach den beiden Weltkriegen waren es nicht mehr allein die Minderheiten, die von sozialen Problemen betroffen waren, sondern eine Mehrheit, die sich in einer Notlage befand. Hering und Münchmeier beschreiben diese Situation so: „Für ein Verständnis von Sozialer Arbeit, das traditionell auf die Behandlung von abweichendem Verhalten und von Randgruppen bezogen ist, geraten die bisher gültigen Maßstäbe von Normalität und ordentlicher Lebensführung nicht nur durcheinander, sondern sind vielerorts auf die Situation gar nicht anwendbar.“ (Hering/Münchmeier in: Thole 2003, S. 105.)

[...]


[1] Der Dritte Sektor umfasst alle Organisationen, die sich weder der staatlichen Sphäre noch der Marktsphäre zurechnen lassen. Dies wird noch umfassender erklärt.

[2] „Es ist ein Sauberkeitsfimmel besitzender Mitbürgern, die eine Ideologie wie Zero-Tolerance hervorgebracht hat, der Wunsch, in einer sauberen Umwelt leben zu können, ist ein Idealfall der Mittel- und /(besitzenden) Oberschicht und deren Wohngegenden. In vielen Stadteilen der ganzen Welt sieht es ganz anders aus...Da diese Menschen aber die Macht und den Einfluss (auch auf lokale Entscheidungen) quasi monopolisiert haben, sind ihnen die gesetzlichen Entscheidungen "zu verdanken", die -konsequent angewendet (wie in USA wo man gezwungen werden kann (it`s the law ...) Grafitti sofort zu entfernen- bedeuten, dass (wiederum) der Ärmer Teil der Bevölkerung diesem ökonomischen Druck nicht(mehr) standhalten kann. Man könnte so einen Prozess die „legalisierte Entmietung" der bedürftigeren Gesellschaftsteile über das "Gesetz" nennen. Arme müssen ihre Häuser verkaufen, Reiche erwerben sie. Eine Expropriation "durch die Hintertür" und unter fast perfektionisierten Vorwänden. SAUBER SOLL ES BEI UNS SEIN Und wer da nicht mithalten kann... den werden wir los! Legal natürlich, was denken Sie denn?!..Man hat ein "gutes Gewissen". Man ist ein "Gutmensch". (http://users.aol.com/archive1/Z.html, Zugriffsdatum: 28.03.07).

[3] (http://lkwdpl.org/wihohio/adda-jan.htm; Zugriffsdatum: 13.03.2007).

[4] „Elberfeld war im 19. Jahrhundert eine von vielen rasant wachsenden Industriestädten in Deutschland.“ (Landwehr 1995, S. 23).

[5] (http://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeit, Zugriffsdatum 07.03.2007).

[6] Siehe Kapitel 4.

[7] Bitte den Begriff Kunden und Kundinnen mit Vorsicht genießen!

[8] „Urteilskraft ist die Kunst, Allgemeines und Besonderes richtig aufeinander zu beziehen, im Theoretischen wie im Praktischen.“ (Annemarie Pieper, 10.11.2006, Eröffnungsrede AvenirSocial, mit Reflexionen zur Berufsmoral. Zeitschrift „SozialAktuell“, Nr. 1, Januar 2007).

[9] http://bieson.ub.uni-bielefeld.de/volltexte/2003/406/pdf/3_Moraldebatte.pdf, (Zugriffsdatum: 23.04.07).

[10] „Abweichendes Verhalten (Devianz) ist ein Verhalten, das die Verletzung sozialer Normen sowie Sanktionen impliziert.“ (Carigiet/ Mäder/ Bonvin 2003, S. 9).

Details

Seiten
159
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638887762
ISBN (Buch)
9783638888929
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86227
Institution / Hochschule
Evangelische Fachhochschule Freiburg
Note
Gut
Schlagworte
Sozialmanagement Spannungsfeld Ethik Sozialen Arbeit Handeln Masterstudium

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Titel: Sozialmanagement im Spannungsfeld zwischen Ethik der Sozialen Arbeit und wirtschaftlichem Handeln