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Die neue Schuleingangsstufe in Niedersachsen

Ein pädagogisches Konzept und Ansätze seiner Realisierung

Examensarbeit 2007 112 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Vorbild: Die Jena- Plan Schule nach den Ideen Peter Petersens
2.1 Die Lichtwark- Schule als Vorform der Jena- Plan- Schule
2.2 Die Übernahme der Universitätsschule durch Petersen
2.3 Die Jena- Plan Schule: Ein Schulversuch in der Universitätsschule
2.4 Unterschiede zwischen Unterricht nach dem Jena- Plan und herkömmlichem Unterricht
2.4.1 Stammgruppen statt Jahrgangsklassen
2.4.2 Wochenplan statt „Fetzenstundenplan“
2.4.3 Gruppenunterrichtliches Verfahren neben Fachunterricht
2.4.4 Kurse sichern „Mindestwissen“
2.4.5 Lösung des Versetzungs- und Zensurenproblems
2.4.6 Aufgaben der Schulgemeinde
2.4.7 Feier als Element der Gemeinschaftsförderung
2.5 Gründe für das Aufgreifen der Ansätze Peter Petersens

3. Die aktuelle Neugestaltung der Schuleingangsstufe
3.1 Rechtliche Grundlagen in Niedersachsen
3.2 Inhaltliche Konzeption der „Neuen Schuleingangsphase“
3.3 Verschiedene Ansätze zur Organisation der „Neuen Schuleingangsphase“
3.4 Überblick über die „Neue Schuleingangsstufe“ in den Bundesländern

4. Die Arbeit in der „Neuen Schuleingangsstufe“
4.1 Die Umgestaltung von Jahrgangsklassen zu jahrgangsgemischten Klassen am Beispiel der Ottermeerschule
4.2 Voraussetzungen für die Einführung der „Neuen Schuleingangsstufe“
4.2.1 Die Lernumgebung gestalten
4.2.2 Offene Unterrichtsformen in der Eingangsstufe
4.2.3 Diagnose und Förderung
4.2.4 Das „Helferprinzip“
4.2.5 Die veränderte Lehrerrolle

5. Die „Neue Schuleingangsstufe“ in der Praxis am Beispiel der Grundschule am Ottermeer in Wiesmoor und der Grundschule in Tannenhausen
5.1 Vorüberlegungen für eine qualitative Erhebung
5.1.1 Methodologie der Interviews
5.1.2 Die inhaltliche Struktur der Interviews
5.2 Einblicke in die Praxis der neuen Schuleingangsstufe: Das Beispiel der Grundschule am Ottermeer
5.2.1 Ergebnisse der Lehrerbefragung
5.2.2 Ergebnisse der Elternbefragung
5.2.3 Ergebnisse der Schülerbefragung
5.3 Einblicke in die Praxis der neuen Schuleingangsstufe: Das Beispiel der Grundschule in Tannenhausen
5.3.1 Ergebnisse der Lehrerbefragung
5.3.2 Ergebnisse der Elternbefragung
5.3.3 Ergebnisse der Schülerbefragung
5.4 Persönliche Stellungnahme zu der Arbeit der neuen Schuleingangsstufe

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

8. Anlagen

1. Einleitung

Über die neue Schuleingangsstufe wird zurzeit intensiv diskutiert. Das bisherige Einschulungsverfahren wurde schon länger kritisch gesehen und es wurden in Schulversuchen neue Möglichkeiten erprobt, wie der Schulbeginn für die Schüler[1] verbessert werden könnte. Der Anfang des Schullebens soll für alle Kinder ein besonderes, positives Erlebnis und nicht schon durch eine eventuelle Zurückstellung mit negativen Erfahrungen behaftet sein. Allen schulpflichtigen Kindern soll ein erfolgreicher Start ins Schulleben ermöglicht werden. Die Zurückstellungsquoten und das hohe durchschnittliche Einschulungsalter sollen nach Möglichkeit verringert werden. Außerdem sollen die Verfahren zur Überprüfung der Schulfähigkeit der Kinder verändert werden. Es soll nicht nur punktuell der Entwicklungs- und Kenntnisstand der Kinder erfasst, sondern auch ihr Entwicklungspotential erkannt werden. Weiterhin soll die Schule eine Schule für alle Kinder sein und somit soll jegliches Ausschließen von Kindern vermieden werden. Vor diesem Hintergrund ist das Konzept der neuen Schuleingangsstufe entwickelt worden.

