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Das Scheitern des Individualismus und die Krise des Individuums aus psychoanalytischer Sicht auf Gesellschaft und Familie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 22 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Krise des Individuums

3. Das Scheitern des Individualismus
3.1. Fallbeispiel: Die Schüler-Lehrer- bzw. die Eltern-Kind-Problematik

4. Die Konfliktlösung

5. Fazit und Kritik

6. Literatur/ Quellenangaben

1. Einleitung

Der psychoanalytische Blick auf die Gruppe, das Paar und die Familie intendiert die therapeutische Hoffnung zur Überwindung individueller Einsamkeit und Machtlosigkeit. Dabei versteht man die Gruppe als Modell einer repräsentativen Mikrogesellschaft, in der Spannungen und Konflikte zwischen den Individuen untereinander abgebaut werden. Zwei Elterngruppen bemühen sich in Kooperation mit Psychoanalytikern um die Klärung der Probleme unter den Erwachsenen und um die Verbesserung der Erziehung ihrer Kindern. Am Beispiel plastisch geschilderter Berichte der Schüler-Lehrer- bzw. der Eltern-Kind-Problematik einerseits, und andererseits einer Gruppenarbeit der Eltern untereinander, kommen in analytischen Kommentaren zentrale Inhalte, Probleme und Formen zur Sprache: Die Hilfe, die die Gruppe bei Eheprobleme geben kann, die Emanzipation von Erwachsenen und Kindern, der Umgang mit der Aggression in der Gruppe, Autoritätsprobleme im Hinblick auf die Lehrer und Schüler Interaktion und schließlich das Fehlverhalten von Kindern, dass Horst Eberhard Richter in seinem Buch: „Eltern, Kind und Neurose“ verdeutlichte (Richter 1969: 16).

