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Texterläuterung der Szene "Strasse" aus Goethes Faust 1 - eine Deutung in Sinne einer semiotischen Erläuterung der Tragödie

Seminararbeit 2008 9 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Texterläuterung der Szene „Straße“ aus dem Faust I von Johann Wolfgang v. Goethe

„Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauß von Blüten und man möchte zum Maikäfer werden, um im Meer von Wohlgerüchen herumschweben zu können“[1] so Johann Wolfgang von Goethe. Mit anderen Worten könnte man dies auf die Raumforschung anwenden. Jeder Ort, jeder Gegenstand ist vielseitig interpretierbar, und man möchte derjenige sein der diese Vielfältigkeit erläutert.

Wie die Natur für unsere Welt ist die Räumgestaltung im Faust unerlässlich. Jede Ortsangabe des Werks hat ihre symbolische Bedeutung, jede Szene eröffnet einen charakteristischen Raum[2]. Um dies zu illustrieren werden wir uns auf eine bestimmte Szene des Faust I beziehen, aber welche? Wir sind der Meinung, dass alle Szenen auf dieser semiotischen Ebene ausschlaggebend sind. Wir haben uns daher auf die Szene „Straße“ konzentrieren, weil diese für diesen Aspekt besondere Charaktereigenschaften aufweist, weil sie als Übergangsszene[3] im Mittelpunkt der Tragödie steht, und weil diese von der Kritikliteratur noch kaum tiefgründig interpretiert wurde.

Welchen Zusammenhang kann man zwischen dem Spaziergang Fausts und der von Gretchen erstellen? Welche Rolle spielt Mephisto dabei? Kann man diese Szene als Schlüsselszene bezeichnen? Welche Auswirkungen hat die Begegnung Faust-Margarethe für die folgende Handlung? Anhand dieser Leitfragen werden wir versuchen die Szene zu erläutern, um erschließen zu können ob die Semiotik eine unentbehrliche Rolle für die Textanalyse und Textinterpretation spielt. Wir werden also progressiv vorgehen: als erstes werden wir die tragische Konstellation der Szene erforschen, um dann die auffallende Zerrissenheit Fausts und dessen Herkunft bearbeiten. Schließlich befassen wir uns mit der Korrespondenz zwischen der Raumgestaltung der Szene „Straße“ und dem tragischen Ansatz der gesamten Faust-Handlung.

1. Die tragische Konstellation der Szene

In der Hexenküche sieht Faust, in einem Spiegel, ein sehr schönes Mädchen, es ist das Spiegelbild weiblicher Schönheit, und zwar die der Helena, Prinzessin von Troja. Während diesem sehr erregenden Moment kann man zum ersten Mal die inneren Empfindsamkeiten Fausts sehen, und zwar hat dieses sinnliche Weibesbild seine sexuelle Begierde erweckt: „Was seh ich? Welch ein himmlich Bild / Zeigt sich in diesem Zauberspiegel“ und etwas weiter „Das schöne Bild von einem Weibe! / Ists möglich, ist das Weib so schön?“ (V. 2429 ff.). Nach den zwei Fehlschlägen in Mephistos „kleine“ Reise erkennt er in dieser Begierde die Möglichkeit Fausts Streben zu sättigen und damit seine Seele für die Hölle zu sichern. Um das in die Tat umzusetzen hat Mephisto die Idee der Verjüngung[4] und er verspricht Faust: „Du siehst mit diesem Trank im Leibe / Bald Helenen in jedem Weibe“ (V. 2603-04). Schon davor hieß es in der Hexenküche „Ich weiß dir so ein Schätzchen aufzuspüren“ (2445). Dieses lässt uns glauben, dass Mephisto Gretchen ohne Fausts Wissen schon ausspioniert hat[5]. Bei der Begegnung kommt Faust direkt aus der Hexenküche, Gretchen dagegen aus der Kirche. Von Beginn an schwebt eine Opposition zwischen den zwei Reichen, einerseits dem Himmel und andererseits der Hölle, also ist die Konstellation der Gretchentragödie sofort problematisch.

Faust spricht also das junge Mädchen an, er macht ihr ein Kompliment und bietet ihr seinen Arm an. Zum ersten Mal in der Tragödie erleben wir wie Faust sich zum Verführer umwandelt, und er tut dies auf galante Weise. Gretchen weist ihn sofort ab ; sie reagiert auf das Angebot schnippisch und bleibt dabei nicht frei von Koketterie[6]: sie ist ein schönes Mädchen und weiß das sehr Recht. In der darauf folgenden Szene „Abend“ muss man jedoch unterstreichen, dass Margarethe neugierig auf Faust geworden ist (V. 2678 ff.). Im Kerker wird sie sagen „das war mein Verderben“ (4434), aber darauf kommen wir später wieder zurück. Das problematische in dieser Szene ist das endlich Faust ein Ziel hat, was auch Mephistos Ziel ist, aber da Gretchen gerade vom „Stuhl“[7] kommt und ein „gar unschuldig Ding“ ist, hat Mephisto überhaupt keinen Einfluss über sie. Er erstellt eine Taktik um sie zu verführen, dieses ist der Anfang einer großen Verstrickung auf den Weg zu Gretchens Verderben. Dabei benutzt Faust eine sehr sexuell geprägte Sprache „Du musst mir die Dirne[8] schaffen“ (2619), „Appetit“ (2653), … Man bemerkt hier eine gewisse Frivolität in den Äußerungen Fausts. „An ihrem Dunstkreis satt euch weiden“ antwortet Mephisto ; Mit Dunstkreis meint Mephistopheles den Wirkungskreis Gretchens. Dies eröffnet eine Serie von Anspielungen auf einander bekämpfenden Wirkungskreise Margaretes und Mephistos : Gretchens fromme Einfalt gegen die Höllenherkunft des Teufels, die Antinomie von Fleiß-Faulheit und die von Ordnung-Unordnung.

[...]


[1] Aus : Goethe, Johann Wolfgang : Die Leiden des jungen Werther. Frankfurt/Main, Leipzig : Insel Taschenbuch, 2005. [Brief vom 4. Mai 1771], Seite 10.

[2] Vgl. Kröger, Wolfgang : Johann Wolfgang Goethe, Faust 1. Stuttgart : Reclam, 2003. Seite 43.

[3] Übergang zwischen den beiden Tragödien : Gelehrten- und Gretchentragödie.

[4] Siehe dazu auch „Studierzimmer II“: „Ich bin zu alt, um nur zu spielen / Zu jung, um ohne Wunsch zu sein“ (V. 1546-47).

[5] Dazu : Arens, Hans : Kommentar zu Goethes Faust I. Heidelberg, 1982. Seite 264 ff.

[6] Vgl. : Schöne, Albrecht : Johann Wolfgang Goethe, Faust (In 2 Bände). Frankfurt am Main : Deutscher Klassiker Verlag, 1999. Band 2 : Kommentare, Seite 289.

[7] Stuhl = Beichtstuhl.

[8] „Dirne“ muss hier jedoch auf adeliger Ebene verstanden werden: ‚Jungfer, eine junge unverheurathete Person’ und keineswegs für Hur (Valentin, Vers 3730).

Details

Seiten
9
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638059053
Dateigröße
791 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v86737
Note
Schlagworte
Szene Strasse Goethes Faust Deutung Sinne Erläuterung Tragödie

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Titel: Texterläuterung der Szene "Strasse" aus Goethes Faust 1 - eine Deutung in Sinne einer semiotischen Erläuterung der Tragödie