Diese Arbeit will zunächst nun die Anfänge, aus denen sich das Konzept der neuen Schuleingangsstufe weiterentwickelt hat, skizzieren. Dabei sollen die grundlegenden Ideen Peter Petersen dargelegt und mit den heutigen oben genannten Problemen verknüpft werden. Denn nach den Ideen Peter Petersens wurde das heutige Einschulungsverfahren überarbeitet und im Niedersächsischen Schulgesetz verankert. Diese Arbeit soll dann das Konzept der neuen Schuleingangsstufe erläutern und verschiedene Ansätze zur Organisation und Durchführung vorstellen. Dabei soll dargestellt werden, inwieweit sich die Ideen Peter Petersens in der Bundesrepublik Deutschland verbreitet haben. Auch soll beispielhaft dargelegt werden, welche Voraussetzungen getroffen werden müssen, damit das Unterrichten in jahrgangsgemischten Klassen ohne Probleme verlaufen kann.

Um die Arbeit der neuen Schuleingangsstufe auch aus praktischer Sicht zu beurteilen, wurden Interviews in den Grundschulen in Wiesmoor am Ottermeer und in Tannenhausen durchgeführt. Hierbei ging es in erster Linie darum, den konkreten Unterricht in der Eingangsstufe zu reflektieren. Es sollen entstandene Schwierigkeiten und positive Aspekte aufgezeigt werden. Es wurden hierzu Interviews mit den Lehrern, den Eltern und den Schülern über die neue Schuleingangsstufe durchgeführt, deren Ergebnisse zusammengefasst dargelegt werden.

Nach der Darstellung der Arbeit der neuen Schuleingangsstufe durch die Lehrer, Eltern und Schüler werden in einer sich daraus ergebenden persönlichen Stellungnahme konkrete Aspekte genannt, die für eine Einführung der neuen Eingangsstufe sprechen können, oder wann von einer Entscheidung für die Einführung eher abzuraten wäre.

2. Das Vorbild: Die Jena- Plan Schule nach den Ideen Peter Petersens

2.1 Die Lichtwark- Schule als Vorform der Jena- Plan- Schule

Die Jena- Plan Schule basiert in ihren Intentionen auf der so genannten Lichtwark- Schule.

Die Lichtwark- Schule ist bedeutsam geworden als eine „höhere Schule“, die dafür vorgese­hen war, neue Ideen in den Unterricht und das Schulleben einzuführen.

In Jena entwickelte Petersen zusammen mit seinen Kollegen in den Jahren 1920-1921 die Prinzipien dieser „neuen“ Schule. So probierte er neben schul- und unterrichtsorganisatorischen Maßnahmen neue Wege im Hin­blick auf die inhaltliche und methodische Ausgestaltung des Unterrichts aus. Die Ergebnisse sind im späteren Jena- Plan[2] enthalten. Dabei würde die Schule bewusst nach den „Grundsätzen der Arbeits- und Gemeinschaftsschule“ entwickelt und außer­dem als Schulgemeinde organisiert, d.h. dass alle schulischen Aufgaben in der Verantwortung der Eltern, Lehrer und Schüler liegen. Der Lehrer nimmt in dieser Form der Kooperation die „Führer- Rolle“ ein. Das „Schulleben“ steht insgesamt im Mittelpunkt der schulischen und unterrichtlichen Veran­staltungen. Petersen wandte sich bei diesem Konzept bereits gegen die Jahrgangsklassen und entwickelte „Gruppen oder Abteilungen“, d.h. meh­rere Jahrgänge wurden entweder „rein organisatorisch“ zusammengesetzt oder sie setzten sich gemäß ihrer Entwicklung, Arbeits- und Lernhaltung zusammen. Ein weiterer wichtiger Reformansatz war in dem Zusammen­schluss mehrerer Schulen zu so genannten „Schulgemeinschaften“ zu se­hen. Hierbei ging es um die Zusammenarbeit mehrerer Schulen eines Be­zirks in einer „höheren Schule“, von Petersen als „Mittelschule“ bezeichnet. Petersen erhoffte sich hierdurch einen gleitenden Übergang von der Grund­schule zur weiterführenden Schule.