Der Kernpunkt meiner Hausarbeit liegt also in der Fragestellung, wie es zur Krise des Individuums kommt und wie sich das Scheitern des Individualismus in einem neuen Krankheitsbewusstsein ausdrückt, dass im Speziellem am Fallbeispiel der Schüler-Lehrer- bzw. der Eltern-Kind-Problematik verdeutlicht wird. Im Anschluss daran spielt die Lösung dieser Konflikte eine gewichtige Rolle. Das Buch: „Die Gruppe“ von Horst Eberhard Richter beschreibt klar und kritisch einige konkrete Versuche, das Erhoffte, nämlich die Überwindung der individuellen seelischen Störung, zu erreichen. Man versteht, welche Schritte weiter geführt haben und wie man sich der Erfüllung jener „Hoffnung vieler“ annähern kann. Andererseits erweist sich bereits einiges an jener Hoffnung als Illusion, welches im Folgenden dieser Abhandlung noch deutlich gemacht wird. Schlagwortketten dabei sind Projektionen, d.h. Abwehrmechanismen und Selbsttäuschungen der Individuen, die die Krise des Individuums und im weiteren Verlauf dann das Scheitern des Individualismus darstellen. Sehr selten haben Psychoanalytiker, die mit so großer Sicherheit wie Richter über das theoretische und das praktische Werkzeug der Psychoanalyse verfügen, es gewagt, gleichzeitig ihr Beobachtungsfeld, d.h. das Seelenleben des Individuums mit seiner Entwicklung in der Mikrosozietät seiner Familie zu verlassen und sich einer ungewohnten Praxis, nämlich der Veränderung gesellschaftlicher Bräuche und Einrichtungen, anstatt der Therapie des einzelnen, zu stellen. Dabei sieht er das Feld seiner Tätigkeit als doppelt veränderlich an. Mit anderen Worten ist er bestrebt, einerseits das historisch gewordene Ich und Über-Ich durch Selbstreflektion zu einer neuen Entwicklung anzuregen. Andererseits sind für ihn auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen seine Gruppen existieren, grundsätzlich änderungsbedürftig. Die verschiedensten Selbsterfahrungs- und therapeutischen Gruppen streben einem Gleichgewicht zu, in dem die Unterdrückung „abnormen“ Verhaltens das Ziel ist, wobei auch eine größere Offenheit, bessere Interaktionen, sowie freiere Äußerung der Aggression als Zielvorstellungen dienen. Aus seiner Diskussion entstehen Ansätze zu einer Theorie, die mit dem Bestand psychoanalytischen Wissens und der Notwendigkeit gesellschaftlicher Kritik verbunden ist. Zahlreiche psychosoziale Prozesse werden durchsichtig: Die Sündenbockproblematik, Tendenzen, Herrschaftsstrukturen zu perpetuieren, mit Autoritätsdurchsetzungen und Repression anderer. Für den Psychoanalytiker ergeben sich weittragende Einsichten und neue Aufgaben. Richter sagt z. B. auf Seite 246: “Äußere Reform braucht innere Reform. Unbewußte Bedürfnisse sind stärker als äußerer Normenzwang“ (Richter 1972: 246). Daraus ergibt sich, dass die Beziehung unbewusster Bedürfnisse, d.h. die Übertragung und die narzisstische Projektion im sozialen Verhalten von großer Bedeutung ist. Eine grundsätzliche Ähnlichkeit des Gruppenprozesses mit der Psychoanalyse tritt also immer wieder auf. So auch bei der Schüler-Lehrer- bzw. der Eltern-Kind-Problematik. Horst E. Richter zeigt in seinem Buch: „Die Gruppe“ auf, dass Neigungen die man sich selbst verneint sich oft in Hass gegenüber anderen entlädt. Man überträgt also durch Selbsttäuschung die eigenen Fehler auf andere und daraus gewinnt man die Kraft, seine eigenen Triebe zu verbergen. Und weil wir in einer individualistischen und hedonistischen Gesellschaft leben, in der Mitleid nicht gelebt wird aber stattdessen Hass sich in allen nur denkbaren Formen äußert, zeigt sich in der These von Richter: “Wer nicht leiden will muß hassen“( Richter 1969: 251). Der zentrale Bezug, der hierbei zum Vorschein kommt, ist der frustrane Selbstbehauptungskampf durch ein Autoritätsverhalten, möglichst viel aus dem anderen zur eigenen narzisstischen Stärkung herauszuholen. Diese Problematik zeigt sich z. B. in der Interaktion des Lehrers mit seinen Schülern. Ebenso das Fehlverhalten von Kindern kann ein symptomatischer Ausdruck eines unbewussten Konfliktes sein, an dem die Eltern bzw. die ganze Familie leiden. Der Konflikt des Kindes wird oft hervorgerufen durch die narzisstischen Projektionen der Eltern auf das Kind (Richter 1969: 76). Es sind nämlich die affektiven Bedürfnisse der Eltern, die letztendlich die Rolle des Kindes in der Familie bestimmen. Dabei ist es erwähnenswert, dass “je mehr Eltern unter dem Druck eigener ungelöster Konflikte leiden, um so eher pflegen sie –wenn auch unbewußt- danach zu streben, dem Kind eine Rolle vorzuschreiben, die vorzugsweise ihrer eigenen Konfliktentlastung dient“ (Richter 1969: 16). Die Folge ist, dass die Eltern dadurch ihr Kind belasten, ohne sich darüber im Klaren zu sein, um ihre eigenen ungelösten psychischen Konflikte mit Hilfe des Kindes zu lösen. Das Phänomen der Projektion und der Selbsttäuschung des Menschen, dass nicht nur zur Krise des Individuums führt, sondern auch auf ein Scheitern des Individualismus hinweist, ist das Hauptthema dieser Hausarbeit. Am Beispiel der Schüler-Lehrer- bzw. der Eltern-Kind-Problematik soll dieses psychische Fehlverhalten noch zusätzlich verdeutlicht werden.

