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Verbpräfigierung im Deutschen

Zwischenprüfungsarbeit 2007 22 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Begriffsbestimmung
I.1 Das `echte´ Verbpräfix
I.2 Verbpartikeln
I.3 Doppelförmige Morpheme
1.4 Grenzfälle zur Syntax

II semantische Modifikationen durch Präfigierungen
II.1 zeitliche Differenzierung
II.2 Räumliche Differenzierung
II.3 Weitere semantische Modifikationen
II.3.1 Die Ornativa
II.3.2 Die Privativa
II.3.3 Die Instrumentativa

III Valenzänderung durch Präfigierung
III.1 Quantitative Veränderungen durch Präfigierung
III. 1.1 Valenzerhöhung
III.1.2 Valenzminderung
III.2 Qualitative Veränderungen durch Präfigierung
III.2.1 Transitivierung durch Präfigierung
III.2.2 Vertauschung der semantischen und syntaktischen Rollen

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit Hilfe der Wortbildung werden vorhandene Morpheme zu neuen Wörtern kombiniert. Im Hinblick auf die Form bzw. auf die Morphologie gliedert sich dieser Prozess in vier Haupttypen der Wortbildung nämlich die Zusammensetzung oder Komposition, die Konversion, die Kurzwortbildung und die Derivation (implizite und explizite). Das vorliegende Thema -Verbpräfigierung - ist ein Teilbereich des letztgenannten Wortbildungstyps und beschäftigt sich ausschließlich mit der expliziten Ableitung der Wortart Verb. Die Verbpräfigierung[1] wird typischerweise beschrieben als das Hinzufügen eines Affixes vor einem Verbstamm, beispielsweise be-raten zu beraten, ent-fliehen zu entfliehen. Manchmal ist das Derivat ein desubstantivisches Verb, das heißt, es hat ein Substantiv als Wortbasis (bekränzen) oder ein deadjektivisches Verb, in dem Fall hat es ein Adjektiv als Basis (befreien)[2]. Dabei erfährt das präfigierte Verb sowohl semantische als auch syntaktische Modifikationen. Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht darin, das Phänomen der Verbpräfigierung systematisch zu analysieren.

Aufgrund der Komplexität bzw. der Unterschiedlichkeiten, die sich bei der Bestimmung des Phänomenbereichs um Präfixverben in der Literatur ergeben, wird diese in der vorliegenden Arbeit zuerst definiert und von anderen ähnlichen Einheiten abgegrenzt. Danach wird zu einer systematischen Darstellung der verschiedenen Modifikationen bei der Präfigierung kommen. Anders gesagt werden die semantischen und syntaktischen Leistungen der Präfigierung systematisch dargestellt, wobei die semantischen Modifikationen im Vordergrund stehen werden.

I Begriffsbestimmung

Die Abhandlung des Themas Verbpräfigierung setzt, wie bereits angekündigt, aufgrund der Komplexität des Begriffs Präfix und der unterschiedlichen Auffassungen von verschiedenen Autoren, eine Aufklärung bzw. Bestimmung des Begriffs Präfix voraus. Es geht darum zu bestimmen, was für die vorliegende Untersuchung unter Präfigierung zu verstehen ist.

Das Duden Lexikon definiert den Begriff Präfix als ein Ableitungsmorphem oder eine Vorsilbe, die vor einem Wort oder Wortstamm gesetzt wird. Eine ähnliche Definition gibt Lühr[3] (1995: 175): “Bei der Präfigierung tritt ein gebundenes Morphem reihenbildend vor ein Basismorphem oder eine Morphemverbindung; []“. Im Allgemeinen sind die oben angeführten Definitionen ausreichend. Das Problem jedoch wird deutlich, wenn man die Präfigierung bei den einzelnen Wortarten betrachtet. Während die oben genannten Definitionen für die Wortarten Adjektiv und Substantiv generell zutreffend ist, bleiben für die Wortart Verb einige Unklarheiten. Denn beim genauen Hinschauen stellt man fest, dass die Ableitungsmorpheme, die vor dem Verbstamm hinzugefügt werden, können sich unterschiedlich verhalten. Anders als Lühr, die lediglich von trennbaren und nicht-trennbaren Präfixen spricht, unterscheidet Eisenberg[4] (2004) drei Gruppen von solchen Morphemen:

1- Die echten Verbpräfixe wie etwa ent-, be-, in entnehmen oder belegen.
2- Die Verbpartikeln beispielsweise ab -, auf -, in abnehmen oder auflegen
3- Eine dritte Gruppe bestehend aus doppelförmigen Morphemen, die sowohl als Verbpräfix als auch als Verbpartikel gelten können. (um -, durch - u.a.) Im folgenden werden wir diese drei Gruppen erläutern

I.1 Das `echte´ Verbpräfix

Eisenberg nennt die Morpheme dieser Gruppe auch Derivationspräfixe. Sie verhalten sich weitgehend analog zu Suffixen. Sie machen aus Substantiven Verben beispielsweise das Präfix ent-, macht aus dem Substantiv Staub das Verb entstauben:

ent-,: Staub à entstauben .

Bezüglich der Prosodie sind Verbpräfixe betonungsneutral z.B er´arbeiten, be´fragen. Anders als die Verbpartikeln sind sie weder morphologisch[5] noch syntaktisch[6] trennbar (vgl. Eisenberg: 2004, 255ff).

Bei den Verbpräfixen kann man eine weitere Trennung machen und zwar zwischen den sogenannten vollmorphologisierten Verbpräfixen und einer Gruppe gemischter Präfixe mit Besonderheiten.

