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Sehnsucht nach Transzendenz?

Systematisch-theologische Überlegungen zur gegenwärtigen Bedeutung von Engeln unter besonderer Berücksichtigung moderner Esoterik mit religionsdidaktischem Ausblick

Examensarbeit 2007 77 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Theologische Grundlagen
I. Biblische Grundlagen
1. Kanonisch
a) Die Engel im Alten Testament
b) Engel im Neuen Testament
2. Nichtkanonische Schriften: Die Apokryphen des Alten- und Neuen Testamentes
a) Tobit/Tobitbuch
II. Theologiegeschichtliche Grundlagen
1..Die Gestalt des Engels in der Theologiegeschichte von der Antike bis zur Gegenwart

C. Brennpunkte der Engelphänomenologie
I. Die Engelsgestalt innerhalb der Kunstgeschichte
II. Die Engelwesen der modernen Unterhaltungsmedienkultur
1. Die Engel im Film Der Himmel über Berlin

D. Die Engelesoterik
I. Die Esoterik des New Age
II. Methoden des Kontakts zwischen Mensch und Engel
1. Channeling
III. Internationaler Engeltag 2007
1. Vorträge
a) Alexa Kriele: Engel und die himmlische Mutter
b) Sabrina Fox: Von Engeln begleitet - Engel im Alltag
c) Cecilia Sifontes: Engelreise ins Licht
d) Ingrid Auer: Arbeit mit den Engelsymbolen
2. Engelmarkt im Kongresshaus
IV. Die Engelgestalt der Esoterik

E. Kritisch-theologische Auseinandersetzung mit der Engelesoterik

F. Religionspädagogische Reflektion und Aufbereitung der Themenfelder »Engel« und »Engel in der Esoterik« für die Grund-, Haupt- und Werkrealschule

G. Schluss

H. Bibliographie

A. Einleitung

Das Lehnwort Engel leitet sich von der lateinischen Bezeichnung angelus ab, mit der in der Vulgata Boten im Auftrag Gottes bezeichnet werden. Ursprünglich nur für diese göttlichen Boten gebraucht, wurde daraus später der Sammelbegriff für alle Geistwesen, von denen die Bibel erzählt.

Zu Anbeginn des dritten Jahrtausends erleben die Engel ein großes Comeback. „Jeder zweite Deutsche glaubt an ,seinen Engel‘, der als eine Art persönliche Leibwache fungiert; jeder zehnte ist laut einer Forsa-Umfrage davon überzeugt, schon einmal einem Engel begegnet zu sein.“1 Die Boten Gottes haben heute Hochkonjunktur, doch das primäre Aufleben der Engel findet nicht innerhalb der Kirchen statt.

Im postmodernen Zeitalter sind es vor allem die Unterhaltungsmedien und die Esoterik, die zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Popularität der Engel beitragen. Die christlichen Engelvorstellungen werden dabei aufgegriffen und verformt, so dass neue und andere Engel entstehen.

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, das Engelverständnis der Esoterik und die damit verbundenen Transformationsprozesse des ursprünglich-christlichen Engelbildes aufzuzeigen. Die Relevanz der Engel für das eigene spirituelle Leben und die Gefahren, die im Umgang mit diesen transformierten Engeln für den Esoterik-Anhänger entstehen können, sind dabei von zentraler Bedeutung. Es lassen sich diesbezüglich folgende Fragestellungen formulieren:

Was wird aus dem christlichen Engel innerhalb der Esoterik gemacht?

Sind die esoterischen Engelvorstellungen mit dem evangelisch-christlichen Engelbild vereinbar?

Mit welchen Strategien arbeiten die New Age-Vordenker im esoterischen Bereich Engel?

Welche Gefahren entstehen durch den Glauben an die transformierten Engelbilder für die Menschen?

In einem ersten Schritt wird das christliche Engelbild an Hand der biblischen Quellen und der Theologiegeschichte der Angelologie veranschaulicht. Im darauf folgenden Teil wird an jeweils einem Beispiel ein kleiner Einblick zu den Engeln der Kunst und Medienwelt gegeben. Anschließend wird der Engel innerhalb der Esoterik beleuchtet.

Um dieses sehr spezielle esoterische Gebiet besser vorstellen zu können, wurde von mir der Begriff Engelesoterik konstruiert, da für den Bereich der Esoterik, in dem die Engel von zentraler Bedeutung sind, keine einheitliche Begriffsdefinition existiert.

Mit der Intention, die Aktualität der Engel-Thematik besonders hervorzuheben, beziehe ich mich dabei primär auf meine eigenen Erfahrungen, die ich am Internationalen Engeltag 2007 in Salzburg machen konnte. Nach dieser thematischen Heranführung und Aufarbeitung wird im anschließenden Teil die Engelesoterik unter theologischer Perspektive kritisch durchleuchtet und die Inkompatibilität zwischen evangelisch-christlichem und esoterischem Engelbild belegt.

Die anschließende religionsdidaktische Reflexion beschäftigt sich mit den Umsetzungsmöglichkeiten der Themenfelder »Engel« und »Engel in der Esoterik« für den Religionsunterricht der Klassenstufen 1 bis 10. Für die Primarstufe ist dabei die Vermittlung der christlichen Engelsvorstellung zentral. Innerhalb der Sekundarstufe I steht die Aufklärungsarbeit über die Engelesoterik im Vordergrund, wobei es in erster Linie gilt, die Transformationsprozesse und die Gefahren dieser esoterischen Subkultur als religionspädagogische Gegenstände didaktisch umzusetzen.

Die Kombination der Bereiche Engel und Esoterik als Forschungsgegenstand so zu komprimieren, dass der Umfang den Richtlinien der Zulassungsarbeit zum ersten Staatsexamen entspricht, erwies sich als schwierig. Beide Spektren decken ein breites Feld ab - und somit kann diese Arbeit keine ausführliche Darlegung der gegenwärtigen Situation im Bereich der Engelesoterik liefern. Sie soll vielmehr Einblicke schaffen und Impulse geben zu einer der vielen Richtungen des New Age, die sich derzeit äußerster Beliebtheit erfreut.

Für die Erarbeitung der theologischen Grundlagen zur Engel-Thematik, erwiesen sich die Werke von Rosenberg2, Krauss3 und Heidtmann4 als besonders hilfreich. Innerhalb der Engelesoterik sind es in erster Linie meine persönlichen Eindrücke vom Internationalen Engeltag 2007, die mir bei der Herausbildung des Forschungsgegenstandes Engelesoterik äußerst nützlich waren. Die Vorträge der Referentinnen in Verbindung mit ihren Internet- Auftritten und ihrer esoterischen Literatur, bilden den Leitfaden für diesen Bereich der Arbeit. Ferner sind es die Publikationen der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen5, auf die ich mich bezüglich der kritischen Betrachtung der Engelesoterik beziehe.

