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Morphologie des Deutschen Bundestages

Ein Vergleich zu den historischen Vorläufern und den parlamentarischen Strukturen bis zum Ende des Kaiserreichs (1918)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 46 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Der Evolutorische Institutionalismus

3 Morphologie in der Politikwissenschaft
3.1 Ziele einer Parlamentsmorphologie
3.2 Morphologische Ähnlichkeitskonzepte
3.2.1 Homodynamien und Homonomien
3.2.2 Homologien
3.2.3 Analogien
3.2.4 Homoiologien

4 Eine Morphologie des Deutschen Bundestages
4.1 Vorparlamentarismus
4.2 Die Frankfurter Nationalversammlung
4.3 Der Reichstag des Norddeutschen Bundes
4.4 Der Reichstag des 2. Deutschen Reiches
4.5 Weitere Entwicklungen (Ausblick)

5 Zusammenfassung

6 Quellenverzeichnis

7 Literaturverzeichnis

8 Bildverzeichnis

1 Einleitung

Die Evolution der menschlichen Gesellschaft, beginnend mit den einfachsten familiären Gruppierungen der Frühzeit, über die Weiterentwicklung hin zu Stämmen und Stammesvereinigungen, weiter zu den Stadtstaaten der Antike und den Ständevertretungen des Mittelalters, bis zu den heutigen Formen politischer Staaten, hat sich stetig weiterentwickelt. Dabei kam es bereits in den Anfängen zu Körperschaften, welche die Gemeinschaft vertraten und für diese relevante Entscheidungen trafen, sei es in der Frühzeit durch ein Familienoberhaupt oder einen Häuptling, sei es in der Antike durch die attische Volksversammlung oder in der römischen Republik durch den Senat bzw. die Volkstribune. Heutige Beispiele für solche Vertretungskörperschaften sind Parlamente, welche wir „inzwischen über die ganze Erde verbreitet…“[1] finden. Diese Parlamente haben verschiedene Aufgaben, die sie als politische Organe wahrnehmen. Dabei existieren die verschiedensten Formen von Vertretungskörperschaften, da diese in ihrer Entwicklung durch unterschiedliche Umwelteinflüsse, Strukturen, Verfahren und Überzeugungen in ihren Kulturen und Gesellschaften geprägt wurden und ständig beeinflusst werden.[2]

Hier setzt der Evolutorische Institutionalismus in der politikwissenschaftlichen Analyse mit den Zielen an, die Tiefenstrukturen, Verhaltensweisen und Einflüsse so zu ergründen, dass Zusammenhänge und Prägefaktoren erkannt bzw. analysiert werden können. Ein Teilgebiet des Evolutorischen Institutionalismus ist die Morphologie, die als vergleichende Systemanalyse dem Wissenschaftler das Handwerkszeug zur Verfügung stellt, um zum Beispiel Vertretungskörperschaften über die Evolutionäre Erkenntnistheorie zu betrachten.[3] Die Institution Parlament musste sich im Laufe ihrer Existenz weiterentwickeln, um ihre Funktionen, Leitideen und Verhaltensweisen den Veränderungen ihrer Umwelt anzupassen. Eine Nichtanpassung hätte wohl schwerwiegende Folgen, da die Leistungsfähigkeit nicht weiter gegeben wäre und das Fehlen von Legitimation zum Untergang der Vertretungskörperschaft führen würde.

„In den fünfzig Jahren seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland haben sich mit dem Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse und der politischen Kultur auch Stellung und Funktion des Bundestages im politischen System deutlich verändert. Dies gilt für die Organisation und die ‚internen’ Arbeits- und Interaktionsprozesse des Bundestages und der Fraktionen wie auch für die Kommunikationsbeziehungen nach ‚außen’.“[4]

Der Deutsche Bundestag ist ein wichtiger Bestandteil des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, in dem sich beispielsweise der die Politik beeinflussende Volkswille durch den Wahl- und Wiederwahlmechanismus ausdrückt. Eine politikwissenschaftlich morphologische Betrachtung dieses Parlaments und dessen Funktionen und Strukturen erscheinen mir für eine Untersuchung von besonderem Interesse. Dabei wären folgende Fragen zu betrachten:

a. Welche äußeren Prägefaktoren haben die Entwicklung und Ausbreitung des Parlamentarismus in Deutschland beeinflusst?
b. Kann man morphologische Verwandtschaftsbeziehungen von Strukturen und Funktionen des Deutschen Bundestages zu den Vorgängerparlamenten nachweisen?

