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Diagnostik und Förderung von Wahrnehmungsleistungen am Schulanfang

von Nina Lamprecht (Autor) Kristina Welzel (Autor)

Hausarbeit 2006 19 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Überlegungen
2.1 Geschichte der Schuleingangsdiagnostik
2.2 Lernschwierigkeiten im Anfangsunterricht und lautsprachliche Voraussetzungen des Schulanfängers
2.3Ursachen für Sprachwahrnehmungsdefizite und Konsequenzen für die Förderung

3. Was sind Sprachstörungen?
3.1 Optisch-graphomotorische Differenzierung
3.2 Phonematisch-akustische Differenzierung
3.3 Kinästhetisch-artikulatorische Differenzierung
3.4 Melodish-intonatorische Differenzierung
3.5 Rhythmische Differenzierung
3.6 Die Differenzierungsprobe für Fünf- bis Sechsjährige und für Schüler mit Lernschwierigkeiten im Anfangsunterricht (DP I)

4. Reflexion der Diagnostik

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Schuleingangsdiagnostik. Der erste Teil dieser Arbeit beginnt mit theoretischen Überlegungen zum Thema Sprachentwicklung, ferner wird ein Einblick über die Geschichte der Schuleingangsdiagnostik gegeben und es wird auf die Lernschwierigkeiten im Anfangsunterricht und lautsprachliche Voraussetzungen des Schulanfängers eingegangen. Dieser Teil schließt mit einer Zusammenfassung der Ursachen für Sprachwahrnehmungsdefizite und Konsequenzen für die Förderung. In einem zweiten Teil wird der Frage nachgegangen was Sprachstörungen sind und wie sie sich differenzieren lassen. Den dritten Teil dieser Arbeit bildet die Reflexion einer durchgeführten Diagnostik.

2. Theoretische Überlegungen

Ohne Sprache gäbe es keine menschliche Intelligenz und keine Bildung.[1] Die Sprach­entwicklung von Kindern im Vorschulalter spielt eine zentrale Bedeutung für die Gesamtentwicklung der kindlichen Persönlichkeit. Die Sprache dient zum einen der Kommunikation und zum anderen bestimmt sie die kognitive und soziale Entwicklung eines Kindes. Das ist der Grund, warum Kinder mit Sprachstörungen oft auch kognitive Lernschwierigkeiten haben. Dieses äußert sich nicht selten durch schwerwiegende Leseschwierigkeiten, Schwächen im rechnerischen Bereich und ein schlechtes auditives Gedächtnis. Deshalb ist es wichtig betroffene Kinder möglichst früh zu identifizieren, um sie entsprechend zu fördern.

2.1 Geschichte der Schuleingangsdiagnostik

Die Butzbacher Schulordnung aus dem Jahr 1977 spiegelt wichtige Zusammenhänge wider, die bis heute von Bedeutung sind. So hieß es in der Ordnung:

„Alle Kinder (sollen), sobald sie das 5. Jahr zurückgelegt haben, von ihren Eltern ... auf einen hierzu festgelegten Tag ... zu dem ersten Stadt- Geistlichen als Mit- Inspektor der Schulanstalt gebracht und von demselben geprüft werden, ob sie die Fähigkeit in Ansicht des Verstandes und der Aussprache haben, um in die unterste Schule aufgenommen zu werde.“

Hierbei stimmt bis heute überein, dass die Einschulung in einem festgesetzten Alter von 5-7 Jahren stattfindet und eine bestimmte Instanz zusätzlich die Schulfähigkeit überprüft. Im Unterschied zu heute gab es damals allerdings ein striktes Regelsystem, welches nur zutreffende Kinder eingliederte. Was mit Kindern passierte, die den Anforderungen nicht genügten ist unklar. Über längere Zeit galt die Anforderung an die Schulanfänger als festgelegt und unflexibel, wie zum Beispiel das Zählen bis zu einer bestimmten Zahl oder die Kenntnis bestimmter Tiere. Schon ab 1870 gab es umfassende Tabellen um die Fähigkeiten der angehenden Schüler aufzuschreiben. Ab 1920 wurden diese Tabellen vertieft. Auch die Reformpädagogik konnte über die Jahre nichts an der Ausgliederung der Kinder ändern, die den Anforderungen der Schule nicht genügten.[2] Der Heidelberger Professor Artur Kern hat die Frage der Schulfähigkeit neu aufgearbeitet. Kern führte schlechte Noten bei Schülern auf deren zu frühe Einschulung zurück. Des Weiteren ging Kern davon aus, dass Zeit schlechte Schüler zu guten Schülern werden lässt. Kern entwickelte einen „Grundleistungstest“, der die Schulreife eines Kindes testen sollte. Bei einem ungenügenden Ergebnis wurden die Kinder einfach zurückgestellt. Bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging man also davon aus, dass jedes Kind irgendwann einmal schulreif wird, man muss nur lange genug warten. Mit der Zeit wurde erkannt, dass als schulunfähig eingestufte Kinder gefördert werden können und eine Unterscheidung zwischen biologischem Alter und Entwicklungsalter getroffen werden muss, da eine Verzögerung der Einschulung nicht sinnvoll wäre.

