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Industrielle Produktion in Zeiten der Informationsgesellschaft

Hausarbeit 2005 25 Seiten

Soziologie - Wissen und Information

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Informationsgesellschaft
2.1 Konzepte der Informationsgesellschaft
2.2 Stagnation des Konzepts Informationsgesellschaft und die Rolle
der Soziologie

3. Industrieller Strukturwandel und dessen Folgen auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene
3.1 Gesellschaftliche Produktion von Risiken – die „Risikogesellschaft“
3.2 Wissenssoziologische Erklärungsversuche industr. Rationalisierung

4. Technikbedarf in der industriellen Produktion aus der Perspektive erfahrungsgeleiteter Arbeit
4.1 Informatisierung betrieblichen Erfahrungswissens
4.2 Das Konzept „erfahrungsgeleiteter Arbeit“ in der industr. Produktion
4.3 Moderation, Supervision und Nutzerrückkopplung als Elemente des
methodischen Vorgehens zur Ermittlung von Technikbedarf
4.4 Anwendung in der Praxis - die Methode KOMPASS

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Konstitutive Komponenten erfahrungsgeleiteter Arbeit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 - Allgemeines Schema des Sozialen Wandels

1. Einleitung

,,In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?", so lautet die Frage, die Armin Pongs in seinem gleichnamigen Buch stellt. Antworten auf diese Frage fallen sehr unterschiedlich aus. Neben gesellschaftstheoretischen Konzepten wie der Risikogesellschaft (Beck, U.; 1986), Kommunikationsgesellschaft (Münch, R.; 1991) oder Erlebnisgesellschaft (Schulze, G.; 1992) ist in den letzten Jahren zunehmend der Begriff „Informationsgesellschaft“ in den Vordergrund getreten. Alle Konzepte haben gemein, dass sie den Wandel der Gesellschaft unter einem bestimmten Aspekt betrachten. Sie versuchen dabei, die zentrale Besonderheit hervorzuheben, welche die Gesellschaft entscheidend bestimmt. Im Falle der Informationsgesellschaft liegt der Fokus auf dem Begriff Information. Zwar sind Informationen kein neues „Phänomen“ der Menschheitsgeschichte, doch ist es offensichtlich, dass der Bedarf an Informationen zur Generierung von Wissen Ausmaße und Formen annimmt, die Informationen als charakteristisches Merkmal der modernen Gesellschaft gelten lassen.

Augenscheinlich wird diese Entwicklung vor allem in der Arbeitswelt. Die Schaffung, Verteilung und Bewertung von Informationen beschäftigt eine stetig steigende Anzahl von Menschen, informationsorientierte Berufe nehmen zu. Ein jeder produziert und konsumiert Informationen, lebt also quasi mit und in Informationen als Teil der Informationsgesellschaft.

„Moderne Informationstechnologien werden als Chance für die Verwirklichung integraler Gestaltungskonzepte gesehen, denn sie eröffnen nicht nur Optionen hinsichtlich verschiedener Arbeits- und Organisationsformen, sondern sie stellen – wie auch die zunehmend komplexeren Umweltbedingungen – höhere Anforderungen an die organisationale Flexibilität.“[1]

Im Folgenden soll geklärt werden inwieweit der Trend zur Informatisierung im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland, als einem der wichtigsten Wirtschaftszweige in Bezug auf Beschäftigung und volkswirtschaftlicher Wertschöpfung, Einzug gehalten hat. Wie gestaltet sich dieser und welche Chancen bietet er vor dem Hintergrund neuer Marktsituationen? Zunächst wird jedoch aufgezeigt, in welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die industrielle Fertigung eingebettet ist, um dann im Speziellen das Hauptaugenmerk auf die Analyse der industriellen Fertigung und deren Technikbedarf anhand theoretischer Grundlagen und einer vorliegenden arbeitssoziologischen Untersuchung zur erfahrungsgeleiteten Arbeit zu richten.

