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Erwachsenenbildung und Radikaler Konstruktivismus - eine kritische Betrachtung der Didaktik Ernst von Glasersfelds

Hausarbeit 2007 26 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Radikale Konstruktivismus Ernst von Glasersfelds
2.1 Wirklichkeit, Viabilität und Grenzen der Erkenntnis
2.2 Wissen

3. Folgen für die Didaktik der Erwachsenenbildung
3.1 Didaktische Grundannahmen
3.2 Methodische Hinweise
3.3 Zielperspektiven didaktischen Handelns in radikal- konstruktivistischer Sichtweise. Oder: Woher nehmen wenn nicht stehlen?

4. Kritik am Radikalen Konstruktivismus Glasersfelds
4.1 Kritik von innen
4.2 Kritik von außen. Oder: Die argumentative Funktion des ‚metaphysischen Realisten’

5. Abschließende Bemerkungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Radikale Konstruktivismus hat die pädagogische Theorie nachhaltig erschüttert. Nicht nur die Frage nach der ‚Wirklichkeit’, sondern auch die nach Werten und Normen in der Erziehung verlieren mit dieser Theorie ihre Geltungskraft. Sie werden im Radikalen Konstruktivismus als Konstrukte des Subjekts dargestellt, das als in sich abgeschlossen und auf sich selbst beziehend (autopoietisch) dargestellt wird.

Auch der traditionelle Lernbegriff kann sich der Diskussion um den Radikalen Konstruktivismus nicht entziehen. Denn Lernen wird nun als Prozess verstanden, der zwar von außen durch Anreize und Informationen stimuliert, diese jedoch selbstständig verarbeitet. Die Verarbeitung geschieht nach den Maßgaben des eigenen Systems, eben autopoietisch. Sicher kann sich der Lehrende nicht mehr sein, dass die Inhalte, so wie er sie vermitteln möchte, auch in den Köpfen der Lernenden hängen bleiben. Vielmehr wird mit dem Konstruktivismus die Verbindung dieses Verhältnis von zu vermittelndem Inhalt (Lehrender) und zu erfassendem Inhalt (Lernender) negiert. Lernen ist zu begreifen als autopoietische Konstruktion und kann nur von außen angeregt und angestoßen werden, der weitere Verlauf ist nicht vorhersehbar.

Zum großen Teil wird diesem Denken in der Erwachsenenbildung nachgegangen. Horst Sieberts Buch „Didaktisches Handeln in der Erwachsenenbildung“, das 2006 bereits in der fünften Auflage erschienen ist, trägt im Untertitel den ausdrücklichen Verweis auf den Konstruktivismus: „Didaktik aus konstruktivistischer Sicht“. Dieses Buch stellt den allgemeinen Kenntnisstand der aktuellen Diskussion in der Erwachsenenbildung dar und dient heute einer Einführung in die Didaktik der bildnerischen Arbeit mit Erwachsenen.

Betrachtet man die Erwachsenenbildung aus radikal-konstruktivistischer Sicht, so ergeben sich weit reichende Folgen für diese zentrale pädagogische Disziplin. Nicht nur der Lernbegriff erhält eine entscheidende Umdeutung, auch die didaktischen Ziele verlieren ihren Universalitätsanspruch. Außerdem wird zielgerichtete Vermittlung eines Inhalts zur Farce, wenn Inhalt als je subjektiv konstruiert verstanden wird.

Die Annahmen des Radikalen Konstruktivismus verändern die Didaktik der Erwachsenenbildung daher maßgeblich. Die vorliegende Arbeit soll zweierlei leisten. Zum Einen sollen die Auswirkungen des Radikalen Konstruktivismus auf die Didaktik dargelegt werden, zum anderen sollen diese Aufassungen einer Kritik unterzogen werden und andere Möglichkeiten des Verhältnisses von Subjekt und Objekt im Rahmen der Erkenntnis dargestellt werden.

Von ‚dem’ Radikalen Konstruktivismus zu sprechen fällt schwer, denn jeder Autor hat seine eigenen Quellen und Methoden, aus denen er zu seinen Einsichten kommt. Diese Arbeit stützt sich maßgeblich auf Ernst von Glasersfeld, da er als einer der Gründer des Radikalen Konstruktivismus gilt, und sich außerdem eingehend mit didaktischen Fragen beschäftigt hat.

