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Vergangenheitsbewältigung in der Ära Kohl: Der "Historikerstreit"

Geschichtswissenschaftliche Debatte oder Höhepunkt einer geschichtspolitischen Auseinandersetzung?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 35 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. „Vergangenheitsbewältigung“ vor der Ära Kohl

2. „Vergangenheitsbewältigung“ in den ersten Jahren der Ära Kohl (politische Ebene)
a. Die „Gnade der späten Geburt“
b. Die „Bitburg-Kontoverse“
c. Der 8. Mai 1945 - „Tag der Befreiung“
Zwischenfazit: „Vergangenheitsbewältigung“ in den ersten Jahren der Ära Kohl (politische Ebene)

3. Der „Historikerstreit“ 1986/87

Ein „Stellvertreterkrieg“ mit geschichtspolitischem Hintergrund (Schlussbetrachtung)

Literaturverzeichnis

Einleitung

Vor nun fast zehn Jahren ging mit der Bundestagswahl 1998 die Ära Kohl zu Ende, die sowohl vom zeitlichen Umfang wie auch von den innerstaatlichen Veränderungen her in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland seinesgleichen sucht. Sechzehn Jahre zuvor hatte Helmut Kohl, nach dem geglückten konstruktiven Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt, dessen Nachfolge als Bundeskanzler angetreten. Schon in den ersten beiden Regierungserklärungen 1982 und 1983 wurde deutlich, dass Kohl den Regierungswechsel nicht nur als politische Wende, sondern auch als Beginn einer „Geistig-moralischen Wende“ betrachtete. Darauf, dass er mit dem Regierungswechsel auch die Förderung des historischen Bewusstseins und die Schaffung einer nationalen Identität sowie eine Neujustierung des Verhältnisses der deutschen Bevölkerung zur NS-Zeit beabsichtigte, deuteten bald sowohl öffentliche, symbolische Akte und Reden als auch Regierungsinitiativen - wie der Bau von historischen Museen - hin. Viele sahen in dieser Art der Vergangenheitsbewältigung eine zielgerichtete „Geschichtspolitik“[1] Helmut Kohls. Ihm wurde vorgeworfen, die Geschichte für seine gegenwärtigen und zukünftigen Interessen zu instrumentalisieren. Sein eigentliches Ziel wäre die Durchsetzung eines neo-konservativen Geschichtsbildes und der Wiederbelebung des Nationalbewusstseins. Dies würde er durch eine Relativierung der NS-Verbrechen oder milder ausgedrückt durch eine „Entkonkretisierung der NS-Herrschaft“[2] in Reden und inszenierten Symbolakten zu erreichen versuchen.

Linksliberale Intellektuelle sahen vor dem Hintergrund der Art des Umgangs der Regierung Kohl mit der NS-Vergangenheit auch in der Geschichtswissenschaft die Tendenz der Geschichtsrevision aufkommen. So entbrannte im Juni 1986 ein Streit unter Historikern u. a. über die Singularität der Judenvernichtung während der NS-Zeit. Dieser vom Philosophen Jürgen Habermas ausgelöste so genannte „Historikerstreit“ sollte sich zur größten zeitgeschichtlichen Kontroverse der Nachkriegszeit entwickeln.

