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Menschen mit Behinderung und sozio-ökonomische Bedingungen

Hausarbeit 2007 16 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition des Begriffes „Behinderung“
2.1 Soziale Dimension und Relativität von Behinderung

3. Behinderung aus ökonomischer Sicht

4. Soziale Lage und Behinderung
4.1 „Privilegierte Behinderte“

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Im Vordergrund der Reform [der rechtlichen Grundlagen für Menschen mit Behinderung 1998] stand und steht das Ziel, die vollständige Teilhabe behinderter Menschen am Leben in der Gesellschaft zu verwirklichen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn behinderte Menschen dabei unterstützt werden, ihr Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten, und wenn Hindernisse, die ihren Teilhabechancen im Wege stehen, beseitigt werden.“ (Bericht der Bundesregierung zur Lage behinderter[1] Menschen und die Entwicklung ihrer Teilhabe 2004, S.2).

In der Bundesrepublik Deutschland ist in den letzten Jahren der Weg zu einer vollständigen Integration in das „soziale und ökonomische Leben“ für Menschen mit Behinderung zu einem Hauptziel der Politik geworden. Die Bundesregierung hat für die Agenda 2010 zusammen mit verschiedenen Verbänden, welche die Interessen von Menschen mit Behinderung vertreten, Gesetzgebungsverfahren erarbeitet und grundlegende Veränderungen in der Qualität der Rehabilitationsträger gefordert. Menschen mit Behinderung sollen sowohl privat als auch im Beruf so gut wie möglich unterstützt werden und in das gesellschaftliche Leben integriert werden. Es ist die Rede von der Abschaffung architektonischer Barrieren, also der Beseitigung der räumlichen Distanz zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, sowie sozialer Barrieren, sprich die Ausgrenzung/Benachteiligung von Menschen mit Behinderung. Doch vielerorts stehen Menschen mit Behinderung vor Problemstellungen die längst hätten beseitigt werden können. Die Frage ist, ob eine vollständige Integration in das gesellschaftliche Leben überhaupt möglich ist und ob nicht immer eine Ungleichheit bestehen wird. In der vorliegenden Arbeit möchte ich nicht allgemein die Integration von Menschen mit Behinderung zum Thema nehmen, sondern die schichtspezifischen Unterschiede (sozio-ökonomische Bedingungen). Sind die verschiedenen Arten von Behinderung in der Gesellschaft ungleich verteilt? Wenn ja, wie sind sie verteilt und wie lässt sich dies erklären? Wie verändern sich sozio-ökonomische Verhältnisse nach dem Eintritt einer Behinderung (falls sie nicht von Geburt an besteht)? Welchen Einfluss haben die ökonomischen Verhältnisse auf den Verlauf der Behinderung? Zunächst werde ich eine einleitende Definition des Begriffes der „Behinderung“ und der sozialen Dimension dieses Begriffes darstellen. Nach einer ökonomischen Sicht auf Menschen mit Behinderung werde ich den Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und Behinderung(en) beschreiben und schließlich im Kapitel „Privilegierte Behinderte“ die Frage nach dem Zusammenhang zwischen ökonomischen Verhältnissen und dem Verlauf einer Behinderung anschneiden, bevor ich zu einer abschließenden Bemerkung komme.

Der Grund weshalb ich dieses Thema ausgesucht habe ist die Tatsache dass in den gängigen Schichtmodellen (vgl. Geißler 2006, S.201) als Randgruppen Arme, Obdachlose, Langzeitarbeitslose existieren, Menschen mit Behinderung aber nur nebenbei erwähnt werden. Ob dies daran liegt, dass man sie nicht als Randgruppe bezeichnen möchte, sei dahin gestellt. Tatsache ist aber, dass trotz aller Integrationsbemühungen soziale Ungleichheiten zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderung bestehen.

2. Definition des Begriffes „Behinderung“

Behinderte sind „Personen, die nicht nur vorübergehend körperlich, geistig oder seelisch wesentlich behindert sind“. So lautet die Definition nach §39 des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG) mit Eingliederungshilfeverordnung. Behinderung wird hier durch die Wortwahl „nicht nur vorrübergehend“ von dem Begriff der Krankheit abgegrenzt, im Übrigen jedoch ausschließlich aus funktionaler Sicht definiert und somit für die Soziologie unbrauchbar.

