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Sprachkritik und Sprachkomik in Kleists „Der zerbrochne Krug“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Zur Begründung des Themas

2. Sprachkritik und Sprachkomik
2.1.Sprachkritik
2.1.1. Adams „sprachliche[r] Seiltanz über dem Abgrund“
2.1.2. Die Unzuverlässigkeit sprachlicher Äußerungen
2.2. Sprachkomik

3. Die ambivalente Rolle der Sprache im „Zerbrochenen Krug“

4. Bibliographie

1. Zur Begründung des Themas

Dass der Sprache im Werk Heinrich von Kleists eine besondere Rolle zukommt, ist wohl unstrittig. So bezeichnet beispielsweise Holz die Sprache als „das Urmotiv Kleistscher Dichtung“[1]. Viele Autoren legen allerdings bei der Betrachtung der Sprache in Kleists Werken das Hauptaugenmerk einseitig auf ihre problematischen Gesichtspunkte, so ihre allgemeine Unzulänglichkeit, gerade wenn es darum geht, etwas Subjektives mitzuteilen, ihre Mehrdeutigkeit, die das Verstehen der Menschen erschwert und Missverständnissen und Missbrauch Tür und Tor öffnet, und noch andere sprachkritische Themen mehr.

Und tatsächlich kann es ja angesichts der sprachkritischen Aussagen Kleists kaum Zweifel über seine Sprachskepsis geben. Die folgende, vielfach zitierte Passage stammt aus einem Brief Kleists an seine Halbschwester Ulrike vom 5. Februar 1801:

„Gern möchte ich Dir alles mitteilen, wenn es möglich wäre. Aber es ist nicht möglich, und wenn es auch kein weiteres Hindernis gäbe als dieses, daß es uns an einem Mittel zur Mitteilung fehlt. Selbst das einzige, das wir besitzen, die Sprache taugt nicht dazu, sie kann die Seele nicht malen und was sie uns gibt sind nur zerrissene Bruchstücke. (…) Ach, es gibt kein Mittel, sich andern ganz verständlich zu machen und der Mensch hat von Natur aus keinen andren Vertrauten als sich selbst.“[2]

Es wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit diesen sprachskeptischen Momenten im Werk Kleists zweifellos berechtigt und notwendig ist. Jedoch sollte im Hinblick auf sein Werk „Der zerbrochne Krug“ nicht vollkommen vernachlässigt werden, dass Kleists Sprache nicht nur als Gegenstand von Kritik und Sprachverzweiflung betrachtet werden kann, sondern dass dem komischen Moment der Sprache - schließlich handelt es sich bei diesem Werk nach Kleists eigener Titulierung um ein „Lustspiel“ - ebenfalls Rechnung zu tragen ist. Es scheint, manche Autoren hätten in der Tradition der Sprachproblematisierung der Dramen Kleists die Sprachkomik weitgehend aus den Augen verloren.[3]

Diese Arbeit will nun beiden Seiten der Sprache des „Zerbrochnen Kruges“ Rechnung tragen, sowohl den sprachkritischen Komponenten, als auch den komischen und eine Wertung der ambivalenten Rolle der Sprache dieses Stückes versuchen, im Sinne der Fragestellung: Wie synthetisiert Kleist im „Zerbrochnen Krug“ problematische und komische Aspekte der Sprache?

2. Sprachkritik und Sprachkomik

2.1.Sprachkritik

Wie einleitend erläutert nimmt die Untersuchung der sprachkritischen Thematik in Kleists Dramen in der Forschung eine wichtige Position ein. Die Autoren scheinen sich grundsätzlich einig darüber zu sein, dass im „Zerbrochnen Krug“, wie in den anderen Dramen Kleists, eine „Krise des Sprachgebrauchs“[4] festzustellen ist, doch interpretieren sie diese Krise sehr unterschiedlich. Im Folgenden sollen zunächst kurz einige ausgewählte Standpunkte der Kleist-Forschung zur Sprachproblematik erläutert werden, zuvor jedoch ist an dieser Stelle auf die Darstellung Heimböckels hinzuweisen, der 4 thematische Ebenen unterscheidet, auf denen bei Kleist die Sprache problematisiert wird:

„1. auf der Ebene der Inauthentizität der Sprache, mit der die Auffassung von der Nichtmitteilbarkeit von Subjektivität verknüpft ist;
2. auf der Ebene der Kommunikationsproblematik (…)
3. auf der Ebene der Wirklichkeitsinadäquatheit der Sprache (…)
4. auf der Ebene der Manipulierbarkeit der Sprache…“[5].