Die morphologische Analyse des Deutschen Bundestages nach gemeinsamen Strukturen und Ähnlichkeiten anhand der deutschen Parlamentsgeschichte zu seinen historischen Vorgängern, wie dem Reichstag oder der Frankfurter Nationalversammlung, soll hier im Vordergrund stehen. Dazu werden zunächst die Begrifflichkeiten des Evolutorischen Institutionalismus und der Morphologie für die Politikwissenschaft geklärt, um im zweiten Schritt eine genauere Zielsetzung einer Morphologie eines Parlaments aufzuzeigen. Im Hauptteil dieser Hausarbeit soll die Verwandtschaft des Bundestages zu seinen Vorgängern an einzelnen Strukturen und Funktionen genauer betrachtet und mit morphologischen Begrifflichkeiten analysiert werden. Im letzten Teil werden die Ergebnisse zusammengefasst. Diese Arbeit wird nur zum Teil auf die theoretischen Ansätze zur morphologischen Analyse eingehen, da das Interesse vielmehr auf der praktischen Betrachtungsweise der Vertretungskörperschaft Bundestag und der Suche nach morphologischen Ähnlichkeiten liegen soll. Dabei hat diese Arbeit nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, da der Rahmen einer Hausarbeit nicht überschritten werden soll.

Eine bisherige Arbeit zur Morphologie eines Parlaments ist leider kaum vorhanden, da es neben der im Jahre 2007 erschienen Abhandlung von Professor Werner J. Patzelt[5] und der ähnlichen Arbeit über Diplomatie von Jakob Lempp[6] noch keine weiteren Arbeiten zum Thema gibt. Allerdings wurden der Deutsche Bundestag und seine Vorgängerparlamente bereits über andere theoretische Ansätze beleuchtet, was als Literaturgrundlage dienen soll. Zu nennen sind hier die verschiedenen Publikationen der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Zudem helfen bei der Analyse die zahlreichen Abhandlungen über die Evolutionäre Erkenntnistheorie, welche das Grundgerüst der Morphologietheorie beinhalten.

2 Der Evolutorische Institutionalismus

Der Evolutorische Institutionalismus wurde aus der von Charles Darwin (1809-1882) entwickelten biologischen Evolutionstheorie abgeleitet. Darwin erkannte, dass Lebewesen sich durch Mutationen weiterentwickeln, sei es durch negative oder positive. Dadurch können nur die Starken überleben und die Schwachen werden ausselektiert (’ Survival of the Fittest’), was zur Artenvielfalt unseres Planeten führte.

Diese Theorie wurde später auf verschiedene Wissenschaftszweige übertragen. Zu nennen wären hier die Ökonomie, die Ethik oder die Rassenlehre der Nationalsozialisten.[7] Die Übertragung der Theorie auf andere Bereiche scheint dabei sehr fruchtbar gewesen zu sein, da der „…Entwicklungsgedanke […] universell…“ ist und die „Frage nach der Entstehung eines Objektes […] nicht nur in jedem Falle sinnvoll, sondern […] häufig auf ganz neue Gesichtspunkte…“[8] führt, wenn man von der Instrumentalisierung in der NS-Zeit absieht. Die Forschungen und Entdeckungen von Charles Darwin wurden von den Sozialdarwinisten, Rassenhygienikern und Eugenikern im Dritten Reich so uminterpretiert, dass daraus eine pseudowissenschaftliche Forschung entstand, welche durch Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Instrumentalisierungen die Theorien für ihre Zwecke missbrauchte.[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

