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Der amerikanische Vietnamkrieg aus der Perspektive der neorealistischen Denkschule

Seminararbeit 2007 21 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Geschichte der Internationalen Beziehungen

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Internationale Politik und die neorealistische Denkschule

3. Der Vietnamkrieg vor dem Hintergrund des Ost – West – Konflikts

4. Der amerikanische Vietnamkrieg
4.1. Die Entwicklung Vietnams: von der französischen Kolonie zum 1. Indochinakrieg
4.2. Die Genfer Indochinakonferenz und Gründe für ein amerikanisches Engagement im Vietnam
4.3. Beginn und Verlauf des Krieges: Strategien, Statistik und Form des Krieges
4.4. Das Ende des Krieges und seine Auswirkungen auf das internationale System

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Über vier Jahrzehnte hinweg prägte der Kalte Krieg zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion mitsamt ihren Verbündeten das internationale System. Die Welt besaß eine bipolare Struktur. Zu einer direkten kriegerischen Konfrontation der beiden Mächte kam es in diesem Verlauf nicht. Statt dessen ereigneten sich eine Vielzahl von regionalen Kriegen und Stellvertreterkriegen. Speziell in den Ländern der Dritten Welt wurden militärische Konflikte ausgetragen. Neben dem Korea Krieg und der Kuba Krise war der Vietnamkrieg einer der bedeutendsten Auseinandersetzungen. Es handelte sich hierbei um den längsten und blutigsten Krieg der frühen Neuzeit, der mit der bisher einzigen Niederlage der Vereinigten Staaten von Amerika endete.

Im Folgenden soll der Konflikt aus amerikanischer Perspektive vor dem Hintergrund des Ost – West Konflikts und aus der Sicht der neorealistischen Denkschule analysiert werden. Der Schwerpunkt liegt auf dem amerikanischen Vietnamkrieg und seiner Entwicklung. Von einer detaillierten chronologischen Darstellung der Ereignisse wird aufgrund der Informationsfülle und Komplexität abgesehen. Im Wesentlichen geht es darum, die Grundströmungen und Kernpunkte aufzuzeigen. Anhand ihnen soll schließlich die Frage beantwortet werden, warum die Vereinigten Staaten trotz der vielen Zweifel an der Richtigkeit des Engagements, auch aus dem inneren Kreis der Macht, in Vietnam einmarschierten und warum sie den Krieg fortsetzten, trotz der vielen Rückschläge und einer vorauszusehenden Niederlage. Zudem soll aufgezeigt werden, welche Auswirkungen die Niederlage der USA auf das internationale System hatte.

2. Internationale Politik und die neorealistische Denkschule

Unter dem Begriff „Internationale Beziehungen“ versteht man „das Geflecht der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Beziehungen, wie es in der Zusammenarbeit zwischen den Staaten, den staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren geformt wird“[1]. Speziell handelt es sich hierbei um eine wissenschaftliche Disziplin der Politikwissenschaften, deren Gegenstand zum einen die Internationale Politik und zum anderen die Außenpolitik der einzelnen Staaten ist.[2] Während die Außenpolitik das politische Handeln eines Staates gegenüber seiner Umwelt bezeichnet, ist unter der Internationalen Politik mehr als nur die Summe aller Außenpolitiken der Staaten zu verstehen, da sie weitere Akteure, Regime, die Verteilung von Macht und Konflikte analysiert.[3]

Als Disziplin existiert die Internationalen Beziehungen seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Ursache ihres Entstehens war der Wunsch, das internationale System und Kriege zu analysieren, um einen Ausbruch eines erneuten Weltkrieges zu verhindern. Im Rahmen der Forschungen kam es zur Ausprägung verschiedener Denkschulen und Großtheorien.[4]

Theorien schaffen einfache Modelle um die komplexe Realität zu ordnen und verständlich zu machen. Die Großtheorien der Internationalen Beziehungen schaffen „generalisierende Aussagen über sprachlich konstituierte, je für real gehaltene Sachverhalte“[5]. Ihre Funktionen bestehen darin, die komplexe Realität auf das Wesentliche zu reduzieren (Selektionsfunktion), sie systematisch darzustellen (Ordnungsfunktion), Zusammenhänge deutlich zu machen und Gründe für bestimmte Gegebenheiten aufzudecken (Erklärungs- und Interpretationsfunktion).[6] Ferner sollen Theorien in einem gewissen Maße Anleitungen für das Handeln in der Praxis darstellen (Zielbestimmungsfunktion) und praktisches Handeln legitimieren (Handlungslegitimationsfunktion).[7] Definiert werden Theorien der Internationalen Beziehungen als „System beschreibender und erklärender Aussagen über Regelmäßigkeiten, Verhaltensmuster und Wandel des internationalen Systems und seiner Handlungseinheiten, Prozesse und Strukturen“[8]

