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Die Staatstheorien des Niccolò Machiavelli in seinen Werken "Il Principe" und "Discorsi"

Seine Einschätzungen im historischen Kontext

Hausarbeit 2004 24 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung: Streitbare Person Niccolò Machiavelli

II. Politik, Recht und Moral bei Niccolò Machiavelli
A. Stationen in Machiavellis Leben
B. Umbruch und Zeitenwende im Italien des 15./16. Jahrhunderts
1. Einfluss des Geschlechts der Medici, Zersplitterung Italiens und Kriege der Kleinstaaten
2. Die Renaissance als Zeit der Veränderung
C. Aufbau und Systematik von Machiavellis „Il Principe“ und das Wesen der Fürstenherrschaft
1. Widmung und Schlusskapitel als Aufforderung an den regierenden Medici
2. Varianten und Eigenschaften der Fürstenherrschaften
D. Analyse des Heerwesens – Beispiel Cesare Borgia
1. Erörterung amoralischer Methoden zur Krisenbewältigung und „Machiavellismus“-Theorie
2. Erlangung des richtigen Rufes, Ruhm und Ansehen
E. Machiavellis Republikbegriff in seinem Werk „Discorsi“
1. Die verschiednen Staatsformen
2. Vorbild Rom als Mischform der Regierungssysteme
3. Die starke Republik
4. Vorzüge der Republik
5. Die Religion als Mittel zum Zweck

III. Schluss: Machiavelli als Opfer seiner Zeit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Streitbare Person Niccolò Machiavelli

Niccolò Machiavelli war in seiner Zeit und ist bis heute einer der am kontroversesten diskutierten Staatsdenker. Sein pragmatischer Blick, die unerbittliche Strenge seiner Gedanken und politischen Ausführungen und der beherzte Einsatz für sein Land haben ihn als wichtigsten politischen Denker im Italien des 15./16. Jahrhunderts berühmt aber auch berüchtigt gemacht. Machiavelli, der „Versucher, das Böse Prinzip, der Erfinder der Machtgier und Rachsucht, das Originalgenie des Meineides“, schreibt Thomas Babington Macaulay. Tatsächlich erscheint der Staatsdenker mit seinem ersten, 1513 verfassten Werk „Il Principe“ als Lobredner der Tyrannis. Seine darin enthaltenen Ratschläge zu Machtgewinn und Machterhalt provozierten den bis heute gültigen Begriff des „Machiavellismus“, der Politik ohne Moral, aber mit Skrupellosigkeit und radikalem Machtdenken versteht. Erfolg rechtfertigt Täuschung und Gewalt. Der Mensch ist ein nach Einfluss gierendes Wesen, von Grund auf gewissenlos und ohne ethische Normen. Er ist im Allgemeinen „ingrati, volubili, simulatori e dissimulatori, fuggitori de‘ pericoli, cupidi di guadagno“[1], schreibt der Autor in seinem „Il Principe“.

Wie Machiavelli neben diesem seinem negativen Menschenbild doch auch als Diener der Republik und wegbereitender politischer Denker unter positiveren Gesichtspunkten verstanden werden kann, zeigt erst die umfassende Lektüre seiner zweiten politischen Schrift, den „Discorsi“ (1521). Die Vorzüge der Republik herausstellend, erscheint Machiavelli hier in einem menschlicheren Licht. Deutlich wendet er sich von seinem selbst inszenierten „Machiavellismus“-Begriff ab, was ihm mitunter den Vorwurf des Opportunisten einbrachte. Ich möchte mit dieser Arbeit ein bisschen Klarheit in die kontroverse Persönlichkeit Machiavellis bringen, ihn weder schwarz noch weiß kontrastieren, sondern die verschiedenen Facetten seiner Gedanken darstellen.

