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Sozialer Wandel in Organisationen in der Wissensgesellschaft

Ein Vergleich aktueller Ansätze

Magisterarbeit 2007 91 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung
1.2 Erkenntnistheoretische Vorüberlegungen
1.3 Aufbau und Gliederung

2 Begriffserklärung
2.1 Sozialer Wandel
2.2 Organisation
2.2.1 Organisationsverständnis im Rahmen dieser Arbeit
2.2.2 Kontingenz als Ursprung von Wandel
2.3 Organisationaler Wandel
2.3.1 Gegenstand des organisationalen Wandels
2.3.2 Formen des organisationalen Wandels
2.3.3 Widerstände gegen Wandel
2.4 Lernen von Organisationen

3 Gesellschaftliche Bedeutung von Wissen
3.1 Wissensgesellschaft
3.1.1 Frühere Ansätze
3.1.2 Weiterentwicklung des Begriffs der Wissensgesellschaft seit den 1990er Jahren
3.1.3 Wissensgesellschaft und Globalisierung
3.1.4 Kritik des Konzepts der Wissensgesellschaft
3.2 Wissen
3.2.1 Begriffliche Abgrenzung
3.2.2 Wissen und Normen
3.2.3 Wissen und Information
3.2.4 Wissen und Institutionalisierung
3.2.5 Wissen als Produktionsfaktor
3.2.6 Wissen und Organisation
3.3 Organisation in der Wissensgesellschaft

4 ÜberblickübertheoretischeAnsätzeausderOrganisationswissenschaftzumWan- delverständnis
4.1 Wissenschaftstheoretische Grundüberlegung zur Gegenüberstellung verschie- dener Ansätze
4.2 Systemtheorie in der Tradition von Niklas Luhmann
4.2.1 Komplexitätsreduktion als Aufgabe der Organisation
4.2.2 Entscheidung, Kommunikation und Handlung in Organisationen
4.2.3 Struktur der Organisation
4.2.4 Organisationaler Wandel
4.2.5 Kritische Ergänzungen
4.2.6 Systemtheorie in der Managementlehre
4.2.7 Zusammenfassung unter dem Blickwinkel dieser Arbeit
4.3 Theorie der Strukturierung von Anthony Giddens
4.3.1 Handlungsanalyse
4.3.2 Strukturanalyse
4.3.3 Sozialer Wandel und Theorie der Strukturierung
4.3.4 Kritische Ergänzungen
4.3.5 Zusammenfassung unter dem Blickwinkel dieser Arbeit
4.4 Neoinstitutionalistische Ansätze
4.4.1 Neoinstitutionalistisches Organisationsverständnis
4.4.2 Makroinstitutionalistischer Ansatz
4.4.3 Mikroinstitutionalistischer Ansatz
4.4.4 Institutioneller Wandel
4.4.5 Kritische Ergänzungen
4.4.6 Zusammenfassung unter dem Blickwinkel dieser Arbeit
4.5 Evolutionstheoretische Ansätze
4.5.1 Biologischer Ursprung der Theorie
4.5.2 Grundkonzeption des Population Ecology-Ansatzes von Hannan und Free man
4.5.3 Konzept von McKelvey und Aldrich
4.5.4 Organizational Change
4.5.5 Zusammenfassung unter dem Blickwinkel dieser Arbeit
4.6 Auswertender Vergleich der theoretischen Grundlagen

5 Lernen von Organisationen
5.1 Theoretische Ausgangsüberlegungen
5.2 Konzept der lernenden Organisation
5.2.1 Lernende Organisation
5.2.2 Organisationales Lernen
5.2.3 Organisationale Intelligenz
5.2.4 Wissensmanagement
5.3 Kritik und Ergänzung des Konzepts der lernenden Organisation

6 Empirische Studien
6.1 Hintergrund für die Auswahl der Untersuchungen
6.2 Systemische Perspektive auf organisationale Veränderungen
6.2.1 Beschreibung der empirischen Untersuchung
Wandelinitiativen bei Siemens Building Technologies AG (SBT)
Wandelinitiativen bei Migros Aare
Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Unternehmen
6.2.2 Analyse der Wirkung strategischer Wandelinitiativen auf die Identität der Organisation
Struktureller interner Kontext
Wandelprozess und Handlungen
6.2.3 ÜberprüfungdesZusammenhangsvonTheorieundPraxis
6.2.4 Auswertung
6.3 Ressourcensteigerung im strategischen Netzwerk
6.3.1 Beschreibung der empirischen Untersuchung
Wissensgenerierung und -speicherung im Netzwerk
Zusätzliche Vernetzung durch Arbeitskreise
6.3.2 ÜberprüfungdesZusammenhangsvonTheorieundPraxis
6.3.3 Auswertung
6.4 Inkrementale Änderung einer Organisation
6.4.1 Beschreibung der empirischen Untersuchung
6.4.2 Analyse der Ergebnisse
6.4.3 ÜberprüfungdesZusammenhangsvonTheorieundPraxis
6.4.4 Auswertung
6.5 Veränderungsdynamik in Organisationen (Ulrike Froschauer)
6.5.1 Beschreibung der empirischen Untersuchung
6.5.2 Ergebnisse der Untersuchung
6.5.3 ÜberprüfungdesZusammenhangsvonTheorieundPraxis
6.5.4 Auswertung
6.6 Auswertender Vergleich der empirischen Untersuchungen

7 Resümee und Ausblick

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Die Vorgänge von sozialem Wandel in Organisationen stehen im Mittelpunkt dieser Arbeit. Darüber hinaus werden diese im besonderen Licht der Bedingungen der Wissensgesellschaft betrachtet und die M öglichkeit des Lernens von Organisationen als Umgang mit den Veränderungen in den Blick genommen. Auch werden die Erkenntnisse anhand konkreter empirischer Untersuchungenüberprüft.

Vorwort

Diese Magistraarbeit wurde im Rahmen der Magisterabschlussprüfung im Hauptfach Soziologie an der Fernuniversität Hagen erstellt. Die umfangreiche Literaturrecherche fand zum großen Teil in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig statt.

Bei meiner Themenstellerin M. A. Margareta Nasched m öchte ich mich für deren Anregungen und Hinweise herzlich bedanken, die mich bei dieser Arbeit unterstützten.

Ein besonderer Dank gebührt auch meiner Familie für die häufige Ermutigung und Rücksicht- nahme.

Abbildungsverzeichnis

4.1 Pragmatische Information

4.2 Grundstruktur der Theorie der Strukturierung

4.3 Handlungsbegriff der Theorie der Strukturierung

4.4 Rekursive Konstitution von organisationaler Wirklichkeit

4.5 Herausbildung und Ausdifferenzierung formaler Organisationsstrukturen

6.1 Rekursivität strategischer Wandelprojekte und organisationaler Identität

Kapitel 1 Einleitung

Hinsichtlich der nicht mehr zuübersehenden zunehmenden Verdichtung globaler Kontexte für lokales Handeln einerseits und der zunehmenden Wissensbasierung von Produkten und Dienstleistungen andererseits steht zu vermuten, dass diese Entwicklungen nicht spurlos an den in diesem gesellschaftlichen Rahmen operierenden Organisationen vorbeigeht.

Es ist also durchaus von einigem Interesse, einige Auswirkungen dieser Entwicklungen im organisationalen Kontext näher zu beleuchten, um dann auch konkrete Konsequenzen in den Blick nehmen zu k önnen.

Dieser Aufgabe widmet sich die vorliegende Arbeit ohne zu behaupten, dieses so spannende wie weitreichende Thema abschließend beleuchten zu k önnen. Die Bereicherung wird vielmehr in der Zusammen- und Gegenüberstellung von bestehenden Ansätzen und der Darstellung einiger sich daraus ergebender Schlussfolgerungen gesehen.