Charles Darwin 1868

Eine relativ neue Übertragungsrichtung der Evolutionstheorie ist die Anwendung auf politische Institutionen.[10] Hier wird die biologische Evolution durch Formulierung und Übertragung einer allgemeinen Evolutionstheorie (Evolutionäre Erkenntnistheorie[11] ) zu einer kulturellen Erkenntnistheorie. Diese bildet dann das analytische Grundmodel für den Evolutorischen Institutionalismus. Der Evolutorische Institutionalismus greift dabei auf die Begriffsbildungen von Richard Dawkins und Susan Blackmore zurück, welche das biologische Gen in die kulturwissenschaftliche Forschung als Mem einbetteten.[12]

Das Mem ist dabei der Träger von vererbbaren Informationen, wie es analog das Gen für die Zellen und das Erbmaterial im Körper eines Lebewesens ist. Kann es innerhalb der biologischen Weitergabe von Genen zu Mutationen kommen, so kann dies auch beim Transfer von Memen und Memplexen geschehen, wenn beispielsweise die Übermittlung nicht vollständig ist, missverstanden oder verändert wurde. Wenn man sich zum Beispiel den Fall des Politikers Martin Hohmann ansieht, welcher in seiner Rede vom 3. Oktober 2003 vor seinem Wahlkreis (Fulda) auf Ungleichheiten in Deutschland eingehen wollte und meinte, dass „weder die Deutschen noch die Juden als ‚ Tätervolk ’ bezeichnet werden könnten.“[13] Für die Anwesenden waren die Schlussfolgerungen Hohmanns in Ordnung und wurden nicht als falsch angesehen. Aber in den Medien wurde diese Ansprache, welche zum Tag der Deutschen Einheit gehalten wurde, u. a. durch Weglassen des Memplex ‚ …weder…noch… ’ so fehlerhaft dargestellt[14], dass die Auffassung entstand, Hohmann hätte das jüdische Volk als Tätervolk bezeichnet. Martin Hohmann wurde im Folgenden in den Medien und durch andere Politiker zum Antisemiten verurteilt, was zum Ende der politischen Karriere von Martin Hohmann führte.[15]

Wenn wir ein Parlament[16] mit den Begriffen der Memetik und der Evolutionstheorie betrachten, dann sind Parlamente Institutionen, die als soziale Strukturen um gemeinsame Bündel von Leitideen bzw. Leitdifferenzen (Meme) entstehen. Die Form und die Entwicklung eines Parlaments hängen zum Beispiel von inneren Selektionsbedingungen, von seiner Umwelt bzw. Nische[17] (äußere Prägefaktoren) und von der Vorstellung seiner umgebenden Gesellschaft über Repräsentation ab. Die Leitideen einer parlamentarischen Vertretungskörperschaft (Parlamentieren, Kontrollieren, Repräsentieren) können dabei auf verschiedene Weise verstanden bzw. umgesetzt werden, beispielsweise existiert in einem politischen System formale Repräsentation oder substantielle Repräsentation.[18]

Parlamente können, ebenso wie ihre Leitideen, Muster und Abläufe, durch memetische Replikation in zwei Varianten tradiert werden. Einerseits kann die Vererbung durch Ontogenese geschehen. Dabei werden durch Enkulturation (Hineinwachsen in Strukturen und Abläufe) oder Sozialisation (Einführung durch eine ältere Generation) einer jeden neuen Generation die Strukturen, Leitideen und Funktionen eines Parlaments vererbt. Andererseits kann eine phylogenetische Replikation stattfinden, bei der ganz oder teilweise Baupläne von anderen Vertretungskörperschaften übernommen und dort in einen Bauplan eingefügt oder selbst zum Bauplan werden. Dies kann beispielsweise von Staat A zu Staat B durch Nachahmen, Lernen oder Institutionenimport (Austausch) einzelner Meme bzw. Memplexe geschehen.[19]