Die vorliegende Hauptseminararbeit verfolgt das Ziel die Vergangenheitsbewältigung in der Anfangsphase der Ära Kohl zunächst auf politischer Ebene zu analysieren, um dann - mit dem „Historikerstreit“ Mitte der 80er Jahre - die Vergangenheitsbewältigung dieser Zeit auf wissenschaftlicher Ebene darzustellen und historisch einzuordnen. Es soll hierbei untersucht werden, ob zwischen dem „Historikerstreit“ und der politischen „Wende“ von 1982/83 ein Zusammenhang existierte. Hierfür wird zunächst ein Abriss der Vergangenheitsbewältigung vor 1982 erfolgen, vor allem um vor diesem Hintergrund den neuartigen Umgang der Regierung Kohl mit der NS-Vergangenheit verständlicher darstellen zu können. Die Vergangenheitsbewältigung in der Anfangsphase der Ära Kohl soll dann Inhalt des zweiten Abschnitts des Hauptteils werden. Es wird versucht, die Frage zu beantworten, ob der Vorwurf der zielgerichteten „Geschichtspolitik“ der Regierung Kohl zur Durchsetzung eigener politisch-ideologischer Interessen berechtigt war. Hierfür werden mit dem Israelbesuch Helmut Kohls im Jahre 1984 (a), der so genannten „Bitburg-Kontroverse“ (b) und der Weizsäckerrede am 8. Mai 1985 im Deutschen Bundestag (c) drei Beispiele für den geschichtspolitischen Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Anfangsphase der Ära Kohl herangezogen. Alle drei Ereignisse erregten damals großes Aufsehen und hängen inhaltlich mit der Vergangenheitsbewältigung zusammen. Die auf politischer Ebene unternommene Vergangenheitsbewältigung in der Anfangsphase der Ära Kohl wird anschließend in einem Zwischenfazit zusammengefasst. Hier werden die Unterschiede zwischen Kohls und von Weizsäckers Umgang mit der NS-Vergangenheit aufgezeigt und dargelegt, warum der eine für seine „Geschichtspolitik“ fast durchgehend negative Kritik von linksliberaler Seite erntete, während der andere fast durchgängig auf positive Resonanz aus allen politischen Lagern stieß.

Der Historiker Edgar Wolfrum sieht den Begriff „Geschichtspolitik“ als Analysekategorie, welche „die Auseinandersetzung um Geschichte als politisches Ereignis in Demokratien untersucht und das Erkenntnisinteresse vor allem auf die Motive der politischen Akteure richtet“[3]. Im dritten Abschnitt des Hauptteils soll deshalb untersucht werden, ob eine so verstandene „Geschichtspolitik“ auch im so genannten „Historikerstreit“ 1986/87 Anwendung finden kann. Obwohl bei der Analyse des „Historikerstreits“ die einzelnen Streitpunkte erfasst und die wichtigsten auch dargestellt werden, soll eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen nur am Rande stattfinden. Eine Bewertung, ob nun diese oder jene These vertretbar erscheint, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und uns dem Ziel der Untersuchung keinen Schritt näher bringen. Es soll vielmehr auf die Intentionen der einzelnen Kombattanten eingegangen werden. Ob es sich bei dieser Kontroverse um eine produktive geschichtswissenschaftliche Debatte oder um nichts weiter als eine unproduktive geschichtspolitische Schlammschlacht handelte, soll an dieser Stelle herausgearbeitet werden. Außerdem wird der Frage nachgegangen, ob es Zufall war, dass der Streit erst mehr als 50 Jahre nach Kriegsende ausbrach, oder ob ein Zusammenhang zur „Geschichtspolitik“ in den Anfangsjahren der Ära Kohl bestand. In der abschließenden Schlussbetrachtung sollen die Ergebnisse des Hauptteils noch einmal zusammengefasst, aufgeworfene Fragen beantwortet und ein Fazit gezogen werden.