Bei der Veranschaulichung des evangelisch-christlichen Engelbildes sind es primär die Textquellen der lutherischen Überlegungen und die Angelologie von Karl Barth, die verstärkt berücksichtigt wurden.

Die überlieferte Geschichte der Boten Gottes findet ihr christliches Fundament innerhalb der heiligen Schrift. Die biblischen Quellen bilden den Einstieg zur Chronologie der Engel, die sich von dort aus bis in unsere heutige Zeit fortgesetzt hat.

B. Theologische Grundlagen

I. Biblische Grundlagen

1. Kanonisch

Im Bibelgeschehen des Alten- und Neuen Testamentes begegnet eine immanente andere Welt dem Menschen. Diese, in der gesamten Bibel dargestellte jüdisch / christliche Transzendenz, findet ihren Urgrund in Gott selbst. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde (Gen 1,1), und damit der Herr über die unsichtbare und die sichtbare Welt.

Der Mensch als Geschöpf Gottes lebt in einem Kosmos der Dualität. Jenseits der irdischen Schöpfung existiert die himmlische und unsichtbare, aber dennoch vom Menschen erfahrbare transzendente Wirklichkeit. Diese Erfahrbarkeit des Göttlichen ist Teil der Schöpfung. Wie auf der Erde die unsichtbare und sichtbare Realität miteinander korrelieren, so sind beide Wirklichkeiten auch im Menschen vereint. Die Anteilnahme an der geistigen Welt ist christlich als die vollendete Bestimmung des Menschen zu verstehen und auch Paulus weist darauf hin, wenn er an die Gemeinde in Korinth schreibt: „denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig“ (2 Kor 4,18).

Die Bibel erzählt von der Schöpfung Gottes, in welcher beide Wirklichkeiten existieren. Gott wendet sich dabei aus seiner Transzendenz hin zum Menschen, der dadurch seine wahre Bestimmung erkennen kann. Dieses Motiv der Offenbarung Gottes prägt den gesamten biblischen Kanon und vollzieht sich auf verschiedene Art und Weise. In Verbindung mit Gott, der im Alten Testament selbst zu den Menschen spricht, der Botschaft und Heilsgeschichte Jesu Christi des Neuen Testamentes, und dem Wirken des Heiligen Geistes existieren innerhalb der Bibel weitere Gott-offenbarende Wesen. Diese himmlischen Gestalten kennen sowohl das Alte wie auch das Neue Testament. Es sind Engel - Boten Gottes, die zwischen den Welten wandeln und in göttlichem Auftrag unterwegs sind.

Das Engelwesen vermag über die Brücken, die Verbindungen der unsichtbaren mit der sichtbaren Schöpfung, zu schreiten. Die Vision des träumenden Jakobs veranschaulicht diese Fähigkeit: „Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder“ (Gen 28,12).

a) Die Engel im Alten Testament

Der erste Auftritt eines Engelwesens innerhalb der heiligen Schrift steht in engem Zusammenhang mit der Erzählung des Sündenfalls der ersten Menschen. Adam und seine Frau Eva unterliegen der Verführung der Schlange und werden von Gott aus dem Garten Eden verbannt. Als Hüter des Weges zurück zum paradiesischen Leben beauftragt Gott besondere Wächterwesen: „Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens“ (Gen 3,24). Diese starken Wesenheiten, die sich aus dem assyrischen Vorbild der Keruben innerhalb des althebräischen Kultes herausgebildet haben, sind zusammen mit den Seraphim die mächtigsten und am ausführlichsten beschriebenen Engelgestalten der Bibel.

In der ersten und zweiten Vision des Propheten Hesekiel, der im 6. Jahrhundert vor Christus ins Exil nach Babylon gebracht worden war, findet sich eine eingehende Darstellung der Cherubim.

Hesekiel schildert das äußere Erscheinungsbild der Cheruben sehr genau. Nach ihm sind es feurige und vierfach geflügelte Wesen mit vier Köpfen. Jeder Cherub hat einen Menschen-, Löwen-, Stier- und Adlerkopf (vgl. Hes 1,6-10).Die Flügel der Cherubim werden auch separat beschrieben, wobei besonders das Geräusch, welches diese erzeugen, einen starken Eindruck beim Propheten hinterlässt: „Und wenn sie gingen, hörte ich ihre Flügel rauschen wie große Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, ein Getöse wie in einem Heerlager“ (Hes 1,24). Die unmittelbare Nähe der Cherubim zu Gott und ihre damit verbundene Herrlichkeit wird hier klar ersichtlich durch die Analogie des Geräusches der Flügel und der Stimme des Allmächtigen.

In der Schau des Hesekiel existiert noch ein weiteres durchgängiges Merkmal, das die kosmische Größe der Cherubim verdeutlicht. Zu Beginn der ersten Vision des Propheten wird es folgendermaßen beschrieben: „Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer“ (Hes 1,4-7). Wie in der Geschichte des Sündenfalls, wird auch in den Visionen des Hesekiel vom Element Feuer in Verbindung mit den Cherubim berichtet. Es sind Lichtwesen, die durch flammende und blitzende Bestandteile ihres Körpers strahlen. Die Symbolik des Lichts der Cheruben ist durchgängig stark veranschaulicht. Es ist ein Zeichen für die Heiligkeit ihrer Epiphanie.

Das Alte Testament weist noch weitere Stellen auf, an denen von den Cherubim die Rede ist. Vor allem die geschilderten Bildwerke der Stiftshütte, die Moses errichten lässt, und der prunkvolle Tempel des König Salomon sind in diesem Zusammenhang zu nennen (vgl. Ex 25, 18-20; 1 Kön 6,23-24).