Der Evolutorische Institutionalismus kann bei der Analyse des Werdens und Weiterentwickelns einer Institution, zum Beispiel eines Parlaments, helfen, da diese Theorie dem Politikwissenschaftler Instrumente an die Hand gibt, die es ermöglichen, den Zusammenhang vom historischen Werden eines politischen Organs, dessen Strukturbildungs-, Stabilisierungs- und Destabilisierungsprozesse, sowie dessen Möglichkeiten auf Umwelteinflüsse zu reagieren, zu begreifen.[20]

Das Ziel des Evolutorischen Institutionalismus ist dabei nicht die reine Übertragung der biologischen Evolutionstheorie in die Politikanalyse, es ist vielmehr die Abstrahierung und die Ausrichtung auf einen „anderen empirischen Referenten […], nämlich auf die Prozesse der Weitergabe und des Wandels von Altem sowie der Entstehung von Neuem in der sozialen und kulturellen Wirklichkeit.“[21] Daraus ergibt sich die Fragestellung was Institutionen sind, wie diese entstehen, sich in ihrer Umwelt behaupten oder untergehen, sowie welche Vorraussetzungen gegeben sein müssen, damit eine politische Institution aus dem Chaos der menschlichen Gesellschaft überhaupt erst einmal hervorgehen kann.[22]

3 Morphologie in der Politikwissenschaft

Ein Teilgebiet des Evolutorischen Institutionalismus ist die Morphologie[23][24] politischer Institutionen, welche als Wissenschaft das Anliegen verfolgt durch Analysen zu einer „Typenbildung zu gelangen, die dann auch Entwicklungsstränge zu entdecken und gar zu rekonstruieren“[25] vermag. Morphologie will also durch vergleichende Systemanalyse Strukturen erkennen, um zu erklären, wie die zu untersuchenden Gegenstände oder Systeme entstanden sind bzw. sich entwickelt haben.[26]

Die Morphologie als Wissenschaft fand vor allem in der Botanik und in der Zoologie erfolgreiche Anwendung, als sie dabei half Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Lebewesen und deren Arten aufzudecken, indem Körperteile verglichen und auf einen gemeinsamen Vorläufer zurückgeführt werden konnten.[27] Daraus ergaben sich einige wichtige Aufschlüsse, zum einen über die Wechselbeziehungen der Lebewesen mit ihrer Umwelt bzw. der Lebewesen untereinander, sei es in der Gegenwart oder in der Entwicklungsgeschichte. Des Weiteren konnten die Zusammenhänge von inneren und äußeren Prägefaktoren untersucht werden, wie diese den Entwicklungspfad einer Art eines Lebewesens beeinflussten und welchen Pfad diese Art durchlief, bis zu deren heutigen Form.[28] Die Morphologie als vergleichende Wissenschaft benutzt dabei Grundkonzepte zur „Charakterisierung der Ähnlichkeit von Strukturen“[29], anhand derer Gegenstände einander gegenübergestellt und untersucht werden. Diese morphologische Kategorie der Ähnlichkeit hilft durch Aufdeckung von Homologien, Analogien, Homoiologien, Homodynamien und Homonomien zu ergründen, warum was wie geworden ist und welche Pfade der Evolution wahrscheinlicher sind als andere.[30]

„Whenever we find, in two forms of life that are unrelated to each other, a similarity of form or of behaviour patterns which relates to more than a few minor details, we assume it to be caused by parallel adaptation to the same life-preserving function.“[31]

Der Evolutorische Institutionalismus und die darin eingebettete Theorie der Morphologie kann nun auf die verschiedensten Institutionen[32] der Politik und der politischen Systeme angewendet werden. Der Deutsche Bundestag ist eine solche politische Institution, welche als parlamentarische Volksvertretung die verschiedensten Aufgaben innerhalb der Bundesrepublik erfüllt.

3.1 Ziele einer Parlamentsmorphologie

Warum sollte man nun den Bundestag als deutsches Parlament mit einer morphologischen Analyse bedenken, wenn es doch bereits mannigfaltige Untersuchungen mit anderen Analysekonzepten, wie dem Historischen Institutionalismus oder dem der Hermeneutischen Analyse, gibt?

