Lade Inhalt...

Lorcas "Poeta en Nueva York"

Surrealistische Verfremdung oder Sprachrohr der Entfremdung?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 13 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ein neues Feld – Die Befreiung der Seele
2.1 Von der katholischen Dominanz zur literarischen Diversifizierung geistiger Freiheit
2.2 Exkurs: Der Surrealismus

3 Lorca: Eine Frage des Stils

4 Poeta en Nueva York
4.1 Poema doble del lago Eden
4.2 Surrealistische Verfremdung oder Sprachrohr der Entfremdung?
4.2.1 Die kühne Metapher und der feurige duende
4.2.2 Surrealistische Fragmentation und Verfremdung

5 Schluss

6 Bibliografie

1 Einleitung

Lorcas New Yorker Dichtung wurde in der Vergangenheit gemeinhin als typisch surrealistische Dichtung betrachtet. Diese Arbeit möchte der These nachgehen, dass der Gedichtszyklus Poeta en Nueva York zwar surrealistische Merkmale aufweist, aber darüber hinaus nicht mit dem Surrealismus in Verbindung gebracht werden kann.

Dazu zeichnet Kapitel 1 die Entwicklung der spanischen Literatur aus dem Traditionalismus in die Avantgardebewegung nach. Ein besonderes Augenmerk gilt in 1.2 dem Surrealismus.

Gerade aufgrund der surrealistischen Tendenzen in Poeta en Nueva York ist es wichtig Lorcas eigene Stilsuche zu betrachten (Kapitel 3), um aufzuzeigen, dass die Merkmale seiner Dichtung, die vielfach dafür verantwortlich sind sie unter den Surrealismus zu subsumieren, zwar Ähnlichkeiten aufweisen, doch generell unter einem anderen Gesichtspunkt zu analysieren sind.

In Kapitel 4 wird ein Interpretationsansatz der Lyrik Lorcas vorgestellt. 4.1 gibt eine kurze Auslegung des Gedichtes Poema doble del lago Eden und in 4.2 erfolgt eine Analyse des Gedichtes in Hinsicht auf die Fragestellung, ob der Gedichtsband aus New York dem Surrealismus zuzurechnen ist.

2 Ein neues Feld – Die Befreiung der Seele

2.1 Von der katholischen Dominanz zur literarischen Diversifizierung geistiger Freiheit

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind die literarischen Entwicklungen in Europa so vielgestaltig, dass eine Einteilung in Epochen kaum mehr sinnvoll erscheint.[1] In Spanien erwächst aus diesem Nebeneinander der literarischen Prozesse der Generationsbegriff, mit dem eine Zuordnung der Autoren zu literarischen Strömungen zugunsten der Bündelung auf einen Zeitpunkt fallen gelassen wird.

Die Darstellung einer kohärenten Entwicklung der spanischen Literatur hin zur Öffnung für die zeitgenössischen europäischen Tendenzen der Avantgarde erscheint als Befreiungsversuch aus dem historischen Korsett Spaniens. Jahrhunderte lang herrscht über das spanische Leben und Denken ein rigider Katholizismus, der erst durch eine intensive Beschäftigung mit dem so genannten „Spanienproblem“ auf verschiedenen Ebenen durchbrochen wird. Eine spanische Nationalphilologie entsteht als Aufwertungsprozess für das spanische Nationalbewusstsein. Der Philosoph Sanz del Río (1814 – 1869) wird beauftragt in Deutschland nach einem für Spanien tauglichen philosophischen System zu suchen.[2] Das von ihm gefundene idealistische Fortschrittskonzept des deutschen Philosophen Christian Friedrich Krause trägt unter Betonung der geistigen Freiheit des Individuums und pädagogischer Bestrebungen dazu bei das spanische Denken zu liberalisieren. Einer der bedeutendsten Vertreter des krautismo, Giner de los Ríos, gründet die Institución Libre de Enseñanza, die das verhärtete Unterrichtswesen in Spanien mit innovativen Ideen erneuert und später Nährboden für den Freigeist der generación del 27 sein soll.