1. „Vergangenheitsbewältigung“ vor der Ära Kohl

Damit eine historische Einordnung des so genannten „Historikerstreits“ überhaupt gelingen kann, ist es unumgänglich, sich zunächst einmal die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen Anfang der 80er Jahre vor Augen zu führen. Zu Beginn der 80er Jahre gewann die NS-Zeit einen ganz neuen Stellenwert in der westdeutschen Geschichtskultur. Es bestand geradezu ein gesellschaftlicher Trend zu vermehrten Erinnerungsanstrengungen und größerer Erinnerungsbereitschaft.[4] In diesem Jahrzehnt jährten sich auch zum 50. Mal verschiedene Gedenktage zu Ereignissen in der Zeit des Nationalsozialismus. Nicht diese Tatsache allein, sondern auch der demographische Wandel, genauer der Wechsel der Generationen, spielte eine Rolle bei der Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich. Es zeichnete sich immer deutlicher ein „Prozess der Transformation kommunikativer, d.h. gelebter und in Zeitzeugen verkörperter Erinnerung in kulturelle Erinnerung ab“[5]. Dies hatte zur Folge, dass ein Großteil der westdeutschen Bevölkerung nur noch mit Interpretationen der Geschichte der NS-Vergangenheit in Berührung kam, und nicht mehr auf eigene Erfahrungen mit dieser zurückgreifen konnte. Der Generationswechsel war auch dafür verantwortlich, dass die „Vergangenheitsbewältigung“ mehr und mehr als „Medienereignis inszeniert (…) oder als Ferment tagespolitischer Auseinandersetzungen instrumentalisiert“[6] wurde.

Bereits im Januar 1979 strahlte die ARD die amerikanische TV-Serie „Holocaust“ aus. Unabhängig davon, dass der Begriff „Holocaust“ erst dadurch in der westdeutschen Geschichtskultur verankert wurde, brachte dieses Medienereignis einiges mehr mit sich. Nicht zuletzt die Statistik, dass „81% der Zuschauer nach der Sendung diskutierten“[7], belegt, dass die westdeutsche Bevölkerung zutiefst erschüttert war und zum Nachdenken angeregt wurde.

Ähnliche Reaktionen löste der Seekriegsfilm „Das Boot“ von Wolfgang Petersen aus, der 1981 in den deutschen Kinos anlief und 1985 in der ARD ausgestrahlt wurde.[8] Beide Ereignisse verdeutlichen, dass die deutsche Bevölkerung auch nach fast fünfzig Jahren immer noch höchst sensibel auf die NS-Zeit und den „Holocaust“ reagierten. Hätte man doch annehmen sollen, dass die Reaktionen auf solche Fernsehereignisse knapp ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende wesentlich ruhiger ausfallen würden. Hatte es bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt eine Art „Vergangenheitsbewältigung“ gegeben?

Das erste Jahrzehnt der Bundesrepublik Deutschland war geprägt von einem „Gründungskonsens“ aller demokratischen Parteien in Bezug auf die Abkehr vom Nationalsozialismus sowie der Abgrenzung vom Kommunismus.[9] Bis Ende der 50er Jahre „herrschte in der westdeutschen Öffentlichkeit ein Beschweigen des ‚Dritten Reichs’“, und es erfolgte nicht vielmehr als eine strafrechtliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, wobei ein Großteil der ehemaligen Führungsschicht verschont blieb.[10]. Diese Zeit war geprägt von Orientierungslosigkeit innerhalb der westdeutschen Gesellschaft. Die Geschichtswissenschaft benutzt hierfür heute gar die „Metapher von der ‚geschichtslosen Zeit’ und der Sinnlosigkeit deutscher Geschichte“.[11] Auch der erste Bundespräsident Theodor Heuss stellte 1952 anlässlich der Hundert-Jahr-Feier des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg fast schon resignierend die Frage, wo die „ein Volk miternährende Kraft der Geschichte gefunden werden könne“[12]. Bis zum Mauerbau 1961 wurde u. a. mit der Schaffung des „Tags der deutschen Einheit am 17. Juni“ symbolisch versucht eine „gesamtnationale Identität“ zu konstruieren, um auf diese Weise „die Nation als Wert wieder emotional darstellbar zu machen und von ihr zu reden, ohne vom Nationalsozialismus sprechen zu müssen“.[13] Man versuchte das „Dritte Reich“ aus der deutschen Geschichte auszuklammern. Erst die 68er-Generation trieb die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit wirklich voran.[14] Der antitotalitäre Grundkonsens innerhalb der demokratischen Parteien war spätestens mit Beginn der 60er Jahre verloren gegangen. Die sozialdemokratische Opposition schaute der Regierung bei deren vergangenheitspolitischem Kurs nun deutlicher auf die Finger. Auch ließen Abgrenzung und Kritik am Kommunismus von „linker“ Seite nach. Stattdessen gingen Studenten und „außerparlamentarische Opposition“ auf Distanz zur politischen Nachkriegsordnung, deren kapitalistische Ausprägung ihrer Meinung nach verantwortlich war für ein Fortbestehen des Faschismus. Es entstand das Schlagwort von der „unbewältigten Vergangenheit“, das „zu einer Parole der aktuellen politischen Auseinandersetzung wurde“, während sich der „stereotype Faschismus-Vorwurf als Vielzweck-Waffe zur politischen und gesellschaftlichen Delegitimierung der Bundesrepublik erwies“.[15] Doch während die Angehörigen der „zweiten Generation“ ihre Eltern noch mit der NS-Vergangenheit konfrontieren konnten, für sie also noch ein persönlicher Bezug zum Nationalsozialismus bestand, verband die „dritte Generation“ bloß noch die Tatsache mit dem „Dritten Reich“, dass sie Deutsche waren.[16] Doch wie ging nun diese Generation mit der NS-Vergangenheit um?