Der Mehrwert einer Institutionenmorphologie liegt darin, dass nicht bloß voneinander gelöste Einzelbeschreibungen der Parlamente aufgezeigt werden, vielmehr ist es durch die Morphologie möglich, den ’status quo’ des Deutschen Bundestages auf dessen Vorgänger und somit auf seine historische Entwicklung zurückzuführen. Des Weiteren werden durch die morphologischen Vergleichskategorien, welche die Ähnlichkeiten des Bundestages zu seinen direkt vorhergehenden Parlamenten[33] oder den politischen Strukturen der Geschichte mit parlamentarischen Eigenschaften präziser darstellen, die Verwandtschaftsverhältnisse untersucht und aufgezeigt. Durch die Analyse der Verwandtschaft von Parlamenten ist es möglich einen Stammbaum der Institutionen dazustellen.[34] Das Ziel dieser Arbeit soll folglich die Darstellung der Verwandtschaftsbeziehungen des Deutschen Bundestages zu seinen Vorgängern sein.

3.2 Morphologische Ähnlichkeitskonzepte

Wenn wir nun ein Parlament auf morphologische Ähnlichkeiten und damit auf Verwandtschaftsbeziehungen untersuchen wollen, stellt sich die Frage: ‚ Wie sind diese Ähnlichkeiten definiert und konzipiert ?’ oder ‚ Wie entstehen diese überhaupt? ’ Verwandtschaftsbeziehungen von parlamentarischen Strukturen, wie sie hier untersucht werden sollen, können durch Parallelevolution, Mosaikevolution oder durch memetische Übertragung entstehen.

Bei der Mosaikevolution werden einmal entstandene Strukturen immer wieder in die Parlamente eingebaut. Dabei werden diese aber verschieden schnell an die Anforderungen der Umwelt bzw. Nische mehr oder weniger angepasst. Dies geschieht vor allem bei Strukturen, die sich bewährt haben und eine starke funktionelle Bedeutung besitzen. Zum Beispiel hat sich das Plenum seit seiner Entstehung kaum verändert, da es Vollversammlungen der Mitglieder in jedem Parlament gab und geben wird. Dagegen haben sich Fraktionen aus den ‚ politischen Clubs ’ entwickelt und damit eine relativ starke Veränderung erfahren. Bei der Parallelevolution von parlamentarischen Strukturen haben sich Grundtypen, auch unabhängig voneinander, in verschiedenen Parlamenten zu ähnlichen Formen entwickelt, da sich ihre Funktionen im Alltag der parlamentarischen Arbeit bewährt haben. Zum Beispiel wäre ein Zweikammernsystem nach der Verfassung der Frankfurter Nationalversammlung entstanden, welches beispielsweise in den USA oder in England ebenfalls existiert.[35]

3.2.1 Homodynamien und Homonomien

Homodynamien sind Vorgänge innerhalb von Entstehungsprozessen, welche durch gleichartige Abläufe zu gleichen oder einander ähnlichen Strukturen führen. Zum Beispiel besitzt der Mensch seit Urzeiten die Fähigkeiten verschiedenste Rangordnungen innerhalb der ihn umgebenden Gesellschaft zu bilden oder Probleme bzw. Problemlösungen zu verhandeln (parlamentieren) oder zu verständigen (deliberieren).