Diese Ausführungen beschreiben Vorformen, die später zum fertigen Jena- Plan zusammengefügt wurden (vgl. Dietrich, 1995, S. 66-67).

2.2 Die Übernahme der Universitätsschule durch Petersen

[3] 1923 wurde Peter Petersen als Ordinarius für Erziehungswis­senschaften nach Jena berufen. Petersen fand in Jena ein Pädagogisches Seminar und eine mit dem Seminar verbundene Universität vor, die eine lange Tradi­tion hatte. Sie wurde 1844 von dem Herbartianer Volkmer Stoy (1815-1885) gegründet. Übernommen und weiter ausgebaut wurde sie später von dem Herbartianer Wilhelm Rein (1847-1929). An der Jenaer Universitätsschule sollten die Lehrerstudenten die pädagogische Praxis ganz im Sinne der Pä­dagogik Herbarts erfahren. Wilhelm Rein wurde 1923 emeritiert. Er war der letzte bedeutende Herbartianer, der diese Schule sogar zu internationaler Anerkennung geführt hatte (vgl. Retter, 1996, S. 17).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Petersen, der von Hamburg nach Jena kam, sollte als Nachfolger von Rein an der Schule tätig werden. Petersen brachte als „Nordlicht“ aus der Ham­burger Schulreformbewegung neue Ideen nach Jena. Diese neuen Aspekte, die Petersen an der Schule verwirklichen wollte, standen in Gegensatz zu dem trotz seiner Emeritierung weiterhin an der Universität lehrenden Wil­helm Rein und dessen Studenten. Rein war Vertreter für eine „überkom­mene“ Pädagogik und Petersen war Verfechter einer „neuen Erziehung“.

1923/24 löste Petersen die von Rein aufgebaute Universitätsschule, beste­hend aus drei Übungsklassen und drei Lehrern, gegen den Willen Wilhelm Reins auf. Ab Ostern 1924 sollte die Schule nach den Vorstellungen der „Neuen Erziehung“ und mit Hans Wolf[4] als Lehrer wieder aufgebaut werden (vgl. Retter, 1996, S. 17).

Petersen hatte die „alte Schule“, wie sie durch die Pädagogik der Herbartia­ner strukturiert worden war, einmal treffend als „Lehrerschule“ bezeichnet. Er wollte damit sagen, dass der Lehrer in jeder Beziehung die Vorrangstel­lung in der Schule besitzt. Der Lehrer wählt die Methoden und den Unter­richtsstoff selber aus. Die Schüler stehen unter dem Zwang sich den Inhalt mit den vorgegeben Methoden anzueignen. Das Interesse der Schüler muss hierbei erst noch durch besondere „Kniffe“ geweckt werden. Die ei­gentlichen kindlichen und jugendlichen Interessensgebiete müssen sich die Schüler außerhalb der Schule aneignen. Eine Spaltung von Schule und Le­ben ist aber bedenklich, zumal sich die „alte Schule“ einseitig an den Intel­lekt gewandt und für sittliche Handlungen wenig Platz gelassen hat (vgl. Dietrich, 1973, S. 38).

Doch Petersens Gegner, Wilhelm Rein, wollte nicht aufgeben. Der Kampf um die Universitätsschule breitete sich in den folgenden Jahren sogar soweit aus, dass er 1926 den Thüringischen Landtag erreichte. Vom Thüringischen Lehrerverein, der auf der Seite von Wilhelm Rein stand, wurde Petersen damals verdächtigt,

„mit seiner „Arbeits- Lebensgemeinschaftsschule“ eine Art roter Zelle nach dem Muster Hamburger Chaos – Schulen zu bilden und ein neues, aus „proletarischen Lebensverhältnissen erwachsenes“ Gesellschaftsideal zu re­alisieren, das der Zerstörung der Familie Vorschub leistete“ (aus: Retter, 1996, S. 17).