Folgende Gliederung bietet sich hierfür an. Nach diesen einleitenden Worten werden im zweiten Kapitel die Grundzüge des Radikalen Konstruktivismus behandelt. Zunächst werde ich die zentralen Thesen zu den Begriffen Wirklichkeit, Viabilität und Grenzen der Erkenntnis darstellen (2.1), hieran anschließend den Begriff des Wissens (2.2) offen legen. Das dritte Kapitel wird sich mit den Folgen für die Didaktik der Erwachsenenbildung beschäftigen, die sich aus dem Radikalen Konstruktivismus ergeben. Hier werden zuerst die didaktischen Grundannahmen verdeutlicht (3.1), um danach einige methodische Hinweise zu erläutern (3.2). Das dritte Unterkapitel wird die Problematik des Radikalen Konstruktivismus beschreiben, Ziele didaktischen Handelns anzugeben (3.3). Im vierten Kapitel soll der Radikale Konstruktivismus Ernst von Glasersfeld kritisiert werden. Als ‚innere’ Kritik (4.1) wird seine These behandelt, der Mensch könne nur die Grenzen der Realität, nicht aber die Realität selbst erkennen. Von ‚außen’ ist an den Radikalen Konstruktivismus zu fragen, wie er seine eigene Theorie glaubhaft zu machen sucht und welche für die Wissenschaft der Pädagogik zentralen Aspekte er aus seinem Blickwinkel ausschließt (4.2).

2. Der Radikale Konstruktivismus Ernst von Glasersfelds

Ernst von Glasersfeld kann als einer der profiliertesten Vertreter des Radikalen Konstruktivismus angesehen werden. Dem mehrsprachig aufgewachsenen Wiener sind die Fragen nach der Wirklichkeit der Welt schon früh virulent geworden. „Die Welt, die sich im Deutschen mühelos und glatt hervorrufen läßt, ist fast nie genau die gleiche, die man sich vorstellt, wenn man Englisch spricht.“[1] Ist die ‚englische Sichtweise’ der Welt denn die richtigere? Oder die deutsche, oder die französische? Aus diesen Fragen hat sich Glasersfelds für den Radikalen Konstruktivismus leitende zentrale These ergeben: „Der Radikale Konstruktivismus beruht auf der Annahme, daß alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und daß das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrung konstruieren kann.“[2] Wissen – auch das über die Welt – ist prinzipiell nur abhängig vom erfahrenden Subjekt und kann daher niemals die Realität abbilden. Oder, wie es Horst Siebert ausdrückt, „unsere Wirklichkeit wird nicht von uns entdeckt, sondern erfunden.“[3]

Die von Glasersfeld eingeführte Unterscheidung von ‚Wirklichkeit’ und ‚Realität’ wird im Folgenden übernommen. Er versteht unter „Wirklichkeit“ all das, „was durch menschliches Wirken als menschliches Wissen hervorgebracht worden ist“ und unter „Realität“ die „Realität, die als solche existieren soll, bevor ein Erlebender überhaupt in sie hineingeboren ist“[4]. Man könnte auch sagen, dass ‚Wirklichkeit’ die je subjektive Konstruktion von Welt beschreibt, ‚Realität’ die objektive Welt, deren Erkenntnis nach dem Radikaler Konstruktivismus niemals erfolgen kann. Der Radikale Konstruktivismus Ernst von Glasersfeld soll nun näher anhand der Begriffe Wirklichkeit, Viabilität und Grenzen der Erkenntnis (2.1) sowie Wissen (2.2) erläutert werden.

2.1 Wirklichkeit, Viabilität und Grenzen der Erkenntnis

Ein weit verbreitetes von Paul Watzlawick, einem weiteren bedeutenden Vertreter des Radikalen Konstruktivismus, herausgegebenes Buch trägt den Titel „Die erfundene Wirklichkeit“[5]. Der Name ist Programm. Die Wirklichkeit, die wir wahrzunehmen glauben, ist nie eine objektive Wirklichkeit, sondern nur eine Wirklichkeit, die je subjektiv erfunden wird. Die Realität, also die Wirklichkeit an sich ohne subjektive Wahrnehmung, kann niemals erkannt werden. Wir leben in einer Wirklichkeit, die wir erfunden haben, das „vermeintlich Gefundene ist ein Erfundenes“[6].