2. Die Krise des Individuums

Horst E. Richter beginnt sein Buch „Die Gruppe“ mit der These, dass das Individuum sich in einer Krise befindet. Allgemein gesprochen ist diese Krise ein seelisches Leiden, “das nicht Krankheit im üblichen Sinne ist“ (Richter 1972: 11). So gibt es bei diesem seelischen Leiden auch unterschiedliche Symptome, die mit unterschiedlichen Heilungserwartungen der seelisch Leidenden einhergehen. Dabei ist zu betonen, dass die Psychoanalytiker selbst auch verschiedene Interpretationen zur Verfügung haben, um solche Symptome zu erklären. Richter behauptet auch ganz klar, dass die Krise des Individuums selbst das Resultat der Psychoanalytiker mit ihren Theorien ist. Das psychische Leiden mit den jeweiligen Behandlungsmöglichkeiten und den Theorien der Psychoanalytiker stellt somit nur eine Seite der Medaille dar. Auf der anderen Seite sorgen diese auch für eine Verunsicherung des Individuums, in der Art, dass solche Theorien, indirekt und unbewusst, den Menschen beeinflussen. Mit anderen Worten “[liefert] die Psychoanalyse [...] zwar einerseits Instrumente und Modelle für die diagnostische und die therapeutische Operation, sie ist aber eben zugleich selbst ein Aspekt der Krise, in die das Individuum geraten ist“ (Richter 1972: 11). Die zunehmende Verunsicherung des Individuums, d.h. die Vermehrung seelischer Störungen, stellte für die Psychiatrie im 19. Jahrhundert eine neue Herausforderung dar. Eine neue Herausforderung deswegen, weil im 19. Jahrhundert neuartige psychische Leiden offenkundig wurden und die Psychiatrie selbst neue Interpretationen und Theorien fand, um solche Leiden zu kurieren. Das traditionelle Erklärungsschema der Psychiatrie im 19. Jahrhundert, dass “bislang vornehmlich den großen Geistesstörungen und den organischen Nervenkrankheiten zugewandt [war]“ (Richter 1972: 11), versuchte diese neuartigen Störungen in ihr System zu integrieren. Die Folge war, dass das labilisierte Individuum begann, sich verstärkt an die organische Medizin zu klammern, “um mit deren Hilfe seine bedrohte Identitätssicherheit wiederzugewinnen“ (Richter 1972: 11). An dieser Stelle muss betont werden, dass die Psychiatrie im 19. Jahrhundert nicht zur eigentlichen Ätiologie dieser neuartigen psychischen Leiden vorstieß und dass die Ursache dieses Leidens nicht auf eine organische Krankheit zurückzuführen war. Dennoch einigte man sich in dieser Zeit darauf, dass solche rätselhaften psychischen Leiden auf einer körperlichen Grundstörung beruhen würden, nämlich auf ein so genanntes „asthenisches Nervensystems“, wie es der berühmte französische Psychiater Jean-Martin Charcot bezeichnete. Diese organische Scheinerklärung bedeutete für den labilen Menschen eine irrationale Hoffnung und zwar deswegen, weil die eigentliche Ursache des Übels nicht erkannt wird und man im Glauben war, die Probleme nur durch die Methodik der Organmedizin lösen zu können. Es ist also “die Hoffnung des Individuums, sich der Einsicht in die eigentlichen Quellen seines Leidens, in seine zunehmende Isolation und Ohnmacht, durch einen Verleugnungs- und Verschiebungsvorgang entziehen zu können“ (Richter 1972: 12). Dabei konnte sich das psychisch labile Individuum einbilden, seelisches Leiden als eine körperliche Krankheit anzusehen und nur mit Hilfe der Organmedizin auf Heilung zu hoffen. Für Richter ist es eine kindliche Allmachtshoffnung, die einer Einbildung entspringt, da ja veränderte Situationen in der Welt, die Angst und Verunsicherung auslösen, als eine körperliche Krankheit von der Organmedizin her zu betrachten und sie dadurch heilen zu können. Vereinfacht könnte man zu dieser Heilungserwartung sagen: “Man würde von seinen Problemen durch Fütterung mit einer wunderkräftigen Arznei erlöst werden“ (Richter 1972: 12). Jedenfalls hatte diese organische Scheinerklärung zur Folge, dass die damaligen psychisch labilen Menschen nicht geheilt wurden. Im Gegenteil: Einerseits nahm die Zahl der an Angststörung leidenden Individuen zu, d.h. es vermehrten sich die Erscheinungsformen der psychogenen Leiden wie der Hysterie, andererseits ging die wachsende Zahl dieser Symptome mit der Illusion der Menschen einher, diese ganze Problematik unter organmedizinischen Aspekten zu sehen. Erst durch die Untersuchungen und Ergebnisse u.a. von Sigmund Freud ergaben sich Hinweise auf die psychogene Ursache dieser Leiden. Innerhalb der Nervenheilkunde konnte sich daher die Psychoanalyse durchsetzen und einen allgemeingültigen Ansatz bekommen.