Das entsprach natürlich nicht der Wahrheit. Aber man machte dadurch deutlich, dass man mit der Tatsache, dass Petersen 1923 von der sozialisti­schen Landesregierung nach Jena berufen wurde, nicht einverstanden war. Petersen erhielt den Auftrag,

„die beiden Grundforderungen sozialistischer Schulpolitik, die Volksschulleh­rerausbildung an der Universität und die Einheitsschule zu verwirklichen“ (aus: Retter, 1996, S. 17).

Petersen äußerte sich zum letzten Ziel in der vierten Ausgabe seines „Klei­nen Jena – Plans“ dahingehend, dass die Versuchsarbeit in Jena der Ent­wicklung eines echten Einheitsschulplanes dienen würde. Damit betonte er gleichzeitig, dass die in seiner Schrift „Gemeinschaft und freies Menschen­tum“ ausgeführten Gedanken ihre Fortsetzung erfuhren (vgl. Retter, 1996, S. 17).

Petersen ersetzte den Begriff der Einheitsschule schon früh durch den Begriff „freie allgemeine Volksschule“. Sein Schulkonzept, das er 1919 entwickelt hatte, war eine Gesamtschule, die die Kinder des gesamten Volkes vom Kindergarten bis zum Abitur, mindestens aber bis zur 10. Klasse, geleiten sollte. Außerdem setzte sich Petersen für eine universitäre Lehrerausbildung ein, die Rein zu seiner Zeit ablehnte.

1924 kamen in Thüringen konservative Kräfte an die Regierung, welche die sozialistischen Pläne wieder rückgängig machten. Die Volksschullehrerausbildung wurde an das 1928 eröffnete „Pädagogische Institut“, das mit der Universität kooperieren sollte, verlegt. Petersen stand zu der Zeit mit seinen Vorstellungen über eine universitäre Lehrerausbildung ganz alleine da (vgl. ebenda, S. 17-18).

Die Jenaer Universitätsschule, die ursprünglich von Petersen als ein Ausbildungsort für alle Lehrerstudenten gedacht war, wurde zum Praktikumsort für solche Studenten, die sich freiwillig dazu bereit erklärten. Das Thüringische Volksbildungsministerium veränderte die Prüfungsordnung so, dass ein einfaches Studium allein im Pädagogischen Institut absolviert werden konnte. Außerdem war es nicht mehr erforderlich Petersens Lehrveranstaltungen zu besuchen bzw. ihn als Prüfer für Erziehungswissenschaften zu wählen.

Unabhängig von den Querelen um den Status der Universitätsschule, den Streitereien Petersens mit den Kollegen der Universitätsschule und des Pädagogischen Instituts und den Schwierigkeiten geeignete und gute Lehrer zu finden, blühte das pädagogische Leben in dieser Schule auf (vgl. Retter, 1996, S. 18).

2.3 Die Jena- Plan Schule: Ein Schulversuch in der Universitätsschule

Das Ziel des Schulversuchs war, erkenntlich zu machen, dass die Schule das Zuhause der Kinder darstellte, in dem sie sich auskannten, wohl fühlten, sich selbst eine Ordnung gaben und Platz und Zeit bekamen selbstständig zu lernen. Das selbstständige Lernen war möglich, da die Kinder frei wählen konnten, womit sie sich beschäftigen wollten, sowie durch projektartige Bearbeitungsformen. Die eigenen Lernergebnisse sollten am Ende den anderen Gruppenmitgliedern vorgestellt werden. Das Neue und Wichtige im Gegensatz zu der „alten „Schule“ bestand darin, dass nun Erfahrungen selbst gewonnen wurden am möglichst lebensnah vermittelten Gegenstand, während in der „alten Schule“ ein mechanisches Einüben des Unterrichtsstoffs im Vordergrund stand. Bei dem neuen Konzept von Schule wurden die Kinder motiviert, nicht nur eigentätig weiterzuarbeiten, sondern es wurden in ihnen auch schöpferische Kräfte geweckt. Diese Möglichkeiten waren in der „alten Schule“ nur wenig vorhanden (vgl. ebenda, S. 19).