Die Ausarbeitung gliedert sich dabei wie folgt: Zunächst wird in Abschnitt 2 die Diskussion
der Informationsgesellschaft ausführlich beschrieben, welche den Rahmen für die gesamte Arbeit bildet. Die Darstellung der These „Risikogesellschaft als Konsequenz der Eigendynamik einer Industriennation“ nach Ulrich Beck und anschließend ein Blick auf Deutschmanns „wissenssoziologische Interpretation industrieller Rationalisierung“ folgen im dritten Abschnitt.

Schließlich wird in Abschnitt 4 die Notwendigkeit erfahrungsgeleiteter Arbeit in der industriellen Produktion erläutert. Malschs Überlegungen zur „Informatisierung des betrieblichen Erfahrungswissens“ sollen hierbei zum besseren Verständnis der Diskussion, um das Thema „Ermittlung von Technikbedarf“ beitragen. Anhand der KOMPASS-Methode die dies praktisch umsetzt soll die Thematik nochmals veranschaulicht werden. Eine kritische Auseinandersetzung und ein Blick in die nahe Zukunft der Informationsgesellschaft schließen die Ausarbeitung ab.

2. Die Informationsgesellschaft

2.1 Konzepte der Informationsgesellschaft

Bei dem Versuch, den Begriff Informationsgesellschaft zu definieren, erkennt man schnell, dass man sich, um es mit Oliver Haufs Worten zu sagen, im „definitorischen Brachland“ befindet. Soziologen, Ökonomen und Politikwissenschaftler bedienen sich nach Gutdünken des amorphen Begriffs Informationsgesellschaft ohne ihn eingehend zu verorten.[2] Es soll nicht die Aufgabe der vorliegenden Arbeit sein, eine allgemeingültige Definition der Informationsgesellschaft darzubieten. Vielmehr soll der Leser ein gewisses Gefühl für die Thematik erlangen, in dem im folgenden eine schlagwortartige Beschreibung des Konzepts der Informationsgesellschaft, mit einem tieferen Einblick in die Arbeit Daniel Bells und eine zeitliche Einordnung in Anlehnung an Rudolf Stichweh erfolgt.

Den Ausgangspunkt der These der Informationsgesellschaft markiert für Stichweh das Buch des Ökonomen Fritz Machlup „The Production and Distribution of Knowledge in the United States“, welches 1962 erschienen ist.

Das wesentliche Thema der Arbeit wird bereits im Titel genannt: Wissen. Machlup führt eine neue Beschäftigungsklassifizierung ein, die die Unterscheidung von wissens-produzierenden und nicht-wissensproduzierenden Tätigkeiten in den Mittelpunkt stellt.[3]

Den nächsten Schritte im Werdegang des Konzepts der Informationsgesellschaft, sieht Stichweh in einem Essay des Japaners Umeaso Tadao von 1963, sowie in verschiedenen Regierungsdokumenten aus Japan, die zwischen 1969 und 1983 veröffentlicht wurden. Informationen nehmen laut Umeaso im Rahmen des Selbstverständnisses und der selbstgerichteten Auseinandersetzung der Gesellschaft eine zentrale Rolle ein. Ferner verweist er auf die enorme Bedeutung, welche der immateriellen Manipulation von Symbolen in der historischen wie auch in der gegenwärtigen Gesellschaft zukommt. Die genannten Regierungsdokumente stammen von Autoren aus den Bereichen der Ökonomie oder Informationswissen­schaften. Sie führen den Begriff der Informationsgesellschaft ein und versinnbildlichen diesen anhand der fortschreitenden Computerisierung. Dem Handel, der Dienstleistung und der Industrie, so die Autoren, werden durch den Computer als Leittechnologie ungekannte Geschwindigkeiten im Informationsfluss ermöglicht, während auf der Seite des Konsumenten, Wissen eine gesamtgesellschaftliche Verbreitung erfährt und ein gesteigerter Informationsbe­darf aufkommt.[4]

