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Theodor Storm - Renate - Eine Chroniknovelle

Seminararbeit 2000 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zur Gattung der Novelle
1.1 Die Chroniknovelle

2. Aufbau und Struktur der Novelle
2.1 Zur Funktion der Rahmen- und Binnenerzählung

3. Fiktion oder Wirklichkeit:: Die Suche nach Quellen
3.1 Die Örtlichkeit: Schwabstedt und Umgebung
3.1.1 Der Schwabstedter Hof und der Fingaholi
3.2 Die Personen der Novelle
3.2.1 Renate - Die letzte Hexe?
3.2.1 Petrus Goldschmidt und seine Widersacher

4. Schluß

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Im 19. Jahrhundert war der Roman zur beherrschenden Literaturgattung Europas geworden. Allein im deutschsprachigen Raum fand eine andere Entwicklung statt. Die hier dominierende Gattung war nach wie vor die Novelle. Gerade in Deutschland hegte man eine besondere Vorliebe für diese Form der Erzählung und Theodor Mundt nannte sie gar einmal ein „Deutsches Haustier“[1]. Über die Gründe für die unterschiedliche Rangordnung zwischen Roman und Novelle ist viel spekuliert worden. Werner Preisendanz bemerkt dazu:

„Als welthaltigste Gattung, die sich öffnete auf Wirklichkeitsbereiche, welche zuvor nicht als kunstfähig und kunstwürdig galten, schien der Roman die Kriterien poetischer Literatur nur zweifelhaft zu erfüllen; diese Einschätzung verzögerte in Deutschland trotz der Romantik im Gegensatz zu Frankreich und England die Emanzipation bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.“[2]

Auch Theodor Storm war von der Gattung der Novelle fasziniert. Sein narratives Werk besteht ausschließlich aus Erzählungen, die dieser Form entsprechen. Besonders seine Chroniknovellen, die in der zweiten Hälfte seines dichterischen Schaffens entstanden, spielen in seiner Prosa eine wichtige Rolle. Besonders die Hexenthematik interessierte Storm in seiner späteren Schaffensphase. Schon 1858 schreibt er an seine Frau Constanze über jene „furchtbarste, finsterste Region einer - freilich erst vergangenen Vorzeit.“[3] Das Motiv der Hexe und ihrer Verfolgung findet sich in vielen Novellen Storms wieder. „Renate“ jedoch „has been described as ‘Storms eigentliche Hexennovelle’ [...] because of the central significance of the witchcraft theme.“[4] Die literarische Gestaltung der persönlichen Schicksale in Storms Chroniknovellen sieht Zhiyou Wang als „überzeugende Beweise dafür, daß er die Vergangenheit als Gleichnis der Gegenwart verwandte [...] Der Dichter schildert in seinen Novellen die Geschichte niemals um der Geschichte willen, sondern um für seine antifeudalen und antiklerikalen Grundgedanken, für seine Verteidigung der Menschenwürde einzutreten.“[5] Ob dieses Zitat verifiziert werden kann und in wie fern sich Storm auf tatsächlich Geschehenes bezog soll Thema dieser Arbeit sein.

1. Zur Gattung der Novelle

Die Novelle ist, wie schon erwähnt, die vorherrschende Gattung der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert. Ihr Name entstammt der Rechtswissenschaft und bezeichnete ursprünglich einen Nachtrag oder eine Neuigkeit; auf das Gebiet der Dichtung wurde das Wort erstmals von italienischen Humanisten. Noch heute wird vor allem Giovanni Boccaccios Geschichtensammlung „Il Decamerone“ als Musterbild der Gattung angesehen. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von hundert Geschichten, die durch eine Rahmenhandlung verbunden sind.[6]

„Unbestritten ist wohl inzwischen in der neuesten Novellenforschung, daß die Novelle in keinem Falle im Sinne einer normativen Poetik ein für allemal festgeschrieben werden kann [...]“[7]