Bundespräsident Gustav Heinemann fiel schon zu Beginn der 70er Jahre - vor allem bei der Jugend - ein zunehmender Mangel an demokratischem Geschichtsbewusstsein auf. Sein Nachfolger Bundespräsident Walter Scheel sprach in seiner Rede auf dem Deutschen Historikertag 1976 sogar von der Gefahr, „dass die Deutschen ein ‚geschichtsloses Volk’ werden könnten“.[17] War diese „Geschichtsverdrossenheit“ wirklich nur auf den Generationswechsel zurückzuführen oder spielten auch andere Faktoren eine Rolle?

Mit dem Rücktritt Willy Brandts, dessen Regierungszeit von einer zunehmenden politisierten und polarisierten „Vergangenheitsbewältigung“ geprägt war, gingen viele politische Utopien in Rauch auf. Während der Kanzlerschaft Helmut Schmidts schienen die Zeit der Reformen langsam abzulaufen und die Krisen zuzunehmen. Es waren nicht zuletzt der Terrorismus im Inland und die weltweite Ölkrise, die bei der westdeutschen Bevölkerung ein kollektives Angstgefühl vor der Zukunft auslösten.[18]

So kam es auf politischer Ebene zum Streit um eine kulturelle und nationale Identität der Deutschen. Vor allem Politiker und Intellektuelle des konservativen Parteienspektrums verkündeten öffentlich eine „deutsche Identitätskrise“.[19] Auf der einen Seite standen die linksliberalen Vertreter der so genannten „Vergangenheitsbewältigungs-Identität“[20]. Nach Meinung der Konservativen, die auf der anderen Seite standen, lag der Ursprung für die aktuellen Krise eben genau in dieser „linken“ Vergangenheitsbewältigung, welche „in ihrer ganzen Art subversiv sei, weil sie eine ‚endgültige’ Aufarbeitung der Vergangenheit verhindere und eine Identität, die auf einem positiven Geschichtsbild basieren müsse, unmöglich mache“[21]. Für die konservative Seite stand fest, dass man, wenn man die Zukunft der Deutschen nicht gefährden wollte, dieser Sichtweise eine „Normale-Nation-Identiät“ entgegensetzen musste, welche aus einem neuen Geschichtsbewusstseins entstehen sollte.[22] Vor allem im linksliberalen Meinungsspektrum befürchtete man, dass nach dem Regierungswechsel 1982 versucht werden würde, dieses angeblich identitätsschaffende „neue Geschichtsbewusstsein“ durch eine „Minimierung des Gewichts der NS-Epoche im bundesdeutschen Vergangenheitshorizont“[23] bzw. durch eine „Entkonkretisierung der NS-Herrschaft“[24] zu erreichen.