Dabei kam es sehr wahrscheinlich oft zu ähnlichen Strukturen, wie Ältestenräte oder auch Kriegsräte, welche beispielsweise einen Häuptling an ihrer Spitze hatten. Die Möglichkeiten dieser durch solche Strukturbildungsfähigkeiten entstandenen Institutionen wurden der Menschheit in vielen Bereichen offensichtlich, was dazu führte, dass diese nicht mehr nur gelegentlich oder durch Zufall zusammen traten, sie wurden vielmehr zu festen Bestandteilen der menschlichen Gesellschaften und somit strukturell und funktionell stark bebürdet. Homodynamien sind also die einfachsten Ähnlichkeitskonzepte der Morphologie und man kann sie in allen Arten von Parlamenten finden, da zu den Grundfunktionen einer parlamentarischen Institution die Fähigkeiten gehören Rangordnungen zu bilden, zu parlamentieren und zu deliberieren.[36]

Die Suche nach Homonomien als strukturelle Ähnlichkeiten in Parlamenten gestaltet sich ebenso einfach wie die Suche nach Homodynamien. Homonomien sind identische Massenbauteile von Institutionen, welche durch ihre relativ einfachen Baupläne immer wieder neu entstehen und auch in die verschiedensten „Funktionszusammenhänge“[37] eines Parlaments eingebaut werden. So entstehen innerhalb von Parlamenten beispielsweise alle möglichen Arten von Ausschüssen, Referaten oder Kommissionen[38], um das Bedürfnis nach Arbeitsteilung in einer Vertretungskörperschaft zur besseren Problemerkennung und Lösung zu befriedigen.[39]

3.2.2 Homologien

Entdeckt man Strukturen in einer Parlamentsanalyse, denen in den verschiedenen zu vergleichenden Vertretungskörperschaften gleichwertige Rollen und Aufgaben zu teil werden und sich gemeinsam geschichtlich entwickelt haben, hat man die morphologische Ähnlichkeit der Homologie gefunden.[40]

[...]


[1] Patzelt, Werner J., 2007, I, Grundriss einer Morphologie der Parlamente, in: Patzelt, Werner J. (Hrsg.), Evolutorischer Institutionalismus, Würzburg, S. 483-484.

[2] Vgl. Patzelt, Werner J., 2003, II, Parlamente und ihre Funktion, in: Patzelt, Werner J. (Hrsg.): Parlamente und ihre Funktionen, Institutionelle Mechanismen und Institutionelles Lernen im Vergleich, Wiesbaden, S. 13; Zeh, Wolfgang, 1997, Parlamentarismus, Historische Wurzeln – Moderne Entfaltung, Heidelberg, S. 82-83. Diese Arbeit schafft einen Überblick über die historische Entwicklung des Parlamentarismus in Deutschland und stellt für eine morphologische Betrachtung einer Vertretungskörperschaft eine wichtige Grundlage dar.

[3] Vgl. Patzelt, 2007, I, S. 483-488. Die Morphologie in der Politikwissenschaft ist ein Thema, welches noch kaum dazu verwendet wurde ein einzelnes Parlament zu betrachten. Die Arbeit von Professor Werner J. Patzelt (2007) stellt dabei zum allerersten Mal eine Skizze der anzuwendenden analytischen Instrumente und Kategorien dar.

[4] Ismayr, Wolfgang, 2000, Der Deutsche Bundestag, im politischen System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen, S. 15.

[5] Vgl. Patzelt, 2007, I, S. 483-564.

[6] Vgl. Lempp, Jakob, 2007, Morphologie diplomatischer Dienste, in: Patzelt, Werner J. (Hrsg.), Evolutorischer Institutionalismus, Würzburg, S. 565-598. In diesem Beitrag wird der Wandel diplomatischer Dienste betrachtet, was mir parallel zu meiner Arbeit über den Bundestag einige hilfreiche Vorgehensweisen aufzeigte.

[7] Vgl. Darwin, Charles, 1857, Auszug aus einem Brief an Asa Gray, 5. Sept. 1857, in: Heberer, Gerhard (Hrsg.): Darwin – Wallace, Dokumente zur Begründung der Abstammungslehre vor 100 Jahren, 1858/59-1958/59, Göttingen 1959, S. 15-18. Darwin erklärte hier kurz die Ergebnisse seiner Studien, wobei er eine Abstammungstheorie und eine Selektionstheorie formulierte; Irrgang, Bernhard, 1993: Lehrbuch der Evolutionären Erkenntnistheorie, Evolution, Selbstorganisation, Kognition, München / Basel 1993, S. 85. Irrgang stellt fest, dass Charles Darwin die Mutationen in den Arten auf Zufall zurückführte.