In der neuen Schule, die sich als „Arbeits- und Lebensgemeinschaftsschule“ bezeichnete, spielten die Eltern auch eine viel größere Rolle als bei herkömmlichen Variante von Schule. Die Eltern sollten zusammen mit den Lehrern am Kind arbeiten. Es waren nicht nur Unterrichtsbesuche der Eltern gerne gesehen, sondern ebenso deren Mithilfe, wenn es um die Gestaltung des Unterrichts ging. Sie konnten sich selbst beteiligen wenn es darum ging, den Kindern eine bessere Kompetenz oder Lebenserfahrung zu vermitteln. Die Eltern waren in vielerlei Hinsicht am Schulleben beteiligt, wenn z.B. Räume renoviert werden sollten, ein Schulfest vorzubereiten war, ein Besuch in einem Betrieb organisiert werden musste und wenn eine Betreuungsperson für eine Klassenfahrt benötigt wurde (vgl. Retter, 1996, S. 19).

Die Klassenräume waren in der neuen Schule auch anders gestaltet als in der „alten Schule“. Statt fest montierter Bänke wurden verstellbare Tische und Klappstühle mit Lehnen verwendet. Aufgrund der veränderten Tische und Bänke wurde die Statik des traditionellen Klassenraums, die das Bewegungsbedürfnis der Kinder in gewisser Weise unterdrückte, aufgelöst. Es galt das dynamische Prinzip der Bewegung. Die Kinder konnten jederzeit und selbstständig mit den leicht verschiebbaren Tischen und tragbaren Stühlen die für sie in der Situation geeignete Lernumgebung herstellen, z.B. Gruppenarbeit oder Stillarbeit. Das war vor allem sinnvoll, wenn die Zeit des rezeptiven Aufnehmens und Memorierens von Unterrichtsinhalten beendet war und die Kinder in freier Arbeit selbstständig tätig werden sollten. Das selbstständige Lernen der Schüler beinhaltete viele pädagogische Situationen und eine Flexibilität der Gruppierungen. Außerdem war es möglich einen Stuhlkreis schnell und ohne viel Aufwand zu bilden. Nach Petersens Vorstellungen sollte in den Räumen der Schule eine Verbindung von Wohn- und Arbeitsraum erreicht werden (vgl. ebenda, S. 19).

Das Helferprinzip war aus der Lichtwark- Schule ein wichtiger Aspekt Petersens. Die Kinder sollten sich gegenseitig unterstützen und aufeinander eingehen, Kritikwürdiges im Kreis besprechen. Der Kreis sollte ein Ort der Aussprache und der Selbstregulierung der Gruppe sein (vgl. ebenda, S. 19-20).

Die Ergebnisse der Versuche führten zu der Schulform hin, die später als Jena- Plan bekannt wurde. Petersen und Wolf schrieben rückblickend über die Vorteile der Jena- Plan Schule:

„Auf unterrichtlichem Gebiete wird in solcher Arbeits- und Gemeinschaftsschule keine Kraft gehemmt, die zur Entfaltung drängt, jeder wird die Möglichkeit gegeben, sich zu betätigen… Das freie individuelle Fortschreiten des einzelnen Kindes ist gewährleistet, ferner reichster Möglichkeit gegenseitiger Belehrung, die Möglichkeit der Einzelbehandlung ist hier besser gegeben als sonst, die Entfaltung der pädagogischen und sittlichen Führereigenschaften der Kinder“ (rezitiert aus:. Dietrich, 1995, S. 69-70).

