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Analyse narrativer Texte: Perspektive und Erzählerinstanz im Lazarillo de Tormes

von Juliane Grimm (Autor) Antje Stephan (Autor)

Seminararbeit 2001 13 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. ERZÄHLPERSPEKTIVE

3. Ordnung

4. Dauer

5. FREQUENZ

1. Einleitung

Der spanische Roman Lazarillo de Tormes"erschien 1554 in drei verschiedenen Ausgaben, jeweils ohne Nennung eines Verfassernamens"[1]. Weshalb der Verfasser seinen Namen verschwieg, ist bis heute unklar. Möglicherweise hatte der Verfasser Angst vor einer Zensur, nicht zu unrecht, denn 1559 wurde der Roman auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.

Das Werk gehört zum Genre des Schelmenromans und ist das erste Buch dieser Gattung. Es "entstand in Spanien, während des Goldenen Zeitalter, das von 1519-1659 dauerte."[2]

Dargestellt werden verschiedene repräsentative Vertreter der spanischen Gesellschaft, ein gesellschaftskritischer Ansatz ist nicht zu übersehen. Aber auch Hunger, Geld und Korruption werden thematisiert. Mit Hilfe des folgenden Konzepts präsentiert uns der Autor diese Themen: Schicksal versus Laster, persönliche Ehre versus soziale Ehre und soziale Aufstieg versus persönlicher Abstieg.

Protagonist ist der Schelm Lazarillo, der während seines Lebens den verschiedensten Herren dient und dabei die herrlichsten Possen verübt. Die Geschichte spielt in Spanien, hauptsächlich in Salamenca, Maqueda und Toledo.

2. ERZÄHLPERSPEKTIVE

Der Lazarillo de Tormes ist in der Ich-Perspektive geschrieben, der Erzähler ist homodiegetisch[3]. Dies bedeutet, dass der Seinsbereich des Erzählers und der dargestellten Wirklichkeit identisch sind[4] und der Erzähler somit in der Erzählung präsent ist. Es herrscht eine externe Fokalisierung[5] vor, das heißt, der Erzähler sagt weniger als die Figur eigentlich weiß. Lazarillo erzählt nur, was der Rechtfertigung seiner Persönlichkeit dient, denn er wurde von „Vuestra Merced“ dazu aufgefordert, den dubiosen Fall zu klären, was schon einen versteckten Hinweis auf das Ende des Werks beinhaltet. Der dubiose Fall bildet also „zugleich den Pretext seiner fingierten Autobiographie und den Fluchtpunkt der Erzählung“[6].

Der Ich-Erzähler im Lazarillo kann sich jedoch an die auktoriale Erzählsituation[7] annähern. Dies ist der Fall, wenn eine große Erzähldistanz zwischen erinnerndem und erinnertem Ich erkennbar ist und ein deutliches Verhältnis der Posteriorität zum Erzählten besteht:

Sie (die Erzähldistanz) ergibt sich aus dem Umstand, dass der auktoriale Erzähler in einem Verhältnis der Poseriorität zum Erzählten steht. Wo daher ein auktorialer Erzähler etwas erzählt, erzählt er Vergangenes.[8]

Dies wird in Kommentaren, Urteilen, Wertungen, Deutungen, Interpretationen deutlich, die nachträglich im Moment des Schreibens, nicht des Erleben s der Ereignisse realisiert werden. Die externe Fokalisierung des Ich-Erzählers kann sich einer Nullfokalisierung[9] annähern, bei der der Erzähler mehr sagt als die Figuren zum Zeitpunkt der Handlung wissen. Man muss sich jedoch bei all diesen Betrachtungen stets dessen bewusst sein, dass Lazarillo durchgehend in der Ich-Perspektive bleibt und man lediglich von einer Annäherung an die auktoriale Erzählperspektive sprechen kann.

Bei einer Annäherung an die personale Erzählsituation tritt das erinnernde Ich in den Hintergrund und es findet eine Fixierung des Orientierungszentrums des Lesers im Jetzt und Hier einer Romangestalt[10] statt. Es herrscht eine szenische Darstellung vor, die dem Leser Unmittelbarkeit vermittelt. Die Fokalisierung nähert sich in diesem Fall an eine interne Fokalisierung[11] an, bei der der Erzähler genauso viel weiß wie die Figur zum Zeitpunkt der Handlung. Im Lazarillo sind diese Fälle jedoch auch Beispiele auktorialen Erzählens, denn die wiedergegebenen Ereignisse werden frei ausgewählt und weiterhin kommentiert und interpretiert. Die Schilderung seiner „burlas“ gibt er aus seiner Sicht objektiv wieder, als Protagonist oder Chronist.

Lazarillo erzählt aus der Ich-Perspektive, die jedoch die meiste Zeit eine gewisse Nähe zur auktorialen Erzählperspektive hat. Im Lazarillo wird das Geschehen nicht aus der Sicht des Bewusstseins einer Romanfigur geschildert, es findet also keine Annäherung an die personale Erzählsituation statt.

[...]


[1] Bauer, Matthias: Der Schelmenroman. Stuttgart 1994, S. 35.

[2] Bauer Matthias: Der Schelmenroman. Stuttgart 1994, S. 33.

[3] Vgl. Genette, Gérard: Die Erzählung. München 1994.

[4] Vgl. Stanzel, Franz Dr.: Die typischen Erzählsituationen im Roman. Stuttgart 1955, S.61.

[5] Vgl. Genette, Gérard: Die Erzählung. München 1994.

[6] Bauer, Matthias: Der Schelmenroman. Stuttgart/Weimar 1994, S.39.

[7] Vgl. Stanzel, Franz Dr.: Die typischen Erzählsituationen im Roman. Stuttgart 1955, S.63.

[8] Stanzel, Franz Dr.: Die typischen Erzählsituationen im Roman. Stuttgart 1955, S.43.

[9] Vgl. Genette, Gérard: Die Erzählung. München 1994.

[10] Vgl. Stanzel, Franz Dr., Die typischen Erzählsituationen im Roman, Stuttgart 1955, S.93.

[11] Vgl. Genette, Gérard: Die Erzählung. München 1994.

Details

Seiten
13
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638157278
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8869
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Romanisches Seminar
Note
2,7
Schlagworte
narrative Texte Perspektive Erzähler Erzählerinstanz spanisch Lazarillo Erzählperspektive Dauer Frequenz Ordnung Genette Schelmenroman

Autoren

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