1.1 Zielsetzung

Im Rahmen dieser Arbeit sollen Anhaltspunkte des Vorliegens von sozialen Wandelvorgängen speziell in Organisationen gesucht werden. Darüber hinaus soll die M öglichkeit der Herstellung einer Verbindung dieser Ergebnisse zu organisationalen Zuständen unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft untersucht werden.

Die zu untersuchenden Fragestellungen lauten mithin:

1. Kann organisationaler Wandel theoretisch und praktisch beschrieben werden?

2. K önnen Organisationen unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft lernen?

Zur systematischen Grundlegung der Arbeit soll im Folgenden zunächst eine erkenntnistheoretische Rahmenbetrachtung vorangestellt werden.

1.2 Erkenntnistheoretische Vorüberlegungen

In Rahmen dieser Arbeit wird ein abbildtheoretisches Paradigma, in welchem davon ausge- gangen wird, dass die Wirklichkeit durch bestimmte Gesetzmäßigkeiten gekennzeichnet ist und unabhängig vom beobachtenden Menschen als gegebene Entität untersucht werden kann (Rüegg-Stürm 2003, S. 24), abgelehnt. In diesen abbildtheoretischen Ansätzen ist Ziel durch sorgfältige Beobachtung eine abbildartige Vorstellung von der bestimmten Wirklichkeit im Sin- ne eindeutigen Wissens zu erhalten. Danach wird unter wissenschaftlichem Arbeiten die auf objektive Weise m öglichst genaue Beschreibung der Wirklichkeit und die Erklärung in Form universal gültiger Gesetze verstanden (Rüegg-Stürm, S. 24f.).

Hier wird im Gegensatz dazu im Rahmen eines konstruktivistischen oder interpretativen Pa- radigmas operiert. Danach wird davon ausgegangen, dass es keine objektive Wirklichkeit gibt, sondern immer ein konstruktiver Prozess der Wissensgenese vorliegt. Andererseits besteht kein Wissen, das nicht mit der Inszenierung von Wirklichkeit verknüpft ist (Rüegg-Stürm 2003, S. 29). Wie Berger und Luckmann (1980) ausführen, ist Wirklichkeit sozial ausgehandelt und gleichzeitig werden zur Gewohnheit gewordene Handlungen typisiert, institutionalisiert und legitimiert, sodass diesen ein objekthafter Charakter zukommt.

Vor dem Hintergrund sozialpsychologischer Betrachtungsweisen ist in für eine Untersuchung der Wirklichkeit auch die Bedeutung der Sprache nicht zu verachten. In Abgrenzung zu einem abbildtheoretischen Sprachverständnis, wobei Sprache als System von aus Symbolen zusammengesetzten Mustern, die direkt für die objektive Wirklichkeit stehen, begriffen wird (Winograd und Flores 1989, S. 40f.), ist auch Sprache hier in konstruktivistischer Weise gefasst. In einem konstruktivistischen Verständnis wird ein Ereignis erst dann sozial relevant, wenn es als sprachliche Beschreibung in einem Diskurs thematisiert wird. Insofern gibt es keine sozialen Ereignisse, die nicht beobachtet und beschrieben werden k önnen (Luhmann 1986, S. 63). Wirklichkeit wird also erst auf Grund der Erfahrung in einen Sinnhorizont eingeordnet, wodurch sich Wissen von dieser Wirklichkeit bildet (Vaassen 1994, S. 43).

Die Schaffung von Bedeutung und Wissen ist dabei konstruktionstheoretisch immer kontext- abhängig (Rüegg-Stürm 2003, S. 39f.). Insbesondere der Gebrauch der Sprache wird als akti- ver und kontingenter Prozess der Wirklichkeitskonstruktion angesehen (Winograd und Flo- res 1989, S. 68) und dieser ist somit Grundvoraussetzung für die Gewinnung neuen Wissens (Rüegg-Stürm 2003, S. 43). Damit wird wechselseitig zwischen Bewusstseins- und Kommuni- kationsprozessen vermittelt und dabei eine strukturierende Wirkung für das gesamte Denken und die Kommunikation hinsichtlich der inhaltlichen Kategorien erzielt (Rüegg-Stürm 2003, S. 45, 46).

Aus diesen Überlegungen heraus ist festzustellen, dass auf Grund des problematischen Ver- ständnisses von Sprache auch Wissenschaft nicht objektiv die Wirklichkeit erfasst werden kann. Es wird somit in konstruktivistischem Sinne von der Unm öglichkeit einer absoluten Objek- tivität ausgegangen. Insofern wird der Wert wissenschaftlicher Erkenntnisbemühungen wie folgt aufgefasst:

“Die Produktion des Ungewissen, des Dissens, neuer Fragen als Stimulans der Dis- kussion und damit der Er öffnung neuer Sichtweisen, Handlungsm öglichkeiten, Ver- haltensweisen, Welten wird zum entscheidenden wissenschaftlichen Anliegen.” (Vaas- sen 1994, S. 315)

Sozialwissenschaftliche Forschung wird vor diesem Hintergrund als praxisbezogene Reflexion angesehen, welche von hermeneutisch orientierten Kriterien wie Angemessenheit, Nachvollziehbarkeit, Neuigkeitsgrad, Plausibilität und Verständlichkeit aber nicht von rigiden Objektivitätsansprüchen geleitet ist (Rüegg-Stürm 2003, S. 64).

Auch im Rahmen dieser Arbeit soll in diesem Sinne operiert werden, indem unter einem bestimmten kontexturalen Blickwinkel verschiedene bestehende Beschreibungs- und Analyseansätze dargestellt und nach Beleuchtung konkreter ausgewählter Praxisanalysen in Beziehung zueinander gesetzt werden sollen.

Im Folgenden wird zunächst der inhaltliche Aufbau der Arbeitüberblickartig umrissen.

1.3 Aufbau und Gliederung

Zunächst ist im Kapitel 2 eine Annäherung der hier zu analysierenden Zusammenhänge auf begrifflicher Ebene vorzunehmen. Dazu wird vor dem Hintergrund des Verständnisses von sozialem Wandel einerseits und Organisation andererseits auf die Definition von organisationalem Wandel und organisationalem Lernenübergegangen. Damit soll ein Ausgangspunkt für die weitere Analyse gesetzt werden.

In Kapitel 3 erfolgt die Darstellung der Ansätze zur Wissensgesellschaft, was auch die Betrachtung des diese Auffassung prägenden Wissensverständnisses und der Umstände von Organisationen in der Wissensgesellschaft einschließt.

Im Kapitel 4 sollen organisationstheoretische Ansätze zu organisationalen Wandelanalysen vorgestellt werden. Ziel dieser Ausführungen ist die Schaffung einer theoretischen Basis zum Wandelverständnis in Organisationen, vor deren Hintergrund ein Verhältnis zu den Bedingungen der Wissensgesellschaft untersucht werden kann.

In Kapitel 5 wird die Organisation als lernende Organisation in der Wissensgesellschaft thema- tisiert.

Vor dem Hintergrund der Beschreibung von ausgewählten speziellen empirischen Kontexten soll in Kapitel 6 eine schlaglichtartige Betrachtung der Praxis unter Anwendung der dargestellten Theorieansätze anschließen. Des Weiteren werden in diesem Kapitel die beschriebenen Organisationen auf erfolgte Lernprozesse untersucht.

In Kapitel 7 werden Resümee und Ausblick formuliert.

Kapitel 2 Begriffserklärung

2.1 Sozialer Wandel

Die Tatsache, dass sich die Strukturen der gegenwärtigen Gesellschaft stetig und in beschleu- nigtem Tempo verändern, ist nicht nur in der Soziologie sondern in verschiedensten Wissen- schaftsbereichen zum Gegenstand vielschichtiger Diskussionen avanciert. Das umfangreiche Literaturmaterial, dessen Vielgestaltigkeit kaum noch zuüberblicken und zu systematisieren ist, liefert verschiedenste Prognosen und Aussichten zu Richtung und Art der weiteren Ent- wicklung der Gesellschaft.