Um eine Übereinstimmung unserer Wirklichkeit mit der Realität feststellen zu können, müssten wir diese mit jener vergleichen können. Das ist uns jedoch niemals möglich, da wir immer in unserer Wahrnehmung verhaftet bleiben. Glasersfeld verdeutlicht dies im Rückgriff auf die pyrrhohnischen Skeptiker und Sextus Empiricus am Beispiel der Wahrnehmung eines Apfels. „Unseren Sinnen erscheint er glatt, duftend, süß und gelb – aber es ist keineswegs selbstverständlich, daß der Apfel diese Eigenschaften wirklich besitzt“[7]. Möglich wäre auch, dass er noch andere Eigenschaften besitzt, die unseren Sinnen entgehen. So folgert Glasersfeld: „Die Frage ist unbeantwortbar, denn, was immer wir machen, wir können unsere Wahrnehmung von dem Apfel nur mit anderen Wahrnehmungen vergleichen, niemals aber mit dem Apfel selbst, so wie er wäre, bevor wir ihn wahrnehmen.“[8] Über die Realität können wir also niemals etwas aussagen, sie ist „eine Fiktion“[9]. Wir können nur über unsere subjektive Konstruktion von Wirklichkeit sprechen.

Wie stellt sich Glasersfeld den Erkennensprozess vor, wenn nicht als Erkennen einer ontischen Realität? Hier stoßen wir auf einen für den Radikalen Konstruktivismus zentralen Begriff, nämlich den der ‚Viabilität’. „Wo die Überlieferung, trotz Kant, zwischen Erlebnis und „Wirklichkeit“ stets Gleichförmigkeit, Übereinstimmung oder zumindest Korrespondenz als natürliche und unerläßliche Voraussetzung betrachtete, postuliert der radikale Konstruktivismus die grundsätzliche andersartige Beziehung der Kompatibilität oder, wie ich sie in Anlehnung an den englischen Ausdruck nennen möchte, der Viabilität.“[10] Er umschreibt den Ausdruck der Viabilität mit der Differenz von ‚passen’ und ‚stimmen’. Ob die Wirklichkeit, die wir erkennen stimmt, also der Realität entspricht, das können wir nicht wissen und, so zitiert er Wittgenstein, „[w]ovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“[11] Dass die Wahrnehmung passt, das können wir wissen, was aber „nicht mehr und nicht weniger [bedeutet], als daß es den Dienst leistet, den wir uns von ihm erhoffen.“[12] Die Realität zu erkennen bleibt uns verwehrt, jedoch innerhalb unserer Wahrnehmung in so weit passende Aussagen zu treffen, als sie nicht auf Schranken der Realität stoßen, das ist uns möglich.

Den Gedanken der Viabilität entnimmt Glasersfeld der Darwinschen Evolutionstheorie, die dafür den Begriff der natürlichen Auslese verwendet. In der Natur funktioniert der Prozess der Auslese „negativ, indem sie [die Natur] all das, was der Prüfung nicht standhält, eben untergehen läßt.“[13] Bezogen auf die Erkenntnis des Menschen bedeutet dies, dass der Mensch niemals sagen kann, ob seine Erkenntnis ‚wahr’ oder ‚richtig’ ist, sondern nur, dass sie ‚passt’ und das heißt nicht mehr als dass sie „brauchbar, relevant, lebensfähig“[14] ist. „Wenn eine Problemlösung, sei es ein Begriff, ein erklärendes Modell, eine Theorie, oder ganz allgemein eine Handlungs- oder Denkweise in einem Erfahrungsbereich funktioniert und erfolgreich ist, dann spricht der Konstruktivist von »Viabilität«“ oder „»Gangbarkeit«“[15]. In den Siegener Gesprächen zum Radikalen Konstruktivismus vereinfacht Glasersfeld diesen Gedanken zu einem „Anything goes if it works.“[16]

In der Darwinschen Evolutionstheorie ist die Grenze, an denen die Arten scheitern können, der Tod. Die Arten, die der natürlichen Auslese standhalten, überleben, die anderen sterben. Hierbei wird jedoch noch nichts darüber ausgesagt, wie der beste oder richtige Weg des Lebens stattzufinden hat, sondern nur dass dieser eine Weg eine Möglichkeit des Überlebens bietet. Was entspricht dem Tod als natürliche Auslese innerhalb der Evolutionstheorie in der Theorie des Radikalen Konstruktivismus Glasersfelds? Welches sind die Grenzen der Erkenntnis?