[8] Vollmer, Gerhard, 1990, Evolutionäre Erkenntnistheorie, Stuttgart, S. 182.

[9] Vgl. Hennecke, Hans J., 2007, Evolution und spontane Ordnung als Gegenstand der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft, in: Patzelt, Werner J. (Hrsg.): Evolutorischer Institutionalismus, Würzburg, S. 28-29; Die Instrumentalisierung führte zu Gesetzen, die eine Verstümmelung von Menschen rechtfertigte, siehe dazu: Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933, bearbeitet und erläutert von Arthur Gütt, Ernst Rüdin und Falk Ruttke, München 1934.

[10] Vgl. Patzelt, Werner J., 1996, Zum politikwissenschaftlichen Nutzen der EE, in: Riedl, Rupert/ Delpos, Manuela (Hg.), Die Evolutionäre Erkenntnistheorie im Spiegel der Wissenschaften, Wien, S. 273.

[11] Die Evolutionäre Erkenntnistheorie soll hier nur wenig weiter behandelt werden, obwohl sie das Grundgerüst des Evolutorischen Institutionalismus darstellt. Einführende Literatur: Riedl, Rupert / Wuketits, Franz M. (Hrsg.), 1987, Die Evolutionäre Erkenntnistheorie, EE, Bedingungen, Lösungen, Kontroversen, Berlin / Hamburg; Bonet, Elfriede M. / Riedl, Rupert (Hrsg.), Entwicklung der Evolutionären Erkenntnistheorie (Wiener Studien zur Wissenschaftstheorie, Bd. 1), Wien.

[12] Vgl. Dawkins, Richard, 1976, Das egoistische Gen. Heidelberg; Blackmore, Susan, 2000, Die Macht der Meme, Heidelberg. Original Titel: The Meme Machine“.

[13] Brinkbäumer: Einer von uns, in: Der Spiegel, Nr. 47 vom 17.11.2003, S. 49.

[14] Dieter Graumann von der jüdischen Gemeinde Frankfurt/ Main sagte in der Tagesschau vom 30.11.2003: "Der Antisemitismus ist von den Stammtischen […] inzwischen im Deutschen Bundestag angekommen"; Zur Konstruktion von Wirklichkeit siehe: Patzelt, Werner, 1987, Grundlagen der Ethnomethodologie, Theorie, Empirie und politikwissenschaftlicher Nutzen einer Soziologie des Alltags, München.

[15] Schenk, Fritz, Der Fall Hohmann … und kein Ende. Mit dem Sondervotum des Bundesparteigerichts der CDU, München 2005.

[16] Von Parlamentarismus und von einer parlamentarischen Institution wird hier stets dann gesprochen, wenn es in einem politischen System eine Vertretungskörperschaft gibt, der eine politische Aufgabe zumindest zugeschrieben wird. Vgl. Patzelt, 2007, I, S. 483-496.

[17] Die Nische eines Parlaments (Institution) ist der Teil der Umwelt, welcher für ihre Entwicklung, Selbsterhaltung und ihre Reproduktion von Bedeutung ist. Die Wichtigste Rolle dabei spielen finanzielle, materielle, personelle (Geber und Nehmer, Mitstreiter und Konkurrenten) und informelle Ressourcen.

[18] Vgl. Patzelt, 2007, I, S. 489-491. Leitideen sind kulturelle Muster à Kulturelle Muster sind Meme à Meme sind Regeln und Anweisungen zur Ausübung von Verhaltensweisen.

[19] Vgl. Patzelt, 2007, I, S. 490-49. Institutionenimport, was heißen kann, dass der Grundbauplan eines Parlaments in ein anderes Land, welches vorher keinen Parlamentarismus hatte, übernommen wird.

[20] Da der Evolutorische Institutionalismus hier nicht das Thema der Arbeit darstellt, bitte ich den Leser die Einführungskapitel zum EE in Patzelt, 2007, I zu lesen.