Zu klären ist nun eine Definitionsweise des Begriffs sozialer Wandel. Eingeführt wurde der Begriff des sozialen Wandels in die theoretische Diskussion von Ogburn (1922). Damit sollten Begriffe wie Fortschritt, Entwicklung oder Evolution abgel öst werden, da diese nicht immer neutral bewertet wurden. Der Begriff wird seitdem allgemein verwendet, wenn sich relevan- te Elemente eines Sozialsystems auf allen Ebenen des Gesellschaftlichen signifikant verändern (Jäger und Meyer 2000, S. 8).

Die gegenwärtige Brandbreite der wissenschaftlichen Thematisierung des sozialen Wandels ist sehr groß und umfasst ein sehr breites Spektrum (Jäger und Meyer 2000, S. 8). Dabei wird die Thematik nicht nur in der Disziplin der Soziologie, sondern auch in der Politikwissenschaft, der Wirtschaftswissenschaft und der Kulturanthropologie bearbeitet. In der vorliegenden Arbeit soll die soziologischen Perspektive im Zentrum der Betrachtung stehen.

Auch die Begriffsbestimmung gestaltet sich wegen der pluralen Betrachtungsm öglichkeiten schwierig.

Begrifflich eng mit Wandel verbunden ist der Gegensatz der Stabilität bzw. sozialen Struktur als relativ stabile Muster des sozialen Handelns (Jäger und Meyer 2000, S. 8). Bei der Bestimmung von sozialem Wandel ist daher eine Konzentration auf jene Aspekte angezeigt, die sich in einer spezifischen theoretischen Perspektive als Struktur oder deren Bestandteil darstellt (Jäger und Meyer 2000, S. 8).

Der umfassende Definitionsversuch von Grau soll hier als Ansatz dienen:

“Sozialer Wandel bedeutet das Insgesamt von Veränderungen einer Gesellschaft in Hinblick auf: ihre Struktur, ihre Umwelt, das Gefüge von Positionen, Rollen und Status, das Interaktionsnetz der Mitglieder, die Rangskala der herrschenden Werte, etc. Den Veränderungen einzelner Phänomene und Teilbereiche steht der Wandel eines sozialen Systems als Ganzes gegenüber.” (Grau 1973, S. 48).

Der so definierte Begriff umfasst sowohl den Wandel struktureller Elemente des Systems als auch die Veränderung kultureller Werte und Normen (Jäger und Meyer 2000, S. 9). Dieses The- ma kann aus verschiedenen Perspektiven sowohl hinsichtlich der spezifischen theoretischen Grundlage als auch nach der Form des sozialen Wandels betrachtet werden. So liefert eine Un- tersuchung beispielweise aus strukturfunktionalistischer Betrachtungsweise zur Veränderung von Wertsystemen andere Schwerpunkte als aus konflikttheoretischer Sicht zur Veränderung von Herrschaftssystemen (Jäger und Meyer 2000, S. 8f.). Auch kann nach Bedeutung, Umfang, Art des Auftretens, M öglichkeit der Steuerung, den Ursachen, Folgen, der Zeitperspektive und Ebenen von sozialem Wandel gefragt werden.

Im Rahmen dieser Arbeit wird der Fokus zur Betrachtung von sozialen Wandelprozessen einerseits auf die Ebene von Organisationen und des Weiteren auf die konkreten unter dem Begriff der Wissensgesellschaft zusammengefassten gesellschaftlichen Veränderungen gelegt.

Problematisch hinsichtlich Erkennbarkeit und empirischer Feststellung erweist sich die Tatsache, dass Wandelprozesse auf verhältnismäßig stabile Zustände in der Vergangenheit bezogen werden müssen, um sie als solche identifizieren zu k önnen. Außerdem müssen Abstriche hinsichtlich der Ablesbarkeit von Prozessen an der Realität wegen der schwierigen experimentellen Durchführbarkeit aufgrund der Einmaligkeit von Ereignissen hingenommen werden. Somit sind hier oft rein theoretische Analysen n ötig, welche eines hohen Abstraktionsniveaus bedürfen (Jäger und Meyer 2000, S. 10f.).

Im Folgenden soll zunächst die Begriffsklärung hinsichtlich des konkreten Untersuchungsgegenstandes der Organisation fortgeführt werden.

2.2 Organisation

2.2.1 Organisationsverständnis im Rahmen dieser Arbeit

Auch der Begriff der Organisation ist ganz wesentlich durch die zugrunde liegende theoretische Perspektive geprägt.

Aus Sicht einer kritischen Theorie wird dabei der Schwerpunkt auf die Verhältnisse der Unterordnung unter die Zweckrationalität gelegt, was in einer Tradition mit den Auffassungen von Marx und Weber steht. Türk definiert dies folgendermaßen:

“Die Organisationssoziologie beschreibt die kapitalistische Gesellschaftsformation nicht primär mit den Kategorien von Geld und Markt, sondern mit der Kategorie der Organisation. Diese benennt eine besondere Form der Subsumtion und Struktu- rierung, die historisch aufs engste mit dem Konstrukt von “Rationalität” verknüpft ist, d. h. mit der Institutionalisierung eines bestimmten Typs des Zugriffs auf in- dividuelle, gesellschaftliche und die äußere Natur. Organisationen sind die zentra- len institutionellen Komplexe der Regulation moderner gesellschaftlicher Natur- verhältnisse.” (Türk 1995: 10f.).

Die Organisation wird also als bewusst geschaffener Zweckverband angesehen, innerhalb dessen menschliche Beziehungenüber einen gemeinsamen Zweck vermittelt sind. Die Existenz der Organisation kann dabei, nicht zuletzt auch durch den Einsatz moderner Technik, aber auch zum Selbstzweck werden, der die ursprünglichen Ziele der Organisation aus dem Blick verliert (vgl. Adorno 1953/1972: 433).

Andere Ansätze soziologischer Organisationstheorien stellen Organisation als zentralen Mechanismus der gesellschaftlichen Integration in funktional differenzierten Gesellschaften dar. Die für die moderne Gesellschaft spezifischen Funktionssysteme bilden den Rahmen für die Bildung von Organisationen. Die Organisationen befinden sich somit auf der Mesoebene zwischen Individuum und Gesellschaft (vgl. Luhmann 1984, 1997).

Die wichtigste Aufgabe der Organisation wird darin gesehen, gesellschaftliche Komplexität durch den Aufbau einer entsprechenden innerorganisationalen Komplexität zu reduzieren. Weiter heißt es dazu bei Luhmann:

“Da Mitgliedschaften durch Entscheidungen begründet werden und das weitere Verhalten der Mitglieder in Entscheidungssituationen von der Mitgliedschaft abhängt, kann man Organisationen auch als autopoietische Systeme auf der operativen Ba- sis der Kommunikation von Entscheidungen charakterisieren. Sie produzieren Ent- scheidungen aus Entscheidungen und sind in diesem Sinne operativ geschlossene Systeme. (...) Die Produktion von Entscheidungen aus Entscheidungen leistet eine Unsicherheitsabsorption, aber sie reproduziert im Blick auf weitere Entscheidungs- notwendigkeiten immer auch die Hintergrundsicherheit, von der das System lebt.” (Luhmann 1997: 830).

Der Begriff Organisation enthält des Weiteren eine fundamentale Zweideutigkeit. Dazu führen Ortmann et al. (1997, S. 315) aus:

“Gemeint sein kann der Prozess des Organisierens oder aber dessen Resultat, die “Organisiertheit” sozialen Handelns und sodann ein System organisationalen Han- delns. Diese Zweideutigkeit durch Sprachregelungen zu beseitigen, wäre nicht nur ein vergebliches Unterfangen, weil sie viel zu tief in die Sprache eingelassen ist - es wäre auch unklug. Man ist besser beraten , der Sprache den Kredit einer Weisheits- vermutung’ einzuräumen und zu fragen, warum sie diese Doppeldeutigkeit - nicht nur im Deutschen - so hartnäckig bewahrt. Dann kommt man schnell jener Rekursi- vität menschlichen Handelns auf die Spur, die darin liegt, dass wir handelnd genau diejenigen Strukturen als Resultat hervorbringen, die sodann unser weiteres Han- deln erm öglichen und restringieren.” (Ortmann; Sydow; Windeler 1997a, S. 135).