Die Funktion der Cherubim wird durch die unmittelbare Nähe dieser Engelsmächte zu Gott verdeutlicht. Rosenberg schreibt diesbezüglich über sie: „Die Cherubim bilden den lebendigen Thronwagen Gottes, sein Gefährt im Kosmos. Denn Jahwe thront auf oder über den Cherubim; auf ihnen fährt oder ›reitet‹ er vom Himmel herab[…].“6

Weitere mächtige Engelwesen, die Seraphim, finden sich innerhalb des Alten Testamentes ausschließlich in einer gewaltigen Vision des Propheten Jesaja, die jener um das Jahr 740 vor Christus empfing. Er erblickt dabei - wie Hesekiel zirka hundertfünfzig Jahre später - den Thron Gottes. Über diesem schaut der Prophet sechsfach geflügelte Gestalten, die sich gegenseitig Gottes Lobpreis zurufen: „Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“ (Jes 6,3) Über den hohen Grad ihrer Stellung unter Gott liefert hier der Klang ihrer Stimme Aufschluss, denn „die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch“ (Jes 6,4). Ferner deutet auch ihr Name auf ihre hohe himmlische Stellung: Das hebräische Wort Seraphim ist abgeleitet von saraph, was brennend bedeutet. Sie sind demnach flammende Lichtwesen, wodurch ihre Kraft und Macht, als Gott-lobpreisende Himmelsgeschöpfe, betont wird. Primär sind sie die Verkünder der Herrlichkeit des Herrn der Heerscharen.

Die Cherubim und Seraphim sind im Bezug auf den weiteren Verlauf der Herausbildung der Engelgestalt wie wir sie heute kennen, von entscheidender Bedeutung, denn sie sind die einzigen Geistwesen innerhalb der biblischen Schriften, die mit dem markanten Engelattribut der Flügel ausgestattet sind.

Gott offenbart sich - neben den Propheten - noch weiteren Menschen des Alten Testamentes. Ein Großteil dieser Personen hat die Geschichte des auserwählten Volkes Israels entscheidend mitbestimmt. Abraham, Isaak, Jakob und Moses stehen als Anführer Israels in engem Kontakt zu Gott. Dieser Kontakt der biblischen Menschen, sowie bedeutsame Ereignisse ihrer Lebensgeschichten, sind dabei immer wieder begleitet von Engelepiphanien. Anders als in den prophetischen Visionen Hesekiels und Jesajas, werden die Engelgestalten dabei nur minimal oder gar nicht beschrieben. Die Schilderung ihres Aussehens scheint bedeutungslos. Der Grund dafür ist, dass es in diesen Erzählungen nicht primär um die Engelwesen geht. Es ist vielmehr die Botschaft Gottes an den Menschen, die im Zentrum des Offenbarungsgeschehens steht. Die Engelwesen sind die Überbringer dieser Nachricht, und ihrer Funktion nach sind sie die Vollstrecker des Willens Gottes.

Die im Alten Testament sehr häufig zu findende Bezeichnung Engel des Herrn oder auch Engel Gottes gibt unmissverständlich zu verstehen, von wem die Nachricht stammt, nicht aber wie die Boten dieser Nachricht aussehen. Die hebräische Bezeichnung mal´ak jhwh, von welchem sich Engel des Herrn oder auch Engel Gottes ableitet, verdeutlicht die Problematik einer einheitlichen Bestimmung dieses Vermittlerwesens: „Große Schwierigkeiten erwachsen der wissenschaftlichen Erfassung daraus, daß mal´ak jhwh ganz unterschiedliche Wesenheiten bezeichnet, von Menschen[…] und überirdischen Wesen bis hin zu einem mit Jahwes Ich verwechselbaren Sprecher.“7

Es ist folglich nicht nur der Mangel an wesensbeschreibenden Erzählelementen, sondern auch die Bezeichnung mal´ak jhwh, die es schwierig macht, ein einheitliches Erscheinungsbild des Engel des Herrn oder des Engel Gottes innerhalb der alttestamentlichen Schriften aufzuzeigen.

Im Folgenden soll nun der Typus des mal´ak jhwh als ein überirdisches Wesen näher berücksichtigt werden. Gerade bei diesem Verständnis vom Engel des Herrn, oder auch vom Engel Gottes, ist es möglich, anhand einiger ausgewählter Schriften Rückschlüsse auf die Funktion und das Aussehen dieses Engeltyps zu ziehen.

In der märchenhaften Geschichte über den Zauberer Bileam (vgl. Num 22,1ff), der die Israeliten im Auftrag der Moabiter verfluchen soll, erscheint auf dem Weg zum Lagerplatz der Israeliten der Engel des Herrn. Bileam kann den Engel selbst nicht wahrnehmen, wohl aber sein Reittier; denn die Eselin, auf der er reitet, sieht den Engel des Herrn auf dem Weg stehen. Sie weicht ihm aus und Bileam, der den Grund für ihr Verhalten nicht begreifen kann, schlägt sie dafür. Dies vollzieht sich insgesamt dreimal, bis schließlich, durch das Einwirken Gottes, auch Bileam den Engel sehen kann (vgl. Num 22,31). Die Tatsache, dass Bileam den Engel erst nicht erkennen kann, veranschaulicht das transzendente Wesen des Engels. Der mal´ak jhwh übernimmt hier die Funktion des Beschützers des Volkes Israels. Sein Auftritt vermittelt die Botschaft, dass Gott seinem Volk beisteht.

Eine weitere Erzählung des Engel des Herrn findet sich im Alten Testament in der Berufungsgeschichte des Gideon (vgl. Ri 6, 11-24). Der Engel des Herrn erscheint Gideon, doch dieser erkennt ihn nicht als solchen und er spricht mit ihm wie mit einem fremden Herrn. Der Engel tritt in Menschengestalt auf, weshalb Gideon sogar ein Zeichen von ihm fordert, dass es sich bei seinem Gesprächspartner tatsächlich nicht nur um einen gewöhnlichen Menschen handelt (vgl. Ri 6,17).

Der Prophet Jesaja ist schon als der Visionär der Seraphim genannt worden. In seinen Schriften (vgl. Jes 37,36) sowie im zweiten Buch der Chronik (vgl. 2 Chr 32,21ff) findet sich des Weiteren eine Demonstration der gewaltigen Macht des Engel des Herrn. Hier fährt dieser aus und tötet in den Lagern des Assyrerkönigs Sanherib, der zu diesem Zeitpunkt das Reich Juda bedroht, hundertfünfundachtzigtausend Männer. Der Engel erfüllt hier eine große Schutzfunktion, die sich im offensiv-kriegerischen Handeln manifestiert. Die Botschaft der Handlung des Engels versinnbildlicht die Allmacht Gottes und die damit verbundene Heilsgewissheit Israels.

Über den Engel des Herrn lässt sich ferner mit Bestimmtheit sagen, dass seine Aufgabe darin besteht den Willen Gottes zu erfüllen. Dieser Bote überbringt Nachrichten, erteilt Aufträge und schützt das Volk Israel vor Gefahren. Der Engel des Herrn ist ein mächtiges Werkzeug Gottes, durch den sich der Schöpfer seinen Geschöpfen offenbart. An dieser Stelle sei nochmals auf die Zentralität der Botschaft vor der Erscheinungsform des Boten hingewiesen.