Diese Auflistung, die die zentralen Aspekte Kleist’scher Sprachkritik erfasst, soll der Analyse eingangs zugrunde gelegt werden.

Es wurde schon darauf hingewiesen, dass das Sprachproblem in den Werken Kleists Gegenstand vieler unterschiedlicher Interpretationen ist. Zwei Standpunkte sollen hier kurz dargestellt werden.

Reuß vertritt bemerkenswerter Weise die Ansicht, die Sprache Kleists entziehe sich einer eindeutigen Einschätzung, und zwar absichtsvoll und systematisch.[6] Diese These begründet er mit Redewendungen Adams im Sinne „Ich bin ein Schuft.“ oder „So wahr ich ehrlich bin.“ Diese Sichtweise macht es sich meines Erachtens nach sehr einfach, da sie die Möglichkeit einer Interpretation ausschließt und ist zudem unzureichend, insofern sich Reuß allein auf Aussagen Adams bezieht, der notwendigerweise Interesse daran haben muss, seine Äußerungen einer eindeutigen Einschätzung zu entziehen. Dies jedoch auf einzig dieser Basis auf das gesamte Stück zu übertragen, halte ich für unangemessen.

Hinzuweisen ist außerdem auf die Deutung Pfeiffers, „die Mehrdeutigkeit der Sprache [entspräche] der vom Menschen erfahrenen Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit der ‚gedeuteten Welt’“[7], der also die Unzulänglichkeit der Sprache als eine Spiegelung gesellschaftlicher Unzulänglichkeit interpretiert.

Diese meiner Ansicht nach sehr viel treffendere Interpretation soll im Folgenden zugrunde gelegt werden.

Wie bereits mehrfach erwähnt kann die Tatsache, dass Kleist die Sprache als hächst problematisch darstellt kaum in Zweifel gezogen werden. Zur Veranschaulichung der allgemeinen Unmöglichkeit von zwischenmenschlicher Kommunikation sei folgender Abschnitt zitiert (V.192-219):

ADAM. Margrete! He! Der Sack voll Knochen! Liese!

DIE BEIDEN MÄGDE. Hier sind wir ja. Was wollt Ihr?

ADAM. Fort! Sag ich.

Kuhkäse, Schinken, Butter, Würste, Flaschen

Aus der Registratur geschafft! Und flink! –

Du nicht. Die andere. – Maulaffe! Du ja!

- Gotts Blitz, Margrete! Liese soll, die Kuhmagd,

In die Registratur!

(Die erste Magd geht ab.)

DIE ZWEITE MAGD. Sprecht, soll man Euch verstehn!

ADAM.

Halts Maul jetzt, sag ich -! Fort! schaff mir die Perücke!

Marsch! Aus dem Bücherschrank! Geschwind! Pack dich!

(Die zweite Magd ab.)

(…)

DER BEDIENTE.

Der Herr verstauchte sich die Hand ein wenig.

Die Deichsel brach.

ADAM. Dass er den Hals gebrochen!

LICHT. Die Hand verstaucht. Ei, Herr Gott! Kam der Schmied schon?

DER BEDIENTE. Ja, für die Deichsel.

LICHT. Was?

ADAM. Ihr meint der Doktor.

LICHT. Was?

DER BEDIENTE. Für die Deichsel?

ADAM. Ach was! Für die Hand.

DER BEDIENTE. Adies, ihr Herrn. – Ich glaub, die Kerls sind toll. (Ab.)

LICHT. Den Schmied meint ich.

(…)

(Die erste Magd tritt auf.)

ADAM. He! Liese!

Was hast du da?

ERSTE MAGD. Braunschweiger Wurst, Herr Richter.

ADAM. Das sind Pupillenakten.

LICHT. Ich verlegen!

ADAM. Die kommen wieder in die Registratur.

ERSTE MAGD. Die Würste?

ADAM. Würste! Was! Der Einschlag hier.

LICHT. Es war ein Missverständnis.