Man kann als Zusammenschau der Ausführungen Organisationen also sowohl als Strukturmo- mente als auch als Strukturierungsprozesse verstehen, die in ihrem Zusammenwirken zu ei- ner kompatiblen und kohärenten Weiterentwicklung von Wirklichkeitsordnung und Wirklich- keitskonstruktion einer arbeitsteiligen zweckorientierten sozialen Institution beitragen (Rüegg- Stürm 2003, S. 7). Dieser weiten Auffassung soll auch im Rahmen dieser Arbeit gefolgt werden.

Eine Konkretisierung des Organisationsverständnisses wird darüber hinaus im Zusammenhang der Darstellung der jeweiligen theoretischen Ansätze vorgenommen.

2.2.2 Kontingenz als Ursprung von Wandel

Das Problem der doppelten Kontingenz in der modernen differenzierten Gesellschaft soll durch Bildung von Organisationen gel öst werden. Das bedeutet, dass diese ihre Mitglieder insbeson- dereüber die Sanktionsm öglichkeit des Ausschlusses aus der Organisation binden. Luhmann schreibt dazu:

“Die Organisation ist, wie die Gesellschaft selbst und wie Interaktion auch, eine bestimmte Form des Umgangs mit doppelter Kontingenz. Jeder kann immer auch anders handeln und mag den Wünschen und Erwartungen entsprechen oder auch nicht - aber nicht als Mitglied einer Organisation. (...) Die L ösung des Problems der doppelten Kontingenz liegt darin, dass die Mitgliedschaft konditioniert werden kann, und dies nicht nur mit Bezug auf den Einzelnen, sondern als Bedingung der Aufrechterhaltung des Status.” (Luhmann 1997: 829).

Aber genau hier liegt auch der Ursprung von Wandel der Organisation, entsprechend Luh- mann:

“Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unm öglich ist; was also so, wie es ist (...). sein kann, aber auch anders m öglich ist. Der Begriff bezeichnet mit- hin Gegebenes (Erfahrenes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf m ögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont m öglicher Abwand- lungen. er setzt die gegebene Welt voraus, bezeichnet also nicht das M öglicheüber- haupt, sondern das, was von der Realität aus gesehen anders m öglich ist.” (Luh- mann 1984, S. 152).

Wenn also konkrete Erfahrungen und Beobachtungen zeigen, dass auch alternative M öglichkeiten gegeben sind, somit die Kontingenz bewusst wird, entsteht ein Antrieb für Wandel (Rüegg-Stürm 2003, S. 11).

2.3 Organisationaler Wandel

Unter organisationalem Wandel wird, als Konkretisierung von sozialem Wandel auf der orga- nisationalen Ebene, definitionsgemäß die Entwicklung und Schaffung einer neuen Ordnung von Organisationen oder von diese Ordnung konstituierenden Elementen verstanden (Weibler 2002, S. 13).

Um dieses Verständnis zu vertiefen und auszuleuchten werden im Folgenden Gegenstand und Form des organisationalen Wandels sowie Widerstände dagegen näher betrachtet werden.

2.3.1 Gegenstand des organisationalen Wandels

Für ein umfassendes Verständnis des organisationalen Wandels ist es unabdingbar, zu klären, worauf er sich beziehen kann. Im Anschluss an Weibler (2002, S. 18) k önnen grundsätzlich bestimmte gegenständliche oder auch ebenenspezifische Bezüge ausgemacht werden.

Gegenständlich kann der Umfang des organisationalen Wandels, also die Reichweite innerhalb der Organisation und dessen jeweilige Strukturiertheit untersucht werden. Auch k önnen formale bzw. funktionale oder informelle Sphären (wie z. B. soziale Beziehungen) als Gegenstand des Wandels unterschieden werden. Dabei kann die gesamte Organisation oder auch nur Teilbereiche dieser bzw. deren Elemente betroffen sein.

Innerhalb der Organisation sind danach als Gegenstand des Wandels die Organisationszie- le, die Organisationsstruktur, organisationsspezifische Eigenlogiken oder implizite, kollekti- ve Denk- und Verhaltensmuster ebenso zu erwähnen wie organisationale Entscheidungs- und Kommunikationsprozesse bzw. die Verfügbarkeit von Ressourcen (wie Technologien, Kompe- tenzen, Fähigkeiten), wie Weibler systematisieren ausführt (2002, S. 18). Organisationsübergrei- fend stellen interorganisationale Beziehungsmuster, Netzwerkstrukturen, gemeinsame Stan- dards, Spielregeln und Steuerungssysteme Wandelgegenstände dar (Weibler 2002, S. 18).

Hinsichtlich der Ebenen des organisationalen Wandels kann einerseits zwischen der individuellen Ebene der pers önlichkeitsbezogenen Werte und Einstellungen und personengebundenen Wahrnehmungen, Fähigkeiten und Handlungs- bzw. Verhaltensweisen und andererseits der kollektiven Ebene der gemeinschaftlichen Kontexte oder Gruppenzusammenhänge unterschieden werden (Weibler 2002, S. 18).

Eng mit dem umrissenen Gegenstand der Wandelvorgänge ist die Er örterung m öglicher Formen des Wandels verbunden, was im Folgenden geschehen soll.

2.3.2 Formen des organisationalen Wandels

Im Folgenden sollen M öglichkeiten der Art und Weise der Durchführung von organisationa- lem Wandel aufgezeigt werden. Dabei wird nach dem Grad der bewussten Steuerung hin- sichtlich ungeplantem und geplantem Wandel unterschieden. Aber auch hinsichtlich des nach erfolgtem Wandel eingetretenen Veränderungsniveaus zu unterscheiden ist sinnvoll (Weibler 2002, S. 19).

Organisationen sind als dynamische Gebilde dauernd in Prozesse des Wandels einbezogen, wobei viele dieser Prozesse nicht direkt intendiert, also zufällig auftreten und auch unbemerkt bleiben k önnen oder auch durch spontan veränderte Verhaltensweisen, aber dennoch ungeplant herbeigeführt werden k önnen (Weibler 2002, S. 19). Demgegenüber kann aber auch durch absichtliche, gesteuerte und kontrollierte Anstrengung eine geplante zielgerichtete Gestaltung der Organisation Hintergrund erfolgter Wandlungsprozesse sein.

Bezüglich des durch den Wandel erreichten Veränderungsniveaus kann man zwischen schrittweiser, inkrementeller Modifikation der Organisation und radikaler, umfassender Veränderung von Organisationsstrukturen auf Grund eines großen Veränderungsdrucks unterscheiden (Weibler 2002, S. 21f.). Darüber hinaus wird im Rahmen eines punktualistisches Wandelverständnises (Tushman und Romanelli 1985) angenommen, dass Organisationenüber lange Phasen relativ stabil sind und Veränderungen nur in kleinen inkrementellen Schritten erfolgen. Dagegen erfolgen fundamentale Veränderungen nur in seltenen und kurzen Perioden (Deeg und Weibler 2000, S. 165f.). Insofern wird zwischen einem kontinuierlichen und einem episodischen Wandel unterschieden (Weick und Quinn 1999, S. 366).

2.3.3 Widerstände gegen Wandel

Viele Wandlungsprozesse scheitern oder stellen sich als schwieriger oder langwieriger als gedacht dar, da sie auf spezifische Gegenreaktionen treffen. Wandel ist somit zwar planbar aber nicht umfassend steuerbar, da auf Grund des drohenden Verlusts der Stabilität auch die Ungewissheit zunimmt und damit Widerstände als normale Begleiterscheinung von Wandelprozessen ausgel öst werden (Weibler 2002, S. 24).