Die schlichtere Bezeichnung Engel, hebräisch: mal´ak findet sich, im Vergleich zum Engel des Herrn, an wenigeren Stellen im Alten Testament. Ebenso wie der Engel des Herrn, kommen sie im Auftrag Gottes zu den Menschen.

Der mal´ak tritt nicht immer alleine auf, sondern erscheint teilweise mit anderen Engeln. So sieht Jakob in seinem Traum beispielsweise mehrere Engel an einer Leiter, deren Spitze bis in den Himmel reicht, auf und niedersteigen (vgl. Gen 28,12).

In der Geschichte von Sodom und Gomorra (vgl. Gen 19,1ff) treten ebenfalls mehrere Engel auf, die Lot und seine Familie retten. Diese Engel sind einerseits helfende, andererseits ebenso Verderben bringende Wesen, denn sie selbst sind es, welche im Auftrag Gottes Sodom und Gomorra zerstören sollen (vgl. Gen 19,13). Endgültig ist es aber Gott, der Feuer und Schwefel über diese Städte regnen lässt (vgl. Gen 19,24-25). Die Hervorhebung der Unmittelbarkeit der himmlischen Boten - bezüglich des Willens und Wesens ihres Schöpfers - findet sich nahezu in allen Engelgeschichten des Alten Testamentes.

Im Buch des Propheten Daniel sind weitere nennenswerte Ereignisse geschildert, bei denen Engel eine schützende und vermittelnde Funktion erfüllen. In der Geschichte der drei Männer im Feuerofen (vgl. Dan 3,1ff) wird die schützende Kraft eines Engels beschrieben.

Ferner ist Daniels Erlebnis in der Löwengrube (vgl. Dan 6,1ff) von einem beschützenden Engel begleitet. Beide Geschichten verdeutlichen die allmächtige Kraft Gottes - und wie er diese durch seine Wesen einsetzt. Das Danielbuch ist noch aus einem weiteren Grund für die Angelologie von entscheidender Bedeutung: Zum ersten Mal treten innerhalb der kanonischen Schriften Engelwesen auf, die mit Eigennamen versehen sind. Ihre Namen bezeichnen Gabriel mit der Übersetzung als „›Kraft Gottes‹“8 und Michael, was „›wer ist wie Gott‹“9 bedeutet. Michael wird als Engelfürst (vgl. Dan 10,13) benannt, woraus später die neutestamentliche Wesensbezeichnung „Erzengel“10 entstanden ist.

Michael wird im Danielbuch als Engelfürst des Volkes Israel, der gegen andere Engelsfürsten anderer Völker ankämpft, geschildert (vgl. Dan 10,20-21; 12,1). Die Engelsfürsten sind demnach Schutzmächte eines ganzen Volkes und für dessen Wohlergehen zuständig.11 Daniel beschreibt nahe der Stelle, an der Michael erwähnt wird, die Epiphanie eines weiteren mächtigen Engels:

Und am vierundzwanzigsten Tage des ersten Monats war ich an dem großen Strom Tigris und hob meine Augen auf und sah, und siehe, da stand ein Mann, der hatte leinene Kleider an und einen goldenen Gürtel um seine Lenden. Sein Leib war wie ein Türkis, sein Antlitz sah aus wie ein Blitz, seine Augen wie feurige Fackeln, seine Arme und Füße wie helles, glattes Kupfer, und seine Rede war wie ein großes Brausen. Aber ich, Daniel, sah dies Gesicht allein, und die Männer, die bei mir waren, sahen' s nicht; doch fiel ein großer Schrecken auf sie, so daß sie flohen und sich verkrochen (Dan 10, 4-7).

Die Vision Daniels verdeutlicht, dass Engel von Lichtelementen durchdrungene Wesen sind, die ihr wahres Äußeres vor den Menschen verbergen können. Ihre Anwesenheit empfinden die Menschen dennoch als Schrecken, was veranschaulicht, dass sich Engel, selbst wenn man sie nicht sieht, zumindest erspüren lassen. Die Wirkung des Unsichtbaren innerhalb der sichtbaren Schöpfung ist hierbei veranschaulicht.

Die Engel des Alten Testamentes sind die Botschafter zwischen dem Volk Israel und Jahwe. Sie erfüllen den Willen Gottes, der wohlwollend als auch strafend sein kann.

Die Gottesboten treten - bis auf einige Ausnahmen - meist in verborgener aber stets menschenähnlicher Gestalt auf und kommen aus einer transzendenten Dimension. Im Offenbarungsverständnis des Alten Testamentes hat sich das direkte Wort Gottes zu einem Gefüge aus geistigen Vermittlern entwickelt, die mit den Menschen - in erster Linie den Propheten - und Gott zusammenarbeiten. Die Nachricht bezieht sich dabei primär auf das irdische Dasein der Menschen. Von einer Ausrichtung der Offenbarung auf die jenseitige Existenz, wie es das Neue Testament kennt, ist noch nicht die Rede.

b) Engel im Neuen Testament

Innerhalb der Bibel bildet das Alte- das Fundament des Neuen Testamentes. Die Evangelien erzählen vom Leben und der Passion Christi. Sie knüpfen dabei an die biblische Überlieferung des Alten Bundes an, denn der Gott Jesu ist kein anderer als der Gott des Volkes Israels. Jesus Christus ist die zentrale Gestalt des Neuen Testamentes und seine Botschaft ist eine Gottesbotschaft.

Das Offenbarungsgeschehen des Neuen Testamentes vollzieht sich in erster Linie in den Reden und Handlungen Jesu, wodurch andere von Gott berufene Wesen in den Hintergrund rücken. Dennoch existieren die Engel im Neuen Testament als von Gott eingesetzte Verkünder von Botschaften und Unterstützer der Menschen weiter.

Die Geschichte Jesu Christi ist an zentralen Stellen begleitet von himmlischen Gestalten, wodurch sein göttliches Wesen signifikant wird. Seine Geburt ist im Matthäus- und im Lukasevangelium geschildert. In beiden Erzählungen treten Engel auf, welche die Geburt vorhersagen. Bei Mathäus ist es der aus dem Alten Testament bekannte Engel des Herrn, der Josef in einer Traumvision erscheint (vgl. Mt 1,20-21).