„Behinderung“ aus soziologischer Sicht setzt zunächst voraus, dass eine „sichtbare, physische Abweichung von dem, was in einer bestimmten Gesellschaft als Norm angesehen wird, existiert“ (Schönberger 1967 zit. in Seywald 1977, S.7). Weiterhin muss man zwischen a) Schädigung (Impairment), b) Behinderung (Disability) und c) Benachteiligung (Handicap) differenzieren. Die WHO (World Health Organisation) definiert diese drei Begriffe wie folgt: „Schädigung“ ist eine Störung auf der organischen Ebene (objektiv, funktional), wogegen „Behinderung“ die Störung auf der personalen Ebene (subjektives Ausmaß der Schädigung) bezeichnet und „Benachteiligung“ meint die Konsequenzen auf der sozialen Ebene (Nachteile, durch die die Übernahme von solchen Rollen eingeschränkt oder verhindert wird, die für die betreffende Person in bezug auf Alter, Geschlecht, soziale und kulturelle Aktivitäten als angemessen gelten) (WHO 1980, S. 27ff).

Auf der Stufe der Schädigung gibt es eine sogenannte „Hierarchie der körperlichen Funktionen“ (Schönberger 1967 zit. in Seywald 1977, S.7), in der Intelligenz vor Sprachfähigkeit, Sprachfähigkeit vor Sinnestüchtigkeit, Sinnestüchtigkeit vor Handgeschicklichkeit und Handgeschicklichkeit vor Fortbewegungsfähigkeit rangiert. Je niedriger die Schädigung liegt, desto eher wird die betroffene Person von der Gesellschaft als Mitglied akzeptiert. Schädigungen der Intelligenz, Sprachfähigkeit oder Sinnestüchtigkeit werden als „soziale Schädigungen“ bezeichnet, wogegen Handgeschicklichkeit und Fortbewegungsfähigkeit „funktionale Schädigungen“ sind. Dies bedeutet allerdings nicht, dass letztere nicht auch eine soziale Dimension haben können.

Die „Behinderung“ als zweite Stufe beschreibt das Ausmaß, in dem eine Person durch ihre Schädigung(en) in ihrem Handeln und Denken beeinträchtigt ist. Die Art der „Behinderung“ resultiert zum Einen aus der Art der Schädigung selber und zum Anderen aus der individuellen beruflichen und sozialen Situation. Die Schädigung kann sowohl im Beruf als auch im Privatleben zu einer Behinderung werden, aber je nach Beruf kann sie unterschiedlich behindernd sein (siehe „Soziale Lage und Behinderung“)

Laut Günther Cloerkes ist der entscheidende Punkt für den Soziologen die dritte Stufe: das „Handicap“ als mögliche soziale Folge von Schädigung/Behinderung (Cloerkes 2001, S.4). Wie diese soziale Folge aussieht, hängt immer von dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext und der Wertevorstellung ab.

Grundsätzlich geht man in der interaktionistischen Sichtweise davon aus, dass bestimmte „außergewöhnliche Merkmale zwangsläufig Spontanreaktionen auslösen, bzw. Aufmerksamkeit hervorrufen“ (Cloerkes 2001, S.5). Man spricht hierbei auch von Merkmalen mit „Stimulusqualität“. Das Auslösen einer Reaktion (gleich ob sie positiv, ambivalent oder negativ ist) durch Abweichung von sozialen Erwartungen ist hier entscheidend für die Soziologie.

Zusammenfassend lassen sich nun auf theoretischer Ebene die Begriffe „Behinderung“ und „Behinderte“ wie folgt definieren: „Eine Behinderung ist eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen und seelischen Bereich, der allgemein ein entschieden negativer Wert zugeschrieben wird“ (Cloerkes 2001, S.7). „Behindert“ ist ein Mensch, „wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist“. Es ist also offensichtlich, dass man zwischen diesen beiden Begriffen scharf trennen muss, da ein Mensch mit „Behinderung“ noch lange kein „Behinderter“ im o.g. Sinne sein muss (Querschnittslähmung ist von der Gesellschaft negativ bewertet, aber die soziale Reaktion auf Rollstuhlfahrer ist seltener negativ).

[...]


[1] Siehe Definition von „Behindert“ in Kapitel 2

Details

Seiten
16
Jahr
2007
Dateigröße
721 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88580
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,3
Schlagworte
Menschen Behinderung Bedingungen Sozialstruktur Deutschlands

Autor

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