Die Gründe für die Widerstände sind vielgestaltig. Auf der individuellen Ebene k önnen unzu- reichendes Anpassungsverm ögen, fehlende Veränderungsmotivation, pers önliche Vorbehalte oder kognitive und emotionale Barrieren insbesondere auch hinsichtlich der Geschwindigkeit der Wandlungsprozesse auftreten (Kieser/Hegele/Klimmer 1998, S. 123, Weibler 2002, S. 25). Auf der Ebene der Beziehung zur Organisation wird Widerstand durch Diskrepanzen zwi- schen Werte- und Zielsystem der Organisation und der Akteure aber auch durch ungenügende Integration der betroffenen Akteure deutlich (Tichy 1983, S. 244f.). Systemwiderstände bezie- hen sich auf, die Organisation als Ganzes betreffende, Prozesse, wie Ausrichtung auf kurzfristi- ge Gegebenheiten statt auf längerfristige flexible Strategien, die zu Widerständen als personale und infrastrukturelle Trägheit führt (Bleicher 1991, S. 771). Dabei ist in der Form der Trägheit das Bedürfnis nach Stabilität und Kontinuität zu entdecken und manifestiert sich in festgefah- renen Denkstrukturen und tradierten Wertvorstellungen und Verhaltensnormen (Weibler 2002, S. 27). Auch organisationsextern k önnen Widerstände gegen die Wandelprozesse in Form von normativen Regelungen, gesellschaftlichen Wertvorstellungen oder Einflüssen von externen Ressourcengebern auftreten (Weibler 2002, S. 28f.).

Im Zusammenhang mit Wandel in Organisationen k önnen hinsichtlich der Reaktion darauf bestimmte Akteursgruppen unterschieden werden. Sogenannte Visionäre oder Missionare un- terstützen die Wandelvorgänge und versuchen gewinnend auf die anderen Akteure einzuwir- ken, während sogenannte Untergrundkämpfer und offene Gegner die Wandelvorgänge v öllig ablehnen und sich dagegen wenden. Sogenannte Opportunisten machen ihre Teilnahme zur Unterstützung der Wandelprozesse von pers önlichen Vor- und Nachteilen abhängig und so- genannte Emigranten beteiligen sich nicht am Wandel, sondern verlassen die Organisation (Weibler 2002, S. 30f.).

Auch in der Darstellung dieser Widerstandsphänomene gegen organisationalen Wandel kommt dessen Komplexität zum Ausdruck.

2.4 Lernen von Organisationen

Unter Lernen ist die Veränderung von Handlungsroutinen, deren Grundlagen und von Prozessen, in denen Individuen oder Organisationen Ziele und Routinen bestimmen,überprüfen und bewerten, zu verstehen (Jansen 2006, S. 101).

Es ist ein enger struktureller und konzeptioneller Zusammenhang zwischen Wandel und Lernen festzustellen. Lernen verweist dabei auf einen, auch den Wandel charakterisierenden, Bewegungs- und Veränderungsprozess. Umgekehrt sind Lernprozesse auf Grund der Vermittlung notwendiger Gestaltungs- und Anpassungspotenziale eine eminent wichtige Voraussetzung für die Durchführung und Bewältigung von sowohl geplanten als auch ungeplanten organisationalen Wandelprozessen (Weibler 2002, S. 59f.).

Ein grundsätzliches Dilemma ist nach Ansicht von Jansen (2006, S. 101) im Zielkonflikt zwi- schen Lernfähigkeit einer Organisation und ihrer Handlungsfähigkeit zu sehen, da Lernen immer auch Verz ögerung durch Überdenken von Entscheidungen, Zulassung von Zielkon- flikten, das Wahrnehmen von Unsicherheiten und Fehlern bedeutet. Folge k önnte der Verlust bestehender Routinen ohne Vorliegen neuer und besserer Routinen sein, was bis zum Verlust der Handlungsfähigkeit führen kann (Jansen 2006, S. 101). Ein weiteres Dilemma besteht nach ihrer Ansicht darin, dass bei guter Anpassung an aktuelle Situationen, Anforderungen und Umgebungen von einer geringen Anpassungs- und Lernfähigkeit bei pl ötzlichen unerwarteten Veränderungen auszugehen ist, wobei die etwaige Erhaltung der Lernfähigkeit der Organisati- on andererseits mit Kosten in Form von Ressourcenbindung verbunden ist (Jansen 2006, S. 102).

In Kapitel 5 wird auf das Lernen von Organisationen und insbesondere auf das darauf aufbauende Managementkonzept der lernenden Organisation näher eingegangen.

Organisationsentwicklung ist in Abgrenzung dazu ein sozialpsychologischer Ansatz zur ge- zielten Ausl ösung von Wandelprozessen auf der individuellen Ebene. Diese sicher auch sehr interessanten Ansätze sollen auf Grund ihrer psychologischen Ausrichtung und nicht zuletzt, um die Komplexität der Ausführungen zu begrenzen, im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter- verfolgt werden.

Kapitel 3 Gesellschaftliche Bedeutung von Wissen

Auszumachen ist, dass gegenwärtig eine Veränderung der Strukturen der Gesellschaft in wichtigen Bereichen unübersehbar ist. Von vielen Autoren wird der grundlegende Wandel der gegenwärtigen Gesellschaft als ein Übergang von der Industriegesellschaft in andere postindustrielle Gesellschaftsformen identifiziert. Dabei ist die Fülle der verschiedenen Ansätze kaumüberschaubar, da jeweils unterschiedliche Fokussierungen und Schwerpunktsetzungen zu einer breiten Vielfalt an Zugangsm öglichkeiten führen.

Kennzeichnend für die aktuellen Veränderungen sind die Verschiebung der Produktions- und Erwerbsstruktur hin zu Dienstleistungen, was zu der Bezeichnung als Dienstleistungsgesellschaft (Bender und Graßl 2004) führte, und auch die zunehmende Bedeutung von Information und Kommunikation, namensgebend für die Bezeichnung als Informationsgesellschaft (Sassen 1991, Castells 1996) oder eben Wissensgesellschaft (Stehr 1994).

Der in den 1970er-Jahren geprägte Begriff der postindustriellen Gesellschaft wird heute wei- terhin auch unter dem Gesichtspunkt der in den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen er öff- neten Chancen diskutiert (z. B. neue Berufsbilder, erweiterte Bildungsm öglichkeiten, wach- sende M öglichkeiten gesellschaftlicher Partizipation). Jedoch werden die Veränderungen auch in Korrelation zum Begriff der Risikogesellschaft gestellt und der Prozess der wachsenden Individualisierung reflektierend in den Blick genommen und als reflexive Modernisierung (Beck/Giddens/Lash 1996) bezeichnet (Meyers Lexikon online 2007). Auch eine zunehmen- de soziale Differenzierung in Systeme ist festzustellen, die vorwiegend in Organisationen ge- steuert wird, wodurch der Staat mehr und mehr seineübergeordnete Stellung verliert und globalisierte Strukturen an Bedeutung gewinnen. Diesbezüglich gewinnen einige Organisatio- nen Netzwerkcharakter, weshalb auch von Netzwerkgesellschaft gesprochen wird.

Es ist also festzustellen, dass es nicht eine einheitliche Begriffsdefinition zur Beschreibung der gegenwärtigen Gesellschaft gibt, sondern auch hier wieder entweder unterschiedliche Blick- winkel auf die Zustände eingenommen werden oder auch unterschiedliche Gegenstände im Mittelpunkt der jeweiligen Betrachtungen stehen. Auch hier ist deshalb wieder in konstruk- tivistischer Denkweise kontextabhängig nur ein bestimmter Betrachtungsausschnitt wählbar und untersuchungsfähig.