Im Lukasevangelium kommt der Engel nicht zu Josef, sondern zu Maria. Es ist die Erscheinung des bereits aus dem Buch des Propheten Daniel bekannten Engelfürsten Gabriel (vgl. Lk 1,26f). Gabriel kündigt Maria die Geburt Jesu an. Die Verheißung der Geburt lässt keinen Platz für Ausschmückungen der Engelgestalt. Es geht um das Kind, nicht um den Engel. Der Zweck des Auftretens eines mächtigen Gottesboten, wie ihn Gabriel repräsentiert, betont einzig und allein die kosmische Bedeutung der Geburt Jesu.

Die Geburt von Johannes dem Täufer wird seinem Vater Zacharias ebenfalls von Gabriel angekündigt (vgl. Lk 1,11ff). Zacharias ist erschrocken von Gabriels Anblick (vgl. Lk 1,12). Der Erzengel verkündigt Zacharias, neben der Geburt, die kommenden Taten seines Sohnes (vgl. Lk 1,15-17). Zacharias wird mit Stummheit gestraft, da er an den Worten des

Engels zweifelt (Lk 1,20). Die Reinheit und Wahrhaftigkeit der Botschaft wird hiermit akzentuiert.

Im Lukasevangelium findet sich ferner die wohl bekannteste Geschichte der Bibel, in welcher himmlische Wesen eine Rolle spielen: Die Weihnachtsgeschichte (vgl. Lk 2,1-21) erzählt vom Engel des Herrn, der den Hirten auf dem Feld erscheint (vgl. Lk 2,9-12). Der Engel verkündigt ihnen die Geburt des Heilands und wird von den himmlischen Heerscharen umringt, die Gott lobpreisen (vgl. Lk 2,13-14). Dieser Lobpreis drückt die enorme Glückseligkeit der Engel aus. Ihre Freude über die Geburt Jesu lässt sich ausweiten in eine Freude für alle Menschen, denn durch den nun geborenen Heiland werden alle erlöst werden. Ihre sorgsame und hilfsbereite Einstellung zum Menschen kommt durch die Lobpreisung zum Ausdruck. Im Moment der Angelophanie fürchten sich die Hirten, denn „die Klarheit des Herrn leuchtete um sie“ (vgl. Lk 2,9). In den Engeln drückt sich den Menschen demnach Gottes Wesen aus. Die Hirten bekommen einen Einblick in die göttliche Dimension, die ihnen Furcht bereitet.

In der Auferstehungsgeschichte Jesu sind weitere Engelepiphanien beschrieben. Bei Matthäus ist es der Engel des Herrn, der vom Himmel herab kommt und die Nachricht der Auferstehung kundgibt (vgl. Mt 28,2ff). Sein Aussehen erschreckt die Wachen des Grabes, denn er gleicht einem Körper aus Licht: „Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee“(vgl. Mt 28,3). Das Markusevangelium erzählt von einem Jüngling in einem weißen, langen Gewand, den die Frauen im Grab antreffen, die gekommen sind, um Jesu Leichnam zu salben (vgl. Mk 16,1ff). Sie sind ebenfalls von dessen Anblick entsetzt (vgl. Mk 16,5) und nach seiner Verkündigung der Auferstehung des Gekreuzigten fliehen die Frauen von dem Grab und sind voller Furcht (vgl. Mk 16,8).

Der Evangelist Lukas erzählt von Frauen, die früh am Morgen ans Grab Jesu kommen, um ihn zu salben. Sie treffen im leeren Grab auf zwei Männer in glänzenden Kleidern (vgl. Lk 24,4), deren Auftreten sie ebenfalls sehr erschreckt. Im Johannesevangelium sieht Maria von Magdala zwei Engel in weißen Gewändern an den Stellen sitzen, wo vorher der Kopf und die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten (vgl. Joh 20,11f). Die Auferstehungsgeschichten der Evangelisten berichten alle von menschenähnlichen Gestalten, die in ihrer Erscheinung im Wesentlichen aus leuchtenden Elementen bestehen: „Wenn Gott, sein Messias und seine Engel sich in Licht und Feuer offenbaren[…], dann kann für die Jenseitsvorstellung auch der neutestamentlichen Autoren kein Zweifel daran bestehen, dass der ,Himmel‘ als Wohnort Gottes den Inbegriff von Licht, Feuer und Glanz darstellt.“12 Ihre leuchtenden Körper versinnbildlichen ihre Zugehörigkeit zur Welt des Himmels.

Bei Johannes ist es Jesus selbst, der durch sein Erscheinen Maria von Magdala seine Auferstehung bezeugt. Die Engel nehmen sich zurück, weil Jesus es ihr selbst offenbaren will. In den anderen drei Evangelien verkündigen Engel die frohe Botschaft.

Dass Jesus zu seinen irdischen Lebzeiten von der Existenz von Engeln überzeugt war, erschließt sich einerseits aus seiner jüdischen Abstammung und andererseits aus seinen eigenen Aussagen über die himmlischen Gestalten. Die bereits angesprochene Freude der Engel findet sich auch in den Gleichnissen Jesu. Im Gleichnis vom verlorenen Groschen heißt es: „So sage ich euch wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut“ (Lk 15,10). Die Engel wenden sich genau wie Jesus den sündigen Menschen zu. Sie sind im höchsten Maße erfreut über jeden, der durch Buße diese Zuwendung erwidert, denn der sündige Mensch kann zu Gott zurückkehren. Gottes Liebe und Barmherzigkeit drückt sich durch die Worte Jesu über die Freude der Engel als Himmelsgeschöpfe Gottes aus, die den Menschen beistehenden.

In der Deutung des Gleichnisses vom Unkraut (vgl. Mt 13,36ff) spricht Jesus vom Ende der Zeiten: Die Engel werden dabei als dem Menschensohn untergeordnet dargestellt. Sie unterstehen seinem Willen. Am Ende der Welt erfüllen die himmlischen Diener eine Aufgabe, die für die Menschen sehr bedeutsam ist. Die Engelwesen sind dabei diejenigen, welche die Gerechten von den Unrechten trennen. Sie entscheiden in Gottes Auftrag, wer errettet und wer verworfen wird.

In der Offenbarung des Johannes als letztem Buch der Bibel wird das Ende der Welt intensiv thematisiert. Die Schrift der Apokalypse, wörtlich: Enthüllung, erinnert stark an die prophetischen Visionen des Alten Testamentes. Sie ist von einem enormen Bilderreichtum geprägt, der sich auch in der Schilderung von himmlischen Geschöpfen widerspiegelt. In der Vision vom Thron Gottes heißt es beispielsweise:

Und vor dem Thron war es wie ein gläsernes Meer, gleich dem Kristall, und in der Mitte am Thron und um den Thron vier himmlische Gestalten, voller Augen vorn und hinten. Und die erste Gestalt war gleich einem Löwen, und die zweite Gestalt war gleich einem Stier, und die dritte Gestalt hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und die vierte Gestalt war gleich einem fliegenden Adler. Und eine jede der vier Gestalten hatte sechs Flügel, und sie waren außen und innen voller Augen, und sie hatten keine Ruhe Tag und Nacht und sprachen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt (4,6-8).