Während die vom Herbartianismus geprägte Lehrerschaft in Thüringen immer noch der „Neuen Erziehung“ Peter Petersens kritisch gegenüberstand, war die Einstellung der Lehrer in deutschen Ländern außerhalb Thüringens anders. Vor allem Lehrer aus der preußischen Provinz, aus Brandenburg sowie dem Regierungsbezirk Frankfurt/Oder waren vom neuen Schulversuch beeindruckt (vgl. Retter, 1996, S. 21).

Über den Jenaer Schulversuch berichtete Petersen auf dem IV. Kongress des „Weltbundes für Erneuerung der Erziehung“ 1927 in Locarno unter dem Thema: „Die Universitätsschule in Jena als erste freie und allgemeine Volksschule“. Dieser Bericht über die Grundsätze der „neuen Erziehung“ wurde von einigen Engländern als „Jena- Plan“ bezeichnet und ist seither unter dieser Bezeichnung in die Literatur eingegangen (vgl. Fußnote 2 und Dietrich, 1995, S. 70).

Nachdem Petersens pädagogische Forderungen vom Volksbildungsministerium in Weimar erneut abgelehnt wurden, bildete sich im Jahre 1926 der „Verein zur Förderung der Universitätsschule“, der sich aus ca. 300 interessierten Personen zusammensetzte. Hierbei handelte es sich um einen weitgehend von Eltern gebildeten Förderverein. Petersen wollte mit dessen Unterstützung versuchen, die Interessen der Universitätsschule nach außen hin mit größerem Gewicht zu vertreten (vgl. Retter, 1996, S. 22).

Im Laufe der Zeit musste Petersen sich immer wieder für seine neue Konzeption, die Jena- Plan Schule, einsetzten, die dann aber am 11. August 1950, gegen den Protest der Eltern geschlossen wurde. Frau Dr. Thorhorst, die damalige thüringische Volksbildungsministerin, sah den Jena- Plan als „einen reaktionären, politisch sehr gefährlichen Rest aus der Weimarer Republik“ an (vgl. Dietrich, 1973, S. 83).

Bereits 1949 war für Petersen ein Verbot ausgesprochen worden, das besagte, dass er keine Prüfungen für Staatsexamina mehr abhalten durfte.

„Damit war Petersens Lebenswerk, das er in 26jähriger unermüdlicher Arbeit mit seinem Herzblut geschaffen hatte, dem Namen und der Sache nach ausgelöscht – einen Schicksalsschlag, den er nicht mehr verwinden sollte“ (aus: Dietrich, 1995, S. 165 zitiert nach Döpp-Vorwald, Heinrich).

Petersen starb 1952 plötzlich und unerwartet. Doch Petersens Werk ist nicht tot.

„Seine Pädagogik bildet im Gegenteil eine Herausforderung an unsere Zeit und kann Vorbild für die humane Schule der Gegenwart sein“ (aus: Dietrich, 1995, S. 165).

2.4 Unterschiede zwischen Unterricht nach dem Jena- Plan und herkömmlichem Unterricht

Die kennzeichnenden Merkmale dieser - wie Petersen selber sagte – Lebensgemeinschaftsschule lauteten folgendermaßen: Es gab keine Klassen mehr sondern „Stammgruppen“, außerdem wurde der „Fetzen-Stundenplan“ durch einen Wochenarbeitsplan ersetzt. Daneben gab es keinen „Schüler-Parlamentarismus“ sondern eine „Schulgemeinde“, die auch von der aktiven Teilnahme der Eltern am Schulleben getragen wurde (vgl. Retter, 1996, S. 18). Es wurde hauptsächlich Gruppenunterricht erteilt und das Mindestwissen wurde in Kursen vermittelt. Die Feiern, die Petersen eingeführt hatte, sollten der Gemeinschaftsförderung dienen. Zusätzlich hatte er Änderungen bei der Bewertung vorgenommen (vgl. Dietrich, 1973, S. 48-53).