An diesem Abschnitt, der relativ am Anfang des Stückes steht, lassen sich vor allem drei der vier oben zitierten Ebenen Heimböckels veranschaulichen. Am deutlichsten wird wohl das Kommunikationsproblem sichtbar: Die Akteure der Szene können sich nur schwer miteinander verständigen, was in diesem Falle jedoch nichts mit dem ansonsten im Stück stark akzentuierten Thema der Vieldeutigkeit zu tun hat. Es wird hier einfach nicht deutlich genug, was wem und von was genau die Rede ist. Es kommt zu einem, beziehungsweise mehreren Missverständnissen, wie ja auch Licht äußert. Damit im Zusammenhang stehen gleichzeitig das Problem der Inauthentizität und das der Wirklichkeitsinadäquatheit der Sprache: Die beteiligten Figuren haben Mühe, sich so auszudrücken, dass sie verstanden werden, in der obigen Szene vor allem Adam, worauf die Magd ja auch ironisch sagt: „Sprecht, soll man Euch verstehn!“ Allerdings hat der Richter ja gesprochen, nur hat er sich eben nicht unmissverständlich auszudrücken vermocht. Die außersprachliche Wirklichkeit ist mit Worten nicht auszudrücken, wenn nicht deutlich wird, wovon die Rede ist.

Diese drei Ebenen, so wie die wichtigste, die Manipulation durch die Sprache und die Manipulierbarkeit der Wirklichkeit durch sie sollen im folgenden Kapitel anhand von Adams Sprache näher erläutert werden.

2.1.1. Adams „sprachliche[r] Seiltanz über dem Abgrund“

Sprachkritisch muss vor allem der Richter Adam Gegenstand der Betrachtung sein, wenngleich auch die sprachlichen Äußerungen anderer Figuren des Stückes durchaus kritisch zu beurteilen sein werden.[8][9] Die Figur des Richters ist jedoch besonders hervorzuheben, da sie vor allem anderen die Verhüllung der durch sie begangenen Straftat und die Verwirrung der anderen Personen des Stückes beabsichtigt und sich somit eines klaren Sprachmissbrauchs, der Manipulation durch Sprache, schuldig macht.

[...]


[1] Holz, Hans Heinz: Macht und Ohnmacht der Sprache. Untersuchungen zum Sprachverständnis und Stil Heinrich von Kleists, Athenäum Verlag, Frankfurt a.M., Bonn 1962, S. 91

[2] Sembner, Helmut (Hg.): Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe. Bd. 2. Darmstadt, München, 1983, S. 626

[3] So z.B. Holz: „Der „Zerbrochene Krug“ ist ganz und gar von der negativen Seite der Sprache her aufgebaut.“, S. 78, weitgehend auch Heimböckel, Dieter: Emphatische Unaussprechlichkeit. Sprachkritik im Werk Heinrich von Kleists. Ein Beitrag zur literarischen Sprachskepsistradition der Moderne, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003 (= Bd. 319 Barner, Wilfried, Cherubim, Dieter u.a. (Hg.): Palaestra)

und Marquardt, Hans-Jochen: „Ich bin dir wohl ein Rätsel?“ – Anmerkungen zu Kleists Sprache in: Barthel, Wolfgang und Heinrich von Kleist. 1777 – 1811. Leben. Werk. Wirkung. Blickpunkte. Ausstellung im Kleist-Museum, Frankfurt (Oder) 2000, S. 121-140

[4] Ribbat, Ernst: Babylon in Huisum oder der Schein des Scheins. Sprach- und Rechtsprobleme in Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ in: Heinrich von Kleist. Studien zu Werk und Wirkung. Hrsg. von Dirk Grathoff. Opladen 1988. S. 133-148., S. 146, aber auch z.B. Holz, Heimböckel, u.a.

[5] Heimböckel S. 101

[6] Vgl. Reuß, Roland: „…uns, was wahr ist, zu verbergen.“ Notizen zur Sprache von Kleists „Lustspiel“ „Der zerbrochne Krug“ in: Reuß, Roland und Staengle, Peter: Brandenburger Kleist-Blätter 8, Frankfurt a.M. 1995, S. 3-17

[7] Pfeiffer, Joachim: Die zerbrochenen Bilder. Gestörte Ordnungen im Werk Heinrich von Kleists, Königshausen & Neumann, Würzburg 1989, S. 29

[8] Heimböckel, S. 101

[9] Vgl. Heimböckel, S. 168

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638023436
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88021
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
Sprachkritik Sprachkomik Kleists Krug“ Metamorphosen Harlekins Komödie Jahrhunderts

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Titel: Sprachkritik und Sprachkomik in Kleists „Der zerbrochne Krug“