Tatsächlich existieren Novellen selbst in Versform, zumeist handelt es sich aber um Prosaerzählungen, die sich vor allem durch einsträngiges Erzählen auszeichnen. Im Mittelpunkt steht eine unerhörte Begebenheit oder ein Konflikt, der im Gegensatz zum Roman nur begrenzt dargestellt wird. Nach Paul Heyse entfaltet dieser ein Gesellschaftsbild im Großen und ein Weltbild im Kleinen, während „die Novelle in einem einzigen Kreise einen einzelnen Konflikt, eine sittliche oder Schicksals-Idee oder ein entschieden abgegrenztes Charakterbild darzustellen und die Beziehungen der darin handelnden Menschen [...] nur in andeutender Abbreviatur durchschimmern zu lassen [hat]“[8]

Storm selbst sah in der Gattung der Novelle „die Schwester des Dramas und die strengste Form der Prosadichtung.“[9] Sie bot ihm die Möglichkeit, einerseits als Erzähler tätig zu sein[10] und andererseits seiner lyrischen Natur Rechnung zu tragen. Er selbst bemerkte dazu:

„Meine Novellistik ist aus meiner Lyrik erwachsen.“[11]

1.1 Die Chroniknovelle

Durch die Beschäftigung mit mittelalterlicher Literatur und Chroniken entstand zur Zeit der Romantik eine neue Form der Novelle. Besonders Achim von Arnim und Clemens Brentano, in dessen „Chronik eines fahrenden Schülers“ Therese Rockenbach die erste Chroniknovelle überhaupt sieht[12], waren an dieser Entwicklung beteiligt.

Die Chroniknovelle zeichnet sich durch einige charakteristische Merkmale aus. Sie gibt meist vor, auf dem Fund einer alten Handschrift oder einer Chronik zu basieren. Der Fragmentcharakter, der ihr häufig zu eigen ist, unterstreicht diesen Eindruck noch, ebenso wie die oft altertümelnde, archaisierende Sprache. Für den Leser entsteht so der Eindruck, er habe tatsächlich einen Augenzeugenbericht oder zumindest den Bericht eines Chronisten vorliegen. Die Handlung wird meist in einer Rahmenerzählung eingeführt, der eine Binnenerzählung folgt. Der Erzähler der Rahmenhandlung ist nicht selten ein Ich-Erzähler. Das ist auch in unserem Beispiel „Renate“ der Fall. Nach Rockenbach sind grundsätzlich drei Gruppen von Chroniknovellen zu unterscheiden:

„Zur ersten gehören die Erzählungen, die von ihren Autoren direkt als Chronikfunde ausgegeben werden [...]. Eine zweite Gruppe von chronikalischen Erzählungen enthält angeblich alte, vergilbte, in der verschnörkelten Schrift vergangener Zeiten geschriebene Manuskripte. Der Dichter tritt als Herausgeber dieser Handschriften auf. [...] Endlich kann die chronikalische Novelle auch in einfach referierender Ausdrucksform auftreten. Der Dichter erzählt im Ton und Stil eines Chronisten die Ereignisse, oder aber er tritt [...] selbst als Chronist auf [...].“[13]

Storm wählte den inhaltlichen Stoff seiner Novellen zumeist aus der Vergangenheit. Man hat ihm deshalb immer wieder vorgeworfen, sich in vergangene Zeiten zu flüchten, oder sie gar verklärt darzustellen. Inwiefern diese Kritik berechtigt ist, wird noch zu klären sein.