3.1 Wissensgesellschaft

Im Rahmen dieser Arbeit soll es deshalb konkret darum gehen, Ansätze darzustellen und zu vergleichen, welche die Einflüsse des Wandels der Gesellschaft insbesondere in Richtung ei- ner Wissensgesellschaft auf die Stabilität bzw. Veränderung von organisationalen Strukturen untersuchen. Im Folgenden soll zunächst die Klärung des Verständnisses von Wissensgesell- schaft und damit zusammenhängend von Wissen im Zentrum der Betrachtung stehen.

Auch hier sei zunächst wieder ein Lexikon für eine allgemeine Definition des Begriffes Wissensgesellschaft bemüht:

“Inhaltlich steht der Begriff W. für die Aussage, dass sich die Bedeutung des gesell- schaftlich erzeugten, vermittelten und abgerufenen Wissens in der zweiten Hälf- te des 20.Jh. in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften (namentlich denen Nordamerikas, Westeuropas und Japans) so stark verändert hat, dass Wissen heu- te als grundlegender Produktionsfaktor der Industriegesellschaft beim Übergang zu einer postindustriellen Gesellschaft und politisch-kulturell als entscheidende Triebkraft des gesellschaftl. Wandels beschrieben werden kann.” (Brockhaus En- zyklopädie 2006, Band 30, S. 213f.)

Es wird festgestellt, dass in ökonomischer Hinsicht die Bedeutung von Wissensprodukten ins- gesamt zunimmt, da gleichzeitig informations- und kommunikationstechnologisch immer um- fangreichere Wissensbeständeüber digitale Speicher- und Kommunikationsmedien vermittelt werden. Aus diesem Grund werden bildungspolitisch die Entwicklung der Kompetenz des Einzelnen zur Partizipation und kritischen und selbstbewussten Auseinandersetzung mit den gewandelten Bedingungen zur zentralen gesellschaftlichen Aufgabe erklärt. (Brockhaus Enzy- klopädie 2006, Band 30, S. 214).

3.1.1 Frühere Ansätze

Bereits die frühe Industriegesellschaft kann man als Wissensgesellschaft definieren, da bereits damals mit den verfügbaren Technologien, zum Beispiel im Hinblick auf arbeitsteilige Koope- rationsformen, doppelte Buchführung oder bürokratische Organisationsformen, eine systema- tische Veränderung kognitiver Schemata angestrebt wurde (Heidenreich 2003, S. 29f.).

Auch Karl Marx stellte bereits den wettbewerbsbedingten Zwang kapitalistischer Unterneh- men zur Innovation als die kapitalistische Gesellschaft charakterisierend fest, wobei in seiner Klassentheorie allerdings die ausgebeuteten, dequalifizierten Arbeitermassen der kapitalisti- schen Großindustrie im Mittelpunkt der Analyse standen (Marx/Engels 1848/1976, S. 34f.).

Im Gegensatz dazu hat Werner Sombart,über den Blickwinkel der veränderten Herrschafts- verhältnisse hinaus, die zunehmende Systematisierung, Rationalisierung und Verwissenschaft- lichung sozialer Wandlungsweisen und damit die Er öffnung einer kognitiven Perspektive fest- gestellt. Dies manifestiert sich seiner Ansicht nach insbesondere in der Planmäßigkeit der Wirt- schaftsführung, Rationalisierung und zunehmenden Rechenhaftigkeit betrieblicher Prozesse, insbesondere in der Einführung der doppelten Buchführung (Sombart 1916/1987, S. 320).

Auch Max Weber erkennt den “kontinuierlichen, rationalen, kapitalistischen Betrieb”, “die rational-kapitalistische Organisation von (formell) freier Arbeit” und die “rationale Buchführung” (Weber 1988, S. 4-8) als zentrale Merkmale der wissensbasierten Gegenwartsgesellschaft. Eine besondere Form des Umgangs mit Wissens, nämlich als Herrschaft, stellt für Weber die Bürokratie dar (Weber 1972, S. 128f).

Die Erklärung der Wissensbasierung moderner Gesellschaften wurde im Rahmen der klassischen Ansätze nicht geleistet (Heidenreich 2003, S. 34).

Erst in der Nachkriegszeit der 1960er und 1970er Jahre wurde erstmalig zur Beschreibung der gesellschaftlichen Veränderungen konkret der Begriff der Wissensgesellschaft verwendet. Wie Martin Heidenreich 2003 zusammenfassend feststellt (Heidereich 2003, S. 34f.), wurde insbe- sondere von Peter F. Drucker erstmals der Aufstieg einer neuen Schicht von Wissensarbei- tern und die Entwicklung zu einer postindustriellen Wissensgesellschaft diagnostiziert und projiziert, wobei die wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung durch Wissen als zentra- les Moment vor den Produktionsfaktoren Arbeit, Rohstoffen und Kapital gekennzeichnet ist (Drucker 1959 und 1969). Auch in der Studie von David Bell von 1973 (Bell 1985, 1973) wurde die postindustrielle Gesellschaft durch die zentrale Stellung theoretischen Wissens und durch die zunehmende Wissenschaftsabhängigkeit technologischen Wandels charakterisiert:

“Die nachindustrielle Gesellschaft ist in zweifacher Hinsicht eine Wissensgesell- schaft: einmal, weil Neuerungen mehr und mehr von Forschung und Entwicklung getragen werden (oder unmittelbarer gesagt, weil sich auf Grund der zentralen Stel- lung des theoretischen Wissens eine neue Beziehung zwischen Wissenschaft und Technologie herausgebildet hat); und zum anderen, weil die Gesellschaft (...) im- mer mehr Gewicht auf das Gebiet des Wissens legt” (Bell 1985, S. 219).

In diesem Sinne ist die damalige Expansion der Forschungs- und Entwicklungsausgaben und die damit verbundene Verwissenschaftlichung zahlreicher Industriezweige als kennzeichnend für die Entwicklung zur Wissensgesellschaft anzusehen (Lane 1966). Es wird die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung wissensbasierter Tätigkeiten und professionalisierter, akademisch qualifizierter Arbeitender konstatiert (Bell 1985, S 221), was auch eine Expansion des Dienstlei- stungssektors nach sich zieht. Die Wissensgesellschaft unterscheidet sich nach damaliger Auf- fassung somit von der bisherigen Industriegesellschaft, welche noch durch das Primat des Er- fahrungswissens, die Dominanz des industriellen Sektors, durch manuelle Tätigkeiten und die Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit gekennzeichnet war (Heidenreich 2003, S. 35f.).

3.1.2 Weiterentwicklung des Begriffs der Wissensgesellschaft seit den 1990er Jah- ren

In den 1990er Jahren erlebt der Begriff der Wissensgesellschaft in Politik und Wissenschaft eine Renaissance. Dabei erfährt dieser auch eine klare Abgrenzung zum Begriff der Informationsgesellschaft, da eine Beschreibung der Gegenwartsgesellschaft nicht ausschließlich auf die technologische Basis zu beschränken ist (Heidereich 2002a, S. 1). Als Quellen nennt Heidereich (2002a) insbesondere Reich (1992), Drucker (1994), Lundvall/Johnson (1994), Stehr (1994), OECD (1996), Krohn (1997), Knorr-Cetina (1998), Willke (1998b), Hubig (2000) und Weingart (2001) (nach Heidenreich 2003, S. 25).

Auch hier werden als zentral für die unter diesem Begriff der Wissensgesellschaft zusammen- gefassten gesellschaftlichen Strukturmerkmale die zunehmende Bedeutung der Verwendung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, der neuen Formen der Wissenspro- duktion, der schulischen Aus- und Weiterbildungsprozesse und der Wissens- und kommuni- kationsintensiven Dienstleistungen angesehen (OECD 2001a). Als entscheidend wird dabei die Bereitschaft herausgestellt, etablierte Regeln und Normen, vor allem in den gesellschaftlichen Teilsystemen Wissenschaft, Wirtschaft und Technik ständig in Frage zu stellen (Heidenreich 2003, S. 8).