Wichtig für das Verständnis der Gegensätzlichkeit in Machiavellis Ausführungen und Anschauungen sind dabei die historischen Vorkommnisse im Italien des 15./16. Jahrhunderts. Seine eigene Gesinnung unberücksichtigt, reagiert Machiavelli mit seinen Schriften auf die Umbrüche im Land. Als Betroffener und leidenschaftlicher Politiker dieser Zeit und aufgrund seiner Sorge um die Zukunft Florenz‘ und Italiens resultieren seine politischen Theorien aus praktischem Anlass und sind nicht, wie bei den meisten Philosophen, rein normatives Gedankengut.

„Die verschiedenen Facetten eines solchen Charakters fügen sich nur zusammen, wenn man die Bedingungen seines alltäglichen Lebens zu verstehen versucht“[2], hebt Friederike Hausmann in ihrem Werk „Machiavelli und Florenz“ hervor. Machiavellis Briefe aber auch sein Werk „Die Geschichte von Florenz“ geben einen ganz speziellen Blick auf das Leben in Italien und seine Metropole in der Renaissance. Gerade dieser historische Aspekt ist für die Auseinandersetzung mit Machiavelli und seinen Theorien so wichtig und macht sein politisches Denken, sein Geschichtsverständnis und Menschenbild erst interessant. Deshalb möchte ich zunächst auf Machiavellis Leben und das Italien im 15./16. Jahrhundert eingehen und darauf aufbauend seine Lehre von den Staatsformen erklären.

II. Politik, Recht und Moral bei Niccolò Machiavelli

A. Stationen in Machiavellis Leben

Als Niccolò Machiavelli am 3. Mai 1469 in Florenz zur Welt kommt, glänzt die Stadt in ihrer Blüte, mit ihrer großen politischen Bedeutung und ihrem herausragenden Einfluss auf Künste und Wissenschaft für ganz Italien. Wie für seine Heimatstadt, so stehen auch für Machiavelli die Zeichen gut. Seine berufliche Laufbahn beginnt, als er im Jahre 1498 ein Regierungsamt erhält. Aus einer kleinbürgerlichen florentiner Beamtenfamilie stammend, ist sein Einstieg in eine politische Karriere zunächst eher erstaunlich, aufgrund seiner humanistischen Ausbildung letztendlich aber nachvollziehbar. So wird Machiavelli mit 29 Jahren zunächst zum „Segretario della Repubblica“, zum Sekretär der zweiten Staatskanzlei von Florenz gewählt, wo er sich vor allem mit militärischen Angelegenheiten und außenpolitischen Beziehungen befasst. Die Aufgaben und Aufträge des jungen Sekretärs werden nach und nach immer mehr, bis der beherzte Politiker zum Vorsitzenden des „Dieci di Balia“, des Kriegsrat der Zehn aufsteigt. Als Sonderbotschafter der Republik Florenz ist Machiavelli von da an viel unterwegs. Insgesamt soll er für seine diplomatischen Missionen auf dreiundzwanzig Delegationen ins Ausland über 10 000 Meilen (etwa 15 000 Kilometer) geritten sein. Gesandtschaften an den französischen Hof zu König Ludwig XII., in die Romagna zu Cesare Borgia, nach Rom zu Papst Julius II. und zu Kaiser Maximilian I. bestimmen seinen Alltag – und sollten sein Denken und Handeln prägen.

So sind es gerade seine Erfahrungen in dieser Zeit, die erstmalig zentrale Themen und Fragestellungen um Macht und Freiheit bei Machiavelli aufwerfen und ihn, als Renaissancemenschen, zur Besinnung und zum Nachdenken bringen. In seinen Gesandtschaftsberichten stellt er die Probleme während seiner Reisen, seine teilweise finanziellen Umstände und die Art und Weise der Verhandlungen zu Hofe und bei den Königen und Majestäten dar. Es geht um die Planung neuer Feldzüge und Verträge. Nur allzu gut kann man sich in die damalige Zeit hineinversetzen, wenn Machiavelli – in seinen Ausführungen mitunter sehr genau - von seiner Majestät berichtet, der auf der Jagd „sein Pferd auf ihn gefallen (ist)“[3] und der Machiavelli deshalb ein wichtiges Schreiben nicht übergeben konnte.