Der Managementtheoretiker Peter F. Drucker veröffentlicht im Jahr 1969 das Buch „The Age of Discontinuity“ in dem er ein andersartiges Konzept der Informationsgesellschaft vorstellt. Im Unterschied zur japanischen Diskussion sieht Drucker „Wissenssysteme“ als Ausgangspunkt für technologische Weiterentwicklung im 20. Jahrhundert. Diese neuen Wissenssysteme sind unmittelbare Ressourcen industrieller Produktion und erzeugen neuartige Industrien. Die Informationsverbreitung als neue Industrie basiert somit auf Wissenssystemen. Der gemeinsame Nenner moderner Entwicklungen, die unter der These der Informationsgesellschaft subsumiert werden, ist demnach der Fortschritt der Wissenschaften.[5]

Dies ähnelt der Grundaussage, dass theoretisches Wissen das axiale Prinzip der modernen Gesellschaft bildet, welche der amerikanische Soziologe Daniel Bell, erstmals in seinem 1973 erschie­nenen Buch „The Coming of Post-Industrial Society“ trifft. Um den stark verallgemeinernden Begriff „postindustrielle Gesellschaft[6]“ fassbar zu machen, werden im folgenden die von Bell beschriebenen Komponenten der nachindustriellen Gesellschaft vorgestellt und ein lapidarer Vergleich mit ihrer Vorgängerin, der industriellen Gesellschaft, durchgeführt.

Die erste Komponente der nachindustriellen Gesellschaft ist der wirtschaftliche Sektor, in dem Bell eine Verschiebung von einer güterproduzierenden zu einer Dienstleistungs-gesellschaft sieht. Das zweite für eine postindustrielle Gesellschaft kennzeichnende Merkmal sei in einem Wandel der Berufsstruktur zu sehen, im Sinne einer rasanten Verschiebung zu einer Klasse professionalisierter und technisch qualifizierter Berufe. Die dritte Komponente beschreibt das genannte axiale Prinzip, also die Zentralität theoretischen Wissens als Quelle von Innovationen und als Ausgangspunkt der gesellschaftlich-politischen Programmatik. Viertens hält Bell die Probleme der „Beurteilung der Technologie“ für gelöst. Planung und Lenkung des technologischen Wachstums sei hier die zentrale Dimension des sozialen Wandels.[7] Inwieweit diese Einschätzung Bells in der heutigen Industrieproduktion und dem dortigen Einsatz von Technik zutrifft, wird im vierten Abschnitt über den Einsatz erfahrungsgeleiteter Arbeit zu erörtern sein.

Der folgende Vergleich der nachindustriellen Gesellschaft mit ihrer Vorgängerin, der industriellen Gesellschaft (in Tabelle 1), soll anhand von zweifelsohne idealtypischen Konstruktionen erfolgen, die sich jedoch als durchaus geeignet erweisen die wesentlichen Abweichungen zu verdeutlichen.

Tabelle 1: Allgemeines Schema des Sozialen Wandels

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Bell, Daniel (1979) S.114-115

Die Industriegesellschaft, so Bell, hat sich in erster Linie mit dem Verhältnis des Menschen zur Maschine auseinander zusetzen und benötigt Energie, um die natürliche in eine technische Umwelt zu verwandeln. Das Schema der nachindustriellen Gesellschaft ist das Spiel zwischen Personen, denn nun kommt neben der Maschinentechnologie noch die auf Information beruhende „intellektuelle Technologie“ auf. Infolge dieser divergenten Schemata unterscheiden sich die beiden Gesellschaftsformen von Grund auf: so hinsichtlich der sektoralen Gliederung der Wirtschaft oder der Bedeutung einzelner Berufssparten und, wichtiger noch, in den axialen Prinzipien, die die Leitlinien für die Institutionen und die Gesellschaftsorganisation liefern. Wie man der Tabelle weiterhin entnehmen kann, ist Bells Begriff der postindustriellen Gesellschaft in erster Linie mit Änderungen in der sozialen Struktur[8] verbunden, also dem wirtschaftlichen Wandel, die Verschiebungen innerhalb der Berufsgliederung und das neue Verhältnis zwischen Theorie und Empirie, vor allem aber zwischen Wissenschaft und Technologie.