Auch Willke führt dazu aus:

“Von einer Wissensgesellschaft (...) lässt sich sprechen, wenn zum einen die Struk- turen und Prozesse der materiellen und symbolischen Reproduktion einer Gesell- schaft so von wissensabhängigen Operationen durchdrungen sind, dass Informa- tionsverarbeitung, symbolische Analyse und Expertensysteme gegenüber anderen Faktoren der Reproduktion vorrangig werden. Eine entscheidende zusätzliche Vor- aussetzung der Wissensgesellschaft ist, daß Wissen und Expertise einem Prozeß der kontinuierlichen Revision unterworfen sind und damit Innovationen zum alltägli- chen Bestandteil der Wissensarbeit werden” (Willke 1998b, S. 355).

Es ist auch eine deutliche Unterscheidung des Begriffs der Wissensgesellschaft vom Begriff der Wissenschaftsgesellschaft festzustellen, da sich der Ort der Wissensproduktion in steigendem Maße weg vom bisherigen akademischen Wissenschaftssystem direkt in die Wirtschaftsorganisationen verlagert (Willke 1998b, Rammert 1999).

In diesem Zusammenhang wird auch festgestellt, dass mit der Zunahme von Wissen das gleich- zeitig damit einher gehende Erkennen von Nichtwissen untrennbar verbunden ist und damit immer auch Ungewissheit, Unsicherheit und somit auch Risiken, produziert werden (Stehr 2000, Krohn 1997). Krohn konstatiert, dass die Entdeckung neuer Unbestimmtheiten im Mittel gr ößer ist als die Konstruktion von abgesicherten, bestätigten Wissensbeständen (Flecksches Gesetz) und dass der Begriff Wissensgesellschaft eine Gesellschaft bezeichnet, die in ständig wachsendem Maßüber den Umfang und die Ebenen ihres Nichtwissens lernt. Der Versuch der Aufl ösung des Nichtwissens ist dabei immer verbunden mir der Erzeugung neuen Nicht- wissens (Krohn 1997, S. 69, 84). Diese Entwicklung ist nunmehr nicht mehr nur auf die Wis- senschaft beschränkt, sondern dringt in zunehmendem Maße in die gesamte Gesellschaft ein (Krohn 1997, S. 70), weshalb auch die gesamte Gesellschaft die Konsequenzen von Irrtümern oder fehlgeschlagenen Versuchen tragen muss.

3.1.3 Wissensgesellschaft und Globalisierung

Im Gegensatz zu den früheren Ansätzen der 1960er und 1970er Jahre, die noch auf der Grundla- ge einer weitgehend nationalstaatlich regulierten Gesellschaft operierten (Therborn 2000), wird in der aktuellen Diskussion eine Ausweitung der Reichweite der Wissensgesellschaft auf glo- bale Dimensionen als charakteristisches Merkmal deutlich herausgestellt (Heidenreich 2003, S. 40).

Durch die Internationalisierung der Güter- und Kapitalmärkte und die damit verbundene welt- weite Interaktion wird zunehmend “lernende Anpassung”, wie es Niklas Luhmann formuliert, also Wissensbasierung zum “strukturellen Primat” (Luhmann 1975, S. 63). Insgesamt nimmt die Rationalisierung und Innovationszentriertheit der gesamten Welt auf der einen Seite zu, während andererseits aber auch die Entstehung neuer regionaler bzw. nationaler Regulations- strukturen zu verzeichnen ist (Heidenreich 2003, S. 40). Damit ist die Wissensgesellschaft somit durch eine zunehmende Dynamik der Spannung von Entbettung und Wiedereinbettung und vonÖffnung und Schließung gekennzeichnet (Münch 2001), was mit der Spannung zwischen Erosion, Wandel und Neuschaffung institutioneller Rahmenbedingungen einher geht.

Auch Martin Heidenreich stellt fest, dass die Wissensgesellschaft durch beschleunigte Oszillation zwischen Deregulierung und Neuregulierung gekennzeichnet ist, da auch nationalstaatliche Normen durch nichtstaatliche, beispielsweise regionale, europäische oder globale Normen ersetzt und ergänzt werden. Die damit verbundene Pluralisierung von Regulationsebenen stellen ebenso neue Anforderungen an die Leistungsfähigkeit von Institutionen und an die Lernfähigkeit von Wirtschaftsorganisationen (Heidenreich 2003, S. 44).

3.1.4 Kritik des Konzepts der Wissensgesellschaft

Wie eingangs festgestellt ist die Beschreibung der Gesellschaft als Wissensgesellschaft nicht die einzige in der Diskussion befindliche M öglichkeit, sondern es existieren verschiedene Betrachtungs- und Analyseweisen der selben zu beobachtenden Phänomene. Im Folgenden sollen ergänzend dennoch zwei kritische Anmerkungen erwähnt werden, die aus gutem Grund die Bezeichnung der Wissensgesellschaft offensiv ablehnen.

Vor dem Hintergrund, dass bei der Wahl und Rechtfertigung von Handlungen immer deutlicher das Gewicht von Rationalitätsfiktionen hervortritt, wird die Betrachtung der veränderten Gesellschaft als Wissensgesellschaft von Schimank abgelehnt (2006, S. 58).

Auch Srubar (2006) sieht im Hinblick auf den Verlust der systematischen Produktion von Wissen im Wissenschaftssystem eine Paradoxie der Wissensgesellschaft und hält die Bezeichnung Unwissensgesellschaft deshalb für angebrachter. Die Wissensgesellschaft “... ist auf das Wissen als ihre Reproduktionsgrundlage zunehmend angewiesen, untergräbt jedoch zugleich die Basis seiner Produktion.” (Srubar 2006, S. 153).

Danach ist die Wirtschaft auch auf die Ressource des Wissens dringend angewiesen, die sie aber selbst nicht herstellen kann. Deren Produktion gelingt nur, wenn das sie hervorbringende Subsystem einigermaßen autonom verfahren kann. Diese Autonomie wird allerdings durch den dominierenden Wirtschaftscode aufgehoben. Es bleibt nach Ansicht Srubars deshalb abzuwarten, ob es der auf Wissens ökonomie aufbauenden Wissensgesellschaft gelingt, ohne ein autonom hergestelltes Wissen auszukommen oder ob ein autonomes Wissenschaftssystem wiederhergestellt wird (Srubar 2006, S. 153f.).

3.2 Wissen

Die Diskussion um das Wesen und die Vermittlung von Wissen ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Bereits in den Schriften von Sokrates und seinen Vorgängern sowie Pla- ton und Aristoteles wurde die Diskussion um den Erwerb, die Formen, die Begründung und die Vermittlung des Wissens nachweislich begonnen, wobei die Breite der Wissensformen und -quellen bereits in der, in dieser frühen griechischen Philosophie angelegten, Unterscheidung von begründbarer bzw. begründeter Erkenntnis (Episteme) und angenommenem Wissen (Mei- nung) zum Ausdruck kommt (vgl. Brockhaus Enzyklopädie 2006, Band 30, S. 200 zum Begriff Wissen)1.

Auch in der gegenwärtigen Diskussion spielt das Verständnis von Wissen eine zentrale Rolle. Inzwischen wird nicht nur in philosophischer Perspektive nach den Bedingungen des Wis- sens im Rahmen der Erkenntnistheorie gesucht, sondern auch die Anthropologie, Hirnfor- schung und Psychologie befassen sich mit teils naturwissenschaftlich-empiris fassbaren, teils modellhaft-spekulativ beschreibbaren Funktionen und Ausprägungen des Wissens im Hin- blick auf die Evolution des Menschen, seine Funktionen und Fähigkeiten. Dabei spielen Aspek- te des Lernens und der Innovation eine wichtige Rolle. Es werden auch kulturgeschichtliche und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen zu den Entstehungsbedingungen, das Zustan- dekommen von Wissensvorräten, deren Weitergabe und Anwendung unter Berücksichtigung kultureller Entwicklungen und Muster betrachtet (vgl. Brockhaus Enzyklopädie 2006, Band 30, S. 201 zum Begriff Wissen).