Den Höhepunkt seiner Karriere erreicht Machiavelli 1509, als er die Oberaufsicht über die von ihm aufgestellte und konzipierte florentinische Miliz erhält und somit als militärischer Heerführer Pisa zurückerobert. Doch der Ruhm währt nicht lange. Mit der Rückkehr des Adelsgeschlechts der Medici nach Florenz wird Machiavelli 1512 durch einstimmigen Beschluss des Rates aus seinem Amt vertrieben. Die Unsicherheit und die Veränderungen im Land machen auch vor dem bis dahin erfolgreichen Politiker nicht halt. 1513 kommt er wegen des Verdachts der Verschwörung gegen die Medici sogar kurze Zeit ins Gefängnis, bevor er zuletzt endgültig aus seiner Heimatstadt Florenz verbannt wird. Voller Verbitterung beginnt er damals, seine Erfahrungen niederzuschreiben und verfasst seine Werke zur Geschichte und Politik. Erst 1524/1525 wird er für militärische Beratertätigkeiten wieder in die Dienste seiner Stadt aufgenommen, doch schon 1527 stirbt er.

B. Umbruch und Zeitenwende im Italien des 15./16. Jahrhunderts

1. Einfluss des Geschlechts der Medici, Zersplitterung Italiens und Kriege der Kleinstaaten

Das Italien des 15./16. Jahrhunderts ist ein von Umbrüchen und ständigen Veränderungen geprägtes Land. Zunächst war das Geschlecht der Medici von entscheidender Bedeutung, nicht nur für Italien, sondern auch für Niccolò Machiavelli, wie sich herausstellen wird. Im Florenz der damaligen Zeit gehörte den Medici das größte Handels- und Bankenhaus Europas. Finanzielle Förderungen und der bedeutende Einfluss zunächst von Cosimo (1434 – 1464), dann von Lorenzo (1469 – 1492) de‘ Medici festigten die Herrschaft des Adelsgeschlechts. Gleichzeitig machten sie aus Florenz ein „Weltzentrum des Geistes“[4].

Lange Zeit gab es in Italien neben Florenz noch vier Hauptmächte: Mailand, Venedig, Neapel und den Kirchenstaat. Keiner der fünf Staaten stand den anderen nach, wobei sich schon bald Florenz als kulturelles und wissenschaftliches Zentrum Italiens und sogar Europas herausbildete. Viele bedeutende Renaissancekünstler, wie Leonardo da Vinci oder Sandro Botticelli waren hier zu Hause. Michelangelo Buonarrotti schuf nach Auftrag die Grabmäler für Lorenzo und Giuliano de‘ Medici in den Jahren 1520 – 1534. Eine herausragende Entwicklung für den Humanismus stellte 1459 die Gründung der „Platonischen Akademie“ dar. Florenz war auf der Höhe seines politisch-kulturellen Glanzes.

1492 jedoch veränderte sich mit der Machtübernahme von Piero de‘ Medici die politische Situation von Grund auf. Lorenzo hatte bis dahin für Ordnung auf der Halbinsel sorgen können. Mit seinem Tode allerdings brach das italienische Staatensystem zusammen. Reinstes Chaos und der Einzug der „barbaro“[5] waren die Folge. Die unabhängigen Staaten kämpften um Macht und Überleben. Die Ereignisse überstürzten sich. Machiavelli selbst beschreibt in seiner „Geschichte von Florenz“, wie sich Familien, Geschlechter, das einfache Volk verbündeten, dann ihr Wort nicht hielten, raubten und töteten; wie Kirche und Adel Verträge schlossen, die durch Verrat und Feigheit wieder gebrochen wurden. All diese Feindschaften führt Machiavelli auf die Uneinigkeit zwischen Bürgertum und Adel zurück, „dieser will befehlen, jenes nicht gehorchen“[6]. Man lebte in einer Zeit, in der die Regeln der öffentlichen und privaten Moral alles andere als streng waren, schreibt Sarah Bradford. Falschheit und Intrigen standen auf der Tagesordnung und wurden als „notwendige Elemente des politischen Spiels“[7] angesehen. Diese Situation zu schildern erscheint mir als wichtige Voraussetzung, gerade um Machiavellis extreme und radikale Gedanken und Theorien nachvollziehen zu können.