Glasersfeld nennt dies die „Schranken der Welt“[17], die die Grenzen unserer Erkenntnis bestimmen. „Viabilität beschreibt einen Weg, der durch eine Landschaft von Schranken und Hindernissen führt, und darum weder willkürlich noch ganz beliebig ist.“[18] Glasersfeld macht dies am Beispiel eines blinden Wanderers deutlich, der einen Fluß jenseits eines Waldes erreichen möchte. Dieser Wanderer „kann zwischen den Bäumen viele Wege finden, die ihn an sein Ziel bringen. Selbst wenn er tausendmal liefe und alle die gewählten Wege in seinem Gedächtnis aufzeichnete, hätte er nicht ein Bild des Waldes, sondern ein Netz von Wegen, die zum gewünschten Ziel führen, eben weil sie die Bäume des Waldes erfolgreich vermeiden.“[19] Sehen wir uns Menschen als blinde Wanderer auf dem Weg zum Fluss an, so müssen wir in Bezug auf die Erkenntnis des dazwischen liegenden Waldes konstatieren, dass wir nicht wissen, wie dieser beschaffen ist. Wir können ihn ja nicht ‚sehen’. Doch passt das Netz von erfolgreichen Wegen in den ‚wirklichen’ Wald, womit aber noch keine Aussage über die Realität des Waldes gemacht werden kann. Unsere Umwelt „besteht lediglich aus Schritten, die der [blinde] Wanderer erfolgreich gemacht hat, und Schritten, die von Hindernissen vereitelt wurden.“[20] Über die Art und Weise der Hindernisse können wir jedoch nicht mehr aussagen, als dass der Weg hier nicht weiter führt und unsere Erkenntnis hier an ein Ende gelangt. „[S]o bauen wir unser „Weltbild“ aus Signalen auf, deren Ursprung wir uns [...] nur in Berührungen mit Hindernissen der Umwelt vorstellen können.“[21]

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der Radikale Konstruktivismus mit der traditionellen Auffassung von Erkenntnis als einer Abbildtheorie bricht und die radikale subjektive Konstruktion der Erlebenswelt postuliert. Diese Konstruktion stößt an bestimmten Stellen an Grenzen der Realität, über deren Beschaffenheit jedoch nichts weiter ausgesagt werden kann. Die einzige Vorgabe an Erkenntnisse ist, dass sie in die Realität ‚passen’, jedoch nicht ‚stimmen’ müssen, was Glasersfeld mit dem Begriff der Viabilität beschreibt.

[...]


[1] Glasersfeld 1998, S. 13

[2] Glasersfeld 1996, S. 22

[3] Siebert 2006, S. 21

[4] Glasersfeld zitiert nach Dörfler/Mitterer 1998, S. 42

[5] Watzlawick 1981

[6] Watzlawick 1981, S. 9

[7] Glasersfeld 1981, S. 25

[8] Glasersfeld 1981, S. 25

[9] Glasersfeld 1997, S. 47

[10] Glasersfeld 1985, S. 9

[11] Wittgenstein zitiert nach Glasersfeld 1997, S. 33

[12] Glasersefeld 1981, S. 20

[13] Glasersfeld 1981, S. 21

[14] Glasersfeld 1981, S. 22

[15] Glasersfeld 1998, S. 30

[16] Glasersfeld zitiert nach Schmidt 1987, S. 429

[17] Glasersfeld 1981, S. 35; in Kapitel 4.1 wird die Problematik dieser Schranken verdeutlicht.

[18] Glasersfeld 1998, S. 30

[19] Glasersfeld 1985, S. 9

[20] Glasersfeld 1985, S. 9

[21] Glasersfeld 1985, S. 11; wie Josef Mitterer im Tusculanischen Gespräch (Dörfler/Mitterer 1998, S. 62) anmerkt, besteht hierin eine große Nähe zum Kritischen Rationalismus Poppers, mit dem der Radikale Konstruktivismus Glasersfelds die „Idee des »Scheiterns an der Realität« gemeinsam habe[ ]“.

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638017305
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88158
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Schlagworte
Erwachsenenbildung Radikaler Konstruktivismus Betrachtung Didaktik Ernst Glasersfelds

Autor

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