Es kann somit festgestellt werden, dass der Bedeutung des Wissensverständnisses nach wie vor große gesellschaftliche Bedeutung zukommt. Ein begriffliche Abgrenzung soll im Folgenden vorgenommen werden.

3.2.1 Begriffliche Abgrenzung

Hier soll zunächst vom allgemeinen Begriffsverständnis ausgegangen und die folgende Definition des Lexikons vorangestellt werden:

“Bez. für ein in Individuen, Gruppen und sonstigen Kollektiven vorhandenes ko- gnitives Schema, das, an der Erfahrung orientiert, die Handhabung von Sachver- halten, Situationen sowie den Bezug zur Umwelt auf eine zumindest angenomme- ne zuverlässige Basis von Informationen und Regeln gründet, die sich ihrerseits anhand der Kriterien Prüfbarkeit, Nachvollziehbarkeit und Begründbarkeit bestim- men lassen. W. ist damit immer an die Geltung vonüber das Individuum hinaus- reichenden Wahrheitsansprüchen gebunden, die selbst auch wieder zur Disposition gestellt werden k önnen. (...) Die Erfahrung mit sich (u. U. auch schnell) wandeln- den W.-Beständen schlägt sich in einem W.-Begriff nieder, in dem neben Grund- W., Orientierungs- und Fach-W. v. a. die Bedeutung der Fähigkeit zum selbständi- gen Weiterlernen, also kategoriale Bildung und techn. Kompetenzen zur Erschlie- ßung neuen W., im Vordergrund stehen (“lebenslanges Lernen”).”(Brockhaus En- zyklopädie 2006, Band 30, S. 200, 202).

Bereits in diesem allgemeinen Begriffsverständnis kommt der immer bestehende Zwang zu Begründbarkeit und Sicherheit von Wissen und dessen gleichzeitige Vorläufigkeit und korrigierende Überprüfungsm öglichkeit zum Ausdruck. Im Folgenden soll die Definition aus dem soziologischen Blickwinkel erweitert und vertieft werden.

3.2.2 Wissen und Normen

Niklas Luhmann definiert Wissen als “veränderungsbereite” aber als wahr geltende kognitive Schemata, die den Umweltbezug sozialer und physischer Systeme regeln (Luhmann 1994). Kognitive Schemata sind in diesem Sinne als “typisierter Sinn” (Luhmann 1993, S. 18) bzw. als typische Wahrnehmungsmuster oder Situationsdefinitionen zu verstehen.

Martin Heidenreich liefert folgenden Definitionsansatz:

“Als Wissen k önnen (...) lernbereite’ Deutungsschemata bezeichnet werden, die den natürlichen und sozialen Lebensbedingungen der Menschen Sinn geben und ihr praktisches Verhalten regeln” (Heidenreich 2003, S. 27).

Dabei ist Wissen mitüberprüfbaren Wahrheitsansprüchen verbunden, welche bei Widerlegung auch korrigiert werden k önnen. Wissen ist somit keine nach subjektiven Maßstäben beliebig konstruierbare Vorstellung, sondern hängt von der Gewissheit ab, dass sich diese Vorstellung auf eine unabhängig vom subjektiven Denken bestehende Wirklichkeit bezieht und damit im- mer mitüberprüfbaren Wahrheitsansprüchen verbunden ist (Heidenreich, 2003, S. 27f.). Da diese Vorstellungen naturgemäß nicht festgeschrieben sind, ist Lernen und damit Veränderung der Vorstellungen aufgrund der Erfahrungen in der Praxis jederzeit m öglich, worauf insbeson- dere der amerikanische Pragmatismus hingewiesen hat (James 1977, S. 127f., Dewey 1985).

Die Postulierung einer unabhängig vom Denken bestehenden Wirklichkeit und der damit ent- sprechendüberprüfbaren Wahrheitsansprüche sind allerdings nicht unproblematisch, da -wie Heidenreich feststellt- kein Zugang zu einer vom Denken unabhängigen Wirklichkeit bestehen kann. Als Wissen angesehene Tatsachen werden somit im Rahmen der bisherigen Erfahrungen nach den Prinzipien selektiver Wahrnehmung sozial konstruiert (Heidenreich 2003, S. 28).

Des Weiteren ist eine Abgrenzung zu Normen dergestalt festzustellen, dass es sich bei Wissen um enttäuschungsbereite Erwartungen handelt, wogegen an Normen auch festgehalten wird, wenn den normativen Erwartungen durch reale Ereignisse widersprochen wird (Luhmann 1994, S. 138). Wissen zeichnet sich also durch einen kognitiven Erwartungsstil, d. h. die Bereitschaft, Erwartungen bei Widerlegung durch widersprechende Sachverhalte zu verändern, aus. Ein derartiger Widerspruch wird bei Differenz zwischen Annahmenüber die Wirklichkeit und empirischer Beobachtung deutlich (Heidenreich 2003, S. 28).

An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass zwischen implizitem und explizitem Wissen und damit nach der M öglichkeit der Kodifizierung, unterschieden wird (Nonaka 1994). Implizites Wissen ist in diesem Sinne nicht kodifizierbar, da es sich dabei um pers önliches Wissen, in Form von beispielweise Werten, Fertigkeiten, Erfahrungen und Idealen, von Individuen handelt. Nur explizites Wissen, das verlustlos außerhalb des Wissensträgers speicherbar ist, ist damit auch methodisch, systematisch und artikuliert kodifizierbar (North 1998, S. 49ff.).

3.2.3 Wissen und Information

In den Ausarbeitungen von Helmut Willke wird darüber hinaus die inhaltliche Abgrenzung vom Begriff der Information thematisiert. Bei ihm ist zu lesen:

“Aus Informationen wird Wissen durch Einbindung in einem zweiten Kontext von Relevanzen. Dieser zweite Kontext besteht nicht, wie der erste, aus Relevanzkriterien, sondern aus bedeutsamen Erfahrungsmustern, die das System in einem speziell dafür erforderlichen Gedächtnis speichert und verfügbar hält. (...) Wissen entsteht durch den Einbau von Informationen in Erfahrungskontexte, die sich in Genese und Geschichte des Systems als bedeutsam für sein Überleben und seine Reproduktion herausgestellt haben” (Willke 1998b, S. 11).

Dabei werden Informationen aus Daten durch Einbindung in einen “ersten Kontext von Relevanzen, die für ein bestimmtes System gelten” (Willke 1998b, S. 8), gewonnen.

Willke bezieht sich dabei auch auf die von Gregory Bateson gelieferte klassische Definition von Information:

“a difference which makes a difference” (Bateson 1972, S. 453).

Auch Daten hängen bereits von den Verfahren und Hilfsmitteln der Beobachtung ab, weshalb es keine beobachtungsabhängigen Daten an sich geben kann. Diese werden im Gegenteil erst durch Beobachtung konstruiert, wobei diese Konstruktion wiederum nur dadurch existent wird, dass die Daten in irgendeiner Form codiert werden. Die Codierungsvarianten sind, wie Willke gleichfalls feststellt, auf Zahlen, Sprache/Texte und Bilder beschränkt, wodurch Ausdrucksformen nicht-verbaler Kommunikation oder Emotionen an sich nicht als Daten zur Verfügung stehen (Willke 1998b, S. 7f.).

[...]


1 Auf die weitere geschichtliche Entwicklung des Wissensverständnisses kann, trotzdem es sich um eine sehr spannende Thematik handelt, an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang nicht eingegangen werden. Es wird auf die Ausführungen in Brockhaus Enzyklopädie 2006, Band 30, S. 200ff. zum Begriff Wissen verwiesen.

Details

Seiten
91
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638014830
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87751
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1.0
Schlagworte
Sozialer Wandel Organisationen Wissensgesellschaft

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Titel: Sozialer Wandel in Organisationen in der Wissensgesellschaft