2. „Vergangenheitsbewältigung“ in den ersten Jahren der Ära Kohl (politische Ebene)

In seiner ersten Regierungserklärung am 13. Oktober 1982 bescheinigte der neue Bundeskanzler Helmut Kohl der abgelösten Regierung Schmidt kein gutes Zeugnis. Er sprach nicht bloß den „desaströsen ökonomischen Zustand“ an, indem sich die Bundesrepublik seiner Meinung nach befand, sondern stellte auch sehr deutlich dar, dass aus seiner Sicht dem wirtschaftlichen Zustand eine geistig-moralische Krise zugrunde lag und „die geistig-moralische Krise“ wiederum „das Resultat einer seit über einem Jahrzehnt betriebenen Verunsicherung im Verhältnis zu unserer Geschichte, (…) und letztlich auch einer Verunsicherung in unserem nationalen Selbstverständnis war“[25]. Als einzige Möglichkeit diese ökonomische Krise zu überwinden, gab Kohl an, dass „auch im Denken und Handeln unserer Mitbürger eine Wende“ und „eine grundsätzliche Neubesinnung einzuleiten“ wäre.[26] Helmut Kohl erklärte die Zeitgeschichte auch innerhalb seiner angestrebten Kulturpolitik zu einem Verantwortungsfeld der Bundesregierung und grenzte sich dadurch seiner Meinung nach ganz deutlich von der Regierung Schmidt ab, für die „kulturstaatliche Initiativen kein Thema“[27] waren. Zu diesen kulturstaatlichen Initiativen zählte Kohl unter anderem den in seinen ersten beiden Regierungserklärungen vom 13. Oktober 1982 und vom 04. Mai 1983 angekündigten Bau von Museen zur deutschen und zur bundesrepublikanischen Geschichte. In der Folgezeit sollten die Umsetzung der Museumsprojekte von ständigen Diskussionen begleitet werden. So befürchteten einige Kritiker, dass das „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ wegen seiner ausschließlichen Darstellung der Geschichte seit 1945 nichts weiter vermitteln könnte, als ein „einseitiges und eindimensionales, konservativ akzentuiertes und allzu unkritisches Bild der Nachkriegsgeschichte ohne angemessene Berücksichtigung der für ihr Verständnis konstitutiven nationalsozialistischen Vorgeschichte“[28].

Der Vorwurf des Versuchs der Deaktualisierung der für ein positives Geschichtsbild unbequemen NS-Vergangenheit wurde im Zusammenhang mit den beabsichtigten Museumsprojekten oft genug laut. Auch Bundeskanzler Kohl konnte diesbezüglich das Misstrauen seiner Kritiker nicht entkräften. Vielmehr verstärkte er mit seiner Israelreise zu Beginn des Jahres 1984 sogar die Befürchtungen seiner Gegner, er wolle mit seiner „Geschichtspolitik“ einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen, um damit seinem Streben nach einer Normalisierung der deutschen Geschichte, welche für die „Stiftung nationaler Identität und neuen nationalen Selbstbewusstseins“[29] erforderlich ist, einen Schritt näher zu kommen.

a. Die „Gnade der späten Geburt“

Vom 24. bis 29. Januar 1984 begab sich Bundeskanzler Helmut Kohl nach Israel. Innenpolitisch angeschlagen durch die so genannte Wörner/Kießling-Affäre, stand auch der Staatsbesuch in Israel unter schlechten Vorzeichen, hatte Kohl doch erst ein paar Monate zuvor Israels Nachbar im Nahen Osten Saudi-Arabien besucht und dem dortigen Machthaber umfangreiche Waffenlieferungen in Aussicht gestellt. Dennoch ging Helmut Kohl davon aus, dass sein Staatsbesuch sowohl in der Bundesrepublik als auch in Israel, „als Zeichen einer Verbesserung der Beziehungen“ und „als Symbol eines Brückenschlags zwischen (…) beiden Ländern und Völkern“[30] angesehen werden würde.