2. Aufbau und Struktur der Novelle

Storms Novelle „Renate“ gliedert sich in drei Teile. Die Rahmenhandlung wird von einem Ich-Erzähler wiedergegeben. Sie dient als Einleitung und beschreibt zunächst die Örtlichkeit, sodann die Entdeckung der Handschrift. Der Hauptteil wird von der Chronik, d.h. den Erinnerungen des Josias bestimmt, während der Brief des Pastor Jensen den Schluß darstellt. Auf Punkt 1.1 dieser Arbeit bezugnehmend, zählt „Renate“ also zu der zweiten Gruppe von Chroniknovellen. Der Erzähler der Rahmenhandlung gibt hier vor, eine alte Handschrift, nämlich die Lebenserinnerungen von Josias, gefunden zu haben, welche die Binnenhandlung der Erzählung bestreitet. Die Handlung findet zwischen 1700 und 1707 statt, also zur Zeit des Barock. Der abschließende Brief ist von Josias’ Neffen Andreas verfaßt, der die Jugenderinnerungen seines Onkels an den Urgroßonkel unseres Rahmenerzählers schickt. Die einführende Rahmenerzählung wird nicht geschlossen, der Rahmenerzähler kommt nicht mehr zu Wort.

2.1 Die Funktion von Rahmen- und Binnenerzählung

Schon die einführende Rahmenerzählung verweist auf den wahren Hintergrund der folgenden Chronik. Der Ich-Erzähler, dessen Name von Storm nicht erwähnt wird (möglicherweise tritt der Dichter selbst als Erzähler auf), beschreibt das Dorf Schwabstedt, das „in einiger Entfernung von meiner Vaterstadt“[14] gelegen ist. Nach einigen einleitenden Worten kommt er direkt auf die in der Chronik maßgeblichen Örtlichkeiten zu sprechen. Er beschreibt das Haus von Renate und ihrem Vater, das schon immer etwas unheimlich auf ihn wirkte.

„Das Haus, das schon durch seine zwei Stockwerke sich von den übrigen Bauernhäusern unterschied, gewann allmählich eine geheimnisvolle Anziehungskraft für mich [...]“[15]

Um die Glaubwürdigkeit der bald folgenden Handschrift zu erhöhen, läßt Storm dem Rahmenerzähler Mutter Pottsacksch begegnen. Diese erzählt von der mutmaßlichen Hexe Renate, die einmal in dem erwähnten Haus gewohnt habe.

„‘Dotomal?’ rief die Alte und stemmte die freie Hand in ihre Seite. ‘Dotomal hätt de Hex hier wahnt!’“[16]

Zum Beweis führt Mutter Pottsacksch ihre Urgroßmutter an, die „habe das blasse Gesicht mit den großen brennenden Augen hinter den kleinen Fensterscheiben sitzen sehen.“[17]

Nicht ohne Ironie läßt Storm also eine Art mündliche Chronistin in seiner Chroniknovelle auftreten. Während aber letztere den Anspruch auf Authentizität erhebt, wird bei ersterer deutlich, daß ihr nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf:

„‘Und war das Pferd denn schwarz?’ fragte ich endlich, um mein schnell geschaffenes Phantasiebild noch in etwas zu vervollständigen. ‘Swart?’ schrie Mutter Pottsacksch, wie entrüstet über eine so überflüssige Frage. ‘Gnidderswart! Das mag de Herr wull löwen’“[18]

[...]


[1] Mundt zitiert nach Preisendanz S.12

[2] Preisendanz, S.12

[3] Storm zitiert nach Terpstra (1974), S.50

[4] Burns, S.76

[5] Wang, S.118

[6] vgl. Krämer, S.6

[7] ebnd. S.6

[8] Heyse zitiert nach Krämer, S. 40

[9] Storm in ebnd., S.50

[10] Werner Preisendanz schreibt dazu: „Unzählige Male verweisen die Texte ausdrücklich auf die ‘Sprachhandlung’ Erzählen, der sie sich verdanken; immer wieder wird das Sujet der Novellen als ‘Geschichte’ apostrophiert;[...]“ S.15

[11] Storm zitiert nach Preisendanz., S. 13

[12] vgl. Rockenbach, S. 2

[13] ebnd., S.8

[14] Storm, S.172

[15] Storm, S.173

[16] ebnd., S:174

[17] ebnd., S.175

[18] ebnd.

Details

Seiten
27
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638156882
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8816
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Neuere deutsche Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Theodor Storm; Chroniknovellen; Germanistik; Literaturwissenschaft

Autor

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