Der unmittelbare Bezug zu den Visionen der alttestamentlichen Propheten Hesekiel, Jesaja und Daniel wird hier deutlich. In der Schau des Johannes finden sich die Merkmale der Cherubim und Seraphim in den vier Wesen um den Thron Gottes wieder.

In der Apokalypse ist ferner die Rede von einem gewaltigen Kampf (vgl. Offb 20,7- 10), in dem die Engel als Streitkräfte von enormer Bedeutung sind. Es geht um die Schlacht zwischen Gott und den ihm gegenüberstehenden Mächten, deren Anführer der Satan ist. Der Satan - hebräisch: Ankläger - taucht schon im Alten Testament auf. Er verkörpert darin die Gestalt, welche die Menschen schonungslos vor dem Richterstuhl Gottes anklagt (vgl. Hiob 1,6ff; Sach 3,1). Ist er in den alttestamentlichen Schriften noch ein zwielichtiges Mitglied des himmlischen Hofstaats, wird er im Neuen Testament zum Oberhaupt der widergöttlichen Welt. Er ist der Gegenspieler Jesu Christi und versucht die Menschen zum sündigen Leben zu verführen. Ihm sind dabei böse Geister - Dämonen - unterstellt, die das negative Pendant zum himmlischen Engelwesen bilden. Jesus heilt im Neuen Testament Menschen, die von bösen Geistern besessen sind (vgl. Mk 7,25-30; Lk 8,2.26-33). Mit seinen heilenden Fähigkeiten erschließt sich die göttliche Kraft Jesu über diese teuflischen Geschöpfe. Als Jesus in der Wüste ist, versucht Satan selbst ihn zu verführen (vgl Mt 4,1ff).

Das Hauptanliegen Satans besteht darin, den Heilsplan Gottes zunichte zumachen. Er ist der Widersacher Gottes, der in der Apokalypse mit seinem Dämonenheer den himmlischen Heerscharen Gottes gegenübertritt. In der Johannesoffenbarung findet sich die Schilderung einer Schlacht im Himmel:

Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen (Offb 12,7-9).

Der hier geschilderte Engelsturz veranschaulicht, warum die Macht des Bösen in der irdischen Welt präsent ist. Es kommt zum Kampf zwischen dem Heer Gottes und den abtrünnigen Engeln mit Satan an der Spitze. Der Satan wird als Verführer der ganzen Welt beschrieben, weil er die Engel zur Auflehnung gegen Gott anstiftete und nach seinem Fall die Menschen auf der Erde verführt.

Der Erzengel Michael ist der Anführer des himmlischen Heers. Er führt die Engel Gottes in die Schlacht und stößt den Satan mit samt seinen Anhängern aus dem Himmel.13 In der Apokalypse ist durchgängig von himmlischen Wesen die Rede, weshalb sie auch als das Engelbuch der Bibel bezeichnet werden kann. Die große Bedeutung der himmlischen Wesen als mitwirkende Gestalten am Ende der Zeiten findet sich darin veranschaulicht.

Weitere beschriebene Engelwesen sind die vierundzwanzig Ältesten mit weißen Gewändern und goldenen Kronen (vgl. Offb 4,4), die eine Art himmlischen Senat um den Thron Gottes darstellen. Ferner ist die Vision der sieben Engel, die anfangs die Posaunenengel (vgl. Offb 8,2ff) sind und später zu den Schalenengeln (vgl. Offb 15,7) werden, entscheidend für den Verlauf der Apokalypse. Die sieben Engel blasen die Posaunen und gießen die Schalen des Gotteszorns auf die Erde, wodurch es zu gigantischen Katastrophen im Kosmos und auf der Erde kommt. Die sieben Engel, welche auch als die sieben Erzengel gedeutet werden, erfüllen wiederum den Willen Gottes, dessen Zorn sich im Ausmaß der Zerstörung ausdrückt.

Engel werden auch in der Apostelgeschichte aufgeführt. Weitere Angelophanien finden sich bei der Himmelfahrt Jesu (vgl. Apg 1,9-11), wobei wiederholt zwei Männer in weißen Gewändern erscheinen und das Wiederkommen Jesu verkündigen. In der Befreiungsgeschichte des Petrus (vgl. Apg 12,6-11), wird dieser von einer den Raum erleuchtenden Engelsgestalt (vgl. Apg 12,7) aus dem Gefängnis des Herodes befreit und bis vor das Stadttor geführt. Der Engel übernimmt hier eine rettende Funktion und erscheint erneut als Lichtgestalt.

In den Paulusbriefen finden die himmlischen Wesen ebenfalls Erwähnung. Im Kolosserbrief wird beispielsweise von einer Irrlehre berichtet, in welcher Engel verehrt werden (vgl. Kol 2,18). Der Brief weist die Gemeinde in Kolossä eindringlich darauf hin, von den Irrlehren abzulassen und sich allein auf Christus zu konzentrieren (vgl. Kol 2,8ff). Diese Stelle veranschaulicht, dass die Engel als himmlische Wesen vom Menschen nicht über Gott und Christus gestellt werden dürfen. Ein entsprechender Aufruf findet sich gleich zu Beginn des Hebräerbriefes. Der Autor erklärt die Position des Sohnes Gottes, der über den Engeln steht. Er stützt seine Ausführungen mit zahlreichen Zitaten der Psalmen des Alten Testamentes (vgl. Hebr 1,5ff). Aus den beiden Briefpassagen geht hervor, dass die Menschen der beiden Gemeinden stark von den Engelgestalten fasziniert waren. Die himmlischen Wesen werden schon in frühchristlicher Zeit ein Hauptgegenstand von Irrlehren. Die Engel des Neuen Testamentes sind als geistige Wesen Christus unterstellt. Sie sind seine himmlischen Diener, die ihm im Kampf gegen die Mächte der Finsternis beistehen. Die Himmelsgeschöpfe schützen und helfen Christus zu seinen Lebzeiten, verkündigen seine Geburt und Auferstehung und werden von Gott beim Weltgericht eingesetzt. Im Neuen Testament hat sich die Bedeutung der Engel im Hinblick auf das Ganze reduziert, denn im Neuen Bund ist die Geschichte und Botschaft der Gestalt Jesu Christi essentiell. Die Engel sind weiterhin Teil der Offenbarung Gottes, aber durch das Christusgeschehen rücken sie in den Hintergrund. Das Wirken des Heiligen Geistes schwächt ihre Rolle im neutestamentlichen Kanon zusätzlich ab.