Allerdings ist es keineswegs so, “daß die Psychoanalyse auf Anhieb zu den Wurzeln des Krise vorgestoßen, ja diese überhaupt als ein allgemeines Problem des Individuums in seiner sich veränderten sozialen Welt zu begreifen imstande wäre“ (Richter 1972: 13). Es ist nämlich die Angst des Individuums, sich seiner eigenen gesellschaftlichen Betroffenheit bewusst zu sein. Aus dieser Bedrängnis heraus, selbst unter innerseelischen Konflikten zu leiden und bewusst diese Problematik einzugestehen, existieren kollektive Abwehrmechanismen der Menschen, um diesen psychischen Schmerz zu „lindern“. Dieser kollektive Abwehrprozess zeigt sich in der Illusion der Menschen, “nicht das Individuum schlechthin befinde sich in der Krise, sondern nur dieser oder jener Kranke“ (Richter 1972: 14). Mit anderen Worten kann der Mensch, der unter dieser Spannung leidet, seine eigene innere Beunruhigung dadurch mildern, indem er sich der Abspaltung und der Projektion auf andere bedient. Allgemein bezeichnet man die Projektion als das Abbilden bzw. Verlagern von Empfindungen, Gefühlen und Wünschen in die Außenwelt. In der Psychoanalyse nach Sigmund Freud versteht man unter Projektion einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerträgliche Gefühle und Wünsche einem anderen Menschen zugeschrieben werden. Beispielsweise fühlt sich ein Mann durch eine Kollegin sexuell bedrängt, obwohl diese keinen Kontakt zu diesem Mann hat. Lässt das Verhalten der Kollegin von außen betrachtet eher die Wahrscheinlichkeit zu, dass sie keinen Kontakt wünscht, so kann davon ausgegangen werden, dass der Mann sein Begehren in die Kollegin projiziert hat (Hogen 2001: 520). In diesem Zusammenhang sind zwei Formen von Projektionen wichtig: Zum einen die Projektion des Schattenarchetyps, zum anderen die Projektion des schwachen Teils. Erstere ist die Verdrängung eigener Eigenschaften, Wünsche und Taten auf andere Menschen, um sich selbst von diesen distanzieren zu können, vor allem solcher Wünsche, die mit gesellschaftlichen Normen im Konflikt stehen bzw. für die sich der Projizierende schämt. Es handelt sich um einen Abwehrmechanismus zur Bewältigung der Negativanteile der eigenen Persönlichkeit, der damit häufig zu sozialen Konflikten führt. Beispiele hierfür wären Hass auf Minderheitengruppen, Missgunst und Neid auf andere. Zum Zweiten, also die Projektion des schwachen Teils, lässt einen wesentlichen Unterschied zur erst genannten Projektionsform erkennen: Während bei der Projektion des Schattenarchetyps eine gewisse Bereitschaft zur Destruktivität und Aggression besteht, zeigt die Projektion des schwachen Teils eine grundsätzliche Hemmung, Niedergedrücktheit und Angst bei dem Betroffenen. Dabei kann der Mensch, der unter diesen Gefühlen leidet, eben jene Negativgefühle auf andere Menschen projizieren, um dadurch seine eigenen Negativgefühle zu verdrängen. Der Projizierende muss allerdings diese Gefühle bei dem anderen wahrnehmen und zwar die, welche er bei sich selbst nicht sehen will. Er verschiebt bzw. verdrängt also seine eigenen Gefühle auf den anderen, wohingegen der andere ihm seine Gefühle vorführt, mit dem Ziel, dass er erkennen muss, dass die Gefühle des anderen nicht bewusst identisch sind mit den Gefühlen des Projizierenden. Richter beschrieb es folgendermaßen: “Der Projizierende hat mit seiner Abwehr dann Erfolg, wenn er beim anderen dieselbe Schwäche, die er selber hat, eben als etwas fremdes deklarieren kann. Wir nennen das heute die <<Projektion des schwachen Teils>>. Zu den Merkmalen dieser Interaktion gehört, daß der Projizierende einerseits auf den Partner, dem er die eigene verleugnete Schwäche zuschiebt, angewiesen ist und ihm große Aufmerksamkeit schenkt, sich aber andererseits aus Angst schroff gegen diesen abgrenzt. Diese Abgrenzung wird dann erleichtert, wenn der Empfänger der Projektion sichtbar stärker als der Projizierende selbst von der fraglichen Schwäche befallen ist“ (Richter 1972: 14). Aus diesem Grund ist es dann für den Projizierenden leichter, sich von dem anderen abzugrenzen und einen wesentlichen Unterschied zu sehen, in der Art, “jener da ist krank, ich bin gesund!