Der klassische Realismus als Theorie in den Internationalen Beziehungen entstand in den 1930er und 1940er Jahren und löste den bis dahin dominierenden Idealismus ab. Eine Erneuerung erfuhr er in den 1980er Jahren durch den Neorealismus. Beide Theorien haben Gemeinsamkeiten, unterscheiden sich jedoch auch in wesentlichen Punkten.[9]

Der klassische Realismus wurde vor allem von Hans Morgenthau, Raymond Aron, Edward H. Carr, John Herz und Henry Kissinger vertreten. In seinem Zentrum steht die Macht und das Streben nach Macht als Motiv für Handlungen in den Internationalen Beziehungen. Die klassischen Realisten gehen davon aus, dass der Mensch von Natur aus nicht nur überleben will, sondern auch von einem Machttrieb gesteuert wird.[10] Vertreter der klassisch realistischen Theorie haben ein pessimistisches Weltbild. Ihrer Ansicht nach resultiert der Machttrieb aus der Angst, welche die Menschen vor den Widersprüchen zwischen Norm und der Realität haben. Auf der einen Seite ist der Mensch ein Schöpfer, auf der Anderen jedoch naturbedingt auch ein Zerstörer.[11]

Das Streben nach Macht mit dem Ziel Sicherheit zu erreichen, ist nach Ansicht Morgenthaus auch auf die Staatenwelt zu beziehen. Machtsicherung und -ausweitung ist seiner Ansicht nach ein natürliches Staatsinteresse. Staaten handeln dabei mit Vernunft.[12] Max Weber definiert die Macht in diesem Bezug als „(...) jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht“[13] Hieraus folgt, dass die Internationale Politik wesentlich durch den Kampf um Macht gekennzeichnet ist, da Staaten mittels Außenpolitik versuchen, ihre Macht zu stabilisieren und zu vermehren.[14]

Gemeinsam mit dem klassischen Realismus hat der Neorealismus, auch struktureller Realismus genannt, das pessimistische Menschenbild, die Ansicht, dass Macht der bestimmende Faktor des internationalen Systems ist und dass der Staat sein einziger bedeutender Akteur ist. Entwickelt hat sich der Neorealismus als Reaktion auf die Kritik an der klassischen Theorie.[15] Der Neorealismus betrachtet den Machttrieb nicht als biologisches oder anthropologisches Phänomen, sondern als ein soziales, dass aus der Struktur des internationalen Systems resultiert.[16] Kenneth Waltz charakterisiert die Struktur des Systems zum einen als anarchistisch.[17] Während innerhalb eines Staates eben dieser der höchsten Autorität entspricht, fehlt es dem internationalen System an einem Gewaltmonopol oder einer übergeordneten Instanz.[18] Zum anderen gibt es im internationalen System keine Funktionalisierung. Das heißt, dass alle Staaten die gleichen Aufgaben erfüllen und primär davon geleitet werden, zu überleben. Zuletzt bezeichnet Waltz die Verteilung von Macht als Charakteristikum der Struktur. Staaten unterscheiden sich demnach durch z.B. ihre Größe, Macht, militärische Schlagkraft oder ihrem Reichtum, also insgesamt ihrer Stärke, voneinander.[19]

Da Staaten nach neorealistischer Ansicht nicht aus einem menschlichen Machttrieb heraus agieren, sondern die Macht als Instrument zum Überleben gebrauchen, ist die Sicherheit als das übergeordnete Hauptziel der Staaten zu bezeichnen.[20] Weiteres Ziel ist die „Sicherung der staatlichen Eigenentwicklung durch Machtmaximierung“[21], die „Stabilisierung des Staatensystems durch Balance of Power“[22] und die „Durchsetzung von Nationalinteressen“[23]. Eine weitere wichtige Eigenschaft der Internationalen Beziehungen ist aus neorealistischer Sicht das Nullsummenspiel. Hierunter ist die Tatsache zu verstehen, dass der Machtgewinn auf der einen Seite zu einem Machtverlust auf der anderen Seite führt. Es existiert demnach im ganzen System ein Machtvolumen, das hin und her geschoben wird, sich jedoch nicht vermehren kann.[24]