2.2 Stagnation des Konzepts Informationsgesellschaft und die Rolle der Soziologie

Rückblickend fällt auf, dass Stichweh bei der Beschreibung des Werdegangs der Theorie der Informationsgesellschaft Autoren ausmacht, die abgesehen von Bell, nicht der Soziologie verhaftet sind. Obwohl sich gerade bei der Frage nach der Stimmigkeit der These der Informationsgesellschaft, welche die Vermutung beinhaltet, es habe Umbrüche gegeben, die einen erhöhten Informationsbedarf erzeugen, interessante soziologische Ansätze ergeben.

Den Hauptgrund für die geringe Präsens der Soziologie sieht Stichweh in ihrer „diagnostischen Enthaltsamkeit[9]“, d.h. dass in der Soziologie über „die Forschung in den etablierten Teilgebieten hinaus, keine synthetische Zusammenschau des Wissens versucht wird und gelingt, die auf Diagnosen mit einem kognitiven Zentralisierungseffekt fokussiert ist.[10]“ Es stellt sich somit die Frage, ob die Theorie der Informationsgesellschaft gescheitert ist. Stichweh beantwortet diese Frage mit Nein. Das Defizit der Soziologie besteht für Stichweh jedoch wie bereits angedeutet darin, dass sie ihre eigenen Forschungsfragen in einer nicht öffentlichkeitswirksamen Weise in Einzelforschungen verstecke und somit im wissenschaftlich-öffentlichen Diskurs nicht mit entsprechenden Diagnosen und Prognosen zur Informationsgesellschaft vertreten sei.[11] Dies geht einher mit einer gewissen Unfähigkeit zum interdisziplinären Diskurs, was dazu führt, dass zum einen Ungenauigkeiten bei der Verwendung relevanter Konzepte und Begriffe wie Information, Wissen und Kommunikation auftreten und zum anderen Lernchancen unge­nutzt bleiben. Die Soziologie sollte bestrebt sein, die genannten Missstände zu beheben und eine eigenständige Auseinandersetzung mit den informationsgesellschaftlichen Erscheinungen zu führen, sowie eigene Konzepte und Ansätze zu erstellen. Gelingt dies, sieht Stichweh eine Chance für die Soziologie, in Zukunft mit Hilfe der These der Informationsgesellschaft auf die Strukturumbrüche der Gegenwartsgesellschaft reagieren zu können.

[...]


[1] Grote, Gudela (1998) S.144

[2] Hauf, Oliver (1996), S.70

[3] Stichweh, Rudolf (1998), S.433

[4] Ebd. S.434ff

[5] Ebd. S.436

[6] Ebd. S.438: Bell vertritt sowohl die These der Informationsgesellschaft als auch die der Dienstleistungs- gesellschaft, er bevorzugt jedoch die durch eine Negation bestimmte Titelformulierung – nachindustrielle Gesellschaft - da ihm dieser Titel offener scheint in Hinsicht auf das, was die neue Gesellschaft charakterisiert.

[7] Bell, Daniel (1979), S.31ff

[8] Ebd. S.29: Generell unterteilt Bell Gesellschaften in drei Bereiche: die soziale Struktur, die politische Ordnung und die Kultur. Die soziale Struktur umfasst Wirtschaft, Technologie und Berufsgliederung, die politische regelt Ordnung, regelt die Machtverteilung und Rechtsprechung, und im kulturellen Sektor schließlich herrscht der Wunsch nach Selbstverwirklichung und Entfaltung der eigenen Person vor.

[9] Stichweh, Rudolf (1998), S. 441.

[10] Ebd. S.441

[11] Ebd. S.442

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638017510
ISBN (Buch)
9783638919135
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88251
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
2,0
Schlagworte
Industrielle Produktion Zeiten Informationsgesellschaft

Autor

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