“ (Richter 1972:14). Die „Projektion des schwachen Teils“ stellt für Richter eine Selbsttäuschung des Individuums dar, in dem Verleugnungs- und Verschiebungstechniken wirksam werden, um sich dem eigenen Problem entziehen zu können. Umgekehrt kann man allerdings auch sagen, dass die Psychoanalyse selbst im Rahmen dieser Abwehrmechanismen in eine groteske Situation geraten ist. Zum einen, weil die Psychoanalyse selbst “indirekt und unbemerkt daran mitgewirkt [hat], daß das krisenhaft verunsicherte Individuum sich über das Ausmaß seiner allgemeinen Betroffenheit zu täuschen versuchte, indem es sich der Projektion auf die künstlich abgegrenzte Gruppe der <<kranken Neurotiker>> bediente“ (Richter 1972: 14-5). Zum anderen ist sie in ein Spiel verstrickt worden, dass diejenigen, die therapeutisch behandelt werden, die wichtige Funktion als Projektionsempfänger übernommen haben. Während eine große Zahl der eigentlichen „Gestörten“ nicht behandelt werden, zeigen doch diese Patienten bei den Psychoanalytikern offiziell Schwäche und Gebrochenheit, dass für die Projizierenden eine Bestätigung liefert, mit dem Inhalt, der andere da ist krank, wohingegen er und die Allgemeinheit sich in einem Ausweichmanöver festklammern und es nicht einsehen wollen, dass auch sie seelisch krank sind. Abgesehen von der „Projektion des schwachen Teils“, ist es doch recht interessant, festzustellen, mit welcher Kraft und Energie seelisch Kranke in der Lage sind, ihren inneren Schmerz scheinbar nahezu völlig auszutilgen und wie sehr der Verdrängungs- und Projektionsprozess dazu beiträgt, nach außen hin absolute Gesundheit vorzutäuschen. Zu erwähnen sei dabei auch die so genannte Konversionshysterie nach Sigmund Freud, die eine Umsetzung eines seelischen Konfliktes in körperliche Krankheitsmerkmale, ohne Vorliegen eines organischen Befundes, darstellt. Beispiele hierfür wären Lähmungserscheinungen, Schmerzen oder Funktionsausfälle von Sinnesorganen. Ihre Symptome haben psychoanalytisch eine symbolische Bedeutung und zeigen den missglückten und inadäquaten Versuch der Lösung eines unbewussten Konfliktes. Eine Armlähmung kann sich zum Beispiel als das Resultat eines unbewussten Konfliktes zwischen dem Impuls, jemanden zu schlagen, und dem verbietenden Gewissen erweisen. Jedenfalls ist bei der Konversionshysterie das eigentlich seelische Leiden auf körperliche Symptome verschoben, mit der Folge, dass solche Patienten sich seelisch recht wohl fühlen, obwohl sie zum Teil massive Lähmungserscheinungen demonstrieren. Mit andern Worten ist also die seelische Konfliktenergie “nahezu hundertprozentig von dem körperlichen Symptom absorbiert worden, so daß sein emotionelles Empfinden sehr gut ausbalanciert, nahezu angstfrei erscheint“ (Richter 1972: 15). Der Schlüsselbegriff, der hierbei auch eine wesentliche Rolle spielt, ist die Projektion im Sinne der Verschiebung des psychischen Leidens auf körperliche Symptome.

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Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638021401
ISBN (Buch)
9783638923422
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86588
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Europäische Ethnologie
Note
1,7
Schlagworte
Scheitern Individualismus Krise Individuums Sicht Gesellschaft Familie Liebesbeziehung Partnerschaft Paar

Autor

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Titel: Das Scheitern des Individualismus und die Krise des Individuums aus psychoanalytischer Sicht auf Gesellschaft und Familie