2.4.1 Stammgruppen statt Jahrgangsklassen

Der starre Klassenverband wurde aufgelöst und die Schüler wurden in Stammgruppen zusammenfasst. Die Kinder des 1. bis 3. Schuljahres befanden sich in der Regel in der Untergruppe, die Schüler des 4. bis 6. Schuljahres gehörten in die Mittelgruppe und die des (6)/7. bis 8. Schuljahres in die Obergruppe. Bei 10jähriger Schulzeit – welche Petersen für alle Kinder gefordert hatte – gehörten die Schüler des (8)/9. bis 10. Schuljahres in die Jugendlichengruppe. Im Gegensatz zu dem bekannten „Treppensystem“, welches heute noch als anerkannte Grundform der Schulorganisation angesehen wird, ist im Jena-Plan das „Prinzip des Altersstufenaufbaus“ verwirklicht. Das bedeutet, dass die Schüler, die aufgrund ihrer Entwicklung einer Altersstufe angehören, zu einer Stammgruppe zusammengefasst werden.

Diese Einteilung der Kinder nach Altersstufen basierte sich auf genauestens durchgeführten Versuchen sowie auf Erkenntnissen der Psychologie über die Altersreihe. Alle durchgeführten Untersuchungen zeigten, dass eine entwicklungs- und erziehungsmäßige Zusammengehörigkeit von rund drei Jahrgängen im Gemeinschaftsleben von Vorteil war. Es lag dem Zusammenschluss von etwa drei Jahrgängen also keineswegs Willkür zugrunde (vgl. Dietrich, 1973, S. 40).

Als Begründung für den Altersstufenaufbau zog Petersen den „Bankrott der Jahrgangsklassen“ heran. Er zeigte an Hand vieler Statistiken auf, dass im herkömmlichen System bis zu 50% der Schüler während ihrer Pflichtschulzeit ein- bis zweimal gescheitert waren. Mit dem Prinzip der Jahrgangsklassen würde das Problem des Sitzenbleibens nie ganz ausgeschaltet werden können, weil der Unterrichtsstoff, der in einem Jahr vorgeschrieben sei, nicht von allen Schülern in jedem Fach erreicht werden könne. Die Schüler könnte man aber nicht ändern. Deshalb forderte Petersen das Schulwesen und in erster Linie das Schulleben zu verändern (vgl. ebenda, S. 41).

Die Vorteile des Zusammenschlusses in Stammgruppen statt in Jahrgangsklassen lägen vor allem darin, dass ein Bildungsgefälle unter den Schüler entstehen dürfe. Das mache den Unterricht nach dem Jena– Plan erst möglich. Diese Alterspannungen seien aber nicht so groß, dass gute Arbeitsverhältnisse und ein Miteinander ausgeschlossen wären. Die Jahrgänge profitierten voneinander, sie würden sich gegenseitig wie nach dem Prinzip Lehrling, Geselle und Meister helfen (vgl. ebenda, S. 42).

2.4.2 Wochenplan statt „Fetzenstundenplan“

Der Zusammenschluss in Stammgruppen erforderte eine Umgestaltung des Wochenstundenplans, denn Schülergruppen unterschiedlichen Alters lassen sich nur schwer nach dem alten Stundenplanprinzip unterrichten. Petersen ersetzte den so genannten „Fetzenstundenplan“, bei dem sich die Fächer „unorganisch“ ablösen, durch den Wochenarbeitsplan. Der Arbeitsplan sollte sich dem Wochenarbeitsrhythmus der jungen Menschen anpassen (vgl. Dietrich, 1973, S. 42).

„Die Organisation nach Stammgruppen und der Unterricht nach einem Wochenarbeitsplan bilden sozusagen die Voraussetzungen für das neue Schulleben, das Petersen fordert. Das Kernstück bildet die Gruppenarbeit“ (aus: Dietrich, 1973, S. 42).

Die Arbeit des Wochenplans wird mit einer Gemeinschaftsveranstaltung begonnen und geschlossen. Hierzu finden sich alle Kinder und der Lehrer in einem Sitzkreis zusammen. In der Form können auch freie Unterrichtsgespräche stattfinden. Der Kreis zählte zu der beliebtesten Bildungssituation des Jena– Plans.