3. Der Vietnamkrieg vor dem Hintergrund des Ost – West – Konflikts

Über vier Jahrzehnte hinweg war der Ost – West – Konflikt ein struktureller Weltkonflikt, der das internationale System und seine Struktur prägte.[25] Er geht geschichtlich auf die Oktoberrevolution 1917/ 1918 zurück, durch welche in der UdSSR erstmals die Ideen Karl Marx von einer „Macht des Proletariats“[26] zur Staatsdoktrin werden sollte. Nachdem die USA und die UdSSR im Kampf gegen Hitler im Zweiten Weltkrieg kooperierten, kam es bereits 1947/ 1948 zu sich stetig steigernden Differenzen und Konflikten. In diese Zeit fällt auch die Strukturierung des internationalen Systems zur Bipolarität.[27]

Bipolarität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich zwei Hegemonialmächte -USA und Sowjetunion- mit grundsätzlich unterschiedlichen Idealen gegenüberstanden. Beide führten Konflikte in politischen, militärischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Bereichen. Mit diesen Staaten und ihren Weltbildern standen sich die Idee der liberalen Demokratie und des Kommunismus, die freie Marktwirtschaft und die zentrale Planwirtschaft gegenüber.[28] Beide Interessenseiten vertraten unterschiedliche Gesellschaftsvorstellungen und Ideologien. Die Bipolarität des Systems wurde durch klar abgesteckte Grenzen gekennzeichnet. Das heißt, sie war für die Gruppierung der Staaten im internationalen System zuständig. Es kam im sicherheitspolitischen und militärischen Bereich zum Zusammenschluss von Allianzen (NATO und Warschauer Pakt).[29] Hieraus resultierte, dass der Kalte Krieg zum Bestimmungsfaktor für das außenpolitische Handeln aller Staaten wurde.[30] Im Nachhinein lässt sich diese Konfliktformation als relativ stabiles System bezeichnen. Innerhalb des jeweiligen Einflussbereiches sorgten die Großmächte für Ordnung. Außerhalb existierte ein Minimum an Kommunikation und Kompromissen. Da jede Seite derart aufgerüstet war, die Andere mehrfach zu vernichten, dabei aber auch den eigenen Untergang riskierte, kam es nie zu einer globalen Eskalation.[31]

[...]


[1] Siehe Schubert et al. 2006: 147

[2] Vgl. Knapp et al. (Hrsg.) 2004: 4

[3] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 53

[4] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 41

[5] Siehe Knapp et al. (Hrsg.) 2004: 61

[6] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 69

[7] Vgl. Knapp et al. (Hrsg.) 2004: 61

[8] Siehe Filzmaier et al. 2006: 67

[9] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 73

[10] Vgl. Knapp et al. (Hrsg.) 2004: 62

[11] Vgl. Woyke 2004: 470

[12] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 75 f.

[13] Siehe Weber 1972: 28

[14] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 73

[15] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 76 f.

[16] Vgl. Knapp et al. (Hrsg.) 2004: 63

[17] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 77

[18] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 41

[19] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 77

[20] Vgl. Knapp et al. (Hrsg.) 2004: 63

[21] Siehe Filzmaier et al. 2006: 75

[22] Siehe Filzmaier et al. 2006: 75

[23] Siehe Filzmaier et al. 2006: 75

[24] Vgl. Woyke (Hrsg.) 2004: 474

[25] Vgl. Woyke (Hrsg.) 2004: 413

[26] Siehe Filzmaier et al. 2006: 105

[27] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 104 f.

[28] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 20

[29] Vgl. Woyke (Hrsg.) 2004: 413

[30] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 104

[31] Vgl. Filzmaier et al. 2006: 20

Details

Seiten
21
Jahr
2007
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87942
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Institut für Wirtschaft und Politik und ihre Didaktik
Note
1,3
Schlagworte
Vietnamkrieg Perspektive Denkschule Internationale Beziehungen

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