1- Gruppe 1: be.-, (bestuhlen), ent-, (entgiften), er-, (erarbeiten), ver-, (verlegen) und zer-, (zersiedeln)
2- Gruppe 2: miß - (mißbrauchen) verbindet sich mit allen 3 Wortarten, voll-, (vollbringen) als einziges morphologisierte Adjektiv, und wieder- (wiederholen) als einziges morphologisiertes Adverb u.a.

Zusätzlich zu den oben genannten zwei Gruppen fügen wir die Gruppe der sogenannten Lehnpräfixe hinzu, denn sie verhalten sich weitgehend identisch mit den einheimischen deutschen Verbpräfixen, abgesehen davon, dass sie sich vorzugsweise mit fremden Stämmen verbinden. Es handelt sich dabei um die Präfixe de-, mit den Affixvarianten dis-, und des-, in dis qualifizieren, de maskieren, des illusionieren, ko-, in ko operieren oder ko existieren. Sie sind weder morphologisch noch syntaktisch trennbar und sind auch betonungsneutral.

I.2 Verbpartikeln

Verbpartikeln oder präpositionale Einheiten sind nach Eisenberg keine Präfixe im üblichen Sinne. Prosodisch gesehen werden sie betont: `abreisen, `auflegen.

Bei den Partikelverben sind Partikeln und Verbbasen morphologisch trennbar in folgenden Situationen:

- im Infinitiv: er versucht früh abzureisen
- im attributiv verwendeten Partizip I: die einzunehmenden Medikamente
- im Partizip II: eingenommen.

Verbpartikeln und Verbbasen sind schließlich syntaktisch trennbar bei Verbklammern, die beliebig erweiterbar sind: Er stand sehr früh heute gegen 5 Uhr auf.

Insgesamt unterscheidet Eisenberg zwischen 2 Gruppen von Verbpartikeln, nämlich

1-Die präpositionale Verbpartikeln (z.B. an-, in ankleben, auf-, in auftragen etc. Charakteristisch für diese Gruppe ist ihre Nähe zu freien Formen mit den Homonymen freien Formen: an-, auf-, (Präp.).
2- Die Partikelverben an der Grenze zur Syntax: eislaufen, fertigmachen u.a . Auf diese Gruppe wird etwas später nur kurz eingegangen, da sie nicht im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen.

I.3 Doppelförmige Morpheme

Die dritte Gruppe von Morphemen ist insofern besonders, als sie als Verbpräfixe oder als Verbpartikeln fungieren können. Es handelt sich dabei um eine relativ kleine Gruppe: um-, über-, durch-, unter-, hinter-,. Als Verbpartikeln werden sie betont und in den meisten Fällen erfüllen sie die oben genannten Kriterien für Verbpartikeln. Sie besitzen nach Lühr meistens eine konkretere Bedeutung:

z.B: sich ´umschauen in er schaute sich nach seinem Verfolger um

Als Verbpräfixe sind sie betonungsneutral und bilden ihr Partizip II nur mit –t, bzw. mit –en und ohne -ge-,

z.B: über´setzen; er hat den Text über´setzt.

um´gehen: Er hat die Vorschriften umgangen.

Nach Lühr haben die Morpheme dieser Gruppe meistens eine abstraktere Bedeutung oder werden oft im übertragenen Sinne benutzt.

1.4 Grenzfälle zur Syntax

Diese Gruppe besteht aus Morphemverbindungen, die sehr unterschiedlich interpretiert werden. Eine systematische Gruppierung dieser Morphemverbindungen nach Wortart lässt zwei Hauptgruppen erkennen:

- Verben mit Substantiv als Erstglied wie eislaufen, Kopfrechnen, marrathonlaufen
- Verben mit Adjektiv als Erstglied wie fertigmachen, krankschreiben, leertrinken, totschlagen etc.

Eine Analyse wie bei den Präfixen und Partikeln zeigt, dass sich die Erstglieder der oben genannten Verben wie Partikeln verhalten, denn sie sind morphologisch und syntaktisch trennbar und sind betont. Sie unterscheiden sich jedoch von den Partikeln im herkömmlichen Sinne, da sie Lexeme sind. Eine weitere kleine Gruppe besteht aus Verben, die Präpositionen als Erstglieder haben beispielsweise vorgehen, unterlaufen oder überreden. Während einige Autoren diese Verben zu Präfigierungen rechnen, schlagen andere Autoren andere Vorgehensweisen vor und kommen somit auf unterschiedliche Ergebnisse.

[...]


[1] Parallel zu den Verbpräfigierung steht die Suffigierung, die beim Verb jedoch nur beschränkt produktiv ist.

[2] Die beiden angeführten Beispiele befreien und bekränzen betrachten wir in dieser Arbeit als Präfigierungen und nicht als Zirkumfixbildungen, da wir das Morphem -en nicht als Suffix ansehen, sondern als Flexionsmorphem.

[3] Rose Marie Lühr: Neuhochdeutsch. Eine Einführung in die Sprachwissenschaft. S.175. München: 1996.

[4] Eisenberg, Peter: Grundriss der Deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. S.254ff. Stuttgart: Weimar: 2004

[5] Unter morphologischer Trennung meint Eisenberg die Trennung der Morpheme vom Stamm innerhalb der Wortform wie etwa im Perfekt oder in einigen Infinitivkonstruktionen.

[6] Unter syntaktischer Trennung versteht er die stets Gebundenheit des Präfixes an seinem Verbstamm in verschiedenen Satzkonstruktionen. Beispielsweise: bestuhle den Raum!; ..weil er den Raum bestuht hat; um den Raum zu bestuhlen; er bestult den Raum etc..

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638040310
ISBN (Buch)
9783638936859
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v87988
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Allgemeine und Angewandten Sprachwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Verbpräfigierung Deutschen Linguistik

Autor

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Titel: Verbpräfigierung im Deutschen