Die Wochenplanarbeit sollte die Dominanz der Fächer brechen und ein überfachliches Arbeiten in Projekten, Vorhaben oder thematischen Einheiten ermöglichen (vgl. ebenda, S. 42-48).

2.4.3 Gruppenunterrichtliches Verfahren neben Fachunterricht

Die Unterrichtsformen des Jena-Plans wurden vor allem von der Gruppenarbeit bestimmt. Die Gruppenarbeit wurde innerhalb der Stammgruppen durchgeführt. Dabei wählten die Schüler die Themen selber aus und setzten sich in selbst gewählten Gruppen zusammen. Zusammenarbeit sollte gegenseitige Unterstützung und Hilfe bedeuten. Diese Unterrichtsform ermöglichte das freie Arbeiten der Schüler. Jedes Kind sollte an der Erarbeitung des Themas beteiligt sein und somit herrschte ein hohes Maß an Aktivität und Selbstständigkeit. Außerdem sollte durch die gegenseitige Unterstützung auch die soziale Komponente gefördert werden. In erster Linie sollten die Schüler versuchen die Aufgaben selber durch Zusammenarbeit zu lösen. Sobald das Thema in seiner Ganzheit bearbeitet worden war, sollte es von den Gruppenmitgliedern den anderen vorgestellt werden. Betont sei aber, dass Gruppenarbeit nur einen Teil des Jena-Plans ausmachte (100 min. täglich). Der andere Teil wurde durch weitere Sozialformen, auch die des Frontalunterrichts, abgedeckt (vgl. Dietrich, 1973, S. 48-51).

2.4.4 Kurse sichern „Mindestwissen“

Um ein gewisses Potential an Mindestwissen zu vermitteln, sollte dies in verschiedenen Kursen geschehen. Die Kurse verlangten im Gegensatz zu der Gruppenarbeit, die den individuellen Arbeitsrhythmus der Schüler berücksichtigte, eine mehr oder weniger straffe Arbeitsweise. Die Kurse sorgten dafür, dass die Schüler ein gewisses Maß an Mindestwissen erhielten, das sie auch zur Bearbeitung der in Gruppenarbeit durchgeführten Aufgabenstellungen benötigten. Die Gruppenbildung erfolgte nicht wie bei den Stammgruppen nach der Reifestufe der Schüler sondern nach gleicher oder ähnlicher Begabung und Leistung. Zusätzlich zu den vorgeschriebenen Kursen bestanden auch noch Wahlkurse, die die Schüler ihren Interessen entsprechend frei wählen konnten. Das straffe und lehrgangsmäßige Arbeiten in den Kursen bot einen guten Ausgleich zu dem gruppenorientierten Lernen. Dadurch, dass Petersen solche Kurse in den Wochenarbeitsplan integrierte, wird deutlich, dass er nicht einfach die vorhandenen Lehrformen verworfen sondern überlegt hatte, wie man diese sinnvoll in die Arbeit einbringen könne (vgl. ebenda, S. 51-52).

[...]


[1] Der Begriff Schüler und Lehrer wird im Folgenden als Sammelbegriff für Schüler und Schülerinnen rsp. Lehrer und Lehrerinnen verwendet.

[2] Der Name Jena- Plan stammt von den Engländern, die den Vortrag über „Die Universitätsschule in Jena als erste freie und allgemeine Volksschule“ von Petersen 1927 in Locarno gehört hatten.

[3] (vgl. http://bildungplus.forumbildung.de/pics/b53433395168c969d6cff6a64f5b248c.jpg).

[4] Wolf war ein Assistent von Petersen. Mit ihm verfasste Petersen eine Schrift über die ersten Ergebnisse der Ideen der Jenaer Universitätsschule (vgl. Dietrich, 1973, S. 39).

Details

Seiten
112
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640120178
ISBN (Buch)
9783640187768
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88729
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,5
Schlagworte
Schuleingangsstufe Niedersachsen

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Titel: Die neue Schuleingangsstufe in Niedersachsen