[21] Patzelt, Werner J., 2007, II, Kulturwissenschaftliche Evolutionstheorie und Evolutorischer Institutionalismus, in: Patzelt, Werner J. (Hrsg.), Evolutorischer Institutionalismus, Würzburg, S. 138.

[22] Vgl. Ebd., S. 170-173. Auf die weiteren Grundansätze und Fragen soll erst später eingegangen werden.

[23] Vom griechischen morphé, was soviel wie Gestalt oder Erscheinungsform bedeutet.

[24] Vgl. Irrgang, 1993, S. 292. Irrgang stellt hier die Morphologie als ’Strukturforschung körperlicher Merkmale von Lebewesen’ vor, was auf ein politisches Organ übertragen in dieser Arbeit angewendet werden soll.

[25] Patzelt, 1996, S. 279.

[26] Weingarten, Michael, 1992, Organismuslehre und Evolutionstheorie, Hamburg, S. 204. Die Morphologie „…beansprucht den faktischen Verlauf der Evolution, die Phylogenese, rekonstruieren zu können.“

[27] Ein Beispiel für diese erfolgreiche Anwendung war der Nachweis, dass sich Wale einst aus Landlebewesen entwickelten. Dies konnte anhand der verkümmerten hinteren Extremitäten, welche beim Wal nur noch als zwei kleine Knochüberreste (rudimentär) vorhanden sind, aufgezeigt werden; Vgl. Bhatt, Christa, 1991, Einführung in die Morphologie (= Kölner Linguistische Arbeiten – Germanistik, Bd. 23), Hürth-Efferen, S. 11-12. Morphologie findet man aber auch vor allem in den Sprachwissenschaften, in denen die Linguisten die Formen, Gestalten und Ähnlichkeiten von Sprache untersuchen.

[28] Vgl. Patzelt, 2007, II, S. 133-136.

[29] Lempp, 2007, S. 569.

[30] Vgl. Riedl, Rupert, 1987, Evolutionäre Begründung der Morphologie, in: Bonet, Elfriede M. / Riedl, Rupert (Hrsg.), Entwicklung der Evolutionären Erkenntnistheorie (Wiener Studien zur Wissenschaftstheorie, Bd. 1), Wien, S. 86-88.

[31] Lorenz, Konrad Z., 1973, Analogy as a source of Knowledge, Nobel Lecture, Altenberg, S. 97.

[32] Siehe: Patzelt, 2007, II & Lempp, 2007.

[33] Korporative Vertretungskörperschaften entstehen homodynamisch, weswegen alle miteinander verwandt sind, wie gewissermaßen alle Menschen dies auch sind. Vgl. Patzelt, 2007, I, S. 509-510.

[34] Vgl. Lempp, 2007, S. 598. Jakob Lempp hat hier einen Stammbaum für die ’Moderne Diplomatie’ skizziert, was mir für die Analyse des Parlamentarismus ebenfalls möglich erscheint.

[35] Vgl. 2. Kapitel; Patzelt, 2007, II, S. 162-163.

[36] Vgl. Patzelt, 2007, I, S. 509-510.

[37] Ders., S. 510.

[38] Vgl. Ismayr, 2001, S. 167-171; Blumöhr, Fritz / Hübner, Emil / Maichel, Alois, 2004, Die politische Ordnung in Deutschland, München, S. 65-67. Der Bundestag der 15. Wahlperiode verteilte die Ausschussarbeit auf 21, der 14. auf 23 und der 13. auf 22 ständige Ausschüsse.

[39] Vgl. Patzelt, 2007, I, S. 510-511.

[40] Vgl. Lempp, 2007, S. 569.

Details

Seiten
46
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638034111
ISBN (Buch)
9783638930925
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88060
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Lehrstuhl Politische Systeme und Systemvergleich
Note
2,5
Schlagworte
Morphologie Deutschen Bundestages Evolutionstheorie Politikwissenschaft Institutionalismus) Paulskirche

Autor

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