Im Unterschied zum Alten Testament verstecken die Engel im Neuen Testament ihre wahre Natur nicht mehr. Sie verkündigen voller Freude die Botschaft der Geburt sowie die Auferstehung Christi und erscheinen allen Menschen als Lichtgestalten. Ihre überirdische Ausstrahlung auf die Menschen ist dabei sehr stark, weshalb es bei den meisten Angelophanien des Neuen Testamentes zu erschrockenen Reaktionen der Menschen kommt. Die Engel leiten ihre Botschaft aus diesem Grund häufig mit den beschwichtigenden Floskeln: „Fürchte dich nicht“ (vgl. Mt 1,20; Lk 1,13.30) oder „Fürchtet euch nicht“ (vgl. Mt 28,5; Lk 2,10) ein.

Bei der Erscheinung der biblischen Engel wird Gott, zumindest stückweit, menschlich erfahrbar. Welker beschreibt die Engel diesbezüglich „als eine Selbstzurücknahme, eine Selbstkontraktion, Selbstkonkretion Gottes zu Gunsten einer Offenbarung an bestimmten Menschen in bestimmten Situationen.“14 In allem, was sie sind oder tun, verweisen sie auf Gott.

2. Nichtkanonische Schriften: Die Apokryphen des Alten- und Neuen Testamentes

Neben den kanonischen Textquellen existieren noch weitere Schriften, die teilweise zeitgleich mit den Büchern des Alten Testamentes entstanden sind und weitere Details über die himmlischen Boten vermitteln. Manche dieser Werke haben auf die Angelologie der folgenden Jahrhunderte sehr starken Einfluss ausgeübt, weshalb ihnen hinsichtlich der Engelthematik bis heute eine große Bedeutung zuteil wird.

Das griechische Wort apokryph bedeutet verborgen und wurde zuerst von den Gnostikern im Bezug auf Schriften benutzt. Sie behaupteten, über verborgene Bücher (grch. bibloi apokryphoi) zu verfügen, die Geheimwissen enthalten. Von der Kirche wurden diese gnostischen Werke als Irrlehren abgelehnt und der Begriff apokryph wurde auf alle religiösen Schriften, die nicht zur Lesung an den öffentlichen Kultstätten wie Tempel und Kirchen zugelassen wurden, übertragen. Nachträglich wurden alle Bücher, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden, als apokryph bezeichnet, weshalb im Hinblick auf diese Werke von den Apokryphen des Alten- und Neuen Testamentes gesprochen wird. Im folgenden Teil wird nun eines dieser Werke vorgestellt.

a) Tobit/Tobitbuch

Das Tobitbuch wurde vermutlich zwischen dem vierten und ersten Jahrhundert vor Christus in aramäisch oder hebräisch verfasst. Es ist insofern von christlicher Bedeutung, da es in den Kanon der Septuaginta als Bestandteil der griechischen Bibel mit übernommen wurde. Für die orthodoxe- und die katholische Kirche ist es folglich ein kanonisches Buch; die Protestanten zählen es hingegen zu den Apokryphen des Alten Testamentes. Es erzählt die Geschichte von Tobit, Tobias, Sara und dem Engel Raphael.

Die Erzählung beginnt mit dem Juden Tobit, der im Exil in Ninive lebt. Er erblindet am Pfingstfest bei der Bestattung eines Verwandten. Aufgrund dieses Unglücks wendet er sich im Gebet bittend an Gott. Parallel dazu wird die Not Saras geschildert. Sie lebt im Exil in Medien und ist von einem Dämon besessen, der schon sieben ihrer Männer in der Hochzeitsnacht getötet hat. Sara bittet Gott im Gebet ebenfalls um Hilfe.

Gott erhört die Gebete von Sara und Tobit und entsendet seinen Engel Rafael. Der Engel wird zum Wegbegleiter von Tobias, Tobits Sohn, der nach Medien reisen soll, um dort hinterlegtes Geld herbeizuschaffen.

Tobias weiß nichts vom wirklichen Wesen seines Begleiters, weil der Engel Rafael sich als Mensch mit dem Namen Asarja ausgibt. Auf der Reise lernt Tobias auf seinen Gefährten zu hören, denn unterstützt von Rafaels Wort überwältigt Tobias einen großen Fisch, der ihn bei einer Rast am Fluss Tigris zu verschlingen droht. Auf Anweisung Asarjas entnimmt Tobias dem Fisch das Herz, die Leber und die Galle. Später auf dem Rückweg belehrt der Engel Tobias darüber, dass die Eingeweide des Fisches als Heilmittel und zur

Dämonenvertreibung nützlich sind. Anschließend trifft Tobias auf Sara, die er heiratet und mit Hilfe der Fischorgane von ihrem Dämon befreit. In der Zwischenzeit holt Rafael das Geld in Medien ab und schließlich kehren alle zu Tobit in Ninive zurück, wo Tobias die Blindheit seines Vaters mit der Fischgalle heilt. Nachdem sich alles zum Guten gewendet hat, gibt sich Asarja bei der Verabschiedung als Engel namens Rafael zu erkennen, woraufhin Tobit ein Lobpreis Gottes spricht.

Rafael bedeutet „›Gott heilt‹“15, was ganz im Zusammenhang mit der Tobiterzählung zu verstehen ist, denn Tobit wird von seiner Blindheit und Sara von ihrem Dämon geheilt. Der Reisebegleiter des Tobias stellt sich am Ende der Geschichte selbst als „einer von den sieben heiligen Engeln, die emportragen die Gebete der Heiligen und Zutritt haben zur Herrlichkeit des Heiligen“ (Tob 12,15) vor. Er gehört zu einer besonderen Gruppe von sieben Engeln, die sich auch in der Johannesoffenbarung des Neuen Testamentes (vgl. Offb 4,5; 8,6; 15,1.6-8; 21,9) wieder finden, woraus die Spekulationen über die Anzahl von sieben Erzengeln entstanden. Gänzlich der Tradition der Engel des Alten Testamentes verhaftet, offenbart sich das himmlische Wesen erst am Schluss den Menschen.