Die politische Zersplitterung Italiens zog dauernde Kleinkriege der Staaten und Stadtstaaten untereinander nach sich – und die Auseinandersetzungen blieben nicht auf der Halbinsel. Die Isolation fürchtend, verbündete sich Florenz mit Neapel und Mailand, wandte sich dann an Frankreich. Als der französische König, Karl VIII., in Italien einmarschierte, führte das wiederum zu Zwistigkeiten mit Spanien und Österreich. Dabei standen die Heere Spaniens und Frankreichs bereits in dauernd wechselnden Bündnissen mit den fünf großen Staaten, dem Königreich Neapel, das bereits 1504 an Spanien fiel, dem Kirchenstaat, dem Herzogtum Mailand und den Republiken von Florenz und Venedig.

In ganz Europa kündigten sich tiefgreifende Veränderungen an. Die Schlachten zwischen kaiserlich-spanischen und französischen Heeren sollten den Bestand des habsburgischen Weltreichs und die Herausbildung des französischen Nationalstaates beschließen. In der Religion kam es nach und nach zur Spaltung der katholischen Christenheit. Hier zeigten sich gerade im 16. Jahrhundert besonders viele Missstände, was letztendlich auch zu der von Martin Luther initiierten Reformation führte.

In diesen turbulenten Zeiten zerfiel der italienische Staatenbund, die einzelnen Staaten bekämpften sich untereinander. Den angeworbenen Söldnerheeren eilte ihr Schrecken voraus. Sie sind „disunite, ambiziose, sanza disciplina, infedele“[8], kritisiert Machiavelli das Söldnerwesen in seinem „Il Principe“. Auch bei den Regierungsformen war zur damaligen Zeit keine klare Struktur und Ordnung zu erkennen. Wie oben schon erwähnt, gab es Staaten, wie Venedig oder Florenz, die sich zwar offiziell Republiken nannten, faktisch aber unter der Herrschaft eines einzigen Herrn standen. Es gab Fürstentümer und Herzogtümer, also Monarchien – ebenso Aristokratien, und es gab den Kirchenstaat unter der Herrschaft des jeweiligen Papstes. Außerdem rissen die Condottieri, militärische Söldnerführer, Gebiete und Herrschaften mit Gewalt an sich.

[...]


[1] „undankbar, wankelmütig, unaufrichtig, heuchlerisch, furchtsam und habgierig“, Machiavelli, Niccolò: Il Principe, 1986, S. 128, 129.

[2] Hausmann, Friederike: Machiavelli und Florenz. Eine Welt in Briefen, 2001, S. 8.

[3] Machiavelli, Niccolò: Gesandtschaftsberichte, MCMXXV, S. 71

[4] Blum, W./Rupp, M./Gawlina, M.: Politische Philosophen. 1997, S. 90.

[5] „Barbaren“, Machiavelli, Niccolò: Il Principe. 1986, S. 206, 207.

[6] Machiavelli, Niccolò: Geschichte von Florenz. 1986, S. 156.

[7] Bradford, Sarah: Cesare Borgia. 1976, S. 12.

[8] „uneinig, herrschsüchtig, undiszipliniert und treulos“, Machiavelli, Niccolò: Il Principe. 1986, S. 94, 95.

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638026079
ISBN (Buch)
9783638924993
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89201
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholls-Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Staatstheorien Niccolò Machiavelli Werken Principe Discorsi

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