Analog zum Abbau der theologischen Dominanz und zum Bruch mit der spanischen Tradition wird in kurzer Zeit eine Domäne für das Individuum zugänglich, die bisher ganz unter der Gewalt der Kirche steht: das Seelische. Die kulturellen Formen Spaniens werden durch den einsetzenden Säkularisierungsprozess entritualisiert.[3] Der zeitgenössische Spanier sieht sich „auf seine eigenen Füße gestellt“, was die Bewältigung des Seelischen angeht, die nunmehr nicht mehr absolut von der Kirche übernommen wird. In der Literatur schlägt sich das in einer intensiven Beschäftigung mit Emotionen und der Seele des Menschen nieder. „Gerade in der Lyrik gibt es seit der Jahrhundertwende eine kontinuierliche Entwicklung, in der sich die spanische Literatur am Horizont der europäischen Avantgarden orientiert und in diesen Kontext einordnet“.[4] Die Avantgarden kennzeichnet inhaltlich vor allem die Thematisierung der seelischen und psychischen Vorgänge im Menschen.

Guillermo de Torre definiert beeinflusst vom italienischen Futurismus die Dichtung als „Wirklichkeit eigenständiger Empfindungen (ultra-sensaciones)“.[5] Über den Umweg der breiten literarischen Rezeption von Rubén Daríos Gedichtband Azul gelangt der französische Symbolismus nach Spanien. Dieser will – als Gegenbewegung zum Naturalismus, der den Leser in eine passive Rolle drängt – den Leser befreien und ihm durch die Erschaffung einer ideell-ästhetischen Welt in der Literatur Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Das Kredo des Symbolismus: Sprache soll nicht abbilden, sondern bilden.

2.2 Exkurs: Der Surrealismus

Überhaupt bricht in Europa eine Zeit an, in der man die Beschäftigung mit dem Inneren des Menschen intensiviert. Man entdeckt die Spiritualität fremder Religionen und die menschliche Psyche, interessiert sich für den Traum und das Unbewusste, die Sexualität, gesteht Kindern ein Eigenleben zu, schafft neue Werte und Ziele.

Der französische Surrealismus, der auf André Breton zurückgeht, war eine von Freuds Traumdeutung inspirierte, künstlerische und literarische Avantgardebewegung, die…

„…als Reaktion auf den Zusammenbruch der traditionell-abendländischen Wertvorstellungen im Ersten Weltkrieg entstand und deren Ziel die Wiederherstellung der ursprünglichen Ganzheit des Menschen durch die Befreiung des Geistes aus inneren und äußeren Zwängen war“.[6]

Der umfassend revolutionäre Anspruch der Surrealisten, dem Menschen zu seiner Ganzheit zu verhelfen, gipfelte in einer radikalen Kritik an den politischen, sozialen und kulturellen bürgerlichen Institutionen, an den Entfremdungserscheinungen der modernen Zivilisation und einer verdinglichten Rationalität. Breton verkündet 1924 in seinem Manifeste du surréalisme, dass die surrealistische Ästhetik als strikte Abkehr von der ästhetischen Tradition und vom Positivismus aufzufassen sei. Das rein logische Konzept des Positivismus stelle nur einen Teil der Wirklichkeit heraus und lasse entscheidende Ansprüche des Menschen nicht zu ihrem Recht kommen. Die Existenz von und der Ausweg aus diesen Missständen sollte durch die Abbildung der inneren, unbewussten Vorgänge unter gleichzeitigem Ausschalten jeder rationalen Kontrolle erreicht und über die Kunst dem Menschen zugänglich gemacht werden.

[...]


[1] Vgl. Stenzel, H.: „Einführung in die spanische Literaturwissenschaft“, S. 176.

[2] Vgl. Neuschäfer, H.-J.: „Spanische Literaturgeschichte“, S.307.

[3] Vgl. Koppenfels, M. v.: „Einführung in den Tod. García Lorcas New Yorker Dichtung und die Trauer der modernen Lyrik“: S. 9.

[4] Stenzel, H.: „Einführung in die spanische Literaturwissenschaft“, S. 181f.

[5] Ebd. S. 182.

[6] Brockhaus-Enzyklopädie, Stichwort: Surrealismus.

Details

Seiten
13
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638028530
ISBN (Buch)
9783638927741
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88621
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Schlagworte
Lorcas Poeta Nueva York Federico García Lorca Dichter Mythos

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Lorcas "Poeta en Nueva York"