[...]


[1] Christian Meier: Eröffnungsrede zur 36. Versammlung deutscher Historiker in Trier, 8. Oktober 1986, zit. n.

Rudolf Augstein (Hrsg) u.a.: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der

nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 204.

[2] Vgl. Titel von Sabine Moller: Die Entkonkretisierung der NS-Herrschaft in der Ära Kohl, Hannover 1998.

[3] Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989. Phasen und Kontroversen,

in: APuZ, B45/98, S. 4.

[4] Vgl. Rupert Seuthe: „Geistig-moralische Wende? Der politische Umgang mit der NS-Vergangenheit in der

Ära Kohl am Beispiel von Gedenktagen, Museums- und Denkmalprojekten, Frankfurt a. M. 2001, S. 10-14.

[5] Seuthe: „Geistig-moralische Wende?, S. 11.

[6] Peter Dudek: Vergangenheitsbewältigung. Zur Problematik eines umstrittenen Begriffs, in: APuZ, B1–2/92, S.

45.

[7] Zit. n. Edgar Wolfrum: Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, 2. Aufl.

Göttingen 2002, S. 114.

[8] Vgl. Jan-Holger Kirsch: „Wir haben aus der Geschichte gelernt“. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in

Deutschland, Köln 1999, S. 73.

[9] Vgl. Ulrich von Hehl: Kampf um die Deutung. Der Nationalsozialismus zwischen

„Vergangenheitsbewältigung“, Historisierungspostulat und „neuer Unbefangenheit“, in: Hist. Jahrbuch 117/II

(1997), S. 416.

[10] Vgl. Hehl: Kampf um die Deutung, S. 414.

[11] Zit. n. Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989, S. 6.

[12] Zit. n. Christoph Stölzl (Hrsg.): Deutsches Historisches Museum. Ideen – Kontroversen – Perspektiven,

Frankfurt a. M./Berlin 1988, S. 26.

[13] Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989, S. 7-8.

[14] Vgl. Wolfrum: Geschichte als Waffe, S. 112.

[15] Vgl. Hehl: Kampf um die Deutung, S. 416-417.

[16] Vgl. Wolfrum: Geschichte als Waffe, S. 115.

[17] Zit. n. Helmut Kohl: Erinnerungen 1982-1990, München 2005, S. 626.

[18] Vgl. Wolfrum: Geschichte als Waffe, S. 112-113.

[19] Vgl. Jürgen Peter: Der Historikerstreit und die Suche nach einer nationalen Identität der achtziger Jahre,

Frankfurt a. M. 1995, S. 40.

[20] Wolfrum: Geschichte als Waffe, S. 116.

[21] Wolfrum: Geschichte als Waffe, S. 113-114.

[22] Vgl. Wolfrum: Geschichte als Waffe, S. 116.

[23] Seuthe: „Geistig-moralische Wende?, S. 14.

[24] Sabine Moller: Die Entkonkretisierung der NS-Herrschaft in der Ära Kohl, Hannover 1998.

[25] Kohl: Erinnerungen 1982-1990, S. 50-51.

[26] Kohl: Erinnerungen 1982-1990, S. 50.

[27] Kohl: Erinnerungen 1982-1990, S. 627.

[28] Seuthe: „Geistig-moralische Wende?, S. 151.

[29] Andreas Wirsching: Abschied vom Provisorium. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

1982 – 1990 (Band 6), München 2006, S. 476.

[30] Kohl: Erinnerungen 1982-1990, S. 219.

Details

Seiten
35
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638031622
ISBN (Buch)
9783638949163
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87468
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Vergangenheitsbewältigung Historikerstreit Wandel Bundesrepublik Deutschland Geschichtspolitik Ära Kohl Helmut Kohl Vergangenheitspolitik

Autor

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Titel: Vergangenheitsbewältigung in der Ära Kohl: Der "Historikerstreit"