Lade Inhalt...

Michel Foucaults Nietzsche-Rezeption - Die genealogischen Begriffe 'Ursprung', 'Herkunft' und 'Entstehung'

von Paul Trachmann (Autor)

Seminararbeit 2006 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Genealogie

Die Suche nach dem Ursprung

Ursprung und Wahrheit

Die genealogische Herkunft

Die Auflösung des Subjektes in seiner Herkunft

Die genealogische Entstehung

Der historische Sinn

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Grau ist die Genealogie; ängstlich und geduldig ist sie mit Dokumenten beschäftigt, mit verwischten, zerkratzten, mehrmals überschriebenen Pergamenten.“[1]

In diesen Worten leitet Michel Foucault seinen Beitrag zur Hommage an Jean Hyppolite ein.[2] Foucault wird im Erscheinungsjahr sein Nachfolger am Collège de France erarbeitet. In seinem Aufsatz erarbeitet er grundsätzliche Positionen zum Wissen von der Geschichte. Die philosophisch-kritische Reflexion der Geschichte selbst stellt die Disziplin dieser Arbeit dar. Wie ist Geschichte strukturiert? Wie entwickelt sie sich und was sind die Kräfte ihrer Entwicklung? Hat sich die Wahrnehmung von Geschichte verändert? Jene basischen Fragen werden hier verhandelt. Foucault entwickelt dabei seine Überlegungen von dem Begriff der Genealogie aus. Dieser Begriff wurde in der Philosophie besonders durch Friedrich Nietzsche ventiliert. Foucault macht durch den oben zitierten, einleitenden Satz des Aufsatzes klar, von welchem Ausgangspunkt seine Überlegungen beginnen: die Genealogie ist gegeben und aktiv. Er bemächtigt sich keines leeren Begriffes, sondern bezieht sich auf den bereits von Nietzsche gekennzeichneten Begriff.

Friedrich Nietzsche hatte mit seinem Werk Zur Genealogie der Moral den Begriff der Geschlechterlehre bzw. Ahnenforschung, sprich Genealogie, nachhaltig philosophisch besetzt.[3] Nietzsche ging in diesem Werk der Genese von Werten, von Moral nach.[4] Dabei setzte er seine eigenen Überlegungen der üblichen wissenschaftlichen Methode, der Historie entgegen. Foucault betitelt seinen Aufsatz daher: „Nietzsche, die Genealogie, die Historie.“

Im Rahmen dieser Arbeit soll nun herausgestellt werden, wie Foucault seine eigene Vorstellung von Genealogie entwickelt und in welcher Art er dabei auf Nietzsche zurückgreift. Adaptiert, modifiziert oder verwirft er Nietzsches Bild der Genealogie? Greift er einzelne Motive heraus oder bemächtigt er sich umfassend der Sprache und des Stils Nietzsches? Wie definieren Beide die zentralen Begriffe Ursprung, Entstehung und Herkunft ? Worauf wollen Foucault und Nietzsche mit ihrer genealogischen Forschung insgesamt hinaus? Laufen ihre Überlegungen dabei parallel, kreuzen oder überlagern sie sich? Derlei Fragen stellen sich in dieser Hausarbeit an Foucaults Nietzsche-Rezeption.

Quellengrundlage dieser Untersuchung stellt in erster Linie der oben genannte Aufsatz Foucaults dar. Zur Analyse des Textes sollen aber auch andere Quellen berücksichtigt werden. So verweisen die Fußnoten und Zitate des Textes auf spezifischrelevante Schriftstellen Nietzsches, die (neben nicht von Foucault erwähnten Passagen) exemplarisch zu beleuchten sind. Gleichsam soll Foucaults Inauguralvorlesung Die Ordnung des Diskurses herangezogen werden. Schließlich werden verschiedene Hinweise aus der Sekundärliteratur helfen, sich in dem Dickicht der Werke Nietzsches und Foucaults zurechtzufinden.

Die Genealogie

Die Schrift Nietzsche, die Genealogie, die Historie ist in sieben Unterpunkte gegliedert, die inhaltlich aufeinander aufbauen. Dem soll hier Rechnung getragen werden, indem Foucaults Weg insgesamt gefolgt wird, ohne jedoch Friedrich Nietzsche und seine Positionen aus dem Auge zu verlieren.