Auffällig am Tobitbuch ist, dass das Aussehen des Rafaels an keiner Stelle des Textes näher beschrieben ist. Es geht in dieser märchenhaften Erzählung in erster Linie um die Entfaltung der Beziehung Gottes zu den Menschen mit Hilfe der Engel. Vor allem das Erlebnis am Tigris (Tob 6,1ff) und die Abschiedsrede (Tob 12,6ff), bei welcher Rafael sich zu erkennen gibt, verdeutlichen die Hinwendung des Schöpfers zu seinen menschlichen Geschöpfen. Der Engel wurde, wenn auch zeitlich begrenzt, Tobias als schützender Reisebegleiter von Gott zugeteilt.

Die Vorstellung, dass jeder Mensch über seinen eigenen Schutzengel verfügt, findet sich in dieser Geschichte wieder. In gefahrvollen Situationen muss Rafael eingreifen und die Bedrohung von Tobias fernhalten. Durch den Angriff des Fisches kommt Tobias in eine lebensgefährliche Situation, wodurch das Eingreifen des Engels provoziert wird. Rafael scheint die Worte „packe den Fisch“ (Tob 6,3) genau im richtigen Moment auszusprechen, denn Tobias wird dadurch aus seiner verängstigten Starre befreit und lässt sich auf den Kampf mit dem Fisch ein.

Der Engel gibt Kraft, doch nicht in Form von physischer Stärke. Vielmehr handelt es sich dabei um die innere Kraft zu kämpfen, womit der transzendente Zusammenhang zwischen Gott, Rafael und Tobias ausgedrückt wird. Der Engel ist folglich die geistige Verbindung zwischen Mensch und Gott. Durch Gottes Engel wird der Mensch gestärkt, selbst wenn er, wie Tobias, nicht die wahre Natur der Himmelsgestalt erkennt. Die Abschiedsrede, in welcher Rafael seine wahre Gestalt offenbart, liefert weitere Informationen zu seiner Funktion als Engel. Aus seiner Aussage: „alle Tage bin ich euch erschienen, und ich habe weder gegessen noch getrunken, sondern ihr habt eine Vision gesehen“ (Tob 12,19), lässt sich sein Wesen als ein rein geistiges erkennen. Er existiert nicht in irdischer Form, sondern ist eine Vision der Menschen. Er ist dennoch erfahrbar als ein lebendiges Wesen, wodurch ein Mysterium seiner Gestalt erzeugt wird. Neben dem Dasein als Bote, der zwischen Gott und den Menschen vermittelt, ist der Engel des Tobitbuches Beschützer, Heiler, Offenbarer und Gesandter Gottes. Alles, was sich zwischen Mensch und Engel abspielt, steht dabei in unmittelbarer geistiger Verbindung zu Gott. Für Deselaers verdeutlicht die Gestalt des Rafael, „daß der Gott Israels in allen Phasen und Umständen des Menschenlebens da ist und den Menschen erwartet, um ihn dessen gewiß werden zu lassen, daß er selbst mit dem Menschen geht und ihn nicht verläßt. Diese Botschaft verkörpert der Engel.“16 Ob der Mensch es erkennen kann oder nicht, der in Gottes Auftrag handelnde Reisebegleiter ist immer präsent.

Für die Angelologie weitere interessante apokryphe Schriften sind beispielsweise die Werke der so genannten Henochliteratur sowie das Buch der Jubiläen.

II. Theologiegeschichtliche Grundlagen

1. Die Gestalt des Engels in der Theologiegeschichte von der Antike bis zur Gegenwart

Das frühe Christentum war seinerzeit immer wieder der Bedrohung durch andere Glaubensrichtungen ausgesetzt. Im Brief eines Paulusschülers an die Gemeinde in Kolossä, der vermutlich um das Jahr 80 n. Chr. geschrieben wurde, findet sich beispielsweise eine Konfliktsituation zwischen christlicher- und andersartiger Glaubenslehre, in welcher vor allem die falsche Engelverehrung thematisiert wird (vgl. Kol 2,18ff). Die Kirchenväter der folgenden Jahrhunderte sahen sich genauso mit dem Einfluss anderer Glaubensströmung wie der Gnosis, dem Manichäismus und dem Neuplatonismus konfrontiert.

[...]


1 http://www.ekiba.de/glaubeakt_6602.htm, Stand: 12.6.2007.

2 Rosenberg, Alfons: Engel und Dämonen. Gestaltwandel eines Urbildes, München 1992.

3 Krauss, Heinrich: Die Engel. Überlieferung, Gestalt, Deutung, München 2000.

4 Heidtmann, Dieter: Die Engel. Grenzgestalten Gottes. Über Notwendigkeit und Möglichkeit der christlichen Rede von den Engeln, Neukirchen-Vluyn 1999.

5 Vgl. http://www.ekd.de/ezw/, Stand: 15.6.2007.

6 Rosenberg, a. a. O. (s. Anm. 2), S. 79.

7 Seebaß, Horst: Engel, in: Theologische Realenzyklopädie. Bd. 9, Berlin 1982, S. 583-586, hier S. 583.

8 Rosenberg, a. a. O. (s. Anm. 2), S.92.

9 Ebd. S. 109.

10 Die Vorsilbe Erz meint hier nicht das Metal, sondern leitet sich vom griechischen Wort arché ab, das Ursprung oder Anfang bedeutet. Dies veranschaulicht die Stellung der Erzengel über anderen Engelwesen.

11 Aus diesem Grund wird Michael auch mit dem Engel in Verbindung gebracht, der dem Volk Israel von Gott, als besondere behütende und leitende Kraft, beim Auszug aus Ägypten voraus gesandt wird (vgl. Ex 14,19; 23,20-23; 32,34; 33,2).

12 Böcher, Otto: Licht und Feuer, in: Theologische Realenzyklopädie. Bd. 21, Berlin 1991, S. 83-118, hier S. 101.

13 Eine Ausführliche Schilderung der Gestalt des Satans, des Engelsturzes sowie Spekulationen um dessen Ursache finden sich bei Rosenberg, a. a. O. (s. Anm. 2), S.144-188.

14 Welker, Michael: Über Gottes Engel. Systematisch-theologische Überlegungen im Anschluss an Claus Westermann und Hartmut Gese, in: Jahrbuch für Biblische Theologie. Bd. 2, Neukirchen-Vluyn 1987, S. 194 - 209, hier S. 195.

15 Rosenberg, a. a. O. (s. Anm. 2), S.118.

16 Deselaers, Paul: Das Buch Tobit. Erläutert von Paul Deselaers, Düsseldorf 1990, S. 184.

Details

Seiten
77
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640402045
Dateigröße
5.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87679
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau – Institut für Evangelische und Katholische Theologie / Religionspädagogik
Note
Schlagworte
Sehnsucht Transzendenz

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Titel: Sehnsucht nach Transzendenz?