In den folgenden Jahren wurden die Voraussetzungen, die Kinder zu erfüllen hatten, Katalogisiert. Die bereits bekannten Merkmale ergänzte man um soziale und emotionale Merkmale. In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden dazu mehrere Tests entwickelt, in denen unter anderem die Mengenerfassung, die Feinmotorik und die Wahrnehmung erfasst wurden, wie der „Kettwiger Schulreifetest (1967) oder der „Frankfurter Schulreifetest (1968). Diese werden jedoch aufgrund ihrer Eindimensionalität heute nicht mehr angewendet und in den siebziger Jahren durch „Mehrdimensionale“ Tests ersetzt, wie der „Duisburger Vorschul- und Einschulungstest“ (1937). Bereits 1970 war eine gewisse Unzufriedenheit mit den bis dahin entwickelten Verfahren zu spüren. Dieses hatte unter anderem den Grund, dass viele Schüler zu unrecht als Schulunfähig eingestuft wurden. Des Weiteren standen die Testfragen zu keinem Zusammenhang mit dem Leben der Kinder. Außerdem boten diese Tests lediglich eine Momentaufnahme des Wissenstandes und boten keinerlei Hilfe bei nötiger Förderung. Insgesamt kann man von einer stärkeren Hinwendung zum Kind sprechen, das ab jetzt wieder im Mittelpunkt stand.[3]

1986 entwickelten Fröse, Mölders und Wallroth das „Kieler Einschulungsverfahren“. Das Verfahren gliedert sich in drei Teile: Unterrichtsspiel, Elterngespräch und gegebenenfalls Einzeluntersuchung. Während des Unterrichtsspiels wird eine Situation geschaffen, bei dem eine Gruppe von vier, maximal sechs Kindern von einem Lehrer unterrichtet wird und ein zweiter Lehrer anwesen ist, um das Lern- und Sozialverhalten der Kinder zu beobachten. Vorteil des Kieler Einschulungsverfahrens ist einerseits die Realitätsnähe, in der Gesichtspunkte beobachtet werden können, die in einem Einzel-Einstufungstest nicht sichtbar werden. Außerdem können aufgrund der vorhandenen Beobachtungsdaten differenzierte Aussagen über die Stärken und Schwächen des einzelnen Kindes gemacht werden.[4] Entscheidend an dem Konzept des „Kieler Einschulungsverfahrens“ ist zudem, dass alle Ergebnisse am Ende der Beobachtung von den Pädagogen diskutiert werden und das gemeinsam nach Fördermaßnahmen gesucht wird. Aus der Schulfähigkeitsdiagnostik begann sich eine Lernstandsdiagnostik zu entwickeln mit dem Ziel der Förderung des Kindes. In den achtziger Jahren beobachtete man eine Veränderung bei den Bedingungen des Schulanfangs. Die Zahl der zurückgestellten Schüler stieg und die Kinder erschienen den Lehrern nicht mehr gleich gut vorbereitet in den Unterricht zu kommen. Man sah immer mehr eine Notwendigkeit den Lernstand der Schulanfänger zu diagnostizieren und gegebenenfalls einzelne Kinder individuell zu fördern.[5]

Fest steht, dass sich in den vergangenen Jahren und Jahrhunderten die Schuleingangs­diagnostik positiv verändert hat. Heutzutage wird die Schulfähigkeit nicht mehr als eine Hürde verstanden, die Kinder von der Schule trennt. Schulunreife Kinder werden nicht mehr ausgesondert, sondern es wird sich ihnen individuell zugewendet und durch differenzierte Förderung geholfen.

2.2 Lernschwierigkeiten im Anfangsunterricht und lautsprachliche Voraussetzungen des Schulanfängers

Der Schriftspracherwerb bildet eine wichtige Grundlage für eine erfolgreiche Schullaufbahn. Es ist bekannt, dass ein Teil der Schüler Lese- und Rechtschreibprobleme haben, die ihre schulische Entwicklung negativ beeinflussen können. Deshalb ist es wichtig auf die Prävention zu achten, damit die betroffenen Kinder früh erkannt werden und ihnen möglichst früh geholfen werden kann.

Kinder, die Lesen und Schreiben lernen, können generell bereits sprechen. Wenn das Kind die Lautstruktur eines Wortes in Schrift umwandeln soll, muss es dazu fähig sein, diese Lautstruktur zu analysieren. Hierzu benötigt das Kind ein funktionierendes phonematisches Gehör. Die Artikulation ermöglicht es dem Kind die einzelnen Elemente der Lautstruktur zu differenzieren. Die Wichtigkeit der Artikulation wird oft darin deutlich, dass Schulanfänger beim Lesen laut vor sich hin sprechen. Nur funktionierende Sprachwahrnehmungen bilden eine Grundlage für lautsprachliche und schriftsprachliche Grundfertigkeiten.

Einen Ausgangspunkt für Schreib- und Leselernschwierigkeiten bildet die falsche Informationsverarbeitung. Das heißt, dass die sinnlich wahrnehmbaren Merkmale nicht genau oder nicht vollständig aufgenommen werden.[6] Dies hat zur Folge, dass die darauf folgenden Analyse- und Syntheseprozesse nicht fehlerfrei von statten gehen. In diesem Punkt sehen Breuer und Weuffen ein erstes Problem. Laut der Autoren wird in der Lerntherapie der zweite Schritt vor dem ersten Schritt getan und dabei die Stufe der Informationsvermittlung, dem Sprachwahrnehmungslernen außer Acht gelassen. Wird dieser Punkt jedoch nicht berücksichtigt und wird erst bei der Analyse- und Syntheseschwäche angesetzt, kann dies laut der Autoren, zu einem Ausbleiben des Fördererfolges führen. Des Weiteren erfolgt eine Förderung in den meisten Fällen erst zu spät, so dass wertvolle Zeit verloren geht, denn Kinder sind gerade in ihrer Schulanfangszeit sehr motiviert.

Breuer und Weuffen setzen in ihrem Buch die Lernerfolge der Schulanfänger mit deren Lebenserfolgen gleich. Die meisten Kindergartenkinder freuen sich auf ihren ersten Schultag. Sie wissen einerseits, dass sie dann auch zu den Größeren zählen, andererseits wissen sie dass eine gewisse Erwartung seitens der Lehrer und der Eltern an sie gerichtet ist. Die meisten Kinder erfüllen diese Erwartungen, doch einigen Kindern wird bewusst, dass sie mit ihren Mitschülern nicht mithalten können. Die größte Angst, die diese Kinder verspüren, ist ihre Eltern zu enttäuschen. Dies stellt eins der Gründe dar warum eine Zusammenarbeit von Lehrern und Eltern so wichtig ist. Eltern, die dem Lehrer ihres Kindes vertrauen, folgen auch seinen Ratschlägen und fördern damit nicht nur ihr Kind sondern auch gleichzeitig die Arbeit des Lehrers. Es gibt jedoch auch Eltern, die ihr Kind beim Lernen nicht unterstützen. Dieses ist nicht selten darin begründet, dass die Eltern einen Eingriff in ihr Privatleben fürchten, dass ihr eigenes Bildungsniveau nicht ausreicht oder weil sie selbst schlechte Erfahrungen in der Schulzeit gemacht haben.[7] In jedem Fall gilt es die gelegentlichen Enttäuschungen, die schnell durch nachfolgende positive Erfolge vergessen sind von Enttäuschungen zu unterscheiden, die dauerhaft stattfinden. Eine besondere Aufgabe kommt auch den Eltern der betroffenen Kinder zuteil. Im Gegensatz zu den Eltern, die Kinder mit Sinnesschäden, wie zum Beispiel Blindheit haben und die von der Geburt an auf mögliche Lernschwierigkeiten vorbereitet sind, treffen Eltern der Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche unvorbereitet auf eine ihnen fremde Situation. Viele Eltern können mit dieser Situation nicht umgehen und geben den Lehrern die Schuld daran, dass ihr Kind hinter den Mitschülern zurücksteht.

[...]


[1] http://www.liga-kind.de/pages/105grimm.htm

[2] Heimann, Matthias: Von der Schulfähigkeitsdiagnostik zur Lernstandsdiagnostik. In: Grundschule 6/2003, S. 11

[3] ebd., S. 11

[4] http://www.urbia.de/topics/article/print?id=8847&o=erziehung

[5] Heimann, Matthias: a.a.O., S. 12

[6] Breuer, Helmut und Weuffen, Maria: Lernschwierigkeiten am Schulanfang. Schuldiagnostik zur Früherkennung und Frühförderung. Beltz Verlag, Weinheim/Basel, 2000, S. 11

[7] ebd., S. 14

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638016681
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86286
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik
Note
1,7
Schlagworte
Diagnostik Förderung Wahrnehmungsleistungen Schulanfang

Autoren

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Titel: Diagnostik und Förderung von Wahrnehmungsleistungen am Schulanfang