Foucault stellt zu Beginn seines Aufsatzes die Genealogie als Wissenschaft vor. Dazu bringt er sie gegenüber dem konkurrierenden Geschichtsbild Paul Rées in Stellung. Er wirft Rée vor, er versuche lineare Genesen zu beschreiben, er subsumiere so auch die gesamte Geschichte der Moral alleine dem Nützlichkeitsdenken. Foucaults Gegenargument: Wörter hätten aber keinen eigenen Sinn, Ideen keine eigene Logik und Wünsche keine eigene Richtung. In der „Welt der gewollten und gesagten Dinge“ hätte es vielmehr „Invasionen, Kämpfe, Entführungen und Überlistungen“ gegeben. Die Genealogie müsse deshalb auf eine „monotone Finalität“ verzichten und die „Einmaligkeit der Ereignisse“ ausfindig machen. Dies verlange eine „peinliche Genauigkeit des Wissens, eine Vielzahl angehäufter Materialien“ und „Geduld“.[5]

Mit seiner Rée-Kritik stellt sich Foucault dicht an die Seite Nietzsches, obgleich er weder im Text noch in den Fußnoten erwähnt, dass bereits Nietzsche Paul Rée als philosophischen Kontrahenten darstellte.[6] Nietzsches Kritik an Rée in seiner Vorrede zur Genealogie der Moral: „Den ersten Anstoß, von meinen Hypothesen über den Ursprung der Moral etwas verlautbaren, gab mir ein klares, sauberes, kluges und auch altkluges Büchlein, in welchem mir eine umgekehrte und perverse Art von genealogischen Hypothesen [...] entgegentrat. [...] Sein Verfasser Dr. Paul Rée; das Jahr seines Erscheinens 1877.“ „Vielleicht habe ich niemals etwas gelesen, zu dem ich dermaßen, Satz für Satz, Schluß für Schluß, bei mir nein gesagt hätte wie zu diesem Buche [...].“[7] „Mein Wunsch war jedenfalls, einem so scharfen und unbeteiligten Auge eine bessere Richtung, die Richtung zur wirklichen Historie der Moral zu geben und ihn vor solchem englischen Hypothesenwesen ins Blaue noch zur rechten Zeit zu warnen. Es liegt ja auf der Hand, welche Farbe für eine Moral-Genealogen hundertmal wichtiger sein muß als gerade das Blaue: nämlich das Graue, will sagen, das Urkundliche, das Wirklich-Feststellbare, das Wirklich-Dagewesene, kurz die ganze lange, schwer zu entziffernde Hieroglyphenschrift der menschlichen Moral-Vergangenheit! – Diese war Dr. Rée unbekannt [...].“[8]

[...]


[1] Foucault in: Guzzoni 1979: S. 108 (Nietzsche, die Genealogie, die Historie)

[2] Der Beitrag Foucaults „Nietzsche, la généalogie, l’histoire“ erscheint ursprünglich 1971 in „Hommage à Hyppolite“, einer Festschrift zur Emeritierung des Pariser Professors Jean Hyppolite. Michel Foucault wird im selben Jahr sein Nachfolger am Collège de France.

[3] Vgl. Meiner 1998: S. 249

[4] Nietzsche in: Colli/Montinari 1968: Sechste Abteilung, Zweiter Band, S.261 (Genealogie der Moral, Vorrede, § 3)

[5] Foucault in: Guzzoni 1979: S. 108 (Nietzsche, die Genealogie, die Historie)

[6] Paul Rée war ein früherer Freund Nietzsches. Er publizierte 1877 sein Werk „Der Ursprung der moralischen Empfindungen“. Vgl. Höffe 2004: S. 21f

[7] Nietzsche in: Colli/Montinari 1968: Sechste Abteilung, Zweiter Band, S.262f (Genealogie der Moral, Vorrede, § 4)

[8] Nietzsche in: Colli/Montinari 1968: Sechste Abteilung, Zweiter Band, S.266 (Genealogie der Moral, Vorrede, § 7)

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638029575
ISBN (Buch)
9783638928519
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88448
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Michel Begriffe Ursprung Herkunft Entstehung Nietzsche Foucault Postmoderne Geschichtsphilosophie

Autor

  • Paul Trachmann (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Michel Foucaults Nietzsche-Rezeption - Die genealogischen Begriffe 'Ursprung